Wie war es wohl zu erklären, daß gerade diese Form bei Kaluckova die

häufigste war? Die Untersuchungen der Schluchten klärten diese Frage

auf. Es stellte sich dabei heraus, daß gerade +Anopheles superpictus+

in den _Schluchtbächen_ brütet. Und zwar findet man die Larven nicht,

wie man das bisher für alle +Anopheles+-Arten annahm, nur im ruhenden

Wasser stehender Tümpel, sondern auch im strömenden Schluchtbach. Da

lagen sie vor allem in charakteristischer Lage mit dem Hinterende an

den Steinrändern des Bachufers angelehnt. So wurden sie von der leisen

Strömung nicht mitgerissen.

Auch in den Sammelgläsern und Glasschalen, in denen ich die Larven

aufhob, zeigten sie eine ganz besondere Neigung sich mit dem Hinterende

an die Glaswand anzulegen, was für eine mit ihrer Lebensweise

zusammenhängende Besonderheit spricht.

Die Larven von +Anopheles superpictus+ konnte ich dann in vielen

Gegenden Mazedoniens als bevorzugte Bewohner der Schluchtbäche

feststellen, in denen gelegentlich auch diejenigen von +A.

maculipennis+ vorkommen. So waren denn die Schluchten nicht mehr als

harmlose Nachbarschaft von Lazaretten und Truppenquartieren anzusehen

und unter anderen erwies sich die Verlegung bzw. Aufhebung des

Lazaretts _Kaluckova_ vor dem nächsten Sommer als notwendig.

Immerhin war die Bekämpfung der Malariamücken auch in den Schluchten

nicht unmöglich. Ich gab dafür ein Mittel an, welches die Natur mich

gelehrt hatte und welches mir in diesem Lande selbst für die Einwohner

ausnützbar und mit wirtschaftlichen Zwecken verknüpfbar erscheint.

Nachdem ich nämlich beobachtet hatte, daß nach starken Regengüssen

die Tümpel der Schluchtbäche von dem angeschwollenen Wasser glatt von

Schnakenlarven ausgespült werden, welche dann auf den Geröll- und

Sandbetten des im Sommer austrocknenden Unterlaufs absterben, empfahl

ich dafür eine Nachahmung des natürlichen Vorganges durch einfache

Handgriffe.

Bei geeigneter Auswahl der richtigen Stelle kann man in jeder Schlucht

mit einer Arbeitskraft in einem Tage aus dem vorhandenen Geröll eine

labile Sperre herstellen, welche eine Wassermasse staut, genügend

für eine einmalige radikale Durchspülung der Schlucht. Gleichzeitig

könnte in dieser Weise angestautes Wasser zur Bewässerung von

Anbauland ausgenützt werden und nur periodisch alle paar Wochen zur

Schnakenbekämpfung Dienste tun.

Auch andere Malariabeobachtungen konnten auf dem Balkan gemacht werden,

die nicht ohne Interesse waren. So zeigte sich die Verschleppung der

Malaria stets an das Vorhandensein der +Anopheles+ geknüpft, wobei

die Menschen als Dauerträger der Parasiten eine große Rolle spielten.

So wurde die Malaria besonders in der schlimmen Form der Tropica in

vielen Gegenden des Balkan erst während des Krieges eingeschleppt, in

denen sie früher gefehlt hatte. Es zeigte sich, daß das neue Auftreten

von Tropikafällen fast immer mit dem Erscheinen von meist asiatischen,

türkischen Truppen und an der feindlichen Front von farbigen

Abteilungen in Zusammenhang stand; diese hatten als Malariaträger

in ihrem Blut die Infektionsformen des für das Land neuen Parasiten

mitgebracht.

Auch wurde zum ersten Male auf dem Balkan von unseren Militärärzten

auf die Wichtigkeit der _Kindermalaria_ geachtet. An manchen Orten,

so am Prespasee, in Struga am Ochridasee, war es sehr auffallend, wie

die meisten Kinder bleich und hohläugig, vielfach abgemagert und mit

vorstehendem Bauch herumliefen. Sie wurden untersucht und erwiesen sich

als sogenannte Milzbäuche, d. h. als Malariaträger, bei denen durch den

Einfluß des Parasiten die Milz stark geschwollen war.

