Die weiten Wiesen bilden eine gute Weide für Pferde und Rinder

und so waren sie damals von großen Herden von Rindern, Eseln,

Maultieren, Pferden und Büffeln belebt, was nicht wenig zum Reiz des

Landschaftsbildes beitrug. Gruppen von Pferden oder Stieren sah man oft

im seichten Wasser des Strandes stehen und da saufen, Büffel in den

tieferen Tümpeln sich suhlen und der Kühlung im Wasser erfreuen.

Dazwischen stolzierten Reiher; Uferläufer, Sichelschnäbel, Brachvögel,

Enten und Gänse suchten sich zwischen Gras und Schilf ihre Nahrung.

Kraniche und Störche fanden sich zahlreich ein, dazu Purpurreiher,

Fischreiher, Löffelreiher und auch hier die schönen Edelreiher.

Unendliche Mengen von Fröschen erhoben ihre Stimmen vor allem in den

Abendstunden. Ringelnattern von verschiedenen Formen schwammen im

Wasser oder huschten durch das Schilf.

Nicht selten hörte man die dröhnende Stimme der Rohrdommeln ertönen,

Rallen, Schnepfen, Brachvögel und Bekassinen liefen am Strand

entlang. Daß auch hier Rohrsänger und Rohrweihen häufig waren, wie am

Katlanovosee, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch Nachtreiher wurden

beobachtet.

Daß es in dem sumpfigen Gelände nicht leicht war, an die Vögel

heranzukommen und die erlegte Beute auch zu sichern, ist verständlich.

So wurden dort mehr Tiere beobachtet als erbeutet. Leichter war es

auf den Motorbootfahrten an die Tiere heranzukommen. Durch Schilf,

Buschwerk und tote Bäume, die als Zeugen des Wachstums des Sees aus

dem Wasser hervorragten, fanden die flotten Seeleute als Führer der

Motorboote geschickt ihren Weg. Unsere Motorboote auf dem Prespasee

waren besonders gut und rasch und da sich die feindlichen in diesen

Tagen selten auf dem See zeigten, konnten wir es wagen, uns weit nach

Süden in den schönen, bergumgebenen Teil des Sees zu begeben und dahin

unsere Untersuchungen auszudehnen.

Daß wir dabei von den Feinden nicht unbemerkt blieben, erfuhr ich erst

später auf der Rückreise in Prilep, wo unser Nachrichtenoffizier mir

belauschte Gespräche des Feindes über die seltsamen Manipulationen

auf dem Prespasee erzählte. Sie hatten sich allerlei Gedanken über

Minenlegen u. dgl. gemacht, während wir harmlos loteten und die

Planktonnetze ins Wasser senkten.

Vor allem war es schön in der Abendstimmung an die Felsenhänge oder

gegen die Insel heranzufahren und bei aufglühendem Himmel über

den milchblauen See zu steuern, auf dem tausend Reflexe von den

vielfarbigen Wolken wiedergestrahlt wurden.

Reizvoll war die Rückfahrt durch die Schilfinseln. Dort sammelten sich

hunderte von _Kormoranen_ [+Phalacrocorax carbo subcormoranus+ (Brehm)]

und der Zwergscharbe (+P. pygmaeus+ Pall.) auf den toten Bäumen an,

die ihnen als Schlafbäume dienten (Abb. 263). Aus dem Schilf trieb das

Geräusch unseres Bootes die verschiedensten Entenarten, Wasserhühner,

Taucher auf. Ja stolze _Pelikane_ sahen wir einige Male in der Ferne

wie duftige Wölkchen über dem Wasser schweben. Auch Adler, Fischadler

und Seeadler zogen in großen Kreisen ihren Schlafbäumen in den

Sumpfwäldern zu, aus denen Fledermäuse sich erhoben und über dem See

Insekten jagten.

[Illustration: Abb. 263. Schlafbäume der Kormorane im Prespasee.]

Daß mein Sammler tagsüber am Ufer manches von Insekten und Spinnen

erbeutete, ist selbstverständlich. Schmetterlinge und Käfer, Wanzen und

Heuschrecken, Ameisenlöwen und vor allem zahlreiche Libellen wurden

erbeutet.

