Mazedoniens gewonnen. An ihnen ist noch viel zu tun. Im großen und
ganzen zeigt sich die Säugetierfauna aus typisch europäischen Formen
zusammengesetzt, doch werden unter den Kleinsäugetieren sich wohl auch
zahlreiche südliche und östliche Formen nachweisen lassen.
Viel tiefer konnten wir in die Vogelwelt Mazedoniens eindringen.
Außer vielen Beobachtungen brachten wir eine Sammlung von 3200 gut
präparierten, genau bezeichneten Vogelbälgen heim. Diese liegt, von
Dr. _Erwin Stresemann_ bearbeitet, auch schon publiziert vor. Über
das Vorkommen der Tiere ist in den Kapiteln dieses Buches manches
mitgeteilt worden, wobei die Benennungen der Vögel sich stets auf die
Arbeit Dr. _Stresemanns_ stützten.
Hier sei noch einiges Zusammenfassende über die Ornis Mazedoniens
mitgeteilt. Nach der Durcharbeitung unserer Ausbeute stellt sich
Mazedonien, wie für andere Tiergruppen, auch für die Vögel als
Mischgebiet dar. Dabei erscheinen mitteleuropäische und mediterrane
Formen fast im gleichen Verhältnis beteiligt. Allerdings im südlichen
Wardartal stechen die südlichen Formen besonders hervor.
Dabei ist ein Vordringen südlicher Formen nordwärts und umgekehrt
nördlicher Formen südwärts zu erkennen, wobei die Verbreitungsgrenzen
Schwankungen zu unterliegen scheinen. Besonders bemerkenswert ist, daß
nördliche Formen, wenn sie weiter südlich vordringen, dort höher in die
Gebirge aufsteigen und dort ihnen zusagende Klimazonen aufsuchen.
Zu diesen Elementen gesellen sich östliche Formen, die teils auf
den Nordosten, also auf die Steppen Südrußlands und den Nordrand
des schwarzen Meers, teils auf den Südosten und damit auf das
Kaukasusgebiet und Kleinasien hinweisen. Mehr noch als unter den Vögeln
zeigen sich solche Beziehungen in der Pflanzenwelt und unter den
Insekten.
Schon in den bisher angeführten Tatsachen zeigen sich Abhängigkeiten
von klimatischen Einflüssen. Solche haben wir in vielen der früheren
Kapitel dieses Buches in ihrem Einfluß auf die Tier- und Pflanzenwelt,
selbst auf die Oberflächengestaltung des Landes kennen gelernt. So
fanden wir auch in den verschiedenen Formationen mit einer bestimmten
Pflanzenwelt immer charakteristische Vögel beieinander. Eine knappe
Zusammenstellung in der Reihenfolge vom Tal ins Hochgebirge wird
interessante Gesichtspunkte vor Augen führen.
Im Tal, z. B. bei Hudova, in den Maulbeerpflanzungen fanden wir Zaun-
und Kappenammer, Rotkopfwürger, Maskenwürger (+Lanius nubicus+) (Abb.
201, S. 403) Blaurake, Bienenfresser. An den Felswänden der Schluchten,
die vom Tal abzweigten, gab es die Aasgeier, Turm- und Rötelfalken,
Felsentauben, Blaumerle und Steindrossel, Felsenkleiber, Steinsperling,
Felsenschwalbe und Mehlschwalbe.
Stiegen wir auf die Hügel vor den Gebirgen, wo +Paliurus+ und +Quercus
coccifera+ wuchsen, so saßen auf diesen der Rotrückenwürger, Feld-
und Haussperling, schlüpften durch die Sträucher der Hänfling, der
Heckensänger (+Agrobates+). Hier gab es alle Grasmücken.
Darüber in den Geröllfalten an den Berglehnen hausten der graue
Steinschmätzer und der Mittelmeersteinschmätzer. Die Gehölze
und Kulturlichtungen dieser _submontanen_ Region bewohnten der
Buntspecht (+Dryobates major balcanicus+), der Grünspecht, die
Blau- und Kohlmeise, Turteltaube, Eichelhäher, Elster, Nachtigall,
Seidenrohrsänger, Kuckuck usw.