Solche Kinder, welche ihre Jugend in einem ständigen Kampfe mit dem

Malariatod verbrachten, waren dauernd Infektionsquellen für die

+Anopheles+, welche in einem so belasteten Ort während des ganzen

Sommers mit Malariakeimen beladen, auf gesunde Ankömmlinge lauerten,

um sie beim Stechen zu infizieren. Kam Einquartierung in einen solchen

Ort, so war mit Sicherheit anzunehmen, daß dort in kürzester Frist ein

hoher Prozentsatz der Leute mit Malaria infiziert wurden.

+Anopheles superpictus+ scheint mir gegenüber den auch bei uns

verbreiteten Arten +A. maculipennis+ und +bifurcatus+ eine südliche

Form zu sein. Darauf weist zunächst einmal hin, daß ich sie im

südlichen Teile Mazedoniens viel häufiger fand als im nördlichen.

Während ich in Üsküb unter zahlreichen +A. maculipennis+ nur ganz

selten einen vereinzelten +A. superpictus+ fand, waren es in Kaluckova

zehnmal mehr von dieser letzteren kleinen Form. An allen südlichen

Fundorten, so in Veles und Dedeli war sie die häufigere. Das mag ja zum

Teil aus ihrer Vorliebe für Schluchten zu erklären sein.

Aber andererseits ist bemerkenswert, daß +A. superpictus+ später im

Frühling aus dem Winterquartier kommt und später seine Eier legt

als +A. maculipennis+. Das Winterquartier ist eine ausgezeichnete

Gelegenheit, um die Häufigkeit einer Art in einer Gegend festzustellen.

Auch in Mazedonien überwintern nur die Weibchen in Kellern, Häusern,

Ställen, Schuppen, aber auch in Erdspalten und Höhlen im Freien.

+A. superpictus+ hat eine besondere Tendenz in solchen natürlichen

Verstecken zu überwintern.

Die Weibchen von +A. maculipennis+ haben oft schon kurz nach dem

Verlassen des Winterquartiers legereife Eier besessen, das Legen

beginnt bei dieser Art schon im April. Bei +superpictus+ habe ich es

vor Ende April bis Anfang Mai nicht beobachtet.

Bei +Anopheles+ gibt es scheinbar als Norm im Sommer drei Generationen;

bei günstiger Witterung und guten Ernährungsverhältnissen kann es wohl

auch zu mehr Sommergenerationen kommen. Normal dürfte wohl folgende

Reihenfolge sein: Die überwinternden Weibchen legen im Frühling Eier,

aus diesen entsteht im Mai die Frühlingsgeneration, die im Mai und

Anfang Juni fliegt, sich begattet und zur neuen Eiablage gelangt. Aus

diesen Eiern entsteht die Sommergeneration, die meist Anfang August

sich zeigt. Sie legt im Herbst ihre Eier, aus diesen entstehen wieder

erwachsene Männchen und Weibchen. Erstere sterben schnell ab, die

begatteten Weibchen gelangen meist nicht mehr zur Eiablage, sondern

überwintern im Winterquartier, um die nächste Generation erst im

Frühling hervorzubringen. Die hier eingefügte Tabelle zeigt, daß

die Generationen von +A. superpictus+ immer ein wenig denen von +A.

maculipennis+ nachfolgen.

===============================================================

| +Anopheles | +Anopheles

| maculipennis+ | superpictus+

------------+--------------------------+------------------------

I. Gen. | April-Mai | Mai

II. Gen. | Anfang August | August-September

III. Gen. | September-Oktober | Oktober

| Überwinterung | Überwinterung

Mit den Generationen der Malariamücken hingen auch die Höhepunkte

der Malariaepidemien in Mazedonien zusammen. Kurze Zeit nach der

Entwicklung zahlreicher Mücken stieg die Zahl der Erkrankungen an

Malaria stark an.

