16. Die Meermaid

In der alten glücklichen Zeit gab es auf Erden viel bessere Menschen als

jetzt, darum ließ ihnen der himmlische Vater auch manche Wunder offenbar

werden, welche heut' zu Tage entweder ganz verborgen bleiben, oder nur

selten einmal einem Glückskinde erscheinen. Zwar die Vögel singen nach

alter Weise, und die Thiere tauschen ihre Laute aus, aber leider

verstehen wir ihre Sprache nicht, und was sie sagen, bringt uns weder

Lehre noch Nutzen.

In der _Wiek_ wohnte vor Zeiten am Strande eine schöne Meermaid, die sich

den Leuten oftmals zeigte; noch meines Großvaters Vetter, der in dieser

Gegend aufwuchs, hatte sie zuweilen auf einem Steine sitzen sehen, aber

das Bürschlein hatte nicht gewagt näher zu treten. Die Jungfrau erschien

in mancherlei Gestalten, bald als Füllen oder Färse, bald wieder als ein

anderes Thier; manchen Abend mischte sie sich unter die Kinder, und ließ

es sich gefallen, daß sie mit ihr spielten, daß sich die Knäblein ihr

auf den Rücken setzten -- dann war sie plötzlich wie unter die Erde

gesunken!

Wie die alten Leute jener Zeit erzählten, konnte man die Jungfrau in

früheren Tagen fast jeden schönen Sommerabend am Meeresufer sehen, wo

sie auf einem Steine sitzend ihr langes blondes Haar mit goldenem Kamme

glättete, und so schöne Lieder sang, daß den Hörern das Herz hinschmolz.

Die Annäherung der Menschen aber duldete sie nicht, sondern entschwand

ihren Blicken, oder entwich in's Meer, wo sie als Schwan sich auf den

Wellen schaukelte. Warum sie vor den Menschen floh, und nicht mehr das

frühere Zutrauen zu ihnen hatte, darüber wollen wir jetzt das nähere

melden.

In alten Tagen, lange vor der Schwedenzeit, lebte am Strande der Wiek

ein wohlhabender Bauer mit seiner Frau und vier Söhnen; ihren täglichen

Unterhalt gewannen sie mehr der See als dem Acker ab, weil der Fischfang

zu ihrer Zeit gar reich gesegnet war. Ihr jüngster Sohn zeigte sich von

klein auf in allen Stücken anders als seine Brüder, er mied die

Gesellschaft der Menschen, schlenderte am Meeresufer und im Walde umher,

sprach mit sich selbst, mit den Vögeln oder mit Wind und Wellen, aber

wenn er unter die Leute kam, öffnete er den Mund nicht viel, sondern

stand wie träumend. Wenn im Herbst die Stürme aus dem Meere tobten, die

Wellen sich haushoch thürmten und sich schäumend am Ufer brachen, dann

ließ es dem Knaben zu Hause keine Ruhe mehr, er lief wie besessen, oft

halb nackend, an den Strand. Wind und Wetter scheute sein abgehärteter

Körper nicht. Er sprang in den Kahn, ergriff die Ruder und fuhr, gleich

einer wilden Gans, auf dem Kamme der tobenden Wellen weit in die See

hinaus, ohne daß seine Verwegenheit ihm jemals Gefahr gebracht hätte. Am

Morgen, wenn der Sturm ausgetobt hatte, fand man ihn am Meeresufer in

süßem Schlafe. Schickte man ihn irgend wohin, um ein Geschäft zu

besorgen, z. B. im Sommer das Vieh zu hüten, oder sonst kleine Arbeiten

zu übernehmen, so machte er seinen Eltern nur Verdruß. Er warf sich

irgendwo in den Schatten eines Busches, ohne der Thiere zu achten, die

sich zerstreuten, Wiesen oder Kornfelder betraten, und sich auch

theilweise verliefen, so daß die Brüder Stunden lang zu thun hatten, bis

sie der verlorenen Thiere wieder habhaft wurden. Wohl hatte der Vater

den Knaben die Ruthe bitter genug fühlen lassen, aber das wirkte nicht

mehr, als Wasser auf eine Gans gegossen. Als der Knabe zum Jüngling

herangewachsen war, ging es auch nicht besser, keine Arbeit gedieh unter

seinen lässigen Händen; er zerschlug und zerbrach das Arbeitsgerät,

mattete die Arbeitsthiere ab, und schaffte doch nichts Rechtes.

