Von +Chirocephalus diaphanus+ sind bisher zwei Rassen beschrieben

worden, eine größere und eine kleinere. Unser Fund gehört zur kleineren

Rasse, die bisher in Mazedonien noch nicht beobachtet war, während

die größere schon einmal im Wardartal gefunden wurde. Sie gilt als

eine Art subtropischen Ursprungs, eine Warmwasserform, welche ihr

Hauptverbreitungsgebiet im Norden Afrikas hat. Daß sie trotzdem starke

Temperaturschwankungen aushält, beweist unsere Beobachtung, daß das

Wasser der Tümpel im Begovatal nachmittags bis 22,4° C erreichte,

während morgens in der Frühe eine Eisdecke ihre Oberfläche überzog.

In den Tümpeln lebte außerdem ein Kopepode +Diaptomus tatricus+

Wierz., bei welchen die Männchen prachtvoll von Carotin rot gefärbt,

die Weibchen aber mit Ausnahme der roten Eier farblos waren. Auch diese

Art war neu für Mazedonien.

[Illustration: SOLUNSKA GIPFEL.]

Dem ereignisreichen Tag folgte eine bitterkalte Nacht. Morgens um

5 Uhr maß das Thermometer noch 2° unter Null. Die Zeltbahnen waren

dick bereift. Aber uns Bergwanderer grüßte ein wolkenloser Himmel

und machte uns den Entschluß leicht, an diesem Tag die Besteigung

der beiden Hochgipfel zu unternehmen. Wir stiegen die tiefe Mulde

hinan, welche sich vor _Begova_ und _Solunska_, wie die beiden Gipfel

nach den Aussagen der Einwohner hießen, ausbreitete. Wir hatten

Felsblöcke zu überklettern und -- wer Latschenwälder der Alpen kennt,

wird würdigen, wie schwer es war über die Wurzeln und Äste der sehr

stattlichen Legföhren hinwegzuklettern, um durch das Moränenfeld des

großen Kars zu gelangen, das sich hier vom Sattel zwischen beiden

Gipfeln zu uns erstreckte. Die oberen Mulden des Karhanges waren noch

mit ausgedehnten Schneefeldern erfüllt, von denen murmelnde Bäche

sich zu kurzem Lauf zwischen den Kalk- und Marmorblöcken des Hanges

entwickelten. Beim Aufstieg an die jenseitigen Hänge des Kars verließen

wir bald die Latschenzone und kamen in ein fast vegetationsloses

felsiges Gebiet. Der Anstieg war an dem kühlen Morgen nicht allzu

anstrengend. Die Höhendifferenz von unserem hochgelegenen Lagerplatz

bis zu den Gipfeln war ja nicht sehr beträchtlich. Dazu kam, wie in

allen von mir besuchten mazedonischen Gebirgen, mochten sie noch so

entlegen und einsam sein, das Vorhandensein von Pfaden, die allerdings

oft undeutlich waren, selbst verschwanden, um nach einigen hundert

Metern wieder erkennbar zu werden. Jetzt war die Gegend ja vollkommen

menschenleer; aber im Sommer wurde sie von zahlreichen Hirten mit ihren

Herden durchzogen, die alle Pässe überwandern. Auch mögen Schmuggler

und Flüchtlinge diese Pfade ausgetreten haben und noch vor kurzer Zeit

mochte manche Bande in diesem wüsten Gebirge Zuflucht gesucht und

gefunden haben.

Wir stiegen einen Berg hinan, der mit der _Begova_ durch einen offenbar

leicht zu überschreitenden Sattel verbunden war. Als wir höher kamen,

wurde der Pfad unerkennbar, wir hatten fest zu klettern über steile

Hänge und plattige Gesteine. Rückwärts hatten wir einen schönen Blick

in das weite Kar mit seinen Kalkfelsen und Marmortrümmern, zwischen

denen nach unten immer größere Inseln von Vegetation sichtbar wurden,

bis an den unteren Hängen der dunkle breite Gürtel des Latschenwaldes

sich ausbreitete. Über das Kar hinaus sahen wir die schwarzen

Felsengipfel des Pepelak mit ihren Schneebändern und östlich von ihm

den grünen Liseč.

