13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.

Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer

und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte

eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann

(Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen

Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und

fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten

hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen

Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit

starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur müde, laßt sie

eine Zeitlang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte,

befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die

Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten

machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die

Zeit des Erwachens heran kommt.«

Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem

Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde.

Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen

hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den

Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thür stellen,

damit Niemand die Schlafende wecke.

Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt

überall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen

Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem

wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre

verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt,

dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen,

daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter

einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen

eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer

Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was

binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure

Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring

geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer

Unterthanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter

zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«

Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu

richten, und gab sofort Befehl, in allen angränzenden Ländern den

Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas

beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch

bedeckte.

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch

war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König

stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den

Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe,

Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen

Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.

Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in

eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und

wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren

Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas

einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ

er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich

fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten

Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt

gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide

heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's

Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben

unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen

zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt

ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber,

der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und

Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch

beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von

Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig

gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder

versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu

erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins

will ich sagen,« fuhr der Vater fort -- »wenn ich todt bin und ihr mich

begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß

jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder

versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen

zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald

nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer

geschlossen.

Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden

viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde.

Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer

Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters

stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war

dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und

mit dem Vater begraben.

Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der

jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde.

Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses,

wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu

thun, also geh du und halte Wache.«

Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo

Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging

er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es

wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Der Sohn verstand die Frage und antwortete:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur

Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten,

ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.

Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes

werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird

bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in

die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein

Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und

sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche

Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage

deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich

zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.

Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von

ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten

spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe

zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht

dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder

ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose

Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die

Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen

Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten

schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich

vernehmen ließ:

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei,

und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu

ermüdet, um zu wachen.

Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes

werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald

wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen

wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur

dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den

Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die

_zweite_ nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und

ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir

wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden

älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken,

streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon

etwas über Mittag stand.

Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von

ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und

antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat,

der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe

nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu

stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen

Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr

betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen

davon.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor,

nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter

hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen

Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon

zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen

seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.

Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes

werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit

kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er

hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch

nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden.

Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen,

jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und

Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne

versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe

mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber

Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht!« und

augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die

allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf

dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer

König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern

nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich

selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er

dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich

auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in

den Wipfeln des Waldes stand.

Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser

Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir

ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu

Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen

wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod

betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen,

und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute,

den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von

unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch

nicht Hungers sterben.«

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und

der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann

kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen

die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen

Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.

Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die

sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag

wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und

fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich

Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die

größten Heuschober.

Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel

des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils

um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der

glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon

viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.

Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich

Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste

mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken

Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder

auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie

die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um

meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht!« -- In dem nämlichen

Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß

da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende

Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,

als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg,

wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch

nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter

drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als

wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und

verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die

schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann

hinaufritt.

Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des

ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder

hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er

selber der Mann gewesen war.

Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die

Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste

Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und

sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche

Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen

kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und

auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung,

vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre

es auf seinen Leib gemacht.

Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg,

wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch

nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne

Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte

den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes

Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf

wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die

schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren

Kopf bewegt hatte.

Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug

Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes

wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher

Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste

Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken,

daß er selbst der Mann gewesen war.

Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder

fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil

heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die

Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand

schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er

that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen

Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo

diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit

goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene

Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,

als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo

Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch

nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne

Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der

glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die

Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die

Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben

angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die

schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring

von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die

Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter.

Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im

nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.

Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte

er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen,

daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein

Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht

dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere

alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die

Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als

sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren

verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler

trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute

der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.

Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines

schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines

mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage

nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem

Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate,

während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und

seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«

Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen

großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später

vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser

nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr

einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine

Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm

angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf

seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth

gestorben.

[Fußnote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den

Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der

darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am

weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten

werde. Kalewipoëg =VII=, 809 ff. L.]

[Fußnote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim

Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer

Ziege. L.]

[Fußnote 67: S. Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108. L.]

[Fußnote 68: S. unten die Anm. zu dem Märchen 15: Rõugutaja's Tochter.

L.]

Ehstnische Märchen · 第 42 / 69 题