oder gar eins von den schönen großen Tieren im Zoologischen, einen Puma
oder eine Giraffe! Du mußt doch sehen, daß sie alle richtig sind, daß
gar kein einziges Tier in Verlegenheit ist oder nicht weiß, was es tun
und wie es sich benehmen soll. Sie wollen dir nicht schmeicheln, sie
wollen dir nicht imponieren. Kein Theater. Sie sind, wie sie sind, wie
Steine und Blumen oder wie Sterne am Himmel. Verstehst du?“
Ich verstand.
„Meistens sind Tiere traurig“, fuhr sie fort. „Und wenn ein Mensch sehr
traurig ist, nicht weil er Zahnweh hat oder Geld verloren, sondern weil
er einmal für eine Stunde spürt, wie alles ist, das ganze Leben, und er
ist dann richtig traurig, dann sieht er immer ein wenig einem Tier
ähnlich – er sieht dann traurig aus, aber richtiger und schöner als
sonst. So ist es, und so hast du ausgesehen, Steppenwolf, als ich dich
zuerst gesehen habe.“
„Nun, Hermine, und was denkst du über jenes Buch, in dem ich beschrieben
stehe?“
„Ach weißt du, ich mag nicht immer denken. Wir sprechen ein andermal
davon. Du kannst es mir ja einmal zu lesen geben. Oder nein, wenn ich
einmal wieder zum Lesen kommen sollte, dann gib mir eins von den
Büchern, die du selber geschrieben hast.“
Sie bat um Kaffee und schien eine Weile unaufmerksam und zerstreut, dann
plötzlich strahlte sie und schien mit ihren Grübeleien zu einem Ziel
gelangt zu sein.
„Hallo,“ rief sie freudig, „jetzt hab’ ich’s!“
„Was denn?“
„Das mit dem Foxtrott, ich mußte die ganze Zeit daran denken. Also sag’:
hast du ein Zimmer, in dem wir zwei hie und da eine Stunde tanzen
könnten? Es kann klein sein, das macht nichts, bloß darf nicht gerade
irgendeiner unter dir wohnen, der dann heraufkommt und Skandal macht,
wenn es über ihm ein wenig wackelt. Also gut, sehr gut! Dann kannst du
zu Hause tanzen lernen.“
„Ja,“ sagte ich schüchtern, „desto besser. Aber ich dachte, man brauche
auch Musik dazu.“
„Natürlich braucht man. Also paß auf, die Musik wirst du dir kaufen, das
kostet höchstens soviel wie ein Tanzkurs bei einer Lehrerin. Die
Lehrerin sparst du, die mache ich selber. Dann haben wir Musik, sooft
wir wollen, und das Grammophon bleibt uns obendrein.“
„Das Grammophon?“
„Selbstverständlich. Du kaufst so einen kleinen Apparat und ein paar
Tanzplatten dazu ...“
„Herrlich,“ rief ich, „und wenn es dir wirklich gelingt, mir das Tanzen
beizubringen, dann bekommst du das Grammophon als Honorar.
Einverstanden?“
Ich sagte das sehr forsch, aber es kam nicht von Herzen. In meinem
Studierstübchen mit den Büchern konnte ich mir einen solchen, mir
keineswegs sympathischen Apparat nicht vorstellen, und auch gegen das
Tanzen hatte ich vieles einzuwenden. So gelegentlich, hatte ich gedacht,
konnte man es ja einmal probieren, obwohl ich überzeugt war, ich sei
viel zu alt und steif und würde es nicht mehr lernen. Aber nun so Schlag
auf Schlag, das war mir zu rasch und heftig, und ich spürte alles in mir
Widerstand leisten, was ich als alter verwöhnter Musikkenner gegen
Grammophone, Jazz und moderne Tanzmusiken einzuwenden hatte. Daß jetzt
in meiner Stube, neben Novalis und Jean Paul, in meiner Gedankenklause
und Zuflucht amerikanische Tanzschlager erklingen und ich dazu tanzen
sollte, das war eigentlich mehr, als ein Mensch von mir verlangen
konnte. Aber es war ja nicht „ein Mensch“, der es verlangte; es war
Hermine, und sie hatte zu befehlen. Ich gehorchte. Natürlich gehorchte
ich.
Wir trafen uns am nächsten Nachmittag in einem Café. Hermine saß schon
dort, als ich kam, trank Tee und zeigte mir lächelnd eine Zeitung, in
der sie meinen Namen entdeckt hatte. Es war eines der reaktionären
Hetzblätter meiner Heimat, in welchen immer von Zeit zu Zeit heftige
Schmähartikel gegen mich die Runde machten. Ich war während des Krieges
Kriegsgegner gewesen, ich hatte nach dem Kriege gelegentlich zu Ruhe,
Geduld, Menschlichkeit und Selbstkritik gemahnt und mich gegen die
täglich schärfer, törichter und wilder werdende nationalistische
Hetzerei gewehrt. Da stand nun wieder solch ein Angriff, schlecht
geschrieben, halb vom Redakteur selbst verfaßt, halb aus den vielen
ähnlichen Aufsätzen der ihm nahestehenden Presse zusammengestohlen.
Niemand schreibt bekanntlich so schlecht wie die Verteidiger alternder
Ideologien, niemand treibt sein Handwerk mit weniger Sauberkeit und
Mühewaltung. Den Aufsatz hatte Hermine gelesen und hatte daraus
erfahren, daß Harry Haller ein Schädling und vaterlandsloser Geselle sei
und daß es natürlich mit dem Vaterland nicht anders als übel stehen
könne, solange solche Menschen und solche Gedanken geduldet würden und
die Jugend zu sentimentalen Menschheitsgedanken statt zur kriegerischen
Rache am Erbfeind erzogen werde.
„Bist du das?“ fragte Hermine und zeigte auf meinen Namen. „Nun, da hast
du dir ordentlich Feinde gemacht, Harry. Ärgert es dich?“
Ich las einige Zeilen, es war das Gewohnte, jedes einzelne dieser
klischierten Schmähworte war mir seit Jahren bis zum Überdruß bekannt.
„Nein,“ sagte ich, „es ärgert mich nicht, ich bin längst daran gewöhnt.
Ich habe ein paarmal die Meinung geäußert, jedes Volk und sogar jeder
einzelne Mensch müsse, statt sich mit verlogenen politischen
„Schuldfragen“ in Schlummer zu wiegen, bei sich selber nachforschen, wie
weit es selbst durch Fehler, Versäumnisse und üble Gewohnheiten mit am
Kriege und an allem andern Weltelend schuldig sei, das sei der einzige
Weg, um den nächsten Krieg vielleicht zu vermeiden. Das verzeihen sie
mir nicht, denn natürlich sind sie selber vollkommen unschuldig: der
Kaiser, die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die
Zeitungen – niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat
irgendeine Schuld! Man könnte meinen, es stehe alles herrlich in der
Welt, nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der
Erde. Und sieh, Hermine, wenn solche Schmähartikel mich auch nicht mehr
ärgern können, manchmal machen sie mich doch traurig. Zwei Drittel von
meinen Landsleuten lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und
Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahnt, verhetzt,
unzufrieden und böse gemacht, und das Ziel und Ende von dem allem ist
wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg, der wohl noch
scheußlicher sein wird, als dieser es war. Alles das ist klar und
einfach, jeder Mensch könnte es begreifen, könnte in einer einzigen
Stunde Nachdenkens dasselbe Ergebnis finden. Aber keiner will das,
keiner will den nächsten Krieg vermeiden, keiner will sich und seinen
Kindern die nächste Millionenschlächterei ersparen, wenn er es nicht
billiger haben kann. Eine Stunde nachdenken, eine Weile in sich gehen
und sich fragen, wie weit man selber an der Unordnung und Bosheit in der
Welt teil hat und mitschuldig ist – sieh, das will niemand! Und so wird
es also weitergehen, und der nächste Krieg wird von vielen tausend
Menschen Tag für Tag mit Eifer vorbereitet. Es hat mich, seit ich es
weiß, gelähmt und zur Verzweiflung gebracht, es gibt für mich kein
„Vaterland“ und keine Ideale mehr, das ist alles ja bloß Dekoration für
die Herren, die das nächste Schlachten vorbereiten. Es hat keinen Sinn,
irgend etwas Menschliches zu denken, zu sagen, zu schreiben, es hat
keinen Sinn, gute Gedanken in seinem Kopf zu bewegen – auf zwei, drei
Menschen, welche das tun, kommen Tag für Tag tausend Zeitungen,
Zeitschriften, Reden, öffentliche und geheime Sitzungen, die alle das
Gegenteil anstreben und auch erreichen.“
Hermine hatte mit Teilnahme zugehört.
„Ja,“ sagte sie nun, „da hast du schon recht. Natürlich wird es wieder
Krieg geben, man braucht keine Zeitungen zu lesen, um das zu wissen.
Darüber kann man natürlich traurig sein, einen Wert hat das aber nicht.
Es ist gerade so, wie wenn einer darüber traurig ist, daß er trotz allem
und allem, was er dagegen tun mag, unweigerlich einmal wird sterben
müssen. Der Kampf gegen den Tod, lieber Harry, ist immer eine schöne,
edle, wunderbare und ehrwürdige Sache, also auch der Kampf gegen den
Krieg. Aber er ist auch immer eine hoffnungslose Donquichotterie.“
„Das ist vielleicht wahr,“ rief ich heftig, „aber mit solchen Wahrheiten
wie der, daß wir doch alle bald sterben müssen und also alles wurst und
egal ist, macht man das ganze Leben flach und dumm. Ja sollen wir denn
also alles wegwerfen, auf allen Geist, auf alles Streben, auf alle
Menschlichkeit verzichten, den Ehrgeiz und das Geld weiter regieren
lassen und bei einem Glas Bier die nächste Mobilmachung abwarten?“
Merkwürdig war der Blick, mit dem Hermine mich nun ansah, ein Blick voll
Belustigung, voll Spott und Schelmerei und verständnisvoller
Kameradschaft und zugleich so voll Schwere, Wissen und abgründigem
Ernst!
„Das sollst du nicht“, sagte sie ganz mütterlich. „Dein Leben wird auch
dadurch nicht flach und dumm, wenn du weißt, daß dein Kampf erfolglos
sein wird. Es ist viel flacher, Harry, wenn du für etwas Gutes und
Ideales kämpfst und nun meinst, du müssest es auch erreichen. Sind denn
Ideale zum Erreichen da? Leben wir denn, wir Menschen, um den Tod
abzuschaffen? Nein, wir leben, um ihn zu fürchten und dann wieder zu
lieben, und gerade seinetwegen glüht das bißchen Leben manchmal eine
Stunde lang so schön. Du bist ein Kind, Harry. Sei jetzt folgsam und
komm mit mir, wir haben heut viel zu tun. Ich werde mich heut nicht mehr
um den Krieg und die Zeitungen kümmern. Und du?“
O nein, auch ich war bereit.
Wir gingen zusammen – es war unser erster gemeinsamer Gang in der Stadt
– in ein Musikaliengeschäft und sahen Grammophone an, klappten sie auf
und zu, ließen sie uns vorspielen, und als wir eines davon sehr passend
und nett und wohlfeil gefunden hatten, wollte ich es kaufen, aber so
schnell war Hermine nicht fertig. Sie hielt mich zurück, und ich mußte
erst noch einen zweiten Laden mit ihr aufsuchen und auch dort alle
Systeme und Größen vom teuersten bis zum billigsten ansehen und anhören,
und erst jetzt war sie damit einverstanden, in den ersten Laden
zurückzugehen und den dort gefundenen Apparat zu kaufen.
„Siehst du,“ sagte ich, „das hätten wir einfacher haben können.“
„Meinst du? Und dann hätten wir vielleicht morgen den gleichen Apparat
in einem andern Schaufenster um zwanzig Franken billiger ausgestellt
gesehen. Und außerdem macht Einkaufen Spaß, und was Spaß macht, muß man
auskosten. Du mußt noch viel lernen.“
Mit einem Dienstmann brachten wir unsern Einkauf in meine Wohnung.