An den Abhängen der Solunska gab es mancherlei typisch alpine

Pflanzen. So wuchsen an den Felsen polsterbildende Steinbrecharten

mit Blattrosetten, welche eine einheitliche wie ein Mosaik aussehende

Fläche bildeten. Die Arten sind noch nicht bestimmt (Abb. 202).

[Illustration: Abb. 202. +Saxifraga+ sp. Polsterbildender Steinbrech.]

Auch +Gentiana cruciata+ L. und die gelbe Akelei +Aquilegia aurea+

Janka wuchsen dort.

Am Rande eines Schneefelds wurden einige Schmetterlinge der Gattung

+Mnemosyne+ aus der Gruppe der Parnassier gefangen. Sie waren offenbar

auf dem Flug in die Hochregion begriffen, wie andere Schmetterlinge

aus den Gattungen +Vanessa+ und +Colias+, die mit uns im warmen

Sonnenschein gipfelwärts strebten, und die wir dann oben in großen

Flügen antrafen.

Überall mußten wir auf dem Weg kleine und große Dolinen umgehen. Wir

stiegen zuletzt auf den Westhang der Gipfelregion über kahle Kalkfelsen

hinan an einem tiefen Gesteinsspalt, der in eine von Schnee erfüllte

Höhle überging. Hier mußten Alpendohlen ihre Brutstätte haben; denn ein

großer Schwarm dieser blauschwarzen Vögel mit ihren roten Schnäbeln und

gelben Beinen flog lärmend aus der Felsspalte vor uns auf, vergeblich

beschossen von unseren ermüdeten Präparatoren (+Pyrrhocorax graculus+

L.).

Wir erstiegen nacheinander die beiden Gipfel der durch einen steilen

Grat getrennten Schwesterberge, der Begova und Solunska. Auf jeder der

Spitzen des Doppelkegels weilten wir längere Zeit und bestimmten die

Höhe des nördlichen Gipfels (Begova) mit 2420 m, den der südlichen

Solunska mit 2530 m.

Auf dem Gipfel der _Solunska_ blieben wir über Mittag im schönen

Sonnenschein; und während gemessen und photographiert wurde, konnte ich

einen Fernblick von wunderbarer Größe genießen. Von der Solunskaspitze

hat man einen Rundblick über das gesamte Mazedonien. Den Horizont

im Westen begrenzten der _Schardakh_ mit dem _Ljubotren_ und der

_Kobeliza_, südlich davon der mächtige Kegel des _Korab_ und die blauen

Ketten der albanischen Berge. Im Südwesten erkannte man die Kessel,

in denen der _Ochrida-_ und _Prespasee_ liegen mußten, daneben den

_Peristeri_. Darüber hinaus lag Dunst auf der Ebene von _Saloniki_, aus

dem noch einzelne Gipfel aufragten.

In der Mitte des Bildes dehnten sich, Kette hinter Kette, die

mazedonischen Mittelgebirge wie ein von Wellen bewegtes Meer. Direkt

südlich das Berg- und Talgewirre des _Babuna_gebietes, die von Bergen

umsäumte Ebene von _Prilep_; ja an deren Grenzen, die man so ferne

wähnte, wenn man der umständlichen Reise dorthin gedachte, erkannte

man deutlich die Kette der Granitberge, an deren Hang das Kloster

_Treskowač_ und die absteigende Kette bis zum _Varosberg_, jenseits der

Ebene die Berghalde, an der die Stadt _Krusewo_ liegt.

Mehr gegen Osten verfolgte man, ohne den Fluß selbst zu sehen, den

Verlauf des Wardar, das Felsenland von _Demirkapu_ und fern dahinter

die Gebirge der _Belasiza_, der _Dudica_ und _Mala Rupa_. Seltsam

deutlich tauchte im Osten die Ebene um _Stip_, in ihr diese Stadt

selbst auf, die sie umgebenden Felsenberge und die von _Veles_ zu ihr

führende Straße.

