In einer stürmigen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom
Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften
durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen
konnte, als er unter einem dichten Wachholderbusch Schutz vor dem Winde
fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den
Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel,
wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein. Ich weiß
nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn
rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an
sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du
kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze
hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er
einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock
einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm
mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenstock -- »für uns ist im Walde
unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo sich's besser ruht, als hier auf
freiem Felde.« Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht
ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem
fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf
drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen
Tannenstock aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho!
Stümesmutter![80] mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter
Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im
Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an.
Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestüm
abwehrte. Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der
Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der
Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans
Sohn Hans.«
Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angethan, als
wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig
oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen
grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber
hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch
verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz
verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg. »Was meinst du, Sohn
des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht,
als da auf freiem Felde unter dem Wachholderbusch?« Hans mußte dies
zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt
hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen
zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem
Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen
Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der
Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und
redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans
kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.
Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder
Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das
Erlebniß der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er
nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort gerathen
war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte
den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von
wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er
hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer
Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervorschien.
Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit
einer Menge von Blasebälgen und Ambosen; an jedem Ambos standen sieben
Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden
sein. Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die
größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als
doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren
schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten
Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren
die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den
Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie
geschaffen hatte. Im Hintergrund an der Wand saß der Hansen wohlbekannte
Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf
die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne,
aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk thaten. Der Herr der
Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern
trug einen schwarzen rußigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel
mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von
Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse
unvernehmlich gewesen. Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem
unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne
den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen
Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die
schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte
verließen, erhob sich der Wirth vom Blocke und rief den Hans zu sich:
»Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit
drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast
sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile
hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten
zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Thür in der
Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.
O was für Schätze und Reichthümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen
Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm
vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens
überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der
Wirth zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir
zu viel Zeit kosten. Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will
sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht
zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn
aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der
Wirth lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste
meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«
Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine
dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente
Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich
den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen
angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit
man sämmtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen
können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen. Er fragte den Wirth:
»Weßwegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein
lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vortheil zieht? Käme dieser
Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und
Niemand brauchte zu arbeiten oder Noth zu leiden.« »Gerade deßhalb,«
erwiederte der Wirth -- »darf ich den Schatz nicht an die Menschen
überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn
Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist
dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.«
Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die
Ansicht des Wirths. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme,
daß hier all' das Gold und Silber als Besitzthum eines Mannes lagere und
schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen
Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Ueberfluß
habe? Der Wirth gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich
Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren
Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der
Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen
ohne Unterlaß hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem
alljährlich ein kleiner Theil zum Bedarf der Menschen herausgegeben
wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu
betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zueignen. Wir
müssen deßhalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit
Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in
diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber,
Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde
naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so
bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme
dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.
Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und
versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war
ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen
hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen --
jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der
Wirth zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick
nicht erkannte. Er trug rothe feuerfarbene Seidengewänder, reich
verziert mit goldenen Tressen und goldenen Franzen, ein breiter goldener
Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine
goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer
klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus
feinem Golde gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich
Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des
großen Tannenstockes.
Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Thüren der
Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt
hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der
Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl
angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der
Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein
silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln,
Teller, Kannen und Becher, waren von Gold. Nachdem sich der Wirth mit
seinem Gaste am Tische niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach
einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der
Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider
trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit
vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie
sich doch so leicht, als wären sie gefedert. Da sie nämlich nicht bis
zur Höhe des Tisches hinanreichten, so mußten sie wie die Flöhe immer
vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen
angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so
in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward. Während des
Essens gossen die kleinen Diener Meth und köstlichen Wein aus den Kannen
in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirth unterhielt
sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte
er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam:
»Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der
Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von
ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren
habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt
einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über
den Andern, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern
wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.« Hans suchte nach
Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche
Wirth ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so
schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen
konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem
Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.
In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in
welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im
Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken
und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter
der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Athem
schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der
kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein
Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er
lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der
Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich in's Gesicht schien. Er riß sich
nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit
lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit
begegnet war.
Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so
seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge
nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage
nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und
auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner
Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem
Feuer geschlafen, war am andern Tage zu diesem Manne, der einen
Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und
sehr viel getrunken -- kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus
verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es
konnte also nur Zauberei im Spiele sein. Als er sich erhob, fand er
ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar
glänzte. Als er die Stätte schärfer in's Auge faßte, sah er, daß der
vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen
Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück. Woher nun einen Sack nehmen,
um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Noth macht erfinderisch. Hans
zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein
Stäubchen übrig blieb, that die Goldbrände und das Zusammengefegte in
den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen,
so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so
wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen
hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu
verstecken.
Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum
reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können.
Als er aber mit sich zu Rathe ging, hielt er es zuletzt für das Beste,
seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen
auszusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn
ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig.
Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein
Ende. Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimniß entdeckt,
wie es der Unterirdischen Wirth gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem
Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte
weiter.
[Fußnote 79: Die Unterirdischen (=ma-alused=) »die geheimen Schmiede
Allvaters« schaffen bei nächtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man
zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so
hört man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen -- ja man
unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der
Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nächtlichen
Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und
Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man
gastfrei gegen jeden Unbekannten; läßt auch den Tisch mit Speisen
besetzt stehen und verschließt die Speisekammer nicht. Nach _Rußwurm_,
Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die
Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht
gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schöne
Mädchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwächst. Die verlassenen
Bräute hören noch Wochenlang das nächtliche Wehklagen der Geister, und
werden von diesen geplagt, wenn sie später Verbindungen mit ihres
Gleichen eingehen.
Die Unterirdischen wollen nicht gestört sein; wer sich (erhitzt!) auf
den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit
einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. =alvgust=, Elb-,
Elf-Hauch) oder Erdzorn heißt, und den man heilt, indem man die Urheber
durch ein Opfer von geschabtem Silber besänftigt. (Nach _Kreutzwald_ und
_Neus_.)
Die finnischen =maahiset=, denen diese ehstnischen Unterirdischen
(=ma-alused=) entsprechen, bezeichnen nach =Castrén= (finn. Mythol. S. 169)
eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bäumen,
Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber
menschenähnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen.
Man ehrt und nährt sie. -- Mit den Haus- und Schutzgeistern hängen die
finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in
ehstnischen Beschwörungsformeln die Schlange als Unterirdische
bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar
langer Zeit geübt wurde. L.]
[Fußnote 80: S. d. Anm. zum Märchen 6, die zwölf Töchter, S. 89. L.]