Hermine betrachtete mein Wohnzimmer genau, lobte den Ofen und den Diwan,
probierte die Stühle, nahm Bücher in die Hand, blieb lang vor der
Photographie meiner Geliebten stehen. Das Grammophon hatten wir zwischen
Bücherhaufen auf eine Kommode gestellt. Und nun begann mein Unterricht.
Sie ließ einen Foxtrott spielen, machte mir die ersten Schritte vor,
nahm meine Hand und begann, mich zu führen. Ich trabte gehorsam mit,
stieß an Stühle, hörte auf ihre Befehle, verstand sie nicht, trat sie
auf die Füße und war ebenso ungeschickt wie pflichteifrig. Nach dem
zweiten Tanz warf sie sich in den Diwan und lachte wie ein Kind.
„Mein Gott, wie steif du bist! Geh doch einfach vor dich hin, wie wenn
du spazierengehst! Anstrengungen sind gar nicht nötig. Ich glaube, dir
ist sogar schon heiß geworden? Na, ruhen wir fünf Minuten aus! Schau’,
das Tanzen ist, wenn man es kann, gerade so einfach wie das Denken, und
zu lernen ist es viel leichter. Du wirst jetzt weniger ungeduldig
darüber werden, daß die Menschen sich das Denken nicht angewöhnen
wollen, sondern lieber den Herrn Haller einen Landesverräter heißen und
ruhig den nächsten Krieg kommen lassen.“
Nach einer Stunde ging sie fort, mit der Versicherung, das nächste Mal
werde es schon besser gehen. Ich dachte darüber anders und war sehr
enttäuscht über meine Dummheit und Schwerfälligkeit, ich hatte, wie mir
schien, in dieser Stunde überhaupt nichts gelernt und glaubte nicht
daran, daß es ein andermal besser gehen werde. Nein, zum Tanzen mußte
man Fähigkeiten mitbringen, die mir vollkommen fehlten: Fröhlichkeit,
Unschuld, Leichtsinn, Schwung. Nun, ich hatte es mir ja längst gedacht.
Aber siehe, beim nächsten Mal ging es in der Tat besser und begann mir
sogar Spaß zu machen, und am Schluß der Stunde behauptete Hermine, den
Foxtrott könne ich jetzt. Aber als sie daraus folgerte, nun müsse ich
morgen mit ihr in einem Restaurant tanzen gehen, erschrak ich heftig und
wehrte mich mit Leidenschaft. Kühl erinnerte sie mich an mein Gelübde
des Gehorsams und bestellte mich für morgen zum Tee ins Hotel Balances.
An jenem Abend saß ich zu Hause, wollte lesen und konnte nicht. Ich
hatte Angst vor morgen; der Gedanke war mir entsetzlich, daß ich alter,
scheuer und empfindlicher Sonderling nicht nur eines dieser öden
modernen Tee- und Tanzlokale mit Jazzmusik besuchen, sondern mich dort
unter den fremden Menschen als Tänzer zeigen sollte, ohne noch irgend
etwas zu können. Und ich gestehe, daß ich über mich selber lachte und
mich vor mir selber geschämt habe, als ich allein in meinem stillen
Studierzimmer den Apparat aufzog und laufen ließ und leise, auf Socken,
die Schritte meines Fox repetierte.
Im Hotel Balances andern Tages spielte eine kleine Kapelle, es wurde Tee
und Whisky serviert. Ich versuchte Hermine zu bestechen, setzte ihr
Kuchen vor, versuchte, sie zu einer Flasche guten Wein einzuladen, aber
sie blieb unerbittlich.
„Du bist heute nicht zum Vergnügen hier. Es ist Tanzstunde.“
Ich mußte zwei-, dreimal mit ihr tanzen, und zwischenein machte sie mich
mit dem Saxophonbläser bekannt, einem dunklen, schönen, jungen Menschen
von spanischer oder südamerikanischer Herkunft, der, wie sie sagte, alle
Instrumente spielen und alle Sprachen der Welt sprechen konnte. Dieser
Señor schien mit Hermine sehr gut bekannt und befreundet zu sein, er
hatte zwei Saxophone von verschiedener Größe vor sich stehen, die er
abwechselnd blies, während seine schwarzen gleißenden Augen aufmerksam
und vergnügt die Tanzenden studierten. Zu meiner eigenen Verwunderung
empfand ich gegen diesen harmlosen, hübschen Musikanten etwas wie
Eifersucht, nicht Liebeseifersucht, denn von Liebe war ja zwischen mir
und Hermine gar nicht die Rede, aber eine mehr geistige
Freundschaftseifersucht, denn er schien mir des Interesses und der
auffallenden Auszeichnung, ja Verehrung, die sie für ihn zeigte, nicht
so recht würdig zu sein. Komische Bekanntschaften muß ich da machen,
dachte ich mißmutig.
Dann wurde Hermine einmal ums andre zum Tanz gebeten, ich blieb allein
beim Tee sitzen, hörte der Musik zu, einer Art von Musik, die ich bisher
nicht hatte ausstehen können. Lieber Gott, dachte ich, nun soll ich also
hier eingeführt und heimisch werden, in dieser mir so fremden und
widerwärtigen, in dieser bisher von mir so sorgfältig gemiedenen, so
tief verachteten Welt der Bummler und Vergnügungsmenschen, in dieser
glatten, klischierten Welt der Marmortischchen, der Jazzmusik, der
Kokotten, der Handlungsreisenden! Betrübt sog ich meinen Tee und starrte
in die halbelegante Menge. Zwei schöne Mädchen zogen meine Blicke an,
beide gute Tänzerinnen, denen ich mit Bewunderung und Neid nachblickte,
wie sie elastisch, schön, fröhlich und sicher dahintanzten.
Da erschien Hermine wieder und war mit mir unzufrieden. Ich sei nicht
hier, schalt sie, um ein solches Gesicht zu machen und regungslos am
Teetisch zu sitzen, ich möge mir jetzt bitte einen Ruck geben und
tanzen. Wie, ich kenne niemanden? Das sei ganz unnötig. Ob denn gar
keine Mädchen da seien, die mir gefielen?
Ich zeigte ihr die eine, schönere, die eben in unsrer Nähe stand und in
ihrem hübschen Sammetröckchen, mit den kurzgeschnittenen kräftigen
Blondhaaren und den vollen, fraulichen Armen entzückend aussah. Hermine
bestand darauf, daß ich sofort hingehe und sie auffordere. Ich wehrte
mich verzweifelt.
„Ich kann doch nicht!“ sagte ich unglücklich. „Ja, wenn ich ein hübscher
junger Kerl wäre! Aber so ein alter steifer Trottel, der nicht einmal
tanzen kann – sie würde mich ja auslachen!“
Verächtlich sah Hermine mich an.
„Und ob _ich_ dich auslache, ist dir natürlich einerlei. Was du für ein
Feigling bist! Das Ausgelachtwerden riskiert ein jeder, der sich einem
Mädchen nähert; das ist der Einsatz. Also riskiere, Harry, und im
schlimmsten Fall laß dich eben auslachen – sonst ist es mit meinem
Glauben an deinen Gehorsam vorbei.“
Sie gab nicht nach. Beklommen stand ich auf und ging auf das schöne
Mädchen zu, als eben die Musik wieder anfing.
„Ich bin eigentlich nicht frei,“ sagte sie und blickte mich neugierig
aus den großen frischen Augen an, „aber mein Tänzer scheint in der Bar
drüben hängenzubleiben. Na, kommen Sie!“
Ich umfaßte sie und tat die ersten Schritte, noch verwundert darüber,
daß sie mich nicht weggeschickt hatte, da merkte sie schon, wie es mit
mir stehe, und übernahm die Führung. Sie tanzte wunderbar, und mich nahm
es mit, ich vergaß für Augenblicke alle meine Tanzpflichten und Regeln,
schwamm einfach mit, fühlte die straffen Hüften, die raschen
geschmeidigen Knie meiner Tänzerin, sah ihr in das junge, strahlende
Gesicht, gestand ihr, daß ich heute zum erstenmal in meinem Leben tanze.
Sie lächelte und ermunterte mich und antwortete auf meine entzückten
Blicke und schmeichelnden Worte wunderbar geschmeidig, nicht mit Worten,
aber mit leisen entzückenden Bewegungen, die uns näher und reizender
zusammenbrachten. Fest hielt ich die rechte Hand über ihrer Taille,
folgte beglückt und eifrig den Bewegungen ihrer Beine, ihrer Arme, ihrer
Schultern, trat ihr zu meinem Erstaunen kein einziges Mal auf die Füße,
und als die Musik zu Ende war, blieben wir beide stehen und klatschten,
bis der Tanz nochmals gespielt wurde und ich nochmals eifrig, verliebt
und andächtig den Ritus vollzog.
Als der Tanz zu Ende war, allzu früh, zog das schöne Sammetmädchen sich
zurück, und plötzlich stand Hermine neben mir, die uns zugesehen hatte.
„Merkst du was?“ lachte sie lobend. „Hast du entdeckt, daß Frauenbeine
keine Tischbeine sind? Na, bravo! Den Fox kannst du jetzt, Gott sei
Dank, morgen gehen wir auf den Boston los, und in drei Wochen ist
Maskenball in den Globussälen.“
Es war Tanzpause, wir hatten uns gesetzt, und nun kam auch der hübsche
junge Herr Pablo, der Saxophonbläser, nickte uns zu und setzte sich
neben Hermine. Er schien mit ihr sehr gut Freund zu sein. Mir aber,
gestehe ich, wollte bei jenem ersten Zusammensein dieser Herr durchaus
nicht gefallen. Schön war er, das war nicht zu leugnen, schön von Wuchs
und schön von Gesicht, weitere Vorzüge aber konnte ich an ihm nicht
entdecken. Auch das mit der Vielsprachigkeit machte er sich leicht, er
sprach nämlich überhaupt nichts, nur Worte wie bitte, danke, jawohl,
gewiß, hallo und ähnliche, die er allerdings in mehreren Sprachen
konnte. Nein, er sprach nichts, der Señor Pablo, und er schien auch
nicht eben viel zu denken, dieser hübsche Caballero. Seine Beschäftigung
war das Saxophonblasen in der Jazzkapelle, und diesem Berufe schien er
mit Liebe und Leidenschaft obzuliegen, manchmal klatschte er während des
Musizierens auch plötzlich in die Hände oder erlaubte sich andere
Begeisterungsausbrüche, stieß etwa laute gesungene Worte aus wie: „o o o
o, ha ha, hallo!“ Sonst aber war er sichtlich zu nichts andrem in der
Welt, als um schön zu sein, den Frauen zu gefallen, die Kragen und
Schlipse neuester Mode zu tragen, auch viele Ringe an den Fingern. Seine
Unterhaltung bestand darin, daß er bei uns saß, uns anlächelte, auf
seine Armbanduhr sah und Zigaretten drehte, worin er sehr geschickt war.
Seine dunklen schönen Kreolenaugen, seine schwarzen Locken verbargen
keine Romantik, keine Probleme, keine Gedanken – aus der Nähe besehen,
war der schöne exotische Halbgott ein vergnügter und etwas verwöhnter
Junge mit angenehmen Manieren, nichts weiter. Ich sprach mit ihm über
sein Instrument und über Klangfarben in der Jazzmusik, er mußte sehen,
daß er es mit einem alten Genießer und Kenner in musikalischen Dingen zu
tun habe. Aber darauf ging er gar nicht ein, und während ich, aus
Höflichkeit gegen ihn oder eigentlich gegen Hermine, etwas wie eine
musiktheoretische Rechtfertigung des Jazz unternahm, lächelte er harmlos
an mir und meinen Anstrengungen vorüber, und vermutlich war es ihm
völlig unbekannt, daß es vor und außer Jazz auch noch einige andere
Musik gegeben habe. Nett war er, nett und artig, hübsch lächelte er aus
seinen großen leeren Augen; aber zwischen ihm und mir schien es nichts
Gemeinsames zu geben – nichts von dem, was ihm etwa wichtig und heilig
war, könnte es auch für mich sein, wir kamen aus entgegengesetzten
Erdteilen, hatten kein Wort unsrer Sprachen gemeinsam. (Aber später
erzählte mir Hermine Merkwürdiges. Sie erzählte, daß Pablo nach jenem
Gespräch ihr über mich gesagt habe, sie möchte doch mit diesem Menschen
recht sorgsam umgehen, er sei ja so sehr unglücklich. Und als sie
fragte, woraus er das schließe, habe er gesagt: „Armer, armer Mensch.
