lebhafterem Flug über offene Flächen, über Wiesen und die bebuschten
Hügel. Zu den grünen und grauen Flächen des Untergrundes, zu den
blühenden Pflanzen an Tümpeln, Bächen und in den Schluchten bildeten
sie mit den braunen Tönen ihrer Flügel einen malerischen Gegensatz.
Ihre Flügel haben einen länglichen Umriß, sind im Grundton leicht
bräunlich gefärbt, dunkler sind die Adern und den starken Randadern
entlang zieht sich ein gelblicher Streifen. Eigenartig unregelmäßig
verteilt sind die dunkelbraunen gegitterten großen Flecken über die
Fläche des Flügels, während regelmäßige kleine Farbtupfen sich den
Rändern entlang ordnen. Der ganze Körper, Kopf, Brust und Hinterleib
ist der Länge nach schwarzbraun und gelb gestreift, wobei ein dunkler
Streifen die Mittellinie des Rückens darstellt.
Auch bei dieser Art traten Männchen und Weibchen gleichzeitig auf; die
Männchen sind leicht an den griffelförmigen Fortsätzen des Hinterendes
zu erkennen. Auffallend ist gerade bei dieser Art die Versammlung von
vielen Männchen um ein Weibchen gewesen; ich beobachtete oft 5-7, ja 8
Männchen, welche sich um ein Weibchen drängten.
Wie die Schmetterlinge, denen sie vielfach so ähnlich sehen, sind
auch die Imagines der Ameisenlöwen gegen Temperaturschwankungen sehr
empfindlich. Morgens in der Frühe und abends bei sinkender Temperatur
waren sie auffallend schwerfällig, so daß man sie ohne weiteres an
den Flügeln fassen konnte, ohne daß sie davonflogen. +Nemoptera+ und
+Palpares+ waren in der Mittagssonne beweglicher, aber auch dann
gehörten sie zu den am leichtesten zu fangenden Insekten.
[Illustration: Abb. 241. +Palpares libelluloides+ Dalm. Großer
braungefleckter Ameisenlöwe. Nat. Gr.]
+Nemoptera+ und +Palpares+ gehören sicher zu den Ameisenlöwen, welche
keine Trichter bauen. So waren ihre Larven nicht so leicht zu finden
und zu beobachten, als diejenigen der oben erwähnten Formen, die man
ohne weiteres in ihren Trichtern aufsuchen konnte. Über die Lebensweise
der +Palpares+-Larven gelang es mir nicht, irgendwie Beobachtungen
zu machen. Sie müssen sehr verborgen leben, möglicherweise sind sie
nächtliche Tiere. Wie viel habe ich nach ihnen gesucht; wie viel Steine
haben wir umgewälzt, wie viel in der Erde gegraben, bis es gelang,
eine einzige Larve zu fangen. Diese grub im Winter (Januar 1918) der
Entomologe _Rangnow_ aus der Erde am _Grünberg_ bei _Kaluckova_ heraus.
Groß und stattlich ist diese Larve, über 3 cm lang, fast so breit wie
die anderen Ameisenlöwenlarven lang sind. Wie zahlreich müssen bei der
Menge, in der die Imagines auftraten, auch ihre Larven im gleichen
Gebiet sein. Ich halte es für ganz ausgeschlossen, daß sie Trichter
bauen, die hätten uns bei der genauen Durchforschung, die ich mit
meinen Mitarbeitern vornahm, nicht entgehen können. Immerhin weist der
Bau der Larve auf ein Wühlen in lockerem Substrat hin.
[Illustration: Abb. 242. Larve von +Palpares libelluloides+ Dalm.
Vergr. 6.]
Ebenso merkwürdig ist es, daß ich die Larven von +Nemoptera+ an den
Fundorten, an denen die Imagines in großen Mengen auftraten, nicht
gefunden habe, obwohl ich intensiv nach ihnen suchte. Eine Larvenform,
die sicher nicht zu den Trichterbauern gehört und in mancher Beziehung,
so durch die Größe, zu +Nemoptera+ gehören könnte, konnte ich aber
bisher nicht mit Sicherheit bestimmen.
