Tatsächlich stellte sich das Tier als die Eule +Anarta melanopa+ Thnbg.

var. +rupestralis+ Hb. heraus, welche aus den Alpen und vom Gran Sasso

in Süditalien bisher in besonderen Formen bekannt ist, während die

Stammform in Lappland, Labrador und auf den Shetlandinseln vorkommt.

So stimmt das Vorkommen dieses Schmetterlinges gut zu den sonstigen

Eiszeitspuren, welche wir im Gebiet fanden.

[Illustration: Abb. 195. Rand des Kalkgebirges der Karaschiza westlich

vom Pepelak. Flugstelle von Anarta.]

Nach den Feststellungen unseres Geologen Dr. _Gripp_ stellt der Pepelak

mit seinen drei Gipfeln das Nordende eines schmalen Bergzuges dar,

der von Nordwesten nach Südosten verläuft. Er erstreckt sich bis nahe

an das Dorf Jabolcista hin und zeigt nur eine Unterbrechung, welche

von _Östreich_ als Salakova-Senke bezeichnet wurde. In seinem Verlauf

bildet der Höhenzug eine bemerkenswerte Grenze zwischen zwei ganz

verschiedenartigen Landschaftstypen. Östlich von dem Bergzug streichen

fünf einander parallele Bergrücken von Südwesten nach Nordosten;

sie enden alle an ihrem nordöstlichen Ende in Gestalt rundlicher

Bergkuppen, deren Höhe jeweils von Norden nach Süden geringer wird.

[Illustration: Abb. 196.

+Anarta melanopa+ Thnbg. var. +rupestralis+ Hb. Als Eiszeitrelikt im

mazedonischen Gebirge erhalten.]

Als Namen dieser Bergzüge wurden Herrn Dr. _Gripp_ von den Einwohnern

des Dorfes Jabolcista angegeben: Salakova, Schachkaviza, Eilagiza und

Jurudschiza. Etwas höher als diese ist die quer vor ihnen liegende

Mumjitza, auf der zahlreiche Felsklippen aufragen. Sie fällt steil nach

Westen zur oberen Kadina Reka ab, während sie auf der Ostseite in einen

sanften Abhang übergeht. Alle diese Berge zeigen mattenbedeckte breite

Rücken, während steilere Hänge dichten, grünen Buchenwald tragen.

Zwischen dem Südende der Mumjitza und dem südöstlich von ihr gelegenen

Berg Liseč, den wir von unserem dritten Lager mehr aus der Nähe sehen

konnten, ragten zwei schmale, parallele Höhenzüge empor; der näher

gelegene, genannt Szriba(i)tschan erreicht die Höhe von 1805 m, während

die zwischen ihm und dem Liseč hinziehende zweite Kette, deren Namen

wir in dem öden menschenarmen Gebiet nicht erfahren konnten, noch höher

ist.

[Illustration: Abb. 197. Endmoräne des Gletschers im Wannental.

Golesniza Planina.]

Dr. _Gripp_ beobachtete in diesem Gebiet nur Gneise. Dieser

einheitlichen Gesteinszusammensetzung schreibt er die gleichmäßige

Oberflächengestaltung des Gebietes zu. Angelagert an diese Gneise fand

er eine Hülle von Glimmerschiefer, zum Teil Granatglimmerschiefer,

aus der auch der größte Teil des Pepelak und des Höhenzuges

zusammengesetzt ist, der sich vom Pepelak bis Jabolcista erstreckt.

Ganz anders als diese milden, gleichartigen Berge sehen die Gebirgszüge

aus, welche westlich von diesem Glimmerschiefergebirge liegen. Es

ist das weiße, kahle, baumlose und überhaupt vegetationsarme Gebiet,

welches ich oben schon erwähnte. Wir alle, welche die Gebirge der

Gegend von Triest, von Istrien oder der Herzegowina kannten, wurden

durch seinen Anblick an den _Karst_ erinnert. Unser Geologe bestätigte

uns die Richtigkeit dieser Annahme. Es war ein typisches Kalkgebirge;

die Gesteine, die es zusammensetzten, waren nur Marmor und Dolomit. Und

überall traten uns die typischen Karstphänomene entgegen, welche für

Gebirge vom Bau des Karstes in aller Welt charakteristisch sind und

den Namen dieses südkrainischen und küstenländischen Gebirges zu einem

geologischen Fachausdruck gemacht haben.

