Einmal hatte sich ein König des Goldlandes[69] im Walde verirrt und
konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht
finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du,
Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen?« Der
König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.«
»Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe
entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der
Fremde.
Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl
meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst
nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch
drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem
rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum
zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was
euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr
halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.
Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis
er zuletzt erschöpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde
gekommen glaubte. Da erschien der Fremde -- es war kein anderer als der
»alte Bursche« selber -- zum dritten Male vor dem Könige und sagte:
»Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen
sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten?
Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Noth
ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr werth, als
tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich
mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen,
führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge
gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in
der Ferne sein Schloß sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der
Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem
Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme
und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer
Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit
mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft
ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.
Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen
schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und
so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern
Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach
Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und
nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des
Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder
nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen
List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des
geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne
in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen,
getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus
kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten
einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberfluß.
Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im
Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen
doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es
gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein
armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters
Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder,
wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit demselben
umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu
drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes
an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo
sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.
Im Walde fing er laut an zu jammern. »O ich Armer, wie bin ich irre
gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit
und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder
Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein
Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt,
und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine
gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl
versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter
als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem
Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.« Der Fremde
bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: »Ohne
alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der
recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die
Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht
so viel hinterlassen, daß man den Todtenwächtern nach Landesbrauch
gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem
Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den
Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr
seht, irre geführt hat.« »Also bist du, aus deinen Reden zu schließen,
eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen
Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines
Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig
werden,« antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes
Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei,
welchem Wirth ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?«
»Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich
Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als
Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei
Külimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich
zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere
in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«
Der alte Bursche schien mit diesem vorteilhaften Handel sehr zufrieden
zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und
trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Alsdann machte er
sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit
durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein
Gefährte je nach zehn und funfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem
Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter
einer breiten Fichte, und setzten am andern Morgen ihre Reise fort. Als
die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier
machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald
hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen
den Boden. Plötzlich that sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf,
und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle
glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl
in strengem Tone: »Folge mir!«
Dicke Finsterniß umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob
ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte
sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch
dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick,
aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende
Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken,
in der Alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und
Kräuter, Thiere und Vögel, Alles erschien anders, als er es früher
gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare
Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen.
Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte
verursachten ein Geräusch. Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem
Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein
Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten
die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den
Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll
wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des
flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein
Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche
sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen
versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.[71]
So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt
dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und
sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine
Glieder -- als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr
traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es
kam ihm vor, als ob eine große Roßherde sich durch Moorgruud
durcharbeitete. Nun that auch der alte Bursche seinen Mund auf und
sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man
erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als
der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der
mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirth aber
sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«
Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn
entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirthes; der Gebäude
waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine
Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung _eines_ Besitzers.
Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres
Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirth, »und verhalte dich
ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist,
wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen
Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und
begann schon seine Ueberkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht
hatte, zu bereuen.
Erst nach einer Weile kam der Wirth wieder, rief ihn aus seinem
Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir
jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen,
sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:
»Augen, Ohren halte offen,
Mundes Pforte stets verriegelt!
Ohne Weigerung gehorche,
Hege, wie du willst, Gedanken,
Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«
Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges
Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er
dachte in seinem Sinne: Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so
möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem
Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den
Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde
ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn
und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirth setzte sich
allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte
Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war
grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit Allem, was er auf dem
Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt
werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte,
sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel
und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber
werfet dem Hunde vor.«[72]
Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte
Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem
Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht
wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch
lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener
Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige
Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum
Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens,
der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen
reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit
Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es
mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche
nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und
machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.
Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst
du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Uebermorgen
Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den
folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der
Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine
Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen,
aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und
schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst,
so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das
Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«
Das Mädchen winkte ihm, mitzukommen, schloß dann eine Thür auf und
bedeutete ihn, hineinzutreten. Der Königssohn glaubte eine Thräne in dem
Auge des Mädchens quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der
Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht
länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter
sein,« dachte der Königssohn, denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am
Ende gar dasselbe arme Mädchen, welches statt meiner hierhergethan
wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es
dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen
ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn
umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm
zu Hülfe eilte.
Als er am andern Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, daß er Alles
thun wolle, was er der Schönen an den Augen absehen könnte. Er fand das
fleißige Mädchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen
heraufwinden und in's Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den
Grapen schüren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand.
Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnstätte näher in
Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, daß er die alte
Großmutter nirgends zu Gesicht bekam. Im Stalle fand er ein weißes
Pferd,[73] im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weißköpfigen Kalbe,
in andern verschlossenen Ställen glaubte er Gänse, Enten, Hühner und
anderes Fasel zu hören. Frühstück und Mittagsessen waren eben so
schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er hätte mit seiner Lage ganz
zufrieden sein können, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wäre,
dem Mädchen gegenüber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des
zweiten Tages ging er zum Wirth, um die Arbeit für den kommenden Tag zu
erfahren.
Der Alte sagte: »Für morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm
die Sense zur Hand, mähe so viel Gras, als das weiße Pferd zu seinem
Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin käme und die
Krippe leer oder auf der Diele Mist fände, so könnte es dir bitterbös
bekommen. Hüte dich davor!«
Der Königssohn war ganz vergnügt, denn er dachte in seinem Sinn: »Mit
dem Bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt
weder Pflug noch Sense geführt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die
Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich.« Als
er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mädchen leise
hereingeschlichen, und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Was für eine
Arbeit hast du bekommen?« »Morgen« -- erwiederte der Königssohn -- »habe
ich eine leichte Arbeit; ich soll für das weiße Pferd Futtergras mähen
und den Stall säubern, das ist Alles.« »Ach du unglückseliges Geschöpf!«
seufzte das Mädchen: »wie könntest du die Arbeit vollbringen? Das weiße
Pferd, des Wirthes Großmutter, ist ein unersättliches Geschöpf, welchem
zwanzig Mäher kaum das tägliche Futter liefern könnten, und andere
zwanzig hätten vom Morgen bis Abend zu thun, den Mist aus dem Stalle zu
führen. Wie würdest du denn allein mit Beidem zu Stande kommen? Merke
auf meinen Rath und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schooß
voll Gras in die Krippe geschüttet hast, so mußt du aus Weidenreisern
einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen,
und zwar so, daß das Pferd sieht, was du thust. Es wird dich sogleich
fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mußt du ihm also
antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr
fressen wolltest, als ich dir hinschütte, und mit diesem Pflock werde
ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als
ich Lust hätte fortzuschaffen.« Nachdem das Mädchen dies gesprochen,
schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen
war, ohne dem Jüngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prägte sich des
Mädchens Worte ein, wiederholte sich Alles noch einmal, um nichts zu
vergessen, und legte sich dann schlafen.
Früh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er ließ die Sense
wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so
viel gemäht, daß er einige Schooß voll zusammenharken konnte. Als er dem
Pferde den ersten Schooß voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit
dem zweiten Schooß voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken
die Krippe schon leer, und über ein halbes Fuder Mist auf der Diele.
Jetzt sah er ein, daß er ohne des Mädchens klugen Rath verloren gewesen
wäre, und beschloß, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen
zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte
verwundert: »Söhnchen, was willst du mit diesem Reifen machen?« »Gar
nichts,« entgegnete der Königssohn,»ich flechte ihn nur, um dir die
Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn käme, mehr zu
fressen, als ich Lust habe dir aufzuschütten.« Das weiße Pferd seufzte
tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.
Der Jüngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran,
den Keil zu schnitzen. »Was willst du mit diesem Keil machen?« fragte
das Pferd wieder. »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich mache ihn nur
fertig, um ihn im Nothfalle als Spunt für die Ausleerungspforte zu
gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen
schießt.« Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher
verstanden, denn als Mittag längst vorüber war, hatte das weiße Pferd
noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der
Wirth, um nachzusehen, und als er Alles in bester Ordnung fand, fragte
er etwas erstaunt: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge
Rathgeber?« Der schlaue Königssohn erwiederte schnell: »Ich habe
Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.«
Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verließ brummend den Stall;
der Königssohn aber freute sich, daß Alles gelungen war.