Gegen Ende Juli verschwanden +Nemopteren+ und +Riesenhafte+ allmählich
vollkommen; selten sah ich ein totes Tier oder Reste von einem solchen
im Freien.
Statt ihrer traten andere Formen auf, unter denen die auffallend
gefärbten +Ascalaphiden+ eine große Rolle spielten (Abb. 243). So fand
ich bei Selenikovo eine unserem +Ascalaphus macaronius+ Scop. durch
gelb und braun gefleckte Flügel ähnliche Form.
Durch massenhaftes Auftreten an wenigen Tagen Mitte Juni 1917 war
in der Umgebung von Kaluckova eine Art mit den typischen langen
Fühlern, mit dem Endknopf und einem braunen Fleck auf jedem Flügel
gekennzeichnete Art bemerkenswert. Es war +Delyoproctophylla australis+
Fabr. Hunderte von Individuen flogen einige Tage lang auf den Hügeln
von Kaluckova herum, um nach Verlauf dieser Tage ebenso spurlos zu
verschwinden wie die anderen Arten. Eigenartig war bei dieser Form,
daß ihr Körper, auf Papier gelegt, dort einen starken Fettflecken
hinterließ.
[Illustration: Abb. 243. Blattlausameisenlöwe. +Ascalaphus sp.+]
Die Sammlung von Ameisenlöwen und ihren Larven, welche ich aus
Mazedonien mitbrachte, ist wie viele andere Gruppen des Tierreichs
bisher noch recht flüchtig durchgearbeitet. Ihre definitive
Bearbeitung, welche ich selbst in die Hand genommen habe, soll in einer
wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen.
EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
KRUSEVO ALS AROMUNENSTADT
Gopes und Krusevo, diese beiden Städte fasse ich zur Betrachtung in
diesem und dem nächsten Kapitel zusammen, weil sie viel Gemeinsames
haben. Sie sind beide Bergstädte und ihre Bewohner sind vorwiegend
_Aromunen_ oder _Kutzowallachen_. Die eine an den Hängen der _Baba
Planina_ in fast 1200 m Höhe gelegen, _Krusevo_, habe ich nur einmal
besucht, in _Gopes_ war ich mehrmals zu verschiedenen Jahreszeiten.
Um nach _Krusevo_ zu gelangen, muß man von Prilep quer durch die flache
Ebene direkt nach Westen 22 km weit wandern oder fahren, ehe man das
Gebirge erreicht, auf welchem die Stadt liegt. Weiß sieht man ihre
Häuser beim Anmarsch über die Ebene blinken. Als ich das erste Mal nach
Mitte Juni 1917 über die Ebene von Prilep fuhr, erschien sie wie ein
üppiger Garten. Weithin war sie von grünen Ährenfeldern bedeckt, auf
denen Weizen und Roggen fast 2 m hoch standen; selbst die Gerste, die
im Wardartal schon geerntet war, war hier noch nicht ganz gelb, bei
einer Meereshöhe von etwas über 600 m. Im westlichen Teil der Ebene
gab es ausgedehnte Pflanzungen von Hanf. In den Gräben stand reichlich
Wasser, das zur Bewässerung der Felder diente und verschiedenen Bächen
entstammte, die von Norden, Osten und Westen der Cerna zuströmten. Als
niedere Hügelkette sah man im Süden die alte Barriere, durch welche die
Cerna bei _Topolčani_ in die Ebene von Monastir, in die eigentliche
_Pelagonia_ durchbricht. Man verstand wohl, daß früher ein See die
Ebene, die man jetzt durchfuhr, erfüllt haben mochte.
