Jenseits des Han stieg die Straße immer steiler in immer engeren

Serpentinen zur Paßhöhe hinan. Hier war sie noch nicht vollkommen

ausgebaut, so daß mein Auto ab und zu in kritische Situationen

kam. Auf ihr staute sich manchmal der ungeheure Verkehr, der sich

zwischen Front und Etappe vollzog. Es war nicht langweilig, auf

dieser Straße zu fahren. Außer der schönen Landschaft brachte die

Straße selbst genug Abwechslung. Jetzt marschierte eine bulgarische

Infanteriekolonne frontwärts verstaubt und müde an uns vorbei, dort

hielt an einer Kurve eine Batterie deutscher Feldartillerie mit ihren

sorgfältig eingewickelten Geschützen. Dann fuhr eine Sanitätskolonne

mit Kranken bergab vorbei. In langen Reihen tobten Lastautos vor uns

her. Unendliche Züge von bulgarischen Ochsenwagen hatten Mühe durch

das Gewühl sich durchzuschlängeln. Hilflos erschien dazwischen ein

mazedonischer Bauernwagen, auf dem eine ganze Familie mit Hausrat

untergebracht war. Pferde von reitenden Truppen scheuten vor den Autos

und waren schwer an den Abgründen vorbei zu bringen.

Daß es nicht immer glatt abging, zeigten Skelette und Leichen von

Pferden und Büffeln, die in der Tiefe lagen, zeigten die auf der

Straße zusammengebrochenen Wagen, die an Kurven zertrümmert liegenden

Kraftwagen. Da war oft das Ausweichen nicht leicht und gab zu mancher

Verzögerung Anlaß. Aber der Eindruck des ungeheuren, fieberhaften

Betriebes eines Heeresnachschubes war ganz außerordentlich. Wie trieb

das alles nach vorn zur Front! Daneben spielte der Rücktransport der

leeren Wagen, der Kranken und Verwundeten eine viel geringere Rolle.

Wie trefflich war der ganze Betrieb organisiert. Überall waren

Stationen, Übernachtungs- und Verpflegungsplätze, Reparaturwerkstätten,

Lazarette eingerichtet, welche halfen, den großen Betrieb aufrecht zu

erhalten. Ohne diese Arbeit des deutschen Heeres wäre es nicht möglich

gewesen, die mazedonische Front 3 Jahre lang zu halten.

Der Verlust von _Monastir_ und das Zurückweichen der mazedonischen

Front vor dem Heer _Sarrails_ war die Schuld des mangelhaften

Nachschubdienstes der Bulgaren. Wir haben zwar im Laufe der Zeit ihre

kleinen von Ochsen und Büffeln gezogenen Karren sehr schätzen gelernt.

Die zähen, anspruchslosen Zugtiere und deren Treiber können etwas

gehöriges leisten, wenn es auf Zeit nicht ankommt. Aber, wenn es sich

darum handelte, in kurzer Zeit viel Munition, Heeresgerät, Proviant an

einem Ort beisammen zu haben, dann versagte dieses Transportmittel, so

viel tausende von Ochsenkarren auch in Bewegung gesetzt wurden.

Da mußte deutsche Organisationstüchtigkeit eingreifen. Und was diese

geleistet hat, davon bekam man an den Straßen nach Prilep einen

Eindruck, der Bewunderung herausforderte. Zu dem starken Verkehr mit

_Lastautos_, zu den _Feldbahnen_ kam als wesentliche Ergänzung ein

System von _Seilbahnen_, welche als Schwebebahnen mit geschickter

Ausnützung des Geländes über die Gebirge führten. Nach Prilep waren

vier solche geleitet, zwei über den _Babuna-_ und zwei über den

_Pletwarpaß_. Außerdem waren noch eine ganze Anzahl von solchen an den

verschiedenen Gebirgsfronten in Betrieb.