[Illustration: Abb. 267 a. Die Balkan-Gimpelammer +Emberiza
pyrrhuloides reiseri+ Hart.]
Die _montane_ Zone, wie sie etwa von der Plaguša Planina in dem
Buschwald aus weichblätterigen Eichen dargestellt war, beherbergte den
Pirol, die Trauermeise, den Wendehals.
Der _Buchenwald_, wie wir ihn in der Mala Rupa, am Liseč in der
Golesniza Planina und in anderen Gebirgen fanden, war das Wohngebiet
von Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen, Nonnenmeise,
Kleiber, Waldbaumläufer, Liljefordspecht, Mittelspecht und
Waldlaubsänger.
Die _Latschen_region, wie wir sie in der Golesniza entdeckten,
war der Zufluchtsort von Heckenbraunelle, der Tannenmeise und des
Hausrotschwanzes. Darüber in der _alpinen_ Grasflur der Mattenregion
des gleichen Gebirges gab es den Wasserpieper, die Ohrenlerche,
die Feldlerche und das Braunkehlchen. Darüber schließlich grenzte
die Gipfelregion der Solunska mit ihren Felsengraten, mit ihren
Schneefeldern und Spalten, in der nun die Hochalpenvögel anzutreffen
waren: Die Alpenbraunelle, Alpendohle, Steindrossel und Mauerläufer.
Dazu kommen als besonders interessante Zonen, in denen die Wasser-,
Strand- und Rohrvögel hausten, die Schilfwälder der Seen, des Doiran-,
Prespa- und Ochridasees, die wir aber am kleinen _Katlanovosee_ am
besten studieren konnten. Da war besonders interessant +Emberiza
pyrrhuloides reiseri+ Hart. (Abb. 267 a S. 547) und die anderen
Rohrammern, die Rohrweihen, die Rohrdommeln, die ganze große Gruppe der
Reiher, der Enten und Gänse, der Teichhühner, Strandläufer und was da
alles zusammen kam, vom Cormoran bis zum Pelikan.
Nicht weniger bemerkenswert war das Steppengebiet mit dem Wiedehopf,
den Trappen, den Wachteln, den vielen Falken.
Hervorheben möchte ich schließlich noch einmal in diesem Zusammenhang,
daß das _südliche Wardartal_ bis in die Gegend von _Hudova_ sowie die
mit ihm zusammenhängende Region des _Doiransees_ sich als reich an
südlichen Vogel-, Reptilien- und Insektenformen herausgestellt hat. Es
ist offenbar eine der Pforten, durch welche südliche Formen nordwärts
vordringen. Ähnliche Verhältnisse dürften bei genauerer Erforschung
auch südlich des Prespasees und des Peristeri zu finden sein.
Gerade die Tatsachen über die Verbreitung der Vögel geben einen
interessanten Einblick in die Art und Weise, wie Tiere überhaupt in
Mazedonien sich verbreitet haben können. Ich zitiere hier direkt
die Ergebnisse, welche Dr. _Stresemann_ aus der Bearbeitung unserer
mazedonischen Ausbeute gezogen hat. „Als Ausgangspunkt der gegen
Mitteleuropa vorgedrungenen ostmediterranen Vögel wollen wir die
kleinasiatische Küste bei Smyrna betrachten; sie war noch gegen Ausgang
der Pliozänzeit durch eine Landbrücke, die „Ägäis‟, mit Griechenland
breit verbunden. Uns interessiert hier die Wanderstraße, welche von
Griechenland weiter zur Mündung des Wardar und von da den Wardar
hinauf bis Üsküb führt, um dann ins Tal der „Bulgarischen‟ Morawa
einzuschwenken und ihr ins nordserbische Flachland zu folgen. Der Strom
der Wanderer wird auf diesem Wege allmählich dünner. Es drangen vor:
