Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte
Rõugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht
in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte
sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um
späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das
Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß
aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte.
Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu
bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute,
wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der
Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide
von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den
jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's
Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hübsch und glatt,
unterhalb rauh wie Krötenhaut.
Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer
verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von
ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle
unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen
nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten
Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von
ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten
sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »Von diesem Naß
sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, bethören jeden
Burschen, der davon kostet.«
Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus
angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden,
besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar
derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack
wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die
Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum
Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom
Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf
der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das
Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte,
da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als
Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen
später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch
Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was
half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde,
um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel
Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben
Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Wittwe zurück.
Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank
der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht
kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war,
und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in
ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere
Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.
Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen
Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser
Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der
Hexe des Kindes Mutter in einen Wärwolf verwandelt war. Sodann schaffte
sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die
Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie
auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus
Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern
schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden
zwar Kindesbaderinnen und Thränenstillerinnen von nah und fern
zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu
schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: »Tragt den
Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein
Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde
hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin
hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr
noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich
an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war,
brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis
zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von
dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's
Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die
Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater
des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei
mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu
Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am
dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen,
sagte die Wölfin. »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie
kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den
Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du,
so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht
Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch
du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich
rufe.« Die Wärterin that, wie geboten war, und die Sache ging über eine
Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne
Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem
Antlitz.
Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu
dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl
die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn
freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau,
das Kind auf ihrem Schooße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den
Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte
hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als
die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des
Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund
halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem
Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die
Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war. Der Mann
schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er
verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und
eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rath und Hülfe zu
suchen.
Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint
einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz
aufzuklären nicht im Stande bin; aber wir müssen versuchen, durch List
die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon
sehen, was für ein Betrug hier verübt ist.« Dann befahl er dem Manne, in
der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin
die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum
Anziehen untauglich gemacht würde. Der Mann führte den andern Tag, als
des Kindes Säugerin sich in den Wald zurückgezogen hatte, ein Paar Fuder
Holz um den Fels her und auf denselben, und zündete dann in der Nacht
das Holz an, wodurch der Ukkofels gluthroth wurde, wie die Glühsteine
eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes
Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und
schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen
konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die
Wölfin aus dem Walde gerufen, nahm der Wärterin das Kind ab, und legte
es dann so lange in's Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den
Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schooß und
begann es zu säugen. Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto
bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja -- er erkannte in
der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weßhalb die
Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus
dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken
auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom
Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur
ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf
jetzt der Mann auf die allerheißeste Stelle, wo nun die letzten Fetzen
zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau,
sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu
bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging
er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du mußt heute in
die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die
Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie könne den Luftzug
nicht vertragen; wie könne sie so über den Hof in die Badstube gehn.
»Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden
und mir den Tod holen.« Der Mann erwiederte: »Das hat gar nichts zu
sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so daß der
Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau
ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes
Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde.
Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die
Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Thür so fest zu, daß
keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann
zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend
rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter. Ich
komme euch zu danken, daß ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von
der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen
Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deßhalb
wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer
Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug
nicht, sondern freute sich, daß die Sache so gut gegangen war. Der
Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den
Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die
Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust
hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!«
erwiederte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten,
verschloß die Thür und warf dann den rothen Hahn auf's Dach. Da
verbrannte denn die Badstube sammt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter.
-- Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der
Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.
[Fußnote 75: Rõugataja, dessen Frau hier (wie im Märchen 13 S. 173)
eine so häßliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipoëg =II=. 501 ff. als
geburtshelfender Gott. Er und der Gott =Ukko=, welcher gleichbedeutend ist
mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte =Tara= treten an das Lager
der kreißenden Wittwe Linda, welche ihre Hülfe angerufen hatte, und
nachdem beide Götter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn
glücklich zur Welt. Nach _=Castrén=_. Vorl. S. 45, wurde der finnische =Ukko=
nur bei schweren Kindesnöthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die
ehstnische Ueberlieferung den Rõugataja als Schützer der Wöchnerinnen
und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der
mütterliche Schooß nicht unfruchtbar bleibe. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S.
18. 42. 43. Dann tritt Rõugataja mit abgeschwächter Bedeutung nur noch
als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wärterinnen beim ersten
Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S.
49. 53. 54. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt
ist der Gott Rõugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt,
mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. -- Der Name,
der auch in der Form =Raugutaja= vorkommt, scheint mit dem finnischen
Roggen- oder Saatengott =Ronkoteus= zusammenzuhängen. Daß ein Gott der
Saaten mit dem Gebären des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht
auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der
Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die
griechische Braut betritt mit gerösteter Gerste das Haus des Bräutigams.
Auffallend ist es, daß die ehstnische Mythologie, die doch sonst an
weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die
griechische Eileithyia, oder die römische Lucina aufzuweisen hat. L.]