Bei der Fahrt sah man an den Drahtseilen schwebend, von Mast zu Mast

wandernd, die kleinen Tragwagen dahingleiten, welche Munitions- oder

Proviantkisten, Eisenstangen, Wellblech, Pfähle, große Bündel Heu oder

Stroh trugen. Hier und da sah man auch einen waghalsigen Soldaten in

einem solchen sitzen. Das bedeutete ein großes Wagnis. Nicht selten

rissen die Drahtseile und die Lasten stürzten herab. Es war nicht

leicht, in diesem Gelände den Betrieb ständig aufrecht zu erhalten. Dem

kühnen Passagier, der am Drahtseil oft in einer Höhe von hunderten von

Metern ein Tal überquerte, in dessen Tiefe ein Fluß brauste, konnte es

widerfahren, daß mitten in dieser luftigen Reise der Betrieb stockte;

dann konnte er verurteilt sein, die grandiose Aussicht, die sich ihm da

oben bot, für mehrere Stunden zu genießen, ja es konnte ihm blühen, in

der Höhe zu übernachten. Jedenfalls war es ratsam, sich für eine solche

Unternehmung reichlich mit Proviant zu versorgen.

[Illustration: Geb. Pionierkomp. 101 phot. Abb. 219. Schwebebahn.]

Die Seilbahnen wurden schließlich auf eine große Leistungsfähigkeit

gebracht und beförderten im Tag mehrere hundert Tonnen (bis 300),

so daß vor allem immer der genügende Vorrat an Granaten und anderer

Munition für eine mehrtägige Schlacht an der Front bereit lag und

kontinuierlich ergänzt werden konnte. Jetzt darf man ja ruhig erzählen,

daß schließlich immer an der Front Munition für 4 „Verdunschußtage‟

bereit lag; auf der Strecke lag der Vorrat für weitere 2 Tage und am

Ende der Feldbahn noch einmal so viel. Das waren ganz große Leistungen;

man konnte sie erst ganz einschätzen, wenn man erfuhr, daß um 100

Tonnen 15 km weit in einem Tag zu transportieren 3000 Ochsenwagen mit

6000 Ochsen nötig waren.

An den End- und Anfangsbahnhöfen der Feld- und Seilbahnen, auf den

Umschaltstellen der letzteren war immer ein großer Betrieb, der einen

Eindruck von den gewaltigen Leistungen gab, welche das Heer an dieser

schwierigen Front zu erfüllen hatte.

Vom Paß aus, der in der Höhe von 1060 m lag, ging es steil in das

Tal hinunter, an dessen Ende die Stadt _Prilep_ liegt. Ein seltsamer

Anblick bot sich bei der Abfahrt dem Auge dar. Das Tal war ziemlich

eng, von zwei steilen Bergketten eingefaßt und erweiterte sich erst

kurz vor Prilep, um da in die weite Ebene der _Pelagonia_ auszumünden.

Die schroffen Berge, teils aus Kalk, teils aus Granit aufgebaut,

erschienen fast vegetationslos. Weithin konnte man die weiße Straße in

vielen Serpentinen durch das dunkle Gestein bergab verlaufen sehen,

überall von Staubwolken begleitet, die der starke Verkehr aufwirbelte.

[Illustration: Abb. 220. Granitberg bei Prilep und Blick in das Tal

oberhalb der Stadt.]

Durch eine bizarre Felsenlandschaft geht es in sausender Fahrt das Tal

hinab, zur Stadt, die allmählich, breit in der Ebene sich ausdehnend,

vor den Blicken auftaucht. An halb ruinierten mohammedanischen

Grabdenkmälern, einer weißen Kaserne, einem öden türkischen Friedhof

vorbei, rasselt das Auto über holperiges Pflaster in die Gassen der

Stadt hinein.

Pappeln, Minarets, Kirchtürme ragen über den dunklen Dächern und grauen

Mauern der Stadt auf, die infolge ihres Reichtums an Gärten wie eine

Vegetationsinsel aus der dürren Öde des Felsentals sich abhebt. Doch

bei der Einfahrt bemerkt man von den Gärten zunächst nichts; denn als

echt türkische Stadt zeigte Prilep nach außen nichts von der Schönheit

seiner Häuser und Gärten. Lehmmauern begrenzen meist die Straßen,

welche die Besitztümer einschließen. Anders wird das Bild erst, wenn

man in das Geschäftsviertel, den Bazar gelangt, wo das übliche Leben

einer orientalischen Stadt vor den offenen Werkstätten und Läden sich

abspielt.