=Nur bis Smyrna=:
+Emberiza cineracea+
+Halcyon smyrnensis smyrnensis+
+Garrulus glandarius Krynicki+
=Bis zu den Kykladen= (Kythnos usw.):
+Ceryle rudis rudis+
=Bis Griechenland=:
+Emberiza caesia+
+Sylvia melanocephala+
+Sylvia ruppeli+
+Coccystes glandarius+
=Bis zur Wardarmündung=:
+Cisticola cisticola cisticola+
+Hirundo daurica rufula+
+Hippolais olivetorum+
=Bis zum Fuß der Plaguša-Planina=:
+Lanius nubicus+
+Agrobates galactodes syriacus+
=Bis Veles=:
+Sitta neumayeri+
+Sylvia cantillans albistriata+
+Sylvia hortensis carassirostris+
+Monticola solitarius solitarius+
=Bis Üsküb=:
+Hippolais pallida elaeica+
+Oenanthe hispanica melanoleuca+
+Phylloscopus bonelli orientalis+
=Bis Vranje=:
+Cettia cetti+
=Bis Nisch=:
+Emberiza melanocephala+
+Calandrella brachydactyla moreatica+
+Lanius senator+
=Bis Palanka=:
+Budytes flavus feldeggi+
+Falco naumanni naumanni.+
Ebenso allmählich sehen wir den faunistischen Übergang in umgekehrter
Richtung sich vollziehen, wenn wir von den mitteleuropäischen Formen
ausgehen und deren südliche Verbreitungsgrenzen feststellen. Hierbei
fällt auf, daß Arten, welche bei uns auch oder ausschließlich in den
Niederungen brüten, mit zunehmender Annäherung an die mediterrane
Klimaprovinz das Flachland mehr und mehr räumen, um sich dafür im
kühleren Gebirge anzusiedeln. Im mittleren Mazedonien sind diese
Verhältnisse schon scharf betont. Dort brüten nicht im Tiefland und der
submontanen Region, sondern
a) ausschließlich in den Wäldern der montanen, ja oft sogar in denen
der subalpinen Region:
+Serinus canaria serinus, Fringilla coelebs, Emberiza citrinella,
Emberiza cia, Anthus trivialis, Certhia familiaris, Certhia
brachydactyla, Ficedula albicollis, Phylloscopus collybita, Turdus
philomelos, urdus viscivorus, Turdus merula, Erithacus rubecula+;
b) nur in der alpinen Region:
+Alauda arvensis, Saxicola rubetra, Prunella modularis, Phoenicurus
ochruos gibraltariensis.
Die Nordgrenze Serbiens bildet annähernd die südliche
Verbreitungsgrenze für:
+Budytes flavus flavus+
+Phylloscopus trochilus trochilus+
+Hippolais icterina+
+Sylvia hippolais hippolais+.
Bis zur Südgrenze geschlossener Fichtenwaldungen (Kopaonik-Planina,
vielleicht sogar Schardakh) reicht das Brutgebiet vieler echter
Nadelwaldbegleiter:
+Spinus spinus+
+Parus cristatus+
+Parus atricapillus assimilis+
+Tetrao urogallus+
+Nucifraga caryocatactes+
+Picoides tridactylus+
+Cryptoglaux funerea+
+Pyrrhula pyrrhula+.
Es sind ferner nach unserer Kenntnis verbreitet:
=Bis zum Fuße des Schardakh=:
+Picus canus canus+
+Dryobates major pinetorum+.
=Bis zur Golesniza bzw. Babuna Planina=:
+Emberiza citrinella+
+Certhia familiaris+
+Prunella modularis+
+Ficedula albicollis+
+Jynx torquilla+
+Turdus philomelos+
+Phylloscopus collybita+
+Phylloscopus sibilatrix+
+Phoenicurus phoenicurus phoenicurus+
+Columba oenas oenas+.
=Bis zur Linie Belasiča Planina -- Mala Rupa -- Baba Planina=:
+Parus communis+
+Saxicola rubetra+
+Alauda arvensis+.
=Bis zur Wardarmündung=:
+Passer montanus+.
=Bis Nordgriechenland=:
+Sturnus vulgaris+.