Sieh seine Augen an! Kann nicht lachen.“)
Als nun der Schwarzäugige sich empfohlen hatte und die Musik wieder
anfing, stand Hermine auf. „Jetzt könntest du wieder einmal mit mir
tanzen, Harry. Oder magst du nicht mehr?“
Auch mit ihr tanzte ich nun leichter, freier und fröhlicher, wenn auch
nicht so unbeschwert und selbstvergessen wie mit jener andern. Hermine
ließ mich führen und paßte sich zart und leicht wie ein Blumenblatt an,
und auch bei ihr fand und fühlte ich jetzt alle jene bald
entgegenkommenden, bald wegfliehenden Schönheiten, auch sie duftete nach
Weib und Liebe, auch ihr Tanz sang zart und innig das holde lockende
Lied des Geschlechts – und doch konnte ich auf dies alles nicht ganz
frei und heiter antworten, konnte mich nicht völlig vergessen und
hingeben. Hermine stand mir allzu nah, sie war mein Kamerad, meine
Schwester, war meinesgleichen, sie glich mir selbst und glich meinem
Jugendfreund Hermann, dem Schwärmer, dem Dichter, dem glühenden Genossen
meiner geistigen Übungen und Ausschweifungen.
„Ich weiß es,“ sagte sie nachher, als ich davon sprach, „ich weiß es
wohl. Ich werde dich zwar doch noch in mich verliebt machen, aber das
hat keine Eile. Vorerst sind wir Kameraden, wir sind Leute, welche
Freunde zu werden hoffen, weil wir einander erkannt haben. Jetzt wollen
wir beide voneinander lernen und miteinander spielen. Ich zeige dir mein
kleines Theater, ich lehre dich tanzen und ein bißchen vergnügt und dumm
sein, und du zeigst mir deine Gedanken und etwas von deinem Wissen.“
„Ach, Hermine, da ist nicht viel zu zeigen, du weißt ja viel mehr als
ich. Was bist du für ein merkwürdiger Mensch, du Mädchen! Überall
verstehst du mich und bist mir voraus. Bin ich dir denn etwas? Bin ich
dir denn nicht langweilig?“
Sie sah mit verdunkeltem Blick zu Boden.
„So höre ich dich nicht gerne reden. Denke an den Abend, wo du kaputt
und verzweifelt aus deiner Qual und Einsamkeit heraus mir über den Weg
gelaufen und mein Kamerad geworden bist! Warum denn, glaubst du, habe
ich dich damals erkennen und verstehen können?“
„Warum, Hermine? Sag’ es mir!“
„Weil ich bin wie du. Weil ich gerade so allein bin wie du und das Leben
und die Menschen und mich selber gerade so wenig lieben und ernst nehmen
kann wie du. Es gibt ja immer einige solche Menschen, die vom Leben das
Höchste verlangen und sich mit seiner Dummheit und Roheit schlecht
abfinden können.“
„Du, du!“ rief ich tief verwundert. „Ich verstehe dich, Kamerad, niemand
versteht dich so wie ich. Und doch bist du mir ein Rätsel. Du wirst ja
mit dem Leben so spielend fertig, du hast ja diese wunderbare
Hochachtung vor den kleinen Dingen und Genüssen, du bist eine solche
Künstlerin im Leben. Wie kannst du am Leben leiden? Wie kannst du
verzweifeln?“
„Ich verzweifle nicht, Harry. Aber am Leben leiden – o ja, darin bin ich
erfahren. Du wunderst dich, daß ich nicht glücklich bin, weil ich doch
tanzen kann und mich an der Oberfläche des Lebens so gut auskenne. Und
ich, Freund, wundere mich, daß du vom Leben so enttäuscht bist, da du
doch gerade in den schönsten und tiefsten Dingen heimisch bist, im
Geist, in der Kunst, im Denken! Darum haben wir einander angezogen,
darum sind wir Geschwister. Ich werde dich lehren, zu tanzen und zu
spielen und zu lächeln und doch nicht zufrieden zu sein. Und werde von
dir lernen, zu denken und zu wissen und doch nicht zufrieden zu sein.
Weißt du, daß wir beide Kinder des Teufels sind?“
„Ja, das sind wir. Der Teufel ist der Geist, und seine unglücklichen
Kinder sind wir. Wir sind aus der Natur herausgefallen und hängen im
Leeren. Aber nun fällt mir etwas ein: in dem Steppenwolftraktat, von dem
ich dir erzählt habe, steht etwas darüber, daß es nur eine Einbildung
von Harry sei, wenn er glaubt, eine oder zwei Seelen zu haben, aus einer
oder zwei Persönlichkeiten zu bestehen. Jeder Mensch bestehe aus zehn,
aus hundert, aus tausend Seelen.“
„Das gefällt mir sehr“, rief Hermine. „Bei dir zum Beispiel ist das
Geistige sehr hoch ausgebildet, und dafür bist du in allerlei kleinen
Lebenskünsten sehr zurückgeblieben. Der Denker Harry ist hundert Jahre
alt, aber der Tänzer Harry ist kaum erst einen halben Tag alt. Den
wollen wir jetzt weiterbringen und alle seine kleinen Brüderlein, die
ebenso klein und dumm und unerwachsen sind wie er.“
Lächelnd sah sie mich an. Und fragte leise, mit veränderter Stimme:
„Und wie hat denn Maria dir gefallen?“
„Maria? Wer ist das?“
„Das ist die, mit der du getanzt hast. Ein schönes Mädchen, ein sehr
schönes Mädchen. Du warst ein wenig in sie verliebt, soviel ich sehen
konnte.“
„Kennst du sie denn?“
„O ja, wir kennen uns recht gut. Ist dir viel an ihr gelegen?“
„Sie gefiel mir, und ich war froh, daß sie mit meinem Tanzen so
nachsichtig war.“
„Na, wenn das alles ist! Du solltest ihr ein wenig den Hof machen,
Harry. Sie ist sehr hübsch und tanzt so gut, und verliebt bist du ja
auch schon in sie. Ich glaube, du wirst Erfolg haben.“
„Ach, das ist nicht mein Ehrgeiz.“
„Jetzt lügst du ein wenig. Ich weiß ja, du hast irgendwo in der Welt
eine Geliebte sitzen und siehst sie alle halbe Jahre einmal, um dich
dann mit ihr zu streiten. Es ist ja sehr hübsch von dir, wenn du dieser
merkwürdigen Freundin treu bleiben willst, aber erlaube mir, das nicht
so ganz ernst zu nehmen! Ich habe dich überhaupt im Verdacht, daß du die
Liebe furchtbar ernst nimmst. Das magst du tun, du magst auf deine
ideale Art lieben, soviel du willst, es ist deine Sache, ich habe dafür
nicht zu sorgen. Wofür ich aber zu sorgen habe, das ist, daß du die
kleinen, leichten Künste und Spiele im Leben etwas besser erlernst, auf
diesem Gebiet bin ich deine Lehrerin und werde dir eine bessere Lehrerin
sein, als deine ideale Geliebte es war, darauf verlasse dich! Du hast es
recht nötig, wieder einmal bei einem hübschen Mädchen zu schlafen,
Steppenwolf.“
„Hermine,“ rief ich gepeinigt, „sieh mich doch an, ich bin ein alter
Mann!“
„Ein kleiner Junge bist du. Und ebenso, wie du zu bequem warst, um
tanzen zu lernen, bis es beinah zu spät war, so warst du auch zu bequem,
um lieben zu lernen. Ideal und tragisch lieben, o Freund, das kannst du
gewiß vortrefflich, ich zweifle nicht daran, alle Achtung davor! Du
wirst nun lernen, auch ein wenig gewöhnlich und menschlich zu lieben.
Der Anfang ist ja gemacht, man kann dich schon bald an einen Ball gehen
lassen. Nun, den Boston mußt du erst noch lernen, damit beginnen wir
morgen. Ich komme um drei Uhr. Wie hat dir übrigens die Musik hier
gefallen?“
„Ausgezeichnet.“
„Siehst du, das ist auch ein Fortschritt, du hast zugelernt. Bisher hast
du alle diese Tanz- und Jazzmusik nicht leiden können, sie war dir zu
wenig ernsthaft und tief, und nun hast du gesehen, daß man sie gar nicht
ernst zu nehmen braucht, daß sie aber sehr nett und entzückend sein
kann. Übrigens, ohne Pablo wäre die ganze Kapelle nichts. Er führt sie,
er heizt ein.“
* * * * *
Wie das Grammophon die Luft von asketischer Geistigkeit in meinem
Studierzimmer verdarb, wie die amerikanischen Tänze fremd und störend,
ja vernichtend in meine gepflegte Musikwelt drangen, so drang von allen
Seiten Neues, Gefürchtetes, Auflösendes in mein bisher so scharf
umrissenes und so streng abgeschlossenes Leben. Der Steppenwolftraktat
und Hermine hatten recht mit ihrer Lehre von den tausend Seelen, täglich
zeigten sich neben all den alten auch noch einige neue Seelen in mir,
machten Ansprüche, machten Lärm, und ich sah nun deutlich wie ein Bild
vor mir den Wahn meiner bisherigen Persönlichkeit. Die paar Fähigkeiten
und Übungen, in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten
lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt und das Leben eines Harry
gelebt, der eigentlich nichts war als ein sehr zart ausgebildeter
Spezialist für Dichtung, Musik und Philosophie – den ganzen Rest meiner
Person, das ganze übrige Chaos von Fähigkeiten, Trieben, Strebungen
hatte ich als lästig empfunden und mit dem Namen Steppenwolf belegt.
Indessen war diese Bekehrung von meinem Wahn, diese Auflösung meiner
Persönlichkeit keineswegs nur ein angenehmes und amüsantes Abenteuer,
sie war im Gegenteil oft bitter schmerzhaft, oft nahezu unerträglich.
Das Grammophon klang oft wahrhaft teuflisch inmitten dieser Umgebung, wo
alles auf so andre Töne gestimmt war. Und manchmal, wenn ich in
irgendeinem Moderestaurant zwischen allen den eleganten Lebemann- und
Hochstaplerfiguren meine Onesteps tanzte, kam ich mir wie ein Verräter
an allem vor, was mir je im Leben ehrwürdig und heilig gewesen war.
Hätte Hermine mich nur acht Tage allein gelassen, so wäre ich diesen
mühsamen und lächerlichen Lebemannsversuchen alsbald wieder entflohen.
Aber Hermine war immer da; obwohl ich sie nicht jeden Tag sah, war ich
doch stets von ihr gesehen, geleitet, bewacht, begutachtet, – auch alle
meine wütenden Auflehnungs- und Fluchtgedanken las sie mir lächelnd vom
Gesicht.
Mit der fortschreitenden Zerstörung dessen, was ich früher meine
Persönlichkeit genannt hatte, begann ich auch zu verstehen, warum ich
trotz aller Verzweiflung den Tod so entsetzlich hatte fürchten müssen,
und begann zu merken, daß auch diese scheußliche und schmähliche
Todesfurcht ein Stück meiner alten, bürgerlichen, verlogenen Existenz
war. Dieser bisherige Herr Haller, der begabte Autor, der Kenner Mozarts
und Goethes, der Verfasser lesenswerter Betrachtungen über die
Metaphysik der Kunst, über Genie und Tragik, über Menschlichkeit, der
melancholische Einsiedler in seiner mit Büchern überfüllten Klause,
wurde Zug für Zug der Selbstkritik ausgeliefert und bewährte sich
nirgends. Dieser begabte und interessante Herr Haller hatte zwar
Vernunft und Menschlichkeit gepredigt und gegen die Roheit des Krieges
protestiert, er hatte sich aber während des Krieges nicht an die Wand
stellen und erschießen lassen, wie es die eigentliche Konsequenz seines
Denkens gewesen wäre, sondern hatte irgendeine Anpassung gefunden, eine
äußerst anständige und edle natürlich, aber doch eben einen Kompromiß.
Er war ferner ein Gegner der Macht und Ausbeutung, aber er hatte auf der
Bank mehrere Wertpapiere von industriellen Unternehmungen liegen, deren
Zinsen er ohne alle Gewissensbisse verzehrte. Und so stand es mit allem.
