Gerade vor uns begrenzte eine ziegelgedeckte Mauer einen schattigen

Garten. Während wir, behaglich auf den Treppen der Moschee sitzend,

unser mitgebrachtes Mittagsmahl verzehrten, öffnete sich das Pförtchen

und eine Anzahl von Kindern trat hervor und begann vertraulich sich uns

zu nähern. Es waren Mädchen und Knaben von 3-12 Jahren. Da einer von

uns einige türkische Worte konnte, entspann sich eine Unterhaltung,

die sich im wesentlichen darauf beschränkte, daß sie uns ihre Namen

nannten; Fatme, Hassan, Achmed, Osman und die kleine Bülü vertrieben

uns unter Plaudern und Scherzen die Zeit. Als wir uns aber nach dem

Essen die Zigaretten anzündeten, fing ein heftiges Betteln an, dem der

Hauptmann schließlich nachgab.

Alle diese Kinder, auch der fünfjährige Hassan, zündeten sich ihre

Zigaretten regelrecht an und rauchten mit Behagen. Traurig saß zunächst

die kleine dreijährige Bülü daneben und verzog die Augen zum Weinen.

Als der Hauptmann ihr auch eine Zigarette von fern hinhielt, patschte

sie bittend in die Hände und strahlte mit dem ganzen Gesicht, als

sie sie wirklich bekam. Dann zündete sie sie an Achmeds Zigarette

kunstgerecht an, zog den Rauch tief ein, schluckte ihn hinunter

und blies ihn durch die Nase wieder heraus. All das geschah so

gewandt, mit so graziösen, fast koketten Handbewegungen, ohne Husten

und Verschlucken. Als wir uns freundschaftlich von unserer netten

Tischgesellschaft verabschiedeten, zweifelten wir nicht daran, daß die

gewandte Raucherin, die graziöse Bülü, trotz ihres Rotznäschens einmal

der Stern eines Harems werden würde.

Ein Rundgang zeigte uns dann noch die wesentlichen Teile der Stadt.

Trotz der Hitze war es nicht unangenehm in den engen Straßen zu

bummeln, in welche die weit vorgebauten Häuser tiefen Schatten warfen.

Es waren malerische Durchblicke, an den vorragenden Dächern und

Balkonen mit Schnitzerei und Fachwerk vorbei, auf die steilen Felshänge

der Granithügel, über denen ein wolkenloser Himmel blaute.

[Illustration: Abb. 211. Stadtstraße in Stip.]

Es gab viele Obstläden, in denen es Äpfel, Birnen, Zwetschen und

frische Nüsse und Haselnüsse zu kaufen gab. Auch Trauben und köstliche

süße Melonen bildeten mit Tomaten und Paprikaschoten einen farbigen

Vordergrund für das schöne Straßenbild. Merkwürdig gut und reich

beschickt waren die Läden; in den Stoffhandlungen sah man noch viele

englische und deutsche Stoffe und in der Apotheke bekamen wir eine

Flasche Gießhübler, die wir zu dem vortrefflichen Kaffee tranken, den

wir in einem kleinen Kaffeehaus an der Bregalniza in Messingkannen auf

glühenden Holzkohlen in gut türkischer Weise zubereitet bekamen.

Dann besuchten wir noch die griechische Kirche, eine stattliche,

dreikupplige Basilika mit seitlicher Säulenhalle. Sehr reizvoll war

die Schnitzerei am Ikonostas im Innern, während die Malerei nicht sehr

bedeutend war. Eigenartig war eine verschlossene Gittergalerie für

Frauen oben im Kirchengewölbe, in der die Frauen abgesondert von den

Männern dem Gottesdienst beiwohnten.

Schöne Blicke auf den Hügel mit der Moschee und ihrer herrlich grün

patinierten Kuppel boten sich im Rahmen der stattlichen weißen Säulen

des Umgangs der Kirche, um welche prachtvolle Bäume und allerhand

blühende Pflanzen standen. An den Säulen saßen massenhaft schlafende

Stechfliegen (+Stomoxys calcitrans+ L.) bereit, sich auf die Beter zu

stürzen.

