– nicht für jedermann
Ich versuchte die Pforte zu öffnen, die schwere alte Klinke bewegte sich
auf keinen Druck. Das Buchstabenspiel war zu Ende, plötzlich hatte es
aufgehört, traurig, seiner Vergeblichkeit inne geworden. Ich trat einige
Schritte zurück, trat tief in den Schmutz, es kamen keine Buchstaben
mehr, das Spiel war erloschen, lange blieb ich im Schmutz stehen und
wartete, vergebens.
Da, als ich es aufgab und schon auf den Bürgersteig zurückgekehrt war,
tropften vor mir her ein paar farbige Lichtbuchstaben über den
spiegelnden Asphalt.
Ich las:
Nur – – für – – Ver – – rückte!
Ich hatte nasse Füße bekommen und fror, dennoch blieb ich noch eine
ganze Weile wartend stehen. Nichts mehr. Während ich noch stand und
dachte, wie hübsch die zarten bunten Buchstabenirrlichter über die
feuchte Mauer und den schwarzglänzenden Asphalt gegeistert waren, fiel
mir plötzlich wieder ein Bruchstück aus meinen vorigen Gedanken ein: das
Gleichnis von der golden aufleuchtenden Spur, die so plötzlich wieder
fern und unauffindbar ist.
Ich fror und ging nun weiter, jener Spur nachträumend, voll Sehnsucht
nach der Pforte zu einem Zaubertheater, nur für Verrückte. Ich hatte
inzwischen die Marktgegend betreten, wo es an Abendunterhaltungen nicht
fehlte, alle paar Schritte hing ein Plakat und warb eine Tafel:
Damenkapelle – Varieté – Kino – Tanzabend –, aber dies alles war nichts
für mich, es war für „Jedermann“, für Normale, welche ich denn auch
überall in Scharen durch die Pforten drängen sah. Trotzdem war meine
Traurigkeit ein wenig aufgehellt, es hatte mich doch ein Gruß der andern
Welt berührt, ein paar farbige Buchstaben hatten getanzt und auf meiner
Seele gespielt und an verborgene Akkorde gerührt, ein Schimmer der
goldenen Spur war wieder sichtbar gewesen.
Ich suchte die kleine altväterische Kneipe auf, in der sich seit meinem
ersten Aufenthalt in dieser Stadt, vor wohl fünfundzwanzig Jahren,
nichts geändert hat, auch die Wirtin ist noch die von damals, und manche
von den heutigen Gästen saßen auch damals schon hier, am gleichen Platz,
vor den gleichen Gläsern. Ich trat in das bescheidene Wirtshaus, hier
war Zuflucht. Zwar war es nur eine Zuflucht wie etwa die auf der Treppe
bei der Araukarie, auch hier fand ich nicht Heimat und Gemeinschaft,
fand nur einen stillen Zuschauerplatz, vor einer Bühne, auf der fremde
Leute fremde Stücke spielten, aber schon dieser stille Platz war etwas
wert: keine Menschenmenge, kein Geschrei, keine Musik, bloß ein paar
ruhige Bürger an ungedeckten Holztischen (kein Marmor, kein Emailblech,
kein Plüsch, kein Messing!) und vor jedem ein Abendtrunk, ein guter
solider Wein. Vielleicht waren diese paar Stammgäste, die ich vom Sehen
alle kannte, richtige Philister und hatten zu Hause in ihren
Philisterwohnungen öde Hausaltäre vor blöden Zufriedenheitsgötzen
stehen, vielleicht auch waren sie vereinsamte und entgleiste Burschen
wie ich, stille gedankenvolle Säufer über bankrotten Idealen,
Steppenwölfe und arme Teufel auch sie; ich wußte es nicht. Jeden von
ihnen zog ein Heimweh, eine Enttäuschung, ein Bedürfnis nach Ersatz
hieher, der Verheiratete suchte hier die Atmosphäre seiner
Junggesellenzeit, der alte Beamte die Anklänge seiner Studentenjahre,
alle waren sie ziemlich schweigsam, und alle waren sie Trinker und saßen
gleich mir lieber vor einem halben Liter Elsässer als vor einer
Damenkapelle. Hier warf ich Anker, hier war es für eine Stunde
auszuhalten, auch für zwei. Kaum hatte ich einen Schluck Elsässer
genommen, so spürte ich, daß ich heut noch nichts gegessen hatte außer
dem Frühstücksbrot.
Wunderlich, was der Mensch alles schlucken kann! Wohl zehn Minuten las
ich in einer Zeitung, ließ durch das Auge den Geist eines
verantwortungslosen Menschen in mich hinein, der die Worte anderer im
Munde breit kaut und sie eingespeichelt, aber unverdaut wieder von sich
gibt. Das nahm ich zu mir, eine ganze Spalte lang. Und alsdann fraß ich
ein gutes Stück von der Leber, die man aus dem Leib eines
totgeschlagenen Kalbes geschnitten hatte. Wunderlich! Das Beste war der
Elsässer. Ich habe die wilden heftigen Weine nicht gern, wenigstens
nicht für den Alltag, die mit starken Reizen um sich werfen und berühmte
Spezialgeschmäcke haben. Ich liebe am meisten ganz reine, leichte,
bescheidene Landweine ohne besondere Namen, man kann viel davon
vertragen, und sie schmecken so gut und freundlich nach Land und Erde
und Himmel und Gehölz. Ein Becher Elsässer und ein Stück gutes Brot, das
ist die beste aller Mahlzeiten. Nun aber hatte ich schon eine Portion
Leber in mir, aparter Genuß für mich, der selten Fleisch ißt, und hatte
den zweiten Becher vor mir stehen. Auch das war wunderlich, daß da
irgendwo in grünen Tälern von gesunden braven Menschen Reben gebaut
wurden und Wein gekeltert wurde, damit hier und dort in der Welt, weit
von ihnen entfernt, einige enttäuschte, still schöppelnde Bürger und
ratlose Steppenwölfe sich ein wenig Mut und Laune aus ihren Bechern
saugen konnten.
Meinetwegen, mochte es wunderlich sein! Es war gut, es half, die Laune
kam. Über den Wortbrei des Zeitungsartikels stieg mir nachträglich ein
erleichterndes Gelächter auf, und urplötzlich fiel mir die vergessene
Melodie jenes Bläserpiano wieder ein, wie eine kleine spiegelnde
Seifenblase stieg sie in mir hoch, glänzte, spiegelte bunt und klein die
ganze Welt und ging sanft wieder auseinander. Wenn es möglich gewesen
war, daß diese himmlische kleine Melodie heimlich in meiner Seele
wurzelte und eines Tages in mir ihre holde Blume wieder mit allen lieben
Farben emportrieb, konnte ich da ganz verloren sein? War ich auch ein
verirrtes Tier, das seine Umwelt nicht begriff, so war doch ein Sinn in
meinem törichten Leben, etwas in mir gab Antwort, war Empfänger für
Anrufe aus fernen hohen Welten, in meinem Gehirn waren tausend Bilder
gestapelt:
Giottosche Engelscharen aus einem kleinen blauen Kirchengewölbe in
Padua, und neben ihnen gingen Hamlet und die bekränzte Ophelia, schöne
Gleichnisse aller Trauer und alles Mißverständnisses in der Welt, da
stand im brennenden Ballon der Luftschiffer Gianozzo und stieß ins Horn,
trug Attila Schmelzle seinen neuen Hut in der Hand, stieß der Borobudur
sein Skulpturengebirg in die Lüfte. Und mochten alle diese schönen
Gestalten auch in tausend andern Herzen leben, es waren noch zehntausend
andere, unbekannte Bilder und Klänge da, deren Heimat und sehendes Auge
und hörendes Ohr einzig in mir innen lebte. Die alte Hospitalmauer mit
dem alten, verwitterten, fleckigen Graugrün, in deren Rissen und
Verwitterungen tausend Fresken zu ahnen waren – wer gab ihr Antwort, wer
ließ sie in seine Seele ein, wer liebte sie, wer empfand den Zauber
ihrer zart hinsterbenden Farben? Die alten Bücher der Mönche, mit den
sanft leuchtenden Miniaturen, und die von ihrem Volk vergessenen Bücher
der deutschen Dichter vor zweihundert und vor hundert Jahren, alle die
abgegriffenen und stockfleckigen Bände, und die Drucke und Handschriften
der alten Musiker, die festen, gelblichen Notenblätter mit ihren
erstarrten Tonträumen – wer hörte ihre geistvollen, ihre schelmischen
und sehnsüchtigen Stimmen, wer trug ein Herz voll von ihrem Geist und
ihrem Zauber durch eine andere, ihnen entfremdete Zeit? Wer gedachte
noch jener kleinen, zähen Zypresse hoch am Berge über Gubbio, die von
einem Steinsturz geknickt und gespalten war und doch das Leben
festgehalten und einen neuen, spärlichen Notwipfel getrieben hatte? Wer
ward der fleißigen Hausmutter im ersten Stock und ihrer blanken
Araukarie gerecht? Wer las nachts überm Rhein die Wolkenschriften der
ziehenden Nebel? Es war der Steppenwolf. Und wer suchte über den
Trümmern seines Lebens den zerflatternden Sinn, litt das scheinbar
Unsinnige, lebte das scheinbar Verrückte, hoffte heimlich im letzten
irren Chaos noch Offenbarung und Gottesnähe?
Ich hielt meinen Becher fest, den die Wirtin mir wieder füllen wollte,
und stand auf. Ich brauchte keinen Wein mehr. Die goldne Spur war
aufgeblitzt, ich war ans Ewige erinnert, an Mozart, an die Sterne. Ich
konnte wieder für eine Stunde atmen, konnte leben, durfte dasein,
brauchte nicht Qualen zu leiden, mich nicht zu fürchten, mich nicht zu
schämen.
Der vom kalten Wind gezauste dünne Sprühregen klirrte um die Laternen
und blitzte mit glasigem Geflimmer, als ich auf die stillgewordene
Straße hinaustrat. Jetzt wohin? Hätte ich in diesem Augenblick über
einen Wunschzauber verfügt, so hätte sich mir nun ein kleiner hübscher
Saal dargeboten, Stil Louis Seize, wo ein paar gute Musiker mir zwei,
drei Stücke von Händel und Mozart gespielt hätten. Dazu wäre ich jetzt
gestimmt gewesen und hätte die kühle, edle Musik geschlürft, wie Götter
Nektar schlürfen. Oh, wenn ich jetzt einen Freund gehabt hätte, einen
Freund in irgendeiner Dachkammer, der bei einer Kerze grübelt und die
Violine danebenliegen hat! Wie hätte ich ihn in seiner Nachtstille
beschlichen, wäre lautlos durchs winklige Treppenhaus emporgeklettert
und hätte ihn überrascht, und wir hätten mit Gespräch und Musik ein paar
überirdische Nachtstunden gefeiert! Oft hatte ich dies Glück gekostet,
einst, in vergangenen Jahren, aber auch dies hatte sich mit der Zeit von
mir entfernt und losgelöst, verwelkte Jahre lagen zwischen hier und
dort.
Zögernd trat ich den Heimweg an, schlug den Mantelkragen hoch und stieß
den Stock aufs nasse Pflaster. Mochte ich den Weg noch so langsam
zurücklegen, allzubald würde ich wieder in meiner Mansarde sitzen, in
meiner kleinen Scheinheimat, die ich nicht liebte und doch nicht
entbehren konnte, denn die Zeit war für mich vorüber, wo ich eine
winterliche Regennacht laufend im Freien verbringen konnte. Nun, in
Gottes Namen, ich wollte mir die gute Abendlaune nicht verderben lassen,
nicht vom Regen, nicht von der Gicht, nicht von der Araukarie, und wenn
kein Kammerorchester zu haben und auch kein einsamer Freund mit einer
Violine zu finden war, so klang jene holde Melodie doch in mir innen,
und ich konnte sie, leise summend im rhythmischen Atemholen, doch
andeutend mir selber vorspielen. Sinnend schritt ich weiter. Nein, es
ging auch ohne die Kammermusik und ohne den Freund, und es war
lächerlich, sich in machtlosem Verlangen nach Wärme zu verzehren.
Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht und mir
erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still,
wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne
sich drehen.
Aus einem Tanzlokal, an dem ich vorüberkam, scholl mir, heiß und roh wie
der Dampf von rohem Fleisch, eine heftige Jazzmusik entgegen. Ich blieb
einen Augenblick stehen; immer hatte diese Art von Musik, so sehr ich
sie verabscheute, einen heimlichen Reiz für mich. Jazz war mir zuwider,
aber sie war mir zehnmal lieber als alle akademische Musik von heute,
sie traf mit ihrer frohen rohen Wildheit auch bei mir tief in die
Triebwelt und atmete eine naive redliche Sinnlichkeit.
