24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter.

Einmal lebte ein König, dessen Gemahlin keine Kinder hatte, was Beide

sehr bekümmerte, besonders wenn sie sahen, wie niedriger stehende

Menschen in dieser Hinsicht viel reicher waren als sie selber. Trauriger

als gewöhnlich war die Königin immer, wenn der König einmal nicht zu

Hause war; dann saß sie fast immer im Garten unter einer breiten Linde,

senkte den Kopf und hatte die Augen voll Thränen. Da saß sie auch wieder

eines Tages, als der König auf einige Wochen verreist war, um die

Kriegsmacht zu besichtigen, welche an der Grenze des Reiches stand,

einen drohenden feindlichen Einbruch abzuwehren. Der Königin war das

Herz so beklommen, als stehe ihr ein unerwartetes Unglück bevor, und

ihre Augen füllten sich mit bitteren Thränen. Als sie das Antlitz

emporhob, sah sie ein altes Mütterchen, welches auf Krücken einher

hinkte, sich an der Quelle bückte, um zu trinken, und nachdem sie ihren

Durst gestillt hatte, gerade auf die Linde zu humpelte, wo die Königin

weilte. Das Mütterchen neigte ihr Haupt und sagte: »Nehmt es nicht übel,

geehrtes hohes Frauchen, daß ich es wage, vor euch zu erscheinen, und

fürchtet euch nicht vor mir, denn es wäre leicht möglich, daß ich zur

guten Stunde gekommen bin und euch Glück bringe.« Die Königin

betrachtete sie zweifelhaft und antwortete: »Du selber scheinst mir an

Glück keinen Ueberfluß zu haben, was kannst du Andern davon gewähren?«

Die Alte ließ sich aber nicht irre machen, sondern sagte: »Unter rauher

Schale steckt oft glattes Holz und süßer Kern. Zeiget mir eure Hand,

damit ich erfahre, wie es mit euch werden wird.« Die Königin streckte

ihr die Hand hin, damit die Alte darin lesen könne. Als diese die Linien

und Striche eine Weile genau betrachtet hatte, ließ sie sich

folgendermaßen vernehmen: »Euer Herz ist jetzt mit zwei Sorgen beladen,

einer alten und einer neuen. Die neue Sorge, die euch quält, ist die um

euren Gemahl, der jetzt weit von euch ist; --aber glaubet meinem Worte,

er ist gesund und munter und wird binnen zwei Wochen zurück kommen und

euch frohe Zeitung bringen. Eure alte Sorge aber, welche eurer Hand

tiefere Striche eingedrückt hat, rührt daher, daß Gott euch keine

Leibesfrucht geschenkt hat!« Die Königin erröthete und wollte ihre Hand

aus der Hand der Alten losmachen, aber die Alte bat: »Habt noch ein

wenig Geduld, so bringen wir Alles auf einmal in's Reine.« Die Königin

fragte: »Sage mir, Mütterchen, wer du bist, daß du mir aus der

Handfläche meine Herzensgedanken kund thun kannst?« Die Alte erwiederte:

