10. Pikne's Dudelsack.

In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu thun, die Welt in Ordnung zu

bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so

daß er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rücken

vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was

gar oft die Ruhe störte. So hatten Pikne und der alte Tühi[56] eine

Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekämpft, wer von

Beiden die Oberhand gewänne. Obwohl die Männer Tag und Nacht einander

auflauerten und sich schier die Köpfe zerbrachen, ob sie einen

Gewaltstreich verüben oder List anwenden sollten -- so hatten sie doch

noch nicht den passenden Augenblick zur Ausführung ihrer Anschläge

gefunden. Da traf es sich einmal, daß Pikne, von dem beständigen Wachen

müde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief;

unglücklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Häupten

zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe

Schlaf verschloß ihm Augen und Ohren so fest, daß der Mann weder sah

noch hörte, was in seiner Nähe vorging. Der alte Tühi, der dem Feinde

fast immer auf Schritt und Tritt nachspürte, fand den Pikne schlafend,

trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des

Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch

hoffte er jetzt des Donnerer's Vater am meisten zu ärgern und die Macht

desselben zu schwächen, daß er das Werkzeug versteckte, welches bis

dahin das schlimmste Züchtigungsmittel für die Bewohner der Hölle

gewesen war. Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit

aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief,

der Feind verursacht hatte. Daß kein Andrer als der alte Tühi den

Dudelsack hatte stehlen können, das war ihm gleich klar; allein wie

sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigenthum den Klauen des

Diebes wieder zu entreißen? Wohl hätte er Altvater die Sache mit den

Diebstahl klagen und ihn um Hülfe bitten können, aber dadurch hätte er

seine eigene Sorglosigkeit verrathen, und Altvater hätte ihn im Zorn

noch obendrein gezüchtigt. Diese Gedanken machten dem Pikne eine

Zeitlang viel Sorge, und er flüchtete sich meist an einsame Orte, wo

Niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Tühi nun, der sonst ungeschlacht

wie ein Kalb und in allen Stücken einfältig war, hatte doch seine Haut

immer vor Pikne zu wahren gewußt. Sonst fürchtete er Pikne's Dudelsack

wie die Pest, so daß er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte

er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo

Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte

er vor Pikne ohne Sorge sein. Pikne dachte gleich, als er des alten

Tühi Tagelang nicht ansichtig wurde, daß er irgendwo unter dem Wasser

versteckt säße, doch fand er immer keinen zweckmäßigen Plan, wie er des

Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen könnte. Da

hatte er eines Tages plötzlich einen prächtigen Einfall, mit dessen

Ausführung er auch nicht säumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen

Knaben an, ging früh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort

nach, ob es nicht möglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu

treten.

Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen

Knaben Rede angehört: »Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich

deinesgleichen brauchen könnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob

man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehülfen beim Fischfang machen

kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschöpf von klugem Geiste, wenn du

nun auch fleißig und folgsam sein wirst, so können wir leicht Handels

einig werden.« Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den

Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle

übrigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen

Tagen fand er, daß ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle

Handgriffe leicht auffaßte und seinem Herrn auf jedem Schritt behülflich

zu sein wußte. Allmälig wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so

daß der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die

anderen Fischer nannten den Knaben spöttisch Lijon's Pudel. Der Knabe

aber nahm den Spitznamen gar nicht übel, sondern freute sich des

unverhofften Glückes, daß er jetzt täglich vom Morgen bis zum Abend auf

dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf

dem Grunde versteckt hielt.

Jetzt traf es sich, daß der alte Tühi seinem Sohne Hochzeit machen und

den Hochzeitsgästen prächtige Feste geben wollte, so daß die Leute noch

lange von seinem Reichthum zu erzählen hätten; -- Eitelkeit ist für den

Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Höllenvater streckte die Pfoten

