22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs.

Es war einmal ein König, der seine Unterthanen milde und liebreich

regierte, so daß Niemand im Königreiche war, der ihn nicht gesegnet, und

den himmlischen Vater um die Verlängerung seiner Lebenstage angefleht

hätte.

Der König lebte schon manches Jahr in glücklicher Ehe, aber kein Kind

war den Ehegatten geschenkt worden. Groß war daher seine und sämmtlicher

Unterthanen Freude, als die Königin ein Söhnlein zur Welt brachte, aber

die Mutter sollte dieses Glück nicht lange genießen. Drei Tage nach des

Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen für immer -- der Sohn war Waise,

und der König Wittwer. Schweren Kummer empfand der König über den Tod

seiner theuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Unterthanen; man sah

nirgends mehr ein fröhliches Antlitz. Zwar nahm der König, auf Andringen

seiner Unterthanen, drei Jahre später eine andere Gemahlin, aber bei der

neuen Wahl war ihm das Glück nicht wieder günstig: ein Täubchen hatte er

begraben, und einen Habicht dafür bekommen; es geht leider vielen

Wittwern so. Die junge Frau war ein böses, hartherziges Weib, das weder

dem Könige noch den Unterthanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen

Königin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mußte, die

Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Unterthanen um

seiner hingeschiedenen Mutter willen liebten. Die tückische Königin

faßte darum den bösen Vorsatz, das Knäblein heimlich an einen Ort zu

schaffen, wo der König es nicht wiederfinden könne; es umzubringen, dazu

hatte sie nicht den Muth. Ein nichtswürdiges altes Weib half für gute

Bezahlung der Königin die böse That auszuführen. Bei nächtlicher Weile

wurde das Kind dem gottlosen Weibe überliefert, und von diesem auf

Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegkind

übergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und

hüllte es in Lumpen, damit Niemand den Betrug merke. Der Königin hatte

sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen,

wohin der Königssohn geschafft worden. Am Tage wagte die Kindesdiebin

nicht zu wandern, weil sie Verfolgung fürchtete; darum dauerte es lange,

bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte für das

königliche Kind eignete. In ein einsames Waldgehöft, das fremder

Menschen Fuß selten betreten hatte, wurde der gestohlene Königssohn als

Pflegling gethan, und der Wirth erhielt für das Aufziehen des Kindes die

Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glück für den Königssohn, daß er zu

guten Menschen gekommen war, die für ihn sorgten, als wäre er ihr

leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spaß, besonders

wenn er sich einen Königssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen

Bezahlung, die sie erhalten hatten, daß das Knäblein kein rechtmäßiger

Sprößling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft

sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, daß sie

für wahr gehalten hätten, wessen das Kind in seinem einfältigen Sinne

sich rühmte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Schrecken im Hause des

Königs war an dem Morgen, wo man entdeckte, daß das Söhnchen in der

Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, daß Niemand es

gehört hatte, und daß nicht die leiseste Spur des Diebes zurückgeblieben

war. Der König weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im

Andenken an dessen Mutter um so zärtlicher liebte, je weniger er mit

seiner neuen Gemahlin glücklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch

aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf

die Spur zu kommen, auch wurde Jedem eine große Belohnung verheißen, der

irgend eine Auskunft darüber geben könnte, aber Alles blieb vergeblich,

das Knäblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimniß

aufklären, und Manche glaubten, das Kind sei durch einen bösen Geist

oder durch Hexerei entführt. In das einsame Waldgehöft, wo der

Königssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und

ebensowenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -- Während nun

der Königssohn daheim als Todter beweint wurde, wuchs er im stillen

Walde auf und gedieh fröhlich, bis er in das Alter trat, daß er schon

Geschäfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an

den Tag, so daß seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen mußten, daß

hier das Ei viel klüger sei als die Henne.

Der Königssohn hatte schon über zehn Jahre in dem Waldgehöfte gelebt,

als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine

Pflegeeltern um Erlaubniß, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen,

indem er sagte: »Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure

Hülfe zu ernähren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr

lang.« Die Pflegeeltern sträubten sich anfangs sehr dagegen, mußten aber

endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfüllen. Der

Wirth ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle für

ihn ausfindig zu machen. In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden

Bauerwirth, der einen Hüterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn

gerade einen solchen Dienst wünschte, so wurde man bald einig. Der

Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrücklich bedungen, daß

es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu

verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren. Ebenso konnte der

Wirth, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf

des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern. Das

Dorf, wo der Königssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer

großen Landstraße, auf welcher täglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe

wie Niedere. Der königliche Hüterknabe saß häufig dicht an der

Landstraße, und unterhielt sich mit den Vorübergehenden, von denen er

Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah

es eines Tages, daß ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weißen

Barte des Weges kam, als der Königssohn auf einem Steine sitzend die

Maultrommel schlug; die Thiere grasten indeß, und wenn eines derselben

sich zu weit von den übrigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund

es zurück. Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde,

trat dann einige Schritte näher und sagte: »Du scheinst mir nicht zum

Hüterknaben geboren zu sein.« Der Knabe erwiederte: »Mag sein, ich weiß

nur soviel, daß ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das

Geschäft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierfüßlern gut, so

versuche ich weiterhin mein Glück auch wohl mit den Zweifüßlern.« Der

Alte schüttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege. Ein

anderes Mal fuhr eine prächtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer

mit zwei Kindern saß: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein

Lakai. Der Königssohn hatte gerade ein Körbchen mit frischgepflückten

Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen

fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und

rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: »Du Rotzlöffel! bring die

Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weißbrot dafür geben!« Der

königliche Hüterknabe that, als ob er nichts hörte, und auch nicht

glaubte, daß ihm der Befehl gelte, so daß die Frau ein zweites und ein

drittes Mal rufen mußte, was aber auch nur in den Wind gesprochen war.

Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: »Geh und ohrfeige diesen

Rotzlöffel, damit er gehorcht.« Der Lakai stürzte hin, um den

erhaltenen Befehl auszuführen. Noch ehe er ankam, war der Hüterknabe

aufgesprungen, hatte einen tüchtigen Knüppel ergriffen, und schrie dem

Lakai zu: »Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelüstet, so thue

keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht!« Der Lakai

ging zurück, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig:

»Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlöffel von Jungen fürchten? Geh

und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin,

und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser

zu erziehen verstanden.« -- »Hoho!« rief der Hüterknabe, der den Befehl

gehört hatte, »so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll

Niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmäßiges Eigenthum ist. Ich

stampfe Jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will!« So

sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knüppel um den Kopf,

daß es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust,

die Sache zu probiren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen

davon, versichernd, daß sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen

werde. Andere Hüterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen

und angehört hatten, erzählten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da

geriethen Alle in Furcht, daß man auch ihnen zu nahe thun könnte, wenn

die vornehme Frau sich vor Gericht über die thörichte Widerspenstigkeit

des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung käme. Den Königssohn

schalt sein Wirth und sagte: »Ich werde nicht für dich sprechen; was du

dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen.« Der Königssohn

erwiederte: »Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache.

Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund

gesetzt, ich kann selber für mich sprechen, wenn es noth thut, und werde

euch nicht bitten, mein Fürsprecher zu sein. Hätte die Frau auf

geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich hätte sie ihr gegeben, aber

wie durfte sie mich Rotzlöffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben

so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.«

Die Frau war in die Stadt des Königs gefahren, wo sie nichts Eiligeres

zu thun hatte, als sich bei Gericht über das unverschämte Benehmen des

Hüterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesäumt zur Untersuchung,

und es wurde Befehl gegeben, das Bürschlein sammt seinem Wirthe vor's

Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener in's Dorf kamen, um den

Befehl auszuführen, sagte der Königssohn: »Mein Wirth hat mit dieser

Sache nichts zu schaffen; was ich gethan habe, das muß ich auch

verantworten.« Jetzt wollte man ihm die Hände auf den Rücken binden, und

ihn als Gefangenen vor Gericht führen, aber er zog ein scharfes Messer

aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurück, richtete die Spitze

des Messers auf sein Herz, und rief aus: »Lebend soll mich Niemand

binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoße ich mir das Messer in's Herz!

Meinen Leichnam mögt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt;

so lange ich noch Athem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder

eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft

geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortführen.« Seine Kühnheit

setzte die Gerichtsdiener dermaßen in Schrecken, daß sie nicht wagten,

ihm nahe zu kommen; sie fürchteten, es möchte ihnen zur Last fallen,

wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrächte. Und da er ihnen

gutwillig folgen wollte, so mußten sie sich zufrieden geben. Unterwegs

wunderten sich die Gerichtsdiener täglich mehr über den Verstand und die

Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wußte in allen Dingen besser

Bescheid als sie selber. Noch viel größer war die Verwunderung der

Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben

vernahmen; er sprach so klar und bündig, daß man ihm Recht geben und ihn

von aller Schuld frei sprechen mußte. Auch der König, an den sich die

vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache

auseinander setzen ließ, mußte den Richtern beistimmen, und den Burschen

straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie

geberdete sich wie eine Katze, die wüthend auf einen Hund schnaubt, so

ein Rotzlöffel von Bauerjungen sollte ihr gegenüber Recht behalten! Sie

klagte ihre Noth der Königin, von der sie wußte, daß sie ungleich härter

war als der König. »Mein Gemahl,« sagte die Königin, »ist eine alte

Nachtmütze, und seine Richter sind all' zusammen Schafsköpfe! Schade,

daß ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir

kamt; ich hätte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben.

