bückte sich, machte sich an seinen schwarzen Hosen zu schaffen, die er
umständlich über den Schuhen hochkrempelte, und lief dann hurtig davon,
einen Regenschirm unter den Arm geklemmt. Ich lief ihm nach, holte ihn
ein, nickte ihm zu, doch schien er mich nicht zu erkennen.
„Ist heute keine Abendunterhaltung?“ fragte ich und versuchte ihm
zuzublinzeln, so wie Mitwisser von Geheimnissen es untereinander tun.
Aber es war allzu lange her, seit solche mimische Übungen mir geläufig
waren, hatte ich bei meiner Lebensweise doch beinahe das Sprechen
verlernt; ich fühlte selbst, daß ich nur eine dumme Grimasse schneide.
„Abendunterhaltung?“ brummte der Mann und sah mir fremd ins Gesicht.
„Gehen Sie in den Schwarzen Adler, Mensch, wenn Sie Bedürfnisse haben.“
Ich war in der Tat nicht mehr gewiß, ob er es sei. Enttäuscht ging ich
weiter, ich wußte nicht wohin, es gab keine Ziele, keine Bestrebungen,
keine Pflichten für mich. Scheußlich bitter schmeckte das Leben, ich
fühlte, wie der seit langem gewachsene Ekel seine Höhe erreichte, wie
das Leben mich ausstieß und wegwarf. Wütend lief ich durch die graue
Stadt, alles schien mir nach feuchter Erde und Begräbnis zu riechen.
Nein, an meinem Grabe durfte keiner von diesen Totenvögeln stehen, mit
seinem Talar und seinem sentimentalen mitchristlichen Gesäusel! Ach,
wohin ich blicken, wohin ich die Gedanken schicken mochte, nirgends
wartete eine Freude, nirgends ein Zuruf auf mich, nirgends war Lockung
zu spüren, es stank alles nach fauler Verbrauchtheit, nach fauler
Halbundhalbzufriedenheit, es war alles alt, welk, grau, schlapp,
erschöpft. Lieber Gott, wie war es möglich? Wie hatte es mit mir dahin
kommen können, mit mir, dem beflügelten Jüngling, dem Dichter, dem
Freund der Musen, dem Weltwanderer, dem glühenden Idealisten? Wie war
das so langsam und schleichend über mich gekommen, diese Lähmung, dieser
Haß gegen mich und alle, diese Verstopftheit aller Gefühle, diese tiefe
böse Verdrossenheit, diese Dreckhölle der Herzensleere und Verzweiflung?
Als ich an der Bibliothek vorüberkam, begegnete mir ein junger
Professor, mit dem ich früher hie und da ein Gespräch geführt hatte, den
ich bei meinem letzten Aufenthalt in dieser Stadt, vor einigen Jahren,
sogar mehrmals in seiner Wohnung aufgesucht hatte, um mit ihm über
orientalische Mythologien zu reden, ein Gebiet, mit dem ich damals viel
beschäftigt war. Der Gelehrte kam mir entgegen, steif und etwas
kurzsichtig, und erkannte mich erst, als ich schon im Begriff war, an
ihm vorüberzugehen. Er stürzte sich mit großer Herzlichkeit auf mich,
und ich, in meiner jämmerlichen Verfassung, war ihm halb und halb
dankbar dafür. Er war erfreut und wurde lebhaft, erinnerte mich an
Einzelheiten aus unsern einstigen Gesprächen, versicherte, daß er meinen
Anregungen viel verdanke und oft an mich gedacht habe; selten habe er
seither so angeregte und ergiebige Auseinandersetzungen mit Kollegen
gehabt. Er fragte, seit wann ich in der Stadt sei (ich log: seit wenigen
Tagen) und warum ich ihn nicht aufgesucht habe. Ich blickte dem artigen
Mann in sein gelehrtes gutes Gesicht, fand die Szene eigentlich
lächerlich, genoß aber doch wie ein verhungerter Hund den Brocken Wärme,
den Schluck Liebe, den Bissen Anerkennung. Gerührt grinste der
Steppenwolf Harry, im trocknen Schlunde lief ihm der Geifer zusammen,
Sentimentalität bog ihm wider seinen Willen den Rücken. Ja, ich log mich
also eifrig heraus, daß ich nur vorübergehend hier sei, studienhalber,
und mich auch nicht recht wohl fühle, sonst hätte ich ihn natürlich
einmal besucht. Und als er mich nun herzlich einlud, doch diesen Abend
bei ihm zu verbringen, da nahm ich dankbar an, bat ihn seine Frau zu
grüßen, und dabei taten mir beim eifrigen Reden und Lächeln die Backen
weh, welche dieser Anstrengungen nicht mehr gewohnt waren. Und während
ich, Harry Haller, da auf der Straße stand, überrumpelt und
geschmeichelt, höflich und beflissen, und dem freundlichen Mann in das
kurzsichtige gute Gesicht lächelte, stand der andere Harry daneben und
grinste ebenfalls, stand grinsend und dachte, was ich doch für ein
eigentümlicher, verdrehter und verlogener Bruder sei, daß ich vor zwei
Minuten noch gegen die ganze verfluchte Welt grimmig die Zähne
gefletscht hatte und jetzt beim ersten Anruf, beim ersten harmlosen Gruß
eines achtbaren Biedermanns gerührt und übereifrig ja und amen sagte und
mich im Genuß von ein bißchen Wohlwollen, Achtung und Freundlichkeit wie
ein Ferkel wälzte. So standen die beiden Harrys, beides außerordentlich
unsympathische Figuren, dem artigen Professor gegenüber, verhöhnten
einander, beobachteten einander, spuckten voreinander aus und stellten
sich, wie immer in solchen Lagen, wieder einmal die Frage: ob das nun
einfach menschliche Dummheit und Schwäche sei, allgemeines Menschenlos,
oder ob dieser sentimentale Egoismus, diese Charakterlosigkeit, diese
Unsauberkeit und Zwiespältigkeit der Gefühle bloß eine persönliche,
steppenwölfische Spezialität sei. War die Schweinerei allgemein
menschlich, nun, dann konnte sich meine Weltverachtung mit erneuter
Wucht darauf stürzen; war es nur meine persönliche Schwäche, so ergab
sich daraus Anlaß zu einer Orgie der Selbstverachtung.
Über dem Streit zwischen den beiden Harrys wurde der Professor beinah
vergessen; plötzlich war er mir wieder lästig, und ich eilte, ihn
loszuwerden. Lange sah ich ihm nach, wie er unter der kahlen Allee
davonging, mit dem gutmütigen und etwas komischen Gang eines Idealisten,
eines Gläubigen. Heftig tobte die Schlacht in meinem Innern, und während
ich mechanisch die steifen Finger krümmte und wieder streckte, im Kampf
mit der heimlich wühlenden Gicht, mußte ich mir gestehen, daß ich mich
da hatte übertölpeln lassen, daß ich mir nun eine Einladung auf halb
acht Uhr zum Abendessen auf den Hals geladen hatte samt Verpflichtung zu
Höflichkeiten, wissenschaftlichem Geschwatze und Betrachtung fremden
Familienglücks. Zornig ging ich nach Hause, mischte Kognak und Wasser,
schluckte dazu meine Gichtpillen hinunter, legte mich auf den Diwan und
versuchte zu lesen. Als es mir endlich gelungen war, eine Weile in
„Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“ zu lesen, einem entzückenden
Schmöker aus dem achtzehnten Jahrhundert, fiel mir plötzlich die
Einladung wieder ein und daß ich nicht rasiert war und daß ich mich
anziehen müsse. Weiß Gott, warum ich mir das angetan hatte! Also, Harry,
steh auf, lege dein Buch weg, seife dich ein, kratze dir das Kinn
blutig, zieh dich an und habe ein Wohlgefallen an den Menschen! Und
während ich mich einseifte, dachte ich an das dreckige Lehmloch im
Friedhof, in das man heut den Unbekannten hinuntergeseilt hatte, und an
die verkniffenen Gesichter der gelangweilten Mitchristen und konnte
nicht einmal darüber lachen. Dort endete, so schien mir, an jenem
dreckigen Lehmloch, bei den dummen verlegenen Worten des Predigers, bei
den dummen verlegenen Mienen der Trauerversammlung, bei dem trostlosen
Anblick all der Kreuze und Tafeln aus Blech und Marmor, bei all den
falschen Draht- und Glasblumen, dort endete nicht nur der Unbekannte,
dort würde nicht nur morgen oder übermorgen auch ich enden, verscharrt,
unter Verlegenheit und Verlogenheit der Teilnehmer in den Dreck
gescharrt, nein, so endete alles, unser ganzes Streben, unsre ganze
Kultur, unser ganzer Glaube, unsre ganze Lebensfreude und Lebenslust,
die so sehr krank war und bald auch dort eingescharrt werden würde. Ein
Friedhof war unsre Kulturwelt, hier waren Jesus Christus und Sokrates,
hier waren Mozart und Haydn, waren Dante und Goethe bloß noch erblindete
Namen auf rostenden Blechtafeln, umstanden von verlegenen und verlogenen
Trauernden, die viel dafür gegeben hätten, wenn sie an die Blechtafeln
noch hätten glauben können, die ihnen einst heilig gewesen waren, die
viel dafür gegeben hätten, auch nur wenigstens ein redliches, ernstes
Wort der Trauer und Verzweiflung über diese untergegangne Welt sagen zu
können, und denen statt allem nichts blieb als das verlegne grinsende
Herumstehen an einem Grab. Wütend kratzte ich mir am Kinn die ewige
Stelle wieder auf und ätzte eine Weile an der Wunde, mußte aber dennoch
den eben angelegten frischen Kragen nochmals wechseln und wußte durchaus
nicht, warum ich das alles tue, denn ich fühlte nicht die mindeste Lust,
zu jener Einladung zu gehen. Aber ein Stück von Harry spielte wieder
Theater, nannte den Professor einen sympathischen Kerl, sehnte sich nach
ein wenig Menschengeruch, Schwatz und Geselligkeit, erinnerte sich an
des Professors hübsche Frau, fand den Gedanken an einen Abend bei
freundlichen Gastgebern im Grunde doch recht ermunternd und half mir ein
englisches Pflaster aufs Kinn kleben, half mir mich anziehen und eine
anständige Krawatte umbinden und brachte mich sanft davon ab, meinem
eigentlichen Wunsch zu folgen und zu Hause zu bleiben. Zugleich dachte
ich: so, wie ich jetzt mich anziehe und ausgehe, den Professor besuche
und mehr oder weniger erlogene Artigkeiten mit ihm austausche, alles
ohne es eigentlich zu wollen, so tun und leben und handeln die meisten
Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft und ohne es eigentlich
zu wollen, machen Besuche, führen Unterhaltungen, sitzen Amts- und
Bureaustunden ab, alles zwanghaft, mechanisch, ungewollt, alles könnte
ebensogut von Maschinen gemacht werden oder unterbleiben; und diese ewig
fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am
eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich
grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen
und zu fühlen. Oh, und sie haben recht, unendlich recht, die Menschen,
daß sie so leben, daß sie ihre Spielchen spielen und ihren Wichtigkeiten
nachlaufen, statt sich gegen die betrübende Mechanik zu wehren und
verzweifelt ins Leere zu starren, wie ich entgleister Mensch es tue.
Wenn ich in diesen Blättern zuweilen die Menschen verachte und auch
verspotte, so glaube doch darum niemand, daß ich ihnen die Schuld
zuwälzen, daß ich sie anklagen, daß ich andre für mein persönliches
Elend verantwortlich machen möchte! Ich aber, der ich nun einmal so weit
gegangen bin und am Rande des Lebens stehe, wo es ins bodenlose Dunkel
fällt, ich tue unrecht und lüge, wenn ich mir und andern vorzutäuschen
versuche, als laufe auch für mich jene Mechanik noch, als sei auch ich
noch zu jener holden kindlichen Welt des ewigen Spiels gehörig!
