Es war einmal ein König, der seine Unterthanen milde und liebreich
regierte, so daß Niemand im Königreiche war, der ihn nicht gesegnet, und
den himmlischen Vater um die Verlängerung seiner Lebenstage angefleht
hätte.
Der König lebte schon manches Jahr in glücklicher Ehe, aber kein Kind
war den Ehegatten geschenkt worden. Groß war daher seine und sämmtlicher
Unterthanen Freude, als die Königin ein Söhnlein zur Welt brachte, aber
die Mutter sollte dieses Glück nicht lange genießen. Drei Tage nach des
Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen für immer -- der Sohn war Waise,
und der König Wittwer. Schweren Kummer empfand der König über den Tod
seiner theuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Unterthanen; man sah
nirgends mehr ein fröhliches Antlitz. Zwar nahm der König, auf Andringen
seiner Unterthanen, drei Jahre später eine andere Gemahlin, aber bei der
neuen Wahl war ihm das Glück nicht wieder günstig: ein Täubchen hatte er
begraben, und einen Habicht dafür bekommen; es geht leider vielen
Wittwern so. Die junge Frau war ein böses, hartherziges Weib, das weder
dem Könige noch den Unterthanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen
Königin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mußte, die
Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Unterthanen um
seiner hingeschiedenen Mutter willen liebten. Die tückische Königin
faßte darum den bösen Vorsatz, das Knäblein heimlich an einen Ort zu
schaffen, wo der König es nicht wiederfinden könne; es umzubringen, dazu
hatte sie nicht den Muth. Ein nichtswürdiges altes Weib half für gute
Bezahlung der Königin die böse That auszuführen. Bei nächtlicher Weile
wurde das Kind dem gottlosen Weibe überliefert, und von diesem auf
Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegkind
übergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und
hüllte es in Lumpen, damit Niemand den Betrug merke. Der Königin hatte
sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen,
wohin der Königssohn geschafft worden. Am Tage wagte die Kindesdiebin
nicht zu wandern, weil sie Verfolgung fürchtete; darum dauerte es lange,
bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte für das
königliche Kind eignete. In ein einsames Waldgehöft, das fremder
Menschen Fuß selten betreten hatte, wurde der gestohlene Königssohn als
Pflegling gethan, und der Wirth erhielt für das Aufziehen des Kindes die
Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glück für den Königssohn, daß er zu
guten Menschen gekommen war, die für ihn sorgten, als wäre er ihr
leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spaß, besonders
wenn er sich einen Königssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen
Bezahlung, die sie erhalten hatten, daß das Knäblein kein rechtmäßiger
Sprößling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft
sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, daß sie
für wahr gehalten hätten, wessen das Kind in seinem einfältigen Sinne
sich rühmte.
Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Schrecken im Hause des
Königs war an dem Morgen, wo man entdeckte, daß das Söhnchen in der
Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, daß Niemand es
gehört hatte, und daß nicht die leiseste Spur des Diebes zurückgeblieben
war. Der König weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im
Andenken an dessen Mutter um so zärtlicher liebte, je weniger er mit
seiner neuen Gemahlin glücklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch
aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf
die Spur zu kommen, auch wurde Jedem eine große Belohnung verheißen, der
irgend eine Auskunft darüber geben könnte, aber Alles blieb vergeblich,
das Knäblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimniß
aufklären, und Manche glaubten, das Kind sei durch einen bösen Geist
oder durch Hexerei entführt. In das einsame Waldgehöft, wo der
Königssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und
ebensowenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -- Während nun
der Königssohn daheim als Todter beweint wurde, wuchs er im stillen
Walde auf und gedieh fröhlich, bis er in das Alter trat, daß er schon
Geschäfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an
den Tag, so daß seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen mußten, daß
hier das Ei viel klüger sei als die Henne.