»Um meinen Namen ist es hier nicht zu thun, und ebenso wenig darum,

welche Kraft mir eures Herzens geheime Wünsche kund macht; ich freue

mich nur, daß es mir vergönnt ist, euch auf die rechte Bahn zu bringen,

und eures Herzens Kummer zu mindern. Durch Zaubermacht ist euer Leib

verschlossen, so daß ihr nicht eher Kinder zur Welt bringen könnt, bis

die Bänder des Verschlusses gelöst sind, und die natürliche

Beschaffenheit wieder hergestellt ist. Ich kann dies bewirken, jedoch

nur dann, wenn ihr Alles befolgt, was ich euch sagen werde.« »Alles will

ich ja gern thun, und dich auch für deine Mühe königlich belohnen, wenn

du deine Versprechungen wahr machst,« sagte die Königin. -- Die Alte

stand eine Zeitlang in Gedanken und fuhr dann fort: »Heute über's Jahr

sollt ihr sehen, daß meine Prophezeiungen eintreffen.« Mit diesen Worten

zog sie ein in viele Lappen gewickeltes Bündel aus dem Busen, und als

die Lappen abgenommen waren, kam ein kleines Körbchen von Birkenrinde

zum Vorschein; sie gab es der Königin und sagte: »In dem Körbchen findet

ihr ein Vogelei;[86] dieses brütet drei Monate in eurem Schooße aus, bis

ein lebendiges Püppchen herauskommt, das einem menschlichen Kinde

gleicht. Das Püppchen legt in einen Wollkorb, und lasset es so lange

wachsen, bis es die Größe eines neugeborenen Kindes hat; Speise oder

Trank braucht es nicht, das Körbchen aber muß immer an einem warmen Orte

stehen. Neun Monate nach der Geburt des Püppchens werdet ihr einen Sohn

zur Welt bringen. An demselben Tage hat auch das Püppchen die Größe

eines neugeborenen Kindes erreicht, nehmet es dann heraus, leget es

neben den neugeborenen Sohn in's Bette und lasset dem Könige melden,

daß Gott euch Zwillinge geschenkt habe, einen Sohn und eine Tochter. Den

Sohn säuget an eurer Brust, für die Tochter aber müßt ihr eine Amme

nehmen. An dem Tage, wo beide Kinder zur Taufe gebracht werden, bittet

mich, bei der Tochter Pathenstelle zu vertreten. Das macht ihr so: Auf

dem Boden des Körbchens findet ihr unter der Wolle einen Flederwisch,

den blaset zum Fenster hinaus, dann erhalte ich augenblicklich die

Botschaft und komme, bei eurem Töchterchen Gevatter zu stehen. Von dem,

was euch jetzt begegnet ist, dürft ihr Niemanden etwas sagen.« Ehe noch

die Königin ein Wort erwiedern konnte, eilte die hinkende Alte davon,

und nachdem sie zehn Schritte gemacht hatte, war von einer Alten keine

Spur mehr, sondern statt derselben schritt ein junges Weib in aufrechter

Haltung so rasch dahin, daß sie mehr zu fliegen als zu gehen schien. Die

Königin aber konnte sich von ihrer Verwunderung noch nicht erholen, und

würde Alles für einen Traum gehalten haben, wenn nicht das Körbchen in

ihrer Hand bezeugt hätte, daß die Sache wirklich vorgefallen war. Sie

fühlte ihr Herz mit einem Male wunderbar erleichtert. Sie trat in ihr

Gemach, wickelte das Körbchen, in welchem ein kleines Ei in feiner Wolle

lag, in seidene Tücher und steckte es in ihren Busen, wie das Mütterchen

vorgeschrieben hatte. Auch alles Uebrige gelobte sie sich zu erfüllen

und das Geheimniß zu bewahren.

Gerade als der letzte Tag der zweiten Woche nach dem Besuche der Alten

zu Ende ging, kehrte der König zurück und rief schon von fern der Frau

die frohe Nachricht zu: »Mein Heer hat einen vollständigen Sieg davon

getragen und den Feind mit blutigen Köpfen heimgeschickt, so daß unsere

Unterthanen für's erste Ruhe haben werden.« So war die erste

Prophezeiung der Alten vollständig eingetroffen, und dadurch befestigte

sich im Herzen der Königin die Hoffnung, daß auch die übrigen

Prophezeiungen in Erfüllung gehen würden. Sie hütete das Körbchen mit

dem Ei in ihrem Busen wie ein Kleinod, und ließ ein goldenes Kästchen

machen, in welches sie das Körbchen legte, damit das Eichen nicht etwa

beschädigt würde. Nach drei Monaten schlüpfte aus dem Ei ein lebendiges

Püppchen von halber Fingerlänge, welches der Vorschrift gemäß in den

Wollkorb gelegt wurde, um zu wachsen. So war auch die zweite

Prophezeiung wahr geworden, und die Königin harrte nun mit Spannung der

Zeit, wo ihr Herz zum ersten Male Mutterfreuden schmecken sollte. Und in

der That brachte sie nach Jahresfrist ein Söhnlein zur Welt, wie das

alte Mütterchen vorhergesagt hatte. Da nahm sie das Mägdlein aus dem

Wollkasten, legte es neben den Sohn in die Wiege, und ließ dem Könige

sagen, daß sie Zwillinge geboren habe, einen Sohn und eine Tochter. Die

Freude des Königs und seiner Unterthanen kannte keine Grenzen. -- Alle

glaubten fest daran, daß die Königin mit Zwillingen niedergekommen sei.

