Zudem bestanden die Truppen aus Kroaten, Dalmatinern und Bosniern, die

alle nicht wußten, wofür sie hier kämpfen sollten. Auch die Offiziere

waren nur zum Teil gut und tüchtig; es waren schneidige, begabte,

tüchtige Männer unter ihnen, aber durchweg spielte die Neigung zu

gutem und behaglichem Leben eine allzugroße Rolle. Die Gespräche am

Abendtisch zeigten, wie planlos und schwächlich diese Männer meist

dachten. Merkwürdig stach von ihnen die Tatkraft und das energische

Denken der beiden Frauen ab.

Daß die Front solange sich noch gehalten hatte, war den kleinen

deutschen Abteilungen zu verdanken, welche mit Aufopferung trotz

großer zahlenmäßiger Unterlegenheit die Feinde aufgehalten hatten, bis

deutsche und bulgarische Hilfe herankam. Ein blutjunger Leutnant, der

den Ruinenhügel bei Pogradeč gegen eine große feindliche Abteilung mit

seinen Maschinengewehren so lange gehalten hatte, bis der Rückzug über

den See gedeckt war, saß an dem zweiten Abend bei mir und erzählte in

bescheidenster Weise von seinen Erlebnissen. Er war blaß und erregt,

bis er den letzten seiner Mannschaft glücklich in Ochrida gelandet

wußte.

Unterdessen kamen immer mehr deutsche Truppen an. Auch für ihre

Offiziere sorgten die österreichischen Damen; der Stab der

neugebildeten Ochridadivision unter ihrem General _Posseldt_, den wir

schon aus dem Hain Mamre kennen, wurde in den ersten Tagen in der

österreichischen Offiziersmesse mit den österreichischen Offizieren

verpflegt. Und alles klappte vorzüglich.

Bald brachte die Division die Feinde am Seeufer im Westen, bei _Lin_

zum Stehen und damit war Ochrida gerettet. Für mich war also die

Möglichkeit gegeben, meine Arbeiten fortzusetzen. Der Stab verließ

bald die Offiziersmesse und siedelte sich in einem kleinen weißen Haus

unterhalb meines Quartiers an. Es stand auf einer Terrasse, welche hoch

über den See aufgebaut war, zu dem steile Treppen hinunter führten.

Das Haus wurde Schloß genannt war, während das Land serbisch war, für

den König von Serbien gebaut worden und jetzt im Besitz des Zaren von

Bulgarien. Ich werde nie die höfische Komödie vergessen, welche sich

um die Verwendung des Schlößchens als Stabsquartier telephonisch und

telegraphisch abspielte, bis das Haus schließlich doch vom Stab geräumt

werden mußte.

[Illustration: Aus _Filow_. Abb. 270 a. Ostseite der Sophienkirche in

Ochrida.]

Während all dieser Ereignisse hatte ich Zeit genug gehabt, mich in der

Stadt Ochrida umzusehen und ihre Umgebung zu durchstreifen. Die Stadt

verdient eine knappe Beschreibung; denn sie ist in mancher Beziehung

recht eigenartig.

Sie ist in der Hauptsache auf zwei Hügeln aufgebaut, welche beide

von Ruinen türkischer burgartiger Befestigungen gekrönt sind. Ein

großer Teil der Stadt erstreckt sich im Tal bis an den Seestrand und

hinter den Hügeln weithin in die Talebene. Steile Gassen mit steinigem

holperigem Pflaster führen den Hügel hinan; bis zur Zitadellenruine

hinauf ist es eine gehörige Kletterei. Die Häuser in den Straßen

sind die üblichen mazedonischen Bauwerke mit den vorragenden oberen

Stockwerken, die Gassen meist eng und schattig. Am See wohnen Fischer

und Schiffer; am Hafen zieht sich eine lange Reihe großer weißer

Gebäude hin, welche damals meist als Büros und Lazarette verwandt waren.