Ich genoß mit tiefem Empfinden des Glücksgefühls, welches über mich

kommt, wenn ich einer schönen, großzügigen Landschaft gegenüberstehe.

Wie ein wundervolles Kunstwerk liegt sie vor mir, erfüllt mich und

es kann wie ein Rausch über mich kommen. Nun sauge ich sie mit ihrer

ganzen Schönheit in mich hinein; sie tritt in mich ein, wird ein Teil

meiner Seele.

Dann beginnt es in mir zu schaffen; ich stehe all dieser Schönheit

der Welt nicht mehr passiv gegenüber. Ich bemächtige mich ihrer. Ich

rahme sie ein, sie wird zum Kunstwerk in mir, mit ihren Schatten und

Lichtern, ihren Massen, ihrem Duft, ihren Formen und Farben. So nehme

ich sie für alle Zeiten in mich auf, sie kann jeden Augenblick in

ihren großen Zügen und mit all ihren Einzelheiten vor mein inneres

Auge treten, so, wie ich sie in dem Augenblick des starken Eindrucks

erschuf. Und so zwingt sie mich, sie wieder neu zu erzeugen, in der in

mir geborenen Form, in Worten oder mit dem Pinsel.

[Illustration: Abb. 203. Gebirgsketten gesehen südwärts vom

Solunskagipfel.]

Das ganze mir bekannte Mazedonien lag im Glanze des Mittags vor

mir, mit seinen Bergen und Tälern, Flußläufen und Ebenen in allen

Einzelheiten deutlich durch die Klarheit des ersten schönen Tages

nach dem Regenwetter. Alle Erinnerungen an die Erlebnisse und an die

großen Natureindrücke, die ich in diesem weiten Gebiete genossen hatte,

lebten in meiner Seele auf. So wurde ich nicht satt, stundenlang in die

Ferne zu schauen und mit wohligen Gefühlen im warmen Sonnenschein zu

schwelgen.

Nicht minder reizvoll war die nähere Umgebung, die grellen Steinhalden

mit ihren blauen Schlagschatten, die Umrahmung durch die ausgedehnten

Latschenbestände und jenseits gegen Veles und das Wardartal die grünen,

bewaldeten, schöngeformten Berge, auf denen blaue Wolkenschatten

wanderten.

Nach der anderen Seite sah man in eine breite U-förmige Talung, welche

im Südwesten von sehr stattlichen Karstbergen begrenzt wurde; diese

stellen eine Fortsetzung der vom _Pepelak_ aus beobachteten Karstkette

dar.

Bereichert, in froher Stimmung trat ich den Abmarsch durch die

Latschenregion an, nachdem am Gipfel noch eine ganze Anzahl von

Schmetterlingen und Dipteren erbeutet worden waren, die sich hier ein

Stelldichein gegeben hatten, unter anderen +Hesperia malvae+ L. Von

Vögeln wurden in der Gipfelregion außer der Alpendohle die Steindrossel

(+Saxicola rubetra+ L.) und der Mauerläufer (+Tichodroma muraria+ L.)

beobachtet.

Auch in der _Latschenregion_ war das Insektenleben an dem warmen

Sonnentag erwacht, so daß der Marsch talwärts zum Lager bis zum Abend

sich hinzog. Auf dem Grasboden zwischen den Latschen bildeten Gruppen

eines schönen Enzians (+Gentiana verna+ var. +aestivalis+ R. u. Sch.)

leuchtend blaue Flecken. Auch sonst war eine reiche Alpenflora hier in

der Entwicklung begriffen. An den Felsen klebten die Polster mehrerer

Steinbrecharten, von denen eine von dekorativer Schönheit in der

Photographie der umstehenden Abbildung festgehalten ist (Abb. 202, S.

406). Es ist eine der typischen polsterbildenden alpinen Arten. Große

Begeisterung erregte bei unserm Botaniker der erstmalige Fund der

_Alpenbärentraube_ +Arctostaphylos uva ursi+ Sprg. im mazedonischen

Gebirge.