Die schlimmsten, unangenehmsten Quälgeister in Mazedonien waren winzig

kleine Mücken, welche in gewissen Zeiten den Schlaf fast unmöglich

machten. Es waren dies die _Pappataccifliegen_, kleine 2½ mm lange

Tierchen, welche einem einen brennend schmerzhaften Stich beibrachten,

der auf die verschiedenen Menschen ganz verschieden ein- und

nachwirkte. Wer mit ihnen ernsthaft zu tun hatte, wird sie in seinem

Leben nicht mehr vergessen.

Zunächst ist man gar nicht geneigt, so kleinen Wesen, die kaum größer

sind als Blattläuse, Beachtung zu schenken. Sie zwingen sich aber

bald Beachtung auf. Sie sind im ganzen Orient verbreitet, kommen auch

im übrigen Südeuropa, in Italien, in Malta und Nordafrika vor und

sind überall sehr gefürchtet. Überall treten sie lokal auf, sind auf

besondere Orte beschränkt und fehlen oft dicht daneben.

Im Winter sind die geflügelten Tiere vollkommen verschwunden; eine

Überwinterung der Weibchen, wie bei den Stechmücken, kommt bei ihnen

offenbar nicht vor. Sie treten Anfang bis Mitte Mai auf und erreichen

ein Maximum der Häufigkeit in Mazedonien im Juni, dem ein zweites

Maximum im September folgt. Im Oktober bis November verschwinden sie

vollkommen, was nicht mit einem Überwintern zusammenhängen kann. Nach

vollendeter Eiablage sterben nämlich die Weibchen.

Die +Pappatacci+ haben ein eigenartiges Aussehen; sie haben dünne nicht

allzu lange Beine, lange, zart behaarte Fühler, vorstehende Augen und

einen ziemlich langen Stechrüssel am Kopf. Der Leib ist beim Männchen

schmäler als beim Weibchen und trägt am Hinterende einen eigenartigen

Klammerapparat. Die Flügel sind lang und schmal, fein geädert und

behaart und werden in der Ruhe in einer eigenartigen Stellung gehalten,

welche als _Engelsflügelhaltung_ bezeichnet wird (vgl. die oben- und

umstehenden Abbildungen 213, 214 und 215).

[Illustration: +A B+ Abb. 213. +Phlebotomus papatassii+ L.

Pappataccifliegen. +A+ Männchen. +B+ Weibchen mit blutgefülltem Darm.

Vergr. 20.]

An der Wand sitzen sie mit stark nach unten abgebeugtem Kopf,

aufrechten Fühlern und abstehenden Beinen. Rührt sich etwas in ihrer

Umgebung, so nehmen sie eine Bereitschaftsstellung ein, aus der sie

durch einen seitlichen Sprung sich einige Meter an der Wand entfernen,

um meist bald sich wieder zu setzen. Sie sind auf Tastreize, Bewegungen

und Lichtreize außerordentlich empfindlich. Licht zieht sie an. Sie

haben eine ausgesprochene Tendenz sich auf rauhe Unterlagen zu setzen.

[Illustration: Abb. 214. Pappatacciweibchen in Engelstellung von vorn.]

Hat man abends sein Moskitonetz auf +Pappatacci+ sorgfältig geprüft

und vollkommen frei von ihnen gefunden, so findet man dennoch

morgens oft deren 50-60 unter dem Netz. Sie sind offenbar durch den

Geruch des Menschen angezogen worden und mit großer Geschicklichkeit

durch die Maschen des Netzes gekrochen. Weibchen wie Männchen

werden gleicherweise durch den Menschen angezogen, obwohl nur die

Weibchen Blut saugen. Es werden also auch die Männchen durch den

Menschengeruch angelockt, obwohl sie sich nicht an ihm ernähren. So

sehen wir bei ihnen den Geruchssinn in ähnlicher Weise in den Dienst

der Fortpflanzung gestellt, wie bei manchen Schwärmern unter den

Schmetterlingen, wo die Geschlechter auf den Geruch gewisser Blüten

sich an diesen versammeln, ohne daß sie an diesen saugen, was ihnen gar

nicht möglich ist, da sie einen verkümmerten Saugrüssel haben und im

Imagozustand überhaupt keine Nahrung zu sich nehmen.