Der Abend wurde denn auch entsprechend wunderbar. Vor dem Hause meines
Bekannten blieb ich einen Augenblick stehen und sah zu den Fenstern
empor. Da wohnt dieser Mann, dachte ich, und tut Jahr um Jahr seine
Arbeit weiter, liest und kommentiert Texte, sucht nach Zusammenhängen
zwischen vorderasiatischen und indischen Mythologien und ist vergnügt
dabei, denn er glaubt an den Wert seines Tuns, er glaubt an die
Wissenschaft, deren Diener er ist, er glaubt an den Wert des bloßen
Wissens, des Aufspeicherns, denn er glaubt an den Fortschritt, an die
Entwicklung. Er hat den Krieg nicht miterlebt, nicht die Erschütterung
der bisherigen Denkgrundlagen durch Einstein (das, denkt er, geht nur
die Mathematiker an), er sieht nichts davon, wie rings um ihn der
nächste Krieg vorbereitet wird, er hält Juden und Kommunisten für
hassenswert, er ist ein gutes, gedankenloses, vergnügtes, sich wichtig
nehmendes Kind, er ist sehr zu beneiden. Ich gab mir einen Ruck und trat
ein, wurde vom weißbeschürzten Dienstmädchen empfangen, aus irgendeiner
Ahnung mir genau die Stelle merkend, wohin sie meinen Hut und Mantel
brachte, ich wurde in ein warmes helles Zimmer geführt und zu warten
gebeten, und statt ein Gebet zu sprechen oder ein wenig zu schlafen,
folgte ich einem spielerischen Trieb und nahm den nächsten Gegenstand in
die Hände, der sich mir anbot. Es war ein kleines gerahmtes Bild, das
auf dem runden Tisch seinen Standort hatte, durch eine steife
Kartonklappe zum Schrägstehen gezwungen. Es war eine Radierung und
stellte den Dichter Goethe dar, einen charaktervollen, genial frisierten
Greis mit schön modelliertem Gesicht, in welchem weder das berühmte
Feuerauge fehlte noch der Zug von leicht hofmännisch übertünchter
Einsamkeit und Tragik, auf welche der Künstler ganz besondere Mühe
verwandt hatte. Es war ihm gelungen, diesem dämonischen Alten,
seiner Tiefe unbeschadet, einen etwas professoralen oder auch
schauspielerischen Zug von Beherrschtheit und Biederkeit mitzugeben und
ihn, alles in allem, zu einem wahrhaft schönen alten Herrn zu gestalten,
welcher jedem Bürgerhause zum Schmuck gereichen konnte. Vermutlich war
dieses Bild nicht dümmer als alle Bilder dieser Art, alle diese von
fleißigen Kunsthandwerkern hergestellten holden Heilande, Apostel,
Heroen, Geisteshelden und Staatsmänner, vielleicht wirkte es nur durch
eine gewisse virtuose Gekonntheit so aufreizend auf mich; sei dem wie
ihm wolle, auf jeden Fall schrie mir, der ich schon hinlänglich gereizt
und geladen war, diese eitle und selbstgefällige Darstellung des alten
Goethe sogleich als ein fataler Mißklang entgegen und zeigte mir, daß
ich hier nicht am richtigen Orte sei. Hier waren schön stilisierte
Altmeister und nationale Größen zu Hause, keine Steppenwölfe.
Wäre jetzt der Hausherr eingetreten, so wäre es mir vielleicht geglückt,
unter annehmbaren Vorwänden meinen Rückzug auszuführen. Es kam jedoch
seine Frau herein, und ich ergab mich ins Geschick, obwohl ich Unheil
ahnte. Wir begrüßten uns, und dem ersten Mißklang folgten lauter neue.
Die Frau beglückwünschte mich zu meinem guten Aussehen, während mir nur
allzu bewußt war, wie sehr ich in den Jahren seit unsrer letzten
Begegnung gealtert war; schon bei ihrem Händedruck hatte der Schmerz in
den Gichtfingern mich fatal daran erinnert. Ja, und dann fragte sie, wie
es denn meiner lieben Frau gehe, und ich mußte ihr sagen, daß meine Frau
mich verlassen habe und unsre Ehe geschieden sei. Wir waren froh, als
der Professor eintrat. Auch er begrüßte mich herzlich, und die
Schiefheit und Komik der Situation fand alsbald den denkbar hübschesten
Ausdruck. Er hielt eine Zeitung in Händen, das Blatt, auf das er
abonniert war, eine Zeitung der Militaristen- und Kriegshetzepartei, und
nachdem er mir die Hand gegeben hatte, deutete er auf das Blatt und
erzählte, darin stehe etwas über einen Namensvetter von mir, einen
Publizisten Haller, der ein übler Kerl und vaterlandsloser Geselle sein
müsse, er habe sich über den Kaiser lustig gemacht und sich zu der
Ansicht bekannt, daß sein Vaterland am Entstehen des Krieges um nichts
minder schuldig sei als die feindlichen Länder. Was das für ein Kerl
sein müsse! Na, hier kriege der Bursche es gesagt, die Redaktion habe
diesen Schädling recht schneidig erledigt und an den Pranger gestellt.
Wir gingen jedoch zu anderem über, als er sah, daß dies Thema mich nicht
interessiere, und die beiden dachten wirklich nicht von ferne an die
Möglichkeit, daß jenes Scheusal vor ihnen sitzen könne, und doch war es
so, das Scheusal war ich selbst. Na, wozu Lärm machen und die Leute
beunruhigen! Ich lachte in mich hinein, gab aber jetzt die Hoffnung
verloren, an diesem Abend noch etwas Angenehmes zu erleben. Ich habe den
Augenblick deutlich in Erinnerung. In diesem Augenblick nämlich, während
der Professor vom Vaterlandsverräter Haller sprach, verdichtete sich in
mir das schlimme Gefühl von Depression und Verzweiflung, das sich seit
der Begräbnisszene in mir angehäuft und immer verstärkt hatte, zu einem
wüsten Druck, zu einer körperlich (im Unterleib) fühlbaren Not, einem
würgend angstvollen Schicksalsgefühl. Es lag etwas gegen mich auf der
Lauer, fühlte ich, es beschlich mich von hinten eine Gefahr. Zum Glück
kam jetzt die Meldung, daß das Essen bereitstehe. Wir gingen ins
Speisezimmer, und während ich mich bemühte, immer wieder irgend etwas
Harmloses zu sagen oder zu fragen, aß ich mehr, als ich gewohnt war, und
fühlte mich von Augenblick zu Augenblick jämmerlicher. Mein Gott, dachte
ich beständig, warum strengen wir uns denn so an? Deutlich fühlte ich,
daß auch meine Gastgeber sich gar nicht wohl fühlten und daß ihre
Munterkeit ihnen Mühe mache, sei es nun, daß ich so lähmend wirkte, sei
es, daß sonst eine Verstimmung im Hause war. Sie fragten mich nach
lauter Dingen, auf welche eine aufrichtige Antwort nicht zu geben war,
bald hatte ich mich richtig festgelogen und kämpfte mit dem Ekel bei
jedem Wort. Schließlich begann ich, um abzulenken, von dem Begräbnis zu
erzählen, dessen Zuschauer ich heut gewesen war. Aber ich traf den Ton
nicht, meine Anläufe zum Humor wirkten verstimmend, wir kamen mehr und
mehr auseinander, in mir lachte der Steppenwolf mit grinsendem Gebiß,
und beim Nachtisch waren wir alle drei recht schweigsam.
Wir kehrten in jenes erste Zimmer zurück, um Kaffee und Schnaps zu
trinken, vielleicht würde uns das ein wenig aufhelfen. Aber da fiel der
Dichterfürst mir wieder ins Auge, obwohl er beiseite auf eine Kommode
gestellt worden war. Ich kam nicht los von ihm, und, nicht ohne warnende
Stimmen in mir zu vernehmen, nahm ich ihn wieder in die Hand und begann
mich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich war wie besessen von dem Gefühl,
daß die Situation unerträglich sei, daß es mir jetzt gelingen müsse,
meine Wirte entweder zu erwärmen, mitzureißen und auf meinen Ton zu
stimmen oder aber vollends eine Explosion herbeizuführen.
„Hoffen wir,“ sagte ich, „daß Goethe nicht wirklich so ausgesehen hat!
Diese Eitelkeit und edle Pose, diese mit den verehrten Anwesenden
liebäugelnde Würde und unter der männlichen Oberfläche diese Welt von
holdester Sentimentalität! Man kann ja gewiß viel gegen ihn haben, auch
ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer, aber ihn _so_
darzustellen, nein, das geht doch zu weit.“
Die Hausfrau schenkte den Kaffee vollends ein, mit einem tief leidenden
Gesicht, dann eilte sie aus dem Zimmer, und ihr Mann eröffnete mir, halb
verlegen, halb vorwurfsvoll, dies Goethebild gehöre seiner Frau und
werde von ihr ganz besonders geliebt. „Und selbst wenn Sie objektiv
recht hätten, was ich übrigens bestreite, durften Sie sich doch nicht so
kraß ausdrücken.“
„Da haben Sie recht“, gab ich zu. „Es ist leider eine Gewohnheit, ein
Laster von mir, mich immer für den möglichst krassen Ausdruck zu
entscheiden, was übrigens Goethe in seinen guten Stunden auch getan hat.
Dieser süße spießige Salongoethe freilich hätte nie einen krassen, einen
echten, unmittelbaren Ausdruck gebraucht. Ich bitte Sie und Ihre Frau
sehr um Entschuldigung – sagen Sie ihr bitte, daß ich Schizophrene bin.
Und zugleich bitte ich um Erlaubnis, mich empfehlen zu dürfen.“
Der betretene Herr erhob zwar noch einige Einwände, kam auch wieder
darauf zu sprechen, wie schön und anregend unsre einstigen Unterredungen
gewesen seien, ja, daß meine Vermutungen über Mithras und Krischna ihm
damals tiefen Eindruck gemacht hätten und daß er gehofft habe, auch
heute wieder ... und so weiter. Ich dankte ihm und sagte, daß dies sehr
freundliche Worte seien, daß aber leider mein Interesse für Krischna
ebenso wie meine Lust zu wissenschaftlichen Gesprächen ganz und gar
geschwunden sei, daß ich ihn heute mehrmals angelogen habe, so sei ich
zum Beispiel nicht seit einigen Tagen hier in der Stadt, sondern seit
vielen Monaten, lebe aber für mich allein und sei nicht mehr für den
Verkehr in besseren Häusern geeignet, denn erstens sei ich stets sehr
schlechter Laune und mit Gicht behaftet und zweitens meistens betrunken.
Ferner, um reinen Tisch zu schaffen und wenigstens nicht als Lügner
wegzugehen, müsse ich dem verehrten Herrn erklären, daß er mich heute
recht sehr beleidigt habe. Er habe sich jene dumme, stiernackige, eines
beschäftigungslosen Offiziers, nicht aber eines Gelehrten würdige
Stellung eines reaktionären Blattes zu Hallers Meinungen zu eigen
gemacht. Dieser „Bursche“ und vaterlandslose Geselle Haller aber sei ich
selber, und es stünde besser um unser Land und um die Welt, wenn
wenigstens die paar denkfähigen Menschen sich zu Vernunft und
Friedensliebe bekennten, statt blind und besessen auf einen neuen Krieg
loszusteuern. So, und damit Gott befohlen.
Und so erhob ich mich, nahm Abschied von Goethe und dem Professor, riß
draußen meine Sachen vom Kleiderhaken und lief davon. Laut heulte in
meiner Seele der schadenfrohe Wolf, ein gewaltiges Theater fand zwischen
den beiden Harrys statt. Denn, das war mir sofort klar, diese
unerquickliche Abendstunde hatte für mich viel mehr Bedeutung als für
den indignierten Professor; für ihn war sie eine Enttäuschung und ein
kleines Ärgernis, für mich aber war sie ein letztes Mißlingen und
Davonlaufen, war mein Abschied von der bürgerlichen, der moralischen,
der gelehrten Welt, war ein vollkommener Sieg des Steppenwolfes. Und es
war ein Abschiednehmen als Flüchtling und Besiegter, eine
Bankrotterklärung vor mir selber, ein Abschied ohne Trost, ohne
Überlegenheit, ohne Humor. Ich hatte von meiner ehemaligen Welt und
Heimat, von Bürgerlichkeit, Sitte, Gelehrsamkeit nicht anders Abschied
genommen als der Mann mit dem Magengeschwür vom Schweinebraten. Wütend
lief ich unter den Laternen hin, wütend und todestraurig. Was war das
für ein trostloser, beschämender, böser Tag gewesen, vom Morgen bis zum
Abend, vom Friedhof bis zur Szene beim Professor! Wozu? Warum? Hatte es
einen Sinn, noch mehr solche Tage auf sich zu laden, noch mehr solche
Suppen auszufressen? Nein! Und so würde ich denn heut nacht der Komödie
ein Ende machen. Geh heim, Harry, und schneide dir die Kehle durch! Lang
genug hast du damit gewartet.
