23. Dudelsack-Tiidu.

Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher

gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur

Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden

--nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von

Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er

träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit

sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft

taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen.

Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die

Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen

liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein

Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es

eine Lust war anzuhören. So saß er eines Tages wieder hinter einem

Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann

des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir,

Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der

Bursche erwiderte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich

nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nöthig hätte zu arbeiten, und

unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen.« Der alte Mann lachte und

sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir

Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die

Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut

erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiten und sich Mühe

geben, sonst« -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir

diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt

mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir

kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde:

»Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das

tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du

dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten

Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du

findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.« »Aber

woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte

erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für

den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen,

auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig

noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen

Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen

ist.« Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges.

_Tiidu_ -- so hieß der Bursche -- begann über des alten Mannes Rede

nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht

geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke

einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem

Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder.

Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch

seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte,

daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die

Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.

Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher;

überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er

seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch

manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig,

bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack

kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und

breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so

taktmäßig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in

Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere

Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr

fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer

geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum

andern, oft viele Meilen weit, kommen ließ. So blies er einst auf einem

Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend

gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle

mußten einmüthig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein

geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem

andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft

durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk,

dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren ließ

ihn von Kopf zu Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen

Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder

an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere

wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber

seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn

wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der

Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker

wurde seine Geldgier. Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten,

wußten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und

Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur

hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichthum

finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen

glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über

die See brächte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele

fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen

Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf.

Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen

Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei

dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der

Fahrt zu verringern. Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen

fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers

auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des

Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und

versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm

auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er

in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als

das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck

allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band

ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe

und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn

man dir zu Hülfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden

und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe

nachgeschwommen.« Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch

mit Hülfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein

guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein

Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt,

die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen

auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den

Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das

Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist,

ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein

armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn

ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer

werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des

Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib

geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen. Als

es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und

wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm

eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von

Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So

hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld

hatte, als ihr für die Ueberfahrt verlangtet.« Des Jünglings wunderbare

Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem

himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will

dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu

trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten,

damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu

aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen

war.

Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder,

da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner für möglich gehalten.

Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und

der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so

herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in

Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der

Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen

Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe

nachgeschwommen wäre. Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser

Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr

gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden

Küste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem

eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Noth eine

Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte. Es wurde ihm mehr

als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete,

als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst

zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt

gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er

am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.

Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem

Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für

zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das Alles ordentlich zu

betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich

in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto

kläglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unerträglicher war es

ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man

ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das

Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -- Seinen

Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen:

wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! --

So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach

einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer

Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand

er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade

einen Küchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von

Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der That größer war, als man

sich vorstellen konnte. Alle Geräthe für's tägliche Leben, die bei uns

zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden,

waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die

Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in

goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die

Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln. Man kann

sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er

führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüth

hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was

hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze

nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum

reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns

ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn

nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.

Er hatte schon ein Paar Jahre als Küchenjunge im Dienst gestanden, und

ein gut Stück Geld zurückgelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch

erhöht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, daß er sich keinen

neuen Anzug besorgen mochte, doch mußte er es thun auf Geheiß des Herrn,

der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr

dann einen großen Kindtaufschmaus gab, ließ er allen seinen Dienern auf

seine Kosten schöne Anzüge machen. Den ersten Sonntag nach dieser

Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur

Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die

Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den

fremden Leuten gewandelt war, von denen er Niemand kannte, und Niemand

ihn, traf sein Blick zufällig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt

vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann

früher gesehen habe. Während er sein Gedächtniß noch anstrengte, verlor

sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewühl. Tiidu strich hin und her,

und spähte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend

sah er seinen Mann unter einer mächtigen Linde allein auf einer

Rasenbank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten

sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen würde,

ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht? Ein paar Mal hustete Tiidu, aber

der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen

Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete näher --dachte Tiidu -- und

wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir

einander kennen oder nicht. Sachte vorwärts gehend, hielt er den Blick

scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf

und es war klar, daß er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging

auf Tiidu zu und reichte ihm zum Gruße die Hand, dann fragte er: »Wo

hast du deinen Dudelsack gelassen?« Da erst überzeugte sich Tiidu, daß

der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm früher empfohlen hatte,

Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge

heraus an einen abgelegenen Ort, und erzählte ihm seine bisherigen

Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schüttelte wiederholt den Kopf

und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: »Ein Thor bist du

und ein Thor bleibst du! Was war das für ein verrückter Einfall, daß du

den Dudelsack aufgabst und Küchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack

hättest du hier in einem Tage mehr verdienen können, als durch deinen

Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her

und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, daß ich die Wahrheit

gesagt habe.« Tiidu sträubte sich freilich, weil er das Gespötte der

stolzen Leute fürchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das

Spielen verlernt. Aber der Alte ließ nicht ab, sondern setzte dem Tiidu

so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der

Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit

dem Dudelsack wieder kam, sagte er: »Setze dich neben mich auf die

Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich

die Leute um uns her versammeln werden.« Tiidu that es, wenn auch mit

Widerstreben -- aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wäre

heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte

er dem Instrumente einen so schönen Ton entlocken können. Bald sammelte

sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schönen Spiele.

Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertönten die Weisen des

Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehört hatten, nahm der Alte

seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben für den Spieler

einzusammeln. Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine

Silbermünzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes

Goldstück in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schöne

Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den

dichten Haufen schritt, hörte er vielfach sagen: »Kunstreicher Meister!

komm nächsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen!« --Als sie an's Thor

gekommen waren, sagte der Alte: »Nun, was meinst du, ist die heutige

Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Handthierung eines

Küchenjungen? -- Zum zweitenmale habe ich dir den Weg gezeigt, packe

nun, wie ein vernünftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hörnern, damit das

Glück dir nicht wieder entschlüpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier

länger dein Führer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle

darnach. Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter

die Linde und blase, daß die Leute sich ergötzen. Kaufe dir aber einen

Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Füßen hin, damit die

Hörer ihre Spenden hineinlegen können. Ruft man dich zu einem Feste, um

den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern

versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.

Du wirst so von den reichen Bürgern mehr erhalten, als du selbst gewagt

hättest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, daß irgend ein

Filz dir zu wenig giebt, so wird es dir durch die reichere Gabe der

Uebrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vortheil, daß Niemand

dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hüte dich vor dem Geiz! --

Vielleicht treffen wir künftig noch einmal wieder zusammen, dann werde

ich ja hören, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Für dies Mal Gott

befohlen!« So schieden sie von einander.

Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zählte und

fand, daß ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als

sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte

Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er

erst einen Stellvertreter schaffen mußte. Nach einigen Tagen fand er

einen solchen und wurde entlassen. Dann ließ er sich schöne farbige

Kleider machen, band einen Gürtel mit silberner Schnalle um die Hüften,

und ging den nächsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den

Dudelsack zu blasen. Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden,

als das erste Mal, denn das Gerücht von dem geschickten Dudelsackpfeifer

hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wünschte ihn zu hören.

Als er am Abend sein Geld zählte, fand er fast doppelt so viel als am

ersten Sonntage. Ebenso günstig war ihm das Glück fast jeden Sonntag, so

daß er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof miethen

konnte. An den Abenden, wo die Bürger den Gasthof besuchten, wurde der

geschickte Meister oft gebeten, die Gäste durch seinen Dudelsack zu

ergötzen, wofür er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirth,

und sodann noch von den Gästen. Als der Wirth später sah, wie der

Künstler jeden Abend immer mehr Gäste in's Haus zog, gab er ihm Kost und

Wohnung frei. Gegen den Frühling ließ Tiidu an seinen Dudelsack silberne

Röhren machen, die von innen und von außen vergoldet waren, so daß sie

in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen

auch die Städter wieder zu ihrer Erholung in's Freie, und Sonntag für

Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichthum anwachsen. Da kam

einstmals auch der König, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen,

und hörte schon von fern das schöne Dudelsackspiel. Der König ließ den

Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als

die andern Großen das sahen, ließen sie einer nach dem andern den

Dudelsackpfeifer in ihre Häuser kommen, wo er ihnen vorspielen mußte.

Tiidu beobachtete pünktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie

einen Lohn ausbedang, sondern Jedem überließ, nach Gutbefinden zu geben,

und es fand sich, daß er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu

fordern gewagt hätte.

Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen

Manne geworden, und beschloß nun, in seine Heimath zurückzukehren, um

sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke

des Königs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermögen

beträchtlich vergrößert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr

gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu

kriechen, sondern war reich genug, um für sich allein ein Schiff zu

miethen, das ihn mit allen seinen Schätzen in's Vaterland führen sollte.

Er hatte sich, wie das im Lande Kungla üblich war, viele goldene und

silberne Geräthe gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord

gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit baarem Gelde angefüllt.

Zuletzt bestieg der Herr dieser Schätze selbst das Schiff, und dieses

segelte ab. Ein günstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See,

wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren. Zur Nacht aber drehte sich der

Wind und trieb das Schiff gegen Süden. Von Stunde zu Stunde wuchs die

Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Curs mehr

halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes

waren, nach deren Willen es sich bewegen mußte. Als das Schiff einen Tag

und zwei Nächte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte

der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken. Die Böte

wurden in's Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen möchten

-- allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf

eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen

saß, und das feuchte Bett umschloß die Männer. Zum Glück schwamm nicht

weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich

mit Hülfe derselben auf der Oberfläche zu halten. Als darauf der Wind

sich legte und das Wetter sich aufklärte, sah er das Ufer, das gar nicht

weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das

Ufer zu erreichen, fand aber, daß es viel weiter entfernt war, als es

den Anschein gehabt hatte. Auch hätte ihn die eigene Kraft nicht mehr

an's Ziel gebracht, nur mit Hülfe der Brandung, die ihn vorwärts

schleuderte, erreichte er endlich die Küste. Ganz erschöpft, mehr todt

als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein. Wie lange

sein Schlaf gedauert hatte, darüber konnte er sich keine Rechenschaft

geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann

ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn

wunderbar gestärkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflößt habe.

Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich

allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, daß die Ankunft des

Alten nur ein Traum gewesen war. Doch hatte der Schlaf ihn wieder so

weit gestärkt, daß er sich ohne Mühe erheben und eine Wanderung antreten

konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am

Ufer entlang, und spähte nach einem Fußsteige oder sonst einer Spur, die

zu Menschen leiten könnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von

Fußstapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so

friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Füße von Menschen oder

Thieren darüber hin geschritten wären. Was jetzt beginnen? Er mochte

überlegen, soviel er wollte, er wußte nichts Besseres, als der Nase nach

weiter zu gehen, in der Hoffnung, daß ein glücklicher Zufall ihn einen

Weg finden lasse, der zu Menschen führe. Eine halbe Meile weiter fand er

schöne üppige Laubwälder, aber die Bäume hatten alle ein fremdartiges

Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder

Fußtritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang,

desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer

schwieriger. Er setzte sich nieder, um seinen müden Beinen Ruhe zu

gönnen. Da wurde ihm plötzlich das Herz schwer, Wehmuth überfiel ihn und

bittre Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe unrecht gethan

ohne Wissen und Willen der Eltern von zu Hause fortzulaufen, die

Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen.

»Wenn ich hier unter wilden Thieren umkomme,« -- schluchzte er -- »so

wird mir der gebührende Lohn für meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der

in's Meer sank, würde ich nicht bedauern -- wie gewonnen, so zerronnen!

wenn mir nur der Dudelsack geblieben wäre, womit ich mein trauerndes

Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern könnte!« Als er

weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohlbekannten

Laube, und durch das Laub schimmerten große rothe Aepfel, welche seine

Eßlust reizten. Er eilte hin und -- welch' ein Glück! noch nie hatte er

schmackhafteres Obst gekostet. Er aß sich satt und legte sich dann unter

den Apfelbaum zur Ruhe, indem er dachte: wenn es hier viele solche

Apfelbäume giebt, so ist mir vor Hunger nicht bange. Als er erwachte,

verzehrte er noch einige Aepfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen

voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu

gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so daß

die Nacht hereinbrach, ohne daß freies Feld oder Menschenspuren

sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief,

als ob er auf den schönsten Kissen läge. Am andern Morgen frühstückte er

einige Aepfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen,

bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel

mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle

entsprang, ergoß sein klares frisches Wasser über die Lichtung. Als

Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufällig im Wasser sein

Bild, was ihn dermaßen erschreckte, daß er einige Schritte zurücksprang

und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub. Aber auch Beherztere als