[Illustration: Dr. Gripp phot. Abb. 198. Doline bei Lager 2 im

Golesnizagebirge.]

Vor allem war die Wasserarmut dieser Berge auffällig. Streifte

man durch diese weißen, plattigen Gesteine, dann mußte man seine

Feldflasche wohlgefüllt mitnehmen. Denn auf Quellen konnte man nicht

rechnen. Die Täler und Schluchten waren trocken und keine munteren

Bäche durchströmten sie. Wo Schmelzwasser von den Schneefeldern

herabfloß, versickerte es bald im Boden oder verschwand in

unterirdischen Spalten. Die Täler waren sämtlich abflußlos. Die für den

Karst so bezeichnenden _Dolinen_ waren überall in großen und kleinen

Ausmaßen anzutreffen. Es sind das Einsturztrichter, welche dadurch

entstanden sind, daß unterirdische Höhlen durch Auslaugung der Felsen

sich bildeten, in welche später die Felsendecke einstürzte. Solche

riesigen Dolinen wie im adriatischen Gebiet, in denen große Felder und

Gärten, ja ganze Dörfer liegen können, fanden wir allerdings hier im

Hochgebirge nicht. Karstphänomene werden wir weitere zu erwähnen haben,

wenn uns die Beschreibung der weiteren, von uns durchforschten Strecken

der Golesniza Planina dazu führt.

Besonders interessant für den Geologen waren die Beobachtungen einer

Auflagerung von mehreren hundert Metern mächtigen Marmormassen auf dem

kristallinen Schiefer. An zwei Stellen konnten solche Überlagerungen

beobachtet werden; in beiden Fällen lagerten helle Kalke und Kalke

mit Glimmer, die unter 50-70° nach Südwesten einfielen, über den

kristallinen Schiefern, und zwar ohne jede Transgressionsmerkmale zu

zeigen. Die Kalke gingen nach oben bald in graue Dolomite und hellen

Marmor über. Im Patiskatale fand Dr. _Gripp_ eine linsenförmige Scholle

von Gneis von einer Länge von 8-10 m in den untersten Lagen der Kalke.

Interessanter und auffälliger waren uns anderen Naturforschern die

Spuren einer einstigen starken Vereisung der Gebirge, welche Dr.

_Gripp_ eifrig untersuchte und abends im Lager, wenn wir schmausend

vor unseren Zelten saßen, hörten alle gern zu, wenn er von seinen

Beobachtungen erzählte.

Die Resultate im Gebiet der Karseen des Pepelak haben wir oben

schon zusammengefaßt. Vor dem Karstgebiet zeigten sich im Gebiet

des Gneisgebirges viele Spuren der Gletschertätigkeit, die sehr

auffällig waren. Südlich vom Pepelakkar fand sich am Osthang des

Glimmerschieferzuges in 1990 m Meereshöhe ein weiteres Kar. Etwas

südlich von diesem lagen auf dem Glimmerschiefer 80 Marmorblöcke von

verschiedener Größe, dem Gestein nach vollkommen den anstehenden

Gesteinen im westlich liegenden Karstgebirge entsprechend. Daran

anschließend am Westhang der Höhe sind Rundhöcker zu finden, auf

denen verstreut gerundete Marmorblöcke umherliegen. Wir können daraus

schließen, daß in das Tal zwischen dem Glimmerschiefergebirge und

dem Karst ein Gletscher sich ausdehnte, der bei 2040 m Höhe das Tal

ausfüllte. Es muß ein prachtvoller großer Gletscher gewesen sein,

dessen Eis hier hinabfloß. Kein anderes Transportmittel wäre fähig

gewesen, die mächtigen Marmorblöcke und Kalkfelsen aus dem Karstgebiet

weit in das Gneisgebiet hinein zu verschleppen. Im Tal selbst lagen in

1945 und 1990 m Höhe noch zwei mächtige Moränen aus Marmorgeschieben,

von denen die obere 3 m hoch und 50 m lang, die untere 15 m hoch

und 120 m lang ist. Im Grunde des Zungenbeckens der oberen Moräne

gibt es mehrere Dolinen. Unterhalb der tieferen Moräne liegt eine

steile Marmorwand, an deren Fuß eine Quelle entspringt (_Östreichs_

Salakova-Quelle). Ihr Abfluß, dem zwei kleine Bäche seitlich zufließen,

durchbricht in der Salakova-Senke die Glimmerschieferkette und fließt

steil bergab zur Kadina Reka.