Bemerkenswert, weil bezeichnend dafür, wie abhängig man beim

zoologischen Beobachten vom Zufall ist, oder vielmehr von der Zeit und

der Örtlichkeit, an die man gerade gerät, ist die Tatsache, daß ich

damals im Juli 1918 am Prespasee kaum solitäre Bienen beobachtete,

während ich bei meinem ersten Besuch, am 22. Aug. 1917, in den

Niederungen nördlich vom See, deren eine Menge fing. So erbeutete ich

damals allein neun echte +Halictus+-Arten, darunter +H. morbillosus+

Kriechb., eine typisch östliche Art, welche von Ungarn bis weit nach

Kleinasien vorkommt. Vielfach waren es zweite Generationen, die gerade

jetzt zur Stelle waren, so z. B. von +Andrena carbonaria+ Scop. Außer

den solitären gab es damals auch zahlreiche Honigbienen, und zwar die

gewöhnliche deutsche Biene und die griechische (+Apis mellifica+ var.

+cecropia+ L.).

Wir anderen, vor allem Dr. _Nachtsheim_, waren unterdessen mit

Untersuchungen auf dem See beschäftigt. Hier zeigte sich, wie im

Doiransee, ein großer Reichtum an _Algen_ im Wasser. Auch Peridineen

in großer Zahl traten auf. Das _tierische_ Plankton war reich vor

allem an _Krebsen_. Unter ihnen waren +Daphniden+ und +Copepoden+ etwa

gleich stark vertreten. Unter letzteren traten +Diaptomiden+ besonders

hervor. +Diaptomus Steindachneri+ kam in verschieden großen Rassen vor.

Ähnlich wie im Doiransee gab es hier auch eine schöne, durchsichtige

Form von +Leptodora+. Sie war aber nicht sehr reichlich vorhanden,

trat hauptsächlich in Fängen aus Tiefen von 5-12 m auf, weniger an

der Oberfläche. Auch hier waren Muschellarven in Mengen im Plankton

vertreten.

Daß in diesem See bei der geringen Tiefe, die er erreicht, keine

solche Variation in den Fängen durchgeführt werden konnte, wie im

Ochridasee, ist zu verstehen. So nahmen wir uns vor, nach diesen ersten

Feststellungen zu anderen Jahreszeiten wiederzukehren. Das hätte

interessante Resultate versprochen. Leider kam der Rückzug dazwischen

und verhinderte die beabsichtigte Vertiefung unserer Seenforschungen

auf allen vier Seen Nordmazedoniens.

SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL

RITT ÜBER DEN TOMOROS.

War es auch nur ein flüchtiger Ritt, den ich durch das _Tomorosgebirge_

machen konnte, ich werde nie bereuen, die Anstrengungen auf mich

genommen zu haben, um einen Blick in das ganz eigenartige Gebirge

zu tun. Schon die Aussichten, welche mir beim Anstieg auf den

_Prespasee_, beim Abstieg auf den _Ochridasee_ zuteil wurden, gehören

zu den schönsten landschaftlichen Eindrücken, welche ich von diesen

malerischen Seen Mazedoniens mitgenommen habe.

Vor Tagesanbruch stand mein Wagen vor meinem Quartier in _Podmocani_ an

der Nordostecke des Prespasees bereit; ich hatte eine lange Fahrt um

das ganze Nordende des Sees vor mir, ehe ich in _Volkoderi_ an seiner

Nordostecke anlangte, wo mich früh 6 Uhr Reitpferde erwarten sollten,

welche mir der Stab der oben auf dem Tomoros liegenden bulgarischen

Division versprochen hatte.

[Illustration: Abb. 264. Nordostende des Prespasees.]

Ich hatte einen großen Bogen um das Sumpfland durch die Parklandschaft

zu machen, ehe ich an den Fuß der Berge gelangte. Im Morgendunst bot

der silbrig glänzende See manchen reizvollen Blick. Während die Berge

im Osten im Nebel verschwanden, stiegen die Gebirge und die Halbinsel

Vakufče im Westen dunkelblau aus dem See empor. Ganz köstlich hoben

sich die Silhouetten von langen Pappelreihen und mächtigen Ulmengruppen

vom Silberspiegel des Sees ab, wenn wir um sie und sein Wasser

nordwärts ausbiegen mußten.