Am Abend sagte der Wirth: »Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da
aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mußt du unsere
schwarze Kuh melken. Hüte dich aber, daß keine Milch im Euter
zurückbleibt. Fände ich das, so könnte es dir das Leben kosten.« Der
Königssohn dachte, als er hinausging: »wenn dahinter nicht etwa wieder
eine Tücke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe,
Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, daß kein
Tropfen Milch darin bleiben soll.« Als er sich eben zur Ruhe legen
wollte, kam das Mädchen wieder zu ihm und fragte: »Was für eine Arbeit
hast du morgen?« »Morgen habe ich Gesellentag« -- antwortete der
Königssohn. »Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter
zu thun, als die schwarze Kuh zu melken, so daß kein Tropfen Milch im
Euter zurückbleibt.« »O du unglückseliges Geschöpf! wie wolltest du das
zu Stande bringen,« sagte das Mädchen seufzend. »Du mußt wissen, lieber
unbekannter Jüngling, daß, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend
ununterbrochen melken würdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen
Kuh leeren könntest; die Milch strömt gleich einer Wasserader
ununterbrochen. Ich sehe wohl, daß der Alte dich verderben will. Aber
sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrümmt
werden. Achte auf meinen Rath und befolge ihn pünktlich, so wirst du der
Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll
glühender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in
die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh
dich dann fragt, weßhalb du das thust, so antworte ihr, was im dir jetzt
in's Ohr sagen werde.« Das Mädchen flüsterte ihm einige Worte in's Ohr,
und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer.
Der Königssohn legte sich schlafen.
Kaum strahlte die Morgenröthe am Himmel, als er sich schon von seinem
Lager erhob, den Melkkübel in die eine und den Kohlentopf in die andere
Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mädchen am
Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh seinem
Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: »Was machst du da, Söhnchen?«
»Gar nichts,« war die Antwort. »Ich will die Zange nur rothglühend
machen, weil manche Kuh die niederträchtige Gewohnheit hat, nach dem
Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rath,
als ihr die Zitzen mit einer glühenden Zange zusammenzukneifen, damit
sich die Milch nicht unnütz in's Euter ergieße.« Die schwarz Kuh seufzte
tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Königssohn nahm den Kübel,
melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand
er nicht einen Tropfen Milch. Später kam der Wirth in den Stall, zog und
drückte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit
böser Miene: »Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der
Königssohn antwortete: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und
einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging aufgebracht fort.
Als der Königssohn sich am Abend beim Wirth nach seiner Arbeit
erkundigte, sagte dieser: »Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der
Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen möchte.
Führe mir morgen das Heu ein, aber hüte dich, daß nicht das Mindeste
zurückbleibt, sonst könntest du dein Leben einbüßen.« Der Königssohn
verließ vergnügt das Zimmer und dachte: »Heu führen ist keine große
Arbeit, ich habe weiter keine Mühe, als aufzuladen, das Pferd muß
ziehen. Ich werde die Großmutter dieses Wirths nicht schonen.« Abends
kam das Mädchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner
Arbeit für morgen. Der Königssohn sagte lachend: »Hier lerne ich alle
Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einführen,
und nur darauf achten, daß nicht das Mindeste zurückbleibt; das ist mein
ganzes Tagewerk.« »Ach du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen:
»wie könntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten
eines noch so großen Gebiets eine ganze Woche lang Heu führen, so
würdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her
weggenommen wird, das wächst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was
ich dir sage: du mußt morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weiße Pferd
aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an
den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die
Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf,
und fang' an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und so
weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zählst, dann mußt
du antworten, was ich dir in's Ohr sage.« Das Mädchen flüsterte ihm das
Geheimniß zu, und verließ das Zimmer; der Königssohn wußte nichts
Besseres zu thun, als zu Bette zu gehen.
Als er den andern Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mädchens guter
Rath von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, führte
das weiße Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der
aber mindestens an funfzig Fuder hielt, also kein »Schoberchen« zu
nennen war. Der Königssohn that Alles, was ihm das Mädchen geheißen
hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig
gezählt hatte, fragte das weiße Pferd verwundert: »Was zählst du da,
Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich machte mir nur den Spaß,
die Wolfsherde dort am Walde zu zählen, aber es sind ihrer so viel, daß
ich nicht damit fertig werde.« Kaum hatte er das Wort »Wolfsherde«
heraus, als auch das weiße Pferd wie der Wind davon schoß, so daß es in
einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war. Des Wirths Erstaunen
war nicht gering, als er nach dem Frühstück hinauskam, und das Tagewerk
des Knechts schon gethan fand. »Bist du selber so klug, oder hast du
kluge Rathgeber?« fragte der Alte, worauf der Königssohn erwiederte:
»Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im
Himmel.« Der Alte ging kopfschüttelnd und fluchend von dannen.