[Illustration: Abb. 221. Türkischer Friedhof von Prilep, dahinter

Markograd.]

In _Prilep_ lag das Oberkommando der XI. Armee. Ihr Befehlshaber

war gerade in jenen Tagen Exzellenz _von Steuben_ geworden, eine

liebenswürdige, feingebildete Persönlichkeit, in dessen Gesellschaft

ich manche behagliche Stunde verbrachte und von dem ich manche Hilfe

erfuhr. Das war vor allem bei späteren Besuchen in Prilep der Fall;

hier nahm ich im September 1917 an einem Front-Hochschulkursus teil und

im Juni 1918 besuchte ich Prilep nochmals. So hatte ich Gelegenheit,

auch die nähere Umgebung der Stadt kennen zu lernen.

_Prilep_ ist von anderen mazedonischen Städten nicht erheblich

verschieden; sie hat weniger individuellen Charakter als andere. Weder

Kirchen noch Moscheen haben besondere Art und Geschichte. So ist sie

eine gleichgültige Stadt, wenn auch das Leben ebenso bunt ist, wie in

anderen Städten.

Eigenartig und interessant ist aber die Umgebung von Prilep. Das Tal,

an dessen Ende die Stadt liegt, ist von zwei Bergketten eingefaßt,

die einander parallel verlaufen und die in mancher Beziehung sich

voneinander unterscheiden. Sie streichen in der Hauptsache von Norden

nach Süden. Die westliche Kette besteht in ihrem südlichen Teil

aus _Granit_, der an den Bergen in geradezu bizarren Formen zutage

tritt. Weiter im Norden, gegen den Paß zu, sind die Berge aus Kalk

aufgebaut, aus welchem auch die ganze östliche Kette besteht. Mächtige

Marmormassen kommen im Kalkgebiet vor.

[Illustration: Abb. 222. Geschäftsviertel (Bazar) in Prilep.]

Ganz besonders charakteristisch für die Gegend von Prilep ist

die Granitlandschaft, die am _Varosberg_ und nördlich von ihm am

_Zlatovrh_, an welchem das Kloster _Treskaveč_ liegt, vorherrscht. Das

dunkle, oft rote Gestein mit den gewaltigen Steilwänden, den Hängen

voll riesiger Blöcke, der mageren Pflanzenwelt bringt eine Landschaft

hervor, welche ganz einzigartig ist. Die Berge sehen aus wie steil

aufgetürmte Steinhaufen; tiefe Schatten lassen die Spalten scharf von

den glatten Flächen des Granits sich abheben.

[Illustration: Abb. 223. Granitberg nördlich von Prilep.]

Besonders gut konnte man die seltsamen Granitformen am _Varosberg_

studieren, welcher als Abschluß der westlichen Kette mit seinen

eigenartigen Umrissen in die Ebene südlich Prilep hineinragt.

Weithin über die Ebene und von fernen Bergen erkannte man die beiden

pyramidenförmigen Gipfel des Varosberges als Wahrzeichen Prileps.

Zwei mächtige Granitmassive stiegen steil einige hundert Meter über

der Talsohle auf. Die Konturen sind stark zerrissen, feine Zacken

und breite Buckel überragen allenthalben den Umriß und geben seinen

schönen Linien etwas eigenartig unruhiges. So sind auch die Abhänge,

welche nur in der Gipfelregion einzelne größere Flächen zeigen;

sonst sind sie von kleinen und großen Gesteinsbrocken bedeckt, die

übereinander geschichtet eine oft unübersehbare Wirrnis bilden, ein

starkes Hindernis für die Ersteigung des Berges, da es sich um mächtige

Blöcke mit Durchmessern von 10-50 Metern und mit glatten schlüpfrigen

Wänden handelt. Viele von ihnen haben die sogenannte _Wollsackform_ mit

abgeschliffenen, gerundeten Kanten. Eigenartig malerisch sehen sie vor

allem dann aus, wenn sie mit dunkelbraunen Moospolstern und grauen

Flechten bedeckt sind. Dann heben sie sich farbig vom kurzen Rasen

ab, der zwischen ihnen die Hänge bedeckt, welche die Möglichkeit zum

Besteigen der steilen Berge geben.

