Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher
gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur
Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden
--nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von
Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er
träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit
sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft
taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen.
Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die
Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen
liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein
Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es
eine Lust war anzuhören. So saß er eines Tages wieder hinter einem
Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann
des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir,
Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der
Bursche erwiderte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich
nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nöthig hätte zu arbeiten, und
unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen.« Der alte Mann lachte und
sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir
Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die
Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut
erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiten und sich Mühe
geben, sonst« -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir
diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt
mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir
kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde:
»Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das
tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du
dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten
Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du
findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.« »Aber
woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte
erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für
den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen,
auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig
noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen
Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen
ist.« Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges.
_Tiidu_ -- so hieß der Bursche -- begann über des alten Mannes Rede
nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht
geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke
einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem
Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder.
Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch
seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte,
daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die
Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.
Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher;
überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er
seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch
manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig,
bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack
kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und
breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so
taktmäßig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in
Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere
Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr
fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer
geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum
andern, oft viele Meilen weit, kommen ließ. So blies er einst auf einem
Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend
gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle
mußten einmüthig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein
geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem
andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft
durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk,
dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren ließ
ihn von Kopf zu Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen
Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder
an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere
wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber
seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn
wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der
Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker
wurde seine Geldgier. Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten,
wußten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und
Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur
hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichthum
finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen
glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über
die See brächte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele
fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen
Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf.
Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen
Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei
dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der
Fahrt zu verringern. Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen
fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers
auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des
Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und
versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm
auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er
in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als
das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck
allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band
ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe
und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn
man dir zu Hülfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden
und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe
nachgeschwommen.« Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch
mit Hülfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein
guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein
Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt,
die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen
auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den
Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das
Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist,
ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein
armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn
ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer
werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des
Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib
geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen. Als
es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und
wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm
eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von
Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So
hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld
hatte, als ihr für die Ueberfahrt verlangtet.« Des Jünglings wunderbare
Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem
himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will
dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu
trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten,
damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu
aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen
war.
Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder,
da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner für möglich gehalten.
Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und
der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so
herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in
Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der
Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen
Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe
nachgeschwommen wäre. Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser
Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr
gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden
Küste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem
eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Noth eine
Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte. Es wurde ihm mehr
als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete,
als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst
zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt
gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er
am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.
Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem
Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für
zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das Alles ordentlich zu
betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich
in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto
kläglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unerträglicher war es
ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man
ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das
Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -- Seinen
Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen:
wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! --
So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach
einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer
Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand
er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade
einen Küchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von
Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der That größer war, als man
sich vorstellen konnte. Alle Geräthe für's tägliche Leben, die bei uns
zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden,
waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die
Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in
goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die
Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln. Man kann
sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er
führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüth
hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was
hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze
nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum
reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns
ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn
nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.
Er hatte schon ein Paar Jahre als Küchenjunge im Dienst gestanden, und
ein gut Stück Geld zurückgelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch
erhöht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, daß er sich keinen
neuen Anzug besorgen mochte, doch mußte er es thun auf Geheiß des Herrn,
der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr
dann einen großen Kindtaufschmaus gab, ließ er allen seinen Dienern auf
seine Kosten schöne Anzüge machen. Den ersten Sonntag nach dieser
Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur
Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die
Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den
fremden Leuten gewandelt war, von denen er Niemand kannte, und Niemand
ihn, traf sein Blick zufällig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt
vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann
früher gesehen habe. Während er sein Gedächtniß noch anstrengte, verlor
sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewühl. Tiidu strich hin und her,
und spähte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend
sah er seinen Mann unter einer mächtigen Linde allein auf einer
Rasenbank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten
sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen würde,
ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht? Ein paar Mal hustete Tiidu, aber
der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen
Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete näher --dachte Tiidu -- und
wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir
einander kennen oder nicht. Sachte vorwärts gehend, hielt er den Blick
scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf
und es war klar, daß er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging
auf Tiidu zu und reichte ihm zum Gruße die Hand, dann fragte er: »Wo
hast du deinen Dudelsack gelassen?« Da erst überzeugte sich Tiidu, daß
der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm früher empfohlen hatte,
Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge
heraus an einen abgelegenen Ort, und erzählte ihm seine bisherigen
Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schüttelte wiederholt den Kopf
und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: »Ein Thor bist du
und ein Thor bleibst du! Was war das für ein verrückter Einfall, daß du
den Dudelsack aufgabst und Küchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack
hättest du hier in einem Tage mehr verdienen können, als durch deinen
Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her
und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, daß ich die Wahrheit
gesagt habe.« Tiidu sträubte sich freilich, weil er das Gespötte der
stolzen Leute fürchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das
Spielen verlernt. Aber der Alte ließ nicht ab, sondern setzte dem Tiidu
so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der
Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit
dem Dudelsack wieder kam, sagte er: »Setze dich neben mich auf die
Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich
die Leute um uns her versammeln werden.« Tiidu that es, wenn auch mit
Widerstreben -- aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wäre
heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte
er dem Instrumente einen so schönen Ton entlocken können. Bald sammelte
sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schönen Spiele.
Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertönten die Weisen des
Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehört hatten, nahm der Alte
seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben für den Spieler
einzusammeln. Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine
Silbermünzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes
Goldstück in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schöne
Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den
dichten Haufen schritt, hörte er vielfach sagen: »Kunstreicher Meister!
komm nächsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen!« --Als sie an's Thor
gekommen waren, sagte der Alte: »Nun, was meinst du, ist die heutige
Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Handthierung eines
Küchenjungen? -- Zum zweitenmale habe ich dir den Weg gezeigt, packe
nun, wie ein vernünftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hörnern, damit das
Glück dir nicht wieder entschlüpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier
länger dein Führer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle
darnach. Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter
die Linde und blase, daß die Leute sich ergötzen. Kaufe dir aber einen
Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Füßen hin, damit die
Hörer ihre Spenden hineinlegen können. Ruft man dich zu einem Feste, um
den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern
versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.
Du wirst so von den reichen Bürgern mehr erhalten, als du selbst gewagt
hättest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, daß irgend ein
Filz dir zu wenig giebt, so wird es dir durch die reichere Gabe der
Uebrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vortheil, daß Niemand
dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hüte dich vor dem Geiz! --
Vielleicht treffen wir künftig noch einmal wieder zusammen, dann werde
ich ja hören, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Für dies Mal Gott
befohlen!« So schieden sie von einander.
Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zählte und
fand, daß ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als
sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte
Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er
erst einen Stellvertreter schaffen mußte. Nach einigen Tagen fand er
einen solchen und wurde entlassen. Dann ließ er sich schöne farbige
Kleider machen, band einen Gürtel mit silberner Schnalle um die Hüften,
und ging den nächsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den
Dudelsack zu blasen. Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden,
als das erste Mal, denn das Gerücht von dem geschickten Dudelsackpfeifer
hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wünschte ihn zu hören.
Als er am Abend sein Geld zählte, fand er fast doppelt so viel als am
ersten Sonntage. Ebenso günstig war ihm das Glück fast jeden Sonntag, so
daß er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof miethen
konnte. An den Abenden, wo die Bürger den Gasthof besuchten, wurde der
geschickte Meister oft gebeten, die Gäste durch seinen Dudelsack zu
ergötzen, wofür er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirth,
und sodann noch von den Gästen. Als der Wirth später sah, wie der
Künstler jeden Abend immer mehr Gäste in's Haus zog, gab er ihm Kost und
Wohnung frei. Gegen den Frühling ließ Tiidu an seinen Dudelsack silberne
Röhren machen, die von innen und von außen vergoldet waren, so daß sie
in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen
auch die Städter wieder zu ihrer Erholung in's Freie, und Sonntag für
Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichthum anwachsen. Da kam
einstmals auch der König, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen,
und hörte schon von fern das schöne Dudelsackspiel. Der König ließ den
Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als
die andern Großen das sahen, ließen sie einer nach dem andern den
Dudelsackpfeifer in ihre Häuser kommen, wo er ihnen vorspielen mußte.
Tiidu beobachtete pünktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie
einen Lohn ausbedang, sondern Jedem überließ, nach Gutbefinden zu geben,
und es fand sich, daß er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu
fordern gewagt hätte.
Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen
Manne geworden, und beschloß nun, in seine Heimath zurückzukehren, um
sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke
des Königs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermögen
beträchtlich vergrößert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr
gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu
kriechen, sondern war reich genug, um für sich allein ein Schiff zu
miethen, das ihn mit allen seinen Schätzen in's Vaterland führen sollte.
Er hatte sich, wie das im Lande Kungla üblich war, viele goldene und
silberne Geräthe gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord
gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit baarem Gelde angefüllt.
Zuletzt bestieg der Herr dieser Schätze selbst das Schiff, und dieses
segelte ab. Ein günstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See,
wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren. Zur Nacht aber drehte sich der
Wind und trieb das Schiff gegen Süden. Von Stunde zu Stunde wuchs die
Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Curs mehr
halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes
waren, nach deren Willen es sich bewegen mußte. Als das Schiff einen Tag
und zwei Nächte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte
der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken. Die Böte
wurden in's Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen möchten
-- allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf
eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen
saß, und das feuchte Bett umschloß die Männer. Zum Glück schwamm nicht
weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich
mit Hülfe derselben auf der Oberfläche zu halten. Als darauf der Wind
sich legte und das Wetter sich aufklärte, sah er das Ufer, das gar nicht
weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das
Ufer zu erreichen, fand aber, daß es viel weiter entfernt war, als es
den Anschein gehabt hatte. Auch hätte ihn die eigene Kraft nicht mehr
an's Ziel gebracht, nur mit Hülfe der Brandung, die ihn vorwärts
schleuderte, erreichte er endlich die Küste. Ganz erschöpft, mehr todt
als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein. Wie lange
sein Schlaf gedauert hatte, darüber konnte er sich keine Rechenschaft
geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann
ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn
wunderbar gestärkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflößt habe.
Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich
allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, daß die Ankunft des
Alten nur ein Traum gewesen war. Doch hatte der Schlaf ihn wieder so
weit gestärkt, daß er sich ohne Mühe erheben und eine Wanderung antreten
konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am
Ufer entlang, und spähte nach einem Fußsteige oder sonst einer Spur, die
zu Menschen leiten könnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von
Fußstapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so
friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Füße von Menschen oder
Thieren darüber hin geschritten wären. Was jetzt beginnen? Er mochte
überlegen, soviel er wollte, er wußte nichts Besseres, als der Nase nach
weiter zu gehen, in der Hoffnung, daß ein glücklicher Zufall ihn einen
Weg finden lasse, der zu Menschen führe. Eine halbe Meile weiter fand er
schöne üppige Laubwälder, aber die Bäume hatten alle ein fremdartiges
Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder
Fußtritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang,
desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer
schwieriger. Er setzte sich nieder, um seinen müden Beinen Ruhe zu
gönnen. Da wurde ihm plötzlich das Herz schwer, Wehmuth überfiel ihn und
bittre Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe unrecht gethan
ohne Wissen und Willen der Eltern von zu Hause fortzulaufen, die
Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen.
»Wenn ich hier unter wilden Thieren umkomme,« -- schluchzte er -- »so
wird mir der gebührende Lohn für meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der
in's Meer sank, würde ich nicht bedauern -- wie gewonnen, so zerronnen!