Morgens fand ich die Weibchen stets voll Blut gesaugt auf der

Innenseite meines Moskitonetzes ruhig sitzend und fing sie regelmäßig

alle zu wissenschaftlichen Zwecken weg. Dabei fand ich viele Pärchen in

Begattung vereinigt; dann war das Weibchen stets voll Blut gesaugt; das

Männchen hing entgegen manchen Angaben stets nach unten.

[Illustration: Abb. 215. Pappataccimücke. Weibchen von oben: voll Blut

gesaugt.]

In der Regel stachen die +Pappatacci+ nur nachts, doch konnte ich in

manchen Fällen ebenso wie bei den Anopheles auch ein Stechen bei Tag

beobachten. Nachts war ihr Stechen vielfach qualvoll, manche Menschen

reagierten auf sie sehr stark und waren am ganzen Körper nach den

Stichen von Quaddeln bedeckt; die Stiche hatten oft ein Ekzem zur

Folge. Die Ärzte, Schwestern, Kranken konnten in den kritischen Monaten

in Kaluckova überhaupt kaum mehr schlafen und kamen auf diese Weise

körperlich und seelisch sehr herunter. Kaluckova, Hudova, Veles und

andere Orte waren von diesen Tieren stark geplagt, während sie in Üsküb

weniger hervortraten, in Prilep fast ganz und in hochgelegenen Orten

wie Gopes vollkommen fehlten. Vor allem im südlichen Wardargebiet

litten unsere Truppen ganz außerordentlich unter diesen Quälgeistern.

Besonders schlimm war aber, daß auf die Stiche der +Pappatacci+ eine

Krankheit auftrat, welche mehrere Tage hohes Fieber, Kopfschmerzen,

Gliederschmerzen und ein lang anhaltendes Schwächegefühl mit sich

brachte. Die Krankheit, als _Pappataccifieber_ bezeichnet, befiel

fast jeden, der in das verseuchte Gebiet kam. Auch in der Türkei, in

Kleinasien, Syrien und Palästina hatten unsere Soldaten schlimm unter

diesen Bestien zu leiden. Zuerst hielt man die Krankheit für harmlos

und glaubte nicht an Nachwirkungen. In den späteren Jahren des Feldzugs

zeigten sich aber immer schlimmere Folgeerscheinungen, so daß sie sehr

gefürchtet wurde.

So tat man denn alles, um sie zu bekämpfen. Es scheint, daß die Larven

vor allem in Lehmmauern, Steinspalten, Bodenritzen leben. Ich suchte

in angestrengter Weise nach ihren Brutstätten in Kaluckova, Rabrovo,

in Veles, in Üsküb, kurz an allen Stätten, an denen man jede Nacht

Massen der Imagines sammeln konnte. Die Schwierigkeit sie zu finden,

lag vor allem an der Kleinheit der Eier, Larven und Puppen. Ich kam zur

Überzeugung, daß die Hauptbrutstätten in den Lehmbauten und Hausruinen

des Landes sein müßten.

Ebenso intensiv wurde natürlich nach dem durch die Pappataccimücken

übertragenen Krankheitserreger gesucht. Man suchte ihn im Darm der

Weibchen, im Blut der Kranken, suchte dort vor allem in den ersten

Krankheitstagen. Schließlich kam man zur Überzeugung, es müsse

ein invisibler Virus sein. Merkwürdig ist die Tatsache, daß die

überwinterten Larven Tiere aus sich hervorgehen lassen, die bald die

Krankheit verbreiten können. Das muß natürlich für alle Überlegungen

über die Herkunft des Krankheitskeimes von Bedeutung sein. Man

dachte an eine Vererbung durch das Ei, die ja bei anderen Parasiten

festgestellt ist.

Ich habe mir nach meinen persönlichen Erfahrungen Gedanken über einen

besonderen Zusammenhang gemacht, den ich hier zur Diskussion stellen

möchte. Ich halte es für möglich, daß gewisse, normalerweise im Darm

der Pappatacciweibchen lebende Parasiten, Bakterien oder andere

Organismen, sich jedes Jahr neu an Menschenblut gewöhnen. So wären nur

solche Tiere infektiös, welche mehr als einmal an Menschen gesaugt

haben. In ihrem Darm wäre die Vorbereitung an das Leben im Menschenblut

erfolgt. Ich versuchte, den Beweis für diese Annahme bei mir selbst zu

führen, indem ich keiner Pappataccimücke gestattete, ein zweitesmal an

mir zu saugen. Das führte ich durch, indem ich jeden Morgen alle Mücken

unter meinem Moskitonetz wegfing und alle in meinem Zimmer vorhandenen

tötete.

