Nach fast 5 Stunden Steigens langten wir in einem karartigen Kessel

der Gipfelregion an. Mächtige Granitblöcke bedeckten seine Hänge, wirr

übereinander gestürzt und durcheinander geworfen. Eine tiefe Mulde

zog sich zu einem etwas eingebogenen Gipfelkamm. Der ganze Hang war

von ungeheuren Massen von Geröll bedeckt. Wir waren in etwa 2100 m

Höhe angelangt. Die Mulde streckte sich nach Süden und kehrte uns

ihren Nordhang entgegen. Auf diesem lag das einzige kleine Schneefeld,

welches der Sommer oben bei etwa 2400 m zurückgelassen hatte. Zwischen

den Steinen rann Schmelzwasser des Schnees herab, welches im Grunde

schwarze, sumpfige Erde angesammelt hatte, zwischen der allerhand

Pflanzen von ausgesprochen alpinem Typus wuchsen. Auch von diesen hat

_Grisebach_ eine ausführliche Liste gegeben. Mir fiel damals besonders

eine entzückende _rosenrote Nelke_ auf, die große blütenreiche Polster

zwischen den Steinen bildete (+Dianthus myrtinervis+ Gris.). Ich habe

von einem solchen Polster eine photographische Aufnahme gemacht,

welche hier eingefügt ist (Abb. 258, S. 520). Die Abbildung gibt einen

Eindruck von der charakteristischen Hochgebirgsumgebung, in welcher die

Pflanze wächst. Die Augen auf sich zog auch ein stattlicher _Enzian_

(+Gentiana punctata+ L.) mit gelben, braungefleckten Blüten, der große

Büsche bildete. Unten am Sumpf stand ein stattliches Fettkraut mit

großen violetten Blüten (+Pinguicula grandiflora+ Lam.), ein alpiner

Vertreter dieser insektenfressenden Pflanzengattung. Dazu kam ein

mächtiges Läusekraut (+Pedicularis comosa+ L.) und ein leuchtend blaues

Vergißmeinnicht.

In diesem steinernen Kessel, in der Hochgebirgseinöde, lag eine

bulgarische Kompanie. Sie hatte im Schutz von Felsen in möglichster

Winddeckung eine Anzahl Hütten und Baracken gebaut und führte

da ein entbehrungsvolles Dasein. Wir waren in nächster Nähe der

Front, welche über den Gipfel des _Peristeri_ hinzog. Im Sommer

war der Aufenthalt hier oben nicht weiter schlimm und jedenfalls

der Gesundheit zuträglich. Aber im Winter hatten die Soldaten kein

leichtes Leben. Hier lag zuzeiten der Schnee 15 m hoch. Die Hütten

waren dann vollkommen vergraben; so mußten sie Proviant und Munition

aufgespeichert haben, da sie auf Wochen von der Welt abgesperrt sein

konnten... Auch das Holz mußte aus der Baumregion heraufgeschleppt

werden.

[Illustration: Abb. 258. Alpennelke (+Dianthus myrtinervis+ Gris.).]

Wir waren von der Kompanie freundlich aufgenommen worden, vor allem von

ihrem Hauptmann, der ein umgänglicher, sympathischer Mann war und bald

sein starkes Interesse für naturwissenschaftliche Fragen und vor allem

für Botanik verriet. Er bot uns seine Begleitung auf den Gipfel an, die

uns sehr willkommen war.

Es war ein anstrengender Anstieg, ein schwieriges Klettern über die

glatten, bunt durcheinander gewürfelten Granitblöcke, welche den ganzen

Hang bedeckten. Wir hatten noch einige hundert Meter bis zum Gipfel

emporzuklimmen; Pfad gab es keinen, kein Wiesenstück, keinen Streifen

Erdkrume. Alles nur Steine, glatte, mächtige Felsen oder durcheinander

geworfene kantige Blöcke. So gab es auch auf dem Anstieg immer weniger

Vegetation und die äußerste Gipfelregion trug gar keine höheren

Pflanzen; da wuchs nur hier und da etwas Moos oder eine Flechte als

Kruste auf dem Gestein. Die einzigen Tiere, die hier oben zu beobachten

waren, Ohrenlerchen (+Chionophilos alpestris balcanicus+ Rchn.)

schwirrten durch die Felsspalten (vgl. Abb. 201, S. 403).