Harry Haller hatte sich zwar wundervoll als Idealist und Weltverächter,
als wehmütiger Einsiedler und als grollender Prophet verkleidet, im
Grunde aber war er ein Bourgeois, fand ein Leben wie das Herminens
verwerflich, ärgerte sich über die im Restaurant vertanen Nächte, über
die ebendort vergeudeten Taler, hatte ein schlechtes Gewissen und sehnte
sich keineswegs nach seiner Befreiung und Vollendung, sondern sehnte
sich im Gegenteil heftig zurück in die bequemen Zeiten, als seine
geistigen Spielereien ihm noch Spaß gemacht und Ruhm eingebracht hatten.
Genau so sehnten sich die von ihm verachteten und verhöhnten
Zeitungsleser nach der idealen Zeit vor dem Kriege zurück, weil das
bequemer war, als aus dem Erlittenen zu lernen. Pfui Teufel, er war zum
Erbrechen, dieser Herr Haller! Und dennoch klammerte ich mich an ihn
oder an seine schon sich auflösende Larve, an sein Kokettieren mit dem
Geistigen, an seine Bürgerfurcht vor dem Ungeordneten und Zufälligen
(wozu auch der Tod gehörte) und verglich den werdenden neuen Harry,
diesen etwas schüchternen und komischen Dilettanten der Tanzsäle,
höhnisch und voll Neid mit jenem einstigen, verlogen-idealen Harrybild,
an welchem er inzwischen alle fatalen Züge entdeckt hatte, die ihn
damals an des Professors Goethe-Radierung so sehr gestört hatten. Er
selbst, der alte Harry, war genau solch ein bürgerlich idealisierter
Goethe gewesen, so ein Geistesheld mit allzu edlem Blick, von
Erhabenheit, Geist und Menschlichkeit strahlend wie von Brillantine und
beinahe über den eigenen Seelenadel gerührt! Teufel, dies holde Bild
hatte nun allerdings arge Löcher bekommen, kläglich war der ideale Herr
Haller demontiert worden! Wie ein von Straßenräubern geplünderter
Würdenträger in zerfetzten Hosen sah er aus, der klug daran getan hätte,
jetzt die Rolle des Abgerissenen zu lernen, der aber seine Lumpen trug,
als hingen noch Orden dran, und die verlorene Würde weinerlich weiter
prätendierte.
Immer wieder traf ich mit dem Musikanten Pablo zusammen, und mein Urteil
über ihn mußte schon darum revidiert werden, weil Hermine ihn so gern
hatte und seine Gesellschaft eifrig suchte. Ich hatte Pablo in meinem
Gedächtnis als eine hübsche Null verzeichnet, einen kleinen, etwas
eitlen Beau, ein vergnügtes und problemloses Kind, das mit Freude in
seine Jahrmarktstrompete faucht und mit Lob und Schokolade leicht zu
regieren ist. Aber Pablo fragte nicht nach meinen Urteilen, sie waren
ihm ebenso gleichgültig wie meine musikalischen Theorien. Höflich und
freundlich hörte er mich an, immerzu lächelnd, gab jedoch nie eine
wirkliche Antwort. Dagegen schien ich trotzdem sein Interesse erregt zu
haben, er gab sich sichtlich Mühe, mir zu gefallen und mir Wohlwollen zu
zeigen. Als ich bei einem dieser ergebnislosen Gespräche einmal gereizt
und beinahe grob wurde, sah er mir bestürzt und traurig ins Gesicht,
nahm meine linke Hand und streichelte sie, und bot mir aus einer kleinen
vergoldeten Dose etwas zum Schnupfen an, das werde mir gut tun. Ich
fragte Hermine mit einem Blick, sie nickte ja, und ich nahm und
schnupfte. In der Tat wurde ich in kurzem frischer und munterer,
wahrscheinlich war etwas Kokain in dem Pulver gewesen. Hermine erzählte
mir, daß Pablo viele solche Mittel habe, die er auf geheimen Wegen
erhalte, die er zuweilen Freunden vorsetze und in deren Mischung und
Dosierung er ein Meister sei: Mittel zum Betäuben von Schmerzen, zum
Schlafen, zur Erzeugung schöner Träume, zum Lustigmachen, zum
Verliebtmachen.
Einmal traf ich ihn auf der Straße, am Kai, und er schloß sich mir ohne
weiteres an. Diesmal gelang es mir endlich, ihn zum Sprechen zu bringen.
„Herr Pablo,“ sagte ich zu ihm, der mit einem dünnen schwarz und
silbernen Stöckchen spielte, „Sie sind ein Freund von Hermine, dies ist
der Grund, weshalb ich mich für Sie interessiere. Aber Sie machen mir,
das muß ich sagen, die Unterhaltung nicht eben leicht. Ich habe mehrmals
den Versuch gemacht, mit Ihnen über Musik zu sprechen – es hätte mich
interessiert, Ihre Meinung, Ihren Widerspruch, Ihr Urteil zu hören; aber
Sie haben es verschmäht, mir auch nur die geringste Antwort zu geben.“
Er lachte mich herzlich an und blieb diesmal die Antwort nicht schuldig,
sondern sagte gleichmütig: „Sehen Sie, es hat nach meiner Meinung gar
keinen Wert, über Musik zu sprechen. Ich spreche niemals über Musik. Was
hätte ich Ihnen denn auch antworten sollen auf Ihre sehr klugen und
richtigen Worte? Sie hatten ja so sehr recht mit allem, was Sie sagten.
Aber sehen Sie, ich bin Musikant, nicht Gelehrter, und ich glaube nicht,
daß in der Musik das Rechthaben den geringsten Wert hat. Es kommt ja in
der Musik nicht darauf an, daß man recht hat, daß man Geschmack und
Bildung hat und all das.“
„Nun ja. Aber auf was denn kommt es an?“
„Darauf, daß man musiziert, Herr Haller, daß man so gut und so viel und
so intensiv wie möglich musiziert! Das ist es, Monsieur. Wenn ich
sämtliche Werke von Bach und Haydn im Kopf habe und die gescheitesten
Sachen darüber sagen kann, so ist damit noch keinem Menschen gedient.
Wenn ich aber mein Blaserohr nehme und einen zügigen Shimmy spiele, so
mag der Shimmy gut sein oder schlecht, er wird doch den Leuten Freude
machen, er fährt ihnen in die Beine und ins Blut. Darauf allein kommt es
an. Sehen Sie einmal in einem Ballsaal die Gesichter an in dem
Augenblick, wo nach einer längeren Pause die Musik wieder loslegt – wie
da die Augen blitzen, die Beine zucken, die Gesichter zu lachen
anfangen! Das ist es, wofür man musiziert.“
„Sehr gut, Herr Pablo. Aber es gibt nicht bloß sinnliche Musik, es gibt
auch geistige. Es gibt nicht bloß die, die im Augenblick gerade gespielt
wird, sondern auch unsterbliche, die weiterlebt, auch wenn sie nicht
gerade gespielt wird. Es kann jemand allein in seinem Bett liegen und in
seinen Gedanken eine Melodie aus der Zauberflöte oder aus der
Matthäuspassion erwecken, dann findet Musik statt, ohne daß ein einziger
Mensch in eine Flöte bläst oder eine Geige streicht.“
„Gewiß, Herr Haller. Auch der Yearning und der Valencia wird jede Nacht
von vielen einsamen und träumerischen Menschen stumm reproduziert; noch
das ärmste Schreibmaschinenmädel in seinem Bureau hat den letzten
Onestep im Kopf und trommelt ihre Tasten nach seinem Takt. Sie haben
recht, alle diese einsamen Menschen, ich gönne ihnen allen ihre stumme
Musik, sei es der Yearning oder die Zauberflöte oder der Valencia! Aber
woher nehmen denn diese Menschen ihre einsame, stumme Musik? Sie holen
sie bei uns, bei den Musikanten, sie muß zuerst gespielt und gehört und
ins Blut gegangen sein, eh einer daheim in seiner Kammer an sie denken
und von ihr träumen kann.“
„Einverstanden“, sagte ich kühl. „Dennoch geht es nicht an, Mozart und
den neusten Foxtrott auf eine Stufe zu stellen. Und es ist nicht
einerlei, ob Sie den Leuten göttliche und ewige Musik vorspielen oder
billige Eintagsmusik.“
Als Pablo die Erregtheit in meiner Stimme wahrnahm, machte er alsbald
sein liebstes Gesicht, strich mir kosend über den Arm und gab seiner
Stimme eine unglaubliche Sanftheit.
„Ach, lieber Herr, mit den Stufen mögen Sie ja ganz recht haben. Ich
habe gewiß nichts dagegen, daß Sie Mozart und Haydn und den Valencia auf
jede Ihnen beliebende Stufe stellen! Mir ist das ganz einerlei, ich habe
über die Stufen nicht zu entscheiden, ich werde nicht hierüber gefragt.
Der Mozart wird vielleicht auch noch in hundert Jahren gespielt werden
und der Valencia vielleicht schon in zwei Jahren nicht mehr – ich
glaube, das können wir ruhig dem lieben Gott überlassen, er ist gerecht
und hat unser aller Lebensdauer in der Hand, auch die jedes Walzers und
jedes Foxtrott, er wird sicher das Richtige tun. Wir Musikanten aber,
wir müssen das Unsere tun, das, was unsere Pflicht und Aufgabe ist: wir
müssen das spielen, was gerade im Augenblick von den Leuten begehrt
wird, und wir müssen es so gut und schön und eindringlich spielen wie
nur möglich.“
Seufzend gab ich es auf. Diesem Menschen war nicht beizukommen.
* * * * *
In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust,
Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich
im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich. Der alte
Harry und der neue lebten bald im bittern Streit, bald im Frieden
miteinander. Der alte Harry schien manchmal ganz und gar tot zu sein,
gestorben und begraben, und plötzlich stand er dann wieder da, befahl
und tyrannisierte und wußte alles besser, und der neue, kleine, junge
Harry schämte sich, schwieg und ließ sich an die Wand drücken. Zu andern
Stunden nahm der junge Harry den alten an der Kehle und drückte wacker
zu, es gab viel Gestöhne, viel Todeskampf, viel Gedanken an das
Rasiermesser.
Oft aber schlug Leid und Glück in einer Welle über mir zusammen. Ein
solcher Augenblick war der, in dem ich wenige Tage nach meinem ersten
öffentlichen Tanzversuch am Abend mein Schlafzimmer betrat und zu meinem
namenlosen Erstaunen, Befremden, Schreck und Entzücken die schöne Maria
in meinem Bett liegen fand.
Von allen Überraschungen, denen Hermine mich bisher ausgesetzt hatte,
war dies die heftigste. Denn daran zweifelte ich keinen Augenblick, daß
_sie_ es war, die mir diesen Paradiesvogel zugesandt habe. Ich war an
jenem Abend ausnahmsweise nicht mit Hermine zusammen gewesen, sondern
hatte im Münster eine gute Aufführung alter Kirchenmusik angehört – es
war ein schöner und wehmütiger Ausflug in mein ehemaliges Leben gewesen,
in die Gefilde meiner Jugend, in die Gebiete des idealen Harry. Im hohen
gotischen Raum der Kirche, deren schöne Netzgewölbe im Spiel der wenigen
Lichter geisterhaft lebendig hin und wider schwangen, hatte ich Stücke
von Buxtehude, Pachelbel, Bach, Haydn gehört, war die geliebten alten
Wege wieder gegangen, hatte die herrliche Stimme einer Bachsängerin
wieder gehört, mit der ich einst befreundet gewesen war und viele
außerordentliche Aufführungen erlebt hatte. Die Stimmen der alten Musik,
ihre unendliche Würde und Heiligkeit hatte mir alle Erhebungen,
Entzückungen und Begeisterungen der Jugend wachgerufen, traurig und
versunken saß ich im hohen Chor der Kirche, für eine Stunde zu Gast in
dieser edlen, seligen Welt, die einst meine Heimat gewesen war. Bei
einem Haydnschen Duett waren mir plötzlich die Tränen gekommen, ich
hatte den Schluß des Konzertes nicht abgewartet, hatte auf das
Wiedersehen mit der Sängerin verzichtet (oh, wieviel strahlende Abende
hatte ich einst nach solchen Konzerten mit den Künstlern hingebracht!),
hatte mich aus dem Münster hinweggeschlichen und in den nächtlichen
Gassen müde gelaufen, wo da und dort hinter den Fenstern der Restaurants
Jazzkapellen die Melodien meines jetzigen Lebens spielten. Oh, was für
ein trübes Irrsal war aus meinem Leben geworden!