Obwohl ich sehr oft gestochen wurde, habe ich die Krankheit in den

beiden Jahren meines Aufenthaltes in Mazedonien nicht bekommen,

obwohl ich an den verseuchten Stellen lebte und meine ganze Umgebung

wiederholt erkrankte. Doch gebe ich zu, daß es sich mit meiner Annahme

um eine noch unbewiesene Hypothese handelt.

Von anderen Plagegeistern in Mazedonien möchte ich noch die _Bremsen_

erwähnen, welche Menschen, Pferde, Maultiere, Rinder und andere Tiere

sehr quälten. Die Pferde waren oft von Dutzenden dieser Blutsauger

bedeckt. Es waren eine ganze Anzahl Arten, welche in Frage kamen. Ich

nenne hier +Tabanus graecus+ Fb., +T. ater+ Rossi, +T. tergestinus+

Ers., +T. umbrinus+ Mg., die zum Teil durch ihren Namen schon ihre

südliche Zugehörigkeit zeigen. In den Anmerkungen zu diesem Kapitel

gebe ich eine längere Liste der von mir beobachteten Bremsenarten. Ein

unangenehmer Blutsauger war auch +Haematopota pluvialis+ L.

Für unsere Pferde und Rinder waren auch die _Lausfliegen_ (+Hippobosca

equina+ L.) eine schwere Plage, zumal manchmal 50-100 dieser schwer

abzulösenden Blutsauger sich unter dem Schwanz an After und Vulva der

armen Tiere anhefteten. Gefährlich waren die _Zecken_, die Ixodiden,

welche bei Pferden und Rindern das _Blutharnen_, eine schwere, oft

tödliche Krankheit übertrugen. Auch _Dasselfliegen_ kamen häufig vor,

und man sah bei den Rindern nicht selten die von ihnen erzeugten

Beulen. Auch die Pferde litten unter solchen, wie daraus hervorgeht,

daß zwei Pferdeverfolger +Oestrus (Rhinoestrus) purpureus+ Brauer und

+Gastrophilus equi+ L. nicht selten waren.

Als Krankheitsüberträger mögen auch die _Stubenfliegen_ und

_Schmeißfliegen_ eine Rolle gespielt haben, welche jeden Kot in

ungeheuren Mengen bedeckten und von ihm auf alle Speisen flogen. Sie

mögen bei der Übertragung der Ruhr und des Typhus mitgewirkt haben.

Diese beiden Krankheiten spielten auch in Mazedonien ihre verderbliche

Rolle; bemerkenswert ist dabei, daß es sich fast ausschließlich um

Bakterienruhr handelte, während die in der Türkei häufige Amoebenruhr

nur ganz selten vorkam.

NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL

PRILEP UND SEINE PÄSSE

(BABUNA- UND PLETWARPASS)

Seitdem _Monastir_ in die Hände der Feinde gefallen war, spielte

_Prilep_ eine wichtige Rolle als Hauptstadt im Westteil der

mazedonischen Front. Seit jeher war sie als Durchgangspunkt auf dem

Wege nach Südmazedonien und Südalbanien bedeutend gewesen. So waren

hauptsächlich zwei Pässe seit altersher als Zugangsstraßen nach dieser

Stadt üblich. Beide waren jetzt für die Versorgung der Front ausgebaut

worden, der _Babuna-_ und der _Pletwarpaß_, die vom Wardartal nach

Südwesten nach Prilep führten. Beide hatten ein Gebirge auf diesem Weg

zu überqueren, so daß für die Versorgung der Front die Strecke von

70-80 km große Schwierigkeiten bedeutete.

