Der Charakter der Landschaft änderte sich, je tiefer wir herabritten.

Es war ein Gebiet von großer eigenartiger Schönheit. Gruppen mächtiger

Bäume, zum Teil von riesigen Ausmaßen, wechselten mit Buschwerk

und grünen Wiesen. Auf weiten Flächen standen wieder die schlanken

Asphodelos (+Asphodelus albus+ Willd. und +Asphodelina lutea+

Reichenb.), die hier jetzt schon am Verblühen waren. Große Bestände von

Farnen bedeckten den Waldboden.

Es war geradezu eine Parklandschaft, in der meist alte Buchen,

dazwischen Eichen, Eschen und Ulmen in schönen Gruppen die Ausblicke

umrahmten, die wir zunächst auf das verlassene Gebirge genossen.

Bald aber öffnete sich vor uns der Blick in das Tal der _Kadina

Reka_. Dies Flüßchen strömte raschen Laufes durch ein enges, auf

den Hängen bewaldetes Tal. Der Talgrund war grün von Wiesen und

Feldern, zwischen denen vereinzelte, sehr sauber aussehende türkische

Bauernhäuser standen. Ein Dorf konnten wir aber in der ganzen Gegend

nicht wahrnehmen. Über dem Kadinatal erhoben sich jetzt im Glanz der

Nachmittagssonne die vom Wardartal so wohlbekannten stattlichen Gipfel

von _Kitka_ und _Ostri_.

Rasch ritt jetzt die Karawane den Hang hinab zum Ufer der Kadina

Reka; am Einfluß eines stattlichen Nebenbaches schlugen wir auf einer

üppigen Wiese unser letztes Lager auf. Der Nachmittag wurde noch zu

Beobachtungen und Sammlungen ausgiebig ausgenutzt. Das Kadinatal ist

eine üppige Gegend, voll interessanter Pflanzen und Tiere, so daß

Zoologen und Botaniker noch reichlich Beute machten, während für den

Geologen hier weniger zu suchen war.

_Wasserstare_ flogen über das rauschende Wasser der Kadina; die Wiesen

am Ufer waren von einer bunten Blütenpracht bedeckt; die Ochsenzunge

(+Anchusa hybrida+ Tem.) spielte da eine große Rolle. Die Berghänge

waren von Buchenbüschen dicht bestanden, zwischen denen Weißdorn und

andere Dornbüsche vorkamen. Am Fluß erhoben sich stattliche Ulmen,

Weiden und andere Bäume. Im Grase hüpften zahllose Heuschrecken und

über den Wiesenblumen schwangen sich im stolzen Flug Perlmutterfalter,

während dunkle Erebien und Bläulinge in Menge auf den Blüten saßen.

Als die Zeltbahnen ausgelegt und die Zelte aufgestellt wurden,

sammelten sich unter ihnen viele Laufkäfer einer großen, schönen Art.

Um die Zelte flogen „Landlibellen‟, Vertreter einer buntgefärbten

Ameisenlöwenart aus der Gattung +Ascalaphus+.

Hier brauchten wir nachts im Zelt nicht mehr zu frieren; wir waren

bis auf 870 m herabgestiegen und näherten uns wieder dem Gebiet des

Sommers. Unsere Pferde genossen die üppige Weide und meine Mannschaften

waren sichtlich froh, daß mit dem Proviant nicht mehr gespart zu werden

brauchte. Mit leichter bepackten Pferden erfolgte am Morgen des 29.

Juni der Abmarsch, zunächst die Kadina abwärts, auf dicht umbuschten,

etwas halsbrecherischen Pfaden über dem Fluß, der wieder durch einen

Engpaß brach. Ehe die Kadina in scharfem Winkel nach Osten zum Wardar

abbog, verließen wir ihr Tal und erklommen auf steilem Pfad einen Paß,

der in der bisherigen Richtung des Flußlaufes fast gerade nach Süden

über einen Kamm führte, der vom Ostri bis hier herüber reichte.