Neben den einjährigen Pflanzen und allerhand Kräutern und kleinen

Büschen, welche diesen Rasen bilden, außer den in den Spalten der

Felsen wachsenden Pflanzen, spielen Sträucher und Bäume im Granitgebiet

bei Prilep eine geringe Rolle. _Wachholder_ ist hier der häufigste

Strauch und die Form, die hier vorkommt (+Juniperus excelsa+ L.),

wächst manchmal zu stattlichen Bäumen heran und bietet damit einen

überraschenden Anblick.

[Illustration: Abb. 224. Granitfelsen mit Moos und Flechten bewachsen.]

Auch die _Tierwelt_ war an diesen Hängen nicht übermäßig reich.

Immerhin flogen zahlreiche Schmetterlinge, unter denen ein Bläuling

(+Lycaena admetus+ Esp.) besonders auffiel. Da, wo Tiere geweidet

hatten, gab es viele Mistkäfer, vor allem Pillendreher, von denen hier

+Scarabaeus sacer+ L. und +S. pius+ Illig eifrig beim Pillendrehen

waren. Auch ein stattliches Exemplar des glänzend schwarzen

Baumschröters (+Sinodendron cylindricum+ L.) fand sich hier und wies

darauf hin, daß die weitere Umgebung nicht ganz baumlos sein konnte.

Eine große Raubfliege +Schizopogon scaliger+ Lw. machte sich in

größeren Mengen bemerkbar.

Auch Heuschrecken gab es an den heißen Hängen in großer Zahl. Nicht

weiter erstaunlich war es, hier Felsenvögel zu beobachten, unter denen

waren bemerkenswert der muntere _Felsenkleiber_ (+Sitta neumayeri+

Michah.) und das _Steinhuhn_ (+Alectornis graeca graeca+ Meissn.), das

mit knatterndem Flug mehrmals vor mir aufstieg; dabei stieß ich im

Juni 1917 auf ein Gelege von 10 Eiern, welches in einer Mulde zwischen

Steinen lag.

Bei weiterem Aufsteigen wurde immer deutlicher, daß die eigenartigen

Umrisse des Berges nicht nur das Werk von Naturkräften waren, sondern

daß auch Menschenhand dabei mitgewirkt hatte. Auf beiden Gipfeln waren

Mauerreste erkennbar, welche von einer sehr ausgedehnten Burg herrühren

mußten. Wie aus dem Felsen gewachsen, erhoben sich Türme, Durchgänge

waren von Rundbogen überwölbt, Häuser waren noch deutlich als einstmals

mehrstöckige Gebäude zu erkennen; hohe, steile Mauern zeigten noch

Reste von Zinnen und waren von mächtigen Walltürmen eingefaßt.

Es waren die Reste der Burg _Markograd_, von der noch manche

sagenhaften Erinnerungen bei den slavischen Mazedoniern berichten.

Nach der Bauart handelt es sich wohl um einen Bau aus dem späten

Mittelalter. Den beiden Gipfeln entsprechend handelt es sich um

zwei Burganlagen, welche durch einen großen Mauerring umfaßt waren.

Bemerkenswert ist der Mangel an Schießscharten und überhaupt die

Seltenheit nach außen gerichteter Fensteröffnungen. An den Türmen

wiesen Balkenlöcher darauf hin, daß einstmals bedachte Holzgallerien

diese außen umgaben. Am Abhang sind die Reste einer Außenbefestigung zu

erkennen, welche offenbar die ganze große Anlage vor Angriff schützte.

An einer Seite, in der Richtung gegen die Stadt Prilep, glaubt man

die Reste einer Zufahrt zu bemerken; sie führt zu einem Eingang mit

auffallend engem Torbogen.

Es war schwer, sich eine bestimmte Vorstellung von Alter und Entstehung

der Burg zu machen. Der Tradition nach war es die Burg des serbischen

Helden _Marko Kraljevič_, von dem phantastische Sagen im Umlauf sind,

in denen er als Riese und fast als Gespenst auftritt. _Aimé Boué_

scheint vor 100 Jahren die Bauten etwas besser erhalten gesehen zu

haben. Er schreibt von einer Kapelle und einer Quelle in einem Turm an

der Ostseite, die ich nicht auffand. Bei letzterer mag es sich doch

wohl um eine Zisterne gehandelt haben.