Der Vater gab ihn nun auf fremde Bauerhöfe in Dienst, weil er hoffte,

daß vielleicht die fremde Peitsche den Lotterer bessern und zum

ordentlichen Menschen machen möchte; aber wer den Burschen eine Woche

lang auf Probe gehabt hatte, schickte ihn auch in der nächsten Woche

wieder zurück. Die Eltern schalten ihn einen Tagedieb, und die Brüder

hießen ihn »_Schlaf-Tönnis_;« binnen kurzem war dieser Spitzname in aller

Munde, wiewohl er auf den Namen _Jürgen_ getauft war. Weil nun der

Schlaf-Tönnis keinem Menschen Nutzen brachte, vielmehr Eltern und

Geschwistern nur zur Last fiel und im Wege war, so hätten sie gern ein

Stück Geld hingegeben, wenn jemand sie von dem Faullenzer befreit hätte.

Als der Schlaf-Tönnis nirgends mehr aushielt, und auch Niemand ihn

behalten wollte, verdingte ihn endlich der Vater bei einem fremden

Schiffer als Knecht, weil er doch auf der See nicht davon laufen konnte,

und weil der Bursche auch das Meer von klein auf geliebt hatte. Trotzdem

war er nach einigen Wochen, ich weiß nicht wie? von dem Schiffe

entkommen, und hatte seine trägen Füße wieder auf den heimischen Boden

gesetzt. Nur schämte er sich, das Haus seiner Eltern zu betreten, wo er

auf keinen freundlichen Empfang hoffen durfte, er trieb sich von einem

Orte zum andern herum, und suchte sein Leben zu fristen, wie es ging,

ohne zu arbeiten. Er war ein hübscher starker Bursche, und konnte ganz

angenehm sprechen, wenn er wollte, obschon er im elterlichen Hause

seinen Mund nie viel zum Reden gebraucht hatte. Jetzt mußten ihn sein

schmuckes Aussehen und seine glatte Rede erhalten, denn er wußte sich

damit bei Frauen und Mädchen einzuschmeicheln.

Da geschah es, als er an einem schönen Sommerabend nach Sonnenuntergang

allein am Strande sich erging, daß der Meermaid holder Gesang an sein

Ohr drang. Schlaf-Tönnis dachte alsbald: »Sie ist auch ein Weib, und

wird mir nichts zu Leide thun!« Er zögerte also nicht, dem Gesange

nachzugehen, um den schönen Vogel in Augenschein zu nehmen. Er bestieg

den höchsten Hügel, und gewahrte von da über einige Felder weg die

Meermaid, die auf einem Steine saß, wo sie mit goldenem Kamme ihr Haar

glättete und ein herrliches Lied sang. Der Jüngling hätte sich mehr

Ohren gewünscht, um den Gesang zu hören, der ihm in's Herz schlug wie

eine Flamme; als er aber näher kam, sah er, daß hier eben so viele Augen

Noth thäten, die Schönheit der Jungfrau zu fassen. Gewiß hatte die

Meermaid den Kommenden bemerkt, aber sie floh nicht vor ihm, was sie

doch sonst immer that, wenn sich Menschen ihr näherten. Schlaf-Tönnis

mochte etwa noch zehn Schritte von ihr sein, als er plötzlich still

stand, unentschlossen, ob er warten oder näher treten solle. Und

wunderbar! Die Meermaid erhob sich vom Steine und kam ihm mit

freundlicher Miene entgegen. Grüßend bot sie dem Jüngling die Hand und

sagte: »Ich habe dich hier schon manchen Tag erwartet, weil ein

bedeutsamer Traum mir deine Ankunft kündete. Du hast unter den Menschen

nirgends Haus noch Heim, wohin du gehen könntest, oder wo Leute deines

Schlages taugten. Warum solltest du auch von Fremden abhängig sein, wenn

die Eltern dir in ihrem Hause keine Stätte bieten? Ich kenne dich von

klein auf und besser, als die Menschen dich kennen, weil ich ungesehen

oft um dich war und dich schützte, wenn dein verwegener Uebermuth dich

hätte verderben können. Ja, meine Hände haben oft dein schwankes Boot

gehütet, daß es nicht in die Tiefe sank! Komm mit mir, du sollst

Herrentage haben, und es soll dir an nichts mangeln, was dein Herz nur

begehrt, sollst du kosten. Ich will dich warten und hüten wie meinen

Augapfel, daß weder Wind noch Regen noch Frost dir etwas anhaben

sollen.« Schlaf-Tönnis stand noch immer im Zweifel, er kratzte sich

hinter den Ohren und überlegte, was er antworten solle; obgleich jedes

Wort der Jungfrau ihm wie ein Feuerpfeil in's Herz gedrungen war.