Der im Hochgebirge eingelebte Hauptmann brachte uns mit seinen langen

Schritten bald außer Atem. Doch in kaum einer Stunde erreichten wir

das Schneeband, durchwateten dieses und klommen über die letzten

Felsenplatten zu dem kahlen Gipfel empor, dessen Höhe mir mein

Aneroïdbarometer mit 2460 m angab, während die Karte 2535 m als

Gipfelzahl verzeichnet.

[Illustration: Abb. 259. Gipfel des Peristeri.]

Ich trat hinaus auf den kleinen Gipfelraum, atmete tief auf, reckte

meine Arme in die Höhe, und begann mit einem frohen Jodler mein

Entzücken, welches das Bild in mir erweckte, das vor mir lag,

auszuposaunen. Da faßte mich still der bulgarische Hauptmann an der

Schulter und zog mich hinunter in Deckung. „Wir sind nicht auf dem Rigi

hier, gleich wirds schießen.‟ Und er deutete mit dem Finger auf die

französischen Gräben, die sich kaum 200 m vor uns hinzogen, in denen

ich aber niemand sich regen sah.

Man konnte auch aus der Deckung genug sehen und beobachten; und auch

aus einem anderen Grund war Deckung erwünscht, nämlich als Schutz vor

dem kalten Wind, der in der Gipfelregion blies. Meine von dem Anstieg

erschöpften Kameraden zogen vor, in einer Felsmulde, welche die Sonne

erwärmte, zu schlafen. Ich durfte mir aber keine Ruhe gönnen. Ich mußte

die 1 oder 2 Stunden, die ich auf dem Gipfel des Peristeri verbringen

durfte, richtig ausnutzen. Ein starkes Glücksgefühl erfüllte mich, daß

es mir gelungen war, auch diesen Gipfel zu ersteigen und Beobachtungen

zu machen. So hatte ich zu photographieren, Skizzen zu machen, Notizen

aufzuzeichnen und aufzufassen, was nur möglich war. Zuerst wollte

ich aber die Schönheit der Landschaft in mir aufnehmen und dann mich

orientieren.

Die nächste Umgebung war nicht allzu reizvoll. Drei kahle Felsengipfel

ordneten sich als Gipfelmassiv in einem Bogen an, grobes, plattiges

Gestein, ohne großen Reiz in Farbe und Form. Und viele Einzelheiten des

Mittelgrunds wurden durch die menschlichen Bauten gestört. Da waren

zuerst hinter den Gipfelfelsen Gräben und Unterstände der Bulgaren. Und

jenseits zogen sich über eine Mulde, welche zu dem anstoßenden südlich

verlaufenden Gebirgskamm führte, auf dieser Seite eigene, drüben

feindliche Gräben. Auf den Rückseiten der vorliegenden Berge sah man

überall gerade Linien, Zickzackstreifen durch Gräben, Serpentinen von

neugebauten Zufahrtsstraßen und all den Spuren des grausamen Kriegs

gezogen.

Naturforscher und Künstler in mir aber wirkten zusammen, um all dies

häßliche Menschenwerk in dem Bild auszulöschen, das innerlich in meiner

Seele die Lichtstrahlen, die aus allen Weiten zu mir flogen, aufbauten.

Und es blieb Schönes und Ergreifendes genug an der Landschaft, die

sich, während ich in den Felsen herumkletterte, nach einander nach

allen Himmelsrichtungen unter mir ausbreitete.

Zunächst blickte ich über die Mulde und den Sattel im Süden, der den

Peristerigipfel mit einem breiten, bewaldeten Bergrücken verband;

da unten lagen, wie die Augen des Gebirges, zwei kleine dunkelgrün

schimmernde Seen; sie erinnerten in Gestalt und Größe an die Karseen,

die wir auf dem Pepelak im Monat vorher entdeckt hatten. Von der Karte

konnte ich ablesen, daß sie _Lakul Mik_ und _Lakul Mare_ hießen, was

auf aromunische Benennung hinwies.

Was war das für eine seltsame Empfindung, kaum ½ Stunde von diesen

interessanten Gewässern entfernt und als Naturforscher verhindert zu

sein, sie zu untersuchen, weil sie zwischen feindlichen Stellungen

lagen. Hier war die Lage so, daß es auch nachts nicht möglich gewesen

wäre, dorthin zu dringen, ohne festgenommen zu werden.