Es war eine anständige Leistung nicht nur unserer mazedonischen

Tragtiere, sondern vor allem unserer deutschen und rumänischen

Reitpferde, uns diese steile Paßstraße hinaufzutragen. Im eigentlichen

Europa hätte man sein Pferd am Zügel hinaufgeführt. Hier hatten sich

unsere deutschen Pferde so an die Erfordernisse der mazedonischen

Gebirge gewöhnt, daß sie freiwillig ein flottes Tempo anschlugen und

mit sicherem Schritt alle Schwierigkeiten des Pfades, der oft wie eine

steile Treppe den Berg hinaufführte, überwanden.

Oben auf dem ganz schmalen Paß empfing uns eine bulgarische, aus

Albanern gebildete Wache, welche den Übergang beaufsichtigte. Wir

wurden von der bunten, verlumpten Gesellschaft, die einer irregulären

Bande angehörte, freundlich aufgenommen und rasteten da oben eine kurze

Weile neben den Reisighütten und Lagerfeuern der wilden Kerle.

Dann ritten wir sehr steil einen Hang hinab, der durch ein ziemlich

breites Tal an den Hängen des Ostri entlang, unterhalb des Dorfes

_Paligrad_ nach Crvenavoda führt. Die Wand des Bergs, an dem wir

entlang ritten, fiel steil in ein schon recht trockenes, felsiges Tal

ab. Die Pflanzenwelt des Gebirges hatten wir schon verlassen; die

Vegetation wurde allmählich wieder mazedonisch; zwischen trockenem,

rotgelbem Boden erhoben sich niedrige Büsche. Es eröffneten sich vor

uns schöne Ausblicke in die Hügel- und Bergketten der Brazda und

Rudina Planina. Vor dem Dorf Crvenavoda (Rotwasser) kamen wir an zwei

kreisrunden, flachen Becken vorbei, welche wie Pfannen im lehmigen

Boden eingesenkt waren. In der Mitte jeder Pfanne strudelte ein Strom

perlenden Wassers hervor. Es waren Mineralquellen, welche offenbar,

nach den roten Niederschlägen zu schließen, Eisen und unzweifelhaft

Schwefel enthielten. Die Luft ringsumher war von starkem Schwefelduft

erfüllt.

Ohne uns lange aufzuhalten, setzten wir unseren Ritt steil bergab fort

und stiegen nun bald in das Gebiet des altbekannten Markovatales ab.

Nun wurde es allmählich wieder gehörig warm, der Himmel war wolkenlos

und die mazedonische Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Die

warmen Hüllen, Decken und Mäntel, die oben in den Bergen so notwendig

gewesen waren, hatten wir längst auf den Tragtieren verladen.

Vor uns dehnte sich die breite Mulde des unteren Markovatales aus,

das wir jetzt von seiner Nordseite ganz im Unterlauf des Baches, nahe

seiner Mündung in den Wardar durchqueren wollten. Wieder hatten wir die

vom Wasser zerrissene und modellierte Landschaft eines mazedonischen

Flußtales vor uns. Von allen Seiten sah man tiefe, steile Schluchten

die Berge und Hügel hinab dem Bach zustreben, dem durch sie alle

Gewässer des Gebietes zugeführt wurden. Mehr und mehr machte sich die

Trockenheit des Gebietes auf den Hügelpfaden und auf den Halden, die

wir hinabritten, geltend. Die Pflanzenwelt wurde immer geringer; die

Kulturpflanzen der Äcker, die Hecken überwogen. Menschen und Pferde

wurden durstig und begannen sich nach Wasser und Schatten zu sehnen.

So strebten wir an dem türkischen Ort _Kolicane_ vorbei einem in einem

Ulmenhain gelegenen malerischen türkischen Friedhof zu, in welchem der

Schatten der Bäume uns anlockte. Aber leider gab es dort in der ganzen

Gegend kein Wasser.

So ritten wir denn lieber nach Kolicane zurück, einem am Bergabhang

malerisch gelegenen Städtchen, an dessen Rand sich auch ein Ulmenhain

mit Resten eines alten Friedhofes befand. Dort fanden wir, wie

vorauszusehen, Wasser für die Pferde und schönen Schatten. Hier hielten

wir Mittagsrast und kochten ab, umringt von den türkischen Einwohnern

des Ortes, deren Knaben uns bereitwilligst Wasser heranschleppten.