Der Königssohn hatte schon über zehn Jahre in dem Waldgehöfte gelebt,
als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine
Pflegeeltern um Erlaubniß, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen,
indem er sagte: »Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure
Hülfe zu ernähren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr
lang.« Die Pflegeeltern sträubten sich anfangs sehr dagegen, mußten aber
endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfüllen. Der
Wirth ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle für
ihn ausfindig zu machen. In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden
Bauerwirth, der einen Hüterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn
gerade einen solchen Dienst wünschte, so wurde man bald einig. Der
Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrücklich bedungen, daß
es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu
verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren. Ebenso konnte der
Wirth, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf
des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern. Das
Dorf, wo der Königssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer
großen Landstraße, auf welcher täglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe
wie Niedere. Der königliche Hüterknabe saß häufig dicht an der
Landstraße, und unterhielt sich mit den Vorübergehenden, von denen er
Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah
es eines Tages, daß ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weißen
Barte des Weges kam, als der Königssohn auf einem Steine sitzend die
Maultrommel schlug; die Thiere grasten indeß, und wenn eines derselben
sich zu weit von den übrigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund
es zurück. Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde,
trat dann einige Schritte näher und sagte: »Du scheinst mir nicht zum
Hüterknaben geboren zu sein.« Der Knabe erwiederte: »Mag sein, ich weiß
nur soviel, daß ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das
Geschäft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierfüßlern gut, so
versuche ich weiterhin mein Glück auch wohl mit den Zweifüßlern.« Der
Alte schüttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege. Ein
anderes Mal fuhr eine prächtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer
mit zwei Kindern saß: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein
Lakai. Der Königssohn hatte gerade ein Körbchen mit frischgepflückten
Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen
fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und
rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: »Du Rotzlöffel! bring die
Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weißbrot dafür geben!« Der
königliche Hüterknabe that, als ob er nichts hörte, und auch nicht
glaubte, daß ihm der Befehl gelte, so daß die Frau ein zweites und ein
drittes Mal rufen mußte, was aber auch nur in den Wind gesprochen war.
Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: »Geh und ohrfeige diesen
Rotzlöffel, damit er gehorcht.« Der Lakai stürzte hin, um den
erhaltenen Befehl auszuführen. Noch ehe er ankam, war der Hüterknabe
aufgesprungen, hatte einen tüchtigen Knüppel ergriffen, und schrie dem
Lakai zu: »Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelüstet, so thue
keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht!« Der Lakai
ging zurück, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig:
»Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlöffel von Jungen fürchten? Geh
und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin,
und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser
zu erziehen verstanden.« -- »Hoho!« rief der Hüterknabe, der den Befehl
gehört hatte, »so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll
Niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmäßiges Eigenthum ist. Ich
stampfe Jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will!« So
sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knüppel um den Kopf,
daß es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust,
die Sache zu probiren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen
davon, versichernd, daß sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen
werde. Andere Hüterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen
und angehört hatten, erzählten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da
geriethen Alle in Furcht, daß man auch ihnen zu nahe thun könnte, wenn
die vornehme Frau sich vor Gericht über die thörichte Widerspenstigkeit
des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung käme. Den Königssohn
schalt sein Wirth und sagte: »Ich werde nicht für dich sprechen; was du
dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen.« Der Königssohn
erwiederte: »Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache.
Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund
gesetzt, ich kann selber für mich sprechen, wenn es noth thut, und werde
euch nicht bitten, mein Fürsprecher zu sein. Hätte die Frau auf
geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich hätte sie ihr gegeben, aber
wie durfte sie mich Rotzlöffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben
so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.«
Die Frau war in die Stadt des Königs gefahren, wo sie nichts Eiligeres
zu thun hatte, als sich bei Gericht über das unverschämte Benehmen des
Hüterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesäumt zur Untersuchung,
und es wurde Befehl gegeben, das Bürschlein sammt seinem Wirthe vor's
Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener in's Dorf kamen, um den
Befehl auszuführen, sagte der Königssohn: »Mein Wirth hat mit dieser
Sache nichts zu schaffen; was ich gethan habe, das muß ich auch
verantworten.« Jetzt wollte man ihm die Hände auf den Rücken binden, und
ihn als Gefangenen vor Gericht führen, aber er zog ein scharfes Messer
aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurück, richtete die Spitze
des Messers auf sein Herz, und rief aus: »Lebend soll mich Niemand
binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoße ich mir das Messer in's Herz!
Meinen Leichnam mögt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt;
so lange ich noch Athem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder
eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft
geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortführen.« Seine Kühnheit
setzte die Gerichtsdiener dermaßen in Schrecken, daß sie nicht wagten,
ihm nahe zu kommen; sie fürchteten, es möchte ihnen zur Last fallen,
wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrächte. Und da er ihnen
gutwillig folgen wollte, so mußten sie sich zufrieden geben. Unterwegs
wunderten sich die Gerichtsdiener täglich mehr über den Verstand und die
Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wußte in allen Dingen besser
Bescheid als sie selber. Noch viel größer war die Verwunderung der
Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben
vernahmen; er sprach so klar und bündig, daß man ihm Recht geben und ihn
von aller Schuld frei sprechen mußte. Auch der König, an den sich die
vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache
auseinander setzen ließ, mußte den Richtern beistimmen, und den Burschen
straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie
geberdete sich wie eine Katze, die wüthend auf einen Hund schnaubt, so
ein Rotzlöffel von Bauerjungen sollte ihr gegenüber Recht behalten! Sie
klagte ihre Noth der Königin, von der sie wußte, daß sie ungleich härter
war als der König. »Mein Gemahl,« sagte die Königin, »ist eine alte
Nachtmütze, und seine Richter sind all' zusammen Schafsköpfe! Schade,
daß ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir
kamt; ich hätte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben.