Von der Kirche wanderten wir noch durch das trockene Bett der

Bregalniza zu dem Vorort _Novo Sielo_, der als Schwefelbad berühmt ist.

Wir kamen an einer graziösen kleinen Moschee mit einem säulenreichen

Vorraum und schlankem Minaret vorbei zu dem malerisch zwischen uralten

Pappeln und Weiden gelegenen Dorf. Ein niedriges Haus enthielt ein

viereckiges Badebecken aus Zement, in welchem ein 50° C messendes,

gelbliches Wasser brodelte, welches auf Kilometer im Umkreis die Luft

mit Schwefelgeruch erfüllte.

Unter einer alten Pappel lagerten wir uns und waren damit beschäftigt,

Schmetterlinge, Käfer und Ameisen an den alten Stämmen zu beobachten,

als ein glühend heißer Staubsturm uns in die Stadt zurücktrieb. Dieser

machte uns auch die Rückfahrt nach Veles nicht sehr erfreulich und

füllte auch diese Stadt, als wir ankamen, mit Staub und afrikanischer

Glut, welche die Steppe bis zum Wardartal wirken machte.

ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL

KLIMA UND SEUCHEN IN MAZEDONIEN

Wie auf die Tier- und Pflanzenwelt, so hat das Klima eines Landes

auch auf den Menschen einen starken Einfluß. Und vor allem macht sich

die Wirkung eines ungewohnten Klimas sehr bemerkbar, wenn größere

Bestandteile eines Volkes plötzlich in ein Klima versetzt werden, das

stark von dem ihres Heimatlandes abweicht. So hatten denn deutsche

Soldaten an den verschiedenen Fronten sehr unter Klimaeinflüssen zu

leiden. Und gerade in Mazedonien galt das Klima bei unsern Truppen als

besonders ungesund.

Das ist nun in dieser Verallgemeinerung unrichtig. Allerdings brachte

es für unsere Soldaten manche Überraschungen. Ganz anders als in

Italien oder Südfrankreich war der Gegensatz zwischen Sommer und Winter

in Mazedonien außerordentlich groß. Während im Hochsommer Temperaturen

bis 42° C im Schatten auftraten, in Kaluckova z. B. im Juli und August

regelmäßig solche von 35-40° C gemessen wurden, sank das Thermometer im

Dezember und Januar nicht selten auf -10° C, ja es wurden gelegentlich

selbst im Flachland Temperaturen von -23 bis -28° C gemessen. Das sind

ungeheuere Gegensätze.

Wie kommt es nun, daß dieses Land ein so ganz anderes Klima besitzt als

Süditalien und Sizilien, mit dem es unter gleicher Breite liegt. Das

ist durch den Einfluß der Nachbarländer bedingt. Das heitere Wetter,

der andauernd blaue Himmel des _Sommers_ sind bewirkt durch den Einfluß

des subtropischen Hochdruckgebietes, welches über das Mittelmeer bis

zum Balkan sich ausdehnt. Dazu kommt aber die Einwirkung der stark

erhitzten Landflächen Vorder- und Südasiens. Diese erzeugt vor allem

die Regenarmut und Dürre. Sie hat auf den Hauptteil Mazedoniens einen

stärkeren Einfluß als das ferner gelegene Meer.

Das macht sich auch im _Winter_ bemerkbar. In dieser Zeit ist das ganze

Mittelmeergebiet dem subtropischen Einfluß entzogen. So herrscht wie

in jenem auch in Mazedonien regnerisches Wetter und Wolkenbedeckung

vor. Sehr oft macht sich aber dann die innerasiatische Kälte bemerkbar,

dann fallen eiskalte Nordwinde in das Land ein, dann tritt Schneefall

ein und sinkt die Temperatur oft sehr tief.

So entstehen jene Kontraste, welche die Tier- und Pflanzenwelt

beeinflussen und unter denen unsere Soldaten so sehr zu leiden hatten,

weil sie sich gegen sie zunächst nicht zu schützen wußten.