Das Wasser, welches überall in den Gräben stand, mußte die Entwicklung
der Malariamücken sehr begünstigen. Damit brachte ich unwillkürlich
die Bauart der Häuser in Verbindung, welche in den Gütern und Dörfern
der Ebene einen auffallenden Typus darstellten. Sie ragen turmartig
hoch empor und der obere, etwas vorragende Stock ist der von Menschen
bewohnte und mit Fenstern versehene. So sehen die Herrenhäuser in all
den Orten der Ebene aus, die man durchfährt, in _Konjari, Urbjani_ und
_Krivogastani_. Man denkt unwillkürlich an eine Flucht vor den niemals
hoch fliegenden Malariamücken, wenn man diese Turmhäuser sieht und
sich daran erinnert, daß auch in der Campagna von Rom im Sommer die
Bauern aus Furcht vor dem Fieber auf dem Dach schlafen. Hier allerdings
werden auch andere Beweggründe vorliegen, etwa Schutz vor nächtlichen
Überfällen. Und das geht auch aus den Schilderungen früherer Reisenden
hervor, sowie aus den Schießscharten des unteren Stockwerkes.
[Illustration: Abb. 244. Hochgebautes Haus bei Prilep.]
Als ich Anfang September 1917 mit Hauptmann _Pfeiffer_ von Prilep
über die Ebene fuhr, war sie dürr und staubig. Die Felder waren
abgeerntet. Heuschrecken waren die vorherrschenden Tiere und auf den
Telegraphendrähten saßen viele Falken, auf sie lauernd. Lerchen und
Elstern waren neben ihnen die auffallendsten Vögel.
Wir ließen unsern Wagen unten am Berg stehen und stiegen in 1½ Stunden
die Landstraße hinauf, welche in vielen Windungen einer tiefen Schlucht
entlang angelegt ist, die 600 m nach _Krusevo_ hinanführt. Zu ihren
Seiten war die Pflanzenwelt sehr dürftig, wenige Bläulinge flogen, auch
Wespen gab es, aber vor allem Heuschrecken und unter ihnen waren die
_Gespensterheuschrecken_ besonders häufig. Links von der Schlucht sah
man am Hang die weißen Gebäude des Klosters _Sveti Spas_.
Nach einer Straßenbiegung liegt plötzlich die weit ausgebreitete,
ziemlich große Stadt an den Berghängen vor unsern Blicken. Es war
ein überraschender, höchst reizvoller Anblick, der sich uns darbot.
Flimmernd lag die weiße Stadt an der Bergwand und in die Schluchten
eingeschmiegt; hinter ihr breitete sich als dunkle Fläche ein großer
Buchenwald aus, welcher den Gipfeln eine in Mazedonien ganz ungewohnte
Einheitlichkeit und Ruhe gab. Die meisten Häuser waren weiß oder doch
sehr hell getüncht, die Dächer mit großen Schieferplatten gedeckt,
welche über das Bild ein gedämpftes Grau breiteten, eine ganz
andere Farbenwirkung als bei den Türkenstädten mit ihren grellroten
Ziegeldächern. Die Form des Daches ist meist eine vierseitige Pyramide,
kein zweiseitiges Giebeldach, wie bei den bulgarischen Häusern.
Die Häuser sind offenbar im Zusammenhang mit dem Raummangel an den
Steillehnen der Hänge hoch gebaut, haben keine äußeren Galerien und
Vorhallen. Zuerst wurde ich an italienische Gebirgsstädte erinnert;
aber gegenüber diesen stach die große Einförmigkeit in der Bauweise der
Häuser erheblich ab, es gab weniger Individualität als in jenem Land.
Immerhin waren die Straßenbilder, als wir durch die steilen Gassen
kletterten, sehr malerisch und eigenartig. Während im Gesamtanblick
bei dem starken Sonnenschein die grelle Helle der Häusermassen mit den
vielen gleichmäßigen Fenstern zunächst einen verwirrenden, fremdartig
abweisenden Eindruck hinterlassen hatte, bauten sich jetzt an den
Einzelschluchten zwischen den Gruppen von Bäumen individuellere
Bilder auf, welchen die ungewohnte Waldfläche des Hintergrundes etwas
für die an die Grellheit mazedonischer Städtebilder gewöhnten Augen
harmonisches und sympathisches gab.
Die Hauptmasse der Häuser war groß und städtisch, eines davon war
zu einem Soldatenerholungsheim ausgebaut, welches ein Rittmeister
_Fries_ leitete. Es war ein guter Gedanke gewesen, hier in der
frischen Bergluft, nahe dem Waldesschatten eine Art von Kurort für den
mazedonischen Kriegsschauplatz einzurichten, in welchem Soldaten sich
von akuten Erkrankungen und Erschöpfungszuständen erholen konnten, ohne
den Strapazen der Heimreise ausgesetzt zu sein.
