Unter ihnen spielten _Gespensterheuschrecken_ (+Mantodeen+) keine

geringe Rolle der Zahl nach. Die häufigste Art war jetzt gegen den

Herbst die kleinste Form von den drei Arten von +Mantodeen+, welche in

dem von mir besuchten Teile von Mazedonien vorkamen. Es war +Ameles

decolor+ Charp., welche in Hunderten von gelben und braunen Individuen

auftrat; bei ihr gibt es nie grüne Exemplare, wie bei den anderen

+Mantodeen+ des Landes. Nur das Männchen hat bei dieser Art die langen,

gelbbraunen, papierdünnen Flügel, während das Weibchen stummelflügelig

ist. Im Verlauf des Frühsommers hatte man sie allmählich von ganz

kleinen Stadien heranwachsen sehen, jetzt im Spätsommer waren sie

geschlechtsreif, allerdings zum Teil sehr spät. Ich fand noch zwischen

dem 20. und 25. August Exemplare mit unentwickelten Geschlechtsorganen.

Man sah sie vielfach Bläulinge und andere kleine Schmetterlinge fangen.

Die zweite Gespensterheuschrecke in Mazedonien, fast ebenso häufig

wie der kleine +Ameles+, war die richtige Gottesanbeterin +Mantis

religiosa+ L. Dieses große stattliche Tier kam in grünen und gelben

Individuen vor. Hier sind beide Geschlechter langflügelig. Auch diese

Art entwickelt sich während des Sommers und wird gegen den Herbst

geschlechtsreif. Anfang Juli traten im südlichen Wardartal Massen

von Larven auf, Ende Juli, Anfang August waren sie erwachsen, aber

die Geschlechtsorgane noch nicht fertig entwickelt. Im September und

Oktober findet die Fortpflanzung statt. Dann sieht man vielfach an

Steinen angeklebt ihre Eierkokons, einige Zentimeter lange, gewölbte

Gebilde aus einer zarten Substanz, in denen 80-100 der länglichen Eier

parallel nebeneinander liegen.

Die dritte hierher gehörige Form ist +Empusa fasciata+ Brull. Das ist

ein Tier, welches eine merkwürdige Tendenz hat, an allen möglichen

Stellen des Körpers Zipfel und Lappen zu entwickeln. An den Beinen,

am Hinterleib, ja selbst an seinem Eikokon kommen solche vor. Es ist

ein stattliches Tier, welches als Larve den Hinterleib stets aufwärts

zurückgebogen trägt. Das Männchen hat lange gefiederte Fühler. Ein

merkwürdiger Augenfleck auf der Innenseite der Vorderbeine fiel mir bei

manchen Exemplaren auf und zeigte sich variabel.

Von ihr fand ich bei Üsküb im Winter gar nicht selten unter Steinen

relativ große, aber noch ungeflügelte Larven. Auch im Süden bei

Kaluckova und Dedeli kommt die Art vor. Nirgends fand ich sie aber so

häufig wie bei Üsküb. Im Frühjahr kriechen sie aus dem Winterquartier

und bei eifriger Insektenjagd wachsen sie bald heran und bekommen

Flügel. In der zweiten Hälfte des Mai sind sie geschlechtsreif und

beginnen mit der Fortpflanzung. Ich habe sie öfter im Käfig gehalten,

wo sie leicht mit allerhand Insekten zu füttern sind.

[Illustration: Abb. 251. Gespensterheuschrecke. +Mantis religiosa+ L.]

Im Juli sind schon kleine, kaum 1 cm lange, flügellose Larven da,

welche den Hinterleib aufrecht zurückgeschlagen tragen und in ihrer

Hagerkeit einen bizarren Eindruck machen. Diese kleinen Larven wachsen

bis zum Eintritt des Winters bis zur halben Größe heran, um dann zu

überwintern. Ende August kamen sie in Veles oft in großen Massen in die

Zimmer hinein.

+Ameles decolor+ Charp. ist die einzige Mantide, welche nachts ans

Licht flog, diese aber oft in großen Mengen.

Von +Lokustodeen+, den Heuschrecken mit den langen dünnen Fühlern,

erwähne ich +Decticus albifrons+ F., einen nahen Verwandten unseres

_Warzenbeißers_; er ist etwas größer als dieser und niemals grün

gefärbt wie er.

Ganz abenteuerliche Erscheinungen sind die +Saga+-Arten, deren ich

zwei in Mazedonien antraf, die grüne +Saga serrata+ Fabr. und die

olivbraune, schwarzgefleckte +Saga natoliae+ Serv. Mit ihren langen,

ungeschlachten Beinen, ihren kurzen, wie verkrüppelt aussehenden

Flügeldecken und ihren plumpen Bewegungen scheinen sie gar nicht recht

in das Geschlecht der Heuschrecken hineinzupassen. Von ihnen ist

+Saga natoliae+ die südliche Form, die im Balkan und Kleinasien weit

verbreitet ist; sie wird nördlich von +S. serrata+ abgelöst. Letztere

pflanzt sich fast ausschließlich parthenogenetisch fort, man findet

von ihr fast nur Weibchen, während erstere Männchen und Weibchen im

normalen Prozentverhältnis hervorbringt.

Oft in ungeheueren Mengen trat +Tryxalis nasuta+ Fab. auf, die

_Schnabelheuschrecke_, mit ihrem schief aufgerichteten Kopf, den

breiten, oft parallel nach vorn gerichteten Fühlern, den dünnen

Vorderbeinen und sehr langen Hinterbeinen. Solange sie flügellose

Larven waren, konnte man sie für junge Stabheuschrecken der Gattung

+Bacillus+ halten. Diese in Istrien, Dalmatien und Italien so

häufige Form habe ich in Mazedonien nicht gefunden. Sind die Flügel

herangewachsen mit ihrem dunkelbraunen, weißgefleckten Längsstreifen,

dann ist eine Verwechslung mit einer Stabheuschrecke nicht mehr möglich.

Von den anderen _Feldheuschrecken_ wäre +Caloptenus italicus+ L.

hervorzuheben; dies graubraune, schwarzgestreifte Tier mit den roten

Hinterschienen und roten Hinterflügeln war überall häufig. Auch die

_Wanderheuschrecken_ waren nicht selten. Sie waren in erwachsenem

Zustande auffallend große Tiere, sie erreichten 8-10 cm Länge und

machten nicht nur mit ihren eigenen Tönen einen gewaltigen Lärm,

sondern auch wenn man sie fing und sie sich durch die Büsche zu Boden

fallen ließen, so gab es ein mächtiges Gerumpel. Die verschiedenen

Individuen dieses +Acridium aegyptium+ L. waren sehr verschieden

gefärbt, bald gelblich, bald braun, bald auffallend rot.

Eine verwandte, halb so große Form, grün, schwarz gefleckt, mit

rötlichen Hinterbeinen, +Pachytilus nigrofasciatus+ de Geer tritt im

Gegensatz zu den verwandten Arten nicht als Wanderheuschrecke auf.

Ich habe oft die +Oedipoda+-Arten, die _Schnarrheuschrecken_, erwähnt,

welche beim Auffliegen ihre roten und blauen Unterflügel aufblinken

ließen, während sie durch betäubendes Schnarren ihre Verfolger

erschreckten. Setzten sie sich auf den Boden nieder, so waren sie wegen

ihrer Ähnlichkeit mit dem Untergrund, welche mit diesem variierte, wie

von ihrer Umgebung verschluckt, wenn sie sich still am Boden hielten.

Erschreckt fuhr man zurück, wenn sie an ganz unerwarteter Stelle wieder

aufschnarrten. Neben +Oedipoda coerulescens+ L. kam +O. miniata+ Pall.

nicht selten vor, jene mit blauen, diese mit grellroten, am Ende

schwarzgebänderten Hinterflügeln.

Durch kohlschwarze Färbung des ganzen Körpers, von dem sich die roten

Hinterflügel scharf abhoben, wenn das Tier sich vom Boden im Flug

erhob, ist +Psophus stridulus+ L. ausgezeichnet. Das Tier war in der

Steppe bei Gradzko und Krivolak, aber auch bei Stip eine Charakterform,

kam aber auch in den Bergen vor.

Formen von mediterranem Typus sind +Paracinema tricolor+ Thunb. und die

Arten von +Glyphanus+, so +G. obtusus+ Fieb. und +G. heldreichi+ Br.

Eine eigenartige kleine Heuschrecke (+Tettix subulatus+ L.), im

erwachsenen Zustande kaum etwas über einen Zentimeter lang, ein

graubraunes, lebhaft springendes Tierchen, hielt man kaum für etwas

anderes als eine Larve, wenn es vor einem aufsprang. Daß man es leicht

für eine Larve hielt, lag auch an dem frühen Auftreten der Form, welche

ich am Katlanovosee schon Ende März und Anfang April in erwachsenen

Individuen fand; die Art überwintert als Larve.

Auch andere Tiergruppen nahmen während des Sommers an Individuenzahl

und an Einfluß auf das Landschaftsbild zu. Das galt vor allem für

die _Zikaden_ und die _Ameisenlöwen_. Erstere begannen in den

Mittagsstunden durch ihren Gesang die Heuschrecken und Grillen

vollkommen aus dem Feld zu schlagen. Von der großen Wirkung des

Konzerts der Zikaden habe ich schon im Kapitel über den Doiransee

erzählt. Die Zikaden als echte Sonnentiere paßten so recht in die

Steppenlandschaft des mazedonischen Sommers. In der stärksten Sonne

saßen die großen Arten an den Stämmen der Eschen, an den höchsten

Büschen und erhoben ihren betäubenden Gesang, wenn sonst alles in der

Natur ruhte. Die größte Zikade Mazedoniens ist +Cicada plebeja+ Scop.,

ein silbergraues Tier; als wichtiges Instrument im Zikadenorchester ist

+Tettigia orni+ L. zu verzeichnen, denen sich +Cicadatra atra+ Ol. und

+Tibicina haematodes+ Scop. anschließen.

So schwebten auch die Scharen der _Landlibellen_, der _Ameisenlöwen_ in

der heißen Sommerluft. Auffallend war es, wie eine Art nach der anderen

in großen Individuenzahlen auftrat; jedesmal die Landschaft so sehr

belebend, daß man jeweils glaubte, jetzt in der +Myrmeleon+-, jetzt in

der +Nemoptera+- oder +Palpares+-Landschaft zu verweilen.

Das war die Zeit, in welcher die Steppe im Flachland von Mazedonien

regierte. Jetzt drängte sich alles hervor, was der Steppe entsprach,

was mit ihr zu tun hatte. In der Mittagssonne hörte man den _Ziesel_

im dürren Gras rascheln und hastig sein Bündel Heu in seinen Bau

schleppen. Von einem Stein schaute einen der _Wiedehopf_ neugierig an,

spreizte seinen Schwanz und die bunten Federn seines Schopfes, die ihn

einem Indianerhäuptling gleichen machten. Wenn die Nacht herabgesunken

war und der Boden noch glühte, huschte über ihn die gespensterhafte

_Gliederspinne_ +Galeodes graecus+ mit ihren langen Beinen dahin und

stürzte sich wie ein Vampyr über ihre Beute.

Nun war die böse Zeit für die _Herden_. Der verdorrte Boden mit

seinen harten Büschen gab nur mehr den Ziegen dürftige Nahrung. Die

Schafherden hatte man, wo es ging, in die Berge gebracht. Aber die

Pferde und Rinder litten in dieser Zeit bitter an Hunger und Durst.

Es war ein trauriger Anblick, die abgemagerten Ochsen und Pferde in

Herden über dem trockenen Boden die spärliche Nahrung suchen zu sehen.

Es mochte einen erbarmen, wenn die hageren Tiere, denen die Rippen weit

herausstanden, mit den Vorderbeinen in die Krone eines kümmerlichen

Maulbeerbaumes kletterten, um da die wenigen übrig gebliebenen Blätter

abzuknabbern. Sie, die Ärmsten, konnte man nicht entbehren; sie

brauchte man jetzt im Kriege überall für Transporte, zum Nachschub, als

Trag- und Reittiere und zum Schlachten.

Wie mancher Ochse, wie manches Pferd erlag den Strapazen und dem

Hunger, stürzte an der Straße nieder, starb und konnte nicht

fortgeschafft werden. Da sammelte sich bald um das Aas eine Schar

gieriger Tiere an. Lange stank es nicht in die Gegend hinein; denn

durch den Geruch angelockt, kamen die Dohlen, die Krähen, die

Kolkraben, zu denen sich hier im Lande stets die Elstern gesellten.

Kaum hatten sie begonnen sich gütlich zu tun, so scheuchte ein

gewaltiger Schatten sie auf. Ein riesiger Geier senkte sich auf das

Aas herab; bald kamen seine Genossen dazu und ehe sie gesättigt waren,

wurde das kleinere Gesindel zum Mahle nicht zugelassen. Kaum wiederum

hatten die Geier das Aas mit vollen Kröpfen verlassen, so stürzte sich

die schwarze Bande der Kleinen zu Hunderten auf den Rest und bald ragte

das Skelett rein genagt in den dörrenden Sonnenschein.

[Illustration: Abb. 252. Hungernde Rinderherde im Hochsommer.]

Nicht immer warteten die Aasvögel den Tod ihres Opfers ab; ich habe die

Erinnerung an ein grausiges Erlebnis nördlich des Katlanovosees. Gegen

Abend, auf staubiger Landstraße heimkehrend, bemerkte ich in einem

Dornbusch eine große Schar von Krähen, Dohlen und Elstern, die sich da

mit mächtigem Geschrei zu schaffen machten. Einen großen Kolkraben,

der sich auf die Gruppe herabsenkte, schoß ich und als ich ihn holen

wollte, sah ich im Busch ein seltsames Bild vor mir. Ein starkes Schaf

war hier von der Herde zurückgelassen worden, nachdem es sich mit

seiner Wolle in den Stacheln des Judendornes so verfangen hatte, daß es

nicht mehr loskam. Das war gefundene Beute für die Aasvögel. In Scharen

hatten sie sich auf das unglückliche Tier niedergelassen, hatten

ihm lebend die Augen ausgehackt und hatten vom Kopf aus begonnen,

ihm Fleischstücke abzureißen. So hatten sie angefangen das Tier bei

lebendem Leib aufzufressen, als ich seinem Leben durch einen Schuß ein

Ende machte.

Wo es Wasser gab, wurde es von Menschen und Tieren zum Baden

aufgesucht. Auch die Haustiere machten da keine Ausnahme. Reizvolle

Bilder boten die im Wasser liegenden Büffel, bei denen oft nur mehr die

Nase und die Ohren aus dem Wasser schauten. Ganze Rinderherden stiegen

an den seichten Seeufern, z. B. des Prespasees, ins Wasser, Pferde

tummelten sich da. Schafe und Ziegen dagegen scheuen das Wasser.

[Illustration: Abb. 253. Badende Büffel.]

Glücklich waren Menschen und Tiere zu preisen, welche in der heißen

Zeit in die Berge durften. Ich habe oft in früheren Kapiteln die

schönen, fetten Herden von Rindern und Schafen erwähnt, die ich

im Sommer im Hochgebirge auf den Matten über 1500 man traf. Aber

nicht nur diese Haustiere des Menschen waren der Hitze der Ebene

entflohen, auch manche andere Tiere fand man im Sommer im Hochgebirge,

die im Frühling in der Ebene gewesen waren. So waren manche der

mitteleuropäischen Vögel, Finken, Amseln, Drosseln, zur Sommerfrische

in die Berge gezogen.

Auch unter den Insekten sah ich später im Sommer Arten, die ich im

Frühling in der Ebene beobachtet hatte, immer höher in den Bergen sich

zeigen, je höher hier der Frühling hinaufstieg.

Eine Folge der hohen Sommertemperaturen zeigte sich deutlich bei den

Pflanzen und Tieren. Wie bei den einjährigen Pflanzen oft die ganze

Vegetationsperiode in wenig Tagen ablief, so daß Gewächse, die weite

Gebiete mit ihren farbenprächtigen Blüten bedeckt hatten, wie mit einem

Schlage verschwunden waren, so war auch bei Tierarten das plötzliche

Auftreten und Verschwinden außerordentlich auffallend.

Oft fand ich an einem Berge, in einem Tale eine Käferart, einen

Schmetterling, eine Zikade, in vielen Tausenden von Exemplaren. Jede

Blüte, jeder Busch war von ihnen bedeckt. Kam ich nach wenig Tagen

wieder dorthin, so war die Art oft spurlos verschwunden, manchmal

noch durch wenige Exemplare vertreten. Für uns Bewohner gemäßigter

Zonen war dieser rasche Ablauf des Lebens in dieser heißen Sonne sehr

eindrucksvoll.

Manche Beispiele von +Satyriden+ und den +Thekla+-Arten, auch den

Bläulingen habe ich in früheren Kapiteln schon erwähnt; so auch die

Zikaden und die Ameisenlöwen. Ähnliches beobachtete ich bei Käfern,

so z. B. kam der schwarzgelbe Käfer +Mylabris variabilis+ Pall. Mitte

Juli 1917 auf der Plaguša Planina in vielen Tausenden von Exemplaren

auf jeder Doldenpflanze vor; nach 14 Tagen war die Art aus dem

Gebiete verschwunden. Ähnliches galt für +Conitis bifarciata+ Swark.

am Katlanovosee Mitte Juni 1918. So trat im Nikolatal im April 1918

+Lychus (Halosinus) collaris+ Fabr. in ebenso großen Mengen auf, wie

+Lychus (Halosinus) syriacus+ L. im Mai bei Dedeli. Sehr auffallend

war das Massenvorkommen des mächtigen Bockkäfers +Cerambyx+ (vgl. Abb.

29 auf S. 53), der in Mengen hoch durch die Luft flog und dabei mit

seinen langen Fühlern einen phantastisch großen Eindruck machte. Er war

auch dadurch interessant, daß bei ihm die Fühlerlänge der einzelnen

Individuen sehr stark variierte.

Während das Massenauftreten der Arten sicher von dem Vorkommen der

Futterpflanze und besonderen Verhältnissen abhängt, ist das kurze Leben

der Individuen wohl auf den raschen Verbrauch der +Imagines+ in der

Sommerhitze des Landes zurückzuführen.

Wie verschieden die Gesetzmäßigkeiten sein mögen, welche das

Massenauftreten einer Art in einer bestimmten Gegend bedingen, das

fiel mir sehr auf, als am 15. Juli 1917 plötzlich an einem schönen

Morgen das ganze Tal bei Hudova von einem viele Tausende von Individuen

umfassenden Libellenschwarm erfüllt war. Sie kamen in großen Schwärmen

von Süden und flogen nach Norden, und zwar gegen den stark wehenden

Nordwind, gegen den sie sehr gut ankamen. Um alle Bäume und Häuser von

Kaluckova brandeten die Massen an; ich durchstreifte an diesem Tag die

ganze Gegend; überall sah ich die Libellenschwärme, sowohl in Kalkova,

in Hudova, Gradec, im ganzen Gebiet. Aus den verschiedensten Lagern

des Tales wurde das seltsame Phänomen gemeldet. Am Tag herrschte nicht

mehr als 24° C im Schatten, das Wetter war auffallend kühl. Den Tag

über flogen immer neue Scharen heran. Abends nahmen sie ab und an den

nächsten Tagen waren fast alle, bis auf einige Nachzügler, verschwunden.

Den Namen der Art, den ich Dr. _F. Ris_ verdanke, ist +Aeschna mixta+;

alle an jenem Tag gefangene Individuen sind unausgefärbte Stücke, die

erst nach 2-3 Tagen ihre volle Ausfärbung erreicht hätten. Die gleiche

Beobachtung wurde auch sonst bei Massenflügen von Libellen gemacht, wie

nach Mitteilung von Dr. _Ris_ nicht selten bei +Hemianax ephippiger+,

einer mediterranen Form.

Diese Tatsache weist offenbar darauf hin, daß es sich um Tiere

von gleichem Alter und annähernd gleicher Herkunft handeln muß.

Ihre Versammlung an einem Ort scheint wohl durch Windrichtung

und barometerische Bedingungen verursacht zu sein. Der englische

Naturforscher _W. H. Hudson_ gibt in seinem so reizvollen Buch über La

Plata eine Schilderung von den aus Millionen von Individuen bestehenden

Schwärmen der Libelle +Aeschna bonariensis+ Raml., welche in

Argentinien vor dem Südwestwind, dem Pampero, vorausfliegen. Also auch

dort vor einem kalten Wind erscheinend. Daß die von mir beobachteten

Tiere gegen Norden flogen, war wohl durch den Schutz bedingt, den

ihnen die nördlich gelegenen Talwände, Bäume und Häuser vor dem Wind

gewährten.

Meine Beobachtung schließt sich jedenfalls meinen anderen

Feststellungen über das massenhafte Auftreten einer Tierart an wenigen

Tagen im sommerlichen Mazedonien an. Das plötzliche Verschwinden der

Libellen ist allerdings wohl nicht durch deren raschen Tod, sondern

durch Verteilung auf Bäche und Flußufer einer weiteren Umgebung nach

dem Nachlassen des kalten Winds zu erklären.

[Illustration: Abb. 254. Kartenskizze von Westmazedonien. Gebiet der

großen Seen.]

VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER PERISTERI. Die MAZEDONISCHEN ALPEN.

Wieder ragte ein hohes mazedonisches Gebirge vor mir auf, der

_Peristeri_, auf dessen Gipfel jetzt noch Mitte Juli ein kleines

Schneefeld sichtbar war. Von diesem, den weißen Flügeln der Taube,

hat er seinen griechischen Namen. Mächtig erhob der Berg sich vor mir

mit seinen drei Gipfeln, als ich am 17. Juli an einem sehr heißen

Morgen von Gopes nach _Dolenci_ ins Tal der _Semniča_ abstieg, welche

vom Peristeri kommt. An ihren Quellbächen liegen _Kazani_ und das

Aromunendorf _Maloviste_, von dem sonst gewöhnlich der Aufstieg auf

den Peristeri von den Deutschen unternommen wurde. Ich plante ihn aber

von _Čapari_ aus, wo als Leutnant ein junger Königsberger Zoologe, Dr.

_H. C. Müller_, in Quartier lag. Dieser hatte mir angeboten, mich und

meine Mitarbeiter als Führer auf den Peristerigipfel zu begleiten.

[Illustration: Abb. 256. Blick über Čapari auf den Peristeri.]

Schon in _Dolenci_ holte uns Dr. Müller mit seinem Wagen ab, der uns

den _Širokabach_ entlang nach dem malerischen Dörfchen _Čapari_ führte,

wo wir freundschaftlich aufgenommen wurden. Der Bach durchbrauste das

reich von Bäumen beschattete Dorf, in welches er vom Hang des Peristeri

durch eine tief eingerissene Schlucht hineinstürzte. In alle Gassen des

Dorfs blickte groß und würdevoll die gewaltige Gestalt des Peristeri

hinein.

Es war ersichtlich, daß wir einen geeigneten Ausgangspunkt für den

Aufstieg auf den Hauptgipfel des Peristeri gewählt hatten. Offenbar

war die Schlucht ein viel von den bulgarischen Truppen begangener Weg,

der, ohne durch Wald zu führen, sehr steil, aber geradewegs uns in die

Gipfelregion brachte.

Am 18. Juli, 3½ Uhr morgens, begann der Anmarsch steil durch die

Schlucht hinauf; es stieg sich gut in der Nacht, auch als wir die

Schlucht verließen und uns ostwärts auf einen Sattel wandten, der von

üppigem Mattengras bewachsen war, aus dem kahle Felsen hervorragten.

Während bisher im Dunkeln nichts zu beobachten gewesen war, änderte

sich das sogleich, als auf dem Sattel bei 1700 m Höhe um 5½ Uhr die

Sonne über einen Felsgrat empor kam. Ein schöner Sonnenaufgang fand uns

auf einem üppigen Wiesenboden, wo uns die ersten zwerghaften Exemplare

der für den Peristeri charakteristischen Zirbelkiefer (+Pinus peuce+)

begegneten. Vorher war der Boden von _Adlerfarn_ weithin bedeckt

gewesen, zwischen dem Wolfsmilch, Thymian, hier und da Erdbeerpflanzen

standen. Die großen Farnflächen waren manchmal durch Wiesen

unterbrochen, in denen mitteleuropäische Grasarten und ein weißer Klee

die Charakterpflanzen waren.

Hier oben war aber die Pflanzenwelt reicher; zwischen den vereinzelten

Sträuchern der Zirbelkiefer wuchsen Gruppen eines niedrigen

_Wachholders_ (+Juniperus nana+ Willd.). Von blühenden Pflanzen fielen

Königskerzen, Schafsgarben, Nelken auf. Ich habe auf dem Peristeri

keine Pflanzen gesammelt, da der deutsche Botaniker _Grisebach_

schon im Jahre 1839 hier Beobachtungen gemacht hatte und Professor

_Bornmüller_, mein botanischer Mitarbeiter in Mazedonien, im Jahre 1917

schon dort gewesen war. Immerhin werde ich noch manche Pflanzen aus der

alpinen Region erwähnen.

Um so mehr nahm ich mit meinen Begleitern die Zeit wahr, um auf Tiere

zu achten. Eine Menge von kleinen grauen Schmetterlingen aus der

Gruppe der Spanner (Geometriden) flogen vor unseren Schritten aus den

Büschen vor uns auf (+Anaites simpliciata+ Tr.). +Parnassier+ fanden

wir hier nicht. Wahrscheinlich war es für die +Mnemosynen+ zu spät und

für die +Apollos+ zu früh. Zwei für die Höhenzone charakteristische

Heuschreckenarten waren aber häufig. Eine schwarze Form mit roten

Unterflügeln glich sehr der Art, welche ich in der gleichen Höhenzone

auf der Mala Rupa gefunden hatte. Sie führte einen ähnlichen Balzflug

aus wie jene, aber stieg dabei nicht so ausgesprochen senkrecht in

die Höhe wie sie (+Stenobothrus morio+ Fab.). Eine zweite kleine

Heuschrecke, die in großen Mengen vorkam, zeichnete sich im männlichen

Geschlecht durch eigentümlich verdickte Vorderschienen aus, welche

offenbar im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Diese Form, die

hier abgebildet ist, ist durch diesen geschlechtlichen Dimorphismus

besonders gekennzeichnet, welcher sonst bei Heuschrecken selten

vorkommt.

[Illustration: Abb. 257. +Gomphocerus sibiricus+ L. Heuschrecke, deren

Männchen verdickte Vorderbeine besitzt. Männchen und Weibchen einander

gegenübersitzend.]

Aus den grünen Matten ragten Gruppen schroffer, heller Felsen

empor, welche in den Spalten von rötlichem Detritus erfüllt waren.

Ein schöner, gleichmäßiger, dunkelgrüner Rasen überzog die Hänge

dazwischen. Es war selbst hier in einer Höhe von 1800-2000 m sehr

heiß, die Sonne brannte auf uns herab, als wir an einem solchen

Felsen rasteten. Da erschienen plötzlich feindliche Flieger über uns.

Sie wurden von einer Flakbatterie bei _Rasotin_ beschossen, wobei

ein Blindgänger nahe bei uns niederfiel. So wurde man grausam daran

erinnert, daß wir Naturforscher nicht einmal in dieser weihevollen

Einsamkeit der Natur ungestört unseren Forschungen nachgehen durften.

Wir ließen uns aber nicht bei unserer Tätigkeit behindern, welche

uns reizvolle Funde in Aussicht stellte; denn über den Matten flogen

interessante Gebirgsschmetterlinge dahin. Es waren dunkle _Erebien_

(+Erebia epiphron orientalis+ Elw., +E. euryale+ Esp., +E. tyndarus

balcanica+ Reb.).

Mazedonien · 第 39 / 45 段