Als muhamedanische Stadt würde man Ochrida nicht ohne weiteres

erkennen; Moscheen und Minarets spielen im Stadtbild keine wesentliche

Rolle. Vom See aus z. B. sieht man kein einziges Minaret, sie liegen

alle im Teil der Stadt hinter dem Kastellhügel. Aber auch die

interessanten, alten christlichen Kirchen ragen nicht stark hervor;

sie sind relativ klein und bescheiden. Am meisten treten hervor eine

neuere viertürmige Kirche ohne besonderen Charakter und ein sehr

geschmackloses grelles Schulgebäude, welches ein wertvolles altes

Tabernakel verdrängt hat.

Wie bei den meisten mazedonischen Städten bringt auch in Ochrida mehr

die Landschaft mit der Fülle der gleichartigen Häuser die malerische

Wirkung hervor, als irgend welche Bauprinzipien oder architektonisch

hervorragende Gebäude. Bei Ochrida wird die farbige Wirkung des Bildes

dadurch erhöht, daß zu den roten Ziegeldächern viele mit gelbgrauen

Steinplatten gedeckt hinzukommen. Dabei wirkt natürlich sehr stark der

blaue See mit, der immer wieder durch die Gassen emporleuchtet. Sehr

eigenartig sind im mazedonischen Städtebild die vielen gleichmäßigen

Fenster der Häuser, welche vielfach zu zweien oder dreien gruppiert die

Häuserflächen charakteristisch modellieren.

[Illustration: Abb. 271. Unterstadt von Ochrida mit Burgberg.]

Wie von unten die gewaltigen Mauermassen des Kastells über die kleinen

Häuser der Stadt dominieren, so boten sie auch mit ihren Ruinen,

Türmen, Mauerlöchern und Torbögen reizvolle Umrahmungen für die

Blicke hinab auf den dunkelblauen See oder die reiche Landschaft. Wie

weit die Reste dieser, wie der anderen dieser mazedonischen Burgen,

auf die Trutzbauten der bulgarischen Zaren gegen die Byzantiner

zurückgehen, und wie weit sie türkischen Ursprungs sind, dürfte schwer

zu entscheiden sein. Das Haupttor der Burg soll aus dem Ende des 10.

Jahrhunderts, also aus der Zeit des Zaren Samuel stammen.

Von bulgarischer Kunst in Mazedonien haben wir schon im 24. Kapitel

bei der Besprechung des Klosters _Neresi_ gehört. _Ochrida_ als

jahrhundertelanger Sitz des bulgarischen Patriarchats beherbergt

manche Reste altbulgarischer kirchlicher Kunst. Besonders interessant

sind die Kirchen Hagia Sofia und Sveti Climent. Erstere liegt nahe

dem See, in dem Stadtteil unterhalb des Schlößchens an einem freien

Platz. Es ist ein stattlicher Bau, der hauptsächlich aus einer

dreischiffigen, gewölbten Pfeilerbasilika besteht, dem ein Querbau

mit zwei Seitentürmen westlich vorgelagert ist. Das Innere war recht

vernachlässigt. An der Nordwand des Hauptbaues waren weiße Säulen als

Rest einer offenen Halle zu erkennen. Immerhin waren Schritte zu einer

Restaurierung dieses Nationalheiligtums schon während des Krieges

geschehen; so vor allem war ein Teil der Fresken, die in alter Zeit

alle Wände der Kirche bedeckten, wieder freigelegt. Die Kirche hatte

nämlich während der Türkenzeit als Moschee gedient. In dieser Zeit

waren die Fresken übertüncht gewesen. Was man von ihnen vor allem

in dem oberen Raum des Querbaues sehen konnte, machte einen sehr

interessanten Eindruck.

[Illustration: Aus _Filow_. Abb. 272. Haupttor der Burg von Ochrida.

Ende des 10. Jahrhunderts.]

Die Kirche scheint prachtvoll ausgestattet gewesen zu sein; darauf

weisen in ihr aufgefundene Reste der Marmorumrahmung der Ikonostasis

und andere mit Reliefs versehene Marmorplatten hin. Solche sind auch

in den türkischen Mimbar eingebaut, dessen außerordentlich reich

verzierte Bekrönung ein marmorner Baldachin mit zarten Säulchen und

feiner auf den Orient hinweisenden Ornamentik bildet, offenbar die

einstige Kanzel der Kirche (Abb. 273).