Trotz aller Müdigkeit wurde auch hier noch beobachtet und gesammelt. Im

Hain standen zahlreiche fast meterhohe Büsche von zwei gelbblühenden

Korbblütlern, Alantarten, nämlich +Inula hirta+ L. und +I. salicina+

L. Unser Botaniker, Prof. _Bornmüller_, prophezeite, daß da auch der

Bastart zwischen beiden wachsen müsse; und richtig, kaum 5 Minuten

suchte er, so hatte er ihn in zahlreichen Exemplaren gefunden.

Nachmittags ritten wir über einen Höhenrücken in die weite

Mündungsebene des Markovabaches, dann am Wardar entlang auf guter

Landstraße auf Üsküb zu. Wieder ragte vor uns der Wodno mit seinen

im Abendschein scharf hervorstechenden Rinnen und Kanten auf. Wir

überblickten den Weg, den wir vor 10 Tagen bergwärts zurückgelegt

hatten.

Auf der Straße mußten wir einen schlanken Trab anschlagen, denn ein

nahendes Gewitter zog am Berg entlang. Der Wind wirbelte bereits

ungeheure Staub- und Sandwolken auf. Kurz vor der Stadt Üsküb faßte

uns noch das Gewitter und so ritten wir in strömendem Regen in guter

Ordnung in die Stadt ein. Am Abmarschplatz löste sich die Karawane

auf. Ich führte noch die Pferde und Mannschaften über die Wardarbrücke

durch die ganze Stadt zum Zitadellenberg, wo Pferde und Leute im

Heerespferdedepot vollzählig und wohlbehalten wieder abgeliefert wurden.

Dann rückte ich persönlich mit meinem braven Burschen in mein

nahegelegenes Quartier bei den bulgarischen Freunden wieder ein, müde

und hungrig nach den anstrengenden Tagen.

Nach einem erfrischenden heißen Bad saß ich abends behaglich bei meinen

Freunden und erzählte befriedigt von den wundervollen Natureindrücken

und den interessanten wissenschaftlichen Beobachtungen, welche dieses

schöne Stück Mazedoniens mir beschert hatte.

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

STIP UND DAS OVČE POLJE

In Mazedonien gibt es auch echte _Steppe_, und zwar Grassteppe. Nie

allerdings erreicht sie eine sehr große Ausdehnung und immer wieder

schwanken ihre Grenzen, indem das Kulturland bald in ihr Gebiet

vordringt, bald vor ihr zurückweicht. Glich im heißen Spätsommer 1917

schon ein großer Teil Südmazedoniens einer Steppe, so war das mit der

Hochebene bei _Stip_ in noch viel höherem Grade der Fall. Ich habe sie

nur flüchtig kennen gelernt, doch will ich ihrer Eigenart eine kurze

Darstellung widmen.

Von Veles steigt eine prächtige Landstraße am linken Wardarufer in

einigen eleganten Kurven auf die Hochebene hinauf, um auf ihr fast eben

zu verlaufen. Sie führt in einem flachen Bogen direkt ostwärts nach der

Stadt _Stip_ und von da über Radovista und Strumiza weiter. Sie wurde

noch in türkischer Zeit von französischen Ingenieuren ganz vorzüglich

gebaut.

Ist man den Talhang des Wardar hinauf gelangt, so dehnt sich weit nach

Osten vor einem die Hochebene und verschwimmt in der Ferne in blauem

Dunst. Sie ist in der Hauptsache flach und am 30. August war sie von

graugelbem dürrem Gras bedeckt. In der Ferne erhoben sich einzelne

steilumrissene Bergblöcke, Granitlakkolithe zu einer Höhe von etwa

450 m und damit etwa 250 m über der Hochfläche. Ein solcher Felsenberg

oder vielmehr eine Gruppe von solchen bildet das Skelett der Stadt

_Stip_.