Zu meinem ersten Besuch in Prilep wählte ich im Juni 1917 den Weg

über den _Babunapaß_, wobei Veles den Ausgangspunkt darstellte. Dort

fand ich bei Hauptmann _Jungmann_ gastliche Aufnahme und das für die

Fahrt so wichtige Beförderungsmittel. Über die Paßstraße ging ein

regelmäßiger starker Verkehr von Lastfuhrwerken und Kraftwagen. Um

diesen zu bewältigen, war im Laufe der Zeit die Straße immer besser

ausgebaut worden; außerdem war eine Kleinbahn über den Babunapaß im

Bau, die jedes Vierteljahr ein Stück weiter vorgeschoben wurde, während

der Rest der Strecke für den Proviant- und Munitionstransport an die

Front durch eine Schwebebahn überwunden wurde.

Die Straße von Veles nach dem Babunapaß ging zuerst geradeaus südlich

an der _Topolka_ entlang, um dann über eine Höhe hinweg die _Babuna_

zu erreichen, welche bei _Izvor_ direkt aus Süden in einem breiten Tal

dem Gebirge entströmt. Es ist eine eigenartige, abwechslungsreiche

Landschaft, welche man durchfährt, während allmählich die Ketten des

Gebirges immer höher vor einem aufsteigen. Diese Gegend hatte ich auf

Kreuz- und Querfahrten mit Hauptmann _Jungmann_ ziemlich genau kennen

gelernt, da er mich oft bei den Inspektionen seiner Lager mitgenommen

hatte. An der ganzen Straße hatte er Lager von Kriegsgefangenen,

hauptsächlich Rumänen, welche am Straßen- und Bahnbau arbeiteten. In

der Umgebung dieser Lager habe ich mit ihm manche Exkursion gemacht,

welche besonders viel interessante Insekten brachte.

Nicht weit von Veles war eine Stelle, wo bei Anlage einer Sandgrube

für die Straßenarbeiten der Hauptmann Zähne und Kieferstücke eines

_Mastodon_ ausgegraben hatte. Ich sah mir die Örtlichkeit sehr genau

an; denn dort sollten später weitere Ausgrabungen vorgenommen werden.

Es fand sich in der Grube eine eigenartige Schichtung von feinem

Sand, Geröll und Lehm, dazwischen dünne schwarze Schichten. Spätere

Grabungen förderten hier prachtvolle Fossilien zutage. Es fanden sich

hier außer weiteren Resten des Mastodon eine große Menge versteinerter

_Säugetierskelette_ von Antilopen, Pferden und dergleichen,

vergleichbar der berühmten Fundstätte von _Pikermi_ in Attika. Die

Ausbeutung hatte im Herbst 1918 kaum begonnen, als der Rückzug uns

vertrieb und leider eine planmäßige Durcharbeitung unmöglich machte,

die hoffentlich in nicht zu ferner Zukunft wieder aufgenommen werden

kann.

So bot jedes der Lager irgendeine Besonderheit für den Naturforscher.

Bei einem waren ausgedehnte sumpfige _Reisfelder_, deren Wasser

interessante Tiere beherbergte, bei _Izvor_ enthielt ein Teich

Wasserschildkröten. Dort war im Frühsommer 1917 der Kopf der Feldbahn

angelangt, fest wurde an dem Schienenstrang gearbeitet; das Lager

war von hunderten von Arbeitern erfüllt, hier meist von den Bulgaren

gepreßte Arnauten. Daneben dehnte sich ein malerisches Türkendorf aus.

Die Gegend vor dem Gebirge war reich angebaut; anfangs Juni waren die

Getreidefelder gerade schnittreif. Die Dörfer, sich als türkische

Siedlungen meist durch ihr Minaret verratend, lagen hoch in den Hügeln

und Bergen und boten mit ihren schwarzroten Ziegeldächern, welche aus

reichen Obstbaumbeständen hervorlugten, reizvolle Bilder.