Endlich fragte er schüchtern, ob ihre Behausung weit von hier sei. »Wir

können mit Windesschnelle dahin kommen, wenn du festes Vertrauen zu mir

hast,« erwiederte die Meermaid. Da fielen dem Schlaf-Tönnis plötzlich

mancherlei Reden ein, die er früher von den Leuten über die Meermaid

gehört hatte, das Herz bangte ihm, und er bat sich drei Tage Bedenkzeit

aus. »Ich will deinen Wunsch erfüllen,« sagte die Meermaid, »aber damit

du nicht wieder unsicher werdest, will ich dir, bevor wir scheiden,

meinen goldenen Ring an deinen Finger stecken, auf daß du das

Wiederkommen nicht vergessest. Wenn wir dann näher mit einander bekannt

werden, so kann vielleicht aus diesem Pfande ein Verlobungsring werden.«

Mit diesen Worten zog sie den Ring ab, steckte ihn dem Jüngling an den

kleinen Finger und verschwand dann, als wäre sie in Luft zerflossen.

Schlaf-Tönnis blieb mit offenen Augen stehen, und hätte das Vorgefallene

für einen Traum gehalten, wenn nicht der glänzende Ring an seinem Finger

das Gegentheil dargethan hätte. -- Aber mit diesem Ringe schien wie ein

fremder Geist in ihn gefahren zu sein, der ihm nirgends mehr Rast noch

Ruhe ließ. Er streifte die ganze Nacht unstet am Strande umher und kam

immer wieder zu dem Steine zurück, auf welchem die Jungfrau gesessen

hatte -- aber der Stein war kalt und leer. Am Morgen legte er sich ein

wenig nieder, aber unruhige Träume störten seinen Schlaf. Als er

erwachte, fühlte er weder Hunger noch Durst, all sein Sinnen stand nur

auf den Abend, da hoffte er die Meermaid wieder zu sehen. Der Tag neigte

sich endlich, es wurde Abend, der Wind legte sich, die Vögel im

Erlenbusch hörten auf zu singen, und steckten die müden Schnäbel unter

die Flügel -- aber die Meermaid sah er an dem Abend nirgends.