Als nun im Osten die Sonne heraufstieg, vergoldete sie die kahlen

Flanken des _Tomoros_, der immer höher vor uns sich erhob. Immer weiter

streckte sich das Vorgebirge in den See hinaus, in der Ferne erkannte

man bloß die Umrisse der Insel mit dem Kloster Sv. Peter. Schluchten

wurden an den Abhängen des Berges vor uns sichtbar und zeigten uns

einen schwierigen Weg zu den Wäldern in der Höhe an. Indem wir jetzt

die Hügel hinanfuhren, tauchten auch im Süden schön geformte Berge auf,

welche die Nordwestecke des Sees als Bucht vor uns abschlossen.

Wundervolle Blicke auf den blauenden See wechselten in reicher Fülle

ab, als ich und mein Kamerad, Leutnant _Müller_, der Weggenosse bei der

Peristeribesteigung, nun zu Pferde die Vorberge hinanritten. Wir hatten

zunächst kahles, menschenleeres Gelände zu durchreiten; ehe wir bei

_Pescani_ den Ochridasee erreichten, trafen wir auf keine menschliche

Siedelung mehr.

Nach 1½stündigem Ritt gelangten wir durch niederes Eichengebüsch in ein

schön bewaldetes Tal. Sehr bemerkenswert war schon hier der Mangel an

Wasser. Alle Schluchten lagen trocken, keinen Quell trafen wir an. Der

Wald, obwohl er stattliche Bäume enthielt, blieb licht und enthielt

reichlich Unterholz. Er war hauptsächlich aus Buchen zusammengesetzt.

Schöne grüne Waldwiesen waren reichlich in ihn eingefügt.

Auf ihnen tummelte sich eine formenreiche Insektenwelt. An den heißen

Hängen des Tomoros fiel die Farbenpracht vieler Insekten besonders auf.

Groß war der Reichtum an _Bläulingen_; unter ihnen gab es nicht nur

leuchtend blaue Arten, sondern auch die rotgolden blinkenden Formen

und jene mit den eigenartigen Fortsätzen an den Flügeln. Ich nenne von

ihnen +Thekla spini+ Schiff., +Th. ilicis+ Esp., +Chrysophanus virga

aurea+ L., +Lycaena argus+ L., +L. astrarche+ Bgstr., +L. admetus+ Esp.

Diese Reihe von Namen soll einen Begriff von dem Formenreichtum geben,

der unter diesen farbenprächtigen Faltern hier vertreten war.

Von Käfern waren besonders auffallend die grüngolden schimmernden

_Rosenkäfer_ (+Cetonia aurata+ var. +tumiicta+ Reit. und var.

+viridiventris+ Reit.). In dem gemischten Bestand von Buchen, Eichen,

Ahorn und Linden fanden sich manche von den Bäumen abhängige Käfer, wie

der schöne gefleckte _Alpenbock_ (+Rosalia alpina+ L.).

Um beobachten und sammeln zu können, banden wir unsere Pferde zeitweise

an Sträucher oder Bäume an, in deren Umgebung sie reiche Weide fanden.

So kamen wir langsam unter manchen interessanten Beobachtungen in die

Höhenzone, in der der Wald allmählich abnahm. Buschwerk löste ihn ab,

zwischen welchem sich hier und da ein höherer Baum erhob.

[Illustration: Abb. 265. Karstlandschaft im Tomoros.]

Nun gelangten wir allmählich in eine ganz eigenartige Landschaft,

in welcher wir jetzt für anderthalb Tage blieben. Das Gebirge des

Tomoros ist zum großen Teil aus Kalk aufgebaut. Und zwar trägt es einen

ausgesprochenen _Karst_charakter. Dem entspricht die Trockenheit und

Wasserarmut. Vor allem aber ist die Oberfläche des Gebirges von einer

ganz seltsamen Struktur.