Im allgemeinen kann man die Jahreszeiten in Mazedonien folgendermaßen

charakterisieren. Der Sommer ist sehr heiß und trocken; sonniges

Wetter herrscht von Mai bis Oktober unter Luftströmungen, die in

der Hauptsache von NW nach SO gerichtet sind. Gewitter kommen nicht

selten vor, sind aber meist durch geringe Regenmengen ausgezeichnet.

Ende September bis Anfang Oktober beginnt der _Herbst_, der durch

kalte Regen, und zwar mit großen Regenmengen auffällt. In dieser Zeit

strömen große Wassermassen die Berge herunter, die Hauptarbeit an den

Schluchten wird geleistet, Überschwemmungen treten ein. Im Dezember

tritt gewöhnlich der _Winter_ ein, der in der Hauptsache vom Januar bis

März dauert. Starke Schneefälle und tiefe Temperaturen sind für ihn

charakteristisch.

Der _Frühling_, der meist erst Anfang April beginnt, nicht selten

aber früher schon Vorstöße macht, ist eine schöne Jahreszeit auch in

Mazedonien. Der April kann noch recht kalt sein. Er ist die Zeit der

prachtvollen Wolkenbildungen, die auch im Mai und Juni die Landschaft

wunderbar verschönen. Auch im Lenz bringen starke Regengüsse nicht

selten Überschwemmungen. So haben wir also zwei Regenperioden im Jahre;

der Frühling ist aber keine eigentliche Regenzeit, diese ist vielmehr

der Herbst.

Das ist das Klima, wie es sich hauptsächlich in den Ebenen und im

Hügelland darstellt; in den Gebirgen herrscht dagegen ein Klima,

welches vollkommen demjenigen Mitteleuropas gleicht, also für unsere

Truppen sicher gesund war. Aber dennoch gab es in Mazedonien,

unabhängig von Klima und Temperaturen, Regionen, die man gesundheitlich

als gut und als schlecht bezeichnen konnte. Berüchtigt als ungesund

waren die größeren Städte, wie Üsküb, Veles, Prilep u. a. und

ebenso die Sumpfgebiete an der Front. Als Regionen mit besonders

viel Krankheitsfällen wurden viel genannt der Doiransee, die Gegend

bei Bogdanci und Negorci am Wardar, der Prespasee. Dazu kamen die

Übernachtungsquartiere der Urlauber, was ich im nächsten Kapitel für

_Drenovo_ erklären werde (S. 470).

Quartiere in Höhenregionen von 800-1200 m waren gesundheitlich

günstiger als solche in der Ebene. Das hing insofern indirekt mit dem

Klima zusammen, als in den kühleren Gebieten die Landeseinwohnerschaft

von Seuchen weniger verfolgt war. Vor allem war aber für gewisse

Krankheiten von größter Bedeutung, daß in der Höhe die sie

übertragenden Insekten nicht vorkommen. Wir werden das unten bei den

Malariamücken und den +Pappatacci+ zu besprechen haben.

Sicher spielten für die Gesundheitsverhältnisse bei unseren Truppen

die Quartierverhältnisse eine große Rolle. Wir Deutsche sind gewöhnt,

unser Klima in guten, dicht gebauten, im Winter heizbaren, im Sommer

kühl zu erhaltenden Häusern zu ertragen. Das fanden wir in Mazedonien

nicht vor. Die vielfach baufälligen primitiven Häuser waren im Winter

sehr kalt; wie oft mußten unsere Soldaten in ganz primitiven Hütten,

in Baracken und Unterständen hausen, in denen man nicht warm bekommen

konnte.

Das war besonders in den ersten Jahren der Besatzung schlimm. Da gab

es in den Häusern keine Heizöfen, Heizmaterial war kaum zu beschaffen.

Der Nachschub für diese Dinge war ganz besonders schlecht. Nicht besser

war es im Sommer, wo ein Schutz gegen die Hitze ebenso notwendig

gewesen wäre. In den letzten Jahren des mazedonischen Feldzuges hatte

man wenigstens in den Lazaretten im Winter für Heizung, im Sommer

für berieselte Zelte und für kühle Steingebäude gesorgt. Ich habe in

verschiedenen Kapiteln darauf hingewiesen.

