6. Die zwölf Töchter.

Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen

zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch

und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es

manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und

Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und

gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige

meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger,[26] Andere

hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder Andere für einen

Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen

zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.

Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die

Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen

aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nächte hinter einander

im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28]

in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl

auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein

Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke in's Ohr gesummt hätte: »Geh

zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!«

Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm,

faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die andern Mädchen, die

bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu.

Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr um's Herz; sie wäre

umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte;

unwillkürlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in

weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau

des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte

entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht,

liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte

genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der

Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm

seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück

bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit

nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen

und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30]

Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in

den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe

geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen

Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten -- für dieses Mal sage

ich dir Lebe wohl!« Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem

Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht

hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn

nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt hätte; sie fand

darin zwölf Steinchen.

Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheirathet und

der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau

die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der

Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an

den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser!

Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich

danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage

laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und

will beim Kinde Gevatter stehen.« Als an dem bezeichneten Tage das Kind

in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf

den Schoos und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen

silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter

zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das

Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur

Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen,

obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das

Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste

Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heirathen, so mußt du

einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So

lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß

sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«

Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot

gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten

wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die

älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn

verheirathet. Wiewohl sie ihm außer der nothdürftigsten Kleidung nichts

zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und

Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen

hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin,

denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles

mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im

Hause des Bräutigam's den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand

angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert

Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen

Verheirathung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es

bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.

Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit

der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die

Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon

jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu

seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner

sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele,

und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den

Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir

her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an

seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im

Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen

den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die

Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer

sei, der mit Hülfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe.

Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung

seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich.

Das Gericht ließ darauf die andern Schwiegersöhne des Käthners

vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift

erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll

Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große

Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der

Käthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwölf hübsche

Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden

getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen

Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die

Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen,

um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.

Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet,

die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit

Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der

habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald

gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von

allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten,

bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug

den Fußsteig zur Hütte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten

und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und

sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte,

als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume

drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es

war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die

Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger

Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der

Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten,

Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich

die Thür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und

sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor

ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch

dem Jüngling in's Haus.

Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen

aufthat. In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte,

saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau.

Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne

Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine

goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle

in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der

oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin:

»Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als

hättet ihr Uebelthäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten,

aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen

vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,«

fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset

den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in

Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und

die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie

bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.« Einer ihrer

Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit

wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs

Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener

folgten. Dann begann die Königin also:

»Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch

kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste

Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen,

stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein

Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so

mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich

nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich

jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige.

Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner

Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners

heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal

ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür

des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank

darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage

schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten

hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen

Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige

Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage

gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu

bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und

mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und

unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine

zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an

ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener

Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten

Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen

sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß

dir ein Körnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du

diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen.

Das ist mein Richterspruch.«

Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein

starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter sammt ihren

Dienern betäubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie

sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber

da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte,

sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor.

-- »Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist

später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im

Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glücklich lebte bis

an ihr Ende.

[Fußnote 26: Hausgeister, welche ihren Herren Schätze zutragen. Sie

werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. _Kreutzwald_

u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.]

[Fußnote 27: Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ =p.= 105. _Kreutzwald_ u. _Neus_,

Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die

Hexen umher. L.]

[Fußnote 28: Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fällt der ehstnische

Hexen-Sabbat. L.]

[Fußnote 29: Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende

Brautwerber an. L.]

[Fußnote 30: Ehstnisch =lähkre-kiwid= d. i. Steinchen, die man zur

Reinigung des Milchgefäßes (Milchfäßchens), Legel, schwed. =tynnåla=,

ehstn. =lähker= (sprich lächker) braucht. Man führt ein solches

Milchfäßchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.]

[Fußnote 31: Identisch mit der Wassermutter, =wete ema=. Weibliche

Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie

erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die

aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter,

Rasenmutter (s. die betr. Anm. zu Märchen 8 vom Schlaukopf) und in

unserem Märchen 17 die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des

»Stüms,« des Schneegestöbers, auf. -- Eine Wetterjungfrau kennt der

Kalewipoëg =X=, 889 als Tochter des Donnergottes (=Kõu=). Die Finnen haben

eine »Windtochter.« L.]

Ehstnische Märchen · 第 35 / 69 题