Hier wohnten die Rekonvaleszenten sauber und angenehm, hatten von ihren
Fenstern einen schönen und freundlichen Ausblick und alles war darauf
abgesehen, ihnen durch Abwechslung und Unterhaltung die Erholung zu
fördern.
Mich interessierte natürlich zunächst besonders der Buchenwald, der
die Gipfel der südlichen nicht sehr steilen Berge in merkwürdig
geradlinigen, abgeschnittenen Beständen bedeckte. Es war ein
eigenartiger Eindruck, einmal wieder einen richtigen schattigen Wald
zu betreten, dessen hohe graue Stämme und hellgrüne Blätter das
fremdartige Bild der weißen Stadt umfaßten (Abb. 245). Der Boden des
Waldes war von einer glatten Fläche brauner Blätter bedeckt; auf ihm
wuchs nicht viel von Gräsern und Kräutern, was wohl zum Teil mit der
Jahreszeit zusammenhing.
Trat man jenseits aus dem Wald heraus, so fand man statt der erwarteten
grünen Wiese ein kahles Geröllfeld, über welches der Wind pfiff.
Vielleicht waren solche regelmäßigen Winde die Ursache des plötzlichen
Aufhörens, des geradlinigen Abschlusses der Wälder.
Ein Gang durch die Stadt zeigte die städtische Wohnweise der hier
wohnenden Menschen; es waren alles Stadtleute, die hier lebten,
Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Viehzüchter, keine Ackerbauer.
Dem entsprach auch der mangelnde Anbau in der Umgebung der Stadt, der
ja wohl auch durch die Höhenlage bedingt ist.
Nicht zum wenigsten war aber der Charakter der Stadt durch seine
Einwohner bestimmt. Es war schon eigenartig, eine mazedonische Stadt
ohne ein einziges Minaret vor sich zu sehen. Zwei Kirchen mit niederen
Türmen, welche sich nicht übermäßig in der Größe von den anderen
Gebäuden der Stadt unterschieden, bewiesen ihren rein christlichen
Charakter.
Ist es nicht seltsam, daß eine solch stattliche Ansiedelung im Jahre
1858 der Geographie noch unbekannt war? Das gibt der Konsul _von Hahn_
in seinem Buch an, welches er über seine Studienreise im Interesse der
Anlage der Orientbahn geschrieben hat. Wie die übrigen aromunischen
Städte ist auch _Krusevo_ vor nicht allzulanger Zeit gegründet worden,
von Angehörigen dieses Stammes, welche durch Räubereien oder Bedrückung
aus anderen Teilen des türkischen Balkan verdrängt wurden.
_Aromunen_ nennen sich die Angehörigen dieses Volkes selbst in ihrer
romanischen, dem Rumänischen ähnlichen Sprache, die vom Lateinischen
aus der Zeit, in welcher der Balkan einen Teil des römischen Reiches
darstellte, abzuleiten ist. _Kutzowallachen_ (lahme Wallachen)
werden sie spöttisch von Türken und Slaven genannt, ebenso wie der
hauptsächlich von den Serben gebrauchte Name _Zinzaren_ ein Spitzname
ist, der auf ihre Aussprache gemünzt ist. _Gustav Weigand_, wohl der
beste Kenner der romanisch sprechenden Völker des Balkan, ist der
Meinung, daß diese jetzt so weit zerstreuten Volksbestandteile einst
ein einheitliches Volk gebildet haben mit einheitlichem Wohnsitz. Aber
auch er hält sie für der Rasse nach so wenig einheitlich, wie es einst
die römischen Kolonisten waren, aus denen sie entstanden sein müssen.
In allen den Jahrhunderten der Slavenwanderungen, der byzantinischen
und türkischen Herrschaft, mögen manche Vermischungen vorgekommen sein.