wenn mir nur der Dudelsack geblieben wäre, womit ich mein trauerndes
Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern könnte!« Als er
weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohlbekannten
Laube, und durch das Laub schimmerten große rothe Aepfel, welche seine
Eßlust reizten. Er eilte hin und -- welch' ein Glück! noch nie hatte er
schmackhafteres Obst gekostet. Er aß sich satt und legte sich dann unter
den Apfelbaum zur Ruhe, indem er dachte: wenn es hier viele solche
Apfelbäume giebt, so ist mir vor Hunger nicht bange. Als er erwachte,
verzehrte er noch einige Aepfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen
voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu
gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so daß
die Nacht hereinbrach, ohne daß freies Feld oder Menschenspuren
sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief,
als ob er auf den schönsten Kissen läge. Am andern Morgen frühstückte er
einige Aepfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen,
bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel
mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle
entsprang, ergoß sein klares frisches Wasser über die Lichtung. Als
Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufällig im Wasser sein
Bild, was ihn dermaßen erschreckte, daß er einige Schritte zurücksprang
und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub. Aber auch Beherztere als
er wären hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm
nämlich, daß seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah
und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand bestätigte, was das Auge
gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter
die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Thier todt geschlagen
hätten. War es nun das Gefühl der Angst, was die Nase zusehends wachsen
ließ, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus -- genug es war dem
Eigenthümer der Nase so gräulich zu Muthe, als ob sie immer länger und
länger würde, so daß er keinen Schritt thun konnte, ohne zu fürchten,
seine Nase würde an die Beine stoßen. Er setzte sich nieder und beklagte
sein Unglück bitterlich: »O wenn nur jetzt Niemand käme, und mich so
fände! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so
abscheulichen Nase zeigen.« Hätte er jetzt schon gewußt, was er später
erfuhr, daß diese Waldinsel unbewohnt war, so hätte er sich darüber
trösten können. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglück verdroß, desto
dicker schwoll seine Nase an, und desto bläulicher wurde sie, wie bei
einem zornigen Puterhahn. Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr
schöne Nüsse, und es gelüstet ihn, sich damit zu laben; er pflückt eine
Handvoll, beißt eine Nuß auf und findet einen süßen Kern in der Schale.
Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß
die scheußliche Länge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit
erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natürlichen
Stelle, ja noch etwas höher über dem Munde, als sie vorher stand. Jetzt
löste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den
wunderbaren Vorfall näher zu ergründen, um zu erfahren, was denn
eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe.
Sollten es die schönen Aepfel gewesen sein -- fragte er sich in
Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen.
Sowie er ein Stück gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser
deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Länge dehnt.
Spaßes halber ißt er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase
spannenlang; dann nimmt er einige Nußkerne, zerkaut und verschluckt sie,
und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr
natürliches Maaß zurückgegangen ist. Jetzt wußte der Mann, woran er war.
Er denkt: was ich für ein großes Unglück hielt, kann mir vielleicht noch
Glück bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflückt
eine Tasche voll Nüsse und eilt, in seine eigenen Fußstapfen tretend,
zurück, um den Baum mit den nasenvergrößernden Aepfeln aufzusuchen. Da
hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst
zurückgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mühe wieder. Er schälte
nun erst einige junge Bäume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb,
den er dann mit Aepfeln füllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach,
wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten.
Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, daß der wohlbekannte Alte
ihm aus seinem Fäßchen zu trinken gab und ihm den Rath ertheilte, auf
demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurückzugehen, wo er
gewiß Hülfe finden würde. Zuletzt hatte der Alte gesagt: »Weil du deinen
in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen
Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren.« Am Morgen
erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermöchte seine Freude und
sein Glück zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheißenen Dudelsack
neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann
nach Herzenslust zu blasen, daß der Wald davon wiederhallte. Nachdem er
sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Füße und schlug die
Richtung nach der See ein.
Es war schon etwas über Mittag, als er die Küste erreichte, in deren
Nähe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben
Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die
sie für unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer
ließ ein Boot herunter, und schickte mit demselben zwei Männer an's
Ufer. Tiidu erzählte ihnen sein Unglück, wie das Schiff untergegangen
sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet
habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land
Kungla zurückzubringen, wohin das Schiff bestimmt war. Unterwegs
erfreute Tiidu den Schiffer und das Schifssvolk durch sein schönes
Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Küste von Land Kungla erreicht.
Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlöst hatte, und
versprach, das Ueberfahrtsgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm
wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Königs Stadt
angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend öffentlich, und nahm
dafür so viel Geld ein, daß er sich neue Kleider nach ausländischem
Schnitt machen lassen konnte. Darauf that er einige rothe Aepfel in ein
Körbchen und ging mit seiner Waare an das Thor des Königshauses, wo er
sie am leichtesten los zu werden hoffte. Es dauerte auch nicht gar
lange, so kam ein königlicher Diener, kaufte die schönen Aepfel,
bezahlte mehr als gefordert war, und hieß den Verkäufer am nächsten Tage
wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der
Tasche hätte, und dachte nicht daran, mit seiner Waare wiederzukommen,
denn er wußte ja recht gut, daß der Genuß der Aepfel ein Wachsen der
Nasen hervorbringen würde. Er ließ sich dann noch an demselben Tage
einen andern Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart,
den er sich an's Kinn klebte; dadurch veränderte er sein Aussehen
dermaßen, daß selbst seine nächsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt
hätten. Daraus nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt
seine Wohnung und nannte sich einen ausländischen Zauberkünstler, der
alle Gebrechen zu heilen wisse.