Sorge und Leid preßten ihm schwere Thränen aus, in seinem Unmuth hätte

er sich die bitterste Qual anthun mögen -- warum hatte er am gestrigen

Abend das dargebotene Glück verschmäht und sich eine Bedenkzeit

ausbedungen, wo ein klügerer als er das Glück mit beiden Händen bei den

Hörnern gepackt haben würde. Nun half keine Reue noch Klage. Nicht

minder trübselig verstrich ihm die Nacht und der folgende Tag; unter der

Last des Kummers fühlte er nicht einmal den Hunger. Gegen

Sonnenuntergang setzte er sich zerknirschten Herzens auf eben den Stein,

auf welchem die Meermaid vorgestern gesessen hatte, fing an bitterlich

zu weinen und sagte ächzend: »Wenn sie heute nicht kommt, so will ich

nicht länger mehr leben, sondern entweder hier auf dem Steine Hungers

sterben, oder mich jählings in die Wellen stürzen und in der Tiefe des

Meeres mein elendes Leben enden!« -- Ich weiß nicht, wie lange er so in

Gram versunken gesessen hatte, als er eine weiche warme Hand auf seiner

Stirne fühlte. Als er die Augen aufschlug, sah er die Jungfrau vor sich,

die ihn liebreich anredete: »Ich sah deine herbe Qual, hörte dein

sehnsüchtiges Seufzen und mochte nicht länger zögern, obgleich deine

Bedenkzeit erst morgen Abend abläuft.«

»Vergebt mir, vergebt mir, theure Jungfrau!« bat Schlaf-Tönnis

schluchzend. »Vergebt mir! ich war ein sinnloser Thor, daß ich das

unverhoffte Glück nicht festzuhalten wußte. Der Teufel weiß, was für

eine Tollheit mir vorgestern in den Kopf kam. Bringt mich, wohin ihr

wollt, ich widerstrebe nicht, ja ich würde mit Freuden mein Leben für

euch hingeben.«

Die Meermaid erwiederte lachend: »Mich verlangt nicht nach deinem Tode,

sondern ich will dich lebend als lieben Genossen zu mir nehmen.« Dann

nahm sie den Jüngling bei der Hand, führte ihn einige Schritte näher

an's Meer, verband ihm mit einem seidenen Tuche die Augen, und in

demselben Augenblicke fühlte sich Schlaf-Tönnis von zwei starken Armen

umfaßt, welche ihn wie im Fluge emporhoben und dann jählings in die Flut

stürzten. Als die kalte Flut seinen Leib berührte, verlor er das

Bewußtsein, so daß er nicht mehr wußte, was mit ihm und um ihn vorging.

Er konnte also späterhin auch nicht sagen, wie lange seine Ohnmacht

gedauert hatte.

Als er erwachte, sollte er noch Seltsameres erfahren.

Er fand sich auf weichem Kissen in seidenem Bette, das in einem

prächtigen Gemache stand, dessen Wände von Glas und von innen mit rothen

Sammetdecken verhüllt waren, damit das grelle Licht den Schläfer nicht

wecke. Eine Zeit lang wußte er selbst nicht recht, ob er noch lebe oder

sich nach dem Tode an einem unbekannten Orte befinde. Er reckte seine

Glieder hin und her, nahm seine Nasenspitze zwischen die Finger, und

siehe! -- es war Alles, wie es sein mußte. Angethan war er mit einem

feinen weißen Hemde, und schöne Kleider lagen auf einem Stuhl vor seinem

Bette. Nachdem er sich eine Zeit lang im Bette gedehnt und sich

handgreiflich überzeugt hatte, daß er wirklich am Leben sei, stand er

endlich auf und zog sich an. -- Zufällig hustete er, und augenblicklich

traten zwei Mädchen ein, grüßten ehrerbietig und baten, der »_gnädige

Herr_« möge ihnen sagen, was er frühstücken wolle. Während die eine den

Tisch deckte, ging die andere die Speisen zu bereiten. Es dauerte nicht

lange, so standen Schüsseln mit Schweinefleisch, Wurst, Blutklößen und

Scheibenhonig, nebst Bier- und Methkannen auf dem Tische -- gerade als

ob eine prächtige Hochzeit gefeiert würde. Schlaf-Tönnis, der mehrere

Tage ohne Nahrung geblieben war, setzte seine Kinnladen in Bewegung und

aß, was der Magen fassen wollte, dann streckte er sich aufs Bett, um zu

verdauen. Als er wieder aufstand, kamen die Dienerinnen zurück und baten

den »gnädigen Herrn«, im Garten spazieren zu gehen, während die gnädige

Frau sich ankleiden lasse. Es wurden ihm von allen Seiten so viel

»gnädige Herren« an den Hals geworfen, daß er schon anfing, sich für

einen solchen zu halten, und seines früheren Standes vergaß.

Ich Garten fand er auf Schritt und Tritt Schönheit und Zierde; im grünen

Laube glänzten goldene und silberne Aepfel, sogar die Fichten- und

Tannenzapfen waren golden und goldgefiederte Vögel hüpften in den

Wipfeln und auf den Zweigen. Zwei Mädchen traten hinter einem Gebüsche

hervor, sie hatten Auftrag, den »gnädigen Herrn« im Garten herum zu

führen und ihm alle Schönheiten desselben zu zeigen. Weiter gehend

gelangten sie an den Rand eines Teiches, auf welchem silbergefiederte

Gänse und Schwäne schwammen. Ueberall schimmerte Morgenroth, doch

nirgends sah man die Sonne. Die mit Blüthen bedeckten Gebüsche hauchten

süßen Duft aus, und Bienen, groß wie Bremsen, flogen um die Blüthen

herum. Alles, was unser Freund hier von Bäumen und Gewächsen erblickte,

war viel herrlicher, als wir es jemals schauen. Sodann erschienen zwei

prächtig gekleidete Mädchen, um den »gnädigen Herrn« zur gnädigen Frau

einzuladen, welche ihn erwarte. Ehe man ihn zu ihr führte, wurde ihm

noch ein blauseidener Shawl[76] um die Schultern gelegt. Wer hätte in

diesem Aufzuge den früheren Schlaf-Tönnis wieder erkannt?