Nach Süden schließt sich westlich vom Glimmerschieferzug das von

_Östreich_ so benannte Wannental an; in Wahrheit handelt es sich um

zwei größere, abflußlose Täler. Sie führen Bäche, deren Wasser vom

Glimmerschiefergebirge kommt und welche jetzt verstärkt durch die

Schneeschmelzwasser des Frühlings noch im Tal in Dolinen verschwanden.

Am Abend unseres ersten Tages im Pepelaklager erlebten wir einen

starken Barometersturz, ein kalter Regen trieb uns in unsere Zelte,

die Temperatur sank auf 6° C. Nebelschwaden zogen das Tal herauf und

hüllten unser Lager vollständig ein. Eine kurze Aufklarung ermöglichte

uns wenigstens abzukochen. Nachts aber kam wieder Regen, dem ein

schweres Gewitter und schlimme Kälte folgten. Das schlechte Wetter

hielt den ganzen nächsten Tag an, gegen Abend schneite es sogar; das

dauerte die Nacht hindurch an. Gegen Morgen trat sogar Frost ein,

wir hatten -4° C, morgens im Zelt noch -1,5° C; die Erde war stark

gefroren, der Schnee war nicht liegengeblieben, aber Wiesen und Felsen

waren stark bereift. Und das widerfuhr uns während des subtropischen

Sommers Mazedoniens in der Nacht zum längsten Tag des Jahres.

Der Tag wurde trotzdem gut ausgenützt, obwohl es unmöglich war, in

dem immer wieder aufziehenden dichten Nebel sich weit vom Lager

zu entfernen. Der Botaniker kam immerhin zu seinem Rechte. An den

zahlreichen Wasserläufen, welche den Berg herabliefen, standen neben

farbenprächtigen Polstern von Läusekraut (+Pedicularis limnogena+

Gris.), die goldenen Sträuße der Sumpfdotterblume; dazwischen bogen

sich im Wind die Stengel der roten _Bachnelke_ (+Geum coccineum+ S.

S.). Die _Bachnelken_ waren hier im Kar sehr häufig, und zwar kamen

vier Arten vor (+Geum montanum+ L., +G. molle+ V. B., +G. urbanum+

L. und das rotblühende +Geum coccineum+ L. L.). Prof. _Bornmüller_

benützte die Zeit, um nach Bastarten zwischen diesen nahe verwandten

Arten zu suchen und er fand tatsächlich solche auffallend häufig. So

waren zahlreich Bastarte von +coccineum+ und +montanum+, ebenso von

+urbanum+ und +coccineum+, dagegen sehr selten solche von +molle+ und

+coccineum+.

Selbst für den Zoologen gab es trotz Regen, Nebel und Kälte manches zu

beobachten. Um die Zelte trieben sich zahlreiche Wasserpieper (+Anthus

spinoletta+ L.) herum, Braunkehlchen (+Saxicola rubetra+ L.) schwirrten

in den Felsen oberhalb des Lagers, Feldlerchen und Ohrenlerchen gab es

auch. Das schlechte Wetter zwang einen Steinadler und einen Lämmergeier

nebst einem Schwarm Alpendohlen zu einem flüchtigen Besuch in unseren

Tiefen.

Ja ich konnte hier sogar zwischen den Bächen eine ganze Anzahl von

Ameisenhaufen entdecken. Es war eine +Formica+-Art (+Serviformica

fusca+ L.), welche in dieser Bergeshöhe zwischen den Polstern einer

hier häufigen Wachholderart (+Juniperus nana+ Will.) regelrechte Haufen

hauptsächlich aus Wachholdernadeln gebaut hatte. An dem kalten Tag

waren die Tiere alle tief im Bau verkrochen.

Am nächsten Morgen überraschte uns klarer Himmel in unserer Höhe,

während die Täler, so auch das Wardartal, tief unten im Nebel steckten.

Wasser und Schwämme waren selbst im Zelt gefroren, die Zeltbahnen

hart und steif. Die kurze Stunde Sonnenschein half uns unsere Sachen

annähernd trocknen, unsere Waschung im Bachwasser vollbringen.

