12. Die Galgenmännlein.

Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben

seinen andern Geschäften auch die Verpflichtung übernehmen sollte,

allmitternächtlich die Kirchenglocke zu läuten. Zwar hatten schon viele

und zum Theil sehr brauchbare Männer den Dienst angenommen, allein

sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nächtliche Läuten zu besorgen,

waren sie plötzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu

hören, und kein Glöckner kam zurück. Der Prediger hielt die Sache sehr

geheim, aber das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch

allmählich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.

Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schüttelten die Leute

den Kopf, und es fehlte auch nicht an bösen Zungen, welche aussprengten,

daß der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte

er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte

er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkündet: »Ich

brauche einen tüchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute

Nahrung u. s. w.« -- es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt

eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei

einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter

Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten.

»Ganz wohl, mein Sohn,« sagte der Prediger: »wenn es dir an Muth und

Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein

Probestück ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag

abschließen.«

Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um

seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward

immer verdrießlich, wenn das Gesinde zu viel aß, deßhalb kam er meist

während der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute würden in seiner

Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem

Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flüssiges Einer im

Magen habe, desto weniger Platz werde für Brot und Zukost übrig bleiben.

Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug

und sagte: »Das macht noch einmal so viel Platz für die Speise.« Der

Prediger wähnte, daß sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte

seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte

innerlich, daß ihm das Schelmstück gelungen war.

Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie

inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten

eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier

zusammengeführt hatte. Die Leute saßen um einen langen Tisch und

spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon

verspürte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er

ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer

derselben bemerkte ihn und fragte: »Freundchen, was hast du hier zu

suchen?« Hans sah ihn eine Weile groß an und sagte dann lachend: »Du

Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein

Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines

Rechtes nicht bediene, so wäre es für euch gewiß das Gescheuteste, euer

vorlautes Maul zu stopfen!«

Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten

Männern, als wären es seine besten Freunde. Er hatte viel Glück, denn

sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner

Mitspieler die Taschen geleert. Da hörte man einen Hahnenschrei,

Mitternacht mußte angebrochen sein, plötzlich erloschen die Lichter und

im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bänken verschwunden. Hans mußte

in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den

Eingang zur Thurmtreppe fand.

Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten

Stufe ein Männlein sitzen, dem der Kopf fehlte. »Hoho, mein Kleiner, was

hast du hier zu suchen?« fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die

Antwort abzuwarten, einen so derben Fußtritt in den Nacken, daß das

Männlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und

vierten Treppe fand er eben solche stumme Wächter, und ließ sie einen

nach dem andern hinunterpurzeln, daß ihnen alle Knochen im Leibe

knackten.

Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um

sich zu überzeugen, daß Alles in gehörigem Stande sei, erblickte er noch

ein kopfloses Männlein, das zusammengekauert in der Glocke saß. Es hatte

den Glockenklöppel losgemacht und schien darauf zu warten, daß Hans den

Glockenstrang anzöge, um ihm dann den schweren Klöppel auf den Kopf zu

schmeißen, was dem Glöckner sicher den Tod gebracht hätte.

»Halt, Freundchen!« rief Hans -- »so haben wir nicht gewettet. Du hast

wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen

Beinchen zu bemühen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich

sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am höchsten sitzest,

sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke

hinauswerfen, daß dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.«

Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke

heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Männlein erkannte

die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: »Brüderchen!

schone mein armes Leben! Dafür will ich dir fest versprechen, daß weder

ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nächtlichen Läuten stören

sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer weiß, ob es sich

nicht einmal fügt, daß ich dir für deine Wohlthat mehr erstatten kann,

als einen Bettlerdank.«

»Du winziger Knirps!« lachte Hans. »Deine Dankesgabe wird eine Mücke auf

ihrem Schwanze fortbringen können! Aber da ich heute gerade bei guter

Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hüte dich, mir wieder in

die Quere zu kommen, ich möchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir

spaßen.« Das kopflose Männlein dankte demüthig, kletterte wie ein

Eichhörnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe

herunter, als hätte es Feuer in der Tasche. Hans läutete jetzt nach

Herzenslust.

Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hörte, verwunderte er

sich und war froh, daß er doch endlich einen Knecht gefunden, der das

Probestück glücklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner

Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.