Jetzt, da die Sache durchs Gericht entschieden und vom Könige bestätigt
ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache öffentlich eine bessere
Wendung zu geben, aber wir müssen sehen, wie wir ohne Aufsehen über den
Burschen eine Züchtigung verhängen können.« Da fiel es der Frau zur
rechten Zeit ein, daß auf ihrem Gebiete eine sehr böse Bauerwirthin
angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der
Wirth selber zu, daß es bei ihnen ärger hergehe als in der Hölle. Wenn
man das naseweise Bürschlein auf diesen Hof als Hüterknaben geben
könnte, so würde ihm das gewiß eine schwerere Züchtigung sein, als
irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen könnte. »Ich will die Sache
gleich so einrichten, wie ihr wünscht,« sagte die Königin, ließ einen
zuverlässigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu thun habe. Hätte
ihre Seele geahndet, daß der Hüterknabe der von ihr verstoßene
Königssohn sei, so hätte sie ihn ohne weiteres tödten lassen, ohne sich
um König oder Richterspruch zu kümmern.
Der Bauerwirth hatte kaum den Befehl der Königin erhalten, als er auch
den Hüterknaben seines Dienstes entließ. Er dankte seinem Glücke, daß er
noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Königin Diener führte
nun den Burschen selber auf den Bauerhof, auf welchen sie ihn wider
seinen Willen verdungen hatte. Die tückische Wirthin jauchzte auf vor
Freude, daß die Königin ihr einen Hüterknaben geschafft, und ihr
zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das
Bürschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte
des neuen Mühlsteins Härte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise
mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das höllische Weib inne werden, daß
ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinüber zu kommen, sintemal
das Bürschlein einen gar zähen Sinn hatte, und kein Haar breit von
seinem Rechte vergab. Wenn ihm die Wirthin ohne Grund ein böses Wort
gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurück; wenn sie die Hand
gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein
Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: »Wage es
nicht, einen Schritt näher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht
entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei!« Solche Reden hatte die
Hausfrau in ihrem Leben noch von Niemanden, am wenigsten aber von ihren
Knechten gehört; der Wirth aber freute sich im Stillen, wenn er ihren
Hader mit anhörte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe
seine Pflicht nicht versäumte. Die Wirthin suchte nun den Hüterknaben
durch Hunger zu zähmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe
nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von
der Kuh, so daß sein Magen kein Nagen des Hungers verspürte. Je weniger
die Wirthin mit dem Hüterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte
sie ihr Müthchen am Manne und dem Gesinde zu kühlen. Als der Königssohn
sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den andern war, einige
Wochen lang mit angesehen hatte, beschloß er, der Wirthin alle ihre
Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, daß die Welt den
Drachen gänzlich los würde. Um seinen Vorsatz auszuführen, fing er ein
Dutzend Wölfe ein, und sperrte sie in eine Höhle, wo er ihnen alle Tage
ein Thier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer
vermöchte der Wirthin Wuth zu beschreiben, als sie ihr Eigenthum dahin
schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stück Vieh weniger
nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und
antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: »Die Wölfe haben's
zerrissen!« Die Wirthin schrie wie eine Rasende, und drohte, das
Bürschlein den wilden Thieren zum Fraß vorzuwerfen, aber der Knabe
entgegnete lachend: »Da wird ihnen dein wüthiges Fleisch besser munden!«
Darauf ließ er seine Wölfe in der Höhle drei Tage lang ohne Futter,
trieb dann in der Nacht, als Alles schlief, die Herde aus dem Stalle und
statt derselben die zwölf Wölfe hinein, worauf er die Thür fest
verschloß, so daß die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache
soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der
Hirtendienst schon längst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft
genug in sich fühlte, um größere Arbeiten zu unternehmen.