In einer prächtigen Halle, die so groß wie eine Kirche und auch, wie das

Schlafgemach, aus Glas gegossen war, saßen zwölf scheue Jungfrauen auf

silbernen Stühlen. Hinter ihnen auf einer Erhöhung unweit der Wand

standen zwei goldene Stühle, auf deren einem die hehre Königin saß,

während der andere noch leer war. Als Schlaf-Tönnis über die Schwelle

trat, erhoben sich alle Jungfrauen von ihren Sitzen und grüßten den

Ankömmling ehrerbietig, setzen sich auch nicht eher wieder, als bis es

ihnen geheißen worden. Die Herrin selber blieb auf ihrem Stuhle sitzen,

nickte dem Jünglinge ihren Gruß zu und winkte befehlend mit dem Finger,

worauf die Führerinnen den Schlaf-Tönnis in die Mitte nahmen und zur

Herrin geleiteten. Der Jüngling ging schüchternen Schrittes vorwärts,

und wagte nicht die Augen aufzuschlagen, denn all' die unerwartete

Pracht und Herrlichkeit blendete ihn. Man wies ihm seinen Platz auf dem

goldenen Stuhle neben der Herrin an, und diese sagte: »Dieser Jüngling

ist mein lieber Bräutigam, dem ich mich verlobt und den ich mir zu

meinem Gemahl erkoren habe. Ihr müßt ihm jegliche Ehre erweisen und ihm

eben so gehorchen wie mir. Jedes Mal, daß ich das Haus verlasse, müßt

ihr ihm die Zeit vertreiben und ihn pflegen und hüten wie meinen

Augapfel. Schwere Strafe würde den treffen, der meinen Willen nicht

pünktlich erfüllt.«

Schlaf-Tönnis sah wie verbrüht drein, weil er gar nicht wußte, was er

von der Sache halten solle; die Erlebnisse dieser Nacht schienen

wunderbarer als Wunder. Er mußte sich in Gedanken immer wieder fragen,

ob er wache oder träume. Die Herrin errieth, was in ihm vorging, erhob

sich von ihrem Stuhle, nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus einem

Zimmer in's andere; alle waren menschenleer. So waren sie in das zwölfte

Gemach gelangt, das etwas kleiner aber noch prächtiger war, als die

andern. Hier nahm die Herrin ihre Krone vom Haupte, warf den

goldverbrämten seidenen Mantel ab, und als Schlaf-Tönnis jetzt die Augen

aufzuschlagen wagte, sah er keine fremde Herrin, sondern die Meermaid an

seiner Seite. O du liebe Zeit! jetzt wuchs ihm plötzlich der Muth und

seine Hoffnung erblühte. Freudig rief er: »O theure Meermaid!« -- aber

in demselben Augenblick schloß die Hand der Jungfrau ihm den Mund; sie

sprach in ernstem Tone: »Wenn dir mein und dein eigenes Glück lieb ist,

so nenne nie mehr diesen Namen, den man mir zum Schimpf beigelegt hat.

Ich bin der Wasser-Mutter[77] Tochter, und unserer sind viele

Schwestern, wenn wir auch alle einsam, jede an ihrem Ort, im Meere, in

Seeen und Flüssen wohnen, und uns nur selten einmal durch einen

glücklichen Zufall zu sehen bekommen.« Dann erklärte sie ihm, sie habe

bis jetzt jungfräulich gelebt, müsse aber als verordnete Herrscherin

Namen und Würde einer königlichen Frau aufrecht erhalten. Schlaf-Tönnis

war durch sein unverhofftes Glück wie von Sinnen gekommen, er wußte

nicht, was er in seiner Freude beginnen sollte, aber die Zunge war ihm

wie gebunden, und er brachte nicht viel mehr heraus als _Ja_ oder _Nein_.