Neben einer südöstlichen Einwanderung (von Kleinasien her) und einer
nördlichen (von Mitteleuropa her) hat auf der Balkanhalbinsel nach
aller Wahrscheinlichkeit auch eine solche von Nordosten, d. h. von den
Tiefländern am Nordrand des Pontus her bestanden. Die Mehrzahl der
Arten, die wir hierzu rechnen, hat die doppelte Schranke, welche ihnen
Balkan-Gebirge und Thrakische Masse auf ihrem nach dem Adriatischen
und Ägäischen Meer gerichteten Vordringen entgegenstellten, nicht zu
überwinden vermocht. Zu den wenigen, die bis nach Mazedonien gelangten,
gehören vielleicht +Melanocorypha calandra+, +Lanius minor+, +Falco
vespertinus+, +Asio flammeus+, +Otis tetrax+.‟
Auch über den Vogelzug konnte manche Beobachtung gemacht werden. Es
ist wohl keine Frage, daß eine wichtige Zugstraße durch Mazedonien
führt. Manche Vögel, die hier vorkommen, müssen aus den verschiedenen
Gebieten des Nordens stammen. Bei manchen ist wohl mit Sicherheit
anzunehmen, daß sie nordrussischer Herkunft sind. So erscheinen mit
großer Regelmäßigkeit als Wintergäste in Mazedonien der Bergfink, die
Singdrossel sowie +Falco columbarius aesalon+ und +Anser albifrons+.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß im Frühjahr die Vögel kaum früher
ankommen als in Mitteleuropa. Die Mehrzahl der Zugvögel kommt bei
Monastir, Veles und Üsküb kaum 14 Tage früher als bei Wien oder München
an, oft ist der Unterschied noch geringer.
Beim Herbstzug zeigt sich dagegen ein gewisser Unterschied, indem in
Mazedonien die Vögel länger zögern. Manche Art, wie z. B. +Sylvia
hippolais+, +Sylvia atricapilla+, +Sylvia curruca+, +Saxicola
rubetra+ findet man noch im Lande, nachdem sie aus Mitteleuropa schon
wochenlang vollkommen verschwunden sind. Regelmäßig überwintern, von
den spezifisch südosteuropäischen Arten und +Phylloscopus collybita+
abgesehen, in Mazedonien ungefähr dieselben Arten wie am Niederrhein.
Das ist ein Unterschied gegenüber Griechenland mit seinem maritim
beeinflußten Klima, wo z. B. die Mönchsgrasmücke und +Phylloscopus
trochilus+ den Winter in großen Scharen zubringen. Manche Arten
scheinen auch auf Frühjahrs- und Herbstzug länger Station in Mazedonien
zu machen. Ich erwähnte in einem früheren Kapitel die ungeheuere
Menge von Wildgänsen und Enten, die einige Wochen vor Weihnachten im
Wardartal und an den Seen verweilten, ehe sie definitiv verschwanden.
Von den Beobachtungen, welche Professor _Müller_ über die _Reptilien_
und _Amphibien_ in Mazedonien gemacht hat, habe ich in den früheren
Kapiteln schon manches angeführt. Ganz interessant waren seine
Feststellungen, daß manche Arten, die früher für Varietäten gehalten
wurden, hier so konstant gemeinsam miteinander vorkommen, ohne daß man
je eine Kreuzung antrifft, daß seine Befunde wohl sicher als Beweise
dafür dienen können, daß es sich um gute Arten handelt. Das gilt z.
B. für die große Smaragdeidechse (+Lacerta major+ Blgr.), welche sehr
häufig mit +Lacerta viridis+ Laur., gemeinsam lebt. Auch für die
gestreifte mazedonische Eidechse gilt dies, die mit der eigentlichen
Mauereidechse in großer Anzahl auf demselben Gelände vorkommt, sobald
man über 500 m in die Höhe steigt. Prof. _Müller_ hat das besonders
am Babunapaß schön beobachtet, wo beide Arten auf den Steinen des
Izvorsticabaches durcheinander wimmelten, ohne daß man auch nur eine
einzige Zwischenform finden konnte. Es handelt sich in dieser Eidechse
um eine Lokalform einer hauptsächlich auf den Cykladen lebenden
Eidechsenart. Jene Art hat den Namen +Lacerta milensis+ de Bedr.; der
mazedonischen Form wird Prof. _Müller_ einen neuen Namen geben.