An dem Tage, wo die Kinder getauft werden sollten, öffnete die Königin

ein wenig das Fenster und ließ den Flederwisch fliegen, um die

Taufmutter für die Tochter herbeizuschaffen, denn sie war überzeugt, die

Gevatterin würde zur rechten Zeit da sein. Als die eingeladenen

Taufgäste schon alle beisammen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit

sechs dotterfarbigen Rossen vor, und aus der Kutsche stieg eine junge

Frau in rosenrothen goldgestickten seidenen Gewändern, die einen Glanz

verbreiteten, der mit dem Glanze der Sonne wetteiferte; das Antlitz

hatte sie mit einem feinen Schleier verhüllt. Als sie eintrat, nahm sie

den Schleier ab, und Alle mußten staunend bekennen, daß sie in ihrem

Leben noch keine schönere Jungfrau gesehen hätten. Die schöne Jungfrau

nahm nun das Töchterchen auf ihre Arme und trug es zur Taufe, in welcher

dem Kinde der Name _Dotterine_ beigelegt wurde, was freilich Niemanden

verständlich war, als der Königin, da ja das Kind wie ein Vogeljunges

aus einem Eidotter geboren war. Taufvater des Sohnes war ein vornehmer

Herr, und das Knäblein erhielt den Namen _Willem_. Nach vollzogener Taufe

ließ sich die Taufmutter von der Königin das Körbchen mit den

Eierschalen geben, legte das Kind in die Wiege und sagte heimlich zur

Königin: »So lange die Kleine in der Wiege schläft, muß das Körbchen

neben ihr liegen, damit ihr nichts Uebles zustoßen kann, denn in dem

Körbchen ruht ihr Glück. Darum hütet diesen Schatz wie euren Augapfel,

und schärfet auch eurem Töchterchen, wenn es anfängt zu begreifen, ein,

daß es dieses unscheinbare Ding sorgfältig in Acht nehmen muß.« Sie

sprach dann noch Manches mit der Mutter über die Erziehung ihrer Pathe,

küßte diese drei Mal, nahm Abschied, stieg in die Kutsche und fuhr

davon. Niemand wußte, woher sie gekommen war und wohin sie ging; auch

die Königin gab auf Befragen keinen weiteren Bescheid als: es ist eine

mir bekannte Königstochter aus fernem Lande.

Die Kinder gediehen fröhlich, Willem bei der Muttermilch und Dotterine

an der Brust der Amme. Diese liebte das Mägdlein so zärtlich, als wäre

es ihr leibliches Kind gewesen, und die Königin behielt sie deßhalb nach

der Entwöhnung als Kinderwärterin. Die kleine Dotterine wurde von Tage

zu Tage hübscher, so daß die älteren Leute meinten, sie würde einmal

ihrer Taufmutter ähnlich werden. Die Amme hatte zuweilen bemerkt, daß in

der Nacht, wenn Alles schlief, eine fremde schöne Frau erschien, um den

Säugling zu betrachten; als sie dies der Königin entdeckte, schärfte ihr

diese ein, gegen Niemanden von dem nächtlichen Gaste etwas verlauten zu

lassen. Als die Zwillinge zwei Jahr alt waren, wurde die Königin

plötzlich schwer krank; zwar wurden Aerzte von nah und fern

herbeigerufen, aber sie konnten nicht helfen, denn für den Tod ist kein

Kraut gewachsen. Die Königin fühlte selbst, daß sie von Stunde zu Stunde

dem Grabe immer näher kam, und ließ deßhalb die Wärterin und vormalige

Amme der Dotterine rufen. Ihr, als der treuesten ihrer Dienerinnen,

übergab sie das Glückskörbchen mit den Eierschalen und schärfte ihr ein,

das verwunderliche Ding sorgfältig in Acht zu nehmen. »Wenn mein

Töchterchen,« so sagte die Königin, »zehn Jahr alt ist, dann händige ihr

das Kleinod ein, und ermahne sie, es zu hüten, weil es das Glück ihrer

Zukunft birgt. Um meinen Sohn sorge ich nicht, ihn, als des Reiches

Erben, wird der König unter seine Obhut nehmen.« Die Wärterin mußte ihr

dann eidlich versprechen, das Geheimniß vor jedermann zu bewahren.

Darauf ließ sie den König an ihr Bett rufen und bat ihn, er möge die

gewesene Amme Dotterinen's ihr als Wärterin und Dienerin lassen, so

lange als Dotterine es wünschen würde. Der König versprach es; noch

denselben Abend gab seine Gemahlin ihren Geist auf.

