Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer
und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte
eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann
(Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen
Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und
fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten
hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen
Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit
starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur müde, laßt sie
eine Zeitlang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte,
befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die
Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten
machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die
Zeit des Erwachens heran kommt.«
Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem
Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde.
Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen
hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den
Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thür stellen,
damit Niemand die Schlafende wecke.
Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt
überall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen
Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem
wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre
verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt,
dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen,
daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter
einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen
eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer
Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was
binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure
Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring
geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer
Unterthanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter
zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«
Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu
richten, und gab sofort Befehl, in allen angränzenden Ländern den
Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas
beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch
bedeckte.
Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch
war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König
stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den
Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe,
Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen
Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.
Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in
eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und
wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren
Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas
einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ
er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich
fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten
Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt
gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide
heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's
Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben
unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen
zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt
ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber,
der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und
Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch
beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von
Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig
gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder
versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu
erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins
will ich sagen,« fuhr der Vater fort -- »wenn ich todt bin und ihr mich
begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß
jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder
versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen
zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald
nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer
geschlossen.
Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden
viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde.
Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer
Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters
stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war
dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und
mit dem Vater begraben.
Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der
jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde.
Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses,
wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu
thun, also geh du und halte Wache.«
Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo
Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging
er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es
wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Der Sohn verstand die Frage und antwortete:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur
Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten,
ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird
bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in
die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein
Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und
sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche
Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage
deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich
zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.
Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten
spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe
zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht
dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder
ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose
Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die
Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten
schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich
vernehmen ließ:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei,
und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu
ermüdet, um zu wachen.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald
wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen
wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur
dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den
Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die
_zweite_ nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und
ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir
wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden
älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken,
streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon
etwas über Mittag stand.
Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und
antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat,
der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe
nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu
stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen
Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr
betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen
davon.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor,
nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter
hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon
zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen
seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.
Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit
kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er
hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch
nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden.
Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen,
jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und
Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne
versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe
mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber
Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht!« und
augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die
allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf
dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer
König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern
nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich
selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er
dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich
auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in
den Wipfeln des Waldes stand.
Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser
Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir
ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu
Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen
wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod
betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen,
und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute,
den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von
unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch
nicht Hungers sterben.«
Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und
der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann
kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen
die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen
Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.
Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die
sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag
wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und
fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich
Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die
größten Heuschober.
Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel
des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils
um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der
glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon
viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.
Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich
Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste
mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken
Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder
auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie
die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um
meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht!« -- In dem nämlichen
Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß
da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende
Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter
drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als
wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und
verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die
schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann
hinaufritt.
Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des
ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder
hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er
selber der Mann gewesen war.
Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die
Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste
Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und
sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche
Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen
kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und
auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung,
vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre
es auf seinen Leib gemacht.
Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne
Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte
den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes
Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf
wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die
schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren
Kopf bewegt hatte.
Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug
Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes
wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher
Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste
Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken,
daß er selbst der Mann gewesen war.
Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder
fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil
heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die
Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand
schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er
that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen
Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo
diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit
goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene
Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo
Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne
Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der
glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die
Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die
Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben
angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die
schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring
von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die
Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter.
Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im
nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.
Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte
er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen,
daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein
Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht
dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere
alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die
Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als
sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren
verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler
trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute
der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.
Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines
schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines
mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage
nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem
Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate,
während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und
seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«
Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen
großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später
vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser
nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr
einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine
Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm
angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf
seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth
gestorben.
[Fußnote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den
Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der
darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am
weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten
werde. Kalewipoëg =VII=, 809 ff. L.]
[Fußnote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim
Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer
Ziege. L.]
[Fußnote 67: S. Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108. L.]
[Fußnote 68: S. unten die Anm. zu dem Märchen 15: Rõugutaja's Tochter.
L.]