Hin und her lief ich durch die Straßen, vom Elend geritten. Natürlich
war es dumm von mir gewesen, den guten Leuten ihren Salonschmuck zu
bespucken, es war dumm und unartig, aber ich konnte und konnte nun
einmal nicht anders, ich konnte dies zahme, verlogene, artige Leben
nicht mehr ertragen. Und da ich, wie es schien, auch die Einsamkeit
nicht mehr ertragen konnte, da auch meine eigene Gesellschaft mir so
unsäglich verhaßt und zum Ekel geworden war, da ich im luftleeren Raum
meiner Hölle erstickend um mich schlug, was gab es da noch für einen
Ausweg? Es gab keinen. O Vater und Mutter, o ferne heilige Feuer meiner
Jugend, o ihr tausend Freuden, Arbeiten und Ziele meines Lebens! Nichts
von allem war mir geblieben, nicht einmal Reue, nur Ekel und Schmerz.
Nie, so schien mir, hatte das bloße Lebenmüssen so weh getan wie in
dieser Stunde.
In einer trostlosen Vorstadtkneipe ruhte ich einen Augenblick aus, trank
Wasser und Kognak, lief wieder weiter, vom Teufel gejagt, die steilen
krummen Gassen der Altstadt hinauf und hinab, durch die Alleen, über den
Bahnhofplatz. Fortreisen! dachte ich, ging in den Bahnhof, starrte auf
die Fahrpläne an den Wänden, trank etwas Wein, versuchte, mich zu
besinnen. Immer näher, immer deutlicher begann ich das Gespenst zu
sehen, vor dem ich mich fürchtete. Es war die Heimkehr, die Rückkehr in
meine Stube, das Stillhaltenmüssen vor der Verzweiflung! Dem entging ich
nicht, auch wenn ich noch viele Stunden herumlief, nicht der Rückkehr zu
meiner Tür, zum Tisch mit den Büchern, zum Diwan mit dem Bild meiner
Geliebten darüber, nicht dem Augenblick, da ich das Rasiermesser
abziehen und mir die Kehle durchschneiden mußte. Immer deutlicher tat
dies Bild sich vor mir auf, und immer deutlicher, mit rasend klopfendem
Herzen, fühlte ich die Angst aller Ängste: die Todesfurcht! Ja, ich
hatte eine grauenhafte Furcht vor dem Tode. Obwohl ich keinen andern
Ausweg sah, obwohl Ekel, Leid und Verzweiflung rings um mich getürmt
standen, obwohl nichts mehr mich zu locken, mir Freude und Hoffnung zu
machen imstande war, graute mir doch unaussprechlich vor der
Hinrichtung, vor dem letzten Augenblick, vor dem kalten klaffenden
Schnitt ins eigene Fleisch!
Ich sah keinen Weg, dem Gefürchteten zu entrinnen. Würde im Kampf
zwischen Verzweiflung und Feigheit heute auch vielleicht die Feigheit
siegen, morgen und jeden Tag würde von neuem die Verzweiflung vor mir
stehen, noch erhöht durch die Selbstverachtung. Ich würde so lange das
Messer zur Hand nehmen und wieder wegwerfen, bis es endlich doch einmal
getan war. Dann lieber heute noch! Vernünftig sprach ich mir selber zu,
wie einem geängstigten Kind, aber das Kind hörte nicht, es lief davon,
es wollte leben. Zuckend riß es mich weiter durch die Stadt, in weiten
Bogen umkreiste ich meine Wohnung, stets die Heimkehr im Sinn, stets sie
verzögernd. Da und dort blieb ich in einer Kneipe hängen, einen Becher
lang, zwei Becher lang, dann jagte es mich weiter, im weiten Kreise um
das Ziel, um das Rasiermesser, um den Tod herum. Todmüde saß ich
zuweilen auf einer Bank, auf einem Brunnenrand, auf einem Prellstein,
hörte mein Herz klopfen, wischte mir den Schweiß von der Stirn, lief
wieder weiter, voll tödlicher Angst, voll flackernder Sehnsucht nach
Leben.
So zog es mich, spät in der Nacht, in einer entlegenen und mir wenig
bekannten Vorstadt, in ein Wirtshaus hinein, hinter dessen Fenstern
heftige Tanzmusik erscholl. Überm Tor las ich im Hineingehen ein altes
Schild: Zum schwarzen Adler. Drinnen war Freinacht, lautes
Menschengetümmel, Rauch, Weindunst und Geschrei, im hintern Saale wurde
getanzt, dort wütete die Tanzmusik. Ich blieb im vordern Raume, wo
lauter einfache, zum Teil ärmlich gekleidete Leute sich aufhielten,
während hinten im Ballsaal auch elegante Erscheinungen zu erspähen
waren. Vom Gedränge durch den Raum gestoßen, ward ich neben dem Büfett
an einen Tisch gedrängt, ein hübsches bleiches Mädchen saß auf der
Wandbank, in einem dünnen, tief ausgeschnittenen Ballkleidchen, eine
verwelkte Blume im Haar. Das Mädchen blickte mich, als es mich kommen
sah, aufmerksam und freundlich an, lächelnd rückte es ein wenig beiseite
und machte mir Platz.
„Darf ich?“ fragte ich und setzte mich neben sie.
„Gewiß, du darfst,“ sagte sie, „wer bist du denn?“
„Danke,“ sagte ich, „ich kann unmöglich nach Hause gehen, ich kann
nicht, ich kann nicht, ich will hierbleiben, bei Ihnen, wenn Sie es
erlauben. Nein, ich kann nicht heimgehen.“
Sie nickte, als verstünde sie mich, und indem sie nickte, betrachtete
ich die Locke, die von ihrer Stirn am Ohr vorbeifiel, und ich sah, daß
die welke Blume eine Kamelie war. Von drüben schmetterte die Musik, am
Büfett riefen die Kellnerinnen hastig ihre Bestellungen aus.
„Bleib nur hier“, sagte sie mit einer Stimme, die mir wohl tat. „Warum
kannst du denn nicht heimgehen?“
„Ich kann nicht. Zu Hause wartet etwas auf mich – nein, ich kann nicht,
es ist zu schrecklich.“
„Dann laß es warten und bleib da. Komm, wische dir erst die Brille ab,
du kannst ja gar nichts sehen. So, gib dein Taschentuch. Was wollen wir
denn trinken? Burgunder?“
Sie wischte mir meine Brille ab; nun sah ich sie erst deutlich, das
bleiche feste Gesicht mit dem blutrot gemalten Mund, mit den hellen
grauen Augen, mit der glatten kühlen Stirn, mit der kurzen straffen
Locke vorm Ohr. Gütig und ein klein wenig spöttisch nahm sie sich meiner
an, bestellte Wein, stieß mit mir an und sah dabei auf meine Schuhe
hinunter.
„Mein Gott, woher kommst du denn? Du siehst aus, wie wenn du zu Fuß von
Paris gekommen wärst. So kommt man doch nicht an einen Ball.“
Ich sagte ja und nein, lachte ein wenig, ließ sie reden. Sie gefiel mir
sehr, und ich war darüber verwundert, denn solche junge Mädchen hatte
ich bisher gemieden und eher mit Mißtrauen betrachtet. Und sie war genau
so mit mir, wie es in diesem Augenblick für mich gut war – oh, und so
ist sie auch seither zu jeder Stunde mit mir gewesen. Sie behandelte
mich so schonend, wie ich es nötig hatte, und so spöttisch, wie ich es
nötig hatte. Sie bestellte ein belegtes Brot und befahl mir, es zu
essen. Sie schenkte mir ein und hieß mich einen Schluck trinken, aber
nicht zu rasch. Dann lobte sie meine Folgsamkeit.
„Du bist brav,“ meinte sie ermunternd, „du machst es einem nicht schwer.
Wollen wir wetten, daß es lange her ist, seit du zum letztenmal jemandem
hast gehorchen müssen?“
„Ja, Sie haben die Wette gewonnen. Woher wußten Sie denn das?“
„Keine Kunst. Gehorchen ist wie Essen und Trinken – wer es lang entbehrt
hat, dem geht nichts darüber. Nicht wahr, du gehorchst mir gern?“
„Sehr gern. Sie wissen alles.“
„Du machst es einem leicht. Vielleicht, Freund, könnte ich dir auch
sagen, was das ist, was daheim auf dich wartet und wovor du solche Angst
hast. Aber du weißt es ja selber, wir brauchen nicht davon zu reden,
gelt? Dummes Zeug! Entweder einer hängt sich auf, nun ja, dann hängt er
sich eben auf, er wird Grund dazu haben. Oder er lebt noch, und dann hat
er sich bloß um das Leben zu kümmern. Nichts ist einfacher.“
„Oh,“ rief ich, „wenn das so einfach wäre! Ich habe mich, bei Gott,
genug um das Leben gekümmert, und es hat nichts genützt. Sich aufhängen
ist vielleicht schwer, ich weiß es nicht. Aber leben ist viel, viel
schwerer! Weiß Gott, wie schwer es ist!“
„Nun, du wirst sehen, daß es kinderleicht ist. Den Anfang haben wir
schon gemacht, du hast deine Brille geputzt, hast gegessen, hast
getrunken. Jetzt gehen wir und bürsten deine Hosen und Schuhe ein wenig,
sie haben es nötig. Und dann wirst du einen Shimmy mit mir tanzen.“
„Da sehen Sie,“ rief ich eifrig, „daß ich doch recht hatte! Nichts tut
mir mehr leid, als einen Befehl von Ihnen nicht ausführen zu können.
Aber diesen kann ich nicht ausführen. Ich kann keinen Shimmy tanzen, und
auch keinen Walzer und keine Polka und wie die Dinger alle heißen, ich
habe nie in meinem Leben tanzen gelernt. Sehen Sie jetzt, daß doch nicht
alles so einfach ist, wie Sie meinen?“
Das schöne Mädchen lächelte mit seinen blutroten Lippen und schüttelte
den festen, knabenhaft frisierten Kopf. Indem ich sie ansah, wollte mir
scheinen, sie gleiche der Rosa Kreisler, dem ersten Mädchen, in das ich
mich einst als Knabe verliebt hatte, aber die war ja bräunlich und
dunkelhaarig gewesen. Nein, ich wußte nicht, an wen dies fremde Mädchen
mich erinnerte, ich wußte nur, es war etwas aus sehr früher Jugend, aus
der Knabenzeit.
„Langsam,“ rief sie, „langsam! Du kannst also nicht tanzen? Überhaupt
nicht? Nicht einmal einen Onestep? Und dabei behauptest du, weiß Gott,
welche Mühe du dir mit dem Leben gegeben habest! Da hast du geflunkert,
Junge, das sollte man in deinem Alter nicht mehr tun. Ja, wie kannst du
sagen, du habest dir mit dem Leben Mühe gegeben, wenn du nicht einmal
tanzen willst?“
„Wenn ich es doch nicht kann! Ich habe es nie gelernt.“
Sie lachte.
„Aber lesen und schreiben hast du gelernt, gelt, und rechnen und
wahrscheinlich auch noch Latein und Französisch und allerlei solche
Sachen? Ich will wetten, du bist zehn oder zwölf Jahre in der Schule
gesessen und hast womöglich auch noch studiert und hast vielleicht sogar
den Doktortitel und kannst Chinesisch oder Spanisch. Oder nicht? Also.
Aber das bißchen Zeit und Geld für ein paar Tanzstunden hast du nicht
aufgebracht! Na!“
„Es waren meine Eltern,“ rechtfertigte ich mich, „sie haben mich Latein
und Griechisch und all das Zeug lernen lassen. Aber tanzen lernen ließen
sie mich nicht, es war bei uns nicht Mode, meine Eltern haben selber nie
getanzt.“
Ganz kalt sah sie mich an, voller Verachtung, und wieder sprach aus
ihrem Gesicht etwas, was mich an frühe Jugendzeiten erinnerte.
