Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen
zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch
und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es
manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und
Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und
gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige
meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger,[26] Andere
hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder Andere für einen
Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen
zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.
Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die
Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen
aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nächte hinter einander
im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28]
in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl
auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein
Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke in's Ohr gesummt hätte: »Geh
zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!«
Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm,
faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die andern Mädchen, die
bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu.
Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr um's Herz; sie wäre
umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte;
unwillkürlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in
weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau
des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte
entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht,
liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte
genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der
Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm
seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück
bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit
nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen
und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30]
Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in
den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe
geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen
Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten -- für dieses Mal sage
ich dir Lebe wohl!« Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem
Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht
hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn
nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt hätte; sie fand
darin zwölf Steinchen.
Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheirathet und
der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau
die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der
Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an
den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser!
Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich
danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage
laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und
will beim Kinde Gevatter stehen.« Als an dem bezeichneten Tage das Kind
in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf
den Schoos und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen
silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter
zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das
Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur
Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen,
obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das
Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste
Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heirathen, so mußt du
einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So
lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß
sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«
Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot
gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten
wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die
älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn
verheirathet. Wiewohl sie ihm außer der nothdürftigsten Kleidung nichts
zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und
Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen
hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin,
denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles
mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im
Hause des Bräutigam's den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand
angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert
Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen
Verheirathung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es
bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.
Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit
der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die
Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon
jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu
seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner
sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele,
und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den
Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir
her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an
seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im
Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen
den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die
Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer
sei, der mit Hülfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe.
Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung
seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich.
Das Gericht ließ darauf die andern Schwiegersöhne des Käthners
vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift
erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll
Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große
Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der
Käthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwölf hübsche
Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden
getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen
Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die
Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen,
um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.
Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet,
die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit
Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der
habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald
gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von
allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten,
bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug
den Fußsteig zur Hütte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten
und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und
sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte,
als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume
drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es
war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die
Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger
Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der
Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten,
Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich
die Thür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und
sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor
ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch
dem Jüngling in's Haus.
Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen
aufthat. In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte,
saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau.
Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne
Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine
goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle
in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der
oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin:
»Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als
hättet ihr Uebelthäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten,
aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen
vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,«
fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset
den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in
Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und
die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie
bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.« Einer ihrer
Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit
wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs
Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener
folgten. Dann begann die Königin also:
»Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch
kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste
Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen,
stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein
Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so
mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich
nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich
jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige.
Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner
Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners
heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal
ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür
des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank
darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage
schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten
hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen
Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige
Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage
gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu
bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und
mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und
unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine
zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an
ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener
Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten
Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen
sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß
dir ein Körnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du
diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen.
Das ist mein Richterspruch.«
Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein
starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter sammt ihren
Dienern betäubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie
sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber
da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte,
sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor.
-- »Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist
später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im
Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glücklich lebte bis
an ihr Ende.
[Fußnote 26: Hausgeister, welche ihren Herren Schätze zutragen. Sie
werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. _Kreutzwald_
u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.]
[Fußnote 27: Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ =p.= 105. _Kreutzwald_ u. _Neus_,
Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die
Hexen umher. L.]
[Fußnote 28: Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fällt der ehstnische
Hexen-Sabbat. L.]
[Fußnote 29: Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende
Brautwerber an. L.]
[Fußnote 30: Ehstnisch =lähkre-kiwid= d. i. Steinchen, die man zur
Reinigung des Milchgefäßes (Milchfäßchens), Legel, schwed. =tynnåla=,
ehstn. =lähker= (sprich lächker) braucht. Man führt ein solches
Milchfäßchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.]
[Fußnote 31: Identisch mit der Wassermutter, =wete ema=. Weibliche
Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie
erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die
aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter,
Rasenmutter (s. die betr. Anm. zu Märchen 8 vom Schlaukopf) und in
unserem Märchen 17 die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des
»Stüms,« des Schneegestöbers, auf. -- Eine Wetterjungfrau kennt der
Kalewipoëg =X=, 889 als Tochter des Donnergottes (=Kõu=). Die Finnen haben
eine »Windtochter.« L.]