Im Sumpftal und im Latschengebiet wurden interessante Käfer gefangen,

darunter ein zierlicher Dorcadion, silbergrau gefärbt mit schwarzen

Flecken, wohl eine neue Art und der Rüsselkäfer +Cleonus albicans+

Schm. Am Sumpf flog der Bläuling +Callophrys rubi+ L., während weiter

oben in den Felsen der Spanner +Larentia turbata+ Hb. gefangen wurde.

Am Nachmittag des nächsten Tages (26. Juni) brachen wir unser Lager

in dem schönen, latschenumrahmten Begovatal ab, um noch in einer

tieferen Region vor dem Rückmarsch eine Station zu machen. Es ging

steil das Abflußtal hinab, in welches früher der Gletscher noch ein

Stück hineingereicht hatte. Wir traten nun wieder in das Gneißgebiet

ein. Hier bildete sich im Talgrund ein plätschernder Bach, der uns

beim steilen Abritt begleitete, dabei sich immer mehr vergrößernd und

verstärkend.

Im Anfang des Gneißtales war eine Talmulde reich mit Brennesseln und

Disteln bewachsen. Nach den Erfahrungen in den Alpen war dies ein

sicheres Anzeichen, daß hier früher einmal eine menschliche Siedelung

gewesen sein mußte. Von einer solchen war aber keine Spur mehr zu

entdecken, was bei der primitiven Bauart der Sommerwohnungen, welche

die Bewohner des Gebirges hierzulande nur für die gute Jahreszeit zu

errichten pflegen, nicht verwunderlich war.

In dem steilen Tal mit seinem reichen Pflanzenwuchs flogen viele

Insekten. Wir fanden eine schöne große Art des Parnassiers +Mnemosyne+,

von dem wir ja Ausflüglern am Solunskahang begegnet waren. Arten von

Argynnis, Erebia (+E. medusa+ F.), Geometriden und Arctien nebst Bienen

und Wespen gab es in zahlreichen Formen.

Allmählich verschwanden die Latschen; an ihre Stelle trat

Buchengestrüpp, das allmählich höher wurde. Gegen Abend langten wir in

flottem Trab auf einem grünen Wiesenhügel an, der an seinem unteren

Rand von einem prachtvollen Buchenhochwald abgegrenzt wurde. Unsere

Pferde wieherten fröhlich, als sie das frische grüne Gras der Matte

sahen; ihnen war es ja oben in den Bergen in der Vorfrühlingszone nicht

allzu gut ergangen. Hier war in einer Meereshöhe von 1620 m ein sehr

geeigneter Lagerplatz für uns gefunden. Ein Bach plätscherte in der

Nähe und noch dazu wurde eine Almhütte entdeckt mit großen Hürden für

Schafherden, die schon bewohnt war. Das erschien eine gute Gelegenheit

unsere Verpflegung zu verbessern. So wurden denn rasch die Pferde

abgesattelt, die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Man

freute sich allgemein auf etwas mehr Behagen und wärmere Nächte, als

wir sie in der Hochregion gehabt hatten.

Die Almhütte, eine _Mandra_, wie man sie hier wie überall, wo Türken

regiert haben, benennt, war eine primitive, aber ziemlich große

Reisighütte, in der eine ganze Anzahl Hirten hausten mit einer großen

Schafherde von mehreren hundert Köpfen. Es waren nur Männer und einige

Knaben hier oben, Albaner, Türken und Aromunen friedlich beieinander,

ein Bild des Völkergemisches Mazedoniens. Der Obersenn, ein Aromune,

begrüßte mich sehr freundlich, als ich ihn mit meinem Dolmetscher

aufsuchte. Er versprach uns Milch und Käse zu liefern und erzählte

manches Interessante. Er berichtete, daß Rehe und Hirsche im Gebiet

vollkommen fehlten, während in den Wäldern Wildschweine nicht selten

seien. In der Hochregion kämen aber Gemsen vor. Ganz sicher scheint mir

letzteres nicht, wenn es auch sehr wohl möglich ist. Es ist jedenfalls

sehr auffallend, daß wir keine Gemsen bei unseren einsamen Streifzügen

in der Hochregion beobachtet haben. Immerhin ist ja möglich, daß sie

sehr selten sind, da ihnen jedenfalls von den Albanern, die geschickte

Jäger sind, viel nachgestellt wird.