Kahl dehnen sich weite Flächen vor den Augen aus, grell von der Sonne

bestrahlt. Aber die Eintönigkeit der Oberfläche ist von einer Unmenge

von Schattenflecken unterbrochen, welche eine eigenartige Modellierung

verraten. Löcher und Trichter sind oft seichter, oft tiefer in den

Boden eingesenkt und verraten die eigenartigen Kräfte, welche hier an

der Bodengestaltung tätig sind. Es ist eine echte _Karstlandschaft_ mit

ihren _Dolinen_, den Einsturztrichtern, die, mit Vegetation erfüllt,

dunkel von der dürren, weißblinkenden Kalksteinfläche sich abheben.

_Karst_ traf ich hier während meinen mazedonischen Wanderungen zum

ersten Male in größerer Ausdehnung an. Diese Gebirgsform ist im Inneren

der Balkanhalbinsel nicht allzu häufig, während sie im Westen eine

große Rolle spielt. In Istrien, Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina

ist sie vorherrschend. Speziell in Südkrain, dessen Gebirge sie den

Namen verdankt, ist diese Formation verbreitet. Ihre Dolinen, Höhlen,

im Boden versinkenden und plötzlich als mächtige Flüsse hervortretenden

Bäche haben sie berühmt gemacht. In kleinerem Maßstab hatte ich früher

Karstlandschaft in der _Golesniza Planina_ angetroffen und im 26.

Kapitel beschrieben.

Eine solche _Karstlandschaft_ füllt nun den zentralen Teil des

Tomorosgebirges aus. Ringsum dehnt sich steiniges Gebiet, hier und da

durch die dunkeln Laubmassen von Gehölzen und Gebüschen unterbrochen.

Es waren zum Teil Bilder von großer malerischer Schönheit, welche ich

durchritt, um die Gipfelregion zu erreichen.

Hell flimmerte die Sonne auf den weißen Kalktrümmern der Oberfläche,

zwischen denen saftig grüne Rasenflächen und dichte Polster einer mehr

und mehr alpin erscheinenden Pflanzenwelt sich ausbreiteten.

So war der Charakter der Landschaft, in welcher sich die Stellungen

der bulgarischen Division hinzogen, in deren Stab ich mit meinen

Begleitern gastliche Aufnahme fand. Ein kleines Tälchen, in der Höhe

von etwa 1900 m gelegen, überragt von den Gipfelspitzen des Gebirgs,

beherbergt die Hütten, die auch hier praktisch im Windschutz angelegt,

mit Heizungseinrichtungen für den Winter versehen, uns aufnahmen.

Obwohl es 22. Juli war, herrschte in der Höhe eine erfrischende Kühle,

die bulgarischen Offiziere, welche uns sehr freundlich begrüßten,

zeigten auch hier starkes Interesse für meine Forschungen. Ja,

einer von ihnen sammelte sogar Insekten. Mit ihm machte ich noch

am Nachmittag Streifzüge in der außerordentlich interessanten und

reizvollen Umgebung.

Es gab viel auf- und abzuklettern; denn Hügel, Felsen, Schluchten

und Tälchen wechselten beständig miteinander ab. Die Quartiere lagen

noch etwas unterhalb der Waldgrenze, so daß Hügel und Schluchten noch

stattliche Buchen trugen. Eine reiche Pflanzenwelt wuchs zwischen dem

Geröll, Doldenpflanzen, Disteln, Glockenblumen, Königskerzen waren in

mannigfachen Arten vertreten. Leider hatte ich diesmal keinen Botaniker

bei mir, so daß ich keine genauen Angaben über die sicher sehr

interessante Pflanzenwelt der Gipfelregion des Tomoros machen kann.

[Illustration: Abb. 266. Hochmatten im Tomorosgebirge.]

Südwärts von den Stellungen der Bulgaren erhoben sich noch höhere

Gipfel, die teils noch zum _Tomoros_, teils zum anschließenden Gebiet

des _Malisat_ gehörten. Dort drüben lagen französische Truppen. So war

es nicht möglich, viel weiter südlich vorzudringen. Zwar reizten die

schönen klaren Formen der Berge, verklärt vom abendlichen Licht, die

Sehnsucht des Naturforschers. Aber die Zeit war mir knapp zugemessen;

ich mußte am nächsten Abend in Ochrida ankommen.