Lange hatte ich auf diesem Nachtgang auch über mein merkwürdiges
Verhältnis zur Musik nachgedacht und hatte, einmal wieder, dies ebenso
rührende wie fatale Verhältnis zur Musik als das Schicksal der ganzen
deutschen Geistigkeit erkannt. Im deutschen Geist herrscht das
Mutterrecht, die Naturgebundenheit in Form einer Hegemonie der Musik,
wie sie nie ein andres Volk gekannt hat. Wir Geistigen, statt uns
mannhaft dagegen zu wehren und dem Geist, dem Logos, dem Wort Gehorsam
zu leisten und Gehör zu verschaffen, träumen alle von einer Sprache ohne
Worte, welche das Unaussprechliche sagt, das Ungestaltbare darstellt.
Statt sein Instrument möglichst treu und redlich zu spielen, hat der
geistige Deutsche stets gegen das Wort und gegen die Vernunft frondiert
und mit der Musik geliebäugelt. Und in der Musik, in wunderbaren seligen
Tongebilden, in wunderbaren holden Gefühlen und Stimmungen, welche nie
zur Verwirklichung gedrängt wurden, hat der deutsche Geist sich
ausgeschwelgt und die Mehrzahl seiner tatsächlichen Aufgaben versäumt.
Wir Geistigen alle waren in der Wirklichkeit nicht zu Hause, waren ihr
fremd und feind, darum war auch in unsrer deutschen Wirklichkeit, in
unsrer Geschichte, unsrer Politik, unsrer öffentlichen Meinung die Rolle
des Geistes eine so klägliche. Nun ja, oft hatte ich diesen Gedanken
durchgedacht, nicht ohne zuweilen eine heftige Sehnsucht danach zu
fühlen, einmal Wirklichkeit mit zu gestalten, einmal ernsthaft und
verantwortlich tätig zu sein, statt immer bloß Ästhetik zu treiben und
geistiges Kunstgewerbe. Es endete aber immer mit der Resignation, mit
der Ergebung ins Verhängnis. Die Herren Generäle und Schwerindustriellen
hatten ganz recht: es war nichts los mit uns „Geistigen“, wir waren eine
entbehrliche, wirklichkeitsfremde, verantwortungslose Gesellschaft von
geistreichen Schwätzern. Pfui Teufel! Rasiermesser!
So von Gedanken und vom Nachklang der Musik erfüllt, das Herz schwer von
Trauer und verzweifelter Sehnsucht nach Leben, nach Wirklichkeit, nach
Sinn, nach unwiederbringlich Verlorenem, war ich endlich heimgekehrt,
hatte meine Treppen erstiegen, hatte im Wohnzimmer Licht gemacht und
vergebens ein wenig zu lesen versucht, hatte an die Verabredung gedacht,
die mich zwang, morgen abend zu Whisky und Tanz in die Cécil-Bar zu
gehen, und hatte nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen Hermine
Groll und Bitterkeit empfunden. Mochte sie es gut und herzlich meinen,
mochte sie ein wundervolles Wesen sein – sie hätte mich doch damals
lieber zugrunde gehen lassen sollen, statt mich in diese wirre, fremde,
flirrende Spielwelt hinein- und hinabzuziehen, wo ich doch immer ein
Fremder bleiben würde und wo das Beste in mir verkam und Not litt!
Und so hatte ich traurig mein Licht gelöscht, traurig mein Schlafzimmer
aufgesucht, traurig mit dem Entkleiden begonnen, da machte ein
ungewohnter Duft mich stutzig, es roch leicht nach Parfüm, und
umblickend sah ich in meinem Bett die schöne Maria liegen, lächelnd,
etwas bange, mit großen blauen Augen.
„Maria!“ sagte ich. Und mein erster Gedanke war, daß meine Hauswirtin
mir kündigen würde, wenn sie das wüßte.
„Ich bin gekommen“, sagte sie leise. „Sind Sie mir böse?“
„Nein, nein. Ich weiß, Hermine hat Ihnen den Schlüssel gegeben. Nun ja.“
„Oh, Sie sind böse darüber. Ich gehe wieder.“
„Nein, schöne Maria, bleiben Sie! Nur bin ich gerade heut abend sehr
traurig, lustig sein kann ich heute nicht, das kann ich dann morgen
vielleicht wieder.“
Ich hatte mich etwas zu ihr hinabgebeugt, da faßte sie meinen Kopf mit
ihren beiden großen, festen Händen, zog ihn herab und küßte mich lange.
Dann setzte ich mich zu ihr aufs Bett, hielt ihre Hand, bat sie, leise
zu reden, da man uns nicht hören dürfe, und sah in ihr schönes volles
Gesicht hinab, das fremd und wunderbar wie eine große Blume da auf
meinem Kissen lag. Langsam zog sie meine Hand an ihren Mund, zog sie
unter die Decke und legte sie auf ihre warme, still atmende Brust.
„Du brauchst nicht lustig zu sein,“ sagte sie, „Hermine hat mir schon
gesagt, daß du Kummer hast. Das versteht ja jeder. Gefalle ich dir denn
noch, du? Neulich beim Tanzen warst du sehr verliebt.“
Ich küßte sie auf Augen, Mund, Hals und Brüste. Eben noch hatte ich an
Hermine gedacht, bitter und mit Vorwürfen. Nun hielt ich ihr Geschenk in
Händen und war dankbar. Die Liebkosungen Marias taten der wunderbaren
Musik nicht weh, die ich heut gehört hatte, sie waren ihrer würdig und
ihre Erfüllung. Langsam zog ich die Decke von der schönen Frau, bis ich
mit meinen Küssen zu ihren Füßen gelangt war. Als ich mich zu ihr legte,
lächelte ihr Blumengesicht mich allwissend und gütig an.
In dieser Nacht, an Marias Seite, schlief ich nicht lange, aber tief und
gut wie ein Kind. Und zwischen den Schlafzeiten trank ich ihre schöne
heitere Jugend und erfuhr im leisen Plaudern eine Menge wissenswerter
Dinge über ihr und Herminens Leben. Ich hatte über diese Art von Wesen
und Leben sehr wenig gewußt, nur beim Theater hatte ich früher
gelegentlich ähnliche Existenzen, Frauen wie Männer, angetroffen, halb
Künstler, halb Lebewelt. Jetzt erst sah ich ein wenig in diese
merkwürdigen, diese seltsam unschuldigen, seltsam verdorbenen Leben
hinein. Diese Mädchen, von Hause meist arm, zu klug und zu hübsch, um
ihr ganzes Leben einzig auf irgendeinen schlecht bezahlten
und freudlosen Broterwerb zu stellen, lebten alle bald von
Gelegenheitsarbeit, bald von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit. Sie
saßen zuweilen ein paar Monate an einer Schreibmaschine, waren zeitweise
die Geliebten wohlhabender Lebemänner, bekamen Taschengelder und
Geschenke, lebten zu Zeiten in Pelz, Auto und Grand Hôtel, zu andern
Zeiten in Dachkammern und waren zur Ehe zwar unter Umständen durch ein
hohes Angebot zu gewinnen, im ganzen aber keineswegs auf sie erpicht.
Manche von ihnen waren in der Liebe ohne Begehrlichkeit und gaben ihre
Gunst nur widerwillig und unter Feilschen um den höchsten Preis. Andre,
und zu ihnen gehörte Maria, waren ungewöhnlich liebesbegabt und
liebesbedürftig, die meisten auch in der Liebe mit beiden Geschlechtern
erfahren; sie lebten einzig der Liebe wegen und hatten stets neben den
offiziellen und zahlenden Freunden noch andre Liebesbeziehungen blühen.
Emsig und geschäftig, sorgenvoll und leichtsinnig, klug und doch
besinnungslos lebten diese Schmetterlinge ihr ebenso kindliches wie
raffiniertes Leben, unabhängig, nicht für jeden käuflich, vom Glück und
guten Wetter das Ihre erwartend, ins Leben verliebt und doch viel
weniger an ihm hängend als die Bürger, stets bereit, einem
Märchenprinzen in sein Schloß zu folgen, stets mit halbem Bewußtsein
eines schweren und traurigen Endes gewiß.
Maria lehrte mich – in jener wunderlichen ersten Nacht und in den
folgenden Tagen – vieles, nicht nur holde neue Spiele und Beglückungen
der Sinne, sondern auch neues Verständnis, neue Einsichten, neue Liebe.
Die Welt der Tanz- und Vergnügungslokale, der Kinos, der Bars und
Hotelteehallen, die für mich, den Einsiedler und Ästheten, noch immer
etwas Minderwertiges, Verbotenes und Entwürdigendes hatte, war für
Maria, für Hermine und ihre Kameradinnen die Welt schlechthin, war weder
gut noch böse, weder begehrens- noch hassenswert, in dieser Welt blühte
ihr kurzes sehnsüchtiges Leben, in ihr waren sie heimisch und erfahren.
Sie liebten einen Champagner oder eine Spezialplatte im Grill Room, wie
unsereiner einen Komponisten oder Dichter liebte, und sie verschwendeten
an einen neuen Tanzschlager oder an das sentimentale, schmalzige Lied
eines Jazzsängers dieselbe Begeisterung, Ergriffenheit und Rührung wie
unsereiner an Nietzsche oder an Hamsun. Maria erzählte mir von jenem
hübschen Saxophonbläser Pablo und sprach von einem amerikanischen
_song_, den er ihnen zuweilen gesungen habe, und sie sprach davon mit
einer Hingerissenheit, Bewunderung und Liebe, die mich rührte und
ergriff weit mehr als die Ekstasen irgendeines Hochgebildeten über
ausgesucht vornehme Kunstgenüsse. Ich war bereit mitzuschwärmen, sei der
_song_, wie er wolle; Marias liebevolle Worte, ihr sehnsüchtig
aufblühender Blick riß breite Breschen in meine Ästhetik. Wohl gab es
einiges Schöne, einiges wenige auserlesen Schöne, das mir über jeden
Streit und Zweifel erhaben schien, obenan Mozart, aber wo war die
Grenze? Hatten wir Kenner und Kritiker nicht alle als Jünglinge
Kunstwerke und Künstler glühend geliebt, die uns heute zweifelhaft und
fatal erschienen? War es uns nicht mit Liszt, mit Wagner, vielen sogar
mit Beethoven so gegangen? War nicht Marias blühende Kinderrührung über
den _song_ aus Amerika ein ebenso reines, schönes, über jeden Zweifel
erhabenes Kunsterlebnis wie die Ergriffenheit irgendeines Studienrats
über den Tristan oder die Ekstase eines Dirigenten bei der Neunten
Symphonie? Und stimmte das nicht merkwürdig gut zu den Ansichten des
Herrn Pablo und gab ihm recht?
Diesen Pablo, den Schönen, schien auch Maria sehr zu lieben!
„Er ist ein schöner Mensch,“ sagte ich, „auch mir gefällt er sehr. Aber
sag’ mir, Maria, wie kannst du daneben auch noch mich liebhaben, einen
langweiligen alten Kerl, der nicht hübsch ist und schon graue Haare
bekommt und kein Saxophon blasen und keine englischen Liebeslieder
singen kann?“
„Rede nicht so häßlich!“ schalt sie. „Es ist doch ganz natürlich. Auch
du gefällst mir, auch du hast etwas Hübsches, Liebes und Besonderes, du
darfst nicht anders sein, als du bist. Man soll über diese Sachen nicht
reden und Rechenschaft verlangen. Schau’, wenn du mir den Hals oder das
Ohr küßt, dann spüre ich, daß du mich gern hast, daß ich dir gefalle; du
kannst so auf eine Art küssen, ein bißchen wie schüchtern, und das sagt
zu mir: er hat dich gern, er ist dir dafür dankbar, daß du hübsch bist.