O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirthin in den
Stall ging, um die Thiere herauszulassen und die Kühe zu melken. Die vom
Hunger wüthend gewordenen Wölfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder
und verschlangen sie sammt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so daß
nichts weiter von ihr übrig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden
taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder
Wirth noch Gesinde betrübten sich über dieses Unglück, vielmehr war
Jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Höllenweibe befreit hatte.
Der Königssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies
bald jenes Gewerbe versucht, er hielt aber an keinem Orte lange aus,
weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Träume
vorschwebten, stets daran mahnten, daß er durch seine Geburt einem
höheren Stande angehöre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten
Manne zusammen, der ihn schon damals in's Auge gefaßt hatte, als er noch
Hüterknabe war. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei
einem Gärtner in Dienst, um die Gärtnerei zu erlernen. Gerade zu der
Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben
sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Königin geraubt und
als Pflegkind in das Waldgehöft gebracht hatte, beichtete auf ihrem
Todbette dem Geistlichen den von ihr verübten Frevel, denn ihre unter
der Last der Sünde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die
böse That aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauerhof, auf welchen
sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darüber sagen, ob
das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte
sich eilig auf, dem Könige die Freudenbotschaft zu bringen, daß eine
Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der König verrieth
Niemanden, was er erfahren, ließ augenblicklich ein Pferd satteln und
machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg. Nach einigen Tagen
erreichten sie das Waldgehöft; Wirth und Wirthin bekannten der Wahrheit
gemäß, daß ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind männlichen
Geschlechts als Pflegling übergeben worden, und daß sie gleichzeitig
hundert Rubel für das Aufziehen desselben erhalten hatten. Daraus hatten
sie freilich gleich geschlossen, daß das Kind von vornehmer Geburt sein
könne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, daß das Kind von
königlichem Geblüte sei, vielmehr hätten sie immer nur ihren Spaß daran
gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Königssohn genannt hätte. Darauf
führte der Wirth selbst den König in das Dorf, wohin er den Knaben als
Hirtenjungen gebracht hatte, wiewohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern
auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht länger hatte
leben mögen. Wie erschrack der Wirth, und noch mehr der König, als sich
in dem Dorfe der Knabe, der zum Jüngling herangewachsen sein mußte,
nicht fand, und man auch keine nähere Auskunft über ihn erhalten konnte.
Die Leute wußten nur soviel zu sagen, daß der Knabe auf die Klage einer
vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und
losgelassen worden sei. Später aber sei ein Diener der Königin
erschienen, der den Knaben fortgeführt und in einem andern Gebiete in
Dienst gegeben habe. Der König eilte dahin, und fand auch das Gesinde,
in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er
entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehört. Wie sollte man
jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten
Weg zu weisen?
Während der König noch voller Kümmerniß war, daß sich hier alle Spuren
verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin -- derselbe, der schon mehrere
Mal mit dem Königssohne zusammen getroffen war -- und sagte, er sei
einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe
ihn anfangs als Hirten und später in mancherlei anderen Handthierungen
gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der König
sicherte dem Alten reiche Belohnung, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes
bringen könne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hieß
den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwärts kamen. Dieser aber
sagte lächelnd: »So viel wie eure Pferde laufen können, leisten meine
Beine auch noch; sie haben ein größeres Stück Welt durchwandert, als
irgend ein Pferd.« Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Königssohne
auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhofe, wo er,
wie oben erzählt, die Gärtnerei erlernte. Grenzenlos war des Königs
Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als
todt beweint hatte. Freudenthränen rannen von seinen Wangen, als er den
Sohn umarmte, ihn an seine Brust drückte und küßte. Doch sollte er aus
des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des
Wiederfindens schmälerte und ihn in neue Betrübniß versetzte. Der
Gärtner hatte eine junge blühende Tochter, welche scheuer war als alle
Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein
Engel. Diesem Mädchen hatte der Königssohn sein Herz geschenkt, und er
gestand seinem Vater ganz offen, daß er nie eine Dame von edlerer
Herkunft freien, sondern die Gärtnerstochter zu seiner Gemahlin machen
wolle, sollte er auch sein Königreich aufgeben müssen. »Komm nur erst
nach Hause,« sagte der König, »dann wollen wir die Sache schon in
Ordnung bringen.« Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren
goldenen Ring aus, steckte ihn vor Aller Augen der Jungfrau an den
Finger und sagte: »Mit diesem Ringe verlobe ich mich dir, und über kurz
oder lang komme ich wieder, um als Bräutigam dich heim zu führen.« Der
König aber sagte: »Nein, nicht so --auf andere Weise soll die Sache vor
sich gehen!« -- zog den Ring wieder vom Finger des Mädchens und hieb
ihn mit seinem Schwerte in zwei Stücke. Die eine Hälfte gab er seinem
Sohne, die andere der Gärtnerstochter, und sagte: »Hat Gott euch für
einander geschaffen, so werden die beiden Hälften des Ringes zu rechter
Zeit von selbst ineinander schmelzen, so daß kein Auge die Stellen wird
entdecken können, wo der Ring durchgehauen war. Jetzt bewahre Jeder von
euch seine Hälfte, bis die Zeit erfüllt sein wird.«
Die Königin wollte vor Wuth bersten, als ihr Stiefsohn, den sie für
immer verschollen glaubte, plötzlich zurück kehrte, und zwar als
rechtmäßiger Thronerbe, da dem Könige aus seiner zweiten Ehe nur zwei
Töchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Königs Augen sich
geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum König erhoben. Wiewohl ihm die
Stiefmutter schweres Unrecht zugefügt hatte, wollte er doch nicht Böses
mit Bösem vergelten, sondern überließ die Strafe dem Gerichte Gottes. Da
nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Töchter
vermittelst eines Schwiegersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte
sie wenigstens eine fürstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem
Könige vermählen, aber dieser entgegnete kurz: »Ich will nicht! ich habe
meine Braut längst gewählt.« Als die verwittwete Königin dann erfuhr,
daß der junge König ein Mädchen von niederer Herkunft zu freien gedenke,
stachelte sie die höchsten Räthe des Reichs auf, sich einmüthig dagegen