„So, also deine Eltern müssen schuldig sein! Hast du sie auch gefragt,
ob du heut abend in den Schwarzen Adler gehen dürfest? Hast du? Sie sind
schon lange tot, sagst du? Na also! Wenn du aus lauter Folgsamkeit in
deiner Jugend nicht hast tanzen lernen wollen – meinetwegen! Obwohl ich
nicht glaube, daß du damals so ein Musterknabe warst. Aber nachher – was
hast du denn nachher alle die Jahre lang getrieben?“
„Ach,“ gestand ich, „ich weiß es selber nicht mehr. Ich habe studiert,
Musik gemacht, Bücher gelesen, Bücher geschrieben, Reisen gemacht –“
„Merkwürdige Ansichten, die du vom Leben hast! Du hast also immer
schwierige und komplizierte Sachen getrieben, und die einfachen hast du
gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine Lust? Na meinetwegen, Gott sei Dank
bin ich nicht deine Mutter. Aber dann so tun, als hättest du das Leben
durchprobiert und nichts daran gefunden, nein, das geht nicht!“
„Schelten Sie nicht!“ bat ich. „Ich weiß schon, daß ich verrückt bin.“
„Ach was, sing mir keine Lieder vor! Du bist keineswegs verrückt, Herr
Professor, du bist mir sogar viel zu wenig verrückt! Du bist so auf eine
dumme Art gescheit, scheint mir, richtig wie ein Professor. Komm, iß
noch ein Brötchen! Nachher erzählst du weiter.“
Sie besorgte mir nochmals ein Brötchen, tat etwas Salz daran, strich ein
wenig Senf darauf, schnitt ein Stückchen für sich selber ab und hieß
mich essen. Ich aß. Ich hätte alles getan, was sie mich geheißen hätte,
alles außer Tanzen. Es tat ungeheuer wohl, jemand zu gehorchen, neben
jemand zu sitzen, der einen ausfragte, einem befahl, einen ausschalt.
Hätte der Professor oder seine Frau das vor ein paar Stunden getan, es
wäre mir viel erspart geblieben. Aber nein, es war gut so, es wäre mir
viel entgangen!
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte sie plötzlich.
„Harry.“
„Harry? Ein Bubenname! Und ein Bub bist du auch, Harry, trotz den paar
grauen Flecken im Haar. Du bist ein Bub, und du solltest jemand haben,
der ein wenig nach dir schaut. Vom Tanzen sage ich nichts mehr. Aber wie
du frisiert bist! Hast du denn keine Frau, keinen Schatz?“
„Ich habe keine Frau mehr, wir sind geschieden. Einen Schatz habe ich
schon, aber er wohnt nicht hier, ich sehe ihn nur selten, wir kommen
nicht sehr gut miteinander aus.“
Sie pfiff leise durch die Zähne.
„Du scheinst ein recht schwieriger Herr zu sein, daß keine bei dir
bleibt. Aber sag’ jetzt: was war denn heut abend Besonderes los, daß du
so vergeistert in der Welt herumgelaufen bist? Krach gehabt? Geld
verspielt?“
Das war nun schwierig zu sagen.
„Sehen Sie,“ fing ich an, „es war eigentlich eine Kleinigkeit. Ich war
eingeladen, bei einem Professor – ich selber bin aber keiner –, und
eigentlich hätte ich gar nicht hingehen sollen, ich bin es nicht mehr
gewohnt, so bei Leuten zu sitzen und zu schwatzen, ich habe es verlernt.
Ich ging auch schon in das Haus hinein mit dem Gefühl, es werde nicht
gut gehen – als ich meinen Hut aufhängte, kam mir schon der Gedanke, ich
würde ihn vielleicht schon bald wieder brauchen. Ja, und bei diesem
Professor also, da stand auf dem Tisch so ein Bild herum, ein dummes
Bild, das mich ärgerte ...“
„Was für ein Bild? Warum ärgerte?“ unterbrach sie mich.
„Ja, es war ein Bild, das den Goethe vorstellte – wissen Sie, den
Dichter Goethe. Er war aber darauf nicht so, wie er wirklich ausgesehen
hat – das weiß man nämlich überhaupt nicht genau, er ist seit hundert
Jahren tot. Sondern irgendein moderner Maler hatte den Goethe da so
zurechtfrisiert, wie er sich ihn vorstellt, und dieses Bild ärgerte mich
und war mir scheußlich zuwider – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen?“
„Kann ich sehr gut verstehen, sei ohne Sorge. Weiter!“
„Schon vorher war ich mit dem Professor uneins; er ist, wie die
Professoren fast alle, ein großer Patriot und hat während des Krieges
brav mitgeholfen, das Volk anzulügen – im besten Glauben natürlich. Ich
aber bin ein Kriegsgegner. Na, einerlei. Also weiter. Ich hätte ja das
Bild gar nicht anzusehen brauchen ...“
„Hättest du allerdings nicht.“
„Aber erstens tat es mir wegen Goethe leid, der ist mir nämlich sehr,
sehr lieb, und dann war es so, daß ich dachte – – nun, ich dachte oder
fühlte etwa so: da sitze ich nun bei Leuten, die ich für meinesgleichen
ansehe und von denen ich dachte, auch sie werden den Goethe ähnlich wie
ich lieben und sich etwa ein ähnliches Bild von ihm machen wie ich, und
nun haben sie da dieses geschmacklose, verfälschte, versüßte Bild stehen
und finden es herrlich und merken gar nicht, daß der Geist dieses Bildes
genau das Gegenteil von Goethes Geist ist. Sie finden das Bild
wunderbar, und meinetwegen können sie das ja auch – aber für mich ist
dann auf einmal alles Vertrauen zu diesen Leuten, alle Freundschaft für
sie und alles Gefühl von Verwandtschaft und Zusammengehören aus und
vorbei. Übrigens war die Freundschaft ohnehin nicht groß. Also da wurde
ich wütend und traurig und sah, daß ich ganz allein war und niemand mich
verstand. Begreifen Sie?“
„Leicht zu begreifen, Harry. Und dann? Hast du ihnen das Bild an die
Köpfe gehauen?“
„Nein, ich habe geschimpft und bin fortgelaufen, ich wollte nach Hause,
aber – –“
„Aber da wäre keine Mama gewesen, um den dummen Buben zu trösten oder
auszuschelten. Nun ja, Harry, du tust mir beinah leid, du bist ein
Kindskopf ohnegleichen.“
Gewiß, das sah ich ein, wie mir schien. Sie gab mir ein Glas Wein zu
trinken. Sie war in der Tat wie eine Mama mit mir. Zwischenein aber sah
ich für Augenblicke, wie schön und jung sie war.
„Also,“ fing sie dann wieder an, „also der Goethe ist vor hundert Jahren
gestorben, und der Harry hat ihn sehr gern, und er macht sich eine
wunderbare Vorstellung von ihm, wie er ausgesehen haben mag, und dazu
hat Harry auch das Recht, nicht? Aber der Maler, der auch für den Goethe
schwärmt und sich ein Bild von ihm macht, der hat kein Recht dazu, und
der Professor auch nicht, und überhaupt niemand, denn das paßt Harry
nicht, er verträgt das nicht, er muß dann schimpfen und davonlaufen!
Wenn er klug wäre, so würde er über den Maler und den Professor einfach
lachen. Wenn er verrückt wäre, würde er ihnen ihren Goethe ins Gesicht
schmeißen. Da er aber bloß ein kleiner Bub ist, läuft er heim und will
sich aufhängen – –. Ich habe deine Geschichte gut verstanden, Harry. Es
ist eine komische Geschichte. Sie macht mich lachen. Halt, trink nicht
so rasch! Burgunder trinkt man langsam, er macht sonst zu heiß. Aber dir
muß man alles sagen, kleiner Bub.“
Ihr Blick war streng und mahnend wie der einer sechzigjährigen
Gouvernante.
„O ja,“ bat ich zufrieden, „sagen Sie mir nur alles.“
„Was soll ich dir sagen?“
„Alles, was Sie mögen.“
„Gut, ich sage dir etwas. Seit einer Stunde hörst du, daß ich du zu dir
sage, und du sagst immer noch Sie zu mir. Immer Lateinisch und
Griechisch, immer möglichst kompliziert! Wenn ein Mädchen du zu dir sagt
und sie dir nicht zuwider ist, dann sagst du auch du zu ihr. So, da hast
du etwas zugelernt. Und zweitens: seit einer halben Stunde weiß ich, daß
du Harry heißt. Ich weiß es, weil ich dich gefragt habe. Du aber willst
nicht wissen, wie ich heiße.“
„O doch, sehr gern will ich es wissen.“
„Zu spät, Kleiner! Wenn wir uns einmal wiedersehen, kannst du wieder
fragen. Heut sag’ ich’s nicht mehr. So, und jetzt will ich tanzen.“
Da sie Miene machte aufzustehen, sank plötzlich meine Stimmung tief, ich
bekam Angst, sie würde gehen und mich allein lassen, und dann würde
alles wieder, wie es vorher gewesen war. Wie ein vorübergehend
verschwundener Zahnschmerz plötzlich wieder da ist und wie Feuer brennt,
so war in einem Augenblick die Angst und das Grauen wieder da. O Gott,
hatte ich denn vergessen können, was auf mich wartete? War denn etwas
anders geworden?
„Halt,“ rief ich flehend, „gehen Sie – geh nicht fort! Natürlich kannst
du tanzen, soviel du willst, aber bleib nicht lange fort, komm wieder,
komm wieder!“
Lachend stand sie auf. Ich hatte sie mir stehend größer gedacht, sie war
schlank, aber nicht groß. Wieder erinnerte sie mich an jemand – an wen?
Es war nicht zu finden.
„Du kommst wieder?“
„Ich komme wieder, aber es kann eine Weile dauern, eine halbe Stunde
oder auch eine ganze. Ich will dir was sagen: mach’ die Augen zu und
schlafe ein wenig; das ist, was du nötig hast.“
Ich machte ihr Platz, und sie ging; ihr Röckchen streifte meine Knie, im
Gehen blickte sie in einen runden, winzig kleinen Taschenspiegel, zog
die Augenbrauen hoch, wischte mit einem winzigen Puderquästchen über ihr
Kinn und verschwand im Tanzsaal. Ich blickte um mich: fremde Gesichter,
rauchende Männer, verschüttetes Bier auf dem Marmortisch, Geschrei und
Gekreische überall, nebenan die Tanzmusik. Ich solle schlafen, hatte sie
gesagt. Ach, gutes Kind, du hast eine Ahnung von meinem Schlaf, der
scheuer ist als ein Wiesel! In diesem Jahrmarkt schlafen, am Tisch
sitzend, zwischen den klappernden Bierkrügen! Ich nippte am Wein, zog
eine Zigarre aus der Tasche, sah mich nach Streichhölzern um, aber
eigentlich war mir nichts am Rauchen gelegen, ich legte die Zigarre vor
mir auf den Tisch. „Mach’ die Augen zu“, hatte sie zu mir gesagt. Weiß
Gott, woher das Mädchen diese Stimme hatte, diese etwas tiefe, gute
Stimme, eine mütterliche Stimme. Es war gut, dieser Stimme zu gehorchen,
ich hatte es erfahren. Gehorsam machte ich die Augen zu, lehnte den Kopf
an die Wand, hörte hundert heftige Geräusche mich umtosen, lächelte über
die Idee, an diesem Ort zu schlafen, beschloß, an die Saaltür zu gehen
und einen Blick in den Tanzsaal zu erhaschen – ich mußte doch mein
schönes Mädchen tanzen sehen –, bewegte unterm Stuhl die Füße, fühlte
erst jetzt, wie unendlich müde ich vom stundenlangen Umherirren war, und
blieb sitzen. Und da schlief ich schon, dem mütterlichen Befehl getreu,
schlief gierig und dankbar und träumte, träumte klarer und hübscher, als
ich seit langem geträumt hatte. Mir träumte:
Ich saß und wartete in einem altmodischen Vorzimmer. Zuerst wußte ich
nur, daß ich bei einer Exzellenz angemeldet sei, dann fiel mir ein, daß
es ja Herr von Goethe sei, von dem ich empfangen werden sollte. Leider
war ich nicht ganz als Privatmann hier, sondern als Korrespondent einer
Zeitschrift, das störte mich sehr, und ich konnte nicht begreifen,
welcher Teufel mich in diese Situation hineingeritten habe. Außerdem
beunruhigte mich ein Skorpion, der soeben noch sichtbar gewesen war und
an meinem Bein hochzuklettern versucht hatte. Ich hatte mich zwar gegen
das kleine schwarze Kriechtier gewehrt und geschüttelt, wußte aber
nicht, wo es jetzt stecke, und wagte nirgends hinzugreifen.