Als er sich aber beim Mittagsmahl die leckeren Speisen schmecken ließ,

und als die köstlichen Getränke ihm warm machten, da löste sich auch

seine Zunge, und er wußte sich nicht bloß wie sonst gut zu unterhalten,

sondern auch manchen artigen Scherz anzubringen.

Am folgenden und am dritten Tage ging dieses glückliche Leben eben so

fröhlich weiter; Schlaf-Tönnis glaubte sich bei lebendigem Leibe in den

Himmel versetzt. Vor Schlafengehen sagte die Meermaid zu ihm: »Morgen

haben wir Donnerstag,[78] und allwöchentlich muß ich, einem Gelübde

gemäß an diesem Tage fasten und einsam von allen Andern getrennt leben.

Donnerstags kannst du mich nicht früher sehen, als bis der Hahn Abends

drei Mal gekräht hat. Meine Dienerinnen werden inzwischen für dich

sorgen, daß dir die Zeit nicht lang werde, und es dir an Nichts fehle.«

Am andern Morgen fand Schlaf-Tönnis seine Genossin nirgends -- er

gedachte dessen, was sie ihm am Abend zuvor angekündigt hatte, nämlich,

daß er heute und jeden künftigen Donnerstag ohne seine Gemahlin

zubringen müsse. Die Dienerinnen bemühten sich, ihm auf alle Weise die

Zeit zu vertreiben, sie sangen, spielten und führten heitere Tänze auf;