Sehr interessant waren folgende Eidechsenfunde von uns: +Lacerta
agilis+ auf dem Peristeri, was den südlichsten bisher bekannten Fundort
darstellt. Ebenso die Entdeckung von +Lacerta vivipara+ und der
Schlange +Vipera macrops+ im Schardakh. Dort haben wir ja auch +Rana
temporaria+ gefunden.
Im Babunagebiet fand sich +Ablepharus pannonicus+. Sonst sind die
interessanten Funde meist in früheren Kapiteln besprochen worden.
Im allgemeinen besteht die Reptilien- und Amphibienfauna aus Formen,
die auch in Mitteleuropa vorkommen. Südliche Elemente unter den
charakteristischen Bewohnern Mazedoniens sind +Rana graeca+, +Molge
vulgaris graeca+, +Clemmys caspia rivulata, estudo graeca und ibera+,
+Gymnodactylus kotschyi+, +Ophisaurus apus+, +Lacerta major+, +Lacerta
milensis+, +Typhlops vermicularis+, +Eryx jaculus+, +Zamenis dahli+,
+Coluber leopardinus+, +Coluber quatuorlineatus+, +Tarbophis fallax+,
+Coelopeltis monspessulana+, +Vipera ammodytes+ (Abb. 268).
Soweit wir feststellen konnten, gehen von diesen Formen im Wardartal
nur folgende nordwärts über Demir Kapu hinaus: +Molge vulgaris graeca+,
+Testudo graeca+ und +Testudo ibera+, +Lacerta major+ und +milensis+,
+Coluber quatuorlineatus+ und +Vipera ammodytes+.
Von östlichen Formen sind hervorzuheben: +Lacerta taurica+, +Ablepharus
pannonicus+ und +Zamenis caspius+. Auch der große Lachfrosch kann als
östliche Form angesprochen werden.
Eine vollständige Liste der von uns beobachteten Amphibien und
Reptilien ist im Anhang zu diesem Kapitel verzeichnet.
[Illustration: Dr. _Opitz_ phot. Abb. 268. Sandviper (+Vipera
ammodytes+ L.) n. d. Leben.]
Auch den Süßwasserfischen konnten wir aus mancherlei Gründen kein allzu
vertieftes Studium widmen. Immerhin wurden eine ganze Anzahl Fische
erbeutet, die sich auf 5 Familien, 14 Gattungen verteilten und 20 Arten
angehörten. Sie wurden bei Schilderung des Fanges in den einzelnen
Kapiteln schon erwähnt und zum Teil in Lebensgewohnheiten geschildert.
Eine Liste ist in den Anmerkungen zu diesem Kapitel angeführt. Aus ihr
geht hervor, daß es sich wesentlich um Formen mitteleuropäischer und
Mittelmeerflußgebiete handelt.
ACHTUNDDREIZIGSTES KAPITEL
Ochrida
Die Stadt _Ochrida_ und der blaue See, an dem sie liegt, galt in der
Armee als der Glanzpunkt von Mazedonien. Jeder, der ihn dienstlich
hatte sehen dürfen, wurde beneidet, und als im Sommer des Jahres 1918
den Offizieren Erholungsausflüge im Bereich des Kriegsschauplatzes
gewährt wurden, war Ochrida das beliebteste Ziel. Das verdiente
es auch, denn mit der reizvollen Lage der Stadt verband sich die
Schönheit des Sees und ein angenehmes Klima. Dazu kam der Reichtum an
historischen Erinnerungen, welcher die Stadt zu einem Nationalheiligtum
der Bulgaren machte.
Der Weg nach Ochrida, welcher gewöhnlich eingeschlagen wurde, führte
vom Endpunkt der Feldbahn in Lera, am Nordende des Prespasees vorbei
über die Stadt _Resna_. Diese flach in der Ebene nördlich des
Prespasees gelegene Stadt war von reichtragenden, gut bewässerten
Feldern und Gärten umgeben. Sie wurde als Geburtsstadt _Enver Paschas_
bezeichnet. Doch war auch sie von vielen Bulgaren bewohnt und oft
ein Zentrum nationaler Bewegungen gewesen. Von ihr aus führte eine
ganz ordentliche Straße über das _Petrinagebirge_, welches in einer
Paßhöhe von etwa 900 m überschritten wurde. Dort war ein stattlicher
Buchenwald, der in der Höhe von Tannen abgelöst wurde. Auch dies
Gebirge machte einen interessanten Eindruck und es wäre eine lockende
Aufgabe gewesen, seinen Übergang ins Gebiet des Tomoros zu verfolgen.