Auch war ich nicht ganz sicher, ob man mich nicht aus Versehen, statt
bei Goethe, bei Matthisson angemeldet habe, den ich aber im Traum mit
Bürger verwechselte, denn ich schrieb ihm die Gedichte an Molly zu.
Übrigens wäre mir ein Zusammentreffen mit Molly höchst erwünscht
gewesen, ich dachte sie mir wundervoll, weich, musikalisch, abendlich.
Wäre ich nur nicht im Auftrag jener verwünschten Redaktion dagesessen!
Mein Unmut hierüber stieg mehr und mehr und übertrug sich allmählich
auch auf Goethe, gegen den ich nun mit einemmal alle möglichen Bedenken
und Vorwürfe hatte. Das konnte eine schöne Audienz geben! Der Skorpion
aber, wenn auch gefährlich und vielleicht in meiner nächsten Nähe
versteckt, war doch vielleicht nicht so schlimm; er konnte, so schien
mir, vielleicht auch Freundliches bedeuten, es schien mir sehr möglich,
daß er irgend etwas mit Molly zu tun habe, eine Art Bote von ihr sei
oder ihr Wappentier, ein schönes, gefährliches Wappentier der
Weiblichkeit und der Sünde. Konnte das Tier nicht vielleicht Vulpius
heißen? Aber da riß ein Diener die Tür auf, ich erhob mich und ging
hinein.
Da stand der alte Goethe, klein und sehr steif, und richtig hatte er
einen dicken Ordensstern auf seiner Klassikerbrust. Immer noch schien er
zu regieren, immer noch Audienzen zu empfangen, immer noch die Welt von
seinem Weimarer Museum aus zu kontrollieren. Denn kaum hatte er mich
erblickt, so nickte er ruckend mit dem Kopf wie ein alter Rabe und
sprach feierlich: „Nun, ihr jungen Leute, ihr seid ja wohl mit uns und
unseren Bemühungen recht wenig einverstanden?“
„Ganz richtig“, sagte ich, von seinem Ministerblick durchkältet. „Wir
jungen Leute sind in der Tat nicht mit Ihnen einverstanden, alter Herr.
Sie sind uns zu feierlich, Exzellenz, und zu eitel und wichtigtuerisch
und zu wenig aufrichtig. Dies dürfte das Wesentliche sein: zu wenig
aufrichtig.“
Der kleine alte Mann bewegte den strengen Kopf etwas nach vorn, und
indem sein harter, amtlich gefalteter Mund sich in einem kleinen Lächeln
entspannte und entzückend lebendig wurde, schlug mir plötzlich das Herz,
denn es fiel mir auf einmal das Gedicht ein „Dämmrung senkte sich von
oben“ und daß dieser Mann und dieser Mund es sei, aus dem die Worte
jenes Gedichtes gekommen waren. Eigentlich war ich in diesem Augenblick
schon vollkommen entwaffnet und übermannt und wäre am liebsten vor ihn
hingekniet. Aber ich hielt mich stramm und hörte aus seinem lächelnden
Munde die Worte: „Ei, also der Unaufrichtigkeit zeihen Sie mich? Was das
für Worte sind! Wollen Sie sich nicht näher erklären?“
Gerne wollte ich das, sehr gerne.
„Sie haben, Herr von Goethe, gleich allen großen Geistern die
Fragwürdigkeit, die Hoffnungslosigkeit des Menschenlebens deutlich
erkannt und gefühlt: die Herrlichkeit des Augenblicks und sein elendes
Verwelken, die Unmöglichkeit, eine schöne Höhe des Gefühls anders zu
bezahlen als durch die Kerkerhaft des Alltags, die brennende Sehnsucht
nach dem Reich des Geistes, die mit der ebenso brennenden und ebenso
heiligen Liebe zur verlornen Unschuld der Natur in ewigem tödlichen
Kampfe liegt, dies ganze furchtbare Schweben im Leeren und Ungewissen,
dies Verurteiltsein zum Vergänglichen, niemals Vollgültigen, ewig
Versuchhaften und Dilettantischen – kurz, die ganze Aussichtslosigkeit,
Verstiegenheit und brennende Verzweiflung des Menschseins. Dies alles
haben Sie gekannt, sich je und je auch dazu bekannt, und dennoch haben
Sie mit Ihrem ganzen Leben das Gegenteil gepredigt, haben Glauben und
Optimismus geäußert, haben sich und andern eine Dauer und einen Sinn
unsrer geistigen Anstrengungen vorgespiegelt. Sie haben die Bekenner der
Tiefe, die Stimmen der verzweifelten Wahrheit abgelehnt und unterdrückt,
in sich selbst ebenso wie in Kleist und Beethoven. Sie haben
jahrzehntelang so getan, als sei das Anhäufen von Wissen, von
Sammlungen, das Schreiben und Sammeln von Briefen, als sei Ihre ganze
Weimarer Altersexistenz in der Tat ein Weg, um den Augenblick zu
verewigen, den Sie doch nur mumifizieren konnten, um die Natur zu
vergeistigen, die Sie doch nur zur Maske stilisieren konnten. Das ist
die Unaufrichtigkeit, die wir Ihnen vorwerfen.“
Nachdenklich blickte der alte Geheimrat mir in die Augen, sein Mund
lächelte noch immer.
Dann fragte er zu meiner Verwunderung: „Die Zauberflöte von Mozart muß
Ihnen dann wohl recht sehr zuwider sein?“
Und noch ehe ich protestieren konnte, fuhr er fort: „Die Zauberflöte
stellt das Leben als einen köstlichen Gesang dar, sie preist unsere
Gefühle, die doch vergänglich sind, wie etwas Ewiges und Göttliches, sie
stimmt weder dem Herrn von Kleist noch dem Herrn Beethoven zu, sondern
predigt Optimismus und Glauben.“
„Ich weiß, ich weiß!“ rief ich wütend. „Weiß Gott, wie Sie gerade auf
die Zauberflöte verfallen sind, die mir das Liebste auf der Welt ist!
Aber Mozart ist nicht zweiundachtzig Jahre alt geworden und hat nicht in
seinem persönlichen Leben diese Ansprüche an Dauer, an Ordnung, an
steife Würde gestellt wie Sie! Er hat sich nicht so wichtig gemacht! Er
hat seine göttlichen Melodien gesungen und ist arm gewesen und ist früh
gestorben, arm, verkannt – –“
Der Atem ging mir aus. Tausend Dinge hätten jetzt in zehn Worten gesagt
werden müssen, ich begann an der Stirn zu schwitzen.
Goethe aber sagte sehr freundlich: „Daß ich zweiundachtzig Jahre alt
geworden bin, mag immerhin unverzeihlich sein. Mein Vergnügen daran war
indessen geringer, als Sie denken mögen. Sie haben recht: ein großes
Verlangen nach Dauer hat mich stets erfüllt, ich habe stets den Tod
gefürchtet und bekämpft. Ich glaube, der Kampf gegen den Tod, das
unbedingte und eigensinnige Lebenwollen ist der Antrieb, aus welchem
alle hervorragenden Menschen gehandelt und gelebt haben. Daß man am Ende
dennoch sterben muß, dies hingegen, mein junger Freund, habe ich mit
zweiundachtzig Jahren ebenso bündig bewiesen, wie wenn ich als
Schulknabe gestorben wäre. Wenn es zu meiner Rechtfertigung dienen kann,
möchte ich dies noch sagen: in meiner Natur ist viel Kindliches gewesen,
viel Neugierde und Spieltrieb, viel Lust zum Zeitvergeuden. Nun, und da
habe ich eben etwas lange gebraucht, bis ich einsah, es müsse des
Spielens einmal genug sein.“
Während er dies sagte, lächelte er ganz durchtrieben, geradezu
schlingelhaft. Seine Gestalt war größer geworden, die steife Haltung und
die krampfhafte Würde im Gesicht war verschwunden. Und die Luft um uns
her war jetzt ganz voll von lauter Melodien, lauter Goetheliedern, ich
hörte Mozarts „Veilchen“ und Schuberts „Füllest wieder Busch und Tal“
deutlich heraus. Und Goethes Gesicht war jetzt rosig und jung und lachte
und glich bald dem Mozart, bald dem Schubert wie ein Bruder, und der
Stern auf seiner Brust bestand aus lauter Wiesenblumen, eine gelbe
Primel blühte froh und feist aus seiner Mitte hervor.
Es paßte mir nicht ganz, daß der alte Mann sich meinen Fragen und
Anklagen auf eine so scherzhafte Art entziehen wollte, und ich blickte
ihn vorwurfsvoll an. Da neigte er sich vor und brachte seinen Mund, den
schon ganz kindlich gewordenen Mund, dicht an mein Ohr und flüsterte
leise in mein Ohr hinein: „Mein Junge, du nimmst den alten Goethe viel
zu ernst. Alte Leute, die schon gestorben sind, muß man nicht ernst
nehmen, man tut ihnen sonst unrecht. Wir Unsterblichen lieben das
Ernstnehmen nicht, wir lieben den Spaß. Der Ernst, mein Junge, ist eine
Angelegenheit der Zeit; er entsteht, soviel will ich dir verraten, aus
einer Überschätzung der Zeit. Auch ich habe den Wert der Zeit einst
überschätzt, darum wollte ich hundert Jahre alt werden. In der Ewigkeit
aber, siehst du, gibt es keine Zeit; die Ewigkeit ist bloß ein
Augenblick, gerade lang genug für einen Spaß.“
In der Tat war kein ernstes Wort mehr mit dem Mann zu reden, er tänzelte
vergnügt und gelenkig auf und nieder und ließ die Primel aus seinem
Stern bald wie eine Rakete herausschießen, bald klein werden und
verschwinden. Während er mit seinen Tanzschritten und Figuren glänzte,
mußte ich denken, daß dieser Mann es wenigstens nicht versäumt habe,
tanzen zu lernen. Er konnte es wundervoll. Da fiel der Skorpion mir
wieder ein, oder vielmehr Molly, und ich rief Goethe zu: „Sagen Sie, ist
Molly nicht da?“
Goethe lachte laut. Er ging zu seinem Tisch, schloß ein Schubfach auf,
nahm eine kostbare lederne oder samtene Dose heraus, öffnete sie und
hielt sie mir unter die Augen. Da lag klein, tadellos und schimmernd ein
winziges Frauenbein auf dem dunklen Samt, ein entzückendes Bein, im Knie
ein wenig gebogen, der Fuß nach unten gestreckt, in die zierlichsten
Zehen spitz auslaufend.
Ich streckte die Hand aus und wollte das kleine Bein an mich nehmen, das
mich ganz verliebt machte, aber sowie ich mit zwei Fingern zugreifen
wollte, schien das Spielzeug sich mit einem winzigen Zuck zu bewegen,
und es kam mir plötzlich der Verdacht, dies könne der Skorpion sein.
Goethe schien das zu begreifen, schien sogar gerade dies gewollt und
bezweckt zu haben, diese tiefe Verlegenheit, diesen zuckenden Zwiespalt
von Begehren und Angst. Er hielt mir das reizende Skorpiönchen ganz nahe
vors Gesicht, sah mich danach verlangen, sah mich davor zurückschaudern,
und dies schien ihm ein großes Vergnügen zu machen. Während er mich mit
dem holden gefährlichen Ding neckte, war er wieder ganz alt geworden,
uralt, tausend Jahre alt, mit schneeweißem Haar, und sein welkes
Greisengesicht lachte still und lautlos, lachte heftig in sich hinein
mit einem abgründigen Greisenhumor.
* * * * *
Als ich erwachte, hatte ich den Traum vergessen, erst später fiel er mir
wieder ein. Ich hatte wohl gegen eine Stunde geschlafen, mitten in Musik
und Getriebe, am Wirtstisch, nie hätte ich das für möglich gehalten. Das
liebe Mädchen stand vor mir, eine Hand auf meiner Schulter.
„Gib mir zwei oder drei Mark,“ sagte sie, „ich habe drüben etwas
verzehrt.“
Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie ging damit und kam bald wieder.