Aber in den Quartieren konnte durchaus nicht überall für erträgliche

Verhältnisse gesorgt werden. Jeder suchte sich zu helfen so gut es

ging, und so wetteiferten unsere Soldaten mit den Bulgaren im Raubbau

am Holz. Wie viele verlassene Dörfer wurden nur wegen des Holzmangels

zerstört, wie viel hunderttausend Bäume, die sich Mazedonien noch

erhalten hatte, fielen der Holznot zum Opfer. Auch in ganz Mitteleuropa

hat ja die Kohlennot die Ausbreitung von Krankheiten ganz enorm

befördert. Wie mußte das erst in einem Lande wie Mazedonien der

Fall sein, wo so viel Einflüsse die Widerstandsfähigkeit der Körper

herabsetzten.

Was aber für die Ausbreitung von _Seuchen_ besonders gefährlich

war, war die Zusammendrängung vieler Menschen in gewissen Gebieten

des Landes. Nicht nur die Menge der einquartierten Soldaten, auch

die Zivilpersonen, welche von den Fronten sich geflüchtet hatten,

die vielen Menschen, deren Gewerbe und Handel sie an die Soldaten

ketteten, sammelten sich in den größeren Städten und Lagern an.

Wo die Menschen dicht beieinander sitzen ist die Übertragung und

Ausbreitung von Seuchen besonders begünstigt. Das wurde in Mazedonien,

ähnlich wie in Polen, in Rußland, in der Türkei besonders schlimm

durch die Vernachlässigung der Wohnungen, den Schmutz in den Häusern,

in den Dörfern und Städten, durch die Primitivität in hygienischen

Verhältnissen, den Mangel an reinlichen Aborten, an Wasserleitungen, an

Kanalisierung usw.

Dazu kam auf dem Balkan als besonders erschwerendes Moment die Masse

des _Ungeziefers_ in den Wohnstätten der Menschen und an ihrem eigenen

Körper. Jeder Balkankrieger wird mit Grausen an die Flöhe und Wanzen

denken, die dort in jedem Bauern- und Bürgerquartier in Massen über ihn

herfielen. Ganz besonders schlimm war die _Wanzenplage_. Ein wirklich

wanzenfreies Quartier gab es in Mazedonien überhaupt nicht. Dem General

ging es da nicht besser als dem Landsturmmann und dem Burschen.

Ein Erlebnis wird mir unvergeßlich bleiben und ich möchte es als

besonders charakteristisch schildern. Eines Abends saß ich beim

Oberbefehlshaber der 11. Armee, General von _Steuben_, mit den Herren

seines engeren Kreises in seinem Salon bei behaglichem Gespräch. Es

war ein einfaches Zimmer, die Wände mit Teppichen behängt. Plötzlich

trat eine Stockung im Gespräch ein, aller Blicke waren krampfhaft auf

mich gerichtet. Auch ich schwieg und überlegte mir, ob ich wohl eine

taktlose oder törichte Äußerung getan hätte oder was sonst passiert

wäre. Da bat mich der General, mich einmal umzusehen und als ich das

tat, sah ich an der Wand hinter mir eine Karawane von 20-30 Wanzen in

langer Reihe auf mich losmarschieren.

„Das passiert alle Abende‟, sagte der General, „drum sitzen wir alle

mit Abstand von der Wand, was ich Ihnen auch empfehlen möchte‟. Und

dann begannen die allgemeinen Klagen über die Wanzenplage, die man

überall hören mußte. Überall gab es dieses Ungeziefer und selbst in

jedes neugebaute Quartier, in jede Baracke wurden sie verschleppt.

Ich werde nie den Jammer der jungen Flieger in ihren ganz verwanzten

Baracken vergessen, die früh morgens nach schlafloser Nacht zum Flug

nach Saloniki oder sonstwie zur Front aufsteigen mußten, unerfrischt

vom Schlaf, mutlos und an der Hoffnung der Wiederkehr verzweifelnd, da

sie körperlich und geistig nicht über ihre vollen Kräfte verfügten.