Jetzt, da die Sache durchs Gericht entschieden und vom Könige bestätigt

ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache öffentlich eine bessere

Wendung zu geben, aber wir müssen sehen, wie wir ohne Aufsehen über den

Burschen eine Züchtigung verhängen können.« Da fiel es der Frau zur

rechten Zeit ein, daß auf ihrem Gebiete eine sehr böse Bauerwirthin

angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der

Wirth selber zu, daß es bei ihnen ärger hergehe als in der Hölle. Wenn

man das naseweise Bürschlein auf diesen Hof als Hüterknaben geben

könnte, so würde ihm das gewiß eine schwerere Züchtigung sein, als

irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen könnte. »Ich will die Sache

gleich so einrichten, wie ihr wünscht,« sagte die Königin, ließ einen

zuverlässigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu thun habe. Hätte

ihre Seele geahndet, daß der Hüterknabe der von ihr verstoßene

Königssohn sei, so hätte sie ihn ohne weiteres tödten lassen, ohne sich

um König oder Richterspruch zu kümmern.

Der Bauerwirth hatte kaum den Befehl der Königin erhalten, als er auch

den Hüterknaben seines Dienstes entließ. Er dankte seinem Glücke, daß er

noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Königin Diener führte

nun den Burschen selber auf den Bauerhof, auf welchen sie ihn wider

seinen Willen verdungen hatte. Die tückische Wirthin jauchzte auf vor

Freude, daß die Königin ihr einen Hüterknaben geschafft, und ihr

zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das

Bürschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte

des neuen Mühlsteins Härte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise

mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das höllische Weib inne werden, daß

ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinüber zu kommen, sintemal

das Bürschlein einen gar zähen Sinn hatte, und kein Haar breit von

seinem Rechte vergab. Wenn ihm die Wirthin ohne Grund ein böses Wort

gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurück; wenn sie die Hand

gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein

Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: »Wage es

nicht, einen Schritt näher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht

entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei!« Solche Reden hatte die

Hausfrau in ihrem Leben noch von Niemanden, am wenigsten aber von ihren

Knechten gehört; der Wirth aber freute sich im Stillen, wenn er ihren

Hader mit anhörte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe

seine Pflicht nicht versäumte. Die Wirthin suchte nun den Hüterknaben

durch Hunger zu zähmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe

nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von

der Kuh, so daß sein Magen kein Nagen des Hungers verspürte. Je weniger

die Wirthin mit dem Hüterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte

sie ihr Müthchen am Manne und dem Gesinde zu kühlen. Als der Königssohn

sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den andern war, einige

Wochen lang mit angesehen hatte, beschloß er, der Wirthin alle ihre

Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, daß die Welt den

Drachen gänzlich los würde. Um seinen Vorsatz auszuführen, fing er ein

Dutzend Wölfe ein, und sperrte sie in eine Höhle, wo er ihnen alle Tage

ein Thier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer

vermöchte der Wirthin Wuth zu beschreiben, als sie ihr Eigenthum dahin

schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stück Vieh weniger

nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und

antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: »Die Wölfe haben's

zerrissen!« Die Wirthin schrie wie eine Rasende, und drohte, das

Bürschlein den wilden Thieren zum Fraß vorzuwerfen, aber der Knabe

entgegnete lachend: »Da wird ihnen dein wüthiges Fleisch besser munden!«

Darauf ließ er seine Wölfe in der Höhle drei Tage lang ohne Futter,

trieb dann in der Nacht, als Alles schlief, die Herde aus dem Stalle und

statt derselben die zwölf Wölfe hinein, worauf er die Thür fest

verschloß, so daß die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache

soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der

Hirtendienst schon längst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft

genug in sich fühlte, um größere Arbeiten zu unternehmen.

