11. Der Zwerge[57] Streit.

Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine

Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren.

Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und

packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war. Der Mann trat

näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer,

daß du gekommen bist,« schrieen die Zwerge -- »du kannst Richter sein

und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die

Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit

nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich

aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« -- »Sehr wohl,« erwiederte

Einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit

erklären. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten

jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der

Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der

Vater?« -- »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der

wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar

Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.

»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese

unnützen Dinge des Zankes werth? Ein Klügerer würde sie alle zusammen

auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt

denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen,

also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den

Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrieen die

Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime

Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte

sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und

Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:

»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist für den,

der ihn trägt, der größte Schatz.[58] Wenn er den Hut auf hat, so sieht

er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder

unsichtbar; -- ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken

der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will

nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den

Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte.

Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand

und schlägt damit durch die Luft, so muß Alles vor ihm schmelzen, es sei

Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister

müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der

Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, daß man diese drei

Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach

bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte übermorgen.«

»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören

dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren

Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probiren, ob auch

Alles wahr ist, was ihr sagt.« -- »Das kannst du thun,« riefen die

Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland

gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft

und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der

Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte

Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.« Darauf nahm er zuerst den

alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz

gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln[59]

bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in

Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah.

Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt

mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu

mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um,

als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem

Willen des Vaters gemäß theilen müsset.« -- Die einfältigen Zwerge

erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach

Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe

und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar

Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen.

Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter

von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem

Frauenmantel-Blatt,[60] auf welchem die Männlein gestanden hatten.

Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich

nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß

auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke

auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen

versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein

vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes

eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur

Decke emporhob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen[61] ein

Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien,

als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte niemand das

kleine Volk sehen. Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist

auch zur Hochzeit gekommen.« -- »Nein!« riefen andere dagegen, -- »der

fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm

selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen

aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was

von den Uebrigen niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren

Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und

schlechtere dafür hineingethan wurden.[62] Eben so ging es mit den

Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn,

trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß

ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.«

»Seid willkommen,« entgegnete der Wirth --»Speise und Trank haben wir

genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen

kann.« Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast

mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der

ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der

reichste Wirth zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte

der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut

auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.« Der

Wirth that es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit

der Mahlzeit verübten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder

Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts

gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie

könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich

will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die

geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Thüren und Fenster

sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch

oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.« Obwohl der Festgeber

dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewünscht

hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.

Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen

geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen,

und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er

seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß

es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar

der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele

Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war

zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein,

wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte

auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich

die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen

diesen Knüttel.«

Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das

Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder

einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen

Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts

ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines

Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen

mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann

und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. -- Jammerschade, daß in unsern

Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.

[Fußnote 57: Wörtlich: Ochsenknieleute. L.]

[Fußnote 58: S. die Nota auf der folgenden S. L.]

[Fußnote 59: Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipoëg =XIII=,

831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Körper

auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes

bemächtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Höllenfürsten

(Gehörnten, =sarwik=) in verschrumpfter gewöhnlicher Mannslänge, als aber

der Kampf ihn schwächt, läßt er sich durch den Hut wieder zum Riesen

machen, hebt den Gehörnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den

Boden. =XIV=, 811 ff. Darauf muß der Hut, der auch Wunschhut heißt, ihn

und die drei in der Hölle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den

Höllenschätzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der

Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wünschelhut. Darüber klagen die

Schwestern:

»Warum, starker Sohn des Kalew,

Hast den lieben Hut zerstört du?

Auf der Erden, in der Hölle

Flicht man nie mehr einen solchen.

Todt sind fortan alle Wünsche

Und vergeblich alles Sehnen« =ibid=. 909. ff.

Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, daß man nach dem

Beschneiden der Nägel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz über

die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich

Mützenschirme daraus machen. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 139. L.]

[Fußnote 60: Vgl. im Märchen 4. vom Tontlawald S. 64. L.]

[Fußnote 61: Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der

Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das

geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Dörren geschoben wird. L.]

[Fußnote 62: Vgl. das Märchen 8. vom Schlaukopf, wo der Teufel

sämmtliche Speisen und Getränke durch sein Kosten verschwinden läßt.

L.]

Ehstnische Märchen · 第 40 / 69 题