„So, jetzt kann ich noch ein kleines Weilchen bei dir sitzen, dann muß
ich gehen, ich habe eine Verabredung.“
Ich erschrak. „Mit wem denn?“ fragte ich schnell.
„Mit einem Herrn, kleiner Harry. Er hat mich in die Odeon-Bar
eingeladen.“
„Oh, ich dachte, du würdest mich nicht allein lassen.“
„Dann hättest eben _du_ mich einladen müssen. Es ist dir einer
zuvorgekommen. Nun, du sparst hübsch Geld dabei. Kennst du das Odeon?
Nach Mitternacht nur Champagner. Klubsessel, Negerkapelle, sehr fein.“
Dies alles hatte ich nicht bedacht.
„Ach,“ sagte ich bittend, „laß dich doch von mir einladen! Ich hielt das
für selbstverständlich, wir sind doch Freunde geworden. Laß dich
einladen, wohin du willst, ich bitte dich.“
„Das ist nett von dir. Aber schau’, ein Wort ist ein Wort, ich habe
angenommen, und ich werde hingehen. Gib dir keine Mühe mehr! Komm, nimm
noch einen Schluck, wir haben ja noch Wein in der Flasche. Den trinkst
du aus und gehst dann hübsch nach Hause und schläfst. Versprich mir’s.“
„Nein, du, nach Hause kann ich nicht gehen.“
„Ach du, mit deinen Geschichten! Bist du noch immer nicht mit dem Goethe
fertig? (In diesem Augenblick fiel mir der Goethetraum wieder ein.) Aber
wenn du wirklich nicht heimgehen kannst, dann bleib hier im Haus, es
sind Fremdenzimmer da. Soll ich dir eins besorgen?“
Ich war damit zufrieden und fragte, wo ich sie wiedersehen könne. Wo sie
denn wohne? Das sagte sie mir nicht. Ich solle nur ein wenig suchen,
dann fände ich sie schon.
„Darf ich dich nicht einladen?“
„Wohin?“
„Wohin du magst, und wann du magst.“
„Gut. Am Dienstag zum Abendessen im Alten Franziskaner, im ersten Stock.
Auf Wiedersehen!“
Sie gab mir die Hand, und erst jetzt fiel diese Hand mir auf, eine Hand,
die ganz zu ihrer Stimme paßte, schön und voll, klug und gütig. Sie
lachte spöttisch, als ich ihr die Hand küßte.
Und im letzten Augenblick wandte sie sich nochmals zu mir um und sagte:
„Ich will dir noch etwas sagen, wegen des Goethe. Schau’, so, wie es dir
mit dem Goethe gegangen ist, daß du das Bild von ihm nicht vertragen
konntest, so geht es mir manchmal mit den Heiligen.“
„Den Heiligen? Bist du so fromm?“
„Nein, ich bin nicht fromm, leider, aber ich bin es einmal gewesen und
werde es einmal wieder sein. Man hat ja keine Zeit zum Frommsein.“
„Keine Zeit? Braucht man denn Zeit dazu?“
„O ja. Zum Frommsein braucht man Zeit, man braucht sogar noch mehr:
Unabhängigkeit von der Zeit! Du kannst nicht ernstlich fromm sein und
zugleich in der Wirklichkeit leben und sie auch noch ernst nehmen: die
Zeit, das Geld, die Odeon-Bar und all das.“
„Ich verstehe. Aber wie ist das mit den Heiligen?“
„Ja, da gibt es manche Heilige, die habe ich besonders gern: den Stefan,
den heiligen Franz und andere. Von ihnen sehe ich nun manchmal Bilder
und auch vom Heiland und der Muttergottes, solche verlogene,
verfälschte, verdummte Bilder, und die kann ich gerade so wenig
ausstehen wie du jenes Goethebild. Wenn ich so einen süßen dummen
Heiland oder heiligen Franz sehe und sehe, wie andere diese Bilder schön
und erbaulich finden, dann spüre ich es wie eine Beleidigung des
richtigen Heilands und denke: ach, wozu hat er gelebt und so furchtbar
gelitten, wenn den Leuten schon so ein dummes Bild von ihm genügt! Aber
ich weiß trotzdem, daß auch _mein_ Heiland- oder Franzbild bloß ein
Menschenbild ist und an das Urbild nicht hinreicht, daß dem Heiland
selbst mein inneres Heilandbild gerade so dumm und unzulänglich
vorkommen würde wie mir jene süßlichen Nachbilder. Ich sage dir das
nicht, um dir in deiner Verstimmung und Wut gegen das Goethebild recht
zu geben, nein, du bist da im Unrecht. Ich sage es bloß, um dir zu
zeigen, daß ich dich verstehen kann. Ihr Gelehrte und Künstler habt ja
allerlei aparte Sachen in euren Köpfen, aber ihr seid Menschen wie
andre, und auch wir andern haben unsre Träume und Spiele im Kopf. Ich
habe nämlich gemerkt, gelehrter Herr, daß du ein bißchen in Verlegenheit
kamst, wie du mir deine Goethegeschichte erzählen solltest – du mußtest
dich anstrengen, um deine idealen Sachen so einem einfachen Mädchen
verständlich zu machen. Nun, und da möchte ich dir doch zeigen, daß du
dich nicht so anzustrengen brauchst. Ich verstehe dich schon. So, und
jetzt Schluß! Du gehörst ins Bett.“
Sie ging, und mich führte ein greiser Hausdiener zwei Treppen hinauf,
vielmehr, erst fragte er nach meinem Gepäck, und als er hörte, es sei
keines da, mußte ich das, was er „Schlafgeld“ nannte, vorausbezahlen.
Dann brachte er mich, durch ein altes finstres Treppenhaus, in eine
Kammer hinauf und ließ mich allein. Da stand ein dürres Holzbett, sehr
kurz und hart, und an der Wand hing ein Säbel und ein farbiges Bildnis
von Garibaldi, auch ein verwelkter Kranz von einer Vereinsfeier. Für ein
Nachthemd hätte ich viel gegeben. Wenigstens war Wasser und ein kleines
Handtuch da, ich konnte mich waschen, dann legte ich mich in den
Kleidern aufs Bett, ließ das Licht brennen und hatte Zeit zum
Nachdenken. Also mit Goethe war ich jetzt in Ordnung. Herrlich, daß er
im Traum zu mir gekommen war! Und dieses wunderbare Mädchen – wenn ich
doch ihren Namen gewußt hätte! Plötzlich ein Mensch, ein lebendiger
Mensch, der die trübe Glasglocke meiner Abgestorbenheit zerschlug und
mir die Hand hereinstreckte, eine gute, schöne, warme Hand! Plötzlich
wieder Dinge, die mich etwas angingen, an die ich mit Freude, mit Sorge,
mit Spannung denken konnte! Plötzlich eine Türe offen, durch die das
Leben zu mir hereinkam! Ich konnte vielleicht wieder leben, ich konnte
vielleicht wieder ein Mensch werden. Meine Seele, in der Kälte
eingeschlafen und nahezu erfroren, atmete wieder, schlug schläfrig mit
kleinen schwachen Flügeln. Goethe war bei mir gewesen. Ein Mädchen hatte
mich essen, trinken, schlafen geheißen, hatte mir Freundliches erwiesen,
hatte mich ausgelacht, hatte mich einen dummen kleinen Jungen genannt.
Und sie hatte mir auch, die wunderbare Freundin, von den Heiligen
erzählt und mir gezeigt, daß ich sogar in meinen wunderlichsten
Verstiegenheiten gar nicht allein und unverstanden und eine krankhafte
Ausnahme sei, daß ich Geschwister habe, daß man mich verstehe. Ob ich
sie wiedersehen würde? Ja, gewiß, sie war zuverlässig. „Ein Wort ist ein
Wort.“
Und schon schlief ich wieder, schlief vier, fünf Stunden. Es war zehn
Uhr vorüber, als ich aufwachte, in zerknitterten Kleidern, zerschlagen,
müde, die Erinnerung an irgend etwas Gräßliches von gestern im Kopf,
aber lebendig, hoffnungsvoll, voll guter Gedanken. Bei der Heimkehr in
meine Wohnung empfand ich nichts mehr von den Schrecken, die diese
Heimkehr gestern für mich gehabt hatte.
Auf der Treppe, oberhalb der Araukarie, traf ich mit der „Tante“
zusammen, meiner Vermieterin, die ich selten zu Gesicht bekam, deren
freundliches Wesen mir aber sehr gefiel. Die Begegnung war mir nicht
angenehm, ich war immerhin etwas verwahrlost und übernächtig, nicht
gekämmt und nicht rasiert. Ich grüßte und wollte vorübergehen.
Sonst respektierte sie mein Verlangen nach Alleinbleiben und
Nichtbeachtetwerden stets, heut aber schien in der Tat zwischen mir und
der Umwelt ein Schleier zerrissen, eine Schranke gefallen zu sein – sie
lachte und blieb stehen.
„Sie haben gebummelt, Herr Haller, Sie waren ja heut nacht gar nicht im
Bett. Sie werden schön müde sein!“
„Ja,“ sagte ich und mußte auch lachen, „es ging heut nacht etwas lebhaft
zu, und weil ich den Stil Ihres Hauses nicht stören wollte, schlief ich
in einem Hotel. Mein Respekt vor der Ruhe und Achtbarkeit Ihres Hauses
ist groß, manchmal komme ich mir darin sehr wie ein Fremdkörper vor.“
„Spotten Sie nicht, Herr Haller!“
„Oh, ich spotte bloß über mich selber.“
„Eben das sollten Sie nicht tun. Sie sollen sich in meinem Haus nicht
als ‚Fremdkörper‘ fühlen. Sie sollen leben, wie es Ihnen gefällt, und
treiben, was Sie mögen. Ich habe schon manche sehr, sehr achtbare Mieter
gehabt, Juwelen an Achtbarkeit, aber keiner war ruhiger und hat uns
weniger gestört als Sie. Und jetzt – wollen Sie einen Tee haben?“
Ich widerstand nicht. In ihrem Salon mit den schönen Großväterbildern
und Großvätermöbeln bekam ich Tee vorgesetzt, und wir schwatzten ein
wenig, die freundliche Frau erfuhr, ohne eigentlich zu fragen, dies und
jenes aus meinem Leben und meinen Gedanken und hörte zu mit der Mischung
von Achtung und mütterlichem Nicht-ganz-ernst-nehmen, welche kluge
Frauen für die Verschrobenheiten der Männer haben. Es war auch von ihrem
Neffen die Rede, und sie zeigte mir in einem Nebenzimmer dessen neueste
Feierabendarbeit, einen Radioapparat. Da saß der fleißige junge Mensch
an seinen Abenden und stocherte eine solche Maschine zusammen,
hingerissen von der Idee der Drahtlosigkeit, anbetend auf frommen Knien
vor dem Gott der Technik, welcher es fertiggebracht hat, nach
Jahrtausenden Dinge zu entdecken und höchst unvollkommen darzustellen,
welche jeder Denker schon immer gewußt und klüger benutzt hat. Wir
sprachen darüber, denn die Tante neigt ein klein wenig zur Frömmigkeit,
und religiöse Gespräche sind ihr nicht unlieb. Ich sagte ihr, die
Allgegenwart aller Kräfte und Taten sei den alten Indern sehr wohl
bekannt gewesen und die Technik habe lediglich ein kleines Stück dieser
Tatsache dadurch ins allgemeine Bewußtsein gebracht, daß sie dafür,
nämlich für die Tonwellen, einen vorerst noch grauenhaft unvollkommenen
Empfänger und Sender konstruiert habe. Die Hauptsache jener alten
Erkenntnis, die Unwirklichkeit der Zeit, sei bisher von der Technik noch
nicht bemerkt worden, schließlich werde aber natürlich auch sie
„entdeckt“ werden und den geschäftigen Ingenieuren in die Finger
geraten. Man werde, vielleicht schon sehr bald, entdecken, daß nicht nur
gegenwärtige, augenblickliche Bilder und Geschehnisse uns beständig
umfluten, so, wie die Musik aus Paris und Berlin jetzt in Frankfurt oder
Zürich hörbar gemacht wird, sondern daß alles je Geschehene ganz ebenso
registriert und vorhanden sei und daß wir wohl eines Tages, mit oder
ohne Draht, mit oder ohne störende Nebengeräusche, den König Salomo und
den Walther von der Vogelweide werden sprechen hören. Und daß dies
alles, ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu
dienen werde, von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem
immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu
umgeben. Aber ich sagte alle diese mir geläufigen Dinge nicht mit dem
gewohnten Ton von Erbitterung und Hohn gegen die Zeit und gegen die
Technik, sondern scherzhaft und spielend, und die Tante lächelte, und
wir saßen wohl eine Stunde beisammen, tranken Tee und waren zufrieden.