O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirthin in den

Stall ging, um die Thiere herauszulassen und die Kühe zu melken. Die vom

Hunger wüthend gewordenen Wölfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder

und verschlangen sie sammt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so daß

nichts weiter von ihr übrig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden

taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder

Wirth noch Gesinde betrübten sich über dieses Unglück, vielmehr war

Jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Höllenweibe befreit hatte.

Der Königssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies

bald jenes Gewerbe versucht, er hielt aber an keinem Orte lange aus,

weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Träume

vorschwebten, stets daran mahnten, daß er durch seine Geburt einem

höheren Stande angehöre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten

Manne zusammen, der ihn schon damals in's Auge gefaßt hatte, als er noch

Hüterknabe war. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei

einem Gärtner in Dienst, um die Gärtnerei zu erlernen. Gerade zu der

Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben

sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Königin geraubt und

als Pflegkind in das Waldgehöft gebracht hatte, beichtete auf ihrem

Todbette dem Geistlichen den von ihr verübten Frevel, denn ihre unter

der Last der Sünde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die

böse That aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauerhof, auf welchen

sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darüber sagen, ob

das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte

sich eilig auf, dem Könige die Freudenbotschaft zu bringen, daß eine

Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der König verrieth

Niemanden, was er erfahren, ließ augenblicklich ein Pferd satteln und

machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg. Nach einigen Tagen

erreichten sie das Waldgehöft; Wirth und Wirthin bekannten der Wahrheit

gemäß, daß ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind männlichen

Geschlechts als Pflegling übergeben worden, und daß sie gleichzeitig

hundert Rubel für das Aufziehen desselben erhalten hatten. Daraus hatten

sie freilich gleich geschlossen, daß das Kind von vornehmer Geburt sein

könne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, daß das Kind von

königlichem Geblüte sei, vielmehr hätten sie immer nur ihren Spaß daran

gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Königssohn genannt hätte. Darauf

führte der Wirth selbst den König in das Dorf, wohin er den Knaben als

Hirtenjungen gebracht hatte, wiewohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern

auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht länger hatte

leben mögen. Wie erschrack der Wirth, und noch mehr der König, als sich

in dem Dorfe der Knabe, der zum Jüngling herangewachsen sein mußte,

nicht fand, und man auch keine nähere Auskunft über ihn erhalten konnte.

Die Leute wußten nur soviel zu sagen, daß der Knabe auf die Klage einer

vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und

losgelassen worden sei. Später aber sei ein Diener der Königin

erschienen, der den Knaben fortgeführt und in einem andern Gebiete in

Dienst gegeben habe. Der König eilte dahin, und fand auch das Gesinde,

in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er

entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehört. Wie sollte man

jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten

Weg zu weisen?

Während der König noch voller Kümmerniß war, daß sich hier alle Spuren

verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin -- derselbe, der schon mehrere

Mal mit dem Königssohne zusammen getroffen war -- und sagte, er sei

einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe

ihn anfangs als Hirten und später in mancherlei anderen Handthierungen

gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der König

sicherte dem Alten reiche Belohnung, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes

bringen könne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hieß

den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwärts kamen. Dieser aber

sagte lächelnd: »So viel wie eure Pferde laufen können, leisten meine

Beine auch noch; sie haben ein größeres Stück Welt durchwandert, als

irgend ein Pferd.« Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Königssohne

auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhofe, wo er,

wie oben erzählt, die Gärtnerei erlernte. Grenzenlos war des Königs

Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als

todt beweint hatte. Freudenthränen rannen von seinen Wangen, als er den

Sohn umarmte, ihn an seine Brust drückte und küßte. Doch sollte er aus

des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des

Wiederfindens schmälerte und ihn in neue Betrübniß versetzte. Der

Gärtner hatte eine junge blühende Tochter, welche scheuer war als alle

Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein

Engel. Diesem Mädchen hatte der Königssohn sein Herz geschenkt, und er

gestand seinem Vater ganz offen, daß er nie eine Dame von edlerer

Herkunft freien, sondern die Gärtnerstochter zu seiner Gemahlin machen

wolle, sollte er auch sein Königreich aufgeben müssen. »Komm nur erst

nach Hause,« sagte der König, »dann wollen wir die Sache schon in

Ordnung bringen.« Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren

goldenen Ring aus, steckte ihn vor Aller Augen der Jungfrau an den

Finger und sagte: »Mit diesem Ringe verlobe ich mich dir, und über kurz

oder lang komme ich wieder, um als Bräutigam dich heim zu führen.« Der

König aber sagte: »Nein, nicht so --auf andere Weise soll die Sache vor

sich gehen!« -- zog den Ring wieder vom Finger des Mädchens und hieb

ihn mit seinem Schwerte in zwei Stücke. Die eine Hälfte gab er seinem

Sohne, die andere der Gärtnerstochter, und sagte: »Hat Gott euch für

einander geschaffen, so werden die beiden Hälften des Ringes zu rechter

Zeit von selbst ineinander schmelzen, so daß kein Auge die Stellen wird

entdecken können, wo der Ring durchgehauen war. Jetzt bewahre Jeder von

euch seine Hälfte, bis die Zeit erfüllt sein wird.«

Die Königin wollte vor Wuth bersten, als ihr Stiefsohn, den sie für

immer verschollen glaubte, plötzlich zurück kehrte, und zwar als

rechtmäßiger Thronerbe, da dem Könige aus seiner zweiten Ehe nur zwei

Töchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Königs Augen sich

geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum König erhoben. Wiewohl ihm die

Stiefmutter schweres Unrecht zugefügt hatte, wollte er doch nicht Böses

mit Bösem vergelten, sondern überließ die Strafe dem Gerichte Gottes. Da

nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Töchter

vermittelst eines Schwiegersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte

sie wenigstens eine fürstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem

Könige vermählen, aber dieser entgegnete kurz: »Ich will nicht! ich habe

meine Braut längst gewählt.« Als die verwittwete Königin dann erfuhr,

daß der junge König ein Mädchen von niederer Herkunft zu freien gedenke,

stachelte sie die höchsten Räthe des Reichs auf, sich einmüthig dagegen

zu stemmen. Aber der König blieb fest und gab nicht nach. Nachdem man

lange hin und her gestritten hatte, gab der König schließlich den

Bescheid: »Wir wollen ein großes Fest geben und dazu alle Königstöchter

und die andern vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und

wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwählte Braut an

Schönheit und Züchten übertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber

nicht der Fall, so wird meine erwählte auch meine Gemahlin.«

Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet,

welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die

Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der

Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit

ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung

allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glücksloos

zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer

hatte der junge König Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am

letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räthe des

Reichs wieder vor dem Könige und sagten --auf Eingebung der

Königin-Wittwe -- wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen

habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wünschten,

daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem

Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklären.«

Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlässigen Diener

zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und

hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Königs

Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem

Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück

bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren

Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen

aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in

weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold

war an ihr zu finden, während alle Andern von Kopf bis zu Fuß in Sammet

und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere

rümpften unwillig die Nase, der König aber that, als bemerkte er es

nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die

verwittwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich

zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier

versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.« Die verwittwete Königin rief

zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der

bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt

die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber

nicht zur Gemahlin eines Königs eignet -- eine solche Bauerdirne kann

den Thron eines Königs nur verunehren!« Diese Worte weckten des Königs

Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann thun, was ich

will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand in's

Gedächtniß zurückriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert,

wer mich in diesen Stand verstoßen. Indeß, da kein vernünftiger Mensch

die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen

deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden

können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel

vom Himmel.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald

darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her

kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht

hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf

viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster

Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier

anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die

würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.« Der Zauberer nahm eine Flasche

mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales

zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar

Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fußes einschliefen. O

über das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man

sie sämmtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt

hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Thiere

erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Baren, Kröten, Schweine,

Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt.

Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher

Rosenstock gewachsen, der mit Blüthen bedeckt war, und auf dessen

Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte

Gärtnerstochter. Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer

Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende

Schale blenden!« Die Königin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was

konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der

Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe

erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die

aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem

halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er

seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche;

augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß

oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des

Schwertes den Ring einst getrennt hatte. »Jetzt ist auch meines

heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge

König, und ließ sich noch an demselben Abend mit der Gärtnerstochter

trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die

fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während

ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um

so größer war der Unterthanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von

Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.

Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages

sämmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche

Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe

wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und

der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das

Glück seinem früheren Stande zurückgegeben. Sämmtliche Richter

erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am

Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die

verwittwete Königin vor Gericht!« Die Königin-Wittwe wurde gerufen und

das gefällte Urtheil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich

wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie

und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und

hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen

wäre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich

durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist

eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um

vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis

über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein

Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch

wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines

heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele

rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«

Als die verwittwete Königin fortgebracht war, ließ der junge König in

der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das

eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs

geschenkt wurde, der den hülflosen Königssohn liebevoll aufgezogen

hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus

niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an

ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre

Kinder.

Ehstnische Märchen · 第 51 / 69 题