Wir brachten diesen Tag noch in der Umgebung des Lagers zu, die

verschiedenen begonnenen Untersuchungen fortsetzend. Nachmittags

stieg ich einige Kilometer bergab, um die Buchenwaldregion am Sattel,

welche wir beim Aufstieg rasch durchschritten hatten, noch einmal zu

durchstreifen. In dem schönen, lichten Buchenbestand war ein reiches

Vogelleben. Vor allem wimmelte es von kleinen Singvögeln, von denen

Kleiber, die beim Nestbau waren, Baumläufer, Zaunkönige, Drosseln und

Waldlaubsänger beobachtet wurden.

Vor uns lag, blau hinter dem Buchenwald sich erhebend, der schön

umrissene Berg Liseč, hinter welchem die Berge des Wardartals um Veles

und die jenseitigen Gebirge auftauchten.

Am nächsten Morgen, am 24. Juni, hatte schöner Sonnenschein uns

begrüßt, nachdem wir noch beim Sternenschein begonnen hatten, die

Zelte abzuschlagen und die Tragtiere zu bepacken. Aber noch ehe wir

losritten, erhob sich ein starker, kalter Wind, schwere Wolken zogen

von Westen heran. Trotzdem setzten wir uns in Bewegung und erklommen

die Hänge des Pepelakkargebiets. Südlich des Südgipfels wollten wir den

Sattel überschreiten, um in das längs der Karstberge hinziehende Tal zu

gelangen.

[Illustration: Abb. 199. Meine Karawane am Pepelaksattel.]

Oben auf dem Sattel überfiel meine Karawane ein gewaltiger Sturm;

die Stöße des Westwindes brachten Menschen und Pferde aus dem

Gleichgewicht. Es war kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Dabei

war es bitter kalt, daß die Hände einem am Zügel erstarrten. Plötzlich

entriß mir, der ich auf alle Menschen und Tiere aufpassen mußte und

darum auch auf mich selber am wenigsten achten konnte, ein Windstoß

meine Militärmütze und trug sie über das Schneefeld im Nu kilometerweit

zu den Seen und über sie hinweg. Sie war dahin und die Reise mußte ohne

Mütze fortgesetzt werden.

Zum Glück kamen wir bald über den Sattel und ritten abwärts in das

Tal, welches sich am Fuß der Marmorberge hinzog. Trotzdem kamen wir

noch nicht in Winddeckung und alle Mitglieder der Expedition litten an

diesem Tage sehr durch den eiskalten Wind.

Ganz einsam und menschenleer war hier das Gebirge auf beiden Seiten

des Tales. In den letzten Tagen hatten wir keine Hütte und keine

menschliche Siedelung angetroffen. Nordwärts vom Pepelak hatten wir

einige Hirten mit ihren Herden in der Ferne gesehen. In der Tiefe

hatten wir Dörfer bemerkt und mit einem von ihnen waren wir auch in

Beziehungen getreten. Und so sollte es noch für einige Tage weiter

gehen.

Es war ein wasserloses Tal, welches wir nun zu durchreiten hatten.

Schroff und kahl stiegen zu unserer Rechten die Karstberge auf, eine

lange Kette von Gipfeln, an deren Südostecke ein Doppelkegelberg mit

schönen Umrissen emporragte, der höchste Gipfel des ganzen Gebirges,

der für die nächsten Tage unser wichtigstes Ziel war. Diesen Berg

hat _Östreich_ wohl als erster Forscher 1899 bestiegen und nannte

ihn _Begova_. _Cvijić_ gibt ihm den Namen _Jakupiza_; den kannte

aber keiner der Einwohner, die wir in diesen Tagen befragten. Die

österreichische Karte 1 : 200000 bezeichnet die beiden Gipfel als

_Solunska_ und _Begova_. Diese beiden Namen wurden uns bestätigt, wobei

allerdings der Name _Begova_ auch auf das weitere Gelände ringsum

bezogen wurde und ja weiter nichts bedeutet als der Besitz des Beg.

Die Rast bei der von Dr. _Gripp_ untersuchten Moräne war wenig

erfreulich; denn keiner von uns fand Deckung vor dem kalten Winde, der

durch das Tal fegte. So ritt ich bald mit Dr. _Gripp_ voraus, um zu

versuchen, rechtzeitig einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Der Ritt

führte über die zweite Moräne, dann links über einen Hang hinauf durch

den letzten Teil des Wannentals. Hier sahen wir an vielen Stellen die

Zeugen der Arbeit des Gletschereises in den gewaltigen Marmorblöcken,

die oft über 40 m über der Talsohle auf dem Gneis lagen.