Nach einigen Jahren freite der verwittwete König wieder, und brachte

eine junge Frau in's Haus, die sich aus dem gealterten Gemahl nichts

machte, sondern ihn nur aus Ehrgeiz genommen hatte. Die Kinder der

ersten Frau konnte sie nicht vor Augen sehen, weßhalb der König sie an

einem abgesonderten Orte aufziehen ließ, wo Dotterinen's frühere Amme

mütterlich für sie sorgte. Kamen die Kinder einmal zufällig der

Stiefmutter zu Gesicht, so stieß sie dieselben wie junge Hunde mit dem

Fuße fort, so daß die Kinder sie scheuten wie das Feuer. Als Dotterine

das Alter von zehn Jahren erreicht hatte, händigte ihr die Amme das

Pathengeschenk ein, und ermahnte sie, dasselbe wohl in Acht zu nehmen.

Da das Geschenk aber dem Kinde so gar unansehnlich vorkam, so gab es

nicht viel darauf, legte es zu den übrigen von der Mutter geerbten

Sachen in den Kasten, und dachte nicht weiter daran. Darüber waren

wieder ein Paar Jahre hingegangen, als eines Tages, da der König sich

entfernt hatte, die Stiefmutter Dotterine im Garten unter einer Linde

sitzen fand: wie ein Habicht fuhr sie auf das Kind los, riß es an den

Ohren und schlug es, daß Blut aus Mund und Nase floß. Weinend lief das

Mädchen in ihr Gemach, und als sie die Amme dort nicht fand, fiel ihr

mit einem Male das Pathengeschenk ein. Sie nahm es aus dem Kasten und

wollte nun zu ihrer Zerstreuung sehen, was denn wohl darin wäre. Aber

sie fand im Körbchen keinen größeren Schatz als eine Handvoll feine

Schafwolle und ein paar leere Eierschalen. Unter der Wolle auf dem

Grunde des Körbchens lag ein Flederwisch. Als nun das Mädchen am

geöffneten Fenster die wertlosen Sachen betrachtete, verursachte es

einen Luftzug, der den Flederwisch fort blies. Augenblicklich stand eine

fremde schöne Frau neben Dotterinen, streichelte ihr Kopf und Wangen und

sagte freundlich: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich bin deine

Taufmutter, und bin hergekommen, dich zu sehen. Deine vom Weinen

angeschwollenen Augen sagen mir, daß du traurig bist. Ich weiß, daß das

Leben, welches du unter dem Joche deiner Stiefmutter führst, nicht

leicht ist, allein halte aus und bleibe brav in allen Anfechtungen, dann

werden einst bessere Tage für dich anbrechen. Wenn du erwachsen bist,

hat deine Stiefmutter keine Gewalt mehr über dich, und eben so wenig

können andere böse Menschen dir schaden, wenn du dein Körbchen nicht

verloren gehen lässest; auch die Eierschalen darfst du nicht abhanden

kommen lassen, zu rechter Zeit werden sie sich wieder zu einem Eichen

zusammenfügen, und dann wird dein Glück erblühen. Nähe dir ein seidenes

Säckchen, stecke das Körbchen hinein und verwahre es Tag und Nacht im

Busen, so können dir weder deine Stiefmutter noch andere Menschen etwas

Böses anhaben. Sollte dir aber irgend etwas zustoßen, wobei du ohne

meinen Rath nicht durchkommen zu können glaubst, so nimm den Flederwisch

aus dem Körbchen und blase ihn in's Freie; dann werde ich augenblicklich

da sein, dir zu helfen. Komm jetzt in den Garten, da können wir uns

unter der Linde weiter unterhalten, ohne daß ein Anderer es hört.« Unter

der Linde setzten sie sich auf eine Rasenbank und die Taufmutter wußte

der Kleinen durch anmuthiges Gespräch die Zeit so gut zu verkürzen, daß

sie nicht merkte, wie die Sonne schon längst untergegangen war und die

Nacht hereinbrach. Da sagte die Taufmutter: »Reiche mir das Körbchen,

ich will etwas Abendbrot besorgen, damit du nicht mit leerem Magen

schlafen zu gehen brauchst.« Sie sprach dann heimliche Worte über das

Körbchen, worauf ein Tisch mit wohlschmeckenden Speisen aus dem Boden

stieg. Beide aßen sich satt, dann begleitete die Taufmutter Dotterinen

wieder zum Hause des Königs, und lehrte ihr während dieses Ganges die

geheimen Worte, welche sie dem Körbchen zuflüstern müsse, wenn sie etwas

zu begehren hätte. Seltsam war es, daß von da an die Stiefmutter ihrer

Stieftochter kein böses Wort mehr gab, sondern fast immer freundlich

gegen sie war.