So mußte ich den Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne schweifen lassen,

über die Gebirge Griechenlands und vor allem nach Westen und Südwesten

in die Gegend des Prespasees. Von einem Ausblick auf einem vorragenden

Felsen aus konnte ich den ganzen _Prespasee_ und _Mala Prespa_, den

kleinen, durch eine schmale Landbrücke von ihm getrennten südlichen See

überschauen. Versumpftes Schilfufer zog sich als breites Band um das

Nordende des Prespasees. Auf seinen blinkenden Spiegel senkten sich im

Westen steile Felswände herab, eine Halbinsel ragte aus ihnen hervor

und ein zartes Inselbild schwamm wie ein Phantom im Blau des Sees.

Nördlich von ihm zog der _Tomoros_ hin, anschließend die Berge, welche

ihn vom _Ochridasee_ trennen und die Verbindung mit dem _Schardakh_ und

den albanischen Bergen herstellen.

Nördlich des Prespasees und seines grünen Schilfgürtels dehnte sich die

weite, baumreiche Ebene mit der Stadt _Resna_ aus. Noch eigenartiger

war aber der Blick nach Westen. Da sah ich steil die Felswände entlang

wie aus dem Flugzeug hinab in die Straßen von _Monastir_. Es ist ein

eigenartiger Eindruck, eine Großstadt von über 100000 Einwohnern, und

noch dazu eine orientalische Stadt mit den Kuppeln von Moscheen und

ihren Minarets, mit baumreichen Gärten, mit großen hellen Gebäuden und

tausenden von Dächern von einem hohen Berg zu überblicken.

Um die Stadt herum zogen die feindlichen Stellungen; während ich

herunterblickte, begann eine heftige Artilleriebeschießung.

Nach 1½ Stunden traten wir den Abstieg an. Doch ließ uns der

bulgarische Hauptmann nicht ohne weiteres durch sein Lager

durchmarschieren. Er hatte ein treffliches Mittagsmahl mit guten

bulgarischen Gerichten zubereiten lassen. Gut gestärkt, nach anregenden

Gesprächen, traten wir um 2½ Uhr nachmittags den Rückmarsch in die

Tiefe an. Vorher hatte ich mich nicht nur von den freundlichen

Offizieren und Mannschaften, sondern auch von einer Meute prachtvoller

Hunde zu verabschieden. Zwölf gewaltige Tiere, drei junge, neun alte

waren die Freunde der Truppe in der Bergeinsamkeit. Sie gehörten zu

der prachtvollen, langhaarigen Schäferhunderasse, welche ich immer

bei den Hirten im Gebirge antraf. Während aber sonst meist die Tiere

verprügelt, schlecht behandelt und tückisch waren, konnte in diesem

Fall festgestellt werden, welch treue, kluge Kameraden man aus dieser

Rasse erziehen kann.

Der Marsch nach _Čapari_ hinunter führte auf einem Umweg auf die

Schlucht zurück, durch welche wir morgens angestiegen waren. Dieser

Umweg war außerordentlich lohnend. Ich ließ mich zu ihm durch einen

prachtvollen Wald von hochstämmigen Kiefern verlocken, der die Wände

eines tief eingeschnittenen Tales bedeckte, das sich gegen Monastir in

die Ebene erstreckte. Es war eine obere Abzweigung des _Dragortals_ und

offenbar der Aufstieg, den im Jahre 1839 _Grisebach_ von _Monastir_

über _Margarevo_ gemacht hat.

[Illustration: Abb. 260. +Pinus peuce+ am Peristeri 1800 m.]

Die Halde, auf welcher der Wald sich weithin ausdehnte, war mit einem

Geröll gewaltiger Granitblöcke bedeckt. Es war nicht einfach, den

Abhang hinabzuklettern; in Sprüngen ging es von Fels zu Felsen, über

glatten Rasen und über morsche Stämme gestürzter Kiefern. Der Wald

bestand aus schönen, schlanken Vertretern einer Zirbelkiefer (+Pinus

peuce+). Die tannenähnlich gewachsenen Bäume mit ihren langen, dunkeln

Nadeln und braunen Stämmen hoben sich malerisch von den grauen Felsen

des Granits ab. Große grüne Grasbüschel und die Blätter des jetzt

verblühten +Asphodelus albus+ L. mit den Samenkapseln wuchsen zwischen

den Steinen.