Ich stand einen Augenblick schnuppernd, roch an der blutigen grellen
Musik, witterte böse und lüstern die Atmosphäre dieser Säle. Die eine
Hälfte dieser Musik, die lyrische, war schmalzig, überzuckert und troff
von Sentimentalität, die andre Hälfte war wild, launisch und kraftvoll,
und doch gingen beide Hälften naiv und friedlich zusammen und gaben ein
Ganzes. Untergangsmusik war es, im Rom der letzten Kaiser mußte es
ähnliche Musik gegeben haben. Natürlich war sie, mit Bach und Mozart und
wirklicher Musik verglichen, eine Schweinerei – aber das war all unsre
Kunst, all unser Denken, all unsre Scheinkultur, sobald man sie mit
wirklicher Kultur verglich. Und diese Musik hatte den Vorzug einer
großen Aufrichtigkeit, einer liebenswerten unverlogenen Negerhaftigkeit
und einer frohen, kindlichen Laune. Sie hatte etwas vom Neger und etwas
vom Amerikaner, der uns Europäern in all seiner Stärke so knabenhaft
frisch und kindlich erscheint. Würde Europa auch so werden? War es schon
auf dem Weg dazu? Waren wir alten Kenner und Verehrer des einstigen
Europa, der einstigen echten Musik, der ehemaligen echten Dichtung,
waren wir bloß eine kleine dumme Minorität von komplizierten
Neurotikern, die morgen vergessen und verlacht würden? War das, was wir
„Kultur“, was wir Geist, was wir Seele, was wir schön, was wir heilig
nannten, war das bloß ein Gespenst, schon lange tot und nur von uns paar
Narren noch für echt und lebendig gehalten? War es vielleicht überhaupt
nie echt und lebendig gewesen? War das, worum wir Narren uns mühten,
schon immer vielleicht nur ein Phantom gewesen?
Das alte Stadtviertel nahm mich auf, erloschen und unwirklich stand im
Grau die kleine Kirche. Plötzlich fiel mir das Erlebnis vom Abend wieder
ein, mit der rätselhaften Spitzbogentür, mit der rätselhaften Tafel
darüber, mit den spöttisch tanzenden Lichtbuchstaben. Wie hatten ihre
Inschriften gelautet? „Eintritt nicht für jedermann.“ Und: „Nur für
Verrückte.“ Prüfend blickte ich zu der alten Mauer hinüber, heimlich
wünschend, der Zauber möge wieder beginnen, die Inschrift mich
Verrückten einladen, das kleine Tor mich einlassen. Dort vielleicht war
das, was ich begehrte, dort vielleicht würde meine Musik gespielt?
Gelassen sah die dunkle steinerne Wand mich an, in tiefer Dämmerung,
zugeschlossen, tief in ihren Traum versunken. Und nirgends ein Tor,
nirgends ein Spitzbogen, nur dunkle, stille Mauer ohne Loch. Lächelnd
ging ich weiter, nickte dem Gemäuer freundlich zu. „Schlaf wohl, Mauer,
ich wecke dich nicht. Die Zeit wird kommen, da sie dich einreißen oder
dich mit ihren habgierigen Firmenschildern bekleben, aber noch bist du
da, noch bist du schön und still und bist mir lieb.“
Aus einer schwarzen Gassenschlucht dicht vor mir gespien erschreckte
mich ein Mensch, ein einsamer später Heimkehrer mit müdem Schritt, eine
Mütze auf dem Kopf, mit einer blauen Bluse angetan, über die Schulter
trug er eine Stange mit einem Plakat, vor dem Bauche trug er am Riemen
eine offene Lade, wie sie die Verkäufer an Jahrmärkten tragen. Müde
schritt er vor mir her, sah sich nicht nach mir um, sonst hätte ich ihn
gegrüßt und ihm eine Zigarre geschenkt. Im Licht der nächsten Laterne
versuchte ich seine Standarte zu lesen, sein rotes Plakat an der Stange,
aber es schwankte hin und her, ich konnte nichts entziffern. Da rief ich
ihn an und bat ihn, mir das Plakat zu zeigen. Er blieb stehen und hielt
seine Stange etwas gerader, da konnte ich tanzende, taumelnde Buchstaben
lesen:
Anarchistische Abendunterhaltung!
Magisches Theater!
Eintritt nicht für jed...
„Sie habe ich ja gesucht“, rief ich freudig. „Was ist das mit Ihrer
Abendunterhaltung? Wo ist sie? Wann?“
Er lief schon wieder.
„Nicht für jedermann“, sagte er gleichgültig, mit schläfriger Stimme,
und lief. Er hatte genug, er wollte heim.
„Halt“, rief ich und lief ihm nach. „Was haben Sie da in Ihrem Kasten?
Ich will Ihnen etwas abkaufen.“
Ohne anzuhalten, griff der Mann in seinen Kasten, mechanisch, zog ein
kleines Büchlein heraus und hielt es mir hin. Ich nahm es schnell und
steckte es ein. Während ich an meinem Mantel knöpfte und Geld
hervorsuchen wollte, bog er seitwärts in einen Torweg, zog das Tor
hinter sich zu und war verschwunden. Im Hof klangen seine schweren
Schritte, auf Steinpflaster erst, dann auf einer hölzernen Treppe, dann
hörte ich nichts mehr. Und plötzlich war auch ich sehr müde und hatte
das Gefühl, es sei sehr spät und es sei gut, jetzt heimzukommen. Ich
lief rascher und war bald durch die schlafende Vorstadtgasse in meine
Gegend zwischen den Wallanlagen gelangt, wo in kleinen saubern
Miethäusern hinter etwas Rasen und Efeu die Beamten und kleinen Rentner
wohnen. Am Efeu, am Rasen, an der kleinen Tanne vorbei erreichte ich die
Haustür, fand das Schlüsselloch, fand den Drücker für das Licht, schlich
an den Glastüren, an den polierten Schränken und Topfpflanzen vorüber
und schloß meine Stube auf, meine kleine Scheinheimat, wo der Lehnstuhl
und der Ofen, das Tintenfaß und die Malschachtel, der Novalis und der
Dostojewski auf mich warteten, so, wie auf andere, auf richtige
Menschen, wenn sie heimkommen, die Mutter oder Frau, die Kinder, die
Mägde, die Hunde, die Katzen warten.
Als ich den nassen Mantel auszog, fiel das kleine Buch mir wieder in die
Hände. Ich zog es heraus, es war ein dünnes, schlecht auf schlechtem
Papier gedrucktes Jahrmarktsbüchlein, so wie jene Hefte „Der Mensch im
Januar geboren“ oder „Wie werde ich in acht Tagen um zwanzig Jahre
jünger?“
Aber als ich mich in den Lehnstuhl genistet und die Lesebrille
aufgesetzt hatte, las ich mit Verwunderung und plötzlich aufschießendem
Schicksalsgefühl auf dem Umschlag dieses Jahrmarktheftes den Titel:
„Traktat vom Steppenwolf. Nicht für jedermann.“
Und folgendes war der Inhalt der Schrift, die ich mit stets wachsender
Spannung in einem Zuge las:
Tractat
vom
Steppenwolf
Nur
für
Verrückte
Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging
auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich
war er doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt,
was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich
kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und
seinem Leben zufrieden zu sein. Dies konnte er nicht, er war ein
unzufriedener Mensch. Das kam wahrscheinlich daher, daß er im Grunde
seines Herzens jederzeit wußte (oder zu wissen glaubte), daß er
eigentlich gar kein Mensch, sondern ein Wolf aus der Steppe sei. Es
mögen sich kluge Menschen darüber streiten, ob er nun wirklich ein
Wolf war, ob er einmal, vielleicht schon vor seiner Geburt, aus
einem Wolf in einen Menschen verzaubert worden war oder ob er als
Mensch geboren, aber mit der Seele eines Steppenwolfes begabt und
von ihr besessen war oder aber ob dieser Glaube, daß er eigentlich
ein Wolf sei, bloß eine Einbildung oder Krankheit von ihm war. Zum
Beispiel wäre es ja möglich, daß dieser Mensch etwa in seiner
Kindheit wild und unbändig und unordentlich war, daß seine Erzieher
versucht hatten, die Bestie in ihm totzukriegen, und ihm gerade
dadurch die Einbildung und den Glauben schufen, daß er in der Tat
eigentlich eine Bestie sei, nur mit einem dünnen Überzug von
Erziehung und Menschentum darüber. Man könnte hierüber lang und
unterhaltend sprechen und sogar Bücher darüber schreiben; dem
Steppenwolf aber wäre damit nicht gedient, denn für ihn war es ganz
einerlei, ob der Wolf in ihn hineingehext oder -geprügelt oder aber
nur eine Einbildung seiner Seele sei. Was andre darüber denken
mochten und auch was er selbst darüber denken mochte, das war für
ihn nichts wert, das holte den Wolf doch nicht aus ihm heraus.
Der Steppenwolf hatte also zwei Naturen, eine menschliche und eine
wölfische, dies war sein Schicksal, und es mag wohl sein, daß dies
Schicksal kein so besonderes und seltenes war. Es sollen schon viele
Menschen gesehen worden sein, welche viel vom Hund oder vom Fuchs,
vom Fisch oder von der Schlange in sich hatten, ohne daß sie darum
besondre Schwierigkeiten gehabt hätten. Bei diesen Menschen lebte
eben der Mensch und der Fuchs, der Mensch und der Fisch
nebeneinander her, und keiner tat dem andern weh, einer half sogar
dem andern, und in manchem Manne, der es weit gebracht hat und
beneidet wird, war es mehr der Fuchs oder Affe als der Mensch, der
sein Glück gemacht hat. Dies ist ja jedermann bekannt. Bei Harry
hingegen war es anders, in ihm liefen Mensch und Wolf nicht
nebeneinander her, und noch viel weniger halfen sie einander,
sondern sie lagen in ständiger Todfeindschaft gegeneinander, und
einer lebte dem andern lediglich zu Leide, und wenn Zwei in Einem
Blut und Einer Seele miteinander todfeind sind, dann ist das ein
übles Leben. Nun, jeder hat sein Los, und leicht ist keines.
Bei unsrem Steppenwolfe nun war es so, daß er in seinem Gefühl zwar
bald als Wolf, bald als Mensch lebte, wie es bei allen Mischwesen
der Fall ist, daß aber, wenn er Wolf war, der Mensch in ihm stets
zuschauend, urteilend und richtend auf der Lauer lag – und in den
Zeiten, wo er Mensch war, tat der Wolf ebenso. Zum Beispiel, wenn
Harry als Mensch einen schönen Gedanken hatte, eine feine, edle
Empfindung fühlte oder eine sogenannte gute Tat verrichtete, dann
bleckte der Wolf in ihm die Zähne und lachte und zeigte ihm mit
blutigem Hohn, wie lächerlich dieses ganze edle Theater einem
Steppentier zu Gesicht stehe, einem Wolf, der ja in seinem Herzen
ganz genau darüber Bescheid wußte, was ihm behage, nämlich einsam
durch Steppen zu traben, zuzeiten Blut zu saufen oder eine Wölfin zu
jagen, – und, vom Wolf aus gesehen, wurde dann jede menschliche
Handlung schauerlich komisch und verlegen, dumm und eitel. Aber ganz
ebenso war es, wenn Harry sich als Wolf fühlte und benahm, wenn er
andern die Zähne zeigte, wenn er Haß und Todfeindschaft gegen alle
Menschen und ihre verlogenen und entarteten Manieren und Sitten
fühlte. Dann nämlich lag das Menschenteil in ihm auf der Lauer,
beobachtete den Wolf, nannte ihn Vieh und Bestie und verdarb und
vergällte ihm alle Freude an seinem einfachen, gesunden und wilden
Wolfswesen.
So war dies mit dem Steppenwolf beschaffen, und man kann sich
vorstellen, daß Harry nicht gerade ein angenehmes und glückliches
Leben hatte. Doch soll damit nicht gesagt sein, daß er in ganz
besonderem Grade unglücklich gewesen sei (obwohl es ihm selber
allerdings so erschien, wie denn jeder Mensch die ihm zufallenden
Leiden für die größten hält). Man sollte das von keinem Menschen
sagen. Auch wer keinen Wolf in sich hat, braucht darum nicht
glücklich zu sein. Und auch das unglücklichste Leben hat seine
Sonnenstunden und seine kleinen Glücksblumen zwischen dem Sand und
Gestein. So war es denn auch bei dem Steppenwolf. Er war meistens
sehr unglücklich, das ist nicht zu leugnen, und unglücklich konnte
er auch andre machen, nämlich wenn er sie liebte und sie ihn. Denn
alle, die ihn lieb gewannen, sahen immer nur die eine Seite in ihm.
