17. Die Unterirdischen.[79]

In einer stürmigen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom

Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften

durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen

konnte, als er unter einem dichten Wachholderbusch Schutz vor dem Winde

fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den

Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel,

wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein. Ich weiß

nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn

rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an

sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du

kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze

hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er

einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock

einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm

mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenstock -- »für uns ist im Walde

unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo sich's besser ruht, als hier auf

freiem Felde.« Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht

ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem

fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf

drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen

Tannenstock aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho!

Stümesmutter![80] mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter

Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im

Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an.

Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestüm

abwehrte. Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der

Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der

Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans

Sohn Hans.«

Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angethan, als

wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig

oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen

grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber

hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch

verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz

verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg. »Was meinst du, Sohn

des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht,

als da auf freiem Felde unter dem Wachholderbusch?« Hans mußte dies

zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt

hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen

zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem

Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen

Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der

Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und

redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans

kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.

Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder

Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das

Erlebniß der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er

nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort gerathen

war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte

den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von

wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er

hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer

Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervorschien.

Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit

einer Menge von Blasebälgen und Ambosen; an jedem Ambos standen sieben

Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden

sein. Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die

größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als

doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren

schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten

Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren

die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den

Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie

geschaffen hatte. Im Hintergrund an der Wand saß der Hansen wohlbekannte

Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf

die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne,

aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk thaten. Der Herr der

Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern

trug einen schwarzen rußigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel

mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von

Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse

unvernehmlich gewesen. Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem

unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne

den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen

Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die

schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte

verließen, erhob sich der Wirth vom Blocke und rief den Hans zu sich:

»Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit

drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast

sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile

hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten

zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Thür in der

Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.

O was für Schätze und Reichthümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen

Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm

vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens

überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der

Wirth zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir

zu viel Zeit kosten. Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will

sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht

zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn

aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der

Wirth lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste

meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«

Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine

dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente

Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich

den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen

angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit

man sämmtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen

können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen. Er fragte den Wirth:

»Weßwegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein

lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vortheil zieht? Käme dieser

Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und

Niemand brauchte zu arbeiten oder Noth zu leiden.« »Gerade deßhalb,«

erwiederte der Wirth -- »darf ich den Schatz nicht an die Menschen

überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn

Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist

dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.«

Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die

Ansicht des Wirths. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme,

daß hier all' das Gold und Silber als Besitzthum eines Mannes lagere und

schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen

Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Ueberfluß

habe? Der Wirth gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich

Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren

Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der

Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen

ohne Unterlaß hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem

alljährlich ein kleiner Theil zum Bedarf der Menschen herausgegeben

wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu

betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zueignen. Wir

müssen deßhalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit

Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in

diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber,

Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde

naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so

bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme

dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.

Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und

versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war

ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen

hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen --

jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der

Wirth zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick

nicht erkannte. Er trug rothe feuerfarbene Seidengewänder, reich

verziert mit goldenen Tressen und goldenen Franzen, ein breiter goldener

Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine

goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer

klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus

feinem Golde gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich

Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des

großen Tannenstockes.

Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Thüren der

Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt

hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der

Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl

angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der

Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein

silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln,

Teller, Kannen und Becher, waren von Gold. Nachdem sich der Wirth mit

seinem Gaste am Tische niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach

einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der

Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider

trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit

vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie

sich doch so leicht, als wären sie gefedert. Da sie nämlich nicht bis

zur Höhe des Tisches hinanreichten, so mußten sie wie die Flöhe immer

vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen

angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so

in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward. Während des

Essens gossen die kleinen Diener Meth und köstlichen Wein aus den Kannen

in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirth unterhielt

sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte

er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam:

»Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der

Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von

ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren

habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt

einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über

den Andern, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern

wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.« Hans suchte nach

Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche

Wirth ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so

schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen

konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem

Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.

In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in

welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im

Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken

und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter

der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Athem

schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der

kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein

Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er

lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der

Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich in's Gesicht schien. Er riß sich

nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit

lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit

begegnet war.

Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so

seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge

nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage

nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und

auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner

Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem

Feuer geschlafen, war am andern Tage zu diesem Manne, der einen

Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und

sehr viel getrunken -- kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus

verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es

konnte also nur Zauberei im Spiele sein. Als er sich erhob, fand er

ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar

glänzte. Als er die Stätte schärfer in's Auge faßte, sah er, daß der

vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen

Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück. Woher nun einen Sack nehmen,

um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Noth macht erfinderisch. Hans

zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein

Stäubchen übrig blieb, that die Goldbrände und das Zusammengefegte in

den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen,

so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so

wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen

hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu

verstecken.

Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum

reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können.

Als er aber mit sich zu Rathe ging, hielt er es zuletzt für das Beste,

seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen

auszusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn

ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig.

Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein

Ende. Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimniß entdeckt,

wie es der Unterirdischen Wirth gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem

Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte

weiter.

[Fußnote 79: Die Unterirdischen (=ma-alused=) »die geheimen Schmiede

Allvaters« schaffen bei nächtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man

zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so

hört man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen -- ja man

unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der

Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nächtlichen

Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und

Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man

gastfrei gegen jeden Unbekannten; läßt auch den Tisch mit Speisen

besetzt stehen und verschließt die Speisekammer nicht. Nach _Rußwurm_,

Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die

Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht

gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schöne

Mädchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwächst. Die verlassenen

Bräute hören noch Wochenlang das nächtliche Wehklagen der Geister, und

werden von diesen geplagt, wenn sie später Verbindungen mit ihres

Gleichen eingehen.

Die Unterirdischen wollen nicht gestört sein; wer sich (erhitzt!) auf

den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit

einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. =alvgust=, Elb-,

Elf-Hauch) oder Erdzorn heißt, und den man heilt, indem man die Urheber

durch ein Opfer von geschabtem Silber besänftigt. (Nach _Kreutzwald_ und

_Neus_.)

Die finnischen =maahiset=, denen diese ehstnischen Unterirdischen

(=ma-alused=) entsprechen, bezeichnen nach =Castrén= (finn. Mythol. S. 169)

eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bäumen,

Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber

menschenähnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen.

Man ehrt und nährt sie. -- Mit den Haus- und Schutzgeistern hängen die

finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in

ehstnischen Beschwörungsformeln die Schlange als Unterirdische

bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar

langer Zeit geübt wurde. L.]

[Fußnote 80: S. d. Anm. zum Märchen 6, die zwölf Töchter, S. 89. L.]

Ehstnische Märchen · 第 46 / 69 题