Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele
seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt,
ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht
vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die
Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter
angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte
Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für
einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er
sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten
Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte
Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er
Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe,
fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite,
Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein
Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und
blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher
rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre
zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach
einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes
Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum
Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller
Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern
quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der
Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal
ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte
Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und
jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher
suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch
einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten
Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das
Joch eines Weibes zu legen.
Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte,
machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher
merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte
aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache
herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im
Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht,
die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals
Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später,
daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm
gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem
Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der
Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst,
denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.«
Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch
eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte
Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir
getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu
machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine
Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen
Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge?
dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu
Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu
heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts
weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in
der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in
künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um
den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß
nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen,
oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst
du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben
einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du
mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die
Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört --
Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir
dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte
dich vor aller Furcht.«
Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher
auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so
kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf
Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten
Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte
Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten,
wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter
Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden
Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher
Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk
gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine
Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er
unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber
fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen
Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der
reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die
Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem
Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man
vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher,
die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den
Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er
für seine Frevel büßen müsse. -- Als später auf die Nachricht von dem
Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen
Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor.
Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht;
allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch
auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein
Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem
Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und
die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame
nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich
Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von
den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie
geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte.
Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, -- darum getraute
sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach
und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig
blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile
in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen
zu suchen.« --So sprach der alte Bauer.
Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie
halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht
künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten
einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der
Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben.
Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen,
und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne
Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war
entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am
Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu
bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten
Schloßruinen.
Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern,
ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer
voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem
Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen
ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das
Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an
sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im
Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er
einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher,
durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile
vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch,
welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine
Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort,
daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war,
fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er
aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen
brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam
endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die
schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze
Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe
hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des
Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und
sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an
dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf,
und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist
doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür
bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht
aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür
stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als
der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe,
welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern
Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde
lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah
beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl
auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!«
rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser
habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe
kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser
hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte
die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den
Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er
keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich
nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe
den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die
schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte
nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit
eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt
war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß
Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth
nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe
hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die
schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei
ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon
gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und
mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle
im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern,
und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten
Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die
Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur
Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte
an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte
sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt
war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und
erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher
hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu
erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an,
sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher
hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den
Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber
dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und
schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir,
Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und
Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will
ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht
vergessen sollst. -- Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde
eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu,
damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen
würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr
Schaden zufügen kann.«
Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite
einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein
den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die
Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der
brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe
Höhle gelangten.
In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger
Geldhaufe, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold.
Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll
Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein
Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei
Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den
Haufen in zwei Theile theilen, so daß beide ganz gleich werden und kein
Rest bleibt. Während du mit dieser Theilung dich beschäftigst, will ich
mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das
geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.« Der Riegenaufseher
machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder.
Damit kein Versehen vorkommen könne, theilte der Riegenaufseher so, daß
er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Thaler oder
Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann
links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die
Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus
der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestärkt
seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf
gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des
zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstück war
übrig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher
keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf
die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig
auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten
wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die
andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn
ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden
Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte,
fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals,
streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber
tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen
Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen
Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder
Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, daß Nichts übrig blieb.
Ich mußte deshalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem
Andern erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten
zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht
verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind!
war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung
schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank,
tausend Dank dir für deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du
jetzt zum Lohn für deine Mühe, den andern aber mußt du unter die Armen
vertheilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich
auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und
Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu
vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die große schwarze Katze
dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier
ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.«
Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke
eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und
verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben
Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des
Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her
herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß
machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die
Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo
er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst
ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme
anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten
schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am
Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken
eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.
Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den
nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth
sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und
sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge
mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und
miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte
der Schenkwirth, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und
erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der
Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters
unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten,
wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten
zu, übergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und
siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn
Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als
reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen
Schatz errungen hatte.
[Fußnote 84: Riege ist baltischer Provinzialismus für Scheune, Dörr-
und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthält auch Kornkammern,
Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.]