Es war ein langer, ermüdender Weg, der am nächsten Morgen uns im

Fußmarsch in westlicher Richtung das Gebirge hinab zu dem schönsten

See Mazedoniens führte. Auch abwärts führte der Weg zunächst durch

typisches Karstgebiet. Hier trafen wir eine Anzahl typischer Dolinen

an, tiefe trichterförmige Einsenkungen in den Boden, welche im Grund

von üppiger Vegetation erfüllt waren. Kahle Kalkbuckel in unendlicher

Folge, mit einer gewissen Regelmäßigkeit angeordnet, erzeugten

Landschaftsbilder von einer so phantastischen Eigenart, daß man sich

auf einen fremden Weltkörper versetzt glauben konnte.

Vertrauter wurde das Landschaftsbild in der Region hochstämmigen

Buchenwalds, dessen Waldwiesen wiederum reich an Insekten waren. Auf

alten Eichen kam hier der _Eichenbock_ (+Cerambyx cerdo+ L.) vor; dort

fand sich auch der mächtige +Proceros gigas+ L. Von Schmetterlingen gab

es hier und weiter oben eine Anzahl Gebirgsformen und typisch südliche

Arten. Ich erwähne den _Scheckenfalter_ (+Melanargia larissa+), eine

gelb und weiße Form ähnlich der +taurica+. Zwei schöne _Augenfalter_

flogen hier (+Satyrus hermione+ L. und +S. briseis minor+ Oberth.), ein

südliches Tier. Wie am Peristeri kam +Actaea cordula+ Fabr. vor und

als charakteristische Hochgebirgsform +Epinephele lycaon+ Rott, ein

Verwandter unseres _Sandauges_.

Auch hier flatterten ähnliche _Bläulinge_, wie ich sie beim Aufstieg

angetroffen hatte, und zwischen ihnen dickköpfige Hesperiden, so

+Hesperia cinare+ Rbr. und +Carcharodes altheae+ Hb. Als wir den Wald

verließen, strahlte tief unter uns zum ersten Male der blaue Spiegel

des Ochridasees auf. Steinige, schwach bebuschte Buckel bildeten den

Vordergrund, hinter welchem still und klar der See sich breitete,

den im Westen die Ketten der albanischen Berge abschlossen. Wie eine

italienische Landschaft lag das Uferland vor uns; große weiße Wolken

schwebten am westlichen Himmel.

Das Städtchen _Pescani_ am Ostufer des Ochridasees war unser Ziel;

dort sollte uns ein Motorboot aus Ochrida erwarten. So mußten wir aus

der Gipfelregion des Tomoros ein gut Stück nordwärts wandern, um nicht

in das Gebiet der feindlichen Front zu geraten. In diesem einsamen,

menschenleeren Gebiet wäre ein Abirren gefährlich gewesen. Doch bald

erkannte ich bekannte Gegenden und konnte die Führung übernehmen.

Ein steiler Weg führte uns über einen gut angebauten Hügel mit meist

abgeernteten Feldern, schönen Gruppen von Ulmen und Obstbäumen zu dem

malerischen Ort Pescani hinunter. Am Strand hatten wir eine Zeitlang

auf unsere Lasttiere zu warten, welche unsere Ausrüstung zu tragen

hatten.

Wir hatten uns dabei nicht zu langweilen; denn die Landschaft, die vor

uns lag, konnte sich mit den schönsten der Welt messen. Schon beim

Abstieg hatte das Südende des Sees, die Gegend von _Pogradec_ und _Sv.

Naum_ als prachtvolles Bild vor uns gelegen. Welch wundervollen Umriß

boten einander überschneidend die stolzen Pyramiden des Tomoros und

Malisat, von denen wir etwas Abstand gewonnen hatten. Vorgebirge in

Hügeln endend, ragten eines vor dem anderen in den dunkelblauen See

hinaus, jedes in sanften violetten Tönen das andere überbietend. Ein

leichter Wind warf blinkende Streifen über den See, in dessen Flut die

weißen Wolkenballen gespiegelt auftauchten. Und je mehr wir uns dem

Strand näherten, um so reizvollere Rahmen bildeten die Baumgruppen,

die Häuser von Pescani, die Schiffe im Hafen um die sonnendurchglühte

Landschaft.