überall hin, wo er einen Fang zu thun hoffte, am meisten aber trachtete

er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen Andere

gesäet hatten, so daß er keine weitere Mühe hatte, als den Fleiß Anderer

einzusacken. So gerieth er eines Tages auch an den See, dahin, wo der

Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben

gemächlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem

Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit

Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er

zog seinen Herrn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr, woran es läge,

daß ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei. »Eine

Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum« -- sagte er, indem er mit

ausgestrecktem Finger des Wirths Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf

dem Grunde des See's bei der Arbeit war und die Kommenden nicht

bemerkte. Aber Lijon war ein gewiegter Zauberkünstler, der eine

Diebspfote auf frischer That zu bannen wußte, so daß der Dieb nicht

hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen. Als er alle geheimen Bräuche

der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und

sagte scherzend: »Mag er bis morgen früh die Fische zahlen, wie viel

ihrer in's Netz gegangen sind!« Als man am andern Morgen an den See kam,

um die Netze herauszuziehen, wurde Altväterchen Tühi in der Schlinge

festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war

genötigt, dem Fischer unter die Augen zu treten. Als nun sein Kopf mit

dem Netze auf die Oberfläche des Wassers stieg, versetzte ihm der

Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gruß,

daß dem Männlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der

Fischer und sein Knabe, die Knüttel zur Hand und machten sich daran, dem

Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmächtigem

Körperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, daß

sie dem alten Tühi durch Mark und Bein gingen und ihm den Athem zu

benehmen drohten. Da begann Tühi zu schreien und zu flehen: »Vergieb mir

diesmal, Brüderchen, und höre nur meine Entschuldigung an. Noth treibt

den Ochsen an den Brunnen, und Noth trieb auch mich Armen jetzt an dein

Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl

weißt, sich ohne Fische nicht ausrichten läßt. Und da ich selbst keine

Netze hatte, mußte ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg

nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein

letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr

mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequästet, daß

ich meine Knochen nicht fühle und nicht Hand noch Fuß regen kann.« Der

Fischer erwiederte: »Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du

kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein ander Mal vor

ihnen zu hüten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rücken, und dann geh

mir flink aus den Augen, daß ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber

--!« Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Tühi küßte dem

Fischer die Füße zum Dank dafür, daß er so leichten Kaufes losgekommen

war. Obwohl er aber schon über ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte,

so gelüstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er für das

allerköstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu

bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte

dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden.

Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mitbringen

könnte. Der alte Tühi dachte: »Vortrefflich, das Glück scheint mir

günstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei für

einen geboten.« »Meinethalben bringe den Bengel mit, wenn du allein

nicht kommen willst!« rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor

Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.

Obwohl der alte Tühi nun gewöhnlich durch und durch ein Filz ist, so

richtete er doch seinem Sohne eine prächtige Hochzeit aus, wo es an

Nichts fehlte, sondern Ueberfluß, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt

sich vor den Augen der Gäste entfalteten. Tühi zeigte ihnen seinen

unermeßlichen Reichthum an Geld und Schätzen, womit in seinen Speichern

Kisten und Kasten bis zum Rande angefüllt waren. Er ließ auch mancherlei

wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tänze aufführen,

wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. »Bitte ihn

doch, daß er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlössern

liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen läßt!« sagte der Knabe

heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann

sofort dem Höllenvater anzuliegen, daß er ihnen seinen wunderbaren

Dudelsack zeige und den Hochzeitsgästen zur Lust ein Stücklein darauf

spielen lasse.

Der alte Tühi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweitenmal in die Halle. Er

holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlössern hervor,

legte seine fünf Finger an den Hals desselben und fing an aus

Leibeskräften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen gräulichen Klang.

»Werdet nicht böse und nehmt es nicht übel, wenn ich euch geradeaus

sage, daß aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein

Hirtenknabe könnte es wohl besser machen. Ja ihr könntet bei ihm noch

alle Tage in die Lehre gehen.« Tühi, der keinen Betrug witterte, gab dem

Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des

Knaben steht plötzlich der alte Pikne selber da und bläst den Dudelsack

so gewaltig, daß der böse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden

stürzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, daß

ihnen die List so vortrefflich gelungen war.

Als sie eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, setzten sie sich Beide

auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur

Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzählte, was

für Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Tühi wieder

abzunehmen. Während des Gespräches fiel plötzlich Regen, welcher die

ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte,

als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet

immer zu erhören. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen

Göttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamte

geblieben.

[Fußnote 56: Vgl. S. 114, Anm. 2. L.]

Ehstnische Märchen · 第 39 / 69 题