Am Boden der Schlucht bildeten die Kiefern einen dichten Wald, der

sich zu einer Waldwiese öffnete, auf der viele rote Disteln und

Doldenpflanzen blühten und Himbeeren reiften. Hier gab es noch einmal

reiche zoologische Ausbeute. Viele schön gefärbte Hummeln brummten von

Blüte zu Blüte. Außer den morgens erbeuteten +Erebien+ flogen hier

zahllose Schmetterlinge, von denen ich +Actaea cordula+ Fabr. und den

schönen Perlmutterfalter +Argynnis pales balcanicus+ Rbl. erwähnen

möchte. Auch Heuschrecken, Bienen, Fliegen wurden in vielen Arten

erbeutet.

[Illustration: Abb. 261. +Pinus peuce+ und Blick ins Tal vom

Peristerihang in 1800 m.]

Eine bescheidene kleine Zauneidechse, die wir nicht weit von dem Bach

an den Felsen der Schlucht fingen, erwies sich als ein besonders

interessanter Fund. Es war der südlichste Fundort von +Lacerta

agilis+ L., der mitteleuropäischen Form der Zauneidechse. Es war

nicht die östliche Form +L. agilis exiqua+, sondern die typisch

mitteleuropäische, wie sie bisher mit Sicherheit auf dem Balkan nur in

der Herzegowina beobachtet worden war.

Über all diesen Naturforscherinteressen wurde aber auch die Schönheit

der Landschaft nicht vergessen. Die warme Nachmittagssonne vergoldete

die Felsenhalden und die Stämme der Kiefern. Schon begannen die

Schatten über die Hänge und Talwände sich auszubreiten. In vollem

Sonnenglanz lagen noch die Hänge der Berge nördlich von Monastir und

der Kette bei Gopes. Klar umrissen ragten die Kronen der Kiefern in den

glühenden Himmel hinein.

Mit Bedauern blickte ich auch hier in die sinn- und zwecklose

Verwüstung, welche die bulgarischen Truppen in dem wundervollen

Bestand der Kiefern angerichtet hatten. Wie wird sich in den nächsten

Jahrzehnten schon der Raubbau rächen, der im Krieg an den geringen

Waldbeständen Mazedoniens ohne jede Voraussicht geübt wurde.

Schon lag von neuem abendlicher Schatten in der Schlucht, als wir müde

und befriedigt dem Eingang des Dorfs Capari zu marschierten. Froh

dachte ich nachts daran, daß ich das Wasser, das mich in den Schlaf

rauschte, oben am Rande des Schnees hatte entspringen sehen.

* * * * *

Ich halte es für richtig, hier einen knappen Überblick über unsere

gesamten Beobachtungen in den _mazedonischen Alpen_ zu geben. Es waren

Hochgebirge von mittlerer Höhe, welche ich im _Schardakh_, in der

_Mala Rupa_, in der _Golesniza Planina_, in der _Belasiza Planina_, im

_Peristeri_ und im _Tomoros_ kennen lernte. Daneben habe ich noch eine

ganze Anzahl stattlicher _Mittelgebirge_ besucht. Ich nenne von ihnen

die _Plaguša Planina_, die Berge bei _Demir Kapu_ und am _Doiransee_,

das _Babunagebirge_, den _Karadakh_ bei _Üsküb_, die _Wodno_kette, das

Gebirge bei _Gopes_ und _Krusevo_.

Mazedonien in seiner Gesamtheit betrachtet ist ein gebirgiges Land,

erfüllt von _Kettengebirgen_, welche den malerischen Charakter

des Gebietes bedingen. Während die Mittelgebirge 1000-1400 m Höhe

erreichen, sind in den Alpen Mazedoniens die höchsten Gipfel etwa

2400-2700 m hoch. An Wildheit der Formen und Größe der Dimensionen kann

sich diese Gebirgswelt mit unseren Alpen nicht messen. Touristische

Schwierigkeiten für die Erreichung der Gipfel kommen nicht in Frage.

Kletterpartien kommen kaum in Betracht. Viele der von mir bestiegenen

Gipfel waren auf Saumpfaden zu erreichen.