In einstündiger Fahrt brachte das Boot uns nach Ochrida. Allmählich hob

sich die weißblinkende Stadt aus dem blauen Wasser vor uns empor mit

den Ruinen der alten Festung als Bekrönung des Stadtbergs über sich.

Die schön geformten albanischen Berge längs des Drintals gaben dem

farbigen Bild eine harmonische Abgrenzung.

Immer bunter wurde das Bild, je mehr Einzelheiten im Stadtbild sichtbar

wurden; Kirchen, Kuppeln, Türme tauchten auf; die weißen Mauern der

Häuser, die roten und grauen Dächer, die gelblichen Felsen stimmten

eigenartig zusammen mit der Fülle von Pappeln, Obstbäumen, Erlen und

Weiden, die hier selbst im Hochsommer die Seenähe in frischem Grün

erhalten hatte.

Seltsam stach von dieser Fülle von Farben das indigoblaue Wasser des

Sees ab, das gegen das Land hin heller und heller wurde und schließlich

mit einem leuchtend grünen Streifen an das von weißen Steinen besäte

Ufer grenzte. Von schönen Eindrücken erfüllt, warm von Sonne und

Schönheit, stiegen wir im Hafen von Ochrida ans Land.

SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DIE WIRBELTIERE MAZEDONIENS

Die einzige größere Tiergruppe, bei welcher schon ein allgemeiner

Überblick über unsere wesentlichen Forschungsresultate gegeben werden

kann, sind die Wirbeltiere. Unter ihnen treten die Säugetiere und

Fische an Zahl der Sammlungsexemplare und auch an Bedeutung der

wissenschaftlichen neuen an ihnen geförderten Ergebnisse zurück.

Dagegen haben die Sammlungen der Amphibien, Reptilien und Vögel

mancherlei interessante Funde und Tatsachen ergeben, die in diesem Buch

schon gebracht werden können. So lohnt es sich, sie hier in diesem

Kapitel knapp zur zusammenfassenden Darstellung zu bringen.

Aus ihr wird hervorgehen, daß wie stets ein solcher erster Vorstoß in

ein unbekanntes Land und eine im wesentlichen unbekannte Fauna nur

vorläufige Ergebnisse und viele neue Fragestellungen bringt. Vor allem

die Säugetierfauna bedarf noch sehr genauer Durchforschung, die viel

zum Verständnis der Verbreitung der Säugetierwelt Europas beitragen

dürfte. Zu einer rationellen Durchforschung der Säugetiere Mazedoniens

bedürfte es des Zusammenwirkens von Sportsleuten mit Wissenschaftlern,

um vor allem die Zugehörigkeit der Rehe, Hirsche, Gemsen, der Bären,

Wölfe, Schakale, der Wildschweine und all der Kleinsäugetiere zu

erweisen.

Nicht allzu reich waren die Erfahrungen, welche ich mit meinen

Helfern über die mazedonischen _Säugetiere_ sammeln konnte. Bei der

vielseitigen Tätigkeit, die sich auf wenig Mitarbeiter verteilte, kamen

die Säugetiere, deren Jagd und Beobachtung so zeitraubend ist, schlecht

weg. Immerhin gewann ich einen gewissen Einblick in die Säugetierwelt

Mazedoniens. Auch Prof. _Müller_ beschäftigte sich so viel wie möglich

mit diesen Tieren; seine Aufzeichnungen habe ich hier mit benützt.

_Fledermäuse_ flogen nicht selten in der Luft; ihre Schlafstellen in

den vielen Ruinen, in alten Bäumen, so in den hohlen Platanen des

Nikolatales und an anderen Orten, habe ich öfter abgesucht. Leider

fing ich im Bergwerk bei Rabrovo im Mai 1918 nur mehr einige Exemplare

von zwei Arten. Im Winter war nach Aussage der Soldaten der verlassene

Schacht von hunderten dieser Tiere erfüllt gewesen, die aber, als ich

in der Gegend ankam, ihn schon verlassen hatten.

Unter den _Nagetieren_ war die Hausmaus häufig; ich habe auch die

Waldmaus gesehen. Die Ratten waren teils Hausratten, teils wohl sicher

+Mus rattus alexandrinus+. Prof. _Müller_ hält die von ihm gesammelten

Tiere für von beiden abweichend. Eine weißgelbe Ratte mit dunkeln Augen

kam in Veles vor.

