20. Der Frauenmörder.

Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen

Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten

standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse,

das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und

rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht

eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort

deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den

Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da

nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der

Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können.

An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen

hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach

der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf,

sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon

er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen

auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien.

Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu

kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen.

Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte

Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer

Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube

bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den

jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl

nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so

rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten -- aber es blieb

Allen ein Räthsel.

Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht

hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen,

wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie

waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste

überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin

eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge

alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins

Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke,

seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so

erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang,

das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne

eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der

Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf

seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die

Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im

mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der

Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die

Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und

alle Kosten selbst zu tragen wünsche.

So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon

wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte

auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein

Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut

mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die

Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war,

zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht,

seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten

ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das

jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine

Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr

liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt

kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem

Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er

wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es

befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer

vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte;

mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in

sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten,

daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen

hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz

gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er

wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein

sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen

war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein,

höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch

ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet

haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte,

woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen

gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir,

als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich

noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem

Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen

Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den

Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht

ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen

gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein

sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht

er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis

rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich:

»Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den

Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.«

Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis

durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im

Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich

gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine

Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich

diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht

leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein

Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der

Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz,

ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge.

Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn,

was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus

nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn

mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« -- sagte er, -- »soll Niemand

es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um

Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« -- sagte der alte

Herr, -- »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der

Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner

Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte

er ihrem Begehren willfahren.

Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer

Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und

jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch

keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die

Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben

wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele

kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem

stolzen Edelhofe zurückgeblieben.

Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun,

mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter

und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem

Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern

herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme.

Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen.

Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung

stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe.

Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast

überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner

goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst

du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen.

Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und

mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest

du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten -- und

mir würde das nicht unbekannt bleiben --, so müßte ich dir mit eigener

Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den

unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ

nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel

empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen

kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn

du sie mir nicht selbst zeigen magst.«

Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um

der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten

sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede

darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt

habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines

Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und

Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau

gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer

Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume

ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das

Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher

Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte

sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu

erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel

ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte

Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten

am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des

Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr

bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl

das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu

mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.

Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des

Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten

Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die

Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer,

welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an

der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein

hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat

ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein

geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot

ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht

erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht:

»Schlüssel und Schloß« -- meinte sie -- »haben keine Zunge, mit der sie

dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann

hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir,

wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune

vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune

dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu

öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.«

Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der

Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes

mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's

Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse

umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste

im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu

beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die

Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte

derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil;

der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das

Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren

machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen

Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen

Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden

--wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot

übertreten hatten.

Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie

sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht

habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren

Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem

Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den

Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie

ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen

und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür

zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit

auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich

befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es

fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des

Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo

möglich wieder gut zu machen.

Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen

zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen,

und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der

Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau

erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu

erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der

Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat,

brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau

wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah

augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene

Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer

Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die

Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und

seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen

konnte. »Ruchloses Geschöpf!« -- schrie er mit fürchterlicher Stimme --

»du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot

übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen

Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und

alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den

Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück

und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich

zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«

Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen,

aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine

Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als

der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn

sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem

Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder

ihres Gatten Herz zu erweichen.

»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den

Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete,

schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken

Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu

tödten.

Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten

ein schwerer Knüttel auf seinen Kopf, so daß ihm das Beil aus der Hand

fiel, und er selbst hinstürzte. In seiner Wuth hatte der Mörder nicht

bemerkt, daß ein Mann mit einem Knüttel hinter ihm her schritt, als er

die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tönnis. Die Frau

war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so daß sie nichts mehr

von dem wußte, was um sie her vorging. Tönnis band dem Herrn Hände und

Füße mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner

Betäubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden

Böses zufügen. Dann eilte Tönnis der ohnmächtigen Frau zu Hülfe, die

erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.

Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine

Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung

brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und

auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe

gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht

gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten

hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und

Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde

unter die Armen vertheilt.

Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie

heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis

zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.

Ehstnische Märchen · 第 49 / 69 题