Das habe ich sehr, sehr gern. Und dann wieder bei einem andern Mann habe
ich gerade das Gegenteil gern, daß er sich nichts aus mir zu machen
scheint und mich so küßt, als sei es eine Gnade von ihm.“
Wieder schliefen wir ein. Wieder erwachte ich, ohne aufgehört zu haben,
sie mit den Armen zu umschlingen, meine schöne, schöne Blume.
Und wunderlich! – beständig blieb die schöne Blume dennoch das Geschenk,
das mir Hermine gemacht hatte! Beständig stand jene hinter ihr, war
maskenhaft von ihr umschlossen! Und zwischenein plötzlich dachte ich an
Erika, an meine ferne böse Geliebte, an meine arme Freundin. Sie war
kaum weniger hübsch als Maria, wenn auch nicht so blühend und erlöst,
und an kleinen genialen Liebeskünsten ärmer, und sie stand eine Weile
als Bild vor mir, deutlich und schmerzlich, geliebt und tief in mein
Schicksal verwoben, und sank wieder dahin, in Schlaf, in Vergessenheit,
in halb betrauerte Ferne.
Und so stiegen viele Bilder meines Lebens in dieser schönen, zärtlichen
Nacht vor mir auf, der ich solange leer und arm und bilderlos gelebt
hatte. Jetzt, vom Eros zauberhaft erschlossen, sprang die Quelle der
Bilder tief und reich, und für Augenblicke stand das Herz mir still vor
Entzücken und vor Trauer darüber, wie reich der Bildersaal meines
Lebens, wie voll hoher ewiger Sterne und Sternbilder die Seele des armen
Steppenwolfes gewesen sei. Es schaute Kindheit und Mutter zart und
verklärt wie ein fernes, unendlich blau entrücktes Stück Gebirge
herüber, es klang ehern und klar der Chor meiner Freundschaften, mit dem
sagenhaften Hermann beginnend, dem Seelenbruder Herminens; duftend und
unirdisch, wie feucht aus dem Wasser heraufblühende Seeblumen, schwammen
die Bildnisse vieler Frauen heran, die ich geliebt, die ich begehrt und
besungen, von denen ich nur wenige erreicht und zu eigen zu haben
versucht hatte. Auch meine Frau erschien, mit der ich manche Jahre
gelebt, die mich Kameradschaft, Konflikt, Resignation gelehrt hatte, zu
der trotz aller Lebensungenüge ein tiefes Vertrauen in mir lebendig
geblieben war bis zu dem Tage, da sie mich, irr und krank geworden, in
plötzlicher Flucht und wilder Auflehnung verließ – und ich erkannte, wie
sehr ich sie geliebt und wie tief ich ihr vertraut haben mußte, daß ihr
Vertrauensbruch mich so schwer und fürs Leben hatte treffen können.
Diese Bilder – es waren Hunderte, mit und ohne Namen – waren alle wieder
da, stiegen jung und neu aus dem Brunnen dieser Liebesnacht, und ich
wußte wieder, was ich lang im Elend vergessen hatte, daß sie der Besitz
und Wert meines Lebens waren und unzerstörbar fortbestanden,
sterngewordene Erlebnisse, die ich vergessen und doch nicht vernichten
konnte, deren Reihe die Sage meines Lebens, deren Sternglanz der
unzerstörbare Wert meines Daseins war. Mein Leben war mühsam, irrläufig
und unglücklich gewesen, es führte zu Verzicht und Verneinung, es war
bitter vom Schicksalssalz alles Menschentums, aber es war reich, stolz
und reich gewesen, auch noch im Elend ein Königsleben. Mochte das
Stückchen Weges bis zum Untergang vollends noch so kläglich vertan
werden, der Kern dieses Lebens war edel, es hatte Gesicht und Rasse, es
ging nicht um Pfennige, es ging um die Sterne.
Es ist schon wieder eine Weile her, und vieles ist seither geschehen und
anders geworden, ich kann mich nur noch an weniges Einzelne aus jener
Nacht erinnern, an einzelne Worte zwischen uns, an einzelne Gebärden und
Taten tiefer Liebeszärtlichkeit, an sternhelle Augenblicke des Erwachens
aus schwerem Schlaf der Liebesermattung. Aber jene Nacht war es, in der
zum erstenmal wieder seit der Zeit meines Niedergangs mein eigenes Leben
mich mit den unerbittlich strahlenden Augen anblickte, wo ich den Zufall
wieder als Schicksal, das Trümmerfeld meines Daseins wieder als
göttliches Fragment erkannte. Meine Seele atmete wieder, mein Auge sah
wieder, und für Augenblicke ahnte ich glühend, daß ich nur die
zerstreute Bilderwelt zusammenzuraffen, daß ich nur mein Harry
Hallersches Steppenwolfleben als Ganzes zum Bilde zu erheben brauche, um
selber in die Welt der Bilder einzugehen und unsterblich zu sein. War
denn nicht dies das Ziel, nach welchem jedes Menschenleben einen Anlauf
und Versuch bedeutete?
Am Morgen mußte ich Maria, nachdem sie mein Frühstück geteilt hatte, aus
dem Hause schmuggeln, und es gelang. Noch am selben Tage mietete ich für
sie und mich in einem nahen Stadtteil ein Zimmerchen, das nur für unsre
Zusammenkünfte bestimmt war.
Meine Tanzlehrerin Hermine erschien pflichtgetreu, und ich mußte den
Boston lernen. Sie war streng und unerbittlich und erließ mir keine
Stunde, denn es war beschlossen, daß ich mit ihr den nächsten Maskenball
besuchen werde. Sie hatte mich um Geld für ihr Kostüm gebeten, über das
sie aber jede Auskunft verweigerte. Sie zu besuchen oder auch nur zu
wissen, wo sie wohne, war mir noch immer verboten.
Diese Zeit vor dem Maskenball, etwa drei Wochen, war außerordentlich
schön. Maria schien mir die erste wirkliche Geliebte zu sein, die ich je
gehabt hatte. Immer hatte ich von den Frauen, die ich geliebt hatte,
Geist und Bildung verlangt, ohne je ganz zu merken, daß auch die
geistvollste und verhältnismäßig gebildetste Frau niemals dem Logos in
mir Antwort gab, sondern stets ihm entgegenstand; ich brachte meine
Probleme und Gedanken zu den Frauen mit, und völlig unmöglich hätte es
mir geschienen, ein Mädchen länger als eine Stunde zu lieben, das kaum
ein Buch gelesen hatte, kaum wußte, was Lesen ist, und einen
Tschaikowski von einem Beethoven nicht hätte unterscheiden können. Maria
hatte keine Bildung, sie hatte diese Umwege und Ersatzwelten nicht
nötig, ihre Probleme wuchsen alle unmittelbar aus den Sinnen. Mit den
ihr gegebenen Sinnen, mit ihrer besonderen Figur, ihren Farben, ihrem
Haar, ihrer Stimme, ihrer Haut, ihrem Temperament so viel Sinnen- und
Liebesglück als irgend möglich zu erringen, für jede Fähigkeit, für jede
Biegung ihrer Linien, jede zarteste Modellierung ihres Körpers beim
Liebenden Antwort, Verständnis und lebendiges, beglückendes Gegenspiel
zu finden und hervorzuzaubern, dies war ihre Kunst und Aufgabe. Schon
bei jenem ersten schüchternen Tanz mit ihr hatte ich das empfunden,
hatte diesen Duft einer genialen, entzückend hochkultivierten
Sinnlichkeit gewittert und war von ihr bezaubert gewesen. Gewiß auch war
es kein Zufall, daß Hermine, die Allwissende, mir diese Maria zugeführt
hatte. Ihr Duft und ihre ganze Signatur war sommerlich, war rosenhaft.
Ich hatte nicht das Glück, Marias einziger oder bevorzugter Geliebter zu
sein, ich war einer von mehreren. Oft hatte sie keine Zeit für mich,
manchmal eine Stunde am Nachmittag, wenige Male eine Nacht. Sie wollte
kein Geld von mir nehmen, dahinter steckte wohl Hermine. Aber Geschenke
nahm sie gerne, und wenn ich ihr etwa ein neues kleines Portemonnaie aus
rotlackiertem Leder schenkte, durften auch zwei, drei Goldstücke darin
stecken. Übrigens mit dem roten Geldbeutelchen wurde ich von ihr sehr
ausgelacht! Es war entzückend, aber es war ein Ladenhüter, verschollene
Mode. In diesen Dingen, von welchen ich bisher weniger gewußt und
verstanden hatte als von irgendeiner Eskimosprache, lernte ich von Maria
viel. Ich lernte vor allem, daß diese kleinen Spielzeuge, Mode- und
Luxussachen nicht bloß Tand und Kitsch sind und eine Erfindung
geldgieriger Fabrikanten und Händler, sondern berechtigt, schön,
mannigfaltig, eine kleine oder vielmehr große Welt von Dingen, welche
alle den einzigen Zweck haben, der Liebe zu dienen, die Sinne zu
verfeinern, die tote Umwelt zu beleben und zauberhaft mit neuen
Liebesorganen zu begaben, vom Puder und Parfüm bis zum Tanzschuh, vom
Fingerring bis zur Zigarettendose, von der Gürtelschnalle bis zur
Handtasche. Diese Tasche war keine Tasche, der Geldbeutel kein
Geldbeutel, Blumen keine Blumen, der Fächer kein Fächer, alles war
plastisches Material der Liebe, der Magie, der Reizung, war Bote,
Schleichhändler, Waffe, Schlachtruf.
Wen Maria eigentlich liebe, darüber dachte ich oftmals nach. Am meisten,
glaube ich, liebte sie den Jüngling Pablo vom Saxophon, mit den
verlorenen schwarzen Augen und den langen, bleichen, edlen und
melancholischen Händen. Ich hätte diesen Pablo in der Liebe für etwas
schläfrig, verwöhnt und passiv gehalten, aber Maria versicherte mir, daß
er zwar nur langsam in Glut zu bringen, dann aber gespannter, härter,
männlicher und fordernder sei als irgendein Boxer oder Herrenreiter. Und
so erfuhr und wußte ich Geheimes über diesen und jenen, vom Jazzmusiker,
vom Schauspieler, von manchen Frauen, von Mädchen und Männern unsres
Milieus, wußte allerlei Geheimnisse, sah unter der Oberfläche
Verbindungen und Feindschaften, wurde langsam (ich, der ich in dieser
Welt ein völlig beziehungsloser Fremdkörper gewesen war) vertraut und
einbezogen. Auch über Hermine erfuhr ich viel. Besonders aber kam ich
nun häufig mit Herrn Pablo zusammen, den Maria sehr liebte. Zuweilen
brauchte sie auch von seinen geheimen Mitteln, auch mir verschaffte sie
je und je diese Genüsse, und immer stand Pablo mir mit besonderem Eifer
zu Diensten. Einmal sagte er es mir ohne Umschweife: „Sie sind so viel
unglücklich, das ist nicht gut, man soll nicht so sein. Tut mir leid.
Nehmen Sie leichte Opiumpfeife.“ Mein Urteil über diesen frohen, klugen,
kindlichen und dabei unergründlichen Menschen änderte sich beständig,
wir wurden Freunde, nicht selten nahm ich etwas von seinen Mitteln an.
Etwas belustigt sah er meiner Verliebtheit in Maria zu. Einmal
veranstaltete er ein „Fest“ auf seinem Zimmer, der Mansarde eines
Vorstadthotels. Es gab dort nur _einen_ Stuhl, Maria und ich mußten auf
dem Bett sitzen. Er gab uns zu trinken, einen aus drei Fläschchen
zusammengegossenen, geheimnisvollen, wunderbaren Likör. Und dann, als
ich sehr guter Laune geworden war, schlug er uns leuchtenden Auges vor,
eine Liebesorgie zu dreien zu feiern. Ich lehnte brüsk ab, mir war
dergleichen nicht möglich, doch schielte ich immerhin einen Augenblick
zu Maria hinüber, wie sie sich dazu verhalte, und obwohl sie meiner
Ablehnung sofort zustimmte, sah ich doch das Glimmen in ihren Augen und
spürte ihr Bedauern über den Verzicht. Pablo war enttäuscht über meine
Ablehnung, aber nicht verletzt. „Schade,“ sagte er, „Harry bedenkt
zuviel moralisch. Nichts zu machen. Wäre doch so schön gewesen, so sehr
schön! Aber ich weiß Ersatz.“ Wir bekamen jeder einige Züge Opium zu
rauchen, und regungslos sitzend, bei offenen Augen, erlebten wir alle
drei die von ihm suggerierte Szene, wobei Maria vor Entzücken zitterte.