_Eichhörnchen_ sind auch in den ausgedehnteren Wäldern offenbar selten.

Ein schwarzbraun gefärbtes Exemplar im Sommerkleid wurde von Prof.

_Müller_ im Buchenwald oberhalb des Han Abdipasa im Babunagebirge

bei 1300 m Höhe erlegt. Vom _Ziesel_ (+Citillus citillus+ L.) war

im Kapitel 26 die Rede; auch in der Golesniza Planina, unserem dort

beschriebenen Fundort, handelt es sich offenbar um die typische Form.

Aber das Vorkommen in etwa 2000 m Höhe ist sicher bemerkenswert.

_Hasen_ gab es reichlich in den Ebenen und Hügeln Mazedoniens. Unsere

Offiziere und Soldaten haben ihrer viele erlegt; allein die Flieger im

Wardartal bei Dedeli haben in einem Winter ihrer über 100 zur Strecke

gebracht. In ganz Mazedonien kam ein großer, stattlicher Hase vor. Über

seine Zugehörigkeit kann ich noch keine näheren Angaben machen. Der

+Lepus europaeus mediterraneus+ kann es nicht sein, da dieser offenbar,

von Sardinien beschrieben, eine kleine Inselform ist. Die Balkanhasen

müssen erst noch genauer untersucht werden.

Igel, Maulwurf und Spitzmäuse wurden von uns beobachtet und auch

erbeutet. Sie scheinen sich von den unseren nicht wesentlich zu

unterscheiden, wenigstens die Formen, die uns zu Gesicht kamen.

Von kleinen Raubtieren wurden Marder, Fuchs, Dachs, Wiesel, Hermelin,

der Tigeriltis und die Fischotter festgestellt. Bälge bei Händlern in

Kalkandelen beweisen ziemlich sicher das Vorkommen von _Luchs_ und

_Wildkatze_ im Schardakh. _Wölfe_ gibt es überall in Mazedonien im

Gebirge; sie wurden von unseren Soldaten am Peristeri, bei Gopes und

in anderen Gebirgen erlegt. Von dem von mir mitgebrachten Wolf aus der

Golesniza Planina ist im 26. Kapitel berichtet. Auch der _Bär_ wurde

während meines Aufenthalts am Peristeri einmal von Truppen dort erlegt.

_Schakale_ scheinen besonders im Süden nicht selten zu sein; von ihnen

sah man auch schlecht erhaltene Felle gelegentlich bei Händlern.

Gar nicht so sehr selten scheint das _Wildschwein_ in den Bergen zu

sein. Von vergeblichen Jagden und aufgefundenen Spuren ist ja in

verschiedenen Kapiteln einiges erwähnt worden. _Reh_ und _Hirsch_

scheinen aber sehr selten und verscheucht zu sein. Sie leben wohl

nur noch in den Wäldern der hohen Gebirge. Mehrfach wurden im

Babunagebirge, in der Marianska Planina, und in anderen Bergen Rehe zur

Strecke gebracht. Von _Hirschen_ erfuhr ich seltener; doch erwarben wir

in Koinsko einmal eine schöne Decke, und ein stattliches Achtergeweih,

das in der Treskaschlucht im Freien gefunden wurde, hatte ich zu sehen

Gelegenheit. Es ist hier abgebildet (Abb. 267).

Mit den Wäldern sind natürlich alle diese jagdbaren Tiere immer mehr

vertrieben und in die unwegsamsten Gebirgsgegenden verscheucht worden.

Das gilt selbst für die _Gemsen_, welche weit außerhalb der bewohnten

Gegenden leben, aber im albanischen Grenzgebiet von den Gebirgsvölkern

eifrig gejagt werden. Ihr Vorkommen im Schardakh und den umliegenden

Bergen konnte ich durch Erwerbung eines Gehörns und durch Besichtigung

einer schönen Winterdecke beim Bürgermeister des Dorfs Veseca an der

Kobeliza feststellen. Auch im Korab kommen Gemsen wohl sicher vor.

[Illustration: Abb. 267. Geweih und Schädeldecke eines mazedonischen

Hirsches.]

Mazedonien · 第 41 / 45 段