dann setzten sie ihm wieder Speise und Trank vor, wie ein geborener

Königssohn sie nicht besser haben konnte, und der Tag verging ihm

schneller als er geglaubt hatte. Nach dem Abendessen begab er sich zur

Ruhe, und als der Hahn das dritte Mal gekräht hatte, kam die Schöne

wieder zu ihm. Ebenso ging es an jedem folgenden Donnerstage. Oft zwar

hatte er die Geliebte gebeten, am Donnerstage mit ihr zusammen fasten zu

dürfen, aber vergebens. Als er nun einst wieder an einem Mittwoch seine

Gemahlin mit dieser Bitte quälte und ihr keine Ruhe ließ, sagte die

Meermaid mit thränenden Augen: »Nimm mein Leben, wenn du willst, ich

gebe es gerne hin, aber deinen Wunsch, dich zu meinem Fasttage

mitzunehmen, kann und darf ich nicht erfüllen.«

Ein Jahr oder darüber mochte ihnen so verflossen sein, als sich Zweifel

im Herzen des Schlaf-Tönnis regten, die immer quälender wurden, so daß

er keine Ruhe mehr fand. Das Essen wollte ihm nicht munden, und der

Schlaf erquickte ihn nicht. Er fürchtete nämlich, daß die Meermaid außer

ihm noch einen heimlichen Geliebten habe, in dessen Armen sie jeden

Donnerstag ruhe, während er die Zeit mit ihren Dienerinnen hinbringen

müsse. Die Kammer, in welcher die Meermaid sich Donnerstags verborgen

hielt, kannte er längst, aber was half es? Die Thür war immer

verschlossen und die Fenster waren von innen durch doppelte Vorhänge so

dicht verhüllt, daß nirgends eine Oeffnung wenn auch nur von der Breite

eines Nadelöhrs blieb, durch welche ein Sonnenstrahl, geschweige denn

ein menschliches Auge, hätte eindringen können. Aber je unmöglicher die

Aufhellung dieses Geheimnisses schien, desto heftiger wurde sein

Verlangen, der Sache auf den Grund zu kommen. Wenngleich er von dem, was

ihm auf dem Herzen lastete, der Meermaid kein Wörtchen verrieth, so

merkte sie doch an seinem unsteten Wesen, daß die Sachen nicht mehr

standen wie sie sollten. Wiederholt bat sie ihn mit Thränen in den

Augen, er möge sie und sich selbst doch nicht mit verkehrten Gedanken

plagen. »Ich bin,« sagte sie, »frei von aller Schuld gegen dich, ich

habe keine heimliche Liebe noch irgend eine andere Sünde gegen dich auf

dem Gewissen. Aber dein falscher Argwohn macht uns Beide unglücklich,

und wird unsern Herzensfrieden zerstören. Mit Freuden würde ich jeden

Augenblick mein Leben für dich hingeben, wenn du es wünschen würdest,

aber an meinem Fasttage kann ich dich nicht in meine Nähe lassen. Es

darf nicht sein, und würde unserer Liebe und unserem Glücke für immer

den Untergang bringen. Wir leben ja sechs Tage in der Woche in ruhigem

Glücke mit einander, wie kann uns die Trennung _eines_ Tages so schwer

fallen, daß du sie nicht ertragen solltest.«

Sechs Tage hielt solch' ein verständiger Zuspruch immer wieder vor, aber

wenn der nächste Donnerstag kam, und die Meermaid nicht erschien, dann

verlor er den Kopf und geberdete sich wie ein halb Verrückter. Er hatte

keine Ruhe mehr, zuletzt wollte er am Donnerstage Niemand um sich

haben, die Dienerinnen durften nur die Speisen und Getränke auftragen

und mußten sich dann gleich entfernen, damit er allein hausen könne wie

ein Gespenst.

Diese gänzliche Verwandlung nahm Alle Wunder, und als die Meermaid die

Sache erfuhr, wollte sie sich die Augen aus dem Kopfe weinen; doch

überließ sie sich ihrem Schmerze nur, wenn Niemand dabei war.

Schlaf-Tönnis hoffte, wenn er allein gelassen würde, bessere Gelegenheit

zur Untersuchung der geheimnißvollen Fastenkammer zu finden --

vielleicht entdeckte er doch irgendwo ein Spältchen, durch welches er

spähen und beobachten könnte, was dort vorginge. Je mehr er sich aber

abquälte, desto unmuthiger wurde auch die Meermaid, und wenn sie noch

ein freundliches Antlitz zeigte, so kam ihr doch die Freundlichkeit

nicht mehr von Herzen wie sonst.

So vergingen einige Wochen, und die Sache wurde nicht besser und nicht

schlechter; da fand Schlaf-Tönnis eines Donnerstags neben dem Fenster

eine kleine Stelle, wo die Vorhänge sich zufällig verschoben hatten, so

daß der Blick in die Kammer dringen konnte. Was er da sah, machte sein

Herz ärger als Februarkälte gerinnen. Das geheimnißvolle Gemach hatte

keinen Fußboden, sondern sah aus wie ein großer viereckiger Kübel, der

viele Fuß hoch mit Wasser gefüllt war. Darin schwamm seine geliebte

Meermaid. Vom Kopf bis zum Bauch hatte sie noch die Schönheit des

weiblichen Körpers, aber die untere Hälfte vom Nabel abwärts war ganz

Fisch, mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Mit dem breiten

Fischschwanz plätscherte sie zuweilen im Wasser, daß es hoch

aufspritzte. -- Der Späher wich wie betäubt zurück, und ging betrübt

hinweg. Wie viel hätte er darum gegeben, wenn er diesen Anblick aus

seinem Gedächtnisse hätte auslöschen können! Er dachte hin und her,

wußte aber nicht, was er anfangen sollte.

Der Hahn hatte am Abend wie gewöhnlich drei Mal gekräht, aber die

Meermaid kam nicht zu ihm zurück. Er durchwachte die ganze Nacht, aber

die Schöne erschien immer noch nicht. Erst am Margen kam sie in

schwarzen Trauerkleidern, das Gesicht mit einem dünnen Seidentuch

verhüllt, und sprach mit weinender Stimme: »O, du Unseliger, der du

durch deine Torheit unserem glücklichen Leben ein Ende gemacht hast! Du

siehst mich heute zum letzten Male und mußt nun wieder in deinen

früheren Zustand zurückkehren, was du dir selber zuzuschreiben hast.

Leb' wohl zum letzten Male!«

Ein plötzlicher Krach und ein starkes Getöse, als ob der Boden unter den

Füßen weg rollte, warf den Schlaf-Tönnis nieder, und in seiner Betäubung

hörte und sah er nicht mehr, was mit ihm und um ihn her vorging.

Als er endlich, wer weiß wie lange nachher, aus seiner Ohnmacht

erwachte, fand er sich am Meeresstrande, dicht bei demselben Steine, auf

welchem die schöne Meermaid gesessen hatte, als sie den

Freundschaftsbund mit ihm schloß. Statt der prächtigen Kleider, die er

in der Behausung der Meermaid täglich getragen hatte, fand er seinen

alten Anzug, der aber viel älter und zerlumpter aussah, als es nach

seiner Annahme der Fall sein konnte. Die Glückstage unseres guten

Freundes waren vorüber, und keine noch so bittere Reue konnte sie

zurückbringen.