er wären hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm

nämlich, daß seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah

und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand bestätigte, was das Auge

gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter

die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Thier todt geschlagen

hätten. War es nun das Gefühl der Angst, was die Nase zusehends wachsen

ließ, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus -- genug es war dem

Eigenthümer der Nase so gräulich zu Muthe, als ob sie immer länger und

länger würde, so daß er keinen Schritt thun konnte, ohne zu fürchten,

seine Nase würde an die Beine stoßen. Er setzte sich nieder und beklagte

sein Unglück bitterlich: »O wenn nur jetzt Niemand käme, und mich so

fände! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so

abscheulichen Nase zeigen.« Hätte er jetzt schon gewußt, was er später

erfuhr, daß diese Waldinsel unbewohnt war, so hätte er sich darüber

trösten können. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglück verdroß, desto

dicker schwoll seine Nase an, und desto bläulicher wurde sie, wie bei

einem zornigen Puterhahn. Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr

schöne Nüsse, und es gelüstet ihn, sich damit zu laben; er pflückt eine

Handvoll, beißt eine Nuß auf und findet einen süßen Kern in der Schale.

Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß

die scheußliche Länge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit

erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natürlichen

Stelle, ja noch etwas höher über dem Munde, als sie vorher stand. Jetzt

löste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den

wunderbaren Vorfall näher zu ergründen, um zu erfahren, was denn

eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe.

Sollten es die schönen Aepfel gewesen sein -- fragte er sich in

Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen.

Sowie er ein Stück gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser

deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Länge dehnt.

Spaßes halber ißt er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase

spannenlang; dann nimmt er einige Nußkerne, zerkaut und verschluckt sie,

und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr

natürliches Maaß zurückgegangen ist. Jetzt wußte der Mann, woran er war.

Er denkt: was ich für ein großes Unglück hielt, kann mir vielleicht noch

Glück bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflückt

eine Tasche voll Nüsse und eilt, in seine eigenen Fußstapfen tretend,

zurück, um den Baum mit den nasenvergrößernden Aepfeln aufzusuchen. Da

hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst

zurückgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mühe wieder. Er schälte

nun erst einige junge Bäume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb,

den er dann mit Aepfeln füllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach,

wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten.

Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, daß der wohlbekannte Alte

ihm aus seinem Fäßchen zu trinken gab und ihm den Rath ertheilte, auf

demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurückzugehen, wo er

gewiß Hülfe finden würde. Zuletzt hatte der Alte gesagt: »Weil du deinen

in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen

Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren.« Am Morgen

erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermöchte seine Freude und

sein Glück zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheißenen Dudelsack

neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann

nach Herzenslust zu blasen, daß der Wald davon wiederhallte. Nachdem er

sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Füße und schlug die

Richtung nach der See ein.

Es war schon etwas über Mittag, als er die Küste erreichte, in deren

Nähe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben

Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die

sie für unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer

ließ ein Boot herunter, und schickte mit demselben zwei Männer an's

Ufer. Tiidu erzählte ihnen sein Unglück, wie das Schiff untergegangen

sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet

habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land

Kungla zurückzubringen, wohin das Schiff bestimmt war. Unterwegs

erfreute Tiidu den Schiffer und das Schifssvolk durch sein schönes

Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Küste von Land Kungla erreicht.

Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlöst hatte, und

versprach, das Ueberfahrtsgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm

wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Königs Stadt

angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend öffentlich, und nahm

dafür so viel Geld ein, daß er sich neue Kleider nach ausländischem

Schnitt machen lassen konnte. Darauf that er einige rothe Aepfel in ein

Körbchen und ging mit seiner Waare an das Thor des Königshauses, wo er

sie am leichtesten los zu werden hoffte. Es dauerte auch nicht gar

lange, so kam ein königlicher Diener, kaufte die schönen Aepfel,

bezahlte mehr als gefordert war, und hieß den Verkäufer am nächsten Tage

wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der

Tasche hätte, und dachte nicht daran, mit seiner Waare wiederzukommen,

denn er wußte ja recht gut, daß der Genuß der Aepfel ein Wachsen der

Nasen hervorbringen würde. Er ließ sich dann noch an demselben Tage

einen andern Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart,

den er sich an's Kinn klebte; dadurch veränderte er sein Aussehen

dermaßen, daß selbst seine nächsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt

hätten. Daraus nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt

seine Wohnung und nannte sich einen ausländischen Zauberkünstler, der

alle Gebrechen zu heilen wisse.