Beim Herumklettern auf den Felsen und in den Ruinen gab es viel

zum Schauen und zu beobachten. Wie malerisch bauten sich Türme und

Wälle auf den Felsblöcken auf. Man überlegte sich, ob wohl der eine

zweistöckige Bau das Frauenhaus, ein anderer größerer das Männerhaus

gewesen sei.

An den Felsen in der Gipfelregion zeigten tiefe glatte Rinnen, Furchen,

blanke Rundungen, untergreifende Rillen, daß gewaltige Naturkräfte

an der Ausgestaltung dieser Formen gearbeitet haben mußten. Man

konnte sich kaum vorstellen, daß all das schon beim Übergang aus dem

feuerflüssigen Zustand des Granits entstanden war. Unwillkürlich mußte

man an Wasserkräfte denken und in der Phantasie trat beim Blick auf

die weite Ebene im Süden des Berges das Bild eines großen Sees auf,

der einst sich bis _Monastir_ ausgedehnt haben mag. Die geologische

Beschaffenheit des Bodens der Ebene, der Verlauf der Cerna läßt

tatsächlich eine solche Annahme zu. Als der See verschwand, mochte auch

der Berg hier sich gehoben und in seine Höhen die Spuren der Wirkungen

eines kräftigen Flusses mitgenommen haben.

[Illustration: Abb. 225. Im Geschäftsviertel von Prilep.]

Jetzt schweift der Blick weit über die dunstige Ebene, welche in der

Ferne von einem Kranz von Bergen eingefaßt ist. Direkt nach Westen

sieht man in der _Babaplanina_ an klaren Tagen die weiße Häusermasse

von _Krusevo_ aufschimmern. In weitem Bogen fassen die Berge nach

Süden; schneebedeckt erhebt sich aus dieser Kette die schöne Pyramide

des _Peristeri_. Kahle Berge ziehen am Ostrand der Ebene als _Selecka

Planina_ südwärts zum Cernabogen. Von diesem erstreckte sich zur Zeit

meines Besuches die Front über _Monastir_ westwärts zum _Peristeri_,

von da zum _Prespa-_ und _Ochridasee_; man ahnte die Lücken in

den Gebirgen, in denen die Seen lagen und sah jenseits von ihnen

Bergketten, die schon zu _Albanien_ gehörten.

Wie von einem Turm konnte man zwischen den Felsen, durch ein Mauerloch

oder eines der alten Fenster nach Osten zu steil auf die Stadt _Prilep_

hinunterblicken. In der Vogelperspektive lag das Häusergewirre mit

seinen Gärten und Pappelgruppen, mit seinen Kirchen und Minarets weit

auf dem Talboden ausgebreitet. Von hier aus sah die Stadt ganz anders

malerisch und reizvoll aus, als innerhalb ihrer Gassen.

Jenseits im Osten stiegen wieder Bergketten mit klar umrissenen

Konturen empor, die _Kalkberge_ der Ostkette des Tales von Prilep,

während nach Norden die wilden Formen der _Granitberge_ den weiteren

Ausblick verhinderten.

Es war nicht einfach, vom Gipfel und der Burg nach Westen über die

glatten Granitplatten zu Dorf und Kloster _Varos_ herabzuklettern.

Einer meiner Begleiter glitt an gefährlicher Stelle aus, rutschte über

eine Felsenfläche weit hinab und entging nur durch einen Glückszufall

einem bösen Schicksal.

Aus dem Bild des in einer Nische des Granitfelsens eingeschmiegten

Klosters kann man entnehmen, welche tolle Kletterei wir hinter uns

hatten, als wir vom Gipfel an der Hinterseite des Klosters ankamen.