Doch hieß es diesmal eilen; denn von Ochrida hatten in Resna aufregende
Nachrichten uns ereilt.
Die Feinde hatten wieder einmal am schwächsten, westlichen Flügel
unserer Stellungen, an der albanischen Grenze, eine Offensive
eingeleitet. Diese hatte bei den schwachen österreichischen Truppen,
welche diesen Flügel hielten, kaum Widerstand gefunden. Zwei
französische Divisionen sollten im Vorrücken sein und hätten schon
Pogradeč und damit das Südende des Sees in Händen. So sollte auch
dieser See mir nur teilweise zugänglich sein. Da galt es zu eilen, um
überhaupt noch Forschungen auf dem See durchführen zu können; denn die
Feinde sollten heftig weiter vorstoßen. Einen sehr deprimierenden
Eindruck hatte mir der österreichische Kommandant gemacht, den ich
im Offiziersheim in Resna auf der Flucht angetroffen hatte. Er hatte
offenbar nach seiner Niederlage vollkommen Nerven und Besinnung
verloren und war abgesetzt und zurückbefohlen worden.
[Illustration: OCHRIDA, von Osten über die Seebucht.]
Sehr gespannt auf die Zustände, die ich in _Ochrida_ antreffen sollte,
setzte ich meine Fahrt mit möglichster Beschleunigung fort. Die Straße
hatte an den Abhängen des Gebirges einen großen Bogen nach Norden
gemacht. Bei der Fahrt das Gebirge abwärts verfolgten wir das schöne
Tal der _Opinča_ eine längere Strecke. Dieser starke, klare Bach fließt
rauschend zwischen Steinblöcken dem Ochridasee zu; seine malerischen
Ufer sind von stattlichen Pappeln und Weiden bestanden. Zahlreiche
_Wasseramseln_ flogen über sein Wasser von Stein zu Stein, von unserem
Wagen aufgeschreckt. Wir hatten auf unserer Fahrt ein gut Stück der
römischen _Via Egnatia_ befahren.
Trotz allen Staubes und der herbstlichen Trockenheit machte die
Umgebung von _Ochrida_ einen freundlichen Eindruck, als die Stadt sich
vor uns erhob; ein großer Teil von ihr bedeckte die Hänge eines steil
ansteigenden Hügels, die von den Mauermassen einer großen türkischen
Festung gekrönt sind. Wie schön leuchtete uns die blaue Fläche des Sees
zwischen den weißen Mauern entgegen, als er endlich vor uns auftauchte.
Das war nun wirklich ein blauer See. Er war blauer als der Gardasee, so
blau wie die Adria oder der indische Ozean. Er versprach mir Wunder von
Schönheit, als ich etwas erregt in die belebten, von Truppen wimmelnden
Straßen der Stadt einfuhr.
Es war für Mazedonien eine große Stadt, auch zur Zeit meines Besuchs
muß sie über 10000 Einwohner beherbergt haben. Das Auto fuhr mich
durch die holprigen Straßen bis an den Hafen herunter, wo sich ein
prachtvoller Blick auf die weite Fläche des Sees und die blauen Berge
eröffnete, die ihn umrahmen.
_Ochrida_ spielt in der Geschichte Mazedoniens eine nicht geringe
Rolle. Fast 900 Jahre lang war es der Sitz des bulgarischen
Patriarchen. Im 10. Jahrhundert war es die Hauptstadt des damals einen
großen Teil der Balkanhalbinsel umfassenden bulgarischen Reiches.
Auch der letzte bulgarische _Zar Samuel_ residierte hier; nach der
Vernichtung des bulgarischen Reiches durch den byzantinischen Kaiser
_Basileios II Bulgaroktonos_ verlor Ochrida jede politische Bedeutung.