Als ich mich nachher ein wenig unwohl fühlte, legte mich Pablo aufs
Bett, gab mir einige Tropfen Medizin, und als ich für einige Minuten die
Augen schloß, spürte ich auf jedem Augenlid einen ganz flüchtigen,
gehauchten Kuß. Ich nahm ihn hin, als sei ich der Meinung, er komme von
Maria. Aber ich wußte wohl, daß er von ihm war.
Und eines Abends überraschte er mich noch mehr. Er erschien in meiner
Wohnung, erzählte mir, daß er zwanzig Franken brauche und daß er mich um
dies Geld bitte. Er biete mir dafür an, diese Nacht statt seiner über
Maria zu verfügen.
„Pablo,“ sagte ich erschrocken, „Sie wissen nicht, was Sie da sagen.
Seine Geliebte an einen andern für Geld abtreten, das gilt bei uns für
das Allerschimpflichste. Ich habe Ihren Vorschlag nicht gehört, Pablo.“
Mitleidig sah er mich an. „Sie wollen nicht, Herr Harry. Gut. Sie machen
immer sich selber Schwierigkeiten. Dann schlafen Sie also heute Nacht
nicht bei Maria, wenn Ihnen das lieber ist, und geben Sie mir das Geld
so, Sie werden es zurückbekommen. Ich brauche es notwendig.“
„Wofür denn?“
„Für Agostino – wissen Sie, das ist der Kleine von der zweiten Violine.
Er ist schon acht Tage krank, und niemand sieht nach ihm, Geld hat er
keinen Pfennig, und jetzt ist auch meines ausgegangen.“
Aus Neugierde, und ein wenig auch zur Selbstbestrafung, ging ich mit zu
Agostino, dem er Milch und Medizin in seine Dachkammer brachte, eine
recht elende Dachkammer, dem er das Bett frisch aufschüttelte, das
Zimmer lüftete und eine hübsche kunstgerechte Kompresse um den
fiebernden Kopf machte, alles rasch und zart und sachkundig, wie eine
gute Krankenschwester. Am gleichen Abend sah ich ihn, bis in die
Morgenstunden, in der City-Bar musizieren.
Mit Hermine sprach ich oft lange und sachlich über Maria, über ihre
Hände, Schultern, Hüften, über ihre Art zu lachen, zu küssen, zu tanzen.
„Hat sie dir das schon gezeigt?“ fragte Hermine einmal und beschrieb mir
ein besonderes Spiel der Zunge beim Kuß. Ich bat sie, es mir doch selbst
zu zeigen, doch wies sie mich ernsthaft ab. „Das kommt später,“ sagte
sie, „noch bin ich nicht deine Geliebte.“
Ich fragte sie, woher sie denn Marias Kußkünste und manche geheime, nur
dem liebenden Mann bekannte Besonderheiten ihres Leibes kenne.
„Oh,“ rief sie, „wir sind doch Freunde. Glaubst du denn, wir hätten
Geheimnisse voreinander? Ich habe oft genug bei ihr geschlafen und mit
ihr gespielt. Nun ja, du hast da ein schönes Mädchen erwischt, die kann
mehr als andre.“
„Ich glaube doch, Hermine, daß auch ihr noch Geheimnisse voreinander
habt. Oder hast du ihr auch über mich alles gesagt, was du weißt?“
„Nein, das sind andere Sachen, die sie nicht verstehen würde. Maria ist
wunderbar, du hast Glück gehabt, aber zwischen dir und mir gibt es
Dinge, von denen sie keine Ahnung hat. Ich habe ihr viel über dich
gesagt, natürlich, viel mehr, als dir damals lieb gewesen wäre – ich
mußte sie doch für dich verführen! Aber verstehen, Freund, so wie ich
dich verstehe, wird Maria dich nie und keine andere. Ich habe auch von
ihr noch einiges zugelernt – ich weiß über dich, soweit Maria dich
kennt, Bescheid. Ich kenne dich beinah so gut, wie wenn wir oft
miteinander geschlafen hätten.“
Als ich wieder mit Maria zusammenkam, war es mir wunderlich und
geheimnisvoll, zu wissen, daß sie Hermine ebenso an ihrem Herzen gehabt
hatte wie mich, daß sie deren Glieder, Haar und Haut genau so befühlt,
geküßt, gekostet und geprüft habe, wie die meinen. Neue, indirekte,
komplizierte Beziehungen und Verbindungen tauchten vor mir auf, neue
Liebes- und Lebensmöglichkeiten, und ich dachte an die tausend Seelen
des Steppenwolftraktates.
* * * * *
In jener kurzen Zeit, zwischen meinem Bekanntwerden mit Maria und dem
großen Maskenball, war ich geradezu glücklich und hatte dabei doch
niemals das Gefühl, dies sei nun eine Erlösung, eine erreichte
Seligkeit, sondern spürte sehr deutlich, daß dies alles Vorspiel und
Vorbereitung sei, daß alles heftig nach vorwärts dränge, daß das
Eigentliche erst komme.
Vom Tanzen hatte ich so viel gelernt, daß es mir nun möglich schien, den
Ball mitzumachen, von dem mit jedem Tage mehr die Rede war. Hermine
hatte ein Geheimnis, sie blieb fest dabei, mir nicht zu verraten, in
welcher Maskentracht sie erscheinen werde. Ich werde sie schon erkennen,
meinte sie, und sollte ich es daran fehlen lassen, so werde sie mir
helfen, aber vorher dürfe ich nichts wissen. So war sie auch gar nicht
neugierig auf meine Maskenpläne, und ich beschloß, mich gar nicht zu
kostümieren. Maria, als ich sie zum Ball einladen wollte, erklärte mir,
daß sie für dies Fest schon einen Kavalier habe, besaß auch wirklich
schon eine Eintrittskarte, und ich sah etwas enttäuscht, daß ich das
Fest nun allein werde besuchen müssen. Es war der vornehmste Kostümball
der Stadt, der alljährlich in den Globussälen von der Künstlerschaft
veranstaltet wurde.
In diesen Tagen sah ich Hermine wenig, aber am Tag vor dem Ball war sie
eine Weile bei mir – sie kam, um ihre Eintrittskarte abzuholen, die ich
besorgt hatte – und saß friedlich bei mir in meinem Zimmer, und da kam
es zu einem Gespräch, das mir merkwürdig war und tiefen Eindruck machte.
„Es geht dir jetzt eigentlich recht gut,“ sagte sie, „das Tanzen bekommt
dir. Wer dich vier Wochen nicht mehr gesehen hat, würde dich kaum
wiederkennen.“
„Ja,“ gab ich zu, „es ist mir seit Jahren nicht so gut gegangen. Das
kommt alles von dir, Hermine.“
„Oh, nicht von deiner schönen Maria?“
„Nein. Auch die hast ja du mir geschenkt. Sie ist wunderbar.“
„Sie ist die Geliebte, die du brauchtest, Steppenwolf. Hübsch, jung,
guter Laune, in der Liebe sehr klug und nicht jeden Tag zu haben. Wenn
du sie nicht mit andern teilen müßtest, wenn sie bei dir nicht immer
bloß ein flüchtiger Gast wäre, ginge es nicht so gut.“
Ja, auch das mußte ich zugeben.
„Also hast du jetzt eigentlich alles, was du brauchst?“
„Nein, Hermine, so ist es nicht. Ich habe etwas sehr Schönes und
Entzückendes, eine große Freude, einen lieben Trost. Ich bin geradezu
glücklich ...“
„Na also! Was willst du mehr?“
„Ich will mehr. Ich bin mit Glücklichsein nicht zufrieden, ich bin nicht
dafür geschaffen, es ist nicht meine Bestimmung. Meine Bestimmung ist
das Gegenteil.“
„Also unglücklich sein? Nun, das hast du ja reichlich gehabt, damals,
als du wegen des Rasiermessers nicht mehr nach Hause gehen konntest.“
„Nein, Hermine, es ist doch anders. Damals war ich, zugegeben, sehr
unglücklich. Aber es war ein dummes Unglück, ein unfruchtbares.“
„Warum denn?“
„Weil ich sonst nicht diese Angst vor dem Tode hätte haben müssen, den
ich mir doch wünschte! Das Unglück, das ich brauche und ersehne, ist
anders; es ist so, daß es mich mit Begier leiden und mit Wollust sterben
läßt. Das ist das Unglück oder Glück, auf das ich warte.“
„Ich verstehe dich. Darin sind wir Geschwister. Aber was hast du gegen
das Glück, das du jetzt, mit Maria, gefunden hast? Warum bist du nicht
zufrieden?“
„Ich habe nichts gegen dieses Glück, o nein, ich liebe es, ich bin ihm
dankbar. Es ist schön wie ein Sonnentag mitten in einem Regensommer.
Aber ich spüre, daß es nicht dauern kann. Auch dies Glück ist
unfruchtbar. Es macht zufrieden, aber Zufriedenheit ist keine Speise für
mich. Es schläfert den Steppenwolf ein, es macht ihn satt. Aber es ist
kein Glück, um darum zu sterben.“
„Also gestorben muß sein, Steppenwolf?“
„Ich glaube, ja! Ich bin sehr zufrieden mit meinem Glück, ich kann es
noch eine ganze Weile ertragen. Aber wenn das Glück mir manchmal eine
Stunde Zeit läßt, zum Wachwerden und zum Sehnsuchthaben, dann geht alle
meine Sehnsucht nicht dahin, dies Glück immer zu behalten, sondern
wieder zu leiden, nur schöner und weniger ärmlich als früher. Ich sehne
mich nach Leiden, die mich bereit und willig machen zum Sterben.“
Hermine sah mir zärtlich in die Augen, mit dem dunklen Blick, der so
plötzlich bei ihr erscheinen konnte. Herrliche, furchtbare Augen!
Langsam, die Worte einzeln suchend und nebeneinander stellend, sagte sie
– so leise, daß ich mich anstrengen mußte, um es zu hören:
„Ich will dir heut etwas sagen, etwas, was ich schon lange weiß, und
auch du weißt es schon, aber vielleicht hast du es dir selber noch nicht
gesagt. Ich sage dir jetzt, was ich über mich und dich und über unser
Schicksal weiß. Du, Harry, bist ein Künstler und Denker gewesen, ein
Mensch voll Freude und Glauben, immer auf der Spur des Großen und
Ewigen, nie mit dem Hübschen und Kleinen zufrieden. Aber je mehr das
Leben dich geweckt und zu dir selber gebracht hat, desto größer ist
deine Not geworden, desto tiefer bist du in Leiden, Bangigkeit und
Verzweiflung geraten, bis an den Hals, und alles, was du einst Schönes
und Heiliges gekannt und geliebt und verehrt hast, all dein einstiger
Glaube an die Menschen und an unsre hohe Bestimmung, hat dir nicht
helfen können und ist wertlos geworden und in Scherben gegangen. Dein
Glaube fand keine Luft mehr zum Atmen. Und Ersticken ist ein harter Tod.
Ist es richtig, Harry? Ist das dein Schicksal?“
Ich nickte, nickte, nickte.