Manche liebten ihn als einen feinen, klugen und eigenartigen
Menschen und waren dann entsetzt und enttäuscht, wenn sie plötzlich
den Wolf in ihm entdecken mußten. Und das mußten sie, denn Harry
wollte, wie jedes Wesen, als Ganzes geliebt werden und konnte darum
gerade vor denen, an deren Liebe ihm viel gelegen war, den Wolf
nicht verbergen und weglügen. Es gab aber auch solche, die gerade
den Wolf in ihm liebten, gerade das Freie, Wilde, Unzähmbare,
Gefährliche und Starke, und diesen wieder war es dann
außerordentlich enttäuschend und jämmerlich, wenn plötzlich der
wilde, böse Wolf auch noch ein Mensch war, auch noch Sehnsucht nach
Güte und Zartheit in sich hatte, auch noch Mozart hören, Verse lesen
und Menschheitsideale haben wollte. Gerade diese waren meistens
besonders enttäuscht und böse, und so brachte der Steppenwolf seine
eigene Doppeltheit und Zwiespältigkeit auch in alle fremden
Schicksale hinein, die er berührte.
Wer nun aber meint, den Steppenwolf zu kennen und sein klägliches,
zerrissenes Leben sich vorstellen zu können, der ist dennoch im
Irrtum, er weiß noch lange nicht alles. Er weiß nicht, daß es (wie
keine Regel ohne Ausnahme und wie ein einziger Sünder unter
Umständen Gott lieber ist als neunundneunzig Gerechte) – daß es bei
Harry immerhin auch Ausnahmen und Glücksfälle gab, daß er zuweilen
den Wolf, zuweilen den Menschen auch rein und ungestört in sich
atmen, denken und fühlen konnte, ja, daß beide manchmal, in sehr
seltenen Stunden, Frieden schlossen und einander zu Liebe lebten, so
daß nicht bloß der eine schlief, während der andre wachte, sondern
beide einander stärkten und jeder den andern verdoppelte. Auch im
Leben dieses Mannes schien, wie überall in der Welt, zuweilen alles
Gewohnte, Alltägliche, Erkannte und Regelmäßige bloß den Zweck zu
haben, hie und da eine sekundenkurze Pause zu erleben, durchbrochen
zu werden und dem Außerordentlichen, dem Wunder, der Gnade Platz zu
machen. Ob nun diese kurzen, seltenen Glücksstunden das schlimme Los
des Steppenwolfes ausglichen und milderten, so daß Glück und Leid
sich schließlich die Wage hielten, oder ob vielleicht sogar das
kurze, aber starke Glück jener wenigen Stunden alles Leid aufsog und
ein Plus ergab, das ist nun wieder eine Frage, über welche müßige
Leute nach Belieben brüten mögen. Auch der Wolf brütete oft darüber,
und das waren seine müßigen und unnützen Tage.
Hierzu muß eines noch gesagt werden. Es gibt ziemlich viele Menschen
von ähnlicher Art, wie Harry einer war, viele Künstler namentlich
gehören dieser Art an. Diese Menschen haben alle zwei Seelen, zwei
Wesen in sich, in ihnen ist Göttliches und Teuflisches, ist
mütterliches und väterliches Blut, ist Glücksfähigkeit und
Leidensfähigkeit ebenso feindlich und verworren neben- und
ineinander vorhanden, wie Wolf und Mensch in Harry es waren. Und
diese Menschen, deren Leben ein sehr unruhiges ist, erleben zuweilen
in ihren seltenen Glücksaugenblicken so Starkes und unnennbar
Schönes, der Schaum des Augenblicksglückes spritzt zuweilen so hoch
und blendend über das Meer des Leides hinaus, daß dies kurze
aufleuchtende Glück ausstrahlend auch andere berührt und bezaubert.
So entstehen, als kostbarer flüchtiger Glücksschaum über dem Meer
des Leides, alle jene Kunstwerke, in welchen ein einzelner leidender
Mensch sich für eine Stunde so hoch über sein eigenes Schicksal
erhob, daß sein Glück wie ein Stern strahlt und allen denen, die es
sehen, wie etwas Ewiges und wie ihr eigener Glückstraum erscheint.
Alle diese Menschen, mögen ihre Taten und Werke heißen wie sie
wollen, haben eigentlich überhaupt kein Leben, das heißt, ihr Leben
ist kein Sein, hat keine Gestalt, sie sind nicht Helden oder
Künstler oder Denker in der Art, wie andere Richter, Ärzte,
Schuhmacher oder Lehrer sind, sondern ihr Leben ist eine ewige,
leidvolle Bewegung und Brandung, ist unglücklich und schmerzvoll
zerrissen und ist schauerlich und sinnlos, sobald man den Sinn nicht
in ebenjenen seltenen Erlebnissen, Taten, Gedanken und Werken zu
sehen bereit ist, die über dem Chaos eines solchen Lebens
aufstrahlen. Unter den Menschen dieser Art ist der gefährliche und
schreckliche Gedanke entstanden, daß vielleicht das ganze
Menschenleben nur ein arger Irrtum, eine heftige und mißglückte
Fehlgeburt der Urmutter, ein wilder und grausig fehlgeschlagener
Versuch der Natur sei. Unter ihnen ist aber auch der andere Gedanke
entstanden, daß der Mensch vielleicht nicht bloß ein halbwegs
vernünftiges Tier, sondern ein Götterkind und zur Unsterblichkeit
bestimmt sei.
Jede Menschenart hat ihre Kennzeichen, ihre Signaturen, jede hat
ihre Tugenden und Laster, jede ihre Todsünde. Es gehörte zu den
Zeichen des Steppenwolfes, daß er ein Abendmensch war. Der Morgen
war für ihn eine schlimme Tageszeit, die er fürchtete und die ihm
niemals Gutes gebracht hat. Nie ist er an irgendeinem Morgen seines
Lebens richtig froh gewesen, nie hat er in den Stunden vor Mittag
Gutes getan, gute Einfälle gehabt, sich und anderen Freude bereiten
können. Erst im Laufe des Nachmittags wurde er langsam warm und
lebendig, und erst gegen Abend wurde er, an seinen guten Tagen,
fruchtbar, regsam und zuweilen glühend und freudig. Damit hing auch
sein Bedürfnis nach Einsamkeit und nach Unabhängigkeit zusammen. Nie
hat ein Mensch ein tieferes, leidenschaftlicheres Bedürfnis nach
Unabhängigkeit gehabt als er. In seiner Jugendzeit, als er noch arm
war und Mühe hatte, sein Brot zu verdienen, zog er es vor, zu
hungern und in zerrissenen Kleidern zu gehen, nur um dafür ein
Stückchen Unabhängigkeit zu retten. Er hat sich nie für Geld und
Wohlleben, nie an Frauen oder an Mächtige verkauft und hat
hundertmal das, was in aller Welt Augen sein Vorteil und Glück war,
weggeworfen und ausgeschlagen, um dafür seine Freiheit zu bewahren.
Keine Vorstellung war ihm verhaßter und grauenhafter als die, daß er
ein Amt ausüben, eine Tages- und Jahreseinteilung innehalten,
anderen gehorchen müßte. Ein Bureau, eine Kanzlei, eine Amtsstube,
das war ihm verhaßt wie der Tod, und das Entsetzlichste, was er im
Traum erleben konnte, war die Gefangenschaft in einer Kaserne. All
diesen Verhältnissen wußte er sich zu entziehen, oft unter großen
Opfern. Hierin lag seine Stärke und Tugend, hier war er unbeugsam
und unbestechlich, hier war sein Charakter fest und gradlinig.
Allein mit dieser Tugend hing wieder sein Leid und Schicksal aufs
engste zusammen. Es ging ihm, wie es allen ergeht: was er, aus einem
innersten Trieb seines Wesens, aufs hartnäckigste suchte und
anstrebte, das ward ihm zuteil, aber mehr als für Menschen gut ist.
Es wurde anfänglich sein Traum und Glück, dann sein bittres
Schicksal. Der Machtmensch geht an der Macht zugrunde, der
Geldmensch am Geld, der Unterwürfige am Dienen, der Lustsucher an
der Lust. Und so ging der Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit
zugrunde. Er erreichte sein Ziel, er wurde immer unabhängiger,
niemand hatte ihm zu befehlen, nach niemandem hatte er sich zu
richten, frei und allein bestimmte er über sein Tun und Lassen. Denn
jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb
ihn suchen heißt. Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry
plötzlich wahr, daß seine Freiheit ein Tod war, daß er allein stand,
daß die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, daß die
Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst sich nicht, daß er
in einer immer dünner und dünner werdenden Luft von
Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte. Denn nun
stand es so, daß Alleinsein und Unabhängigkeit nicht mehr sein
Wunsch und Ziel war, sondern sein Los, seine Verurteilung, daß der
Zauberwunsch getan und nicht mehr zurückzunehmen war, daß es nichts
mehr half, wenn er voll Sehnsucht und guten Willens die Arme
ausstreckte und zu Bindung und Gemeinsamkeit bereit war: man ließ
ihn jetzt allein. Dabei war er nicht etwa verhaßt und den Menschen
zuwider. Im Gegenteil, er hatte sehr viele Freunde. Viele hatten ihn
gern. Aber es war immer nur Sympathie und Freundlichkeit, was er
fand, man lud ihn ein, man beschenkte ihn, schrieb ihm nette Briefe,
aber nahe an ihn heran kam niemand, Bindung entstand nirgends, sein
Leben zu teilen war niemand gewillt und fähig. Es umgab ihn jetzt
die Luft der Einsamen, eine stille Atmosphäre, ein Weggleiten der
Umwelt, eine Unfähigkeit zu Beziehungen, gegen welche kein Wille und
keine Sehnsucht etwas vermochte. Dies war eins der wichtigen
Kennzeichen seines Lebens.
Ein anderes war, daß er zu den Selbstmördern gehörte. Hier muß
gesagt werden, daß es falsch ist, wenn man nur jene Menschen
Selbstmörder nennt, welche sich wirklich umbringen. Unter diesen
sind sogar viele, die nur gewissermaßen aus Zufall Selbstmörder
werden, zu deren Wesen das Selbstmördertum nicht notwendig gehört.
Unter den Menschen ohne Persönlichkeit, ohne starke Prägung, ohne
starkes Schicksal, unter den Dutzend- und Herdenmenschen sind
manche, die durch Selbstmord umkommen, ohne darum in ihrer ganzen
Signatur und Prägung dem Typus der Selbstmörder anzugehören, während
wiederum von jenen, welche dem Wesen nach zu den Selbstmördern
zählen, sehr viele, vielleicht die meisten, niemals tatsächlich Hand
an sich legen. Der „Selbstmörder“ – und Harry war einer – braucht
nicht notwendig in einem besonders starken Verhältnis zum Tode zu
leben – dies kann man tun, auch ohne Selbstmörder zu sein. Aber dem
Selbstmörder ist es eigentümlich, daß er sein Ich, einerlei, ob mit
Recht oder Unrecht, als einen besonders gefährlichen, zweifelhaften
und gefährdeten Keim der Natur empfindet, daß er sich stets
außerordentlich exponiert und gefährdet vorkommt, so, als stünde er
auf allerschmalster Felsenspitze, wo ein kleiner Stoß von außen oder
eine winzige Schwäche von innen genügt, um ihn ins Leere fallen zu
lassen. Diese Art von Menschen ist in ihrer Schicksalslinie dadurch
gekennzeichnet, daß der Selbstmord für sie die wahrscheinlichste
Todesart ist, wenigstens in ihrer eigenen Vorstellung. Voraussetzung
dieser Stimmung, welche fast immer schon in früher Jugend sichtbar
wird und diese Menschen ihr Leben lang begleitet, ist nicht etwa
eine besonders schwache Lebenskraft, man findet im Gegenteil unter
den „Selbstmördern“ außerordentlich zähe, begehrliche und auch kühne
Naturen. Aber so wie es Naturen gibt, die bei der kleinsten
Erkrankung zu Fieber neigen, so neigen diese Naturen, die wir
„Selbstmörder“ heißen und die stets sehr empfindlich und sensibel
sind, bei der kleinsten Erschütterung dazu, sich intensiv der
Vorstellung des Selbstmordes hinzugeben. Hätten wir eine
Wissenschaft, die den Mut und die Verantwortungskraft besäße, sich
mit dem Menschen zu beschäftigen, statt bloß mit den Mechanismen der
Lebenserscheinungen, hätten wir etwas wie eine Anthropologie, etwas
wie eine Psychologie, so wären diese Tatsachen jedem bekannt.