zu stemmen. Aber der König blieb fest und gab nicht nach. Nachdem man
lange hin und her gestritten hatte, gab der König schließlich den
Bescheid: »Wir wollen ein großes Fest geben und dazu alle Königstöchter
und die andern vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und
wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwählte Braut an
Schönheit und Züchten übertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber
nicht der Fall, so wird meine erwählte auch meine Gemahlin.«
Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet,
welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die
Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der
Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit
ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung
allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glücksloos
zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer
hatte der junge König Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am
letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räthe des
Reichs wieder vor dem Könige und sagten --auf Eingebung der
Königin-Wittwe -- wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen
habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wünschten,
daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem
Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklären.«
Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlässigen Diener
zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und
hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Königs
Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem
Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück
bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren
Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen
aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in
weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold
war an ihr zu finden, während alle Andern von Kopf bis zu Fuß in Sammet
und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere
rümpften unwillig die Nase, der König aber that, als bemerkte er es
nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die
verwittwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich
zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier
versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.« Die verwittwete Königin rief
zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der
bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt
die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber
nicht zur Gemahlin eines Königs eignet -- eine solche Bauerdirne kann
den Thron eines Königs nur verunehren!« Diese Worte weckten des Königs
Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann thun, was ich
will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand in's
Gedächtniß zurückriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert,
wer mich in diesen Stand verstoßen. Indeß, da kein vernünftiger Mensch
die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen
deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden
können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel
vom Himmel.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald
darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her
kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht
hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf
viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster
Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier
anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die
würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.« Der Zauberer nahm eine Flasche
mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales
zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar
Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fußes einschliefen. O
über das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man
sie sämmtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt
hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Thiere
erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Baren, Kröten, Schweine,
Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt.
Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher
Rosenstock gewachsen, der mit Blüthen bedeckt war, und auf dessen
Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte
Gärtnerstochter. Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer
Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende
Schale blenden!« Die Königin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was
konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der
Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe
erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die
aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem
halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er
seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche;
augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß
oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des
Schwertes den Ring einst getrennt hatte. »Jetzt ist auch meines
heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge
König, und ließ sich noch an demselben Abend mit der Gärtnerstochter
trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die
fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während
ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um
so größer war der Unterthanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von
Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.
Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages
sämmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche
Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe
wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und
der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das
Glück seinem früheren Stande zurückgegeben. Sämmtliche Richter
erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am
Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die
verwittwete Königin vor Gericht!« Die Königin-Wittwe wurde gerufen und
das gefällte Urtheil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich
wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie
und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und
hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen
wäre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich
durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist
eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um
vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis
über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein
Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch
wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines
heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele
rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«
Als die verwittwete Königin fortgebracht war, ließ der junge König in
der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das
eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs
geschenkt wurde, der den hülflosen Königssohn liebevoll aufgezogen
hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus
niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an
ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre
Kinder.