_Stip_, auch _Istib_ genannt, eine malerische Stadt, an der

_Bregalniza_ gelegen, ist die Hauptstadt des Gebietes, welches _Ovče

Polje_, das _Schafsfeld_, genannt wird. Die Bregalniza kommt von

Nordosten und strömt noch etwa 6 Kilometer über Stip in dieser Richtung

weiter; dann biegt sie nach Einmündung der Lakaviza in rechtem Winkel

nach Nordwesten ab, um nach 12 Kilometern eine ebenso energische,

rechtwinkelige Umbiegung in ihrer früheren Richtung zu machen, um ihrer

Mündung in den Wardar, kaum 6 Kilometer oberhalb Gradsko, zuzustreben.

Im Oberlauf durchströmt die Bregalniza ein weites Sumpfgebiet bei

Koschana, welches durch seine Reisfelder berühmt ist.

Es war Steppe mit ihrer ganzen Öde und ihrem ganzen Reiz, die ich hier

durchfuhr. Im Anfang kamen wir noch durch abgeerntete Getreidefelder,

Weinberge, Melonenfelder und weite Grasflächen, zwischen denen

wesentlich von Türken bewohnte, ärmliche, halbzerstörte Dörfer lagen.

Hier hatten die Balkankriege gehaust. An der Straße lag ein großes

bulgarisches Militärmagazin, in dem ein gut Teil der Ernte des Gebietes

zusammengeschleppt war. Wichtig war dies Stück Steppe offenbar den

verbündeten Heeren für die Beschaffung von Heu. Wie Kirchen oder

Paläste groß und hoch erhoben sich Haufen von Stroh und Heu in der

Ebene, die oft 100 m lang und 20-30 m breit sein mochten. Lange Züge

von heu- und strohbeladenen Wagen, bespannt mit Ochsen oder Büffeln,

begegneten uns auf der Straße auf ihrer Fahrt nach dem Wardartal.

Auf der Fahrt fielen mir Anzeichen des Aufschwunges, des

Unternehmungsgeistes im Land auf. Einige türkische Landbesitzer hatten,

was hier in der weiten Ebene sicher rationell war, Dampfpflüge und

andere landwirtschaftliche Maschinen genossenschaftlich angeschafft und

einen Großbetrieb eröffnet, der offenbar schon seine Früchte getragen

hatte.

Hier war alles auf große Maßstäbe angelegt. Das galt auch von der

sehr charakteristischen Tierwelt, die hier zu beobachten war. Sie war

hauptsächlich durch Heuschrecken vertreten, welche zu vielen Tausenden

im Gras hüpften und fraßen und deren Zirpen die Luft mit einem

mächtigen Gebrause erfüllte. Es waren viele Arten von allen möglichen

Färbungen und Größen. Die einen gelb, die anderen grün; hellbraune,

rotbraune, dunkelbraune bis schwarze gab es, andere waren grau, wieder

andere zeigten Flecken verschiedener Farben. Manche schwirrten mit

geräuschvollem Flug in die Höhe und entfalteten dabei rote, blaue,

gelbe, schwarzgefleckte Hinterflügel. Andere krochen still und

geräuschlos am Boden zwischen den Gräsern dahin.

Unter ihnen spielte eine kleine, gelbe Form von Gespensterheuschrecken

(+Ameles decolor+ Charp.) eine große Rolle; sie fingen Bläulinge und

andere kleine Schmetterlinge. Die großen Arten der Heuschrecken hielten

sich vorwiegend an die Pflanzen. Da gab es bis zu 10 cm lange, den

Wanderheuschrecken ähnliche Formen. Ganz seltsam in der Gestalt waren

die +Saga+-Arten, welche bald grün, bald gelbbraun gefärbt waren.

Daß Käfer, Tausendfüßler, Skorpione nicht fehlten, braucht kaum

hervorgehoben zu werden. Dazu kamen eigenartige Spinnen, von denen,

der Insektenmenge entsprechend, einzelne Arten in sehr viel Individuen

auftraten.

So war die Silberspinne (+Argiope lobata+ Pallas) und ihre schwarzgelb

gefärbte nahe Verwandte (+A. brunichii+ Scop.) hier sehr häufig.

Hier war schon das Nahen des Herbstes zu bemerken; denn die Weibchen

waren eifrig beim Verfertigen von Eikokons, die schneeweiße Gewölbe

darstellten, die mit Zipfeln am Gras und an Steinen angeklebt wurden.