[Illustration: Aus _Filow_. Abb. 273. Marmorner Oberteil der Kanzel in

der Sophienkirche von Ochrida. 14. Jahrh.]

Einer späteren Periode gehören die anderen altbulgarischen Gotteshäuser

in Ochrida an. Sie entsprechen als _Kreuzkuppelkirchen_ dem Typus, den

wir in _Neresi_ kennen lernten, von dem uns _Varos_ bei Prilep ein

Beispiel gab, und der auch sonst in Mazedonien wie in Altbulgarien

häufig vertreten ist. So sah ich in _Tirnowo_ eine ganze Anzahl von

Repräsentanten dieses Typus. In dem zweiten Reich der Bulgaren baute

man keine großen Basiliken mehr wie die Sofienkirchen in Sofia und

Ochrida. Man baute viel mehr, dafür aber viel kleinere Kirchen,

die fast alle Kreuzkuppelkirchen waren und viel reicher ornamental

geschmückt waren als die Monumentalbauten des ehrgeizigeren alten

Reichs.

Von den Kirchen aus dieser Zeit ist in Ochrida besonders die dem

heiligen _Climent_ geweihte zu erwähnen, Sie liegt oben am Berg und

sie ist eine Kreuzkuppelkirche, deren Kuppel auf schweren Pfeilern

ruht (Abb. 274). Gerade in der Gegend von Ochrida fanden die beiden

Apostel des Christentums _Climent_ und _Naum_ eine große Verehrung. Sie

hatten im Auftrag des Zaren _Boris_ unter den Bulgaren Mazedoniens

das Christentum verbreitet, nachdem sie im Jahre 885 nach dem Tode

Methodis aus Mähren, wo sie als Schüler Cyrills und Methodis sich

entwickelt hatten, an dessen Hof gekommen waren. Leider konnte ich

infolge des Vordringens der Feinde das Kloster Sv. _Naum_ bei Pogradeč

nicht besuchen, dessen Kirche besonders durch seine Malereien berühmt

war, und welche das Grab dieses Heiligen beherbergt. Doch auch in Sv.

_Climent_ fanden sich sehr schöne Malereien vor allem am Ikonostas. Ein

segnender Christus aus dem 13.-14. Jahrhundert fiel besonders auf (Abb.

275).

[Illustration: Aus _Filow_. Abb. 274. Ostseite der Kirche Sveti Climent

in Ochrida. Gebaut 1295.]

Im Kloster _Sveti Climent_ hat seinerzeit der Jenenser Professor

_Gelzer_ für die Kirchengeschichte des Balkans wichtige Dokumente

entdeckt. Wo mögen diese mittlerweile hingeraten sein?

Sehr schön und interessant sind in Sv. Climent auch die

Holzschnitzereien und Metallarbeiten, welche überhaupt in den

bulgarischen Kirchen eine große Rolle spielen und auch durch die

Türkenzeit hindurch eine gute Tradition bewahrt haben.

Von den zahlreichen anderen Kirchen Ochridas möchte ich noch eine

erwähnen, welche infolge ihrer malerischen Lage manchem Besucher wie

mir in unvergeßlicher Erinnerung geblieben sein wird. Es ist die am

westlichen Ende auf einem in den vorragenden Felsenvorsprung erbaute

kleine Kirche Sveti Jon, dem heiligen Johannes geweiht. In der Armee

wurde sie meist als die Fischerkapelle bezeichnet, wohl wegen ihrer

Lage bei den Fischerhäusern am See.

Sv. Jon ist eine kleine Kreuzkuppelkirche aus Haustein mit roten

Zwischenlagen von Ziegeln gebaut. Hohe Strandmauern sind auf den

schroffen Felsen zu ihr emporgebaut, um die Plattform herzustellen,

auf der sie steht. Treppen führen durch diese zu einem felsigen Strand

hinab, an welchem ich manches köstliche Bad in dem klaren Wasser des

Sees genossen habe. Mächtige alte Bäume ragen vor den Felsen auf

und erhöhen die malerische Schönheit des Bildes, welches die Kirche

darstellt, die sich wundervoll vom Himmel und dem dunkelblauen Wasser

des Sees abhebt, wenn man im Kahn von der Stadt her sich ihr nähert.