Was wir hier über die Selbstmörder sagten, bezieht sich alles
selbstverständlich nur auf die Oberfläche, es ist Psychologie, also
ein Stück Physik. Metaphysisch betrachtet sieht die Sache anders und
viel klarer aus, denn bei solcher Betrachtung stellen die
„Selbstmörder“ sich uns dar als die vom Schuldgefühl der
Individuation Betroffenen, als jene Seelen, welchen nicht mehr die
Vollendung und Ausgestaltung ihrer selbst als Lebensziel erscheint,
sondern ihre Auflösung, zurück zur Mutter, zurück zu Gott, zurück
ins All. Von diesen Naturen sind sehr viele vollkommen unfähig,
jemals den realen Selbstmord zu begehen, weil sie dessen Sünde tief
erkannt haben. Für uns sind sie dennoch Selbstmörder, denn sie sehen
im Tod, nicht im Leben den Erlöser, sie sind bereit, sich
wegzuwerfen und hinzugeben, auszulöschen und zum Anfang
zurückzukehren.
Wie jede Kraft auch zu einer Schwäche werden kann (ja unter
Umständen werden _muß_), so kann umgekehrt der typische Selbstmörder
aus seiner anscheinenden Schwäche oft eine Kraft und eine Stütze
machen, ja er tut dies außerordentlich häufig. Zu diesen Fällen
gehört auch der Harrys, des Steppenwolfes. Wie Tausende von
seinesgleichen, machte er aus der Vorstellung, daß ihm zu jeder
Stunde der Weg in den Tod offenstehe, nicht bloß ein
jugendlich-melancholisches Phantasiespiel, sondern baute sich aus
ebendiesem Gedanken einen Trost und eine Stütze. Zwar rief in ihm,
wie in allen Menschen seiner Art, jede Erschütterung, jeder Schmerz,
jede üble Lebenslage sofort den Wunsch wach, sich durch den Tod zu
entziehen. Allmählich aber schuf er sich aus dieser Neigung gerade
eine dem Leben dienliche Philosophie. Die Vertrautheit mit dem
Gedanken, daß jener Notausgang beständig offen stehe, gab ihm Kraft,
machte ihn neugierig auf das Auskosten von Schmerzen und üblen
Zuständen, und wenn es ihm recht elend ging, konnte er zuweilen mit
grimmiger Freude, einer Art Schadenfreude, empfinden: „Ich bin doch
neugierig zu sehen, wie viel eigentlich ein Mensch auszuhalten
vermag! Ist die Grenze des noch Erträglichen erreicht, dann brauche
ich ja bloß die Tür zu öffnen und bin entronnen.“ Es gibt sehr viele
Selbstmörder, denen aus diesem Gedanken ungewöhnliche Kräfte kommen.
Andrerseits ist allen Selbstmördern auch der Kampf gegen die
Versuchung zum Selbstmord vertraut. Jeder weiß, in irgendeinem
Winkel seiner Seele, recht wohl, daß Selbstmord zwar ein Ausweg,
aber doch nur ein etwas schäbiger und illegitimer Notausgang ist,
daß es im Grunde edler und schöner ist, sich vom Leben selbst
besiegen und hinstrecken zu lassen als von der eigenen Hand. Dies
Wissen, dies schlechte Gewissen, dessen Quelle dieselbe ist wie etwa
für das böse Gewissen der sogenannten Selbstbefriediger, veranlaßt
die meisten „Selbstmörder“ zu einem dauernden Kampf gegen ihre
Versuchung. Sie kämpfen, wie der Kleptomane gegen sein Laster
kämpft. Auch dem Steppenwolf war dieser Kampf wohl bekannt, mit
vielerlei wechselnden Waffen hatte er ihn gestritten. Schließlich
kam er, im Alter von etwa siebenundvierzig Jahren, auf einen
glücklichen und nicht humorlosen Einfall, der ihm oft Freude machte.
Er setzte seinen fünfzigsten Geburtstag als den Tag fest, an welchem
er sich den Selbstmord erlauben wolle. An diesem Tag, so vereinbarte
er mit sich selber, sollte es ihm freistehen, den Notausgang zu
benützen oder nicht, je nach der Laune des Tages. Mochte ihm nun
geschehen was da wollte, mochte er krank werden, verarmen, Leid und
Bitternis erfahren – alles war befristet, alles konnte
allerhöchstens nur diese wenigen Jahre, Monate, Tage andauern, deren
Zahl täglich kleiner wurde! Und in der Tat ertrug er manches
Ungemach jetzt viel leichter, das ihn früher tiefer und länger
gequält, ja vielleicht bis zur Wurzel erschüttert hätte. Wenn es ihm
aus irgendwelchem Grunde besonders schlecht ging, wenn zur Verödung,
Vereinsamung und Verwilderung seines Lebens noch besondere Schmerzen
oder Verluste hinzukamen, dann konnte er zu den Schmerzen sagen:
„Wartet nur, noch zwei Jahre, dann bin ich euer Herr!“ Und dann
vertiefte er sich mit Liebe in die Vorstellung, wie an seinem
fünfzigsten Geburtstag morgens die Briefe und Gratulationen ankommen
würden, während er, seines Rasiermessers sicher, Abschied von allen
Schmerzen nahm und die Tür hinter sich zuzog. Dann konnte die Gicht
in den Knochen, dann konnten Schwermut, Kopfschmerz und Magenweh
sehen, wo sie blieben.
* * * * *
Es erübrigt noch, das Einzelphänomen des Steppenwolfes, und
namentlich sein eigentümliches Verhältnis zum Bürgertum, dadurch zu
erklären, daß wir diese Erscheinungen auf ihre Grundgesetze
zurückführen. Nehmen wir, da dies sich von selbst anbietet,
ebenjenes sein Verhältnis zum „Bürgerlichen“ zum Ausgangspunkt!
Der Steppenwolf stand, seiner eigenen Auffassung zufolge, gänzlich
außerhalb der bürgerlichen Welt, da er weder Familienleben noch
sozialen Ehrgeiz kannte. Er fühlte sich durchaus als Einzelnen, als
Sonderling bald und krankhaften Einsiedler, bald auch als
übernormal, als ein geniemäßig veranlagtes, über die kleinen Normen
des Durchschnittslebens erhabenes Individuum. Mit Bewußtsein
verachtete er den Bourgeois und war stolz darauf, keiner zu sein.
Dennoch lebte er in mancher Hinsicht ganz und gar bürgerlich, er
hatte Geld auf der Bank und unterstützte arme Verwandte, er kleidete
sich zwar sorglos, doch anständig und unauffällig, er suchte mit der
Polizei, dem Steueramt und ähnlichen Mächten in gutem Frieden zu
leben. Außerdem aber zog ihn eine starke, heimliche Sehnsucht
beständig zur bürgerlichen Kleinwelt, zu den stillen, anständigen
Familienhäusern mit sauberen Gärtchen, blankgehaltnem Treppenhaus
und ihrer ganzen bescheidenen Atmosphäre von Ordnung und
Wohlanständigkeit. Es gefiel ihm, seine kleinen Laster und
Extravaganzen zu haben, sich als außerbürgerlich, als Sonderling
oder Genie zu fühlen, doch hauste und lebte er, um es so
auszudrücken, niemals in den Provinzen des Lebens, wo keine
Bürgerlichkeit mehr existiert. Er war weder in der Luft der Gewalt-
und Ausnahmemenschen zuhause noch bei den Verbrechern oder
Entrechteten, sondern blieb immer in der Provinz der Bürger wohnen,
zu deren Gewohnheiten, zu deren Norm und Atmosphäre er stets in
Beziehung stand, sei es auch in der des Gegensatzes und der Revolte.
Außerdem war er in kleinbürgerlicher Erziehung aufgewachsen und
hatte von dorther eine Menge von Begriffen und Schablonen
beibehalten. Er hatte theoretisch nicht das mindeste gegen das
Dirnentum, wäre aber unfähig gewesen, persönlich eine Dirne ernst zu
nehmen und wirklich als seinesgleichen zu betrachten. Den
politischen Verbrecher, den Revolutionär oder den geistigen
Verführer, den Staat und Gesellschaft ächteten, vermochte er als
seinen Bruder zu lieben, aber mit einem Dieb, Einbrecher, Lustmörder
hätte er nichts anzufangen gewußt, als sie auf eine ziemlich
bürgerliche Art zu bedauern.
Auf diese Weise anerkannte und bejahte er stets mit der einen Hälfte
seines Wesens und Tuns das, was er mit der andern bekämpfte und
verneinte. In einem kultivierten Bürgerhause aufgewachsen, in fester
Form und Sitte, war er mit einem Teil seiner Seele stets an den
Ordnungen dieser Welt hängengeblieben, auch nachdem er sich längst
über das im Bürgerlichen mögliche Maß hinaus individualisiert und
sich vom Inhalt bürgerlichen Ideals und Glaubens längst befreit
hatte.
Das „Bürgerliche“ nun, als ein stets vorhandener Zustand des
Menschlichen, ist nichts andres als der Versuch eines Ausgleiches,
als das Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen den
zahllosen Extremen und Gegensatzpaaren menschlichen Verhaltens.
Nehmen wir irgendeines dieser Gegensatzpaare als Beispiel, etwa das
des Heiligen und des Wüstlings, so wird unser Gleichnis alsbald
verständlich werden. Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und
gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche, hinzugeben,
dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich
ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben
und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu
richten. Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes,
zur Selbstaufgabe an Gott. Der andre Weg führt zum Wüstling, zum
Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung. Zwischen
beiden nun versucht in temperierter Mitte der Bürger zu leben. Nie
wird er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der
Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen
– im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des
Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil,
Unbedingtheit ist ihm unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber
auch dem Rausche, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein
bißchen gut und bequem auf Erden haben. Kurz, er versucht es, in der
Mitte zwischen den Extremen sich anzusiedeln, in einer gemäßigten
und bekömmlichen Zone ohne heftige Stürme und Gewitter, und dies
gelingt ihm auch, jedoch auf Kosten jener Lebens- und
Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes
Leben verleiht. Intensiv leben kann man nur auf Kosten des Ichs. Der
Bürger nun schätzt nichts höher als das Ich (ein nur rudimentär
entwickeltes Ich allerdings). Auf Kosten der Intensität also
erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet
er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit,
statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur. Der Bürger ist
deshalb seinem Wesen nach ein Geschöpf von schwachem Lebensantrieb,
ängstlich, jede Preisgabe seiner selbst fürchtend, leicht zu
regieren. Er hat darum an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an
Stelle der Gewalt das Gesetz, an Stelle der Verantwortung das
Abstimmungsverfahren.
Es ist klar, daß dies schwache und ängstliche Wesen, existierte es
auch in noch so großer Anzahl, sich nicht halten kann, daß es
vermöge seiner Eigenschaften in der Welt keine andre Rolle spielen
könnte als die einer Lämmerherde zwischen freischweifenden Wölfen.
Dennoch sehen wir, daß zwar in Zeiten des Regiments sehr starker
Naturen der Bürger sofort an die Wand gedrückt wird, daß er aber
niemals untergeht, zuzeiten sogar anscheinend die Welt beherrscht.
Wie ist das möglich? Weder die große Zahl seiner Herde, noch die
Tugend, noch der _common sense_, noch die Organisation wären stark
genug, ihn vor dem Untergang zu retten. Wessen Lebensintensität von
vornherein so sehr geschwächt ist, den kann keine Medizin der Welt
am Leben erhalten. Und dennoch lebt das Bürgertum, ist stark und
gedeiht. – Warum?
Die Antwort lautet: Wegen der Steppenwölfe. In der Tat beruht die
vitale Kraft des Bürgertums keineswegs auf den Eigenschaften seiner
normalen Mitglieder, sondern auf denen der außerordentlich
zahlreichen _outsiders_, die es infolge der Verschwommenheit und
Dehnbarkeit seiner Ideale mit zu umschließen vermag. Es lebt im
Bürgertum stets eine große Menge von starken und wilden Naturen mit.