Vor allem sprach er von den _Wölfen_, die seinen Herden nachstellten,

was ich ihm gern glaubte, nachdem ich am Pepelak schon einen

prachtvollen alten Wolf erbeutet hatte. Ich ging denn auch nachts auf

den Anstand, aber ohne Erfolg. Es war eine helle Mondnacht, in der der

Obersenn mich zum angeblichen Wechsel der Wölfe oberhalb des Waldes

ins Latschendickicht führte. Ich saß lauernd in den Latschen am Rand

einer kleinen Wiese, in deren Mitte er ein Böckchen als Lockmittel

angepflockt hatte, während der fast volle Mond rot über dem Berg

aufging.

Es war wundervoll am mondüberglänzten Berghang zu sitzen, auf den

die dunklen Latschen schwarze Schatten warfen; zwischen ihnen ragten

phantastisch geformte riesige Felsblöcke in die Höhe. Ein leichter

Wind bewegte die Büsche und trug das Rauschen des Waldes herauf. Ich

hörte Grillen zirpen, hier und da die leise Stimme eines Vogels. Aber

die Wölfe kamen nicht, ich hörte sie tief unten im Tale heulen, wo die

Hunde der Hirten ihnen wütend antworteten. Und als das Böckchen sich

auf die Wiese zum Schlafen gelegt hatte und keine Lust mehr zeigte,

die Wölfe durch sein Blöken anzulocken und auch mein Führer in seinem

Busch ein mörderisches Schnarchen anhob, nahm ich an, daß auch er kein

großes Zutrauen auf das Erscheinen der Wölfe habe. Ich entschloß mich,

lieber nach dem ermüdenden Tag zu meinem Zelt zurückzukehren. Es war

ein wundervoller Weg bergab durch den Buchenwald, durch dessen mächtige

Stämme das Licht des Vollmondes fiel. Ich war aber doch froh, als

ich auf der silbern überglänzten Matte zu meinem Zelte gelangte und

zwischen 1 und 2 Uhr nachts in einen erquickenden Schlummer fiel.

Die nächsten Tage dienten der Erforschung der Waldregion, welche

manches schöne Ergebnis brachte. Von der Mandra führte ein ganz

kurzer Pfad durch den Wald aufwärts bis zur Waldgrenze, die hier

hochstämmig an die Matten, die von Latschengruppen bestanden waren,

stieß. Den Weg kreuzten viele Waldbäche, von üppiger Pflanzenwelt, vor

allem Doldenpflanzen, umrahmt. Der Wald bestand aus hochstämmigen,

schönen blanken Buchen. Man hätte glauben können, in einem deutschen

Walde zu wandern, hätte er nicht so viele Spuren einer barbarischen

Behandlung gezeigt. Es war ein trauriger Eindruck, zu bemerken, wie

die Bevölkerung hier so gar kein Verständnis dafür hat, den Wald zu

hegen und zu pflegen, der für seine Wohlfahrt so wichtig wäre. Wo hier

Wald ist, wird ein planloser Raubbau getrieben, niemals planmäßige

Ausnützung. Hier verdankte der alte stattliche Wald sein Leben nur dem

Umstand, daß der Abtransport des Holzes zu beschwerlich und kostspielig

ist, sonst wäre er längst verschwunden.

In der Nähe des Pfades war grausam in ihm gehaust worden. Zahlreiche

gefällte Stämme faulten unbenutzt am Boden. Ihnen waren nur die

Äste abgeschnitten, die zum Feuermachen geeignet waren. Die meisten

stattlichen Stämme waren in der Mitte abgehauen, was einen traurigen

Eindruck machte.

Für mich war es reizvoller, tief in den unverletzten Wald einzudringen

und die Vogelwelt zu beobachten, die sehr reich war und vollkommen

an die unseres Buchenwaldes erinnerte. Spechte, vor allem der

Mittelspecht und der Liljefordspecht, viele Meisen, am zahlreichsten

die Nonnenmeise, Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen,

Baumläufer, Kleiber und Häher belebten die hohen Hallen des schattigen

Waldes.