Auf Dienstag abend hatte ich das schöne, merkwürdige Mädchen aus dem
Schwarzen Adler eingeladen, und die Zeit bis dahin herumzubringen,
machte mir nicht wenig Mühe. Und als endlich der Dienstag gekommen war,
war mir die Wichtigkeit meiner Beziehung zu dem unbekannten Mädchen bis
zum Erschrecken klar geworden. Ich dachte nur an sie, ich erwartete
alles von ihr, ich war bereit, ihr alles zu opfern und zu Füßen zu
legen, ohne doch im mindesten in sie verliebt zu sein. Ich brauchte mir
nur vorzustellen, sie würde unsere Verabredung brechen oder vergessen
können, dann sah ich deutlich, wie es mit mir stand; dann wäre die Welt
wieder leer, wäre ein Tag so grau und wertlos wie der andre, wäre um
mich her wieder die ganze grauenvolle Stille und Erstorbenheit gewesen
und kein Ausgang aus dieser schweigsamen Hölle als das Rasiermesser. Und
das Rasiermesser war mir in diesen paar Tagen um nichts lieber geworden,
es hatte nichts von seinen Schrecken verloren. Dies eben war ja das
Häßliche: ich hatte eine tiefe, herzerdrückende Angst vor dem Schnitt
durch meine Kehle, ich fürchtete mich vor dem Sterben mit ebenso wilder,
zäher, sich wehrender und bäumender Kraft, als wenn ich der gesundeste
Mensch und mein Leben ein Paradies gewesen wäre. Ich erkannte meinen
Zustand mit voller, rücksichtsloser Deutlichkeit und erkannte, daß die
unerträgliche Spannung zwischen Nichtlebenkönnen und Nichtsterbenkönnen
es war, die mir die Unbekannte, die kleine hübsche Tänzerin aus dem
Schwarzen Adler, so wichtig machte. Sie war das kleine Fensterchen, das
winzige lichte Loch in meiner finstern Angsthöhle. Sie war die Erlösung,
der Weg ins Freie. Sie mußte mich leben lehren oder sterben lehren, sie
mit ihrer festen und hübschen Hand mußte mein erstarrtes Herz antasten,
damit es unter der Berührung des Lebens entweder aufblühe oder in Asche
zerfalle. Woher sie diese Kräfte nahm, woher die Magie ihr kam, aus
welchen geheimnisvollen Gründen ihr diese tiefe Bedeutung für mich
erwachsen war, darüber konnte ich nicht nachdenken, es war auch
einerlei; mir lag nichts daran, dies zu wissen. An keinem Wissen, an
keiner Einsicht war mir mehr das mindeste gelegen, eben damit war ich ja
überfüttert, eben darin lag die schärfste und höhnendste Qual und
Schmach für mich, daß ich meinen eigenen Zustand so deutlich sah, seiner
so sehr bewußt war. Ich sah diesen Kerl, dieses Vieh von Steppenwolf vor
mir wie eine Fliege im Netz und sah zu, wie sein Schicksal der
Entscheidung zutrieb, wie er verstrickt und wehrlos im Netze hing, wie
die Spinne zum Zubeißen bereit war, wie eine rettende Hand ebenso nahe
schien. Ich hätte über die Zusammenhänge und Ursachen meines Leidens,
meiner Seelenkrankheit, meiner Verhextheit und Neurose die klügsten und
einsichtsvollsten Sachen sagen können, die Mechanik war mir
durchsichtig. Aber nicht Wissen und Verstehen war es, was mir not tat,
wonach ich mich so verzweifelt sehnte, sondern Erleben, Entscheidung,
Stoß und Sprung.
Obwohl ich in jenen paar Tagen des Wartens niemals daran zweifelte, daß
meine Freundin ihr Wort halten werde, war ich am letzten Tage doch sehr
erregt und ungewiß; nie im Leben habe ich ungeduldiger auf den Abend
eines Tages gewartet. Und während die Spannung und Ungeduld mir beinahe
unerträglich wurde, tat sie zugleich doch wunderbar wohl: unausdenklich
schön und neu war es für mich, den Ernüchterten, der seit langer Zeit
auf nichts gewartet, sich auf nichts gefreut hatte – wunderbar war es,
diesen ganzen Tag voll Unruhe, Bangigkeit und heftiger Erwartung hin und
her zu rennen, sich die Begegnung, die Gespräche, die Ergebnisse des
Abends im voraus auszudenken, sich dafür zu rasieren und anzukleiden
(mit besonderer Sorgfalt, neuem Hemd, neuer Krawatte, neuen
Schuhnesteln). Mochte dies kluge und geheimnisvolle kleine Mädchen sein,
wer sie wollte, mochte sie auf diese oder auf jene Weise in diese
Beziehung zu mir geraten sein, mir war es einerlei; sie war da, das
Wunder war geschehen, daß ich nochmals einen Menschen und ein neues
Interesse am Leben gefunden hatte! Wichtig war nur, daß dies weiterging,
daß ich mich dieser Anziehung überließ, diesem Stern folgte.
Unvergeßlicher Augenblick, als ich sie wiedersah! Ich saß an einem
kleinen Tisch des alten behaglichen Restaurants, den ich unnötigerweise
vorher telephonisch bestellt hatte, studierte die Speisekarte und hatte
im Wasserglase zwei schöne Orchideen stehen, die ich für meine Freundin
gekauft hatte. Ich mußte eine ganze Weile auf sie warten, fühlte mich
aber ihres Kommens sicher und war nicht mehr erregt. Und nun kam sie,
blieb vor der Garderobe stehen und grüßte mich nur durch einen
aufmerksamen, etwas prüfenden Blick aus ihren hellgrauen Augen.
Mißtrauisch kontrollierte ich, wie sich der Kellner gegen sie benehme.
Nein, Gott sei Dank, keine Vertraulichkeit, kein Mangel an Distanz, er
war tadellos höflich. Und doch kannten sie sich, sie nannte ihn Emil.
Als ich ihr die Orchideen gab, war sie erfreut und lachte. „Das ist
hübsch von dir, Harry. Du wolltest mir ein Geschenk machen, nicht wahr,
und wußtest nicht recht, was wählen, du wußtest nicht so ganz, wieweit
du eigentlich berechtigt seiest, mich zu beschenken, ob ich nicht
beleidigt sein werde, und da hast du denn Orchideen gekauft, das sind
bloß Blumen und sind doch hübsch teuer. Also danke schön. Übrigens will
ich dir gleich sagen: ich will nicht von dir beschenkt werden. Ich lebe
von den Männern, aber von dir will ich nicht leben. Aber wie du dich
verändert hast! Man kennt dich nicht wieder. Neulich hast du ausgesehen,
als hätte man dich grade vom Strick abgeschnitten, und jetzt bist du
schon beinah wieder ein Mensch. Hast du übrigens meinen Befehl
ausgeführt?“
„Welchen Befehl?“
„So vergeßlich? Ich meine, ob du jetzt Foxtrott tanzen kannst? Du hast
mir gesagt, daß du dir nichts Besseres wünschest, als Befehle von mir zu
erhalten, dir sei nichts lieber, als mir zu gehorchen. Erinnerst du
dich?“
„O ja, und dabei soll es bleiben! Es war mir Ernst.“
„Und doch hast du noch nicht tanzen gelernt?“
„Kann man denn das so schnell, bloß in ein paar Tagen?“
„Natürlich. Fox kannst du in einer Stunde lernen, Boston in zwei. Tango
geht länger, aber den brauchst du gar nicht.“
„Aber jetzt muß ich endlich deinen Namen wissen!“
Sie blickte mich eine Weile schweigend an.
„Du kannst ihn vielleicht erraten. Es wäre mir sehr lieb, wenn du ihn
erraten würdest. Paß einmal auf und sieh mich gut an! Ist dir noch nicht
aufgefallen, daß ich manchmal ein Knabengesicht habe? Zum Beispiel
jetzt?“
Ja, indem ich jetzt ihr Gesicht genau betrachtete, mußte ich ihr recht
geben, es war ein Knabengesicht. Und als ich mir eine Minute Zeit ließ,
begann das Gesicht zu mir zu sprechen und erinnerte mich an meine eigene
Knabenzeit und an meinen damaligen Freund, der hatte Hermann geheißen.
Einen Augenblick schien sie ganz in diesen Hermann verwandelt.
„Wenn du ein Knabe wärst,“ sagte ich staunend, „müßtest du Hermann
heißen.“
„Wer weiß, vielleicht bin ich einer und bin bloß verkleidet“, sagte sie
spielerisch.
„Heißt du Hermine?“
Sie nickte strahlend, froh über mein Erraten. Eben kam die Suppe, wir
begannen zu essen, und sie wurde kindlich vergnügt. Von allem, was mir
an ihr gefiel und mich bezauberte, war dies das hübscheste und
eigenartigste, daß sie ganz plötzlich vom tiefsten Ernst zur drolligsten
Lustigkeit übergehen konnte und umgekehrt und sich dabei gar nicht
änderte und verzerrte, es war wie bei einem begabten Kinde. Jetzt war
sie eine Weile lustig, neckte mich mit dem Foxtrott, stieß mich sogar
mit den Füßen an, lobte das Essen mit Eifer, bemerkte, daß ich mir mit
dem Anziehen Mühe gegeben habe, hatte aber noch eine Menge an meinem
Äußeren auszusetzen.
Zwischenein fragte ich sie: „Wie hast du das gemacht, daß du plötzlich
wie ein Knabe aussahest und daß ich deinen Namen erraten konnte?“
„Oh, das hast alles du selber gemacht. Begreifst du das nicht, du
gelehrter Herr: daß ich dir darum gefalle und für dich wichtig bin, weil
ich wie eine Art Spiegel für dich bin, weil in mir innen etwas ist, was
dir Antwort gibt und dich versteht? Eigentlich sollten alle Menschen
füreinander solche Spiegel sein und einander so antworten und
entsprechen, aber solche Käuze wie du sind eben wunderlich und verlaufen
sich leicht in eine Verzauberung, daß sie in den Augen andrer Menschen
nichts mehr sehen und lesen können, daß es sie nichts mehr angeht. Und
wenn dann so ein Kauz plötzlich doch wieder ein Gesicht findet, das ihn
wirklich anschaut, in dem er etwas wie Antwort und Verwandtschaft spürt,
ja, dann hat er natürlich eine Freude.“
„Du weißt alles, Hermine“, rief ich erstaunt. „Es ist genau so, wie du
sagst. Und doch bist du so ganz und gar anders als ich! Du bist ja mein
Gegenteil; du hast alles, was mir fehlt.“
„So kommt es dir vor,“ sagte sie lakonisch, „und das ist gut.“
Und jetzt floß über ihr Gesicht, das mir in der Tat wie ein
Zauberspiegel war, eine schwere Wolke von Ernst, plötzlich sprach dies
ganze Gesicht nur noch Ernst, nur noch Tragik, bodenlos wie aus den
leeren Augen einer Maske. Langsam, Wort für Wort wie widerwillig
hergebend, sagte sie:
„Du, vergiß nicht, was du zu mir gesagt hast! Du hast gesagt, ich solle
dir befehlen, und es würde dir eine Freude sein, allen meinen Befehlen
zu gehorchen. Vergiß das nicht! Du mußt wissen, kleiner Harry: so, wie
es dir mit mir geht, daß mein Gesicht dir Antwort gibt, daß etwas in mir
dir entgegenkommt und dir Vertrauen macht – ebenso geht es mir auch mit
dir. Als ich dich neulich im Schwarzen Adler hereinkommen sah, so müd
und abwesend und schon beinah nicht mehr auf dieser Welt, da spürte ich
gleich: der wird mir gehorchen, der sehnt sich danach, daß ich ihm
befehle! Und das werde ich auch tun, darum habe ich dich angesprochen,
und darum sind wir Freunde geworden.“
Sie sprach so voll schweren Ernstes, so unter hohem Druck der Seele, daß
ich nicht ganz mitkam und sie zu beruhigen und abzulenken suchte. Sie
schüttelte das nur mit einem Zucken der Augenbrauen von sich, sah mich
zwingend an und fuhr fort, mit ganz kalter Stimme: „Du mußt dein Wort
halten, Kleiner, das sage ich dir, oder du sollst es bereuen. Du wirst
viele Befehle von mir erhalten und wirst ihnen folgen, hübsche Befehle,
angenehme Befehle, es wird dir eine Lust sein, ihnen zu gehorchen. Und
zuletzt wirst du auch meinen letzten Befehl erfüllen, Harry.“
„Ich werde“, sagte ich halb willenlos. „Was wird dein letzter Befehl für
mich sein?“ Ich ahnte ihn aber schon, Gott weiß warum.