Unser Steppenwolf Harry ist ein charakteristisches Beispiel. Er, der
weit über das dem Bürger mögliche Maß hinaus zum Individuum
entwickelt ist, er, der die Wonne der Meditation ebenso wie die
düstern Freuden des Hasses und Selbsthasses kennt, er, der das
Gesetz, die Tugend und den _common sense_ verachtet, ist dennoch ein
Zwangshäftling des Bürgertums und kann ihm nicht entrinnen. Und so
lagern um die eigentliche Masse des echten Bürgertums weite
Schichten der Menschheit, viele Tausende von Leben und
Intelligenzen, deren jede dem Bürgertum zwar entwachsen und für ein
Leben im Unbedingten berufen wäre, deren jede aber, durch infantile
Gefühle der Bürgerlichkeit anhängend und von ihrer Schwächung der
Lebensintensität ein Stück weit angesteckt, dennoch irgendwie im
Bürgertum verharrt, ihm irgendwie hörig, verpflichtet und dienstbar
bleibt. Denn dem Bürgertum gilt der umgekehrte Grundsatz der Großen:
Wer nicht wider mich ist, der ist für mich!
Prüfen wir daraufhin die Seele des Steppenwolfes, so stellt er sich
dar als ein Mensch, den schon sein hoher Grad von Individuation zum
Nichtbürger bestimmt – denn alle hochgetriebene Individuation kehrt
sich gegen das Ich und neigt wieder zu dessen Zerstörung. Wir sehen,
daß er sowohl nach dem Heiligen wie nach dem Wüstling hin starke
Antriebe in sich hat, jedoch aus irgendeiner Schwächung oder
Trägheit heraus den Schwung in den freien wilden Weltraum nicht
nehmen konnte und an das schwere mütterliche Gestirn des Bürgertums
gebannt bleibt. Dies ist seine Lage im Raum der Welt, dies seine
Gebundenheit. Die allermeisten Intellektuellen, der größte Teil der
Künstlermenschen gehört demselben Typus an. Nur die stärksten von
ihnen durchstoßen die Atmosphäre der Bürgererde und gelangen ins
Kosmische, die andern alle resignieren oder schließen Kompromisse,
verachten das Bürgertum und gehören ihm dennoch an und stärken und
verherrlichen es, indem sie letzten Endes es bejahen müssen, um noch
leben zu können. Es reicht diesen zahllosen Existenzen nicht zur
Tragik, wohl aber zu einem recht ansehnlichen Mißgeschick und
Unstern, in dessen Hölle ihre Talente gar gekocht und fruchtbar
werden. Die wenigen, die sich losreißen, finden ins Unbedingte und
gehen auf bewundernswerte Weise unter, sie sind die Tragischen, ihre
Zahl ist klein. Den andern aber, den Gebundenbleibenden, deren
Talenten oft das Bürgertum große Ehren zollt, ihnen steht ein
drittes Reich offen, eine imaginäre, aber souveräne Welt: der Humor.
Die friedlosen Steppenwölfe, diese beständig und furchtbar
Leidenden, denen die zur Tragik, zum Durchbruch in den Sternenraum
erforderliche Wucht versagt ist, die sich zum Unbedingten berufen
fühlen und doch in ihm nicht zu leben vermögen: ihnen bietet sich,
wenn ihr Geist im Leiden stark und elastisch geworden ist, der
versöhnliche Ausweg in den Humor. Der Humor bleibt stets irgendwie
bürgerlich, obwohl der echte Bürger unfähig ist, ihn zu verstehen.
In seiner imaginären Sphäre wird das verzwickte, vielspältige Ideal
aller Steppenwölfe verwirklicht: hier ist es möglich, nicht nur
gleichzeitig den Heiligen und den Wüstling zu bejahen, die Pole
zueinander zu biegen, sondern auch noch den Bürger in die Bejahung
einzubeziehen. Es ist ja dem Gottbesessenen sehr wohl möglich, den
Verbrecher zu bejahen, und ebenso umgekehrt, ihnen beiden aber, und
allen anderen Unbedingten, ist es unmöglich, auch noch jene neutrale
laue Mitte, das Bürgerliche, zu bejahen. Einzig der Humor, die
herrliche Erfindung der in ihrer Berufung zum Größten Gehemmten, der
beinahe Tragischen, der höchstbegabten Unglücklichen, einzig der
Humor (vielleicht die eigenste und genialste Leistung des
Menschentums) vollbringt dies Unmögliche, überzieht und vereinigt
alle Bezirke des Menschenwesens mit den Strahlungen seiner Prismen.
In der Welt zu leben, als sei es nicht die Welt, das Gesetz zu
achten und doch über ihm zu stehen, zu besitzen, „als besäße man
nicht“, zu verzichten, als sei es kein Verzicht – alle diese
beliebten und oft formulierten Forderungen einer hohen
Lebensweisheit ist einzig der Humor zu verwirklichen fähig.
Und falls es dem Steppenwolf, dem es an Gaben und Ansätzen dazu
nicht fehlt, in der schwülen Wirrnis seiner Hölle noch gelingen
sollte, diesen Zaubertrank auszukochen, auszuschwitzen, dann wäre er
gerettet. Noch fehlt ihm dazu vieles. Die Möglichkeit aber, die
Hoffnung ist vorhanden. Wer ihn liebt, wer an ihm Teil nimmt, mag
ihm diese Rettung wünschen. Er würde dadurch zwar für immer im
Bürgerlichen verharren bleiben, aber seine Leiden wären erträglich,
würden fruchtbar. Sein Verhältnis zur Bürgerwelt, in Liebe und Haß,
würde die Sentimentalität verlieren, und sein Gebundensein an diese
Welt würde aufhören, ihn beständig als Schande zu quälen.
Um dies zu erreichen, oder um vielleicht am Ende doch noch den
Sprung ins Weltall wagen zu können, müßte solch ein Steppenwolf
einmal sich selbst gegenübergestellt werden, müßte tief in das Chaos
der eigenen Seele blicken und zum vollen Bewußtsein seiner selbst
kommen. Seine fragwürdige Existenz würde sich ihm alsdann in ihrer
ganzen Unabänderlichkeit enthüllen, und es würde ihm fernerhin
unmöglich werden, sich immer wieder aus der Hölle seiner Triebe in
sentimental-philosophische Tröstungen und aus diesen wieder in den
blinden Rausch seines Wolftums hinüberzuflüchten. Mensch und Wolf
würden genötigt sein, einander ohne fälschende Gefühlsmasken zu
erkennen, einander nackt in die Augen zu sehen. Dann würden sie
entweder explodieren und für immer auseinandergehen, so daß es
keinen Steppenwolf mehr gäbe, oder sie würden unter dem aufgehenden
Licht des Humors eine Vernunftehe schließen.
Möglich, daß Harry eines Tages vor diese letzte Möglichkeit geführt
wird. Möglich, daß er eines Tages sich erkennen lernt, sei es, daß
er einen unsrer kleinen Spiegel in die Hand bekomme, sei es, daß er
den Unsterblichen begegne oder vielleicht in einem unsrer magischen
Theater dasjenige finde, wessen er zur Befreiung seiner
verwahrlosten Seele bedarf. Tausend solche Möglichkeiten warten auf
ihn, sein Schicksal zieht sie unwiderstehlich an, alle diese
Außenseiter des Bürgertums leben in der Atmosphäre dieser magischen
Möglichkeiten. Ein Nichts genügt, und der Blitz schlägt ein.
Und dies alles ist dem Steppenwolf, auch wenn er niemals diesen
Abriß seiner innern Biographie zu Gesicht bekommt, sehr wohl
bekannt. Er ahnt seine Stellung im Weltgebäude, er ahnt und kennt
die Unsterblichen, er ahnt und fürchtet die Möglichkeit einer
Selbstbegegnung, er weiß vom Vorhandensein jenes Spiegels, in den zu
blicken er so bitter nötig hätte, in den zu blicken er sich so
tödlich fürchtet.
* * * * *
Zum Schluß unsrer Studie bleibt noch eine letzte Fiktion, eine
grundsätzliche Täuschung aufzulösen. Alle „Erklärungen“, alle
Psychologie, alle Versuche des Verstehens bedürfen ja der
Hilfsmittel, der Theorien, der Mythologien, der Lügen; und ein
anständiger Autor sollte es nicht unterlassen, am Schluß einer
Darstellung diese Lügen nach Möglichkeit aufzulösen. Wenn ich sage
„Oben“ oder „Unten“, so ist das ja schon eine Behauptung, welche
Erklärung fordert, denn ein Oben und Unten gibt es nur im Denken,
nur in der Abstraktion. Die Welt selbst kennt kein Oben noch Unten.
So ist denn auch, um es kurz zu sagen, der „Steppenwolf“ eine
Fiktion. Wenn Harry sich selbst als Wolfsmenschen empfindet und aus
zwei feindlichen und gegensätzlichen Wesen zu bestehen meint, so ist
das lediglich eine vereinfachende Mythologie. Harry ist gar kein
Wolfsmensch, und wenn wir seine, von ihm selbst erfundene und
geglaubte Lüge scheinbar unbesehen mit übernahmen und ihn
tatsächlich als Doppelwesen, als Steppenwolf zu betrachten und zu
deuten suchten, so machten wir uns in der Hoffnung auf leichteres
Verstandenwerden eine Täuschung zunutze, deren Richtigstellung jetzt
versucht werden soll.
Die Zweiteilung in Wolf und Mensch, in Trieb und Geist, durch welche
Harry sich sein Schicksal verständlicher zu machen sucht, ist eine
sehr grobe Vereinfachung, eine Vergewaltigung des Wirklichen
zugunsten einer plausiblen, aber irrigen Erklärung der Widersprüche,
welche dieser Mensch in sich vorfindet und die ihm die Quelle seiner
nicht geringen Leiden zu sein scheinen. Harry findet in sich einen
„Menschen“, das heißt eine Welt von Gedanken, Gefühlen, von Kultur,
von gezähmter und sublimierter Natur, und er findet daneben in sich
auch noch einen „Wolf“, das heißt eine dunkle Welt von Trieben, von
Wildheit, Grausamkeit, von nicht sublimierter, roher Natur. Trotz
dieser scheinbar so klaren Einteilung seines Wesens in zwei Sphären,
die einander feindlich sind, hat er es aber je und je erlebt, daß
Wolf und Mensch sich für eine Weile, für einen glücklichen
Augenblick miteinander vertrugen. Wollte Harry in jedem einzelnen
Moment seines Lebens, in jeder seiner Taten, in jeder seiner
Empfindungen festzustellen versuchen, welchen Anteil daran der
Mensch, welchen Anteil der Wolf habe, so käme er sofort in die
Klemme, und seine ganze hübsche Wolftheorie ginge in die Brüche.
Denn kein einziger Mensch, auch nicht der primitive Neger, auch
nicht der Idiot, ist so angenehm einfach, daß sein Wesen sich als
die Summe von nur zweien oder dreien Hauptelementen erklären ließe;
und gar einen so sehr differenzierten Menschen wie Harry mit der
naiven Einteilung in Wolf und Mensch zu erklären, ist ein
hoffnungslos kindlicher Versuch. Harry besteht nicht aus zwei Wesen,
sondern aus hundert, aus tausenden. Sein Leben schwingt (wie jedes
Menschen Leben) nicht bloß zwischen zwei Polen, etwa dem Trieb und
dem Geist, oder dem Heiligen und dem Wüstling, sondern es schwingt
zwischen tausenden, zwischen unzählbaren Polpaaren.