[Illustration: Aus _Filow_. Abb. 275. Segnender Christus. Ikone aus der

Climentkirche in Ochrida. 13.-14. Jahrh.]

Nicht weniger schön stellt sie sich dar, kommt man über die Felsen den

Pfad von der Stadt her zu ihr herabgestiegen. Wie wunderbar hob

sich ihr Umriß vom goldglühenden Abendhimmel ab, wenn drüben jenseits

der nördlichen Seebucht die albanischen Berge in tiefen blauen und

violetten Tönen verdämmerten. Aus der Tiefe rauschte die Brandung des

an die Felsen anschlagenden Sees herauf. Weit erstreckte sich der

Blick von den Treppen, die zur Kirche führten, oder von dem kleinen

über den See hinausgebauten Balkon aus über die weite Fläche des

Sees. Wie seltsam flimmerte der Wiederschein des Abendhimmels von den

dunkelblauen Wellen, wie zart verschwammen seine Grenzen im fernen

Süden; welch schönen Abschluß des Bildes gaben die harmonischen Umrisse

des Tomoros und Malisat!

[Illustration: KIRCHE SV. JON AM OCHRIDASEE.]

[Illustration: Dr. _Nachtsheim_ phot. Abb. 276. Sveti Climent, St.

Clemenskirche in Ochrida auf der Varoshöhe.]

Auch die Einwohner von Ochrida besaßen Verständnis für die poetische

Schönheit der Örtlichkeit. Abends wandelten junge Leute, Liebespaare

hier heraus, genossen die Abendstimmung, saßen auf den Felsenklippen

und sangen ihre schwermütigen Lieder.

Es war fast der einzige Ort in Mazedonien, wo ich die alten Lieder

singen hörte. Hier konnte man auch an Frieden und geruhsame Zeiten

denken, wenn die Dämmerung niedersank, der Spiegel des Sees dunkel

wurde und nur die Berggipfel und die wandernden Wolken am Himmel noch

die letzten roten Gluten der Sonne wiederstrahlten.

NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER OCHRIDASEE

Der schöne See mit seinen malerischen Ufern bot auch dem Naturforscher

manche Probleme und so setzte ich denn alle meine Kräfte daran, von

seiner Natur, seiner Tier- und Pflanzenwelt möglichst viel zu erkunden.

So streifte ich seine Ufer ab, suchte durch Fischer möglichst viel von

seiner Tierwelt zu erwerben und auf eigenen Fahrten sie zu erforschen.

Im Jahre 1918 kam mir Dr. _Nachtsheim_ zuhilfe, der einen großen

Teil seiner Zeit und Arbeitskraft speziell der Durchforschung der

Wasserbiologie Mazedoniens widmete.

Meine Ziele wurden sehr gefördert durch die österreichische Flottille,

die den Wachdienst auf dem See unter sich hatte. Ihre Motorboote,

Kähne und Fischerboote wurden mir zur Verfügung gestellt, und ich kann

die Tüchtigkeit und Schneid ihrer Offiziere und Mannschaften aufs

höchste anerkennen. Nicht nur bei der Verteidigung dieser gefährdeten

Front, beim Transport unserer Division und ihres Materials haben sie

Treffliches vollbracht, auch mir haben sie sehr wesentliche Dienste

geleistet.

Der Ochridasee liegt in Meereshöhe von 687 m, also fast 200 m tiefer

als der 857 m hoch gelegene Prespasee. Seine Oberfläche erreicht 270

Quadratkilometer gegenüber den 288 des etwas größeren Prespasees. Wie

der Prespasee liegt er zwischen hohen Bergen, die sich hier weiter

nördlich erstrecken als bei jenem. Seine größte Tiefe, etwa in der

Mitte seiner Längenausdehnung, erreicht 285 m, er ist also beträchtlich

tiefer als der Prespasee, der nur 54 m als größte Tiefe besitzt.