Am andern Tage war die ganze Stadt voll Bestürzung über das Unglück,

welches sich im Hause des Königs zugetragen hatte. Der König, seine

Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Aepfel genossen, die man von

einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach Alle erkrankt. Worin ihre

Krankheit bestand, das wurde nicht verrathen. Alle Doctoren, Aerzte und

Zauberkünstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte

helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen

hatten. Später verlautete über die Krankheit, es sei ein Nasenübel. Als

eines Tages alle Aerzte und Zauberkünstler zur Berathung versammelt

waren, hielten einige es für nothwendig, die überflüssige Verlängerung

der Nasen wegzuschneiden; aber der König und seine Familie wollten sich

einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, daß bei

einem Gastwirth in der Vorstadt ein ausländischer Zauberkünstler sich

aufhalte, der alle Gebrechen heilen könne. Der König schickte sogleich

seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und ließ den

Zauberkünstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte über die halbe Nacht

daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut

gelungen, daß weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem

Aepfelverkäufer eine Spur nachgeblieben war. Auch seine Ausdrucksweise

war so gebrochen, daß er Manches erst mit den Fingern andeuten mußte,

ehe die Andern daraus klug wurden. Als er zum Könige kam, besah er das

seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne

Schneiden zu curiren. Dem Könige und seiner Gemahlin waren die Nasen

schon über eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter.

Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nüssen in eine kleine

Dose gethan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete

an, daß die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfügten, wo sie sich

zu Bette legen und in Kissen hüllen mußten, damit starker Schweiß

erfolge, und den Krankheitsstoff zum Körper heraustreibe. Als sie nach

einigen Stunden wieder an's Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen

wieder.

Der König hätte in seiner Freude gern die Hälfte seines Königreiches für

diese Cur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der greulichen

Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Noth, welche

Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier

schwächer geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte um sich

ein Gut zu kaufen, auf welchem er seine Lebenstage friedlich zu

beendigen wünschte. Der König ließ ihm jedoch eine dreimal größere Summe

auszahlen, mit welcher Tiidu zum Hafen eilte und ein Schiff bestieg, das

ihn in seine Heimath zurückbringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er

seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit

anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wüsten Insel gerettet

hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm für die Ueberfahrt

schuldete. Nachdem er an seiner heimischen Küste gelandet war, begab er

sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brüder und

drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brüder waren

gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis

er das Gut gekauft hatte. Dann ließ er ein prächtiges Gastmahl

anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich

zu erkennen und sagte: »Ich bin _Tiidu_, euer fauler Sohn und Bruder, der

zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich

heimlich davon lief. Mein Glück war mir holder als ich selbst, und darum

komme ich jetzt als reicher Mann zurück. Jetzt müsset ihr Alle kommen

und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater muß bis an seinen Tod in

meinem Hause bleiben.« -- Später freite er ein tugendsames Mädchen, das

nichts weiter besaß, als ein hübsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er

am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach

betrat, fand er große Kisten und Kasten vor demselben, welche alle seine

in's Meer gesunkenen Schätze enthielten. In einem der Kasten lag ein

Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: »Einem guten Sohne, der für

Eltern und Verwandte sorgt, giebt auch die Meerestiefe den geraubten

Schatz heraus.« Wer aber der zauberkräftige Alte gewesen, der ihn auf

den Weg des Glückes geführt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und

Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte: das hat er niemals erfahren.

Ob gegenwärtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen Jemand lebt, ist

mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen,

dann sind es gewiß so feine Herrschaften, daß bei ihnen weder

bäuerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.

[Fußnote 85: S. die Anm. 2. zu 8, »Schlaukopf«, S. 102. L]

Ehstnische Märchen · 第 52 / 69 题