Daß ein so unterrichteter und kluger Mensch wie Harry sich für einen
„Steppenwolf“ halten kann, daß er das reiche und komplizierte
Gebilde seines Lebens in einer so schlichten, so brutalen, so
primitiven Formel glaubt unterbringen zu können, darf uns nicht in
Verwunderung setzen. Der Mensch ist des Denkens nicht in hohem Maße
fähig, und auch noch der geistigste und gebildetste Mensch sieht die
Welt und sich selbst beständig durch die Brille sehr naiver,
vereinfachender und umlügender Formeln an – am meisten aber sich
selbst! Denn es ist ein, wie es scheint, eingeborenes und völlig
zwanghaft wirkendes Bedürfnis aller Menschen, daß jeder sein Ich als
eine Einheit sich vorstelle. Mag dieser Wahn noch so oft, noch so
schwer erschüttert werden, er heilt stets wieder zusammen. Der
Richter, der dem Mörder gegenübersitzt und in sein Auge sieht und
einen Augenblick lang den Mörder mit seiner eigenen (des Richters)
Stimme reden hört und alle seine Regungen, Fähigkeiten,
Möglichkeiten auch in seinem eigenen Innern vorfindet, er ist schon
im nächsten Augenblick wieder Eins, ist Richter, schnellt in die
Schale seines eingebildeten Ichs zurück, tut seine Pflicht und
verurteilt den Mörder zum Tode. Und wenn in besonders begabten und
zart organisierten Menschenseelen die Ahnung ihrer Vielspältigkeit
aufdämmert, wenn sie, wie jedes Genie, den Wahn der
Persönlichkeitseinheit durchbrechen und sich als mehrteilig, als ein
Bündel aus vielen Ichs empfinden, so brauchen sie das nur zu äußern,
und alsbald sperrt die Majorität sie ein, ruft die Wissenschaft zu
Hilfe, konstatiert Schizophrenie und beschützt die Menschheit davor,
aus dem Munde dieser Unglücklichen einen Ruf der Wahrheit vernehmen
zu müssen. Nun, wozu hier Worte verlieren, wozu Dinge aussprechen,
welche zu wissen sich für jeden Denkenden von selbst versteht,
welche zu äußern jedoch nicht Sitte ist? – Wenn nun also ein Mensch
schon dazu vorschreitet, die eingebildete Einheit des Ichs zur
Zweiheit auszudehnen, so ist er schon beinahe ein Genie, jedenfalls
aber eine seltene und interessante Ausnahme. In Wirklichkeit aber
ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine
höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternhimmel, ein Chaos von
Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.
Daß jeder einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt
ist und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, fest
geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem Menschen (auch
dem höchsten) geläufige Täuschung scheint eine Notwendigkeit zu
sein, eine Forderung des Lebens wie Atemholen und Essen.
Die Täuschung beruht auf einer einfachen Übertragung. Als Körper ist
jeder Mensch eins, als Seele nie. Auch in der Dichtung, selbst in
der raffiniertesten, wird herkömmlicherweise stets mit scheinbar
ganzen, scheinbar einheitlichen Personen operiert. An der bisherigen
Dichtung schätzen die Fachleute, die Kenner am höchsten das Drama,
und mit Recht, denn es bietet (oder böte) die größte Möglichkeit zur
Darstellung des Ichs als einer Vielheit – wenn dem nicht der grobe
Augenschein widerspräche, der uns jede einzelne Person eines Dramas,
da sie in einem unweigerlich einmaligen, einheitlichen,
abgeschlossenen Körper steckt, als Einheit vortäuscht. Am höchsten
schätzt denn auch die naive Ästhetik das sogenannte Charakterdrama,
in dem jede Figur recht kenntlich und abgesondert als Einheit
auftritt. Nur von ferne erst und allmählich dämmert die Ahnung in
einzelnen, daß das vielleicht alles eine billige Oberflächenästhetik
ist, daß wir irren, wenn wir auf unsre großen Dramatiker die
herrlichen, uns aber nicht eingeborenen, sondern bloß
aufgeschwatzten Schönheitsbegriffe der Antike anwenden, welche,
überall vom sichtbaren Leibe ausgehend, recht eigentlich die Fiktion
vom Ich, von der Person, erfunden hat. In den Dichtungen des alten
Indien ist dieser Begriff ganz unbekannt, die Helden der indischen
Epen sind nicht Personen, sondern Personenknäuel,
Inkarnationsreihen. Und in unsrer modernen Welt gibt es Dichtungen,
in denen hinter dem Schleier des Personen- und Charakterspiels, dem
Autor wohl kaum ganz bewußt, eine Seelenvielfalt darzustellen
versucht wird. Wer dies erkennen will, der muß sich entschließen,
einmal die Figuren einer solchen Dichtung nicht als Einzelwesen
anzusehen, sondern als Teile, als Seiten, als verschiedene Aspekte
einer höhern Einheit (meinetwegen der Dichterseele). Wer etwa den
Faust auf diese Art betrachtet, für den wird aus Faust, Mephisto,
Wagner und allen andern eine Einheit, eine Überperson, und erst in
dieser höhern Einheit, nicht in den Einzelfiguren, ist etwas vom
wahren Wesen der Seele angedeutet. Wenn Faust den unter den
Schullehrern berühmten, vom Philister mit Schauer bewunderten Spruch
sagt: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“ dann vergißt er
den Mephisto und eine ganze Menge andrer Seelen, die er ebenfalls in
seiner Brust hat. Auch unser Steppenwolf glaubt ja, zwei Seelen
(Wolf und Mensch) in seiner Brust zu tragen und findet seine Brust
dadurch schon arg beengt. Die Brust, der Leib, ist eben immer eines,
der darin wohnenden Seelen aber sind nicht zwei, oder fünf, sondern
unzählige; der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende
Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe. Erkannt und genau
gewußt haben dies die alten Asiaten, und im buddhistischen Yoga ist
eine genaue Technik dafür erfunden, den Wahn der Persönlichkeit zu
entlarven. Lustig und vielfältig ist das Spiel der Menschheit: der
Wahn, zu dessen Entlarvung Indien tausend Jahre lang sich so sehr
angestrengt hat, ist derselbe, zu dessen Stützung und Stärkung der
Okzident sich ebenso viele Mühe gegeben hat.
Betrachten wir von diesem Standpunkt aus den Steppenwolf, so wird
uns klar, warum er so sehr unter seiner lächerlichen Zweiheit
leidet. Er glaubt, wie Faust, daß zwei Seelen für eine einzige Brust
schon zu viel seien und die Brust zerreißen müßten. Sie sind aber im
Gegenteil viel zu wenig, und Harry vergewaltigt seine arme Seele
furchtbar, wenn er sie in einem so primitiven Bilde zu begreifen
sucht. Harry verfährt, obwohl er ein hochgebildeter Mensch ist, etwa
wie ein Wilder, der nicht über zwei hinaus zählen kann. Er nennt ein
Stück von sich Mensch, ein andres Wolf, und damit glaubt er schon am
Ende zu sein und sich erschöpft zu haben. In den „Menschen“ packt er
alles Geistige, Sublimierte oder doch Kultivierte hinein, das er in
sich vorfindet, und in den Wolf alles Triebhafte, Wilde und
Chaotische. Aber so simpel wie in unsern Gedanken, so grob wie in
unsrer armen Idiotensprache geht es im Leben nicht zu, und Harry
belügt sich doppelt, wenn er diese negerhafte Wolfsmethode anwendet.
Harry rechnet, so fürchten wir, ganze Provinzen seiner Seele schon
zum „Menschen“, die noch lange nicht Mensch sind, und rechnet Teile
seines Wesens zum Wolfe, die längst über den Wolf hinaus sind.
Wie alle Menschen, so glaubt auch Harry recht wohl zu wissen, was
der Mensch sei, und weiß es doch durchaus nicht, obschon er es, in
Träumen und anderen schwer kontrollierbaren Bewußtseinszuständen,
nicht selten ahnt. Möchte er diese Ahnungen nicht vergessen, möchte
er sie sich doch möglichst zu eigen machen! Der Mensch ist ja keine
feste und dauernde Gestaltung (dies war, trotz entgegengesetzter
Ahnungen ihrer Weisen, das Ideal der Antike), er ist vielmehr ein
Versuch und Übergang, er ist nichts andres als die schmale,
gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist. Nach dem Geiste hin, zu
Gott hin treibt ihn die innerste Bestimmung – nach der Natur, zur
Mutter zurück zieht ihn die innigste Sehnsucht: zwischen beiden
Mächten schwankt angstvoll bebend sein Leben. Was die Menschen
jeweils unter dem Begriff „Mensch“ verstehen, ist stets nur eine
vergängliche bürgerliche Übereinkunft. Gewisse roheste Triebe werden
von dieser Konvention abgelehnt und verpönt, ein Stück Bewußtsein,
Gesittung und Entbestialisierung wird verlangt, ein klein wenig
Geist ist nicht nur erlaubt, sondern wird sogar gefordert. Der
„Mensch“ dieser Konvention ist, wie jedes Bürgerideal, ein
Kompromiß, ein schüchterner und naivschlauer Versuch, sowohl die
böse Urmutter Natur wie den lästigen Urvater Geist um ihre heftigen
Forderungen zu prellen und in lauer Mitte zwischen ihnen zu wohnen.
Darum erlaubt und duldet der Bürger das, was er „Persönlichkeit“
nennt, liefert die Persönlichkeit aber gleichzeitig jenem Moloch
„Staat“ aus und spielt beständig die beiden gegeneinander aus. Darum
verbrennt der Bürger heute den als Ketzer, hängt den als Verbrecher,
dem er übermorgen Denkmäler setzt.
Daß der „Mensch“ nicht schon Erschaffenes sei, sondern eine
Forderung des Geistes, eine ferne, ebenso ersehnte wie gefürchtete
Möglichkeit, und daß der Weg dahin immer nur ein kleines Stückchen
weit und unter furchtbaren Qualen und Ekstasen zurückgelegt wird,
eben von jenen seltenen Einzelnen, denen heute das Schafott, morgen
das Ehrendenkmal bereitet wird – dies Ahnen lebt auch im
Steppenwolf. Was er aber, im Gegensatz zu seinem „Wolf“, in sich
„Mensch“ nennt, das ist zum großen Teil nichts andres als eben jener
mediokre „Mensch“ der Bürgerkonvention. Den Weg zum wahren Menschen,
den Weg zu den Unsterblichen kann Harry zwar recht wohl ahnen, geht
ihn auch hie und da ein winziges, zögerndes Stückchen weit und
bezahlt das mit schweren Leiden, mit schmerzlicher Vereinsamung.
Aber jene höchste Forderung, jene echte, vom Geist gesuchte
Menschwerdung zu bejahen und anzustreben, den einzigen schmalen Weg
zur Unsterblichkeit zu gehen, davor scheut er sich doch in tiefster
Seele. Er fühlt recht wohl: das führt zu noch größeren Leiden, zur
Ächtung, zum letzten Verzicht, vielleicht zum Schafott, – und wenn
auch am Ende dieses Weges Unsterblichkeit lockt, so ist er doch
nicht gewillt, all diese Leiden zu leiden, alle diese Tode zu
sterben. Obwohl ihm vom Ziel der Menschwerdung mehr bewußt ist als
den Bürgern, macht er doch die Augen zu und will nicht wissen, daß
das verzweifelte Hängen am Ich, das verzweifelte Nichtsterbenwollen
der sicherste Weg zum ewigen Tode ist, während Sterbenkönnen,
Hüllenabstreifen, ewige Hingabe des Ichs an die Wandlung zur
Unsterblichkeit führt. Wenn er seine Lieblinge unter den
Unsterblichen anbetet, etwa Mozart, so sieht er ihn letzten Endes
doch immer noch mit Bürgeraugen an und ist geneigt, Mozarts
Vollendung recht wie ein Schullehrer bloß aus seiner hohen
Spezialistenbegabung zu erklären, statt aus der Größe seiner Hingabe
und Leidensbereitschaft, seiner Gleichgültigkeit gegen die Ideale
der Bürger und dem Erdulden jener äußersten Vereinsamung, die um den
Leidenden, den Menschwerdenden alle Bürgeratmosphäre zu eisigem
Weltäther verdünnt, jener Vereinsamung im Garten Gethsemane.
Immerhin hat unser Steppenwolf wenigstens die faustische Zweiheit in
sich entdeckt, er hat herausgefunden, daß der Einheit seines Leibes
nicht eine Seeleneinheit innewohnt, sondern daß er bestenfalls nur
auf dem Wege, in langer Pilgerschaft zum Ideal dieser Harmonie
begriffen ist. Er möchte entweder den Wolf in sich überwinden und
ganz Mensch werden oder aber auf den Menschen verzichten und
wenigstens als Wolf ein einheitliches, unzerrissenes Leben leben.