Nach einigen Jahren war Dotterine zur reifen Jungfrau herangewachsen,

und ihre Schönheit und Wohlgestalt war so blendend, daß man glaubte, es

gebe ihres Gleichen nicht auf der Welt. Da brach ein schwerer Krieg aus,

der von Tag zu Tage schlimmer wurde, bis zuletzt der Feind vor die

Königsstadt zog und sie mit Heeresmacht einschloß, so daß keine Seele

heraus noch herein kommen konnte. Der Hunger begann die Einwohner zu

quälen, und auch in des Königs Hause drohte binnen wenigen Tagen der

Mundvorrath auszugehen. -- Da ließ Dotterine eines Tages ihren

Flederwisch fliegen, und siehe da! augenblicklich war die Taufmutter bei

ihr. Als die Königstochter ihr die Noth und das Elend geklagt hatte,

sagte die Taufmutter: »Dich, liebes Kind, kann ich wohl aus dieser

Gefahr erretten, für die andern aber reicht meine Hülfe nicht aus, sie

müssen selber sehen, wie sie durchkommen.« Darauf nahm sie Dotterinen

bei der Hand und führte sie aus der Stadt mitten durch das Heer der

Feinde, deren Augen sie so verblendet hatte, daß Niemand die Flüchtlinge

sehen konnte. Am folgenden Tage fiel die Stadt in die Hand der Feinde,

und der König mit seinem ganzen Hause wurde gefangen genommen, sein Sohn

Willem aber war glücklich entronnen. Die Königin hatte durch einen

feindlichen Speer den Tod gefunden. Für Dotterine hatte die Taufmutter

Bauernkleider besorgt, und ihr Antlitz so verändert, daß Niemand sie

erkennen konnte. »Wenn einst wieder eine bessere Zeit kommt,« sagte die

Taufmutter, »und du dich sehnst, in deiner früheren Gestalt vor die

Leute zu treten, dann flüstere dem Körbchen die geheimen Worte zu und

gebiete ihm, dich in deine eigene Gestalt zurück zu verwandeln; und es

wird so geschehen. Jetzt ertrage eine Zeitlang geduldig schwere Tage,

bis die Lage sich bessert.« Scheidend ermahnte sie noch das Mädchen, das

Körbchen gut in Acht zu nehmen, und entfernte sich dann. Dotterine

wanderte mehrere Tage von einem Orte zum andern umher, da aber der Feind

die ganze Umgegend verwüstet hatte, so fand sie anfangs weder Obdach

noch Dienst. Zwar bot ihr das Körbchen ihre tägliche Nahrung, aber sie

wollte doch nicht so auf eigene Hand weiter leben, und nahm deßhalb mit

Freuden einen Dienst als Magd in einem Bauerhofe an, wo sie so lange zu

bleiben gedachte, bis die Dinge sich wenden würden. Anfangs wurde die

ungewohnte grobe Arbeit Dotterinen sehr schwer, weil sie sich eben noch

niemals damit abgegeben hatte. Aber war es nun, daß ihre Gliedmaßen

sich wirklich so schnell abhärteten, oder daß das Wunderkörbchen ihr

heimlich half -- nach drei Tagen ging ihr Alles so gut von der Hand, als

wäre sie von Kindesbeinen an dabei aufgewachsen. An ihr wurde das alte

Wort zu Schanden, welches sagt: »Man kann wohl aus einem Bauern eine

Herrschaft, aber aus einer Herrschaft keinen Bauern machen.« Da traf es

sich, daß eines Tages eine Edelfrau durchs Dorf fuhr, als Dotterine

gerade auf dem Hofe Holzgefäße scheuerte. Des Mädchens flinkes Thun und

anmuthiges Wesen fesselte die Frau; sie ließ halten, rief das Mädchen

heran und fragte: »Hast du nicht Lust bei mir auf dem Gute in Dienst zu

treten?« »Gern,« antwortete die Königstochter, »wenn meine jetzige

Brotherrschaft mir Erlaubniß giebt.« Die Frau versprach die Sache mit

dem Wirthe in Ordnung zu bringen, ließ das Mädchen den Sitz hinter der

Kutsche einnehmen und fuhr mit ihr auf's Gut. Hier hatte es Dotterine

wieder leichter, denn ihre ganze Arbeit bestand darin, die Zimmer

aufzuräumen und der Frau und den Fräulein beim Ankleiden behülflich zu

sein. Nach einem halben Jahre kam die fröhliche Kunde, daß des alten

Königs Sohn, der den Feinden glücklich entkommen war, in der Fremde ein

Heer gesammelt, mit welchem er sein Königreich dem Feinde wieder

abgenommen habe, und daß er nun selber zum Könige erhoben worden sei.