Hätte es nicht einen so eigenartigen Hintergrund in den Granitmassen

des Berges, welche fast wie erstarrte Lavaströme aussehen, so würde

es sich kaum von vielen der Balkanklöster unterscheiden. Immerhin ist

die Anordnung der im rechten Winkel zueinander stehenden Gebäude, von

denen das eine zwischen zwei im oberen Stockwerk vorragenden Flügeln

eine graziöse Säulengallerie einfaßt, das andere zwei Säulenhallen in

Holzbau übereinander zeigt, recht eigenartig. Die Kirche mit allerlei

alten Architekturbestandteilen füllt die Ecke zwischen beiden Gebäuden

aus. Hohe Grundmauern tragen die Fundamente der Bauten, so daß man vom

Dorf aus eine hohe Treppe zu ersteigen hat.

Im letzteren steht eine interessante Kirche, von einem Friedhof mit den

üblichen Kistengräbern umgeben. Die Nord- und Ostseite ist mit einer

langweiligen weißen Bogengallerie verbaut. Von der Süd- und Westseite

zeigt aber das Kirchlein den malerischen altmazedonischen Typus

bulgarischen Ursprungs. Sie scheint allerhand Schicksale durchgemacht

zu haben, so daß die ursprüngliche Anlage kaum mehr zu erkennen

ist. Jedenfalls ist sie von einem graziösen zehnsäuligen Kuppelturm

überragt; an der Westseite sieht man noch die Anlage von Konchen,

die verschiedene Art und Behandlung der Bausteine weist auf viele

Reparaturen hin.

[Illustration: Abb. 226. Kirche im Dorf Varos.]

In vieler Beziehung interessanter ist das hochgelegene Kloster

_Treskawetz_, welches auch in der Granitkette, und zwar auf einer

Höhe von 1226 m gelegen ist. Als im September 1917 in Prilep ein

Hochschulkursus stattfand, den das Oberkommando für die Studenten

der XI. Armee veranstaltete, und bei welchem wir Professoren unsere

Vorlesungen in einer Moschee abhielten, gehörte zu den besonderen

Veranstaltungen uns zu Ehren auch eine Bewirtung durch die Stadt

_Prilep_ in diesem altheiligen Kloster.

An einem Nachmittag ritten wir die 2 Stunden durch die grandiose

Granitlandschaft auf den Berg hinauf. Das Kloster, eigenartig

in seltsame Felsen eingebaut, war eine weitläufige Anlage, von

hohen Mauern umgeben. Zwischen den Türmen und Schornsteinen ragten

Granitklötze empor, welche in ihren bizarren Gestalten fast wie

Menschenarbeit aussahen.

Das Kloster erfüllte seine Aufgabe als Festquartier sehr gut, denn

es war in mächtigen dreigeschossigen Galleriebauten mit einer

großen Anzahl sauberer Zimmer ausgestattet, welche viele hundert

Pilger aufnehmen konnten. Schon am Eingang zum Kloster waren wir

von dem Bürgermeister von Prilep, angesehenen Bürgern dieser Stadt,

bulgarischen Beamten und Offizieren feierlich empfangen worden.

In einer rebenumrankten Veranda fand ein Festessen statt, bei welchem

wir mit den Bulgaren vereinigt saßen und bei welchem politische

Reden gehalten wurden. Der Bürgermeister, ein blasser, schlanker

Mann, der als bulgarischer Verschwörer lange Jahre in türkischen

Gefängnissen gelegen hatte, hielt eine feurige deutschfreundliche

Rede, auf welche der Kenner der griechischen Literatur und der antiken

Geschichte Mazedoniens _v. Willamowitz_, der Berliner Professor in

formvollendeter, feiner Rede antwortete.

In angeregten Gesprächen durchwanderte man dann zusammen die Räume

des Klosters und besichtigte vor allem die ehrwürdige Kirche, deren

Ursprung die Bulgaren auf das 9. Jahrhundert zurückführen wollen. Es

war sehr interessant, mit den gebildeten Männern durch die für sie

traditionsreichen Räume zu wandern und den Erzählungen zu lauschen,

welche von dem alten Zusammenhang ihres Volkes mit Mazedonien

berichteten.

