15. Rõugatajas Tochter.

Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte

Rõugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht

in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte

sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um

späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das

Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß

aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte.

Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu

bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute,

wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der

Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide

von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den

jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's

Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hübsch und glatt,

unterhalb rauh wie Krötenhaut.

Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer

verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von

ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle

unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen

nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten

Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von

ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten

sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »Von diesem Naß

sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, bethören jeden

Burschen, der davon kostet.«

Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus

angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden,

besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar

derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack

wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die

Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum

Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom

Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf

der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das

Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte,

da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als

Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen

später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch

Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was

half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde,

um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel

Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben

Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Wittwe zurück.

Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank

der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht

kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war,

und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in

ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere

Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.

Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen

Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser

Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der

Hexe des Kindes Mutter in einen Wärwolf verwandelt war. Sodann schaffte

sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die

Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie

auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus

Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern

schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden

zwar Kindesbaderinnen und Thränenstillerinnen von nah und fern

zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu

schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: »Tragt den

Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein

Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde

hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin

hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr

noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich

an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war,

brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis

zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von

dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's

Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die

Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater

des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei

mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu

Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am

dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen,

sagte die Wölfin. »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie

kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den

Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du,

so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht

Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch

du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich

rufe.« Die Wärterin that, wie geboten war, und die Sache ging über eine

Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne

Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem

Antlitz.

Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu

dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl

die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn

freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau,

das Kind auf ihrem Schooße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den

Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte

hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als

die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des

Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund

halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem

Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die

Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war. Der Mann

schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er

verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und

eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rath und Hülfe zu

suchen.

Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint

einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz

aufzuklären nicht im Stande bin; aber wir müssen versuchen, durch List

die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon

sehen, was für ein Betrug hier verübt ist.« Dann befahl er dem Manne, in

der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin

die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum

Anziehen untauglich gemacht würde. Der Mann führte den andern Tag, als

des Kindes Säugerin sich in den Wald zurückgezogen hatte, ein Paar Fuder

Holz um den Fels her und auf denselben, und zündete dann in der Nacht

das Holz an, wodurch der Ukkofels gluthroth wurde, wie die Glühsteine

eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes

Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und

schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen

konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die

Wölfin aus dem Walde gerufen, nahm der Wärterin das Kind ab, und legte

es dann so lange in's Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den

Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schooß und

begann es zu säugen. Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto

bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja -- er erkannte in

der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weßhalb die

Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus

dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken

auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom

Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur

ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf

jetzt der Mann auf die allerheißeste Stelle, wo nun die letzten Fetzen

zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau,

sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu

bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging

er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du mußt heute in

die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die

Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie könne den Luftzug

nicht vertragen; wie könne sie so über den Hof in die Badstube gehn.

»Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden

und mir den Tod holen.« Der Mann erwiederte: »Das hat gar nichts zu

sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so daß der

Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau

ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes

Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde.

Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die

Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Thür so fest zu, daß

keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann

zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend

rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter. Ich

komme euch zu danken, daß ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von

der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen

Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deßhalb

wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer

Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug

nicht, sondern freute sich, daß die Sache so gut gegangen war. Der

Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den

Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die

Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust

hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!«

erwiederte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten,

verschloß die Thür und warf dann den rothen Hahn auf's Dach. Da

verbrannte denn die Badstube sammt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter.

-- Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der

Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.

[Fußnote 75: Rõugataja, dessen Frau hier (wie im Märchen 13 S. 173)

eine so häßliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipoëg =II=. 501 ff. als

geburtshelfender Gott. Er und der Gott =Ukko=, welcher gleichbedeutend ist

mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte =Tara= treten an das Lager

der kreißenden Wittwe Linda, welche ihre Hülfe angerufen hatte, und

nachdem beide Götter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn

glücklich zur Welt. Nach _=Castrén=_. Vorl. S. 45, wurde der finnische =Ukko=

nur bei schweren Kindesnöthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die

ehstnische Ueberlieferung den Rõugataja als Schützer der Wöchnerinnen

und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der

mütterliche Schooß nicht unfruchtbar bleibe. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S.

18. 42. 43. Dann tritt Rõugataja mit abgeschwächter Bedeutung nur noch

als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wärterinnen beim ersten

Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S.

49. 53. 54. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt

ist der Gott Rõugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt,

mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. -- Der Name,

der auch in der Form =Raugutaja= vorkommt, scheint mit dem finnischen

Roggen- oder Saatengott =Ronkoteus= zusammenzuhängen. Daß ein Gott der

Saaten mit dem Gebären des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht

auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der

Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die

griechische Braut betritt mit gerösteter Gerste das Haus des Bräutigams.

Auffallend ist es, daß die ehstnische Mythologie, die doch sonst an

weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die

griechische Eileithyia, oder die römische Lucina aufzuweisen hat. L.]

Ehstnische Märchen · 第 44 / 69 题