Aber es behielt für den Balkan ein großes kirchliches Ansehen, denn
sein Erzbischof blieb das unabhängige Oberhaupt der bulgarischen Kirche
und nannte sich als solches Patriarch „von ganz Bulgarien, Serbien,
Albanien und dem westlichen Meere‟. Das hatte allerdings oft nur
bildliche Geltung.
[Illustration: Abb. 269. Oberstadt von Ochrida.]
Die historische Bedeutung der Stadt spricht sich in dem Bestand von
altbulgarischen kirchlichen Gebäuden aus, an denen Ochrida und seine
Umgebung reich ist. Schon gleich bei meiner Ankunft bekam ich den
Eindruck des Überwiegens bulgarischer Bevölkerung. Die Namen der Listen
des Quartieramtes waren zumeist bulgarisch. Auch mein Quartierwirt war
Bulgare mit Namen Kazareff, doch stellten die Frauen des Hauses sich
als _Aromunen_ heraus. Die Männer aus ihren Familien waren wegen der
Bedrückungen vor Jahren nach Rumänien ausgewandert. Auch die Nachbarn
waren Aromunen und in ihrem Haus sah ich die schönste Frau, die ich auf
dem Balkan angetroffen habe; es war eine stolze, schlanke Erscheinung
mit schönen Gesichtszügen, großen dunklen Augen, braunem Haar und so
eigenartig geschmackvoll gekleidet, daß sie auffallen mußte. Ich hatte
den Eindruck, daß griechisches oder römisches Blut in ihren Adern
fließen müsse.
Außer Aromunen spielen Albaner in der Bevölkerung von Ochrida eine
große Rolle; nächst den Bulgaren sind sie an Zahl vorherrschend. Jetzt
nach der Besetzung durch die verbündeten Truppen wagten sie sich nicht
mehr hervor, früher hatten sie die Christen in Ochrida sehr schlecht
behandelt, gequält und geknechtet, wie noch aus Berichten aus den
Jahren 1889 und 1904 hervorgeht.
Mein Quartier war besonders schön und günstig gelegen; es war ein
großer Saal in einem stattlichen Haus am Hang des Vorgebirges, an
welchem die Stadt am weitesten in den See hineinreichte. Aus den großen
Fenstern hatte ich einen prachtvollen Blick über einen Teil der Stadt,
auf den Hafen und weithin über den See hinaus. Die Einrichtung war die
übliche, doch auffallend gut erhalten und reinlich, die Wirte ganz
besonders freundlich.
[Illustration: Abb. 270. Hafen von Ochrida mit „Auslegerbooten‟.]
Verpflegung fand ich in der österreichischen Offiziersmesse, Hilfe
für wissenschaftliche Untersuchungen in dem kleinen Laboratorium des
österreichischen Lazaretts. Von den Zuständen, die ich dort vorfand,
muß ich einiges erzählen, da sie so außerordentlich charakteristisch
sind und deutlich zeigen, warum Österreich im Krieg nicht durchhalten
konnte.
Die Offiziersmesse der Österreicher lag dicht am Hafen; sie war nett
und sauber eingerichtet; man merkte die Frauenhand, die in ihr waltete.
Bei der ersten Mahlzeit lernte ich in der Leiterin eine Grazerin,
Tochter eines mir wissenschaftlich bekannten Zoologen kennen, die
mit großer Energie nicht nur diese Verpflegungsanstalt in Ordnung
hielt, sondern auch mit einer anderen österreichischen Frau tapfer
in dem Lazarett mitarbeitete. Abends hatte man Gelegenheit mit den
österreichischen Offizieren zu sprechen, welche alle mutloser und
zielloser waren als diese Frauen; weniger bereit auszuharren als
diese. Offenbar war die Leitung an dieser Front energielos und unfähig
gewesen. Malaria und andere Seuchen hatten die Truppen sehr geschwächt;
bei vielen Abteilungen waren 60-80% der Mannschaften krank. Die
sanitären Maßregeln wurden bei weitem nicht so streng und konsequent
durchgeführt als bei den deutschen Truppen.