Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen
Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten
standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse,
das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und
rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht
eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort
deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den
Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da
nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der
Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können.
An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen
hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach
der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf,
sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon
er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen
auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien.
Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu
kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen.
Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte
Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer
Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube
bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den
jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl
nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so
rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten -- aber es blieb
Allen ein Räthsel.
Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht
hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen,
wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie
waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste
überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin
eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge
alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins
Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke,
seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so
erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang,
das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne
eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der
Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf
seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die
Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im
mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der
Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die
Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und
alle Kosten selbst zu tragen wünsche.
So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon
wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte
auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein
Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut
mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die
Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war,
zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht,
seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten
ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das
jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine
Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr
liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt
kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem
Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er
wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es
befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer
vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte;
mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in
sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten,
daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen
hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz
gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er
wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein
sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen
war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein,
höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch
ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet
haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte,
woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen
gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir,
als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich
noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem
Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen
Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den
Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht
ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen
gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein
sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht
er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis
rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich:
»Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den
Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.«
Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis
durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im
Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich
gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine
Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich
diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht
leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein
Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der
Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz,
ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge.
Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn,
was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus
nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn
mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« -- sagte er, -- »soll Niemand
es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um
Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« -- sagte der alte
Herr, -- »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der
Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner
Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte
er ihrem Begehren willfahren.
Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer
Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und
jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch
keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die
Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben
wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele
kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem
stolzen Edelhofe zurückgeblieben.
Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun,
mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter
und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem
Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern
herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme.
Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen.
Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung
stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe.
Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast
überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner
goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst
du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen.
Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und
mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest
du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten -- und
mir würde das nicht unbekannt bleiben --, so müßte ich dir mit eigener
Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den
unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ
nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel
empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen
kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn
du sie mir nicht selbst zeigen magst.«
Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um
der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten
sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede
darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt
habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines
Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und
Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau
gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer
Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume
ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das
Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher
Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte
sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu
erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel
ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte
Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten
am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des
Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr
bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl
das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu
mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.
Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des
Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten
Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die
Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer,
welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an
der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein
hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat
ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein
geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot
ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht
erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht:
»Schlüssel und Schloß« -- meinte sie -- »haben keine Zunge, mit der sie
dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann
hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir,
wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune
vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune
dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu
öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.«
Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der
Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes
mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's
Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse
umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste
im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu
beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die
Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte
derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil;
der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das
Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren
machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen
Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen
Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden
--wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot
übertreten hatten.
Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie
sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht
habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren
Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem
Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den
Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie
ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen
und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür
zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit
auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich
befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es
fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des
Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo
möglich wieder gut zu machen.
Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen
zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen,
und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der
Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau
erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu
erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der
Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat,
brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau
wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah
augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene
Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer
Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die
Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und
seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen
konnte. »Ruchloses Geschöpf!« -- schrie er mit fürchterlicher Stimme --
»du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot
übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen
Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und
alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den
Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück
und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich
zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«
Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen,
aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine
Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als
der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn
sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem
Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder
ihres Gatten Herz zu erweichen.
»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den
Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete,
schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken
Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu
tödten.
Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten
ein schwerer Knüttel auf seinen Kopf, so daß ihm das Beil aus der Hand
fiel, und er selbst hinstürzte. In seiner Wuth hatte der Mörder nicht
bemerkt, daß ein Mann mit einem Knüttel hinter ihm her schritt, als er
die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tönnis. Die Frau
war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so daß sie nichts mehr
von dem wußte, was um sie her vorging. Tönnis band dem Herrn Hände und
Füße mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner
Betäubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden
Böses zufügen. Dann eilte Tönnis der ohnmächtigen Frau zu Hülfe, die
erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.
Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine
Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung
brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und
auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe
gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht
gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten
hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und
Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde
unter die Armen vertheilt.
Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie
heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis
zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.