7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.

Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich

von einem Tage zum andern durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das

jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den

Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor

den Thüren guter Menschen sein Brot zu suchen. Nach Jahresfrist gerieth

er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirths, wo man gerade einen

Hüterknaben brauchte. Der Wirth war nicht eben böse, aber das Weib hatte

die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache (»Schüreisen«).

Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel,

die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber

wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das

Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend

ertragen. Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde;

wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer

Stelle zur andern, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl

er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt

nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch

nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirthin Stimme:

»Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur

rasch nach Hause unter den Stock. Zwar dämmerte es schon, als die Herde

zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirthin hatte sogleich

entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den

nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu

bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wuth hätte sie

ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht,

wenn der Wirth, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht

mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemüthsart des tückischen

Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen,

sondern suchte zu vermitteln. Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich

ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh

suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.«

»Wahr,« sagte die Wirthin, »das Aas kann auch die theure Kuh nicht

ersetzen,« -- zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte

ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurückkommst,«

-- setzte sie drohend hinzu, --»so schlage ich dich todt.« Weinend und

stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald,

wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber

nirgends eine Spur von der Kuh. Als am andern Morgen die Sonne sich aus

dem Schoße der Morgenröthe erhoben hatte, war des Knaben Entschluß

gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht

wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Athem

vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und

wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zulegt

die Kraft ausging und er wie todt niederfiel, stand die Sonne fast schon

in Mittagshöhe. Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam

es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah

einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der

eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu

setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du

genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig

hierher geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen,

denn als ich dich fand, warst du schon halb todt.« Dann befragte der

Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte

Alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den

Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte

die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt

war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser

noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster

im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr. Da du

einmal fortgegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt

suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann

ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rath will ich

dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die

Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In

dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen in's

Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage

zu Tage wachsen. Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir

stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort

wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen,

du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst.

Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom

Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht

versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Thiere darfst du

reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem andern Gutes

thut. Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammengerolltes

Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du

auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das

Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen

verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder

zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab

er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten

Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.

Der Knabe hätte Alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und

Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten.

Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes

Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit

Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe

sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter

dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den andern Morgen wachte

er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und

machte sich dann auf die Wanderung. Wunderbarer Weise fühlte er gar

keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran,

daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost,

that ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg

eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im

Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts

gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er

die Kraft seines Klettenblattes prüfen. Wie es der alte Mann

vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor

ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge

führten ihn an's andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in

ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.[32]

So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im

Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut

verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling

herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der

bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine

Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des

Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des

alten Mannes in Erfüllung gehen würden. Er hatte noch nicht lange

gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich

darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf

Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbeiwand.

Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im

Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen Alles still.

Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in

einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein

zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling

vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein

starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er

hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in derselben

Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten. »Das

sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der

Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde

auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn

es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen

sah, hielt er sein Pferd an und fragte, »Wer ist hier vorübergekommen?«

Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf

Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen

Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er

war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie

ein Gewitter daher.« -- »Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es

sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich

könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast.

Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort

mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« -- Der junge Mann

versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.

Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei

Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf

der andern Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirth stand schon

vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich

erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte

er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten.

»Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem

Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.«

Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirth führte den neuen Knecht im

Hause umher, und zeigte ihm, was er zu thun habe. Es war dort ein Keller

im Felsen angebracht und durch dreifache Eisenthüren verschlossen. »In

diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirth, »du

mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Thür mit den Pfoten

herausgraben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde,

so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten,

sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige

auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund ausbräche, so wäre

das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.«

Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen

hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken

aufgethürmt war. »Diese Steine« -- sagte der Wirth -- »sind deßwegen

zusammengetragen, damit immer wieder ein neuer Stein hingewälzt werden

kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein

führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Uebrige

mittheilen, was du dabei zu beobachten hast.«

Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben

Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten

Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen

einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben,

wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du

siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine

Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach

der Thür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schade könnte sonst

größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«

Bald hatte unser Freund Alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach

seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch

nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein

Loch unter der Thür gekratzt, groß genug, um die Schnauze

durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die

Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.

So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein

hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal

wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein

anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr

auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn

den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann

schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich

sehen zu lassen.

Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirth gekommen, als

eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge niederließ und so zu

sprechen anhub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes

Leben für gute Kost hinopferst? Dein zusammengespartes Geld nützt dir

nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des

Wirthes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um

den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne

untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt

aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon

laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der

Wirth kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht

hat, so kann er nicht von der Stelle.« »Wer soll denn hier die Hunde

bewachen, wenn ich weggehe, während der Wirth schläft?« fragte der

Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der

Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu

geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit,

daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so

wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«

Der Rath gefiel dem Knechte sehr. Er that, wie der Adler gesagt hatte,

nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt

davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich

den Wirth rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit

deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf,

sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu

sterblichen Menschen kam. Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite

ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht

gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist

schon längst verschieden.

[Fußnote 32: Vergleiche das »See spielen« im Märchen 4 vom Tontlawald,

und das Märchen 11, Der Zwerge Streit. L.]

Ehstnische Märchen · 第 36 / 69 题