Als er weiter ging, stieß er auf die ersten Gehöfte seines Dorfs. Sie

standen wohl an der alten Stelle, aber sahen doch anders aus. Was ihm

aber, als er sich umsah, noch viel wunderbarer dünkte, war, daß die

Menschen ihm ganz fremd waren, und nicht ein einziges bekanntes Gesicht

ihm begegnete.

Auch ihn sahen Alle befremdet an, als ob sie ein Wunderthier vor sich

hätten. Schlaf-Tönnis ging nun zum Hofe seiner Eltern; auch hier kamen

ihm fremde Menschen entgegen, die ihn nicht kannten, und die er nicht

kannte. Erstaunt fragte er nach seinem Vater und seinen Brüdern, aber

Niemand konnte ihm Bescheid geben. Endlich kam ein gebrechlicher Alter

auf einen Stock gestützt aus dem Hause und sagte: »Bauer, der Wirth,

nach welchem du dich erkundigst, schläft schon über dreißig Jahre in der

Erde; auch seine Söhne müssen todt sein. Wo kommst du denn her,

Alterchen, um solchen vergessenen Dingen nachzuforschen?« Das Wort

»Alterchen« hatte den Schlaf-Tönnis dermaßen erschreckt, daß er nichts

weiter fragen konnte. Er fühlte seine Glieder zittern, wandte den

fremden Menschen den Rücken, und eilte zur Pforte hinaus. Die Anrede

»Alterchen« ließ ihm keine Ruhe; dies Wort war ihm centnerschwer auf die

Seele gefallen -- die Füße versagten ihm den Dienst.

An der nächsten Quelle besah er seine Gestalt im Wasserspiegel: die

bleichen zusammengeschrumpften Wangen, die eingefallenen Augen, der

lange graue Bart und die grauen Haare bestätigten, was er vernommen

hatte. Diese vergilbte, verwelkte Gestalt hatte keine Aehnlichkeit mehr

mit dem Jüngling, den die Meermaid sich zum Bräutigam erkoren hatte.

Jetzt erst ward der Unglückliche inne, daß die vermeintlichen paar Jahre

ihm den größten Theil seines Lebens hinweggenommen hatten, denn als

blühender Jüngling war er in das Haus der Meermaid eingezogen, und als

gespenstischer Alter war er zurückgekommen. Dort hatte er weder den Fluß

der Zeit noch das Hinschwinden des Körpers gespürt, und er konnte es

sich nicht erklären, wie die Bürde des Alters ihm so plötzlich, gleich

einer Vogelschlinge, über den Hals gekommen war. Was sollte er jetzt

beginnen, da er als Fremder unter Fremde verschneit war? -- Einige Tage

lang streifte er am Strande von einem Bauerhofe zum andern umher, und

gute Menschen gaben ihm aus Barmherzigkeit ein Stück Brot. Da traf er

einst mit einem munteren Burschen zusammen, dem er seinen Lebenslauf

ausführlich erzählte, aber in derselben Nacht war er auch verschwunden.

Nach einigen Tagen wälzten die Wellen seinen Leichnam an's Ufer. Ob er

vorsätzlich oder zufällig im Meere ertrunken war, ist nicht bekannt

geworden.

Von dieser Zeit an hat sich das Wesen der Meermaid den Menschen

gegenüber gänzlich verändert; nur Kindern erscheint sie zuweilen, fast

immer in anderer Gestalt, erwachsene Menschen aber läßt sie nicht an

sich heran kommen, sondern scheut sie wie das Feuer.

[Fußnote 76: Sfoba, »ein Stück des festlichen Anzuges, ein weißes

wollenes Tuch mit bunt ausgenähten Kanten und mit Troddeln an den kurzen

Rändern, auf der Brust mit einer Spange zusammengehalten.« _Wiedemann_,

Wörterb. s. v. L.]

[Fußnote 77: Vgl. Nota zu dem Märchen von den zwölf Töchtern S. 89. L.]

[Fußnote 78: Vgl. Anm. zum Märchen 1, die Goldspinnerinnen S. 2. L.]

Ehstnische Märchen · 第 45 / 69 题