Bei _Izvor_ verläßt die Straße das Tal und beginnt an der _Babuna_

entlang ins Gebirge aufzusteigen. In immer kühner werdenden Serpentinen

führt sie allmählich die Hänge hinauf; zunächst überschreitet sie auf

zahlreichen Brücken den windungsreichen Bach. Nach _Stepanci_, dem

späteren Endpunkt der Kleinbahn, beginnt die stärkste Steigung, die

schließlich steil zur Paßhöhe von 1060 m hinaufsteigt. Hier verläßt die

Straße den Babunafluß und folgt zunächst einem seiner Zuflußbäche,

der den Namen _Desna_ führt. Weiter oben fährt man an einer starken

Mineralquelle mit erfrischendem Wasser vorbei, wo meist eine kurze

Rast gemacht wurde. Je weiter man hinauf kommt, desto grüner werden

die Berge, welche schließlich eine Höhe von etwa 1600 m erreichen.

Die höheren von ihnen sind oben dicht bewaldet. Die Kuppen haben

schöne, mannigfaltige Formen, sie zeigen steile Hänge, sind von

tiefen Schluchten durchzogen, einige der ferneren Höhen sind kahle

Felsengipfel.

[Illustration: Abb. 216. Am Feldbahnhof in Drenovo.]

Ein mit Silberlinden bewachsener Berg, besonders ein tiefer, von

Vegetation erfüllter Einschnitt an seinem Hang verlockte mich zu

einer Exkursion. Es war in einer Höhe von etwa 700 m. Ein frischer

Bach strömte durch das rote Gestein, welches in mächtigen Platten

ausgebildet war, auf denen man leicht die Schlucht aufwärts klettern

konnte. Hier war dichtes Buschwerk; Kräuter und Wiesenpflanzen,

welche vor 3 Wochen bei Kaluckova geblüht hatten, waren jetzt im Juni

hier in schönstem Flor, so Salbei, viele Doldenpflanzen, Malven,

Klee- und Wickenarten. Dem entsprach auch die reiche Insektenwelt,

die auch aus annähernd denselben Formen sich zusammensetzte, welche

vor einigen Wochen die Fluren bei Kaluckova und Hudova belebten.

Von Schmetterlingen flogen auch hier die Frühlingsgeneration von

Distelfalter, Ochsenaugen, Weißlingen, vor allem des Baumweißlings,

dazu zwei Satyriden, die offenbar Bergformen waren, da ich sie in der

Ebene nicht beobachtet hatte. Ähnlich verhält es sich mit den Käfern,

unter den +Cetonien+ (Rosenkäfer) besonders häufig waren, den Bienen,

den Fliegen. Von Libellen herrschten hier die schönen, metallisch

blauen Wasserjungfern (+Calopteryx+) vor. Der Reichtum der Pflanzen-

und Tierwelt war offenbar durch den Wasserreichtum, das spätere

Auftreten der Formen durch die Höhenlage bedingt.

[Illustration: Prof. _Müller_ phot. Abb. 217. Paßende der Babunastraße,

von dem Felsen über Han Abdipasa.]

Bei der Weiterfahrt nahm die Paßstraße immer mehr den Charakter

einer Hochgebirgsstraße an. Immer enger wurden die Windungen, immer

verwegener die Kurven, steiler die Steigungen, welche das Auto keuchend

und fauchend emporklomm. Prachtvolle Rückblicke eröffneten sich auf die

Talwindungen mit ihren vielgestaltigen Abschlüssen. Jedes Bild wurde

verschönert durch die dunklen Wolkenschatten, welche auf die Hänge

fielen.

Kühle Luft wehte mich an, als der Wagen die alte Paßkarawanserei, den

_Han Abdipasa_, erreichte. Diese lag in einem tiefen Taleinschnitt,

dessen Hintergrund die Paßhöhe abgrenzte. Über ihm waren alle Berge

bewaldet; Eichenwälder dehnten sich aus und zwischen ihnen verriet

der Silberglanz, der mit dem Wind über die Waldoberfläche in Wellen

dahinzog, große Bestände von _Silberlinden_. Beim Han Abdipasa befand

sich ein kleines Lazarett, in welchem mein Mitarbeiter, Professor

_Müller_, im Sommer 1918 mehrere Wochen als Gast verbrachte. Viele

seiner Aufzeichnungen zeugen von der reichen Vogelwelt in diesen Bergen

und Wäldern.

[Illustration: Abb. 218. Bulgarische Ochsenkolonne auf dem Marsch.]

Mazedonien · 第 34 / 45 段