Aber die Sprache hält. Die auf dem Balkan zerstreuten _Aromunen_,
denen als romanisch sprechende Balkanvölker die _Rumänen_ (bezeichnet
als _Daco-Rumänen_), die _Mogleniten_ und _Istrier_ zur Seite stehen,
erreichen nur die Zahl von höchstens 160000. Dazu sind sie ganz
außerordentlich zersplittert und zerstreut angesiedelt.
[Illustration: Abb. 245. Die Aromunenstadt Krusevo vom Buchenwald aus
gesehen.]
_Weigand_ hält für ihre ursprüngliche Heimat das westliche
Nord-Thessalien, um das _Gramosgebirge_ herum, von da sind sie
hauptsächlich nach Nordosten ausgewandert, und man findet Bestandteile
von ihnen in Griechenland, in Albanien, in Bulgarien, in Serbien, kurz
über die ganze Balkanhalbinsel zerstreut. Sie erscheinen hauptsächlich
in zwei Stämme geteilt, die sich gegenseitig als _Karaguni_, die
Schwarzröcke, und die _Farserioten_, die fast immer weiße Kleidung
tragen, bezeichnen. Während die ersteren seßhafte Stadtbewohner sind,
leben letztere als Nomaden, schlagen ihre Hütten im Gebirge auf, wo es
ihnen paßt und wo sie Weiden pachten; sie sind Hirten, welche keinen
eigenen Grundbesitz haben. Trotzdem beide Stämme in enger Berührung
sind, die Farserioten nicht selten zum seßhaften Leben übergehen,
heiraten sie in der Regel nicht untereinander.
Daß die _Aromunen_ bis in die neueste Zeit auf dem Balkan so viel
wanderten, war meist nicht freiwillig. Religiöse Verfolgungen,
Bedrückung, Plünderung durch die Türken und vor allem durch die Albaner
veranlaßten sie aus der alten Heimat auszuwandern und sich an Orten
niederzulassen, wo Volksgenossen es gut gefunden hatten. So stammen
z. B. die Aromunen in Krusevo vorwiegend aus Platsa, Mekoro, Linotopi
und Nikolitsa in Albanien. Aber die Neigung zum Wandern scheint auch
ohnehin im Volk zu stecken. Nicht nur haben sie eine große Neigung
besondere Sommerdörfer im Gebirge und Winterquartiere in tieferen
Regionen zu bewohnen, sondern die Farserioten als Hirten sind, wie wir
oben sahen, typische Nomaden. Auch findet man aromunische Kaufleute und
Handwerker im ganzen Orient, in Österreich, in Rußland.
So kommt es, daß sie mehr als irgend ein anderes Balkanvolk
zersplittert sind und nur in kleinen Gruppen zusammen wohnen. Sie
sind zwischen den großen zusammenhängenden Nationalitäten des Balkan:
den Albanern, den Serben, den Bulgaren und Griechen wohl kaum
erhaltungsfähig und werden wohl allmählich in jenen aufgehen. Im Süden
sind sie vielfach schon gräzisiert, in Albanien albanisiert; gerade die
Albaner haben z. B. sogar in den aromunischen Siedelungen in Mazedonien
Fortschritte gemacht, so von mir bekannten Orten in Lera und Kazani am
Peristeri, in der Gegend von Resna und dem Prespasee sowie bei Ochrida.
Dabei spielen kirchliche Streitigkeiten keine geringe Rolle, indem
die einen dem griechischen Patriarchen sich unterwerfen, andere der
nationalen Kirche anhängen und damit jahrhunderte alte Gegensätze auf
dem Balkan weiterführen. Auch die Agitation und Schulengründung von
Rumänien aus konnte schon vor dem Kriege nicht übermäßig viel erzielen.
Wie das jetzt nach den fürchterlichen Kriegsjahren sein wird, ist noch
nicht zu übersehen.
Eines haben allerdings die Schulen erreicht. Man findet unter ihnen
sehr wenig Analphabeten, ganz im Gegensatz zum Königreich Rumänien, wo
1904 noch unter 5406209 Bewohnern sich noch 4719363 Analphabeten zählen
ließen.