Der Seeboden fällt an vielen Stellen steil zu größeren Tiefen ab, was

an der dunklen Farbe des Wassers erkennbar ist. Nur am Nordende, vor

der Stadt Ochrida und ganz im Süden lassen grüne Streifen des Wassers

auf seichte Stellen schließen. Vor allem der sandige Nordstrand gegen

Struga hin senkt sich langsam ab. Hier, wie in der Bucht südlich

von Ochrida wird der See von schmalen Schilfstreifen eingefaßt, die

nirgends die Mächtigkeit erreichen, wie am Prespa- und Doiransee.

Vielfach fallen die Felsenufer steil zum See ab, was den malerischen

Reiz der Strandlandschaften bedingt. Das ist vor allem direkt nördlich

der Stadt Ochrida der Fall sowie auf langen Strecken des Ost- und

Westufers.

Von allen Seiten strömen kurze Bäche aus den Bergen dem See zu; ganz

kurz ist der Hauptzufluß, der _Drin_, welcher als richtiger _Karstfluß_

in der Nähe des Klosters Sv. Naum als starker Bach entspringt, um sich

nach ganz kurzem Lauf in den See zu ergießen. Das entspricht dem im 33.

Kapitel geschilderten Charakter des Tomorosgebirges als Karstgebiet.

Es ist wohl die Ursache zu der in der Bevölkerung verbreiteten Sage

von einer unterirdischen Verbindung des Ochridasees mit dem Prespasee,

durch welche man die Niveauschwankungen des letzteren erklären will. Zu

einer solchen Annahme liegen aber keine wirklichen Grundlagen vor.

Bei _Struga_ entströmt der _Drin_, als relativ mächtiger Fluß, dem See,

fließt eine lange Strecke nach Norden, um sich dann nach Westen und

teilweise nach Süden zu wenden und südlich des Skutarisees im Dringolf

ins Adriatische Meer zu münden.

Die Ufer des Sees lernte ich auf verschiedenen Exkursionen kennen. Ein

Ritt in Begleitung von zwei mir mitgegebenen Blücherhusaren führte mich

nach _Struga_ an das Nordende des Sees zum Ausfluß des Drin. An einem

Kloster und einigen Dörfern vorbei ging der Ritt in flottem Trab zum

kiesigen und sandigen Flachstrand des Sees; nördlich von ihm dehnte

sich eine fruchtbare Ebene aus, im Anfang begrenzt von einem seltsamen

purpurroten Felsenberg, vor welchem Ruinen eines Dorfes lagen.

An dem Binsenufer flogen vor unsern Pferden, die flott durch das

seichte Wasser galoppierten, Kormorane, Bleßhühner und Enten auf. In

den Büschen waren, trotz der Herbstzeit, noch zahlreiche Grasmücken

in Bewegung. Vor mir lag bald das große Dorf _Struga_, vollkommen

eingehüllt in Weiden und Pappeln. Unterhalb des Ortes am Drin liegen

ausgedehnte Sümpfe. Diese sind von Weiden, Röhricht und mancherlei

Sumpfpflanzen dicht bewachsen; auch Schilf mit seinen braunen Kolben

bedeckt große Flächen. Struga war ein in der Armee berüchtigtes

Fiebernest.

Im Schatten von Weiden liegen im hier recht breiten _Drin_ die so

wohlbekannten breiten Boote mit ihren unförmlichen Seitenwülsten;

unterhalb des Dorfes ist die ganze Breite des Flusses durch Zäune und

Gatter aus Schilf und Reisig abgesperrt. Zwischen ihnen sind Reusen

aufgestellt, um die Fische, welche zwischen Fluß und See wechseln,

abzufangen. Schon vor vielen Jahren wurden diese Weidengeflechte und

die bei ihnen aufgestellten Hütten mit ihren Dächern aus Röhricht von

Besuchern erwähnt. So hat sie z. B. der Aromunenforscher _Weigand_ im

Jahre 1889 gesehen. Dieser erwähnt, daß damals schon die Fischerei in

Struga um 100000 M. auf 2 Jahre verpachtet war.

