21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]

Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele

seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt,

ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht

vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die

Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter

angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte

Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für

einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er

sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten

Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte

Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er

Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe,

fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite,

Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein

Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und

blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher

rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre

zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach

einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes

Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum

Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller

Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern

quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der

Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal

ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte

Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und

jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher

suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch

einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten

Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das

Joch eines Weibes zu legen.

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte,

machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher

merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte

aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache

herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im

Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht,

die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals

Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später,

daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm

gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem

Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der

Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst,

denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.«

Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch

eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte

Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir

getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu

machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine

Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen

Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge?

dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu

Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu

heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts

weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in

der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in

künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um

den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß

nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen,

oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst

du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben

einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du

mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die

Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört --

Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir

dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte

dich vor aller Furcht.«

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher

auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so

kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf

Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten

Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte

Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten,

wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter

Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden

Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher

Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk

gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine

Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er

unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber

fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen

Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der

reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die

Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem

Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man

vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher,

die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den

Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er

für seine Frevel büßen müsse. -- Als später auf die Nachricht von dem

Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen

Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor.

Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht;

allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch

auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein

Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem

Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und

die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame

nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich

Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von

den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie

geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte.

Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, -- darum getraute

sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach

und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig

blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile

in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen

zu suchen.« --So sprach der alte Bauer.

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie

halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht

künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten

einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der

Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben.

Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen,

und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne

Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war

entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am

Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu

bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten

Schloßruinen.

Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern,

ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer

voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem

Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen

ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das

Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an

sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im

Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er

einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher,

durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile

vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch,

welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine

Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort,

daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war,

fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er

aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen

brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam

endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die

schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze

Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe

hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des

Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und

sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an

dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf,

und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist

doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür

bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht

aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür

stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als

der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe,

welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern

Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde

lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah

beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl

auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!«

rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser

habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe

kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser

hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte

die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den

Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er

keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich

nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe

den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die

schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte

nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit

eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt

war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß

Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth

nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe

hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die

schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei

ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon

gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und

mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle

im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern,

und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten

Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die

Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur

Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte

an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte

sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt

war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und

erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher

hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu

erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an,

sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher

hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den

Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber

dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und

schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir,

Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und

Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will

ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht

vergessen sollst. -- Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde

eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu,

damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen

würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr

Schaden zufügen kann.«

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite

einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein

den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die

Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der

brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe

Höhle gelangten.

In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger

Geldhaufe, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold.

Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll

Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein

Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei

Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den

Haufen in zwei Theile theilen, so daß beide ganz gleich werden und kein

Rest bleibt. Während du mit dieser Theilung dich beschäftigst, will ich

mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das

geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.« Der Riegenaufseher

machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder.

Damit kein Versehen vorkommen könne, theilte der Riegenaufseher so, daß

er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Thaler oder

Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann

links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die

Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus

der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestärkt

seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf

gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des

zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstück war

übrig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher

keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf

die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig

auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten

wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die

andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn

ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden

Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte,

fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals,

streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber

tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen

Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen

Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder

Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, daß Nichts übrig blieb.

Ich mußte deshalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem

Andern erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten

zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht

verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind!

war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung

schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank,

tausend Dank dir für deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du

jetzt zum Lohn für deine Mühe, den andern aber mußt du unter die Armen

vertheilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich

auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und

Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu

vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die große schwarze Katze

dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier

ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.«

Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke

eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und

verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben

Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des

Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her

herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß

machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die

Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo

er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst

ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme

anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten

schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am

Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken

eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den

nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth

sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und

sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge

mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und

miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte

der Schenkwirth, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und

erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der

Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters

unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten,

wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten

zu, übergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und

siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn

Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als

reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen

Schatz errungen hatte.

[Fußnote 84: Riege ist baltischer Provinzialismus für Scheune, Dörr-

und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthält auch Kornkammern,

Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.]

Ehstnische Märchen · 第 50 / 69 题