In Anbetracht der relativ geringen Höhen und der südlichen Breite der

Lage zeigen die Gebirge einen auffallenden Reichtum in ihrer alpinen

Flora und Fauna. Wir lernten sie als die Zufluchtsorte der Wälder

kennen. Die Baumgrenze liegt entsprechend der südlichen Lage erheblich

höher als in unseren Gebirgen. Im _Schardakh_ lag sie über 1800 m, in

der _Mala Rupa_ sogar in etwa 1900 m, am _Peristeri_ etwa ebenso hoch,

in der _Golesniza Planina_ mit ihrer _Latschenregion_ sogar bei 2000 m.

Sehr charakterisch für alle mazedonischen Gebirge war die Gliederung

in Vegetationszonen, wie sie stets in den südlichen Gebirgen so

auffällig sind. Je nach dem Charakter des Flachlandes war der Fuß

des Gebirges entweder von typischer Kulturvegetation umfaßt oder von

der in den ersten Kapiteln dieses Buches beschriebenen Steppenflora.

Verließ man in den südlichen Gebirgen, also in der _Belasiza Planina_

oder in der _Mala Rupa_ und am _Peristeri_ die Hügellandschaft, kam

man über 200-300 m Höhe hinauf, so ließ man die _Stacheleiche_ und

den _Judendorn_ bald hinter sich, mit ihnen die sie begleitenden

Kräuter. Auf diese Zone folgte die der _weichblättrigen Eichen_,

der _Wachholderbüsche_, unter welche sich Eschen, Hainbuchen und

andere Bäume mischten. Diese Region ging direkt über in die des

_Eichenbuschwaldes_, die in den verschiedenen Gebirgen bis in die Höhe

von 700-900 m reichte. Zwischen diesen Eichenwaldungen waren Wiesen

ausgestreut mit einer sehr reichen Flora blühender Kräuter.

Von 750 bis etwa 1500 m erstreckte sich die _Buchenwaldregion_.

Sie war allen Gebirgen charakteristisch. Es war die Zone des

_Hochwaldes_, in welcher auch, besonders aber an der oberen Grenze,

sich _Nadelwald_ anschloß. Dieser bestand meist aus _Weißtannen_,

so auf der _Mala Rupa_ und auf der _Kobeliza_, am _Peristeri_ war

sie durch die +Pinus peuce+ vertreten, nur im Gebiet der _Golesniza

Planina_ fanden wir in 1900-2200 m die _Bergföhre_, die Latsche.

Auch in dieser zweiten Gebirgszone spielten die reizvollen Waldwiesen

mit ihrem Blüten- und Insektenreichtum eine große Rolle. Auf diesen

Wiesen und an den Rändern des Waldes fanden sich die mazedonischen

_Sennereien_. Im Waldesschatten wuchsen als Schattenblumen Anemonen

und Sauerklee. Überhaupt hatte diese ganze Zone einen ausgesprochen

_mitteleuropäischen_ Charakter in Pflanzen und Tierwelt. Hier flogen

im Wald der Liljefordspecht, Mittelspecht, Amsel und Misteldrossel,

Kleiber, Nonnenmeise, Waldbaumläufer, Rotkehlchen; hier brütet der

Buchfink. Hier ist die Zone, in welche sich im Sommer viele der

mitteleuropäischen Vögel verziehen.

In der _Latschenregion_ der _Begova_ wurden Tannenmeise,

Heckenbraunelle, Hausrotschwanz und Hänfling angetroffen.

Typische alpine _Flora_ beginnt in der Regel erst in den mazedonischen

Alpen von 1400-1500 m ab. Natürlich ziehen sich auch hier mit den

Bächen Alpentiere und -pflanzen weit abwärts. An Nordhängen fand man

nicht selten schon alpine Vertreter in 1100-1200 m Höhe in größeren

Beständen, so die für die erste alpine Zone der mazedonischen Gebirge

sehr charakteristischen Pflanzen, den Germer, +Veratrum album+, und

das zarte Heidekraut +Bruckenthalia spiculifolia+ Salisb. Mit dieser

zusammen fand ich auf fast allen Alpenbergen Mazedoniens in der

gleichen Region die balzende Heuschrecke +Stenobothrus miniatus+ Charp.