Nun ging es hinab und auf eine weite Fläche hinaus, an deren

gegenüberliegendem Rand Nadelgehölz uns eine geeignete Lagerstätte

zu versprechen schien. Seit Tagen schien zum ersten Male wieder ein

Waldbestand uns zu winken. Die hohen Gipfel, vor allem die _Solunska_,

waren hier durch vorragende Berge der Kalkkette verdeckt; aber weit

die Vorberge hinauf sah man den Nadelholzbestand reichen, der der

Landschaft einen ganz anderen Charakter gab, als ihn die öden Wiesen-

und Steinregionen besaßen, die wir zu verlassen im Begriff waren.

Unsere Pferde griffen auf dem weichen Wiesenboden flott aus. Es war

eine noch magere Wiese, über welche wir ritten, man sah ihr an, daß der

Schnee noch nicht lange von ihr abgeschmolzen war. In munterem Ritt

ging es über eine weite, flache, von Bächen durchzogene Talebene, an

derem jenseitigen Rand neue Berge aufragten, an die im Südostwinkel die

hohen Berge sich anschlossen, die allmählich frei wurden und in einem

kühlen Nachmittagslicht vom trüben Himmel sich abhoben.

Wieder packte uns der Wind an und wir suchten wieder Winddeckung für

unser Lager, die wir schließlich am Südrand des Tales auf einem Felsen

fanden, hinter welchem dicht anschließend das Nadelholz anfing, zu

unserem Erstaunen Legföhren, _Latschen_, die mich höchst heimatlich

anmuteten.

Vor dem Felsen stand eine zeltförmige kleine Hütte aus Reisigholz; sie

wurde von unseren bulgarischen Soldaten und den Tragtierführern freudig

begrüßt. So winkte ihnen doch die Aussicht, einige Nächte unter Dach

zuzubringen, wenn dies Dach auch nicht übermäßig fest und dicht war.

Wir schlugen unsere Zelte etwas oberhalb der Hütte auf der Felsplatte

auf und bald rauchten die Lagerfeuer, so daß man hoffen durfte, vor der

Nacht durch warme Nahrung die durchfrorenen Körper etwas zu erholen.

Holz gab es genug in der Nähe, denn die ganzen Hänge waren von dem

Krummholz bedeckt, dessen dunkelgrüne Nadeln einen neuen erfreulichen

Farbton in die Landschaft brachten. Dicht bei unseren Zelten begannen

die Latschenbestände und zogen sich auf allen Hängen weit hinauf.

Es waren stattliche Büsche, oft fast baumartig emporragend. Mit

ihren liegenden Ästen und oft hervorragenden Wurzeln erschwerten

sie das Steigen sehr. Die Latschen hatten lange, weiche Nadeln von

dunkelblaugrüner Farbe. Die Bestände waren durch diese blaugrüne

Färbung außerordentlich charakteristisch und beherrschten durch diesen

Farbton vielfach die Stimmung der vorherrschend düsteren Landschaften

im Solunskagebiet. Es war +Pinus montana+ Mill., +Sbsp. mughus+ Scop.

In unserer Nähe war der Legföhrenbestand immerhin etwas gelichtet;

verbrannte Stellen zeigten uns, wie unvorsichtig und nachlässig die

Bevölkerung auch hier mit dem kostbaren Holz umgegangen war. Die kleine

Hütte war von Köhlern errichtet worden, welche offenbar regelmäßig

im Hochsommer einige Monate zum Kohlenbrennen hier verbringen. Im

Krummholzwald zeigten auf zahlreichen Lichtungen die Reste von

Kohlenmeilern, daß hier eifrig gearbeitet worden war. Aus manchen

Meilern konnten wir uns noch erhebliche Mengen Holzkohlen herausholen,

die unsere Feuer nachhaltig machten, und uns erlaubten, um sie herum

hockend, uns ordentlich anzuwärmen.