Auch andere Spinnen waren bei dieser Tätigkeit, so die eigenartige

+Lathrodectus tredecimguttatus+ (Rossi), welche ihre kugeligen, fein

gebauten Kokons meist unter Steinen unterbringt; hier hatten eine ganze

Anzahl Weibchen sich einen gebleichten Pferdeschädel als geeigneten

Schlupfwinkel ausgesucht, dessen Hirnhöhle 20-30 der zarten Kugeln

enthielt.

Aufregung brachte den beiden mich begleitenden Jägern, dem

unverwüstlichen Hauptmann _Jungmann_ und seinem treuen Begleiter

Leutnant _Slevogt_ ein großer Flug _Zwergtrappen_, der einige

hundert Meter von uns einfiel. Das ist ein Charaktervogel dieses

steppenähnlichen Gebietes. Ich fand die Zwergtrappe (+Otis tetrax

orientalis+ Hartl.) in Mazedonien stets, wenn ich auf weite Ebenen kam,

so in den Gerstenfeldern bei Krivolac, im Ackerland oberhalb Üsküb.

[Illustration: Abb. 208. Kokons der Spinne +Lathrodectus

tredecimguttatus+ (Rossi). Verkl. ⅔.]

Es war ein reizvoller Anblick, die großen Vögel auffliegen zu sehen,

wobei jedesmal die helle Unterseite und die weißen Armschwingen

aufblitzten. Wenn sie sich niederließen und gravitätisch durch das Gras

wateten, erkannte man beim Männchen den schwarzen Hals mit der Krause,

die zwei dunkeln Querbinden auf dem Schwanz. Es war jedesmal eine

aufregende Jagd, an die vorsichtigen, schnellen Vögel heranzukommen,

die geduckt am Boden liefen, um plötzlich auffliegend einen halben

Kilometer weiter sich niederzusetzen, um den Jäger von neuem zu foppen

und zu ermüden. Wir konnten ihre Verfolgung unseren trefflichen Jägern

überlassen und uns den kleineren Tieren widmen, die uns genug Arbeit

gaben.

Da gab es, auch typisch für die Steppenlandschaft, eine ganze Anzahl

von _Lerchenarten_. Am Boden liefen zahlreich die _Kalanderlerchen_

(+Melanocorypha calandra calandra+ L.), die auffallend großen,

aufrechten Tiere mit der lauten Stimme. _Haubenlerchen_ belebten den

Steppenboden (+Galerida cristata meridionalis+ Brehm). Für alle diese

Lerchen war hier in der Steppe Ende August der Tisch reich gedeckt.

Nicht nur trugen die meisten Pflanzen Samen, kaum irgendwo sah man noch

eine Blüte, auch der Insektenreichtum kam ihnen zugute.

Viele von ihnen gleichen auch dem Steppenboden in Farbe und Zeichnung

so ausgezeichnet, daß sie durch Ducken dem scharfen Blick der

sie verfolgenden Raubvögel entgehen. Das gilt vor allem von der

_Kurzzehenlerche_, die auch auf der Hochebene sich fand (+Calandrella

brachydactyla moreatica+ Mühlb.), eine charakteristische südliche

Form. Eine vierte Lerchenart schließlich war besonders häufig, die

südöstliche, in Asien weitverbreitete Form der _Feldlerche_ (+Alauda

arvensis cantarella+ Bp.).

Daß der _Wiedehopf_ (+Upupa epops epops+ L.) hier nicht fehlte,

braucht kaum erwähnt zu werden. Wie possierlich sah er aus, als er

auf dem Pferdeschädel saß, seinen Schopf sträubte und sich nach allen

Seiten umschaute. Ähnlich reizvoll war die besonders in der Nähe der

Stadt Stip häufige türkische Turteltaube (+Streptopelia decaocto

decaocto+ Friv.), die überall, wo Türken leben oder einmal lebten, sich

festgesetzt hat und mit ihrem Ruf, ihrer schönen Färbung und ihren

zierlichen Bewegungen die Landschaft anmutig belebt.