Das muß sie wohl getragen haben; denn während meines Aufenthaltes in

Ochrida sah ich oft die Ausbeute enormer Fänge. Nicht selten werden

an einem Tag Hunderte von Zentnern von Aalen in Struga erbeutet. Es

ist ein imposanter Eindruck, wenn man Haufen von vielen Hundert der

armsdicken, mehr als einen Meter langen Fische sich durcheinander

winden sieht, wenn ihre weißen Bäuche aufblinken, während sie ihre

blauschwarzen Rücken nach unten kehren.

[Illustration: Abb. 277. Bootshafen am Drinaausfluß aus dem Ochridasee.]

Vielerlei kleine und größere Fische sah ich im Wasser umherhuschen,

als ich mit meinen Husaren ins Sumpfgelände hineinritt, um mit einem

von ihnen, der ein gelernter Fischer war, _Krebse_ zu fangen. Während

unsere Pferde an einer trockenen Stelle grasten, zog der Mann sich

aus, sprang ins Wasser und holte unter den Pflanzenpolstern an der

Uferwand einen ganzen Sack von Flußkrebsen heraus. Während sie anfangs

frei herumschwammen und, auf dem Schlamm sitzend, erspäht werden

konnten, zogen sie sich bald in ihre Löcher zurück. Auf diese mußte das

ganze Ufer und alle Rohrinseln abgesucht werden, was mein Husar sehr

geschickt und sachverständig ausführte.

Unterdessen umschwammen ihn Wasserkäfer, Schwimmwanzen und allerhand

Getier, zum Glück fehlten aber hier die Blutegel. Libellen vieler Arten

umschwirrten uns während unserer Fischerei. Der Krebs stellte sich als

eine auch bei uns verbreitete Art des _Flußkrebses_ heraus (+Astacus

fluviatilis+ L.). In der Umgebung herrschte ein reiches Vogelleben.

Allerhand Arten von Rohrsängern und anderen rohrbewohnenden Kleinvögeln

huschten durch das Schilf.

[Illustration: Abb. 278. Fischsperre in der Drinmündung bei Struga am

Ochridasee.]

In der nächsten Umgebung flogen auf oder ließen sich nieder

_Fischreiher_ und _Purpurreiher_. Besonders schön zu beobachten war

ein ganzer Flug von weißblinkenden _Edelreihern_. _Uferläufer_ und

andere Stelzvögel, _Enten, Teichhühner_ und viel anderes Wassergeflügel

war in Mengen vorhanden. Ich bedauerte sehr, damals keinen Präparator

bei mir zu haben; denn ich scheute mich, die Tiere zu schießen, ohne

Belegstücke für wissenschaftliche Zwecke mitnehmen zu können.

Eine ähnlich reiche Vogelwelt fand sich auch südlich von Ochrida am

Strand des Sees, den ich mit meinen Begleitern nach Wassertieren

absuchte. Dabei erwies sich als besonders ergiebig das Ufer und

seitlich liegende Tümpel bei Goriza und gegen Sv. Stefan. Dort wurden

viele Muscheln aus den Gattungen +Unio+ und +Anodonta+ gefangen.

Auffallend war im See das Massenvorkommen der Muschel +Dreissensia+,

welche bekanntlich vor einigen Jahrzehnten eine Wanderung durch

ganz Westeuropa vom Osten her gemacht hat und jetzt auch bei uns

in Deutschland im Süßwasser heimisch geworden ist. Bemerkenswert

war später beim Fang des Planktons, in welch ungeheuren Massen

Muschellarven, wahrscheinlich meist solche von +Dreissensia+, das

Wasser des Sees in allen Schichten belebten.

Auch Schnecken aus den Gattungen +Lymnaeus+ und +Paludina+ waren

in großen Mengen zu finden; dabei allerlei Wasserinsekten, Käfer,

Schwimmwanzen und Larven vieler Arten. An den Felsen und Steinen,

besonders unterhalb der Kirche Sv. Jon, fanden sich massige Krusten

eines Süßwasserschwammes.