In dieser Zone flogen die _Parnassier_, früh im Sommer die

_Mnemosynen_, später die _Apollos_; da gab es die charakteristischen

alpinen _Erebien_, die _Bläulinge_, die _Perlmutterfalter_ und

_Spanner_, welche für diese Zone charakteristisch waren.

Hier begannen nun allmählich die _Matten_ zu herrschen, die typischen

alpinen _Felsenpflanzen_ vorzuwiegen. Wie bei den Tieren, so ist bei

den Pflanzen der Felsen ein charakteristischer Wohnort der alpinen

Formen. Alpine Felsentiere und -pflanzen folgen den Felsen in die

Tiefe; Felsentiere und -pflanzen der Tiefe steigen mit den Felsen zu

den Alpengipfeln empor.

So herrschten denn in den mazedonischen Alpen von Pflanzen neben den

Enzianen, den Alpenrosen bald immer mehr die Steinbrech-, Nelken- und

andere Pflanzenarten vor, welche Polster und Rosetten bildend, wie Moos

sich an die Felsen heften.

Auf den Matten der Regionen über 2200 m war eine wundervolle

alpine Flora von großem Formenreichtum vorhanden und mit ihr eine

charakteristische Alpentierwelt. Und das, obwohl hier unter der

Breite des 40-42° N, sich kein ewiger Schnee, keine Gletscherbildung

von größerer Ausdehnung gehalten hat. So war denn hier nicht wie in

den Hochalpen eine sehr reiche, formenreiche _Nivalfauna_ wie sie

neuerdings vor allem in den schweizer Alpen durch _Zschokke_ und seine

Schüler eine eingehende Untersuchung erfahren hat, entwickelt. Wir

haben in den mazedonischen Alpen in der _Golesniza_ und am _Peristeri_

nur geringe Massen von _Dauerschnee_ angetroffen. Aber wir fanden die

Spuren einstiger _Vergletscherung_ auch in den mazedonischen Alpen und

damit auch Relikten der einstigen _Eiszeit_, wie sie zu erwarten waren.

In den höchsten Felsenregionen und Grasflächen über 2000 m

fanden wir die Brutstätten der _Ohrenlerche_, der _Feldlerche_

und des _Braunkehlchens_; in den zerklüfteten Felsgebieten der

Begovagipfelregion mit ihren Schneefeldern und Schneelöchern gab es

Scharen von _Alpendohlen_, auch _Alpenbraunellen_ ließen sich hier

nachweisen. Den Felsen nachgefolgt waren ebenso hier hinauf der

Alpenmauerläufer und der Felsenkleiber.

Auch unter den Insekten und niederen Tieren ließen sich typisch

alpine Formen und _Eiszeitrelikte_ nachweisen. Ich habe in früheren

Kapiteln auf den Schmetterling _Anarta_, auf die _Alpenplanarie_, auf

die _nordischen Hummelformen_ hingewiesen. Die weitere Verarbeitung

des Materials verspricht noch manchen interessanten Aufschluß.

Unsere Untersuchungen der Biologie der _mazedonischen Alpen_ sind

erste Vorstöße gewesen, denen die Forschungen der Botaniker und der

vielen, besonders österreichischen Entomologen vorausgingen. Noch viel

Interessantes ist von zukünftigen, vertiefteren Untersuchungen zu

erwarten.

FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL

AM PRESPASEE.

Im September 1917 hatte ich vergebens versucht, auf den Prespasee

zu gelangen. Ich hatte die Parklandschaft am Nordende des Sees

durchwandert und war bis an sein sumpfiges Ufer gelangt. Aber

persönliche Unfreundlichkeiten der deutschen Offiziere hatten mich

vergebens zurückkehren lassen, und auch im Jahre 1918 drohten

ähnliche Widerwärtigkeiten den Plan zu stören. Auf Quartier und

Verpflegung sollte es schließlich nicht ankommen. Die Motorboote und

die zugehörigen Marinemannschaften hatten den Befehl, sich mir zur

Verfügung zu stellen und das war das Wesentliche.

Die Boote erwiesen sich als sehr gut und leistungsfähig, die

Mannschaften waren gefällig, voll Interesse für unsere Zwecke; und

so kam ich mit ihnen sehr gut zurecht. Ich konnte meine Absichten am

Prespasee vollkommen erreichen, zumal mein Mitarbeiter Dr. _Nachtsheim_

mir die Hauptarbeit bei der Seenuntersuchung abgenommen hatte.

Inmitten einer weiten Sumpffläche lag nahe dem Nordende des Prespasees

eine kleine Hütte, in welcher die Seeleute hausten. Wir selbst

übernachteten im Dorf _Podmočani_ im Freien neben einem Heuhaufen, da

man uns dort kein Quartier anwies. In der schönen warmen Nacht war

dies nicht unangenehm und in gewissem Sinn vorteilhaft; denn die Hütte

der Marinemannschaften dicht am See wimmelte von _Anopheles_, so daß

wir dort, wenn auch nicht unter allen Umständen Malaria bekommen, doch

sicher eine durch die Stechmücken gestörte Nacht gehabt hätten.

Das Nordende des Prespasees ist sehr versumpft. Man kann vielfach

infolge des unsicheren Strandgeländes gar nicht bis an das freie Wasser

heran. Ähnlich wie am Doiransee umgibt ein breiter Schilfgürtel das

Ufer. Das Niveau des Sees ist häufigen Schwankungen unterworfen, was

wohl hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß er keinen Abfluß

hat; denn die im Volk verbreitete Annahme, daß er einen unterirdischen

Abfluß zum tiefer gelegenen Ochridasee habe, ist wohl kaum ernsthaft

zu diskutieren. Wie beträchtlich die Wasserstandsschwankungen sind,

beweist die Tatsache, daß der Ort _Perovo_, der auf der Karte etwa 1 km

nördlich des Nordufers eingezeichnet ist, zur Zeit meines Aufenthalts

auf einer Insel lag. Er konnte nur im Boot über einen Kanal von etwa

200 m Breite erreicht werden.

Der Prespasee liegt in einer Meereshöhe von 857 m. Er umfaßt ein Areal

von 288 qkm, ist also etwas kleiner als der Ochridasee, welcher der

größte der mazedonischen Seen ist. Er ist ein relativ seichter See,

denn seine größte Tiefe erreicht nur 54,2 m.

[Illustration: Abb. 261 a. Arbeiterfamilie in Lera.]

War er mir schon vom Peristeri und von der Höhe über Gopes aus sehr

reizvoll erschienen, so bestätigte sich dieser Eindruck, als ich an

seinem Nordufer stand. An beiden Längsufern war der See von stattlichen

Gebirgen eingefaßt. Im Osten traten die Ausläufer des Peristeri an ihn

heran. Ihre schönen Formen bildeten einen sehr malerischen Hintergrund

zu der blauen Fläche des Sees. Auch das Westufer war von hohen Bergen

eingefaßt, _Tomoros_ und _Malisat_ gehörten zu ihnen. Fern im Süden sah

man auch stattliche Berge über dem See aufragen. Vor allem am Westufer

traten die Berge steil an den See heran. Hier waren es zum Teil

mächtige Steilabstürze zum See, unter denen wir bei Motorbootfahrten

herankamen. Auch die beiden bergigen Inseln traten bei diesen Fahrten

deutlich hervor. Ich bedauerte sehr, daß ich diese Inseln und den

im Süden an den großen anschließenden kleinen Prespasee mit seiner

Insel infolge der feindlichen Besetzung nicht besuchen konnte. Gerade

die eine Insel im Prespasee machte nicht nur einen sehr malerischen

Eindruck, sondern sie enthält in der dem _heiligen Achil_ gewidmeten

Basilika ein Bauwerk altbulgarischer Kunst, das sehr interessant sein

muß.

Das Sumpfgelände am Nordende des Prespasees macht einen sehr

eigenartigen Eindruck. Vielfach sind es sumpfige Wiesen welche an den

See grenzen, zum Teil ist das Ufer in zahlreiche kleine Inseln und

Sandbänke geteilt. Schöne Baumgruppen treten an vielen Stellen an den

See heran; ja Wälder von Ulmen, Erlen, Weiden und Eichen sind oft als

Sumpfwälder für den Menschen kaum erreichbar und infolgedessen sichere

und günstige Brutstätten für zahlreiche Reiher, Adler, Geier und andere

Vögel.

[Illustration: Abb. 262. Am Nordrande des Prespasees. Blick gegen die

Ausläufer des Peristeri n. O.S.O.]

Mazedonien · 第 40 / 45 段