Mit aller Energie wurde an vielen Orten, besonders in den Städten,

gegen das Ungeziefer gearbeitet; es gelang aber nur an einzelnen

Stellen, in Quartieren, Offiziersheimen und Kasernen oder Lazaretten

einen vorübergehenden Erfolg mit Schwefeldämpfen zu erzielen. In den

undicht gebauten Häusern der Mazedonier waren alle solche Versuche

vergeblich. Die Mittel fehlten, ebenso die Arbeitskräfte, um solche

Arbeiten durchzuführen. Hindernd trat da auch die Bürokratie der

Militärverwaltung und vor allem unseres Sanitätswesens entgegen. Was

habe ich gekämpft, um einmal die Erlaubnis vom Armeearzt zu erhalten,

in den freistehenden Baracken meiner Fliegerfreunde einen Versuch

mit der damals neu erprobten Cyankalimethode zu machen. Da keine

Vorschriften und Paragraphen darüber existierten, durfte so etwas nicht

gemacht werden.

Etwas mehr Erfolg hatte in Mazedonien der Kampf gegen die

_Kleiderläuse_, weil hier die Natur mithalf. In manchen Gegenden,

so in Serbien und Albanien, waren Läuse sehr verbreitet, Kopfläuse,

Kleiderläuse wie Filzläuse. Die Kleiderläuse hielten sich vor allem

leicht in den Wollgewändern der Menschen. Während Wanzen und Flöhe

offenbar nur gelegentlich Bakterien und andere Krankheitserreger beim

Blutsaugen von einem Menschen auf den anderen übertragen, scheinen

die Kleiderläuse gesetzmäßig mit der Übertragung der +Spirochaete

recurrentis+, dem Erreger des _Rückfallfiebers_ und mit dem noch

unbekannten Erreger des gefährlichen _Flecktyphus_ verknüpft zu sein.

So war das Vorkommen der Kleiderläuse eine Vorbedingung für das

epidemische Auftreten der genannten gefährlichen Seuchen.

Wie an allen anderen Fronten waren diese Krankheiten auch in Mazedonien

anfangs in sehr beängstigenden Prozentzahlen beim Heer aufgetreten;

auch hier wurde bald die Entlausung eingeführt und streng auf sie

gehalten. Und da der Urlaubsschein vom Entlausungsschein und jede

Grenzüberschreitung von vollzogener Entlausung abhing, so gelang es in

ziemlich kurzer Zeit diese Plage erheblich einzudämmen. Zumal war der

heiße mazedonische Sommer der Entwicklung der Läuse sehr ungünstig, so

daß nur im Winter eine Zunahme der Verlausung und damit im Zusammenhang

ein Aufflackern von Rückfallfieber und Flecktyphus in den Jahren 1917

und 1918 sich noch zeigte. Herde von Flecktyphus gibt es auf dem Balkan

seit jeher und so ging von diesen immer wieder einmal eine Epidemie

aus. Da für die Bekämpfung aber alles sehr gut organisiert war, so

gelangte eine solche nicht mehr zu größerer Ausdehnung. Auch von

unseren Soldaten haben diese Seuchen manches Leben vernichtet, aber so

furchtbare Epidemien, wie sie in Polen, unter den Serben und Rumänen

wüteten, haben unser mazedonisches Heer nicht betroffen.

Um so schlimmer war aber auf dem Balkan das Wechselfieber, die

_Malaria_. Die hat uns manchen Soldaten gekostet und noch mehr

für viele Jahre ihres Lebens in Arbeitsfähigkeit und Lebensfreude

beeinträchtigt.

Bekanntlich stellt die _Malaria_ in doppelter Weise ein _zoologisches_

Problem dar. Der Parasit, der in den roten Blutkörperchen des

Menschen lebt, diese zerstört und ihn dadurch blutarm und durch seine

Giftwirkung fieberkrank macht, ist ein einzelliges Tier aus der Gruppe

der Protozoen. Und damit dieser Parasit durch die Haut des Menschen in

dessen Blutgefäße und so in die Blutkörperchen gelangen kann, bedarf er

eines Transportmittels und einer Hilfe beim Einspritzen ins Blut des

Menschen. Beides leistet ihm wiederum ein Tier; und zwar ist es ein

blutsaugendes Tier aus der Gruppe der _Stechmücken_.

Alle blutsaugenden Insekten ernähren sich in der Hauptsache vom Blut

der Wirbeltiere. Dabei saugen sie mit einem Stechrüssel das Blut in

ihren Darm als Nahrung; damit das Blut genügend durch die feine Wunde

nachfließt, spucken die meisten Blutsauger beim Saugen ihren Speichel

hinein, der in manchen Fällen die Blutgerinnung hindert, stets aber

eine Entzündung hervorruft. Diese hat ihre Bedeutung für den Sauger

und den Gesaugten. Bei letzterem bringt sie das Zusammenströmen von

reichlich Blut zur Wunde zustande. So kommt es zur Schwellung und

zu dem bekannten unangenehmen Jucken beim Insektenstich. Für den

Blutsauger bedingt das einen reichen Blutzufluß zu dem saugenden Rüssel

und sichert ihm eine richtige Portion zum Sattwerden nach einem oder

einigen Stichen.

So ist das Stechen der Wanzen und Flöhe zwar sehr unangenehm, aber

in der Regel nicht gefährlich, keine Seuche übertragend. Das ist

auch bei der großen Mehrzahl der _Stechmücken_ der Fall. Auch solche

spielten in Mazedonien an vielen Orten eine höchst unangenehme

Rolle. So waren _Veles_, Teile von _Üsküb_, der _Prespasee_, der

_Doiransee_ und andere Abschnitte der mazedonischen Front berüchtigte

Stechmückennester, wo die Menschen ganz bös von diesen Plagegeistern

gequält wurden. Das war ganz besonders schlimm, wenn sie zu den Wanzen

und Flöhen und allerhand anderem Gesindel noch dazu kamen. Zum Glück

hatten wir es in Mazedonien nicht so schlecht, wie unsere Feinde. Die

Franzosen in der Wardarebene bei _Saloniki_ und besonders die Engländer

an der _Strumafront_ müssen in reinen Stechmückenhöllen gesessen haben.

Wir hörten das aus ihren Berichten und konnten es daran merken, daß

in der Frontgegend oft mächtige Rauchsäulen aufstiegen, wenn sie sich

durch Abbrennen des Schilfs in den Sümpfen zu retten suchten. Sie zogen

sogar manchmal wegen der Schnakenplage ihre Front etwas auf höher

liegendes Gelände zurück und konnten sicher sein, daß wir ihnen in

diese Hölle in der Schnakenzeit nicht nachfolgten.

Die Schnaken, die am meisten plagten, zum Teil auch am Tage bei heißer

Sonne stachen, gehörten zu den Gattungen +Culex+, +Culicada+, +Aedes+

u. a., von denen man jetzt seit etwa 20 Jahren weiß, daß sie sich an

der Übertragung des menschlichen Malariaparasiten _niemals_ beteiligen.

Seither weiß man nämlich, daß es nur die Stechmücken der Gattung

+Anopheles+ sind, welche in allen Teilen der Erde die menschliche

Malaria übertragen. So wie also der Mensch der einzige Organismus ist,

welcher die echte Malaria bekommt, so ist es auch nur die gleiche

Parasitenform, die in ihm gedeiht und nur durch Arten der Gattung

Anopheles vermittelt werden kann, also nur in solchen lebensfähig

bleibt. So sehen wir denn in dieser gesetzmäßigen Verkettung dreier

Organismen von verschiedener Art, von denen das eine nicht leben kann,

ohne daß beide anderen vorhanden sind, ein interessantes zoologisches

Problem vor uns.

Da ich nun selbst Protozoenforscher bin und mich mit dem Malariaproblem

und seinen biologischen Grundlagen früher viel beschäftigt hatte, so

war es naheliegend, daß ich meine Kenntnisse in diesem Gebiet sogleich

in den Dienst der Heeresleitung und meiner leidenden Kameraden stellte

und untersuchte, was über die Zoologie der Malaria in Mazedonien

festzustellen war und was man etwa durch neue Beobachtungen zu ihrer

Bekämpfung beitragen könne.

Vorläufig war noch nicht bekannt, welche _Malariamücken_ in Mazedonien

vorkommen. Man weiß jetzt längst, daß auf der ganzen Welt mehrere

Dutzend Anophelesarten leben, welche alle die Menschenmalaria zu

übertragen vermögen. In Europa sind bisher vier Arten nachgewiesen

worden, von denen nur zwei in Deutschland vorkommen. Diese heißen

+Anopheles maculipennis+ Meig. und +Anopheles bifurcatus+ L. ...

Zu diesen kam noch eine für Mazedonien besonders interessante Art

+Anopheles superpictus+ Grass u. Fel., während die vierte europäische

Art bisher auf dem Balkan nur in Rumänien und im Donaugebiet

gefunden wurde; es ist dies +Anopheles pseudopictus+ Grass u. Fel.

Wahrscheinlich fehlt sie in Mazedonien. Jedenfalls konnte ich sie trotz

eifrigen Nachforschens in den zwei Jahren 1917 und 1918 nicht finden.

+Anopheles maculipennis+ und +bifurcatus+ leben auch hier in der

altbekannten Weise im Larvenzustand in stehenden Tümpeln. So konnte man

sie in der auch sonst in der Welt üblichen Methode bekämpfen, indem man

entweder die Brutstätten zuschüttete, Abläufe anlegte und ihr Entstehen

und Bestehen in der Nähe menschlicher Siedelungen verhinderte. War

eine Beseitigung der Wasseransammlungen nicht möglich -- und das war

in Mazedonien oft der Fall, wo das Wasser zur Bewässerung von Feldern

und Gärten vielfach angestaut werden mußte, so konnte man durch

Aufgießen einer dünnen Schicht von Petroleum oder Saprol die Puppen und

Larven der Stechmücken am Atmen verhindern und so ersticken. Denn die

Entwicklungsstadien der Stechmücken sind Luftatmer und müssen in kurzen

Abständen sich an der Wasseroberfläche immer wieder Luft zum Atmen

holen. Sperrt man ihnen diese durch eine dünne Ölschicht ab, so müssen

sie ersticken und sterben.

Diese Methoden waren in Mazedonien von den Armeehygienikern, unter

denen besonders der erfahrene Professor _Fülleborn_ aus Hamburg sich

hervorgetan hatte, in den ersten Jahren schon an vielen Stellen mit

Erfolg angewandt worden. Es hatte sich aber herausgestellt, daß in

vielen Gegenden die Maßregeln nicht eingeschlagen hatten. So hatten sie

besonders an verschiedenen Lazaretten versagt, welche man am Ende von

Schluchten aufgeschlagen hatte, um sie mit fließendem Wasser leicht

versorgen zu können.

Gerade in meinem Standquartier _Kaluckova_ war dies der Fall gewesen

und hier speziell hatte man die betrübende Beobachtung machen müssen,

daß die Ruhrkranken, die an diesem Ort konzentriert wurden, fast

regelmäßig noch dazu im Lazarett an Malaria erkrankten und damit viel

schwerer behandelt und dem drohenden Tod entrissen werden konnten. Das

mußte besondere Ursachen haben, und diese zu untersuchen, nahm ich mir

vor.

Schon im Jahre 1917 gelang es mir festzustellen, daß gerade in der

Gegend von Kaluckova die kleinste der europäischen _Anophelesarten_

(+Anopheles superpictus+) auffallend häufig vorkam. Außer durch ihre

Kleinheit ist sie besonders von der auch häufigen Art +A. maculipennis+

durch die Anordnung der dunkeln Flecken auf den Flügeln leicht zu

unterscheiden. Die vier Flecken liegen nämlich am Vorderrand der Flügel

in einer Reihe hintereinander (vgl. die untenstehende Abb. 212). Auch

sonst zeigt sie einige leicht nachweisbare Unterschiede von den anderen

Arten.

[Illustration: +A B+ Abb. 212. +Anopheles superpictus+ Gr. u. Fel.

Schluchtenfiebermücke. +A+ Weibchen. +B+ Männchen. Vergr. 5.]

Mazedonien · 第 33 / 45 段