Um die Fische des Sees zu bekommen, mußte ich mich mit den am See

ansässigen Fischern in Verbindung setzen; denn ich selbst hatte keine

Fischereigeräte zur Verfügung. Dazu sollte mir eine Empfehlung eines

bulgarischen Politikers dienen, welche dieser mir an den Erzbischof

mitgegeben hatte. In dessen Haus wurde ich sehr liebenswürdig empfangen

und die Erfüllung meiner Wünsche mir versprochen. Das war aber

offenbar in jenen Tagen nicht ganz leicht. Die Stadt war infolge der

kriegerischen Ereignisse von Militär überflutet, welches alles Eßbare

und damit auch die Fische für sich beanspruchte.

So war es denn wichtig, daß mir ein Polizist zugewiesen war, der

die Fischer gut kannte und vor allem in ihrer Sprache sich gut mit

ihnen verständigen konnte. Dabei sprach er ganz gut deutsch, mit sehr

ausgesprochen österreichischem Akzent. Als ich ihn frug, wo er denn

sein Deutsch gelernt habe, erzählte er mir, er sei Jahre lang in

Karlsbald und Franzensbad gewesen. Auf meine weitere Frage, was er

dort gemacht habe, antwortete er mit spitzbübischem Lächeln: „Ich war

dort Honigtürke!‟ Wieso? „Ja, ich stand mit einem Fez oder Turban an

der Promenade und verkaufte türkischen Honig. Die meisten Honigtürken

in Deutschland und Österreich sind mazedonische Bulgaren. Aber dort

ist vorteilhaft Türke zu sein, man setzt einen Fez auf, auch wenn man

slavischer Christ ist und die Leute dort können doch türkische und

bulgarische Sprache nicht unterscheiden. Wenn man Chef des Geschäfts

ist, verdient man viel Geld, weniger als Straßenverkäufer!‟

Dieser Helfer sorgte dafür, daß die Fischer mir Fische aus dem

Ochridasee heranbrachten.

Außer den _Aalen_ gab es auch reichlich _Karpfen_ im See; allerdings

so stattliche Exemplare fanden sich hier nicht, wie ich sie seinerzeit

im Wardar erbeutet hatte. Von Weißfischen wurden eine ganze Anzahl

gebracht, so die mit unserem _Aitel_ verwandten +Squalius illyricus+

H. u. K., und +Sq. dobula+ H. Auch die gleiche Art von _Barben_,

welche ich im Wardar und seinen Nebenflüssen gefunden hatte, kam hier

reichlich vor (+Barbus plebejus+ Val.). Bei Struga hatte ich selbst

einen unserer _Nase_ verwandten Fisch, in Italien Stric genannt

(+Chondrostoma genei+ Bon.) erbeutet. Dort fingen wir auch den

_Gründling_ (+Gobio vulgaris+ Cw.). In Ochrida selbst wurden die Arten

+Chondrostoma phoxinus+ Heck. u. +Ch. soetta+ H. u. K. von den Fischern

gebracht.

Eine heimische Erscheinung ist der _Schiet_ (+Aspius rapax+ Ag.),

während die _laubenähnlichen_, silbrig blinkenden +Alburnus alborella+

H. u. K. und +A. scoranzoides+ H. u. K. echt südliche Formen sind.

Dasselbe gilt von +Leuciscus adspersus+ Heck.

Der beliebteste Fisch auf dem Fischmarkt von Ochrida, gerühmt von

allen Besuchern der Stadt und in normalen Zeiten weithin versandt,

ist die _Ochridaseeforelle_. Es ist das ein prachtvoller Vertreter

der Lachsfische mit allen Vorzügen dieser Gattung, der prachtvollen

Färbung wie dem guten Geschmack des Fleisches. In stattlichen 50-70

cm langen Exemplaren sah man das Tier in jenen Tagen manchmal bei

den Österreichern und bei den Blücherhusaren auf dem Kasinotisch.

Die _Seeforelle_, von den Eingeborenen _Latzniza_ genannt, wird

wissenschaftlich als +Salmo dentex+ Heck. bezeichnet; doch hat

_Steindachner_ die Form aus dem Ochridasee als +Salmo ochridanus+

Steind. abgetrennt.

Mazedonien · 第 43 / 45 段