In einer Stadt dieses Volkes fand ich mich also in _Krusevo_;
sicher unterschied sich hier die Mehrzahl der Bewohner von den
Mazedoniertypen, denen ich bisher begegnet war. Die Einwohner der
Stadt bestanden nach Zählungen, die allerdings vor der Kriegszeit
zurücklagen, aus 7000 Aromunen, 4000 Bulgaren und 800 Albanern,
insgesamt waren es 12000 Menschen. Die Leute waren größer als die
meisten Türken und Bulgaren, die ich gesehen hatte, nicht ganz so
groß als Albaner. Auffallend viel Blonde fanden sich unter ihnen;
die Gestalten waren vielfach elegant, schlank, die Bewegungen
harmonischer als bei den mazedonischen Bauern. Nun war es allerdings
hier Stadtbevölkerung. Unter den Hirten im Gebirge hatte ich nicht
selten dunkle, vierschrötige Erscheinungen getroffen, die wohl zu den
Farserioten gehörten. Hier in Krusevo, in Gopes und in Ochrida habe ich
in Mazedonien die reizvollsten Erscheinungen von jungen Frauen gesehen,
während die schönsten Männer Albaner waren.
Ich machte auf den Wunsch des Ortskommandanten einen Besuch bei dem
Bürgermeister, der mich sehr freundlich aufnahm und mir nachmittags
als Geschenk ein photographiertes Panorama der Stadt, Stickereien
und Blumen schickte. Bei diesem Gang hatte ich Gelegenheit auch in
Häuser hereinzuschauen, die wie die Straßen der Stadt für mazedonische
Verhältnisse sehr sauber waren. In Zimmern mit sauber geputzten
Fußböden fand man zum Teil ganz gute Möbel, Teppiche, gepolsterte
Bänke an den Wänden, gelegentlich auch Betten, welche als besondere
Kulturerwerbung der reichen Krusevaner gerühmt wurden. Auch Ungeziefer
soll bei ihnen selten sein.
Auch hier in der Stadt schienen die alten Sitten durch den Krieg wieder
aufgewacht; denn man sah viele Frauen mit Spindel und Rocken Wolle und
Hanf spinnend in den Höfen, was sonst bei den Hirten stets üblich ist.
Viele Leute trugen hier städtische Kleider; wenn auch Viehzüchter in
der Stadt wohnten. Eine einheitliche Nationaltracht haben überhaupt die
Aromunen nicht, sie gleicht jeweils derjenigen ihrer Nachbarn.
Spuren eigener alter Kultur findet man überhaupt wenig bei ihnen und
vor allem nicht in einer Stadt von so jungem Bestand. So sind auch ihre
Kirchen ziemlich neue Bauten. Das hindert nicht, daß die eine von ihnen
sehr schöne Holzschnitzereien enthält. Die Handwerker der Aromunen sind
überhaupt sehr tüchtig, besonders ihre Silberarbeiter und Goldschmiede.
Eine Aromunen_stadt_ unterscheidet sich wesentlich von einem der
schmutzigen Dörfer mazedonischer Bulgaren. Das gilt nicht in gleichem
Maße von den Dörfern und vor allem nicht von den Hütten der Hirten, in
denen allerdings immer eine besondere zum Wohnen und eine besondere zur
Käsebereitung dient.
Was aber die Städte und Dörfer der _Aromunen_ auszeichnet, ist ihre
Lage, welche fast stets derjenigen von Krusevo ähnelt. Sie liegen
immer in größeren Bergeshöhen. Darin spricht sich sicher schon wie in
den Winter- und Sommerdörfern eine Neigung zu frischer Höhenluft, zu
gutem Wasser, das Bedürfnis nach hochgelegenen Weideplätzen aus. Aber
die Lage der Ansiedelungen in langen Seitentälern, abseits von den
Hauptverkehrsstraßen zeigt, daß die Bewohner gleichzeitig damit Schutz
vor Räubern und marodierenden Soldaten suchen. Sie sind ein wenig aus
der großen Welt herausgetreten, sie wohnen nicht an der Straße, sie
reizen nicht das Auge des Begierigen.
Sie stellen allerdings in ihren Städten nur wirtschaftliche
Vereinigungen dar, nicht solche zu Schutz und Vereinigung gegen Feinde,
wenn sie eine solche auch ohne weiteres durch ihre Einwohnerzahlen
sind. Doch ist es sehr bezeichnend, daß Aromunenstädte nie Mauern und
Befestigungen aufweisen.