Es war bemerkenswert, wie sie mit einer wahren Zärtlichkeit sich in die

alten Erinnerungen versenkten, als wir alte heilige Bücher anschauten

und uns ein Gewölbe gezeigt wurde, das erst vor nicht langer Zeit

aufgedeckt wurde, und in welchem ein russischer Gelehrter wichtige

alte Urkunden aufgefunden habe. Alte halbzerstörte Fresken an der Wand

lösten die Erinnerung an den großen Zaren _Simeon_ aus, der einst ein

großes Bulgarenreich über fast der ganzen Balkanhalbinsel beherrscht

und das Kloster Treskaveč unterstützt hatte.

Wehmütig wurden ihre Erzählungen, als sie auf den Zaren _Samuel_ zu

sprechen kamen, der während seiner 40jährigen Regierung (976-1014) eine

Unmenge von Wechselfällen in den unaufhörlichen Kriegen mit Byzanz

erlebte, in Ochrida glänzend residierte, dem aber schließlich in dem

Konstantinopeler Kaiser _Basileus Bulgaroktonos_ ein furchtbarer,

blutdürstiger Gegner erstand. Der machte schließlich durch die Schlacht

an der Belasiza Planina bei _Strumiza_ all dem, was Samuel in seinem

Leben erreicht hatte, ein Ende. Ja, er bringt ihm indirekt den Tod,

indem er ihm 15000 bei Strumiza gefangene Bulgaren geblendet, unter

der Führung je eines von hundert, der nur einäugig gemacht wurde, nach

Ochrida zurückschickte. Bei deren Anblick ist er so erschüttert, daß

ein Schlaganfall den greisen Mann trifft und tötet.

[Illustration: Abb. 227. Gesamtansicht des Klosters Treskaveč.]

Es ist eine tragische Geschichte, welche durch die 700 Jahre bis

zur Unterjochung durch die Türken auf den Balkanvölkern lastet

und heute noch nicht zum Abschluß gebracht ist. Immer wieder wird

die Ruhe auf der Halbinsel durch Völkerwanderungen erschüttert,

die stets zunächst auf die _Slaven_ stoßen. Deren unversöhnliche

Gegensätze zu den Griechen treiben sie von einem Krieg in den andern

durch all die Jahrhunderte hindurch. Immer wieder kommen sie wieder

in die Höhe, gründen neue und größere Reiche, die bald wieder

zusammenstürzen. Einmal über das andere Mal stehen _bulgarische_

Heere vor _Konstantinopel_, ohne daß es ihnen jemals gelingt, die

Weltstadt einzunehmen. Immer wieder werden sie in den Abgrund gestürzt

und unterjocht, um nach neuer Freiheit und neuem Glanz zu streben.

Zu allem Unglück kommt noch die Feindschaft zu dem Brudervolk der

_Serben_, die im Laufe der Jahrhunderte immer bitterer geworden ist und

beide Völker verhinderte zu Größe und Selbständigkeit zu gelangen. Dann

kamen die Jahrhunderte türkischer Knechtschaft, die jedes Streben nach

Unabhängigkeit unterdrückte, bis mit der Zerrüttung des Türkenreiches

sich neue Hoffnung regte.

Nun waren sie endlich so weit, auf bessere Zeiten blicken zu dürfen

und nun liegen sich die Balkanvölker wieder als bitterste Feinde in

den Haaren. Seufzend gestehen sie das zu, aber mit glänzenden Augen

sprechen die Bulgaren die Hoffnung aus, mit Hilfe der Deutschen endlich

das Ziel zu erreichen, die ersten auf dem Balkan zu werden.

[Illustration: Abb. 228. Kirche im Kloster Treskaveč im Granitgebirge.]

Nun schweifen ihre Gedanken ab und tauchen in das Gebiet der Sagen

und Märchen. Sie erzählen von der Zarin Maria, welche den Sultan

heiratet und mohammedanisch wird, um ihr Volk zu retten. Sie kommen

auf die Geschichte von der Schlange und dem Blitz und von den zwei

Hirten. Darüber ist die Zeit vergangen und nach freundschaftlicher

Verabschiedung trenne ich mich von den bulgarischen Herren und steige

in der Abenddämmerung die steilen Hänge zum Tal, zur Stadt hinab.

Mazedonien · 第 35 / 45 段