Sie schüttelte sich wie unter einem leichten Frostschauer und schien aus
ihrer Versunkenheit langsam zu erwachen. Ihre Augen ließen mich nicht
los. Sie wurde plötzlich noch finsterer.
„Es wäre klug von mir, dir das nicht zu sagen. Ich will aber nicht klug
sein, Harry, diesmal nicht. Ich will etwas ganz anderes. Paß auf, hör’
zu! Du wirst es hören, wirst es wieder vergessen, wirst darüber lachen,
wirst darüber weinen. Paß auf, Kleiner! Ich will mit dir um Leben und
Tod spielen, Brüderchen, und ich will dir meine Karten, noch eh wir
anfangen zu spielen, offen zeigen.“
Wie schön war ihr Gesicht, wie überirdisch, als sie das sagte! In den
Augen kühl und hell schwamm wissende Trauer, diese Augen schienen schon
alles irgend erdenkliche Leid gelitten und ja dazu gesagt zu haben. Der
Mund sprach schwer und wie behindert, etwa so, wie man spricht, wenn
einem großer Frost das Gesicht erstarrt hat; aber zwischen den Lippen,
in den Mundwinkeln, im Spiel der nur selten sichtbar werdenden
Zungenspitze floß, im Widerspruch zu Blick und Stimme, lauter süße
spielende Sinnlichkeit, inniges Lustverlangen. In die stille glatte
Stirn hing eine kurze Locke herab, von dort aus, von dieser Stirnecke
mit der Locke her, strömte von Zeit zu Zeit wie lebendiger Atem jene
Welle von Knabenähnlichkeit, von hermaphrodisischer Magie. Angstvoll
hörte ich ihr zu, und doch wie betäubt, wie nur halb anwesend.
„Du hast mich gern“, fuhr sie fort, „aus dem Grunde, den ich dir schon
gesagt habe: ich habe deine Einsamkeit durchbrochen, ich habe dich
gerade vor dem Tor der Hölle aufgefangen und wieder aufgeweckt. Aber ich
will mehr von dir, viel mehr. Ich will dich in mich verliebt machen.
Nein, widersprich mir nicht, laß mich reden! Du hast mich sehr gern, das
spüre ich, und du bist mir dankbar, aber in mich verliebt bist du nicht.
Ich will machen, daß du es wirst, das gehört zu meinem Beruf; ich lebe
ja davon, daß ich Männer in mich verliebt machen kann. Aber paß gut auf,
ich tue das nicht darum, weil ich gerade dich so entzückend fände. Ich
bin nicht in dich verliebt, Harry, so wenig, wie du in mich. Aber ich
brauche dich, wie du mich brauchst. Du brauchst mich jetzt, im
Augenblick, weil du verzweifelt bist und einen Stoß nötig hast, der dich
ins Wasser wirft und dich wieder lebendig macht. Du brauchst mich, um
tanzen zu lernen, lachen zu lernen, leben zu lernen. Ich aber brauche
dich, nicht heute, später, auch zu etwas sehr Wichtigem und Schönem. Ich
werde dir, wenn du in mich verliebt sein wirst, meinen letzten Befehl
geben, und du wirst gehorchen, und das wird für dich und mich gut sein.“
Sie hob eine von den braunvioletten, grüngeäderten Orchideen ein wenig
im Glase, beugte ihr Gesicht einen Augenblick darüber und starrte die
Blume an.
„Du wirst es nicht leicht haben, aber du wirst es tun. Du wirst meinen
Befehl erfüllen _und wirst mich töten_. Das ist es. Frage nicht mehr!“
Mit dem Blick noch bei der Orchidee, verstummte sie, ihr Gesicht
entspannte sich, wie eine aufgehende Blumenknospe entrollte es sich aus
Druck und Spannung, und plötzlich stand ein entzückendes Lächeln auf
ihren Lippen, während die Augen noch einen Augenblick starr und gebannt
blieben. Und jetzt schüttelte sie den Kopf mit der kleinen Bubenlocke,
trank einen Schluck Wasser, sah plötzlich wieder, daß wir am Essen waren
und fiel mit freudigem Appetit über die Speisen her.
Ich hatte Wort für Wort ihrer unheimlichen Rede deutlich gehört, hatte
sogar ihren „letzten Befehl“ erraten, noch ehe sie ihn aussprach, und
war über das „Du wirst mich töten“ nicht mehr erschrocken. Alles, was
sie sagte, klang mir überzeugend und schicksalhaft, ich nahm es an und
wehrte mich nicht dagegen, und doch war alles, trotz dem grauenhaften
Ernst, mit dem sie gesprochen hatte, für mich ohne volle Wirklichkeit
und Ernsthaftigkeit. Ein Teil meiner Seele sog ihre Worte auf und
glaubte ihnen, ein andrer Teil meiner Seele nickte begütigend und nahm
zur Kenntnis, daß also doch auch diese so kluge, gesunde und sichere
Hermine ihre Phantasien und Dämmerzustände habe. Kaum war ihr letztes
Wort gesprochen, so überzog eine Schicht von Unwirklichkeit und
Unwirksamkeit die ganze Szene.
Immerhin konnte ich nicht mit derselben seiltänzerischen Leichtigkeit
wie Hermine den Sprung ins Wahrscheinliche und Wirkliche zurück tun.
„Also ich werde dich einmal töten?“ fragte ich, leise nachträumend,
während sie schon wieder lachte und voll Eifer ihr Geflügel zerschnitt.
„Natürlich,“ nickte sie obenhin, „genug davon, es ist Essenszeit. Harry,
sei nett und bestelle mir noch ein wenig grünen Salat! Hast du denn
keinen Appetit? Ich glaube, du mußt alles erst lernen, was sich bei
andern Menschen von selber versteht, sogar die Freude am Essen. Also
sieh, Kleiner, dies hier ist ein Entenbeinchen, und wenn man das helle
hübsche Fleisch vom Knochen löst, dann ist das ein Fest, und es muß
einem dabei gerade so appetitlich und spannend und dankbar ums Herz
sein, wie einem Verliebten, wenn er seinem Mädchen zum erstenmal aus der
Jacke hilft. Hast du verstanden? Nicht? Du bist ein Schaf. Paß auf, ich
gebe dir ein Stück von diesem schönen Entenbeinchen, du wirst sehen. So,
mach’ den Mund auf! – Oh, was für ein Scheusal du bist! Jetzt hat er,
weiß Gott, zu den andern Leuten hinübergeschielt, ob sie es nicht sehen,
wenn er einen Bissen von meiner Gabel kriegt! Sei ohne Sorge, du
verlorener Sohn, ich werde dir keine Schande machen. Aber wenn du zu
deinem Vergnügen erst die Erlaubnis anderer Leute brauchst, dann bist du
wirklich ein armer Tropf.“
Immer unwirklicher wurde die vorige Szene, immer unglaublicher, daß
diese Augen noch vor Minuten so schwer und grauenvoll gestarrt hatten.
Oh, darin war Hermine wie das Leben selbst: stets nur Augenblick, nie im
voraus zu berechnen. Jetzt aß sie, und das Entenbein und der Salat, die
Torte und der Likör wurde ernst genommen, wurde zum Gegenstand von
Freude und Urteil, von Gespräch und Phantasie. War der Teller
weggetragen, so begann ein neues Kapitel. Diese Frau, die mich so
vollkommen durchschaut hatte, die mehr über das Leben zu wissen schien
als alle Weisen, betrieb das Kindsein, das kleine Lebensspiel des
Augenblicks mit einer Kunst, die mich ohne weiteres zu ihrem Schüler
machte. Mochte das nun hohe Weisheit sein oder einfachste Naivität: wer
so dem Augenblick zu leben verstand, wer so gegenwärtig lebte und so
freundlich-sorgsam jede kleine Blume am Weg, jeden kleinen spielerischen
Augenblickswert zu schätzen wußte, dem konnte das Leben nichts anhaben.
Und dieses frohe Kind mit seinem guten Appetit, mit seiner spielerischen
Feinschmeckerei sollte zugleich eine Träumerin und Hysterikerin sein,
die sich den Tod wünschte, oder eine wachsame Rechnerin, die mich bewußt
und kühlen Herzens verliebt und zu ihrem Sklaven machen wollte? Das
konnte nicht sein. Nein, sie war einfach so ganz dem Augenblick ergeben,
daß sie, ebenso wie jedem lustigen Einfall, auch jedem flüchtigen
dunklen Schauer aus fernen Seelentiefen her offenstand und ihn sich
ausleben ließ.
Diese Hermine, die ich heut zum zweiten Male sah, wußte alles von mir,
es schien mir nicht möglich, je vor ihr ein Geheimnis zu haben. Es
mochte sein, daß sie mein geistiges Leben vielleicht nicht ganz
verstanden hätte; in meine Beziehungen zur Musik, zu Goethe, zu Novalis
oder Baudelaire vermöchte sie mir möglicherweise nicht zu folgen – aber
auch dies war sehr fraglich, wahrscheinlich würde auch dies ihr keine
Mühe machen. Und wenn auch – was war denn von meinem „geistigen Leben“
noch übrig? Lag das nicht alles in Scherben und hatte seinen Sinn
verloren? Aber meine anderen, meine persönlichsten Probleme und
Anliegen, die würde sie alle verstehen, daran zweifelte ich nicht. Bald
würde ich mit ihr über den Steppenwolf, über den Traktat, über alles und
alles reden, was bisher nur für mich allein existiert, worüber ich nie
mit einem Menschen ein Wort gesprochen hatte. Ich konnte nicht
widerstehen, gleich zu beginnen.
„Hermine,“ sagte ich, „mir ist neulich etwas Wunderliches begegnet. Da
gab ein Unbekannter mir ein kleines gedrucktes Büchlein, ein Ding wie
ein Jahrmarktsheft, und darin stand meine ganze Geschichte und alles,
was mich angeht, genau beschrieben. Sag’, ist das nicht merkwürdig?“
„Wie heißt denn das Büchlein?“ fragte sie leichthin.
„Es heißt ‚Traktat vom Steppenwolf‘.“
„Oh, Steppenwolf ist großartig! Und der Steppenwolf bist du? Das sollst
du sein?“
„Ja, ich bin es. Ich bin einer, der halb ein Mensch ist und halb ein
Wolf, oder der sich das einbildet.“
Sie gab keine Antwort. Sie sah mir mit forschender Aufmerksamkeit in die
Augen, sah auf meine Hände, und für einen Moment kam in ihren Blick und
ihr Gesicht wieder der tiefe Ernst und die düstere Leidenschaftlichkeit
von vorhin. Ich glaubte, ihre Gedanken zu erraten, ob ich nämlich Wolf
genug sei, um ihren „letzten Befehl“ vollziehen zu können.
„Es ist natürlich eine Einbildung von dir“, sagte sie, sich zurück ins
Heitere wandelnd, „oder, wenn du willst, eine Poesie. Aber es hat etwas.
Heute bist du kein Wolf, aber neulich, wie du da in den Saal
hereinkamst, wie vom Mond gefallen, da warst du schon so ein Stück
Bestie, gerade das hat mir gefallen.“
Sie unterbrach sich mit einem plötzlichen Einfall und sagte wie
betroffen: „Das klingt so dumm, so ein Wort wie ‚Bestie‘ oder
‚Raubtier‘! Man sollte nicht so von den Tieren reden. Sie sind ja oft
schrecklich, aber sie sind doch viel richtiger als die Menschen.“
„Was ist ‚richtig‘? Wie meinst du das?“