Vermutlich hat er nie einen wirklichen Wolf genau beobachtet – er
hätte dann vielleicht gesehen, daß auch die Tiere keine einheitliche
Seele haben, daß auch bei ihnen hinter der schönen straffen Form des
Leibes eine Vielfalt von Strebungen und Zuständen wohnt, daß auch
der Wolf Abgründe in sich hat, daß auch der Wolf leidet. Nein, mit
dem „Zurück zur Natur!“ geht der Mensch stets einen leidvollen und
hoffnungslosen Irrweg. Harry kann niemals wieder ganz zum Wolfe
werden, und würde er es, so sähe er, daß auch der Wolf wieder nichts
Einfaches und Anfängliches ist, sondern schon etwas sehr Vielfaches
und Kompliziertes. Auch der Wolf hat zwei und mehr als zwei Seelen
in seiner Wolfsbrust, und wer ein Wolf zu sein begehrt, begeht
dieselbe Vergeßlichkeit wie der Mann mit jenem Liede: „O selig, ein
Kind noch zu sein!“ Der sympathische, aber sentimentale Mann, der
das Lied vom seligen Kinde singt, möchte ebenfalls zur Natur, zur
Unschuld, zu den Anfängen zurück und hat ganz vergessen, daß die
Kinder keineswegs selig sind, daß sie vieler Konflikte, daß sie
vieler Zwiespältigkeiten, daß sie aller Leiden fähig sind.
Zurück führt überhaupt kein Weg, nicht zum Wolf, noch zum Kinde. Am
Anfang der Dinge ist nicht Unschuld und Einfalt; alles Erschaffene,
auch das scheinbar Einfachste, ist schon schuldig, ist schon
vielspältig, ist in den schmutzigen Strom des Werdens geworfen und
kann nie mehr, nie mehr stromaufwärts schwimmen. Der Weg in die
Unschuld, ins Unerschaffene, zu Gott führt nicht zurück, sondern
vorwärts, nicht zum Wolf oder Kind, sondern immer weiter in die
Schuld, immer tiefer in die Menschwerdung hinein. Auch mit dem
Selbstmord wird dir, armer Steppenwolf, nicht ernstlich gedient
sein, du wirst schon den längeren, den mühevolleren und schwereren
Weg der Menschwerdung gehen, du wirst deine Zweiheit noch oft
vervielfachen, deine Kompliziertheit noch viel weiter komplizieren
müssen. Statt deine Welt zu verengern, deine Seele zu vereinfachen,
wirst du immer mehr Welt, wirst schließlich die ganze Welt in deine
schmerzlich erweiterte Seele aufnehmen müssen, um vielleicht einmal
zum Ende, zur Ruhe zu kommen. Diesen Weg ist Buddha, ist jeder große
Mensch gegangen, der eine wissend, der andre unbewußt, soweit ihm
eben das Wagnis glückte. Jede Geburt bedeutet Trennung vom All,
bedeutet Umgrenzung, Absonderung von Gott, leidvolle Neuwerdung.
Rückkehr ins All, Aufhebung der leidvollen Individuation, Gottwerden
bedeutet: seine Seele so erweitert haben, daß sie das All wieder zu
umfassen vermag.
Es ist hier nicht die Rede vom Menschen, den die Schule, die
Nationalökonomie, die Statistik kennt, nicht vom Menschen, wie er zu
Millionen auf den Straßen herumläuft und von dem nichts andres zu
halten ist als vom Sand am Meer oder von den Spritzern einer
Brandung: es kommt auf ein paar Millionen mehr oder weniger nicht
an, sie sind Material, sonst nichts. Nein, wir sprechen hier vom
Menschen im hohen Sinn, vom Ziel des langen Weges der Menschwerdung,
vom königlichen Menschen, von den Unsterblichen. Das Genie ist nicht
so selten, wie es uns oft scheinen will, ist freilich auch nicht so
häufig, wie die Literatur- und Weltgeschichten oder gar die
Zeitungen meinen. Der Steppenwolf Harry, so scheint es uns, wäre
Genie genug, um das Wagnis der Menschwerdung zu versuchen, statt
sich bei jeder Schwierigkeit wehleidig auf seinen dummen Steppenwolf
hinauszureden.
Daß Menschen von solchen Möglichkeiten sich mit Steppenwölfen und
„zwei Seelen, ach!“ behelfen, ist ebenso verwunderlich und
betrübend, wie daß sie so oft jene feige Liebe zum Bürgerlichen
haben. Ein Mensch, der fähig ist, Buddha zu begreifen, ein Mensch,
der eine Ahnung hat von den Himmeln und Abgründen des Menschentums,
sollte nicht in einer Welt leben, in welcher _common sense_,
Demokratie und bürgerliche Bildung herrschen. Nur aus Feigheit lebt
er in ihr, und wenn seine Dimensionen ihn bedrängen, wenn die enge
Bürgerstube ihm zu eng wird, dann schiebt er es dem „Wolf“ in die
Schuhe und will nicht wissen, daß der Wolf zuzeiten sein bestes Teil
ist. Er nennt alles Wilde in sich Wolf und empfindet es als böse,
als gefährlich, als Bürgerschreck – aber er, der doch ein Künstler
zu sein und zarte Sinne zu haben glaubt, vermag nicht zu sehen, daß
außer dem Wolf, hinter dem Wolf, noch viel andres in ihm lebt, daß
nicht alles Wolf ist, was beißt, daß da auch noch Fuchs, Drache,
Tiger, Affe und Paradiesvogel wohnen. Und daß diese ganze Welt,
dieser ganze Paradiesgarten von holden und schrecklichen, großen und
kleinen, starken und zarten Gestaltungen erdrückt und
gefangengehalten wird von dem Wolfmärchen, ebenso wie der wahre
Mensch in ihm vom Scheinmenschen, vom Bürger, erdrückt und
gefangengehalten wird.
Man stelle sich einen Garten vor, mit hunderterlei Bäumen, mit
tausenderlei Blumen, hunderterlei Obst, hunderterlei Kräutern. Wenn
nun der Gärtner dieses Gartens keine andre botanische Unterscheidung
kennt als „eßbar“ und „Unkraut“, dann wird er mit neun Zehnteln
seines Gartens nichts anzufangen wissen, er wird die zauberhaftesten
Blumen ausreißen, die edelsten Bäume abhauen oder wird sie doch
hassen und scheel ansehen. So macht es der Steppenwolf mit den
tausend Blumen seiner Seele. Was nicht in die Rubriken „Mensch“ oder
„Wolf“ paßt, das sieht er gar nicht. Und was zählt er nicht alles
zum „Menschen“! Alles Feige, alles Affenhafte, alles Dumme und
Kleinliche, wenn es nur nicht gerade wölfisch ist, zählt er zum
„Menschen“, ebenso wie er alles Starke und Edle, nur weil es ihm
noch nicht gelang, seiner Herr zu werden, dem Wölfischen zuschreibt.
Wir nehmen Abschied von Harry, wir lassen ihn seinen Weg allein
weitergehen. Wäre er schon bei den Unsterblichen, wäre er schon
dort, wohin sein schwerer Weg zu zielen scheint, wie würde er diesem
Hin und Her, diesem wilden, unentschloßnen Zickzack seiner Bahn
verwundert zuschauen, wie würde er diesem Steppenwolf ermunternd,
tadelnd, mitleidig, belustigt zulächeln!
Als ich zu Ende gelesen hatte, fiel mir ein, daß ich vor einigen Wochen
einmal in der Nacht ein etwas sonderbares Gedicht aufgeschrieben hatte,
das ebenfalls vom Steppenwolf handelte. Ich suchte danach im
Papiergestöber meines vollgestopften Schreibtisches, fand es und las:
Ich Steppenwolf trabe und trabe,
die Welt liegt voll Schnee,
vom Birkenbaum flügelt der Rabe,
aber nirgends ein Hase, nirgends ein Reh!
In die Rehe bin ich so verliebt,
wenn ich doch eins fände!
Ich nähm’s in die Zähne, in die Hände,
das ist das Schönste, was es gibt.
Ich wäre der Holden so von Herzen gut,
fräße mich tief in ihre zärtlichen Keulen,
tränke mich satt an ihrem hellroten Blut,
um nachher die ganze Nacht einsam zu heulen.
Sogar mit einem Hasen wär’ ich zufrieden,
süß schmeckt sein warmes Fleisch in der Nacht –
ach, ist denn alles von mir geschieden,
was das Leben ein bißchen fröhlicher macht?
An meinem Schwanz ist das Haar schon grau,
auch kann ich nicht mehr ganz deutlich sehen,
schon vor Jahren starb meine liebe Frau.
Und nun trab’ ich und träume von Rehen,
trabe und träume von Hasen,
höre den Wind in der Winternacht blasen,
tränke mit Schnee meine brennende Kehle,
trage dem Teufel zu meine arme Seele.
Da hatte ich nun zwei Bildnisse von mir in Händen, das eine ein
Selbstbildnis in Knittelversen, traurig und angstvoll wie ich selbst,
das andre kühl und mit dem Anschein hoher Objektivität gezeichnet, von
einem Außenstehenden, von außen und von oben gesehen, geschrieben von
einem, der mehr und doch auch weniger wußte als ich selbst. Und diese
beiden Bildnisse zusammen, mein schwermütig stammelndes Gedicht und die
kluge Studie von unbekannter Hand, taten mir beide weh, hatten beide
recht, zeichneten beide ungeschminkt meine trostlose Existenz, zeigten
beide deutlich die Unerträglichkeit und Unhaltbarkeit meines Zustandes.
Dieser Steppenwolf mußte sterben, er mußte mit eigener Hand seinem
verhaßten Dasein ein Ende machen – oder er mußte, geschmolzen im
Todesfeuer einer erneuten Selbstschau, sich wandeln, seine Maske
abreißen und eine neue Ichwerdung begehen. Ach, dieser Vorgang war mir
nicht neu und unbekannt, ich kannte ihn, ich hatte ihn mehrmals schon
erlebt, jedesmal in Zeiten der äußersten Verzweiflung. Jedesmal war bei
diesem schwer aufwühlenden Erlebnis mein jeweiliges Ich in Scherben
zerbrochen, jedesmal hatten Mächte der Tiefe es aufgerüttelt und
zerstört, jedesmal war dabei ein gehegtes und besonders geliebtes Stück
meines Lebens mir untreu geworden und verlorengegangen. Das eine Mal
hatte ich meinen bürgerlichen Ruf samt meinem Vermögen verloren und
hatte lernen müssen, auf die Achtung derer zu verzichten, die bisher vor
mir den Hut gezogen hatten. Das andre Mal war über Nacht mein
Familienleben zusammengebrochen; meine geisteskrank gewordene Frau hatte
mich aus Haus und Behagen vertrieben, Liebe und Vertrauen hatte sich
plötzlich in Haß und tödlichen Kampf verwandelt, mitleidig und
verächtlich blickten die Nachbarn mir nach. Damals hatte meine
Vereinsamung ihren Anfang genommen. Und wieder um Jahre, um schwere
bittere Jahre später, nachdem ich mir in strenger Einsamkeit und
mühsamer Selbstzucht ein neues, asketisch-geistiges Leben und Ideal
gebaut und wieder eine gewisse Stille und Höhe des Lebens erreicht
hatte, hingegeben an abstrakte Denkübung und an streng geregelte
Meditation, da war auch diese Lebensgestaltung wieder zusammengebrochen
und hatte ihren edlen hohen Sinn mit einemmal verloren; auf wilden
anstrengenden Reisen riß es mich aufs neue durch die Welt, neue Leiden
türmten sich und neue Schuld. Und jedesmal war dem Abreißen einer Maske,
dem Zusammenbruch eines Ideals diese grausige Leere und Stille
vorangegangen, diese tödliche Einschnürung, Vereinsamung und
Beziehungslosigkeit, diese leere öde Hölle der Lieblosigkeit und
Verzweiflung, wie ich sie auch jetzt wieder zu durchwandern hatte.
Bei jeder solchen Erschütterung meines Lebens hatte ich am Ende irgend
etwas gewonnen, das war nicht zu leugnen, etwas an Freiheit, an Geist,
an Tiefe, aber auch an Einsamkeit, an Unverstandensein, an Erkältung.
Von der bürgerlichen Seite her gesehen war mein Leben, von jeder solchen
Erschütterung zur andern, ein beständiger Abstieg, eine immer größere
Entfernung vom Normalen, Erlaubten, Gesunden gewesen. Ich war im Lauf
der Jahre beruflos, familienlos, heimatlos geworden, stand außerhalb
aller sozialen Gruppen, allein, von niemand geliebt, von vielen
beargwöhnt, in ständigem, bitterm Konflikt mit der öffentlichen Meinung
und Moral, und wenn ich auch noch im bürgerlichen Rahmen lebte, war ich
doch inmitten dieser Welt mit meinem ganzen Fühlen und Denken ein
Fremder. Religion, Vaterland, Familie, Staat waren mir entwertet und
gingen mich nichts mehr an, die Wichtigtuerei der Wissenschaft, der
Zünfte, der Künste ekelte mich an; meine Anschauungen, mein Geschmack,
mein ganzes Denken, mit dem ich einst als ein begabter und beliebter
Mann geglänzt hatte, war jetzt verwahrlost und verwildert und den Leuten
verdächtig. Mochte ich bei all meinen so schmerzlichen Wandlungen irgend
etwas Unsichtbares und Unwägbares gewonnen haben – ich hatte es teuer
bezahlen müssen, und von Mal zu Mal war mein Leben härter, schwieriger,
einsamer, gefährdeter geworden. Wahrlich, ich hatte keinen Grund, eine
Fortsetzung dieses Weges zu wünschen, der mich in immer dünnere Lüfte
führte, jenem Rauche in Nietzsches Herbstlied gleich.
Ach ja, ich kannte diese Erlebnisse, diese Wandlungen, die das Schicksal
seinen Sorgenkindern, seinen heikelsten Kindern bestimmt hat, allzu gut
kannte ich sie. Ich kannte sie, wie ein ehrgeiziger, aber erfolgloser
Jäger die Etappen einer Jagdunternehmung, wie ein alter Börsenspieler
die Etappen der Spekulation, des Gewinns, des Unsicherwerdens, des
Wankens, des Bankerotts kennen mag. Sollte ich all dies nun wirklich
noch einmal durchleben? All diese Qual, all diese irre Not, all diese
Einblicke in die Niedrigkeit und Wertlosigkeit des eigenen Ich, all
diese furchtbare Angst vor dem Erliegen, all diese Todesfurcht? War es
nicht klüger und einfacher, die Wiederholung so vieler Leiden zu
verhüten, sich aus dem Staube zu machen? Gewiß, es war einfacher und
klüger. Mochte nun das, was in dem Steppenwolfbüchlein über die
„Selbstmörder“ behauptet wurde, sich so oder anders verhalten, niemand
konnte mir das Vergnügen verwehren, mir mit Hilfe von Kohlengas,
Rasiermesser oder Pistole die Wiederholung eines Prozesses zu ersparen,
dessen bittere Schmerzlichkeit ich nun wahrlich oft und tief genug hatte
auskosten müssen. Nein, bei allen Teufeln, es gab keine Macht in der
Welt, die von mir verlangen konnte, nochmals eine Selbstbegegnung mit
ihren Todesschauern und nochmals eine Neugestaltung, eine neue
Inkarnation durchzumachen, deren Ziel und Ende ja nicht Friede und Ruhe
war, sondern nur immer neue Selbstvernichtung, immer neue
Selbstgestaltung! Mochte der Selbstmord dumm, feig und schäbig, mochte
er ein unrühmlicher und schmachvoller Notausgang sein – aus dieser Mühle
der Leiden war jeder, auch der schmählichste Ausgang innig zu wünschen,
hier gab es kein Theater des Edelmuts und Heroismus mehr, hier war ich
vor die einfache Wahl gestellt zwischen einem kleinen, flüchtigen
Schmerz und einem unausdenklich brennenden, endlosen Leid. Oft genug in
meinem so schwierigen, so verrückten Leben war ich der edle Don
Quichotte gewesen, hatte die Ehre dem Behagen und den Heroismus der
Vernunft vorgezogen. Genug und Schluß damit!
Der Morgen gähnte schon durch die Scheiben, der bleierne, verdammte
Morgen eines Winterregentages, als ich endlich zu Bette kam. Ins Bett
nahm ich meinen Entschluß mit. Ganz zu äußerst aber, an der letzten
Grenze des Bewußtseins im Augenblick des Einschlafens, blitzte
sekundenschnell jene merkwürdige Stelle des Steppenwolfbüchleins vor mir
auf, wo von den „Unsterblichen“ die Rede war, und damit verband sich die
aufzuckende Erinnerung daran, daß ich manche Male und erst noch ganz vor
kurzem mich den Unsterblichen nah genug gefühlt hatte, um in einem Takt
alter Musik die ganze kühle, helle, hart lächelnde Weisheit der
Unsterblichen mitzukosten. Das tauchte auf, glänzte, erlosch, und schwer
wie ein Berg legte sich der Schlaf auf meine Stirn.
Gegen Mittag erwacht, fand ich in mir alsbald die geklärte Situation
wieder, das kleine Büchlein lag auf dem Nachttisch und mein Gedicht, und
freundlich kühl blickte aus dem Wirrsal meines jüngsten Lebens mein
Entschluß mich an, über Nacht im Schlafe rund und fest geworden. Eile
tat nicht not, mein Todesentschluß war nicht die Laune einer Stunde, er
war eine reife, haltbare Frucht, langsam gewachsen und schwer geworden,
vom Wind des Schicksals leis geschaukelt, dessen nächster Stoß sie zum
Fallen bringen mußte.
Ich besaß in meiner Reiseapotheke ein vorzügliches Mittel, um Schmerzen
zu stillen, ein besonders starkes Opiumpräparat, dessen Genuß ich mir
nur sehr selten gönnte und oft monatelang vorenthielt; ich nahm dies
schwer betäubende Mittel nur dann, wenn körperliche Schmerzen mich bis
zur Unerträglichkeit plagten. Zum Selbstmord war es leider nicht
geeignet, ich hatte dies vor mehreren Jahren einmal ausprobiert. Da
hatte ich in einer Zeit, als wieder einmal Verzweiflung mich umgab, eine
hübsche Menge davon geschluckt, genug, um sechs Menschen zu töten, und
es hatte mich doch nicht getötet. Ich schlief zwar ein und lag einige
Stunden in vollkommener Betäubung, wurde dann aber, zu meiner
furchtbaren Enttäuschung, durch heftige Zuckungen des Magens halb
erweckt, erbrach, ohne ganz zu mir zu kommen, das ganze Gift und schlief
wieder ein, um in der Mitte des nächsten Tages endgültig aufzuwachen, zu
einer grauenhaften Nüchternheit, mit verbranntem, leerem Gehirn und fast
ganz ohne Gedächtnis. Außer einer Periode von Schlaflosigkeit und
lästigen Magenschmerzen blieb keine Wirkung des Giftes übrig.
Dies Mittel also kam nicht in Betracht. Aber ich gab meinem Entschluß
nun diese Form: sobald es mit mir wieder dahin kommen würde, daß ich zu
jenem Opiat greifen mußte, sollte es mir erlaubt sein, statt dieser
kurzen Erlösung die große zu schlürfen, den Tod, und zwar einen sichern,
zuverlässigen Tod, mit der Kugel oder dem Rasiermesser. Damit war die
Lage geklärt – bis zu meinem fünfzigsten Geburtstage zu warten, nach dem
witzigen Rezept des Steppenwolfbüchleins, das schien mir doch
allzulange, es waren noch zwei Jahre bis dahin. Sei es in einem Jahr
oder in einem Monat, sei es morgen schon – die Pforte stand offen.
* * * * *
Ich kann nicht sagen, daß der „Entschluß“ mein Leben stark verändert
hätte. Er machte mich ein wenig gleichgültiger gegen Beschwerden, ein
wenig unbesorgter im Gebrauch von Opium und Wein, ein wenig neugieriger
auf die Grenze des Ertragbaren, das war alles. Stärker wirkten die
andern Erlebnisse jenes Abends nach. Den Traktat vom Steppenwolf las ich
noch manchmal durch, bald mit Hingabe und Dankbarkeit, als wisse ich
einen unsichtbaren Magier mein Schicksal weise leiten, bald mit Hohn und
Verachtung gegen die Nüchternheit des Traktates, der mir die spezifische
Stimmung und Spannung meines Lebens gar nicht zu verstehen schien. Was
da von Steppenwölfen und Selbstmördern geschrieben stand, mochte ganz
gut und klug sein, es galt für die Gattung, für den Typus, war
geistreiche Abstraktion; meine Person hingegen, meine eigentliche Seele,
mein eigenes, einmaliges Einzelschicksal schien mir mit so grobem Netze
doch nicht einzufangen.
Tiefer als alles andre aber beschäftigte mich jene Halluzination oder
Vision an der Kirchenmauer, die verheißungsvolle Ankündigung jener
tanzenden Lichtschrift, die mit Andeutungen des Traktates
übereinstimmte. Viel war mir da versprochen worden, gewaltig hatten die
Stimmen jener fremden Welt meine Neugierde angestachelt, oft sann ich
lange Stunden ganz versunken darüber nach. Und immer deutlicher sprach
dann die Warnung jener Inschriften zu mir: „Nicht für jedermann!“ und
„Nur für Verrückte!“ Verrückt also mußte ich sein und weit abgerückt von
„jedermann“, wenn jene Stimmen mich erreichen, jene Welten zu mir
sprechen sollten. Mein Gott, war ich denn nicht längst weit genug
entfernt vom Leben jedermanns, vom Dasein und Denken der Normalen, war
ich nicht längst reichlich abgesondert und verrückt? Und dennoch
verstand ich im Innersten den Zuruf recht wohl, die Aufforderung zum
Verrücktsein, zum Wegwerfen der Vernunft, der Hemmung, der
Bürgerlichkeit, zur Hingabe an die flutende gesetzlose Welt der Seele,
der Phantasie.
Eines Tages, nachdem ich wieder einmal vergeblich Straßen und Plätze
nach dem Mann mit der Plakatstange abgesucht hatte und mehrmals lauernd
an der Mauer mit dem unsichtbaren Tor vorbeigestreift war, begegnete ich
in der Martinsvorstadt einem Leichenzug. Indem ich die Gesichter der
Leidtragenden betrachtete, die hinter dem Sargwagen hertrottelten, war
mein Gedanke: Wo in dieser Stadt, wo in dieser Welt lebt der Mensch,
dessen Tod mir einen Verlust bedeuten würde? Und wo der Mensch, dem mein
Tod etwas bedeuten könnte? Da war zwar Erika, meine Geliebte, nun ja;
aber wir lebten seit langem in sehr loser Verbindung, sahen uns selten,
ohne Streit zu bekommen, und zur Zeit wußte ich nicht einmal ihren
Aufenthaltsort. Sie kam zuweilen zu mir, oder ich reiste zu ihr, und da
wir beide einsame und schwierige Menschen sind, irgendwo in der Seele
und in der Seelenkrankheit einander verwandt, blieb trotz allem eine
Bindung zwischen uns bestehen. Aber würde sie nicht vielleicht aufatmen
und sich sehr erleichtert fühlen, wenn sie meinen Tod erführe? Ich wußte
es nicht, wußte auch nichts über die Zuverlässigkeit meiner eigenen
Gefühle. Man muß im Normalen und Möglichen leben, um über solche Dinge
etwas wissen zu können.
Unterdessen hatte ich mich, einer Laune folgend, dem Trauerzuge
angeschlossen und trabte hinter den Leidtragenden her zum Friedhof mit,
einem modernen zementenen Patentfriedhof mit Krematorium und allen
Schikanen. Unser Toter wurde aber nicht verbrannt, sondern sein Sarg vor
einem schlichten Erdloch abgeladen, und ich sah dem Pfarrer und den
übrigen Aasgeiern, Angestellten einer Begräbnisanstalt, bei ihren
Verrichtungen zu, welchen sie den Anschein einer hohen Feierlichkeit und
Trauer zu geben suchten, so daß sie sich vor lauter Theater und
Verlegenheit und Verlogenheit überanstrengten und ins Komische gerieten,
sah, wie die schwarze Berufsuniform an ihnen niederwallte und wie sie
sich Mühe gaben, die Trauergesellschaft in Stimmung zu bringen und zur
Kniebeuge vor der Majestät des Todes zu zwingen. Es war vergebliche
Mühe, niemand weinte, der Tote schien allen entbehrlich zu sein. Auch
war niemand zu frommen Stimmungen zu überreden, und als der Pfarrer die
Gesellschaft immer wieder als „liebe Mitchristen“ anredete, sahen alle
die schweigsamen Geschäftsgesichter dieser Kaufleute und Bäckermeister
und ihrer Frauen in krampfhaftem Ernst vor sich nieder, verlegen und
verlogen und von keinem andern Wunsche bewegt, als daß diese
unbehagliche Veranstaltung bald ihr Ende finden möchte. Nun, sie ging zu
Ende, die beiden vordersten unter den Mitchristen drückten dem Redner
die Hand, rieben sich am nächsten Rasenbord den feuchten Lehm, in den
sie ihren Toten gelegt hatten, von den Schuhen, die Gesichter wurden
unverweilt wieder gewöhnlich und menschlich, und eines von ihnen schien
mir plötzlich bekannt – es war, so schien mir, der Mann, der damals das
Plakat getragen und mir das Büchlein in die Hand gedrückt hatte.