Die häufigsten und auffälligsten Vögel auf der Hochebene von Stip waren

aber die _Falken_. Sie waren in dieser letzten Augustwoche zu Tausenden

hier versammelt. Und es war nicht etwa die Vorbereitung zum Herbstzug

ins Winterquartier, die sie hier zusammengeführt hatte, es war die

reiche Weide, die sie auf die Steppe gelockt hatte.

Schon während der Fahrt im Auto die Landstraße entlang, war

die Menge der _Falken_ äußerst auffallend gewesen, die auf den

Telegraphendrähten, je 6 bis 10 zwischen zwei Stangen saßen. Ungestört

durch Lärm und Staubwolke bespähten sie von ihrem erhöhten Sitze aus

den Steppenboden und tauchten alle paar Minuten auf ihn herab. Es

waren vor allem zwei Arten, die sich hier versammelt hatten, der

_Turmfalke_ (+Falco tinunculus tinunculus+ L.) und der _Rötelfalke_

(+F. naumanni naumanni+ Fleisch.). Beide sind Insektenfresser und

nähren sich mit Vorliebe von _Heuschrecken_. Jetzt im Herbst gab es für

sie unerschöpflich viel zu fressen. Sie sammelten sich, wo es viele

Heuschrecken gab; und diese waren ja jetzt alle ausgewachsen, große

stattliche Tiere, eine fette Nahrung.

Alle Falken, welche in _Kaluckova_ zu Blutuntersuchungen auf ihre den

Malariaparasiten verwandten Blutschmarotzer geschossen worden waren,

hatten den Magen voll Heuschrecken. Und gar hier auf der Steppe, da

brauchten sie nicht zu hungern. Sie konnten dick und feist in den

grimmen Winter hineingehen.

In dieser Spätsommer- und Herbstzeit konnte ich bei diesen Falken und

anderen Vögeln wiederholt eine interessante Beobachtung machen. In der

Zeit der Dürre kam es durch Unvorsichtigkeit oder Absicht nicht selten

zu Bränden auf der Steppe und in den Buschwäldern der dürren Hügel.

Dann fraß die Flamme knisternd von Busch zu Busch, eilte schnell über

die begrasten Zwischenräume und weilte länger bei den Buschgruppen. So

zog sie über einen Abhang, eine Fläche, eine Hügelreihe hin.

Und vor der Flammenzone, vor dem Rauchschwaden, sah man dichte Flüge

von Vögeln, vor allem aus unsern zwei Falkenarten zusammengesetzt, sich

versammeln. Sie flohen nicht etwa vor dem Feuer, sie hielten sich eher

in seinem Bereich, oder es war vielmehr ein Gürtel in etwa 10 m Abstand

und immer vor diesem, in dem sie sich zusammendrängten. Da saßen sie

auf den höheren Büschen, flatterten und schwebten in geringer Höhe in

der Luft und tauchten immer wieder zum Boden nieder.

Mehrfach eilte ich auf einen solchen Rand eines Brandes los, um

mich zu überzeugen, was denn die Falken dort hinzog. Und was ich

vermutete, bestätigte sich. Vor dem Brand rissen die Insekten aus,

vor allem die flinken _Heuschrecken_, aber auch die anderen, welche

sich auf dem Boden bewegten. Ein breites Band von Käfern, Wanzen,

Tausendfüßlern wanderte vor dem Feuer her. Was leicht beschwingt war,

die Schmetterlinge, die Bienen, die Fliegen hatten sich lange vorher

davongemacht. Aber die laufenden und hüpfenden Insekten und mit ihnen

Mäuse, Eidechsen, Frösche, Schildkröten und alles derartige Getier lief

vor dem Feuer davon und damit in den gierigen Rachen von allerhand

Räubern, die sich die Gelegenheit zu Nutze machten. Allerdings habe

ich nur bei den beiden Falkenarten direkt beobachtet, daß sie zum Teil

von weither auf die Rauchsäulen losflogen, offenbar weil die Erfahrung

sie gelehrt hatte, daß in dieser Jahreszeit im Zusammenhang mit solchen

reiche Beute auf sie wartete.