Vor allem reizvoll war die Grenzregion gegen das Latschengebiet, wo

zahlreiche rasenbedeckte Blößen sich am Waldrand einfügten. Hier war in

etwa 1700 m Meereshöhe ein außerordentlich reiches Insektenleben.

Auf den Blößen ragten große, seltsam gestaltete Felsblöcke empor, deren

einen wir wegen seines pompösen, denkmalähnlichen Aussehens in unseren

Gesprächen den Hindenburgfelsen nannten. Vor dem dunklen Hintergrund

der Latschen wuchsen auf den Wiesen schneeweiße Blattrosetten einer

für das Hochgebirge typischen _Königskerze_. Es war +Verbascum

longifolium+ Ten. Wie zarter weißer Samt sahen die Blätter aus, die

sich auch wie solcher anfaßten. Etwas abwärts am Waldrand flogen

große Schwärme von Schmetterlingen über den Blumen der Waldwiese. Da

war die eigentliche Flugstätte der schönen +Mnemosyne+, die wir in

den höheren Regionen nur spärlich angetroffen hatten. Hier gab es

schöne +Argynnus+-Arten, dunkle Geometriden, bunte Bärenspinner, viele

Hummeln; solitäre Bienen in großen Massen umschwärmten die Blumen,

dazu summten mit ihnen um die Wette +Bombyliden+ und andere große

bunte Fliegen. Unter den Steinen fanden sich interessante Käferarten,

auf den Felsen liefen Sandlaufkäfer herum. Von den Bienen möchte ich

+Andrena dubitata+ Schenck und die neuentdeckte +Osmia bulgarica+

Friese erwähnen. Sehr reichlich waren die Hummeln vertreten, von denen

wir allein in dieser Region neun Arten fingen, vor allem Gebirgsformen

(vgl. Anmerkungen zu diesem Kapitel).

[Illustration: Abb. 204. Wollige Königskerze zwischen Latschen.

(+Verbascum longifolium+ Ten. zwischen +Pinus montana+ Mill. subsp.

+mughus+ Scop.) Golesniza Planina 1800 m. 27. Juni 1918.]

Durch die Luft zogen Raubvögel, Sperber, Bussarde, Weihen, Habichte

ihre Kreise. Adler fehlten nicht. Ein schöner Kaiseradler ließ sich auf

einem dürren Baume nieder, ließ aber leider keinen zum Schuß nahe genug

heran.

Durch die verschiedenen Streifzüge der Mitglieder der Expedition

wurde die Eigenart der Bergregion in der Meereshöhe von 1500-1800 m

ziemlich eingehend erforscht. Unterhalb der Latschenzone zogen sich

hier am Abhang von Begova und Pepelak hochstämmige Buchenwälder,

zum Teil abwechselnd mit Weißtannen hin. Zwischen diesen breiteten

sich weite Grasmatten aus. An steilen Talhängen traten oft nackte

Gneißfelsen in weiter Ausdehnung auf. Den gleichen Charakter besaßen

die anschließenden Berge von gleicher Höhe, so der Liseč und die

Bergketten, welche sich zwischen dem Gesamtstock der Golesniza und dem

Wardartal in der Gegend von Veles hinzogen.

[Illustration: Abb. 205. Schafherde auf Matte unterhalb der

Latschenzone.]

Die großen Grasflächen dienten als Viehweiden, in dieser Höhe

vorwiegend für Schafe, von denen Herden von vielen Hunderten bis

Tausenden beobachtet wurden. Die Hirten versorgten uns auch reichlich

mit Butter, Käse und Milch, was alles von den Schafen stammte. Abends

wurden die Schafe zum Melken in die Sennhütten getrieben. Sie wurden

in Hürden gejagt, von denen sie einzeln durch einen schmalen Durchgang

zu den fünf Melkern gelangten, deren jeder ein Schaf mit grober Hand

erfaßte und schief über ein Gestell von Brettern und Latten stellte,

daß es nicht davonlaufen konnte. Dann wurde die wenige Milch, die

ein Schaf liefert, mit drei bis sechs energischen Melkzügen am Euter

in Holzeimer gespritzt, worauf sofort ein neues Schaf an die Reihe

kam. Der ganze Betrieb war auffallend gut organisiert. Jugendliche

Albanerknaben brachten immer rasch frische Schafe heran und nahmen die

gemolkenen Tiere weg, die dann stumpf und ruhig, mit gesenkten Köpfen

in der Hürde standen, ehe sie wieder auf die Weide gelassen wurden.