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GOPES
_Gopes_ ist auch eine Aromunenstadt oder richtiger ein großes Dorf mit
städtischen Häusern, hochgelegen, wie die meisten Ansiedlungen dieses
Volkes. Viermal bin ich in das Gebirge gereist, in welchem dieser Ort
1200 m hoch liegt. Jedesmal erfolgte die Reise mit anderen Hilfsmitteln
und zu anderer Jahreszeit und brachte so verschiedene Eindrücke, daß es
sich lohnt, die verschiedenen Reisen nach Gopes kurz zu schildern.
Mein erster Besuch, eine Rekognoszierung, führte mich in gutem Auto des
A.O.K. XI in einem Tag von _Prilep_ nach _Gopes_ und wieder zurück.
Es war in den 18 Stunden, die er für mich dauerte, ein reicher Tag,
der frühe Morgen hatte mich über die Ebene wieder nach _Krivogastani_
gebracht, dann am Gebirge entlang über _Bucin_ längs der Cerna nach
_Murgas_. Kurz hinter diesem Ort geht es an einen Nebenbach, die
Mramoriča (auch Smileva Reka genannt) und diese aufwärts zum Dorf
_Smilevo_, von wo es in sehr steilen Kurven nach Gopes hinauf führte.
Es war ein köstlicher Genuß, an dem schönen, klaren 20. Juni 1917
durch die grüne Landschaft am rauschenden Bach entlang zu fahren. Ein
kühler Morgenwind beugte die Pappeln, Weiden und Obstbäume. Grüne
Wiesen breiteten sich neben gutgepflegten Feldern aus. Der Weg und der
Bach treten bald auf die eine, bald auf die andere Seite des Tales.
Schließlich führte eine Flußbrücke zu dem kurvenreichen Bergweg, der
mich schnell nach Gopes brachte.
Ein malerischer Blick öffnete sich vor mir durch den sommergrünen
Buchenwald auf das Städtchen _Gopes_.
Es war der erste größere Buchenwald, den ich nach kurzem Aufenthalt
in Mazedonien kennen lernte; die silberglänzenden, grauen Stämme,
zum Teil alt und knorrig, das flirrende Laub, das sich vom wolkenlos
blauen Himmel abhob, der Gesang der Vögel aus den Kronen der Buchen
stimmten mich von vornherein empfänglich für all die Naturschönheit,
die mich da oben erwartete. Jede Kurve gab einen neuen Ausblick auf
die für mich ganz neuartige Stadt mit ihren großen Häusern, ihren
steilen Gassen, den Gruppen von Obstbäumen, Erlen, Pappeln, welche
keine solche Wirkung von Mauern und Steinen aufkommen ließen, wie
sonst in mazedonischen Städten. Als anmutiges Landstädtchen erschien
mir _Gopes_, umgeben von einer großzügigen Gebirgslandschaft. Schroff
stürzten die Hänge hunderte von Metern in die Täler hinab; aber es
waren nicht kahle Felsen, sondern grüne Wiesen, umrahmt von Hecken und
Buschwerk, abwechselnd mit Gruppen schön gewachsener Bäume und kleinen
und größeren Wäldern. Frische Gebirgsluft wehte durch die Gassen, deren
Häuser in der Bauart reiche Abwechslung zeigten; manche waren mit
Holzveranden und Vorbauten geziert; überhaupt Holzwerk und Hausteine
an den unteren Stockwerken brachten eine bunte Mannigfaltigkeit ins
Straßenbild, die noch gesteigert wurde durch die Verschiedenfarbigkeit
der Dächer, die mit roten Ziegeln, häufiger aber mit grauen
Schieferplatten gedeckt waren. Ein warmes, heiteres Bild, ohne die
Grellheit der türkischen Städte, gehoben durch die Durchblicke auf die
Wälder und die grandiosen Bergformen, welche nach allen Seiten sich
über die Ortschaft erhoben.
[Illustration: Vermessungsabt. 21. phot. Abb. 246. Gopes im Sommer.]