Die Freudenbotschaft war aber zugleich von einer Todesbotschaft

begleitet: der alte König war im Gefängniß gestorben. Da nun Dotterine

Anderen ihren Kummer nicht zeigen durfte, so weinte sie heimlich bittere

Thränen über ihres Vaters Tod, denn ein anderer als ihr Vater konnte ja

doch der verstorbene König nicht sein.

Nach Ablauf des Trauerjahres ließ der junge König verkünden, daß er

entschlossen sei, sich zu vermählen. Es wurden deswegen von nah und fern

alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Königs

geladen, damit derselbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau wählen

könne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Töchter der Dame, bei

welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blühend waren,

rüsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen

bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Fräulein zu thun. In dieser Zeit

träumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter käme an ihr Bett und sagte:

»Schmücke erst deine Fräulein zum Feste, und dann folge selber nach.

Keine kann dort so schmuck und so schön sein wie du!« Je näher der Tag

des Festes heranrückte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Muthe, und

als die Frau mit ihren Töchtern davon gefahren war, warf sie sich mit

dem Gesicht auf's Bett und vergoß bittere Thränen. Da war's, als ob ihr

eine Stimme zurief: »Nimm dein Körbchen zur Hand, dann wirst du Alles

finden, was du brauchst.« Dotterine sprang auf, nahm das Körbchen aus

dem Busen, sprach darüber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte,

und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte

Gewänder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie

ihr früheres Ansehen wieder, und als sie die prächtigen Kleider angelegt

hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrack sie selber über ihre

Schönheit. Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Thür eine

stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte

sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so daß sie in weniger als

einer Stunde vor der Pforte des Königshauses angelangt war. Als sie eben

aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, daß sie beim raschen

Ankleiden das Glückskörbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt

beginnen? Schon entschloß sie sich zurückzufahren, als eine kleine

Schwalbe mit dem Körbchen im Schnabel an's Kutschfenster geflogen kam.

Erfreut nahm ihr Dotterine das Körbchen aus dem Schnabel, steckte es in

den Busen und hüpfte leicht wie ein Eichhörnchen die Treppe hinauf.

Im Festgemach funkelte Alles von Pracht und Schönheit, die vornehmen

Fräulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der

Hoffnung, daß des jungen Königs Auge auf sie fallen würde. Als aber

plötzlich die Thür sich öffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der

Andern Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so daß der

Königssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ältere Personen, die sich

noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der König mit seiner

später verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander:

»Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein,

welche bei unseres alten Königs Tochter Gevatter stand.« Der König kam

Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kümmerte sich nicht um die

übrigen Gäste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war

plötzlich wie in Wolken gehüllt, so daß man weder den Glanz der Lichter

noch die Menschen sah. Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus

dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere

war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Könige: »Das

Mädchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester,

welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo

die Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht

deine Schwester, sondern eines weit entfernten Königs Tochter, welche

ich aus der Verzauberung erlöste, und deiner verstorbenen Mutter zur

Pflege übergab.« Dann krachte es, daß die Wände zitterten, und in

demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne daß jemand

sah, wo sie hingekommen war. Der junge König ließ sich am folgenden Tage

mit Dotterinen trauen, worauf eine prächtige Hochzeitsfeier folgte. Der

König lebte mit seiner Gemahlin sehr glücklich bis an sein Ende, aber

Niemand hat je gehört, wohin das Glückskörbchen gekommen ist. Man meint,

die Taufmutter habe es heimlich mitgenommen, als sie ihre Pathe das

letzte Mal gesehen.

[Fußnote 86: Aus dem von einem Hühnchen ausgebrüteten Ei eines

Birkhuhns ist Linda, die Gattin des Kalew und die Mutter des

Kalewsohnes, hervorgegangen. S. den Anfang des _Kalewipoëg_. L.]

Ehstnische Märchen · 第 53 / 69 题