Während die Zelte aufgeschlagen und gekocht wurde, hatten wir

Naturforscher Zeit, uns an unserer neuen Arbeitsstätte umzusehen. Es

war eine großartige Landschaft, die sich um uns ausbreitete. Vor uns

lag eine weite, grasbewachsene Ebene, durch welche mehrere Bachläufe

sich verzweigten. Direkt unseren Zelten gegenüber, also nördlich von

ihnen, zog sich von West nach Ost eine Hügelkette hin, welche dem

Gneisgebiet angehörte und dies durch ihre graue Färbung erkennen

ließ. Sie setzte die Begrenzung des Wannentals fort, das gleichsam

durch eine Pforte sich in das weite Tal öffnete. Westlich zogen die

hellen Karstberge heran und grenzten mit ihren weißen Wänden das

Tal ab, sich fortsetzend in die stattlichen Gipfel der _Begova_ und

_Solunska_. Diese prachtvollen Berge erhoben sich steil etwas rechts

hinter unserem Lager; wir brauchten nur einige hundert Meter in die

Ebene hinauszuwandern, um einen grandiosen Anblick zu genießen. Von der

Abendsonne rosig überhaucht hoben sich die mächtigen Kalkhalden aus dem

dunklen Polster der Latschen, welche auf dieser Talseite überall hoch

die Hänge hinaufstiegen. Tiefe, blaue Schatten hoben die zerrissenen

Wände der beiden Kegel scharf hervor.

Der Blick nach Norden und Osten war weniger großartig; ziehende

Wolkenschwaden verhüllten meist die Aussicht. Immerhin war diese sehr

interessant. Der Grund des weiten Tals war wellig und zum Teil mit

Rasen bedeckt. Zahlreiche Rinnen durchzogen ihn, von Bächen und den von

allen Höhen niederrauschenden Schneeschmelzwässern gebildet. Auf den

ersten Blick mußte man an einen ausgetrockneten Seeboden denken, eine

Meinung, die tatsächlich von _Östreich_ ausgesprochen wurde. Das ganze

Tal gehörte dem Karstgebiet an und als interessante Karsterscheinung

konnten wir zwei von West und Nord zuströmende Bäche feststellen,

welche in der Mitte der Talebene beide gemeinsam plötzlich im Boden

verschwanden. Beide Bäche strömten hier in eine tiefe _Doline_; ihr

Wasser wurde vom Boden verschluckt, um irgendwo weit bergab aus einer

Felsspalte wieder zum Vorschein zu kommen.

Das Tal wies auch die Spuren einer einstigen _Vergletscherung_ auf.

Am Ostrande war es eng geschlossen und setzte sich in eine trockene

Schlucht fort, welche durch Moränen gesperrt war und an ihren Rändern

Marmorblöcke auf dem Gneis trug, die Verlauf und Mächtigkeit des

einstigen Gletschers anzeigten.

[Illustration: Abb. 200. Ziesel nahe seinem Loch (+Citillus citillus+

L.).]

Das Tal selbst gab zu allerhand Beobachtungen Anlaß. Die Präparatoren

waren eifrig auf der Vogeljagd, wobei interessante Arten, wie die

Ohrenlerche (+Chionophilos alpestris balcanicus+ Rchw.), erbeutet

wurden (Abb. 201). Im Talgrunde waren zwischen dem kurzen Rasen viele

Erdlöcher mit ausgeworfenem Sand zu beobachten, von denen viele von

_Zieseln_ bewohnt waren. Dieses fast hamstergroße Nagetier hatte ich

in Mazedonien schon oft beobachtet. Er ist ein reizvolles, putziges

Tierchen; oft sieht man es, wie ein Murmeltier aufgerichtet vor seinem

Erdloch sitzend und Männchen machen, um schnell wie der Wind sich in

die Tiefe zu stürzen, sobald es den Menschen bemerkt (Abb. 200).

[Illustration: Abb. 201. Ohrenlerche im mazedonischen Hochgebirge,

oben Männchen, unten Weibchen. (+Chionophilos alpestris balcanicus+

(Rchw.)).]

Einige Belegstücke wurden geschossen, um diesen eigenartigen Fundort

festzulegen. Es war auffallend, dies Steppentier in so großer

Meereshöhe (2000-2200 m) so zahlreich zu finden. In den Ebenen des

Wardar bei Hudova und Üsküb hatte ich immer nur einzelne gesehen, hier

waren hunderte von Löchern im Talboden und die Tiere ließen sich leicht

beobachten, da sie in dieser einsamen Gegend viel weniger scheu waren,

als im Tiefland. Die Weibchen waren hier gerade trächtig, also fast 6

Wochen später als im warmen Tiefland. Hier oben müssen sie auch einen

viel längeren Winterschlaf halten als unten. Auch die Nahrung mußte

bisher sehr mager gewesen sein, denn vor kurzem hatte der Schnee noch

das Tal gedeckt. So hatte das Tier hier auch wohl sicher noch keine

Vorräte eingetragen, bei welcher