So vollzog sich die Arbeit auffallend rasch und planmäßig, nicht ohne

Geschrei der Leute und ein wildes Gebelle der vielen großen Hunde,

welche zum Hüten der Herden dienten. Es waren schöne große Hunde, vom

Typus der Schäferhunde mit zottigem Fell, die hier benutzt wurden.

Meist werden sie von ihrem Herrn sehr schlecht behandelt, sind daher

bissig, feig und für den einsamen Wanderer nicht ungefährlich. An

ihren Herrn sollen sie sehr anhänglich sein, sie machen überhaupt den

Eindruck einer vorzüglichen Rasse.

[Illustration: Dr. _Gripp_ phot. Abb. 206. Die Hirten in der Mandra

Sribatschan.]

In der Mandra dampfte die Milch in großen Töpfen, in denen sie zu dem

vorzüglichen Kiselo Mleko, der Sauermilch, dem Yogurth zubereitet

wurde. Es wurde auch gebuttert und Käse hergestellt. Die Produkte

wurden von hier mit Lasttieren in etwa einem Tagesmarsch nach Veles

gebracht.

[Illustration: Abb. 207. Bauern in Kiselawoda beim Schafmelken.]

Der Rückmarsch, nach Abbruch des Lagers, führte uns am Nachmittag

des 28. Juni durch Buchenwälder und malerische Schluchten über den

Kamm, welcher das _Begovamassiv_ mit dem _Liseč_ verbindet. Unsere

Absicht, letzteren noch zu besteigen, mußten wir aufgeben, da wir die

Entfernungen unterschätzt hatten. Der Proviant für die Mannschaften

ging auf die Neige, ebenso der Hafer für die Pferde. Auch waren am

letzten Abend Abgesandte der bulgarischen Opcinabehörden in der Mandra

angelangt, welche Einspruch erhoben, daß den Bundesgenossen in der

Sennerei deren Produkte verkauft wurden. Da wir unsere wesentlichen

Ziele erreicht hatten, beschloß ich auf dem Paß nach Südosten den

Abstieg anzutreten und am nächsten Tage Üsküb wieder zu erreichen.

Im Walde wurden noch zahlreiche Schnecken gesammelt, Nacktschnecken

und Clausilien. Die Waldbäche beherbergten auch eine reiche Fauna,

vor allem Larven von Trichopteren und Perliden, deren Imagines auch

vielfach herumflogen, viel gejagt von der häufigen +Lacerta muralis+,

der Mauereidechse. Im Wasser der Bäche fanden sich zahlreiche Larven

des gefleckten Salamanders (+Salamandra maculosa+), der sich also

hier in einer Höhe von 1800 m fast genau zur selben Zeit fortpflanzt

wie in Deutschland. Von den zahlreichen Wasserwanzen seien +Velia

rivulorum+, +Limnotrechus lateralis+ var. +costae+, +Notonecta glauca+

var. +furcata+ und eine +Corixa+-Art erwähnt. Auch die Alpenplanarie

(+Planaria alpina+) fehlte diesen Bergbächen nicht, wie denn dies

Eiszeitrelikt in den mazedonischen Bächen eine regelmäßige Erscheinung

ist.

Während wir jenseits des Lisečkammes abstiegen, kamen wir durch

malerische Waldgruppen und weite Wiesenflächen. Auf letzteren weideten

große Viehherden, als wir etwa auf 1000 m Höhe herabgekommen waren,

mehrten sich die Herden von Rindern und Pferden. Trotzdem begegneten

wir wenig Menschen und diese waren ausschließlich Türken und Albaner.

Mazedonien · 第 31 / 45 段