Der Pfarrer pflegte früh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die

Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue

Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun

Mittmorgen[63] vorüber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer

nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders,

als daß der Glöckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgänger. Als

aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen

wurde, kam auch Hans zum Vorschein. »Wo bist du den ganzen Vormittag

gewesen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe geschlafen,« antwortete Hans

gähnend.

»Geschlafen!« rief der Pfarrer erstaunt. »Du wirst doch nicht meinen,

daß du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?«

»Ich meine,« erwiederte Hans, »das ist so klar wie Quellwasser. Niemand

kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der muß am Tage

schlafen, so wie für den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist.

Nehmt mir das nächtliche Glockenläuten ab, so bin ich bereit, mit

Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke

läuten soll, so muß ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis

Mittag.«

Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich über

folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nächtlichen Läuten

befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach

Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde

schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. »Aber,« sagte der Pfarrer,

»bisweilen könnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im

Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit würde dann länger dauern.«

--»Mit nichten,« rief Hans, -- »dafür sind im Sommer die Tage wieder

lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin,

nämlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.«

Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer großen Kindtaufe

zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof,

dennoch nahm Hans den Brotsack mit. »Weswegen thust du das?« fragte der

Prediger, »wir werden ja zum Abend in der Stadt sein.« Hans antwortete:

»Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was

unsere Fahrt verzögert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich

nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die

Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so müßtet ihr schon

allein weiter fahren.«

Da der Pfarrer diese Rede für Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort,

und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der

Wind zusammengeweht hatte, so daß der Weg stellenweise verschüttet war

und schnelles Fahren unmöglich machte. Unweit der Stadt mußten sie durch

einen großen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf

den Wipfeln der Bäume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt für

Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich öfter nach der

Sonne um. »Warum siehst du so oft hinter dich?« fragte der Pfarrer.

»Weil ich im Nacken keine Augen habe,« erwiederte Hans. »Laß jetzt deine

Narrenspossen,« sagte der Pfarrer, »und sieh' zu, daß wir in die Stadt

kommen, ehe es ganz finster wird.« Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu

verlieren, unterließ aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu

beobachten.

Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging.

Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem

Schlitten. »Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du?« fragte der

Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: »Ich will mir hier ein

Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine

Arbeitszeit ist um.« Sein Brotherr that alles Mögliche, er bat und

drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm

zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. »Schämt ihr

euch nicht, Herr Pastor!« sagte Hans --»wollt ihr der Versucher sein und

mich vom rechten Wege abbringen, so daß ich gegen die Abmachung handle?

Alle Schätze der Welt können mich dazu nicht verlocken; man faßt den

Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur

Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch

kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.«

»Mein lieber Hans, Goldjunge!« sagte jetzt der Pfarrer, »ich darf dich

hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in

welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit

dem Galgen, es hängen zwei Missethäter daran, deren Seelen in der Hölle

brennen. Du wirst doch nicht in der Nähe solcher Gesellen die Nacht

zubringen wollen?« »Warum denn nicht?« fragte Hans. »Die Galgenvögel

hängen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde,

da können wir uns einander nichts anhaben.« Mit diesen Worten kehrte er

seinem Herrn den Rücken und ging mit seinem Brotsack davon.

Wollte der Pfarrer die Taufgebühren nicht einbüßen, so mußte er allein

zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher

ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans

erzählt hatte, wußten die Leute nicht, wen sie für den größten Thoren

halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.

Hansen war es gleichgültig, was die Leute von ihm dachten oder sagten.

Mit Hülfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens

befriedigt, dann zündete er sich seinen Nasenwärmer (Pfeife) an, machte

unter einer breiten ästigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in

seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen

haben, als ein plötzlicher Lärm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell.

Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Männlein unter der Fichte

und führten zornige Reden. Hans richtete sich in die Höhe, um besser zu

sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Männlein: »Er ist es, er

ist es!« Der eine trat dann näher an Hansen's Lager und sagte: »Alter

Freund! ein glücklicher Zufall führt uns zusammen. Meine Knochen thun

mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die

Geschichte nicht vergessen? dafür sollen heute deine Knochen dermaßen

bearbeitet werden, daß du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken

sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!«

Wie ein dichter Mückenschwarm sprangen nun von allen Seiten die

kopflosen Männlein herbei, Alle mit tüchtigen prügeln bewaffnet, die

größer waren als ihre Träger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte

Gefahr, denn ihre Schläge fielen so hart, daß ein starker Mann kaum

bessere hätte führen können. Hans glaubte, sein letztes Stündlein sei

gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand

leisten. Sein Glück war es, daß gerade, als das Prügeln im besten Gange

war, noch ein Männlein dazu kam. »Haltet ein, haltet ein, Kameraden!«

rief er den Seinigen zu. »Dieser Mann war einst mein Wohlthäter und ich

bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt

war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist

doch glücklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die

zerschlagenen Glieder längst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und

geht nach Hause.«

Die kopflosen Männlein ließen sich leicht durch ihren Kameraden

beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem

Retter den nächtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich

nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: »Damals verlachtest du

mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir

nützlich werden könnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun

eingetreten, und daraus lerne, daß man auch das kleinste Geschöpf auf

der Welt nicht verachten darf.« »Ich danke dir von Herzen,« sagte Hans

-- »meine Knochen sind von ihren Schlägen wie zermalmt, und ich hätte

das Bad leicht mit dem Leben bezahlen können, wenn du nicht zu rechter

Zeit dazu gekommen wärest.«

Das kopflose Männlein fuhr fort: »Meine Schuld wäre jetzt getilgt; aber

ich will mehr thun und dir für die erhaltenen Schläge noch

Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht länger als Knecht bei

einem geizigen Pastor zu quälen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so

geh' gleich zur nördlichen Kirchenecke, da wirst du einen großen Stein

eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getüncht ist.

Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den

bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem

Steine wirst du einen unermeßlichen Schatz finden, an dem viele

Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengeräthe und

sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte,

vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor

mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele weiß jetzt um

die Sache. Ein Drittel des Geldes mußt du unter die Kirchspiels-Armen

vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du

verfahren kannst, wie es dir beliebt.« In diesem Augenblicke hörte man

aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und plötzlich war das kopflose

Männlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern

nicht einschlafen und dachte viel über den verborgenen Schatz; erst

gegen Morgen verfiel er in Schlummer.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt

zurückkam. »Hans, du warst gestern ein großer Thor, daß du nicht mit mir

fuhrst,« sagte der Pfarrer. »Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken

und überdies noch Geld in der Tasche.« Indem er so sprach, klapperte er

mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber

erwiederte ruhig: »Ihr, geehrter Herr Pastor, habt für das Bischen Geld

die Nacht wachen müssen, während ich im Schlafe hundertmal mehr verdient

habe.« »Zeige mir doch, was hast du verdient?« fragte der Prediger. Aber

Hans antwortete: »Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen

verstecken ihre Rubel.«

Zu Hause angelangt, besorgte Hans rasch, was ihm oblag, spannte die

Pferde aus und warf ihnen Futter vor, ging dann um die Kirche herum und

fand an der bezeichneten Stelle den nicht getünchten Mauerstein.

In der ersten Nacht des Vollmonds, als die Andern alle schliefen,

verließ er heimlich mit einer Brechstange das Haus, brach mit vieler

Mühe den Stein heraus und fand in der That die Grube mit dem Gelde, ganz

wie das Männlein gesagt hatte. Am Sonntage vertheilte er den dritten

Theil unter die Armen des Kirchspiels, kündigte dann dem Prediger auf,

und da er für die kurze Zeit keinen Lohn verlangte, so wurde er ohne

Widerrede entlassen. Hans aber zog weit weg, kaufte sich einen schönen

Bauerhof, nahm ein junges Weib und lebte dann noch viele Jahre glücklich

und in Frieden.

Zu der Zeit, als mein Großvater Hüterknabe war, lebten in unserm Dorfe

noch viele alte Leute, welche den Hans gekannt hatten und die Wahrheit

dieser Geschichte bezeugen konnten.

[Fußnote 63: Neun Uhr. L.]

[Fußnote 64: Er denkt dabei an die ehstnische Redewendung: »die Tage

gehen in der Richtung (zum Besten) des Wirths« -- d. h. sie nehmen zu.

Dagegen: »die Tage gehen in der Richtung des Knechts« -- d. h. sie

nehmen ab.]

Ehstnische Märchen · 第 41 / 69 题