In der Abenddämmerung ging der Königssohn wieder zu ihm, nach seiner
Arbeit zu fragen. Der Wirth sagte: »Morgen mußt du mir das weißköpfige
Kalb auf die Weide führen, doch hüte dich, daß es sich nicht verläuft,
sonst könntest du leicht dein Leben einbüßen.« Der Königssohn dachte bei
sich: »mancher zehnjährige Bauerbursch muß eine ganze Herde hüten, da
kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden.« Als er
sich eben schlafen legen wollte, kam das Mädchen wieder in seine Kammer
geschlichen und fragte, was für eine Arbeit er morgen habe. »Morgen habe
ich Faullenzerarbeit,« sagte der Königssohn, »ich soll mit dem
weißköpfigen Kalbe auf die Weide gehen.« »O du unglückseliges Geschöpf,«
seufzte das Mädchen: »damit wirst du wohl nimmer durchkommen. Du mußt
wissen, daß dieses Kalb eine solche Rennwuth hat, daß es an einem Tage
dreimal um die Welt laufen könnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt
sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke
Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines
linken Fußes, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite
weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst.« Darauf ging das
Mädchen fort, und der Königssohn legte sich schlafen, aber es ärgerte
ihn, daß er wieder vergessen hatte, für den guten Rath zu danken.
Den andern Morgen that er pünktlich, was ihm das gute Mädchen
vorgeschrieben hatte, und führte das Kalb an dem seidenen Faden auf die
Weide, wo es, wie ein treues Hündlein, keinen Schritt von seiner Seite
wich. Bei Sonnenuntergang führte er es wieder in den Stall, als ihm der
Wirth auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: »Bist
du selber so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der Königssohn
erwiderte: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen
mächtigen Gott im Himmel.« Wieder ging der Alte wüthend davon, und der
Königssohn glaubte nun darüber im Reinen zu sein, daß die Nennung des
göttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.
Spät Abends ging er wieder zum Wirth, um dessen Befehle für den
folgenden Tag einzuholen. Der Wirth gab ihm ein Säckchen mit Gerste und
sagte: »Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafür
mußt du dich heute Nacht brav rühren. Säe mir sogleich diese Gerste aus,
sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie
und windigest sie, so daß du sie mälzen und mahlen kannst. Aus dem
erhaltenen Malzmehl mußt du mir Bier brauen, und morgen früh, wenn ich
erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab'
Acht, daß meine Befehle genau befolgt werden, sonst könntest du leicht
das Leben einbüßen.«
Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verließ der Königssohn das
Gemach, blieb draußen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich
selbst: »Die heutige Nacht ist meine letzte, solch' eine Arbeit kann
kein Sterblicher vollbringen, und ebensowenig kann mir des klugen
Mädchens Rath hier helfen. O ich unglückseliges Geschöpf! warum habe ich
leichtsinnig das Königsschloß verlassen und mich in Gefahren verstrickt.
Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen,
denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott,
der überall ist.« Als er mit seinem Gerstensäcklein dastand, öffnete
sich die Hausthür und das liebe Mädchen trat zu ihm heraus. Sie fragte,
was ihn so betrübe, und der Jüngling antwortete mit Thränen in den
Augen: »Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir müssen auf immer
scheiden. Vernimm denn noch Alles, ehe ich scheide: ich bin eines
mächtigen Königs einziger Sohn, dem der Vater einst ein großes Reich
hinterlassen sollte; aber nun ist Alles hin, Glück und Hoffnung.« Dann
erzählte er ihr unter häufigen Thränen, was für eine Arbeit der Wirth
ihm für die Nacht aufgegeben habe, aber es verdroß ihn, zu sehen, daß
das Mädchen sich aus seiner Betrübniß nicht viel machte. Als er endlich
seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend:
»Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Königssohn, ganz ruhig
schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rath
und verschmähe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen
Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlüssel, er schließt den dritten
Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den
Gerstensack in den Stall und schärfe ihnen Wort für Wort den Befehl ein,
den dir der Wirth für die Nacht gegeben hat; füge aber hinzu: Wenn ihr
ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so müßt ihr allesammt
sterben; solltet ihr aber Hülfe brauchen, so wird heut' Nacht die Thür
des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirths mächtigste
Geister wohnen.«
Der Königssohn richtete Alles nach Vorschrift aus, und legte sich
schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche
nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über
den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem
schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirthe, der sich eben auf
seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der
Wirth ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast
gute Freunde und Rathgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir
weiter sprechen.«
Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen,
du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße
die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten
wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntniß.
Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will
dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine
eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand
das glühende Eisen zum Morgengruß darbieten.«[74] Damit eilte sie davon,
und der Königssohn ging zu Bette. Am Morgen hatte er die Schaufel schon
rothglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte
er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als
darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte
ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine
Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine
Befehle geben kann.«
Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag umher, und ging dann am
Abend zum Wirth, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag
auftragen zu lassen. Der Wirth war sehr freundlich und sagte
schmunzelnd: Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem
Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will
euch als Mann und Frau zusammengeben!«
Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen,
aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge
Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor Schlafengehen der
Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude
erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor
Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie
gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie. »Der alte
Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Rathgeberin gewesen bin,
und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht
ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, geh' in den Stall und
schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hiebe den Kopf ab,
mit einem zweiten Hiebe spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes
findest du ein glänzend rothes Knäulchen, das bringe mir, Alles was
sonst nöthig ist, werde ich selbst besorgen. Der Königssohn dachte:
»lieber tödte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das
liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine
Heimath wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt
aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«
Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalbe hingestreckt,
und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er
aber dem Kalbe den Kopf abhieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als
hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der
den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am
Tage. Das rothe Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie
eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein
Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht
aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch
der Wirth geweckt werden können.
An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein
Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!«
antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!«
sagte sie, und wickelte einen kleinen Theil des Knäulchens aus dem Tuche
heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche
Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn
vermuthet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg
nicht zu verfehlen. Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal
ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und
daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte
Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte
freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß
es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die
Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.
Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die
Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im Voraus an dem
Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich
lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch
nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu
lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend
und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Mal, aber weder Knecht
noch Magd ließen sich sehen. Endlich kletterte er zornig aus dem Bette
und ging die Säumigen zu suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und
bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben
waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getödtet
und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er Alles. Er fluchte,
daß Alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und
schickte seine Gehülfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte
Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.
Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das
Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein
sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir
verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze
Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte
das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
Würde gern alsbald zum Bächlein,
Mein Gefährte auch zum Fischlein!«
Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein
dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister
sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim,
aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die
Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein
Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in
menschlicher Gestalt ihre Reise fort.
Als die Geister müde und mit leeren Händen zurückkehrten, fragte sie der
alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen
wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der
Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wüthend brüllte der
Alte: »Schafsköpfe. Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er
die Thüren des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl
ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen.
Die Geister stoben wie der Wind von dannen.
Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das
Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein soll. Das
Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen,
erblicken sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und
mit rothen Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und
drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
Wandele uns alle Beide:
Mich zum wilden Rosenstrauche,
Ihn zur Blüthe an dem Strauche.«
Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder
Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die
Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder
um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie
sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren,
verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling,
welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.
»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend
wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister. »Wir
fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst
nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer
antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch an
dem eine Rose hing.« Schafsköpfe!« schrie der Alte, »das waren sie ja,
das waren sie ja!« Er schloß darauf den siebenten Stall auf und
schickte seine mächtigsten Geister aus, sie zu suchen. »Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, todt oder lebendig! ich muß ihrer habhaft werden.
Reißt den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt
Alles mit, was euch Befremdliches aufstößt.« Wie der Sturmwind flogen
die Geister davon.
Die Flüchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und stärkten
die ermüdeten Glieder durch Speise und Trank. Plötzlich rief das
Mädchen. »Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knäulchen will mit
Gewalt aus meinem Busen. Gewiß verfolgt man uns wieder, und die Gefahr
ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch.« Dann nahm sie
das Knäulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und
sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
Mache mich alsbald zum Lüftchen,
Den Gefährten mein zum Mücklein!«
Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen löste sich in Luft
aus, der Königssohn aber schwebte darin als Mücklein. Die mächtige
Geisterschaar brauste wie ein Sturm über sie hin, und kehrte nach
einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst
etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister
vorüber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mädchen, und
machte aus der Mücke den Jüngling. »Jetzt müssen wir eilen,« rief das
Holdchen, »bevor der Alte selber kommt zu suchen -- der wird uns in
jeder Verwandlung erkennen.«
Sie liefen nun eine gute Strecke vorwärts, bis sie den dunklen Gang
erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knäulchens
ungehindert emporstiegen. Erschöpft und athemlos kamen sie endlich an
den großen Stein. Hier wurde das Knäulchen wiederum dreimal gedreht,
wobei die kluge Jungfrau sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
Laß den Stein empor sich heben,
Eine Pforte sich bereiten!«
Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glücklich wieder
auf der Erde. »Gott sei Dank!« rief das Mädchen aus: »wir sind gerettet.
Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr über uns, und vor seiner List
wollen wir uns hüten. Aber jetzt, Freund, müssen wir uns trennen. Du
gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen.« -- »Mit
nichten,« erwiederte der Königssohn: »ich kann mich nicht mehr von dir
trennen, du mußt mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast
Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, daß du nun auch
Freudentage mit mir theilst.« Zwar sträubte sich das Mädchen Anfangs,
aber endlich ging sie doch mit dem Jüngling.
Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, daß im
Schlosse, wie im ganzen Lande, große Trauer herrsche über das
unbegreifliche Verschwinden des Königssohnes, von dem seit Jahren jede
Spur verloren sei. Mit Hülfe des Zauberknäulchens schaffte das Mädchen
dem heimkehrenden Sohne seine früheren Kleider wieder, damit er vor
seinem Vater erscheinen könne. Sie selbst aber blieb einstweilen in
einer Bauernhütte zurück, bis der Königssohn Alles mit seinem Vater
besprochen hätte.
Aber der alte König war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin
geschieden: der Kummer über den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein
Ende beschleunigt. Noch auf seinem Todbette hatte er sein leichtsinniges
Versprechen und seinen Betrug bereut, daß er dem alten Burschen ein
armes unschuldiges Mädchen überlieferte, wofür Gott ihn durch den
Verlust des Sohnes gezüchtigt habe. Der Königssohn beweinte, wie es
einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und ließ ihn mit großen
Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu
sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als
neuer Herrscher, versammelte seine Räthe und theilte ihnen mit, was für
wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen
habe, vergaß auch nicht zu erzählen, wie die kluge Jungfrau seine
Lebensretterin geworden.
Da riefen die Räthe wie aus einem Munde: »Sie muß eure Gemahlin und
unsere Herrscherin werden.«
Als der junge König sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen,
erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in königlicher Pracht
entgegenkam. Mit Hülfe des Zauberknäulchens hatte sie sich alles Nöthige
verschafft, weßhalb auch das ganze Land glaubte, daß sie die Tochter
eines unermeßlich reichen Königs und aus fernen Landen gekommen sei.
Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und
sie lebten darnach glücklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.
[Fußnote 69: Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d.
Anm. 2, S. 102, zum Märchen 8, vom Schlaukopf. L.]
[Fußnote 70: Külimit ist ein Getreidemaß von verschiedener Größe. Das
Revalsche Loof von drei Külimit ist etwas weniger als ein viertel
Scheffel Preußisch. L.]
[Fußnote 71: Die Grundzüge dieser phantasievollen Schilderung finden
sich im Kalewipoëg =X=, 378 ff. vgl. mit =XIII=, 491 ff. Auch dort scheinen
auf der Straße zur Wohnung des höllischen Geistes weder Sonne, noch Mond
und Sterne -- nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Höllenthors geht
ein trüber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.]
[Fußnote 72: Reminiscenz aus dem Kalewipoëg =XIII=, 401 ff., wo dem
Kalewsohn über den in der Eingangshöhle zur Hölle kochenden Kessel
Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehörnte, dann die alte Mutter,
dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Köche und
Knechte. L.]
[Fußnote 73: Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei
Schwestern erzählt dem Kalewsohn, daß des Gehörnten Base die
Höllenhündin, seine Großmutter die weiße Mähre sei. Kalewipoëg =XIV=, 428.
-- Auf einem weißen Rosse sitzt der Kalewsohn als Höllenwächter, =ibid.=
=XX=, 1005. Vgl. eine von _Rußwurm_ über Kalews Tod mitgetheilte Sage.
_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.]
[Fußnote 74: Vgl. das Glühendmachen der künstlichen Hand und das
Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Märchen von
Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge, S. 54. L.]