Am andern Tage war die ganze Stadt voll Bestürzung über das Unglück,
welches sich im Hause des Königs zugetragen hatte. Der König, seine
Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Aepfel genossen, die man von
einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach Alle erkrankt. Worin ihre
Krankheit bestand, das wurde nicht verrathen. Alle Doctoren, Aerzte und
Zauberkünstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte
helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen
hatten. Später verlautete über die Krankheit, es sei ein Nasenübel. Als
eines Tages alle Aerzte und Zauberkünstler zur Berathung versammelt
waren, hielten einige es für nothwendig, die überflüssige Verlängerung
der Nasen wegzuschneiden; aber der König und seine Familie wollten sich
einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, daß bei
einem Gastwirth in der Vorstadt ein ausländischer Zauberkünstler sich
aufhalte, der alle Gebrechen heilen könne. Der König schickte sogleich
seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und ließ den
Zauberkünstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte über die halbe Nacht
daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut
gelungen, daß weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem
Aepfelverkäufer eine Spur nachgeblieben war. Auch seine Ausdrucksweise
war so gebrochen, daß er Manches erst mit den Fingern andeuten mußte,
ehe die Andern daraus klug wurden. Als er zum Könige kam, besah er das
seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne
Schneiden zu curiren. Dem Könige und seiner Gemahlin waren die Nasen
schon über eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter.
Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nüssen in eine kleine
Dose gethan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete
an, daß die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfügten, wo sie sich
zu Bette legen und in Kissen hüllen mußten, damit starker Schweiß
erfolge, und den Krankheitsstoff zum Körper heraustreibe. Als sie nach
einigen Stunden wieder an's Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen
wieder.
Der König hätte in seiner Freude gern die Hälfte seines Königreiches für
diese Cur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der greulichen
Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Noth, welche
Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier
schwächer geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte um sich
ein Gut zu kaufen, auf welchem er seine Lebenstage friedlich zu
beendigen wünschte. Der König ließ ihm jedoch eine dreimal größere Summe
auszahlen, mit welcher Tiidu zum Hafen eilte und ein Schiff bestieg, das
ihn in seine Heimath zurückbringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er
seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit
anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wüsten Insel gerettet
hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm für die Ueberfahrt
schuldete. Nachdem er an seiner heimischen Küste gelandet war, begab er
sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brüder und
drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brüder waren
gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis
er das Gut gekauft hatte. Dann ließ er ein prächtiges Gastmahl
anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich
zu erkennen und sagte: »Ich bin _Tiidu_, euer fauler Sohn und Bruder, der
zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich
heimlich davon lief. Mein Glück war mir holder als ich selbst, und darum
komme ich jetzt als reicher Mann zurück. Jetzt müsset ihr Alle kommen
und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater muß bis an seinen Tod in
meinem Hause bleiben.« -- Später freite er ein tugendsames Mädchen, das
nichts weiter besaß, als ein hübsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er
am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach
betrat, fand er große Kisten und Kasten vor demselben, welche alle seine
in's Meer gesunkenen Schätze enthielten. In einem der Kasten lag ein
Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: »Einem guten Sohne, der für
Eltern und Verwandte sorgt, giebt auch die Meerestiefe den geraubten
Schatz heraus.« Wer aber der zauberkräftige Alte gewesen, der ihn auf
den Weg des Glückes geführt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und
Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte: das hat er niemals erfahren.
Ob gegenwärtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen Jemand lebt, ist
mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen,
dann sind es gewiß so feine Herrschaften, daß bei ihnen weder
bäuerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.
[Fußnote 85: S. die Anm. 2. zu 8, »Schlaukopf«, S. 102. L]