„Du hattest ein Bild vom Leben in dir, einen Glauben, eine Forderung, du
warst zu Taten, Leiden und Opfern bereit – und dann merktest du
allmählich, daß die Welt gar keine Taten und Opfer und dergleichen von
dir verlangt, daß das Leben keine heroische Dichtung ist, mit
Heldenrollen und dergleichen, sondern eine bürgerliche gute Stube, wo
man mit Essen und Trinken, Kaffee und Strickstrumpf, Tarockspiel und
Radiomusik vollkommen zufrieden ist. Und wer das andere will und in sich
hat, das Heldenhafte und Schöne, die Verehrung der großen Dichter oder
die Verehrung der Heiligen, der ist ein Narr und ein Ritter Don
Quichotte. Gut. Und mir ist es ebenso gegangen, mein Freund! Ich war ein
Mädchen von guten Gaben und dafür bestimmt, nach einem hohen Vorbild zu
leben, hohe Forderungen an mich zu stellen, würdige Aufgaben zu
erfüllen. Ich konnte ein großes Los auf mich nehmen, die Frau eines
Königs sein, die Geliebte eines Revolutionärs, die Schwester eines
Genies, die Mutter eines Märtyrers. Und das Leben hat mir nur eben
erlaubt, eine Kurtisane von leidlich gutem Geschmack zu werden – schon
das ist mir schwer genug gemacht worden! So ist es mir gegangen. Ich war
eine Weile trostlos, und ich habe lange Zeit die Schuld an mir selber
gesucht. Das Leben, dachte ich, muß doch schließlich immer recht haben,
und wenn das Leben meine schönen Träume verhöhnte, so dachte ich, es
werden eben meine Träume dumm gewesen sein und unrecht gehabt haben.
Aber das half gar nichts. Und weil ich gute Augen und Ohren hatte und
auch etwas neugierig war, sah ich mir das sogenannte Leben recht genau
an, meine Bekannten und Nachbarn, fünfzig und mehr Menschen und
Schicksale, und da sah ich, Harry: meine Träume hatten recht gehabt,
tausendmal recht, ebenso wie deine. Das Leben aber, die Wirklichkeit,
hatte unrecht. Daß eine Frau von meiner Art keine andere Wahl fand, als
an einer Schreibmaschine im Dienst eines Geldverdieners ärmlich und
sinnlos zu altern, oder einen solchen Geldverdiener um seines Geldes
willen zu heiraten, oder aber eine Art von Dirne zu werden, das war
ebensowenig richtig, als daß ein Mensch wie du einsam, scheu und
verzweifelt nach dem Rasiermesser greifen muß. Bei mir war das Elend
vielleicht mehr materiell und moralisch, bei dir mehr geistig – der Weg
war der gleiche. Glaubst du, ich könne deine Angst vor dem Foxtrott,
deinen Widerwillen gegen die Bars und Tanzdielen, dein Sichsträuben
gegen Jazzmusik und all den Kram nicht verstehen? Allzu gut versteh’ ich
sie, und ebenso deinen Abscheu vor der Politik, deine Trauer über das
Geschwätz und verantwortungslose Getue der Parteien, der Presse, deine
Verzweiflung über den Krieg, über den gewesenen und über die kommenden,
über die Art, wie man heute denkt, liest, baut, Musik macht, Feste
feiert, Bildung betreibt! Recht hast du, Steppenwolf, tausendmal recht,
und doch mußt du untergehen. Du bist für diese einfache, bequeme, mit so
wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie
speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zuviel. Wer heute leben
und seines Lebens froh werden will, der darf kein Mensch sein wie du und
ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele,
statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt,
für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat ...“
Sie blickte zu Boden und sann.
„Hermine,“ rief ich zärtlich, „Schwester, wie gute Augen du hast! Und
doch hast du mich den Foxtrott gelehrt! Aber wie meinst du das: daß
Menschen wie wir, Menschen mit einer Dimension zuviel, hier nicht leben
können? An was liegt das? Ist das nur in unsrer heutigen Zeit so? Oder
war das immer?“
„Ich weiß nicht. Ich will zur Ehre der Welt annehmen, es sei bloß unsere
Zeit, es sei bloß eine Krankheit, ein momentanes Unglück. Die Führer
arbeiten stramm und erfolgreich auf den nächsten Krieg los, wir anderen
tanzen unterdessen Foxtrott, verdienen Geld und essen Pralinés – in
einer solchen Zeit muß ja die Welt recht bescheiden aussehen. Hoffen
wir, daß andere Zeiten besser waren und wieder besser sein werden,
reicher, weiter, tiefer. Aber uns ist damit nicht geholfen. Und
vielleicht ist es immer so gewesen ...“
„Immer so wie heute? Immer nur eine Welt für Politiker, Schieber,
Kellner und Lebemänner, und keine Luft für Menschen?“
„Nun ja, ich weiß es nicht, niemand weiß das. Es ist auch einerlei. Aber
ich denke jetzt an deinen Liebling, mein Freund, von dem du mir zuweilen
erzählt und auch Briefe vorgelesen hast, an Mozart. Wie war es denn mit
dem? Wer hat zu seinen Zeiten die Welt regiert, den Rahm abgeschöpft,
den Ton angegeben und etwas gegolten: Mozart oder die Geschäftemacher,
Mozart oder die flachen Dutzendmenschen? Und wie ist er gestorben und
begraben worden? Und so, meine ich, ist es vielleicht immer gewesen und
wird immer sein, und das, was sie in den Schulen ‚Weltgeschichte‘ heißen
und was man da auswendig lernen muß für die Bildung, mit allen den
Helden, Genies, großen Taten und Gefühlen – das ist bloß ein Schwindel,
von den Schullehrern erfunden, für Bildungszwecke und damit die Kinder
während der vorgeschriebenen Jahre doch mit etwas beschäftigt sind.
Immer ist es so gewesen und wird immer so sein, daß die Zeit und die
Welt, das Geld und die Macht den Kleinen und Flachen gehört, und den
andern, den eigentlichen Menschen, gehört nichts. Nichts als der Tod.“
„Sonst gar nichts?“
„Doch, die Ewigkeit.“
„Du meinst den Namen, den Ruhm bei der Nachwelt?“
„Nein, Wölfchen, nicht den Ruhm – hat denn der einen Wert? Und glaubst
du denn, daß alle wirklich echten und vollen Menschen berühmt geworden
und der Nachwelt bekannt seien?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Also, der Ruhm ist es nicht. Der Ruhm existiert nur so für die Bildung,
er ist eine Angelegenheit der Schullehrer. Der Ruhm ist es nicht, o
nein! Aber das, was ich Ewigkeit nenne. Die Frommen nennen es Reich
Gottes. Ich denke mir: wir Menschen alle, wir Anspruchsvolleren, wir mit
der Sehnsucht, mit der Dimension zuviel, könnten gar nicht leben, wenn
es nicht außer der Luft dieser Welt auch noch eine andre Luft zu atmen
gäbe, wenn nicht außer der Zeit auch noch die Ewigkeit bestünde, und die
ist das Reich des Echten. Dazu gehört die Musik von Mozart und die
Gedichte deiner großen Dichter, es gehören die Heiligen dazu, die Wunder
getan, die den Märtyrertod erlitten und den Menschen ein großes Beispiel
gegeben haben. Aber es gehört zur Ewigkeit ebenso das Bild jeder echten
Tat, die Kraft jedes echten Gefühls, auch wenn niemand davon weiß und es
sieht und aufschreibt und für die Nachwelt aufbewahrt. Es gibt in der
Ewigkeit keine Nachwelt, nur Mitwelt.“
„Du hast recht“, sagte ich.
„Die Frommen“, fuhr sie nachdenklich fort, „haben doch am meisten davon
gewußt. Sie haben darum die Heiligen aufgestellt und das, was sie ‚die
Gemeinschaft der Heiligen‘ heißen. Die Heiligen, das sind die echten
Menschen, die jüngeren Brüder des Heilands. Zu ihnen unterwegs sind wir
unser Leben lang, mit jeder guten Tat, mit jedem tapferen Gedanken, mit
jeder Liebe. Die Gemeinschaft der Heiligen, die wurde in früheren Zeiten
von den Malern dargestellt in einem goldenen Himmel, strahlend, schön
und friedevoll – sie ist nichts andres als das, was ich vorher die
‚Ewigkeit‘ genannt habe. Es ist das Reich jenseits der Zeit und des
Scheins. Dorthin gehören wir, dort ist unsre Heimat, dorthin strebt
unser Herz, Steppenwolf, und darum sehnen wir uns nach dem Tod. Dort
findest du deinen Goethe wieder und deinen Novalis und den Mozart, und
ich meine Heiligen, den Christoffer, den Philipp von Neri und alle. Es
gibt viele Heilige, die zuerst arge Sünder waren, auch die Sünde kann
ein Weg zur Heiligkeit sein, die Sünde und das Laster. Du wirst lachen,
aber ich denke mir oft, daß vielleicht auch mein Freund Pablo ein
versteckter Heiliger sein könnte. Ach Harry, wir müssen durch so viel
Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand,
der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh.“
Ihre letzten Worte hatte sie wieder ganz leise gesprochen, und jetzt war
es friedlich still in dem Zimmer, die Sonne war am Untergehen und machte
die Goldschriften auf den vielen Bücherrücken meiner Bibliothek
schimmern. Ich nahm Herminens Kopf in meine Hände, küßte sie auf die
Stirn und lehnte ihn Wange an Wange zu mir, geschwisterlich, so blieben
wir einen Augenblick. Am liebsten wäre ich so geblieben und heute nicht
mehr ausgegangen. Aber für diese Nacht, die letzte vor dem großen Ball,
hatte Maria sich mir versprochen.
Auf dem Wege zu ihr aber dachte ich nicht an Maria, sondern nur an das,
was Hermine gesagt hatte. Dies alles waren, so schien mir, vielleicht
nicht ihre eigenen Gedanken, sondern die meinigen, die die Hellsichtige
gelesen und eingeatmet hatte und die sie mir wiedergab, so daß sie nun
Gestalt hatten und neu vor mir standen. Daß sie den Gedanken der
Ewigkeit ausgesprochen hatte, besonders dafür war ich ihr in jener
Stunde tief dankbar. Ich brauchte ihn, ich konnte ohne ihn nicht leben
und auch nicht sterben. Das heilige Jenseits, das Zeitlose, die Welt des
ewigen Wertes, der göttlichen Substanz war mir heute von meiner Freundin
und Tanzlehrerin wiedergeschenkt worden. Ich mußte an meinen Goethetraum
denken, an das Bild des alten Weisen, der so unmenschlich gelacht und
seinen unsterblichen Spaß mit mir getrieben hatte. Nun erst verstand ich
Goethes Lachen, das Lachen der Unsterblichen. Es war ohne Gegenstand,
dies Lachen, es war nur Licht, nur Helligkeit, es war das, was
übrigbleibt, wenn ein echter Mensch durch die Leiden, Laster, Irrtümer,
Leidenschaften und Mißverständnisse der Menschen hindurchgegangen und
ins Ewige, in den Weltraum durchgestoßen ist. Und die „Ewigkeit“ war
nichts andres als die Erlösung der Zeit, war gewissermaßen ihre Rückkehr
zur Unschuld, ihre Rückverwandlung in den Raum.
Ich suchte Maria an dem Ort, wo wir an unsern Abenden zu speisen
pflegten, doch war sie noch nicht gekommen. In dem stillen
Vorstadtkneipchen saß ich wartend am gedeckten Tisch, mit meinen
Gedanken noch bei unsrem Gespräch. Alle diese Gedanken, die da zwischen
Hermine und mir aufgetaucht waren, erschienen mir so tief vertraut, so
altbekannt, so aus meiner eigensten Mythologie und Bilderwelt geschöpft!
Die Unsterblichen, wie sie im zeitlosen Raume leben, entrückt, Bild
geworden und die kristallne Ewigkeit wie Äther um sie gegossen, und die
kühle, sternhaft strahlende Heiterkeit dieser außerirdischen Welt –
woher denn war dies alles mir so vertraut? Ich sann, und es fielen mir
Stücke aus Mozarts „Cassations“, aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“
ein, und überall in dieser Musik schien mir diese kühle sternige
Helligkeit zu leuchten, diese Ätherklarheit zu schwingen. Ja, das war
es, diese Musik war so etwas wie zu Raum gefrorene Zeit, und über ihr
schwang unendlich eine übermenschliche Heiterkeit, ein ewiges göttliches
Lachen. Oh, und dazu paßte ja auch der alte Goethe meines Traumes so
gut! Und plötzlich hörte ich dies unergründliche Lachen um mich her,
hörte die Unsterblichen lachen. Bezaubert saß ich, bezaubert suchte ich
aus der Westentasche meinen Bleistift hervor, suchte nach Papier, fand
die Weinkarte vor mir liegen, drehte sie um und schrieb auf ihre
Rückseite, schrieb Verse, die ich erst andern Tags in meiner Tasche
wiederfand. Sie lauteten: