Aufnahme, die ich dort fand; ebenso war die wissenschaftliche Ausbeute,
welche der kurze Besuch mir dort brachte, sehr erfreulich. Ohne lang
zu zögern, hatte ich eine Exkursion auf einen Berg über dem Ort
unternommen, über den ein Paß zur Stadt _Resna_ führt. Beim Aufstieg
weitete die Landschaft um mich sich mehr und mehr, tiefe Einblicke in
die Täler öffneten sich und das ganze Bild war von dem stolzen Kegel
des _Peristeri_ gekrönt. Noch lag reichlich Schnee auf seinen Hängen;
in kühler Bläue überragte er die warme, farbige Landschaft.
Der Berg, den ich hinanstieg, war von einem stattlichen Buchenwald
bedeckt; lauschige, schattige Pfade führten durch ihn hindurch. Bei
diesem meinem ersten Besuch konnte ich noch die waldreiche Umgebung von
Gopes in ihrer vollen Schönheit bewundern. Jeder spätere zeigte mir
den Waldbestand ausgeraubt und kläglich gemindert. Bei meiner letzten
Durchreise durch Gopes waren in der nächsten Umgebung des Ortes nur
noch kümmerliche Baumgruppen übrig geblieben.
An den Schluchten standen aber im Juni 1917 noch prachtvolle Stämme
weichblätteriger Eichen, Weiden, Pappeln, Haselnuß, an denen Efeu
kletterte. Oben breiteten sich zwischen ihnen auf Lichtungen
üppig grüne Waldwiesen aus; am Waldrand waren große Flächen von
_Adlerfarn_ bedeckt. Den Rand der Wiesen faßten duftende Wildrosen,
Brombeersträucher, Weißdorn ein. Und welche Blütenpracht bedeckte
den Boden der Wiesen; hier in etwa 1500 m Höhe war noch voller
Bergfrühling. Dem entsprach auch der Reichtum der Insektenwelt,
besonders der Schmetterlinge, die hier meine Aufmerksamkeit fesselten.
Unter den letzteren waren es charakteristische Gebirgsformen, die hier
sich zeigten; so unter den Scheckenfaltern, wie +Melitaea didyma+,
von der bei Kaluckova die südliche Form geflogen war, gab es hier
den nördlichen Vertreter; +Melitaea attalia mehadiensis+ Gelh. ist
ein typischer Gebirgsschmetterling. Von der Gattung +Pararge+ fand
ich einen Vertreter unseres Mauerfuchses (+P. maera+ L.), in einer
interessanten Form (Übergänge zu +adrasta+ Hübn.), und die eigenartige
+P. roxellena+ Kr. Scharen leuchtender Bläulinge umschwebten die
Wiesenblumen, so +Cephyrus quercus+ L. und +Lycaena semiargus+
Rott., +L. amandus+ Schn. Dazwischen zog der altbekannte goldbraune
Silberstrich (+Argynnis paphia+ L.) seine stolzen Kreise. Mit ihm flog
ein zweiter Perlmutterfalter (+Argynnis daphne+ Schiff.).
Die schönste Überraschung war aber ein echter Alpenfalter, eine mit dem
+Apollo+ verwandte Form, eine auffallend kleine +Mnemosyne+, die hier
in zahlreichen Exemplaren flog. Es war eine anstrengende Jagd in der
strahlenden Sonne, bei der mir ein junger Soldat, der mir als Begleiter
mitgegeben war, eifrig half. Es gelang, eine ganze Anzahl dieses
schönen weißen Schmetterlinges zu erbeuten.
Auf den blühenden Sträuchern taten sich wohl die metallisch glänzenden
Rosenkäfer (+Cetonia aurata+ var. +tunicta+ Reit.). Am schattigen Boden
lief der grünglänzende Puppenräuber (+Calosoma sycophanta+ L.) auf der
Suche nach Raub herum.
[Illustration: ♂ ♀ Abb. 247. +Mnemosyne sp.+ Form von Gopes.]
Von Fliegen erinnere ich mich an eine lebhafte Hummelfliege
(+Hemipenthes morio+ L.) und die auffallende Raubfliege +Laphria flava+
L. Von Bienen flogen +Andrena gwynana+ var. +aestiva+ K., +Anthophora
Kessleri+ Mor. und die schöne +Xylocopa valga+ Gersh. (vgl. auch Abb.
187, S. 375) umher; eine Schmarotzerbiene (+Melecta lactuosa+ Scop.)
und eine stattliche Hummel (+Bombus haematurus+ Kriechb.) schwirrten am
Boden entlang.
Noch manches interessante Tier konnte ich in den wenigen Stunden, die
mir an diesem Tag gewährt waren, beobachten. Um so dankbarer empfand
ich dies, als ich im nächsten Jahr kaum einen Monat später bei einer
neuen Exkursion nach _Gopes_ eine ganz veränderte Fauna, keine einzige
der diesmal beobachteten Arten, mehr vorfand.
Der Aufenthalt hier oben weckte in mir zwei Pläne, die im nächsten Jahr
zur Ausführung gelangten. Ich beschloß beim Anblick des _Peristeri_,
diesen eigenartigen Berg zu besteigen und seine Natur kennen zu lernen.
Noch stärker zog es mich in die Tiefe, als ich von der Paßhöhe nach
Westen und Südwesten blickte. Frei lag vor mir eine weite Ebene, in
deren Mitte die Stadt _Resna_ mit ihren weißen Häusern aufblinkte.
Die Ebene war eingefaßt von einer Kette hoher Berge, hinter denen die
_albanischen Gebirge_ auftauchten.
Zwischen dem Berg, auf dem ich stand, und jenen fernen Ketten aber
blinkte im Süden im zarten Duft der Spiegel des _Prespasees_ auf. Also
so nahe zu meinen Füßen lag dieser schöne blaue See und ähnlich mußte
jenseits jener Bergkette der _Ochridasee_ liegen, von dessen Schönheit
viele Berichte mir geworden waren.
Ganz anders sah die Landschaft um _Gopes_ aus, als ich einige Monate
später auf der Fahrt zum Ochridasee sie durchreiste. Da war auch hier
viel verdorrt und verbrannt, Pflanzenwelt und Tierwelt vollkommen
verändert.
Und noch mehr umgewandelt erschien sie mir, als ich am 18. Dezember
1917 eine Winterfahrt nach _Gopes_ unternahm. Als ich im Auto durch die
Ebene von Prilep fuhr, da strahlten alle Gebirge, welche sie umgeben,
in einem schimmernden Schneegewand. Nicht nur der hohe _Peristeri_ mit
seinen Nachbarbergen, die ganzen Mittelgebirge lagen in tiefem Schnee.
Da genoß ich auf der Fahrt in der Ebene ein wundervolles Schauspiel.
Erstaunlich war schon die Menge von Elstern, Dohlen, Raben, Krähen,
die sich bei der winterlichen Kälte in der Nähe der Dörfer angesammelt
hatten. Auffälliger waren die großen Zahlen von _Kiebitzen_, die an den
Gräben herumflogen und vor allem der _Falken_, die trotz der Kälte hier
ausgehalten hatten.
Das Seltsamste waren aber die Massen von _Wildgänsen_, die sich in der
Ebene von Prilep in diesen Tagen angesammelt hatten. Schon bei der
Fahrt durch Serbien und Nordmazedonien hatte ich große Mengen dieser
Vögel an den Flüssen gesehen. Vor allem im Wardar schwammen an jeder
Windung, in jeder Bucht eine Anzahl Paare dieser stattlichen Vögel,
meist gleichzeitig mit Stockenten und anderen Wildenten. Hier aber auf
der Ebene von Prilep waren ihrer gewaltige Massen versammelt.
[Illustration: GOPES.]
Woher mochten sie alle kommen? Alle paar Minuten flogen 100 bis 200
Stück vor meinem Wagen auf, ganze Wolken von ihnen zogen am Himmel
dahin. Schließlich durfte ich die Zahl, die vor mir aufgetaucht und
an mir vorbeigeflogen war, auf 20000 schätzen. Sie waren auf dem
Zug aus dem Norden hier angelangt und hatten im Lande Station
gemacht. Weitere Zuzüge kamen ständig an und offenbar war der Zug
weiter nach Süden gerade in dieser reichen Ebene der Pelagonia zum
Stocken gekommen. So war eine Stauung entstanden, welche zu den
Massenansammlungen führte.
In _Lera_ erwartete mich ein Pferdewagen, der mich den Berg hinauf
durch tauenden Schnee und Schmutz nach _Gopes_ brachte. Zum Schluß der
Fahrt kam ich in Nebel; dessen Schwaden zogen zwischen den alten Buchen
und Eichen dahin, öffneten gelegentlich den Ausblick auf schneebedeckte
Halden und in die tiefen Schluchten und Täler; Krähen und Dohlen flogen
krächzend von Baum zu Baum. Es war ein reizvoller Anblick, den der
verschneite Ort mit den schwer beladenen Dächern darbot, so ganz anders
als im Sommer und doch fast schöner in den malerischen Einzelbildern,
welche Bäume und Häuser darboten.
[Illustration: Abb. 248. Haus mit Veranden in Gopes.]
Es war eine eigenartige Aufgabe, welche ich diesmal mitten im Winter
in Gopes zu erfüllen hatte. Ich brachte dem Etappeninspekteur
der XI. Armee, Exzellenz _von Krane_, das Ehrendoktordiplom der
naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau,
meiner damaligen Fakultät. Es war dies eine Ehrung des Generals,
welcher durch sein Eintreten für unsere Kommission der Wissenschaft
wertvolle Dienste geleistet hatte. Das wurde in einem eigenartigen Fest
kurz vor Weihnachten in der entlegenen Gebirgslandschaft gefeiert.
Der General hatte zu der Festlichkeit alle Doktores aller Fakultäten,
die bei den in der Umgebung verteilten Truppen an der Front standen,
eingeladen.
Es war ein feierlicher Augenblick, als ich im Kreis dieser stolzen
Schar, angetan mit dem Amtstalar meiner Fakultät, das Ehrendiplom
entrollte, verlas und mit einer Ansprache überreichte, in der ich
die Verdienste des Heeres um die Erforschung des Landes, die enge
Verknüpfung, welche der Krieg zwischen Armee und Gelehrten gebracht
hatte, hervorhob und das Verdienst des Generals dabei betonte. Bei
seinem Dank war der General so gerührt, daß ihm die Tränen in die
Augen traten. Dabei wirkte auf ihn, wie auf uns alle, die ganz
eigenartige Situation, unter der der feierliche Akt sich vollzog. In
dem kleinen Zimmer des Aromunenhauses, dessen Beleuchtung für den Abend
nach Möglichkeit gesteigert war, hatte sich um uns eine glänzende
Gesellschaft geschart. Sie kamen aus den Stellungen und Unterständen,
die sich an der Grenze Griechenlands im Hochgebirge hinzogen, waren oft
manchen Kilometer weit auf Gebirgssteigen geklettert und geritten, um
diese friedliche Feier mitzumachen.
Den nächsten Tag, den ich noch in Gopes verweilen mußte, verwandte ich
zu einer Besteigung einer beschneiten Höhe, die sich über Gopes erhebt.
Es war die Kuppe 1680, über jenem Paß nach _Resna_, an welchem ich im
Juni so gute Insektenausbeute gemacht hatte. Es ging wieder durch den
beschneiten Buchenwald, anfangs auf schlammigen Pfaden, die weiter oben
gefroren und von Glatteis überzogen waren. Später bedeckte Weg und
Waldboden tiefer Schnee, so daß kein Pfad mehr zu erkennen war.
Durch den Schnee führten zahlreiche Tierspuren, welche auf Füchse und
eine Spur, welche auf einen Wolf deuteten. Letzteres war durchaus nicht
unmöglich, denn man hatte mir abends die Photographie eines dicht bei
_Gopes_ erlegten Wolfes gezeigt und auch Bären kamen im Gebiet vor.
Um in dem pfadlosen Schnee in der grenzenlosen Bergeinsamkeit eine
Orientierung zu haben, bewegte ich mich gegen eine Kuppe, die ein
trigonometrisches Signal trug. Noch schien starke Nachmittagssonne, ein
dunkelblauer Himmel stach scharf von den weißen Schneeflächen ab,
auf welchen tiefblaue Schatten lagen. Immer prachtvollere Blicke taten
sich vor mir auf, hinunter auf die Ebene bei _Resna_ und nördlich des
_Prespasees_ und vor allem nach Süden auf den edelumrissenen Block des
_Peristeri_.
[Illustration: WINTERLANDSCHAFT UND WOLKENMEER AM PERISTERI von Höhe
1800 bei Gopes.]
Als ich auf der Kuppe angelangt war, begann der Tag sich zu neigen,
gelber begann das Sonnenlicht die Schneeflächen zu färben. Aus der
Tiefe stiegen Nebelschwaden auf, welche in die Täler eindrangen und
diese allmählich erfüllten. Immer weiter breiteten sie sich aus und
bedeckten schließlich wie ein weites Meer die Ebene, während gleichsam
Buchten und Häfen sich in die Täler und zwischen die Berge erstreckten.
Es war die Zeit, in der an der Front der „Abendsegen‟ ertönte, die
regelmäßige Beschießung, die auch hier in den Gebirgsstellungen nicht
unterblieb. Als die letzten Schüsse verhallt waren, breitete sich
tiefste Stille um mich aus, nur hier und da knisterte es im frierenden
Schnee. Im Westen, unter der sinkenden Sonne, schimmerte durch den
Nebel der blinkende Spiegel des _Prespasees_ durch, vor allem das
Sumpfgebiet im Norden blitzte auf. Die Insel im See ist deutlich
sichtbar.
Westwärts werden der _Tomoros_ und _Malisat_, die Berge am
_Ochridasee_, albanische schneebedeckte Gebirge, mit leuchtenden weißen
Flächen und starken blauen Schatten sichtbar. Der Schein der Sonne wird
röter und röter; in ihm leuchtet die Pyramide des _Peristeri_ in Glut,
die von tiefblauen Schatten sich abhebt. Die fernen Ketten schimmern
wie Alpenglühen.
Wie düstere Inseln ragen die näheren Berge aus dem silberig
erglänzenden Wolkenmeer heraus; dunkelviolette Schatten lassen sie als
schwere Massen von der duftigen, flockigen Oberfläche des Nebelmeeres
sich abheben. In dieser regt und bewegt es sich, sie erscheint
stürmisch bewegt, zu gewaltigen Wellenungetümen aufgetürmt. Und wie
Gischt an der Brandung bäumen sich die Wolkenränder an den Felsen auf.
Nun wird um mich das Licht fahler; nur die Spitze des _Peristeri_ und
weit drüben bei den Feinden der Kaimaktschalam erstrahlen noch in
rosigem Licht. Die Schatten werden immer blauer und durchsichtiger.
Schließlich verschwindet alle Röte von den Bergen. Ein zartes Gelb legt
sich auf ihre Schneefelder, während die Schluchten in tiefe Tinten von
Indigo getaucht werden. In der Ferne erscheinen aber die Kettengebirge
zauberhafter noch als zuvor. Das Nebelmeer dehnt sich weit dahin wie
eine unendliche schneebedeckte Ebene, aus der wie Inseln, wie ferne
antarktische Gebirge die Ketten hervorragen, deren Gipfel die Wolken
noch überragen. Kalt und einsam, menschenleer und verlassen, wie aus
Kristall gebaut, schweben sie am Horizont. In einer hier eingefügten
Farbenskizze habe ich versucht, den großen Eindruck festzuhalten.
Während ich hinabzusteigen beginne, dehnen sich die Nebelmassen immer
mehr zu langen Wülsten aus; sie dringen mir auf meinem Weg entgegen.
Aus der Tiefe drängen sie herauf. Sie bilden stürmende, wühlende Massen
und erscheinen mit ihren grünlichen Schatten heller, leuchtender als
die dunkler und dunkler werdenden Berginseln.
[Illustration: Abb. 249. Gopes im Winternebel.]
Ich steige ihnen entgegen, in sie hinein, durch sie hindurch; tiefe
Dämmerung umgibt mich; da tauchen die Häuser von Gopes vor mir auf,
durch irgendeinen Reflex rosig angehaucht. Zwischen Nebelschwaden
klettern sie aus dem Abgrund hervor, die Kirche mit ihren Türmchen, die
Dächer und blau beschatteten Wände. Wolken wälzen sich durch die engen
Gassen aus dem Tal herauf. Hier und da blinkt ein mattes Licht in den
Fenstern eines alten Hauses auf.
An diesen Winterabend mußte ich denken, als ich an einem heißen Julitag
1918 die letzte Reise nach Gopes machte, schwer mit vielerlei Gepäck
belastet, um das dortige Hauptquartier als Ausgangspunkt zu einer
Besteigung des _Peristeri_, des _Tomoros_ und zu Untersuchungen auf dem
_Prespa-_ und _Ochridasee_ zu verwenden. Es waren glühend heiße Tage,
an denen ich die Reise von Üsküb über Veles nach Prilep, von dort mit
der Kleinbahn über Bucin und Lopatiče nach Sviniste machte, um von
diesem Ort nach Gopes hinaufzureiten.
Oben fand ich alle erwartete Unterstützung und bestieg noch einmal den
Berg, der mir im Winter einen so unvergeßlichen Eindruck hinterlassen
hatte. Auch an diesem Tag bot er Interessantes. Allerdings die
Waldverwüstung hatte noch weitere Fortschritte gemacht. Aber der
Insektenreichtum war noch ähnlich groß wie im vorigen Jahr. Doch waren
jetzt andere Arten beim Flug; so unter den Schmetterlingen interessante
Blutströpfchen, +Zygaeniden+-Arten. Aber die +Mnemosynen+, welche im
Jahre vorher so zahlreich hier flogen, waren jetzt entsprechend der um
einen Monat vorgeschrittenen Jahreszeit verschwunden.
DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
SOMMER IN MAZEDONIEN
Für den Naturforscher war der Sommer wohl die eindrucksreichste
Jahreszeit in Mazedonien. Von ihm war in manchen Kapiteln dieses Buches
die Rede; ich erwähnte oft seinen Einfluß auf Tier- und Pflanzenwelt,
auf den Charakter der Landschaft. Hier möchte ich zusammenfassend
ein einheitliches Bild vom Sommer Mazedoniens geben, da ich ihn für
das Verständnis dieses eigenartigen Stückes von Europa für besonders
wichtig halte.
Bis in den Juni hinein erstreckt sich der Frühling mit seinem Reichtum
an Blüten, mit seinem fröhlichen Vogelleben, mit der stürmischen
Entwicklung der Insektenwelt. Überwältigend ist in dieser Zeit die
Energieproduktion des Lebens im ganzen Land. Nur im Hochgebirge fängt
der Frühling später an und hält länger aus. Wenn im Flachland und in
den Tälern schon die Sommerdürre herrscht, kann man ins Gebirge in den
Frühling hineinsteigen.
[Illustration: Abb. 250. Mazedonisches Bauernhaus mit trocknenden
Tabaksblättern.]
Ende Juni, Anfang Juli beginnt unten das große Sterben. Die einjährigen
Pflanzen, deren Blütenpracht den Frühling so reizvoll machte, haben
ihre Samen gereift und können nun verdorren. Die Sonne beginnt, von
Wolken unverhüllt, in ihrem Tageslauf unerbittlich auf das Land
herabzustrahlen. Durch den Juli, August und September dehnen sich fast
hundert wolkenlose Tage. Es ist die Zeit der hohen Tagestemperaturen.
Mitte Juli steigt der exakt gemessene Thermometer regelmäßig am
Nachmittag über 35° C, nicht selten auf 40° und darüber; und das
dauert den August hindurch und vielfach ein gut Stück in den September
hinein. Dabei sind die Morgentemperaturen schon um und über 30° und
auch nachts sinkt das Thermometer selten tiefer. Und noch höher, oft
ganz erheblich höher, waren die Strahlungstemperaturen, welche von
den sonnendurchglühten Wänden der Häuser, den Felsen, den Lehmhalden
ausgingen. Das war die Zeit, in der die deutschen Soldaten unter
dem Land Mazedonien litten, in der sie ihm fluchten. Es wurde zum
schattenlosen, staubigen Land, das sie mit der Wüste verglichen.
Tatsächlich nahm das Tiefland immer mehr den Charakter der verbrannten
Steppe an. Die Blüten waren verschwunden, selbst die Büsche und
Bäume hatten ihre Samen und Früchte angesetzt. Die Wiesen und Rasen
verwelkten. Staub begann überall im Winde aufzuwirbeln und dämpfte das
Grün, das in der Landschaft noch lebte.
Wenige Pflanzen blühten noch, wenige vor allem in voller Pracht, viele
zeigten welke Blüten und Fruchtstände neben spärlichen Blüten, so der
_Rittersporn_, die _Glockenblumen_, die _Königskerzen_ und vor allem
die _Disteln_, die sich jetzt vordrängten. Aber auch diese begannen
gelb und braun zu werden. Viele der Pflanzen hatten dornige, stachelige
Samen.
Auffallend still war es im Frühsommer in der gelbgrauen Landschaft
geworden. Die Gesänge der _Vögel_ waren verstummt, nachdem für die
meisten von ihnen die Paarungs- und Brutzeit vorbei war. Vor allem zur
heißen Mittagszeit war nichts von ihnen zu bemerken; sie hatten sich
in den Büschen versteckt. Viele waren in die Schluchten und Haine der
Berghänge verzogen, ja manche Arten waren vollkommen verschwunden und
waren in die Berge gewandert.
Selbst die sonnenliebenden _Eidechsen_ sah man jetzt nicht mehr so viel
auf den glühend heißen Steinen umherhuschen. Auch bei ihnen waren die
Weibchen beim Eierlegen und ihre Beute war kärglicher geworden. Die
Insekten waren viel weniger geworden; bei vielen _Tagschmetterlingen_
war die erste Generation verschwunden und von der zweiten fraßen die
Raupen an den Futterpflanzen. Auch für viele solitäre _Bienen_ galt
ähnliches. Vor allem fehlte die Masse der _Blütenkäfer_, die mit den
anderen Blüteninsekten, den Wanzen, den Blattwespen, den Fliegenarten
so sehr zum Reichtum der Frühlingstierwelt beigetragen hatten.
Eigenartig war die Ruhe, die in der Natur in den heißen Mittagsstunden
herrschte. Zwar lagen die _Mauereidechsen_ und die schönen großen
_Smaragdeidechsen_ träg in der Sonne. Aber auch sie hatten wenig
Neigung sich zu bewegen. Schon _Theokrit_ wußte, daß die Eidechsen um
diese Zeit hier im Lande mittags schlafen. Nur die _Mistkäfer_ wälzten
unbekümmert ihre Kotkugeln. Die _Vögel_ waren ganz still, selbst die
_Ameisen_ wanderten kaum auf ihren Straßen und hielten Mittagsruhe.
Auffallend war die Flucht vieler Tiere in den Schatten. In _Hainen_ und
vor allem in _kleinen Bergwäldern_, so in dem Buchenwald der Plaguša
Planina, waren ganze Versammlungen von Vögeln in das grüne Düster
unter den Bäumen geflüchtet. Selbst Tagschmetterlinge waren aus der
grellen Sonne gewichen und saßen in Scharen auf den Buchenstämmen,
so verschiedene +Satyrus+-Arten. Verständlicher war es, daß die
tagfliegenden Eulen (+Arctiiden+) den Waldschatten aufgesucht hatten.
In den _Schluchten_ versammelten sich in der Wassernähe vor allem
viele _Amphibien_, welche dem Wasser dorthin nachgezogen waren. Nicht
nur _Frösche_, sondern auch _Kröten_ fand man dort in dieser Zeit
in ungewohnten Mengen. Hier fanden sie wenigstens einen Hauch von
Feuchtigkeit unter Steinen und in Felsspalten. Dorthin zogen sie sich
zurück, als die steigende Dürre die Bäche mehr und mehr austrocknete.
Dann hielten die Amphibien, _Molche_ und _Frösche_, ihre Sommerruhe
in diesen Verstecken. Dort gesellten sich zu ihnen die _Krebse_ und
_Taschenkrebse_, die auch eine Ruhezeit durchmachen mußten. Besonders
auffällig war dies bei den Bachfischen, z. B. den _Barben_, die, im
Schlamm vergraben, in einen Sommerschlaf versanken. Fische, Krebse und
andere Wassertiere fand ich auch öfters tot in den ausgetrockneten
Bachbetten liegen, wo die Verdunstung des Wassers sie liegen gelassen
hatte. So fand ich z. B. am 30. Juli in verschiedenen trockenen
Schluchten Süßwasserkrabben tot umherliegend. Eine Sommerruhe war ganz
allgemein bei den _Landschnecken_. Diese hatten alle, besonders die
+Helix+-Arten, in dieser Zeit sich in ihre Häuser zurückgezogen und
diese mit einem dicken Kalkdeckel verschlossen. Vielfach hingen sie,
mit Schleim angeklebt, an den verdorrten Stengeln der Pflanzen, mit
denen gleichzeitig die Dürre sie überrascht hatte. Und das konnte auch
schon im Mai passieren, wenn plötzlich trockene Hitze einsetzte.
_Nacktschnecken_ gab es in Mazedonien ja nur sehr wenig. Die Exemplare
weniger Arten, die ich im Lande auffand, waren stets unter Steinen,
in Erdlöchern, in der Nähe von Brunnen oder Quellen in feuchtem Boden
entdeckt worden.
Alle diese Tiere, wie auch die vielen kleinen Geschöpfe der Tümpel,
welche in Zysten oder anderen Dauerzuständen zu übersommern vermochten,
erwarteten so, ihres Lebens wenigstens sicher, die ersten ergiebigen
Herbstregen. Die waren nicht vor Ende September zu erwarten. Im Jahre
1917 erlebte ich den ersten Herbstregen am 10. September; aber er und
seine Nachfolger in den nächsten Wochen waren noch nicht fähig die
Erde zu nässen. Obwohl sie aus schwarzen Wolken kamen, erreichten ihre
Tropfen die dürstende Erde nicht, sondern waren verdunstet, lange ehe
sie den Boden erreichen konnten.
Trotzdem war die Sommerlandschaft Mazedoniens nicht ganz frei von
Tieren. Im Gegenteil, im Juli schon mehrten sich die Vertreter einer
neuen Sommertierwelt. Schon im Juni waren manche _Heuschrecken_-Arten
in geflügeltem Zustande aufgetreten. Ich vergesse natürlich nicht,
daß einzelne überwinterte Formen schon vorher da waren. Unendlich war
vorher die Masse der kleinen und kleinsten Larvenstadien gewesen. Für
die heranwachsenden Heuschrecken war die Pflanzennahrung, die ihnen
die Sommerdürre zurückgelassen hatte, nicht zu hart. Sie begannen
allmählich die Landschaft zu beherrschen.
Und mit ihnen und ihrer Zunahme begann die _Steppe_ zu herrschen
mit ihrer eigenartigen Tierwelt. Noch hatten manche Heuschrecken
nur halblange Flügel, andere waren erwachsen. Gerade die südlichen
Formen kamen in der Entwicklung nachgehinkt. Unendliche Mengen von
langfühlerigen _Laubheuschrecken_ (+Locustiden+) mit ihren schönen
grünen, gelben und rötlichen Flügeldecken begannen im Gesang mit den
_Grillen_ zu wetteifern. An Zahl bei weitem überwiegend waren aber die
_Feldheuschrecken_, die +Acridiiden+, die häufig durch die Färbung
ihrer Flügeldecken so vollkommen ihrer Umgebung ähnelten, daß man sie
erst entdeckte, als sie vor dem Schritt des Wanderers aufflogen, um
ebenso zu verschwinden, sobald sie an geeignetem Ort sich niederließen.
Es ist hier die Gelegenheit auf die formenmannigfaltige
_Heuschreckenfauna_ von Mazedonien einen Blick zu werfen. Heuschrecken
gehören zu Mazedonien, wie die Dornsträucher und Disteln, wie die
Ameisenlöwen, wie die Turmfalken und Ziesel, wie Dohlen, Elstern,
Würger und Geier. Und sie herrschten geradezu im Spätsommer in einer
Steppengegend vor.