Stundenlang hatte die Beobachtung und Jagd mich und meine Begleiter

auf der Hochebene aufgehalten, so daß es schon Nachmittag war, als

wir abwärts zur Bregalniza, in die Stadt _Stip_ fuhren, um dort eine

Mittagspause zu machen. Die Stadt liegt ziemlich ausgedehnt auf einer

Anzahl von Hügeln, über denen dunkle Granitfelsen sich erheben. So

gewährt sie einen malerischen Anblick. Zudem ragen auf dem einen der

Granitfelsen Ruinen einer alten Türkenburg in die Höhe.

[Illustration: Abb. 209. Ansicht von Stadt und Burg Stip vom

Moscheehügel.]

Es ist wie Veles eine richtige Türkenstadt mit Moscheekuppeln und

Minarets; die Häuser klettern wie dort die steilen Hügel hinauf, sind

aus Steinen gebaut und mit roten Hohlziegeln gedeckt. So entsteht das

gleiche bunte, malerische Bild wie in Veles, nur daß hier der dunkle

Felsen einen andersartigen, weniger harmonischen Hintergrund bildet

als das graue Gestein von Veles. Wir fahren durch enge Gassen über

einen Marktplatz; Läden und Werkstätten verraten lebhafte Tätigkeit

in der Hauptstadt einer wohlhabenden Provinz. Wir gelangen an eine

stattliche, breite Brücke, welche über die Bregalniza führt, deren

Bett, breit durch die Häuser der Stadt führend, ausgemauert ist. Aber

welch eigentümlicher Anblick; das breite Flußbett, dessen steile

Mauern, von denen Treppen hinabführen, verraten, daß der Fluß im Winter

und Frühling viel Wasser führen muß, lag jetzt ganz trocken, so daß ich

trocknen Fußes, durch Sand watend, hindurch gehen konnte.

[Illustration: Abb. 210. Moschee in Stip.]

Im Schatten einiger Bäume jenseits der Brücke ließen wir unseren Wagen

unter Aufsicht des Fahrers stehen und stiegen selbst einen steilen Weg

bergan zu einer Moschee mit leuchtend grüner kupfergedeckter Kuppel,

deren säulengetragene Vorhalle uns als Rastplatz lockte. Und es lohnte

wohl dort eine Nachmittagsstunde zu verbringen. Ringsum lagen zwar

Ruinen und selbst das Minaret war zur Hälfte zerstört. Hier hatte sich

im Balkankrieg der Türkenhaß Luft gemacht.

Die Moschee war aber immerhin noch erhalten; sie war aus Steinen massiv

erbaut, außen mit Platten bedeckt. Solche, abwechselnd schwarz und

weiß, umgeben die Bogen der Vorhalle und die drei Türen, welche ins

Innere führten. Der hochgewölbte Raum war mit Ziegeln gepflastert.

Verwüstung herrschte auch hier und Trümmer lagen umher. So war es

anziehender in der Vorhalle sich niederzulassen, die von schlanken

Marmorsäulen mit schön ausgearbeiteten Kapitellen getragen war. Die

Säulen machten den Eindruck, als stammten sie von einem antiken Bau.

Ihre Basen waren mit Kupfer beschlagen. Hier wie an der Kuppel hatte

sich zum Glück noch kein beschlagnahmender Beamter betätigt.

Von der Ecke der Vorhalle hatten wir einen sehr schönen interessanten

Überblick über die Stadt, deren weiße Häuser teils in der

Fläche zwischen den Hügeln sich ausdehnten, teils an den Felsen

emporkletterten. Zwischen den dunkelroten Dächern erhoben sich

zahlreiche weiße Minarets und mit ihnen an Schlankheit wetteifernd

dunkle Pappeln; aus Gärten ragten viele Obstbäume hervor, die zum Teil

voll Äpfel hingen. Zwischen den Felshügeln eröffnete sich ein weiter

Blick über die dunstige Ebene und auf ferne Berge. Kapellen leuchteten

weiß von den Hügeln und eine große stattliche Kirche ragte aus den

gleichmäßigen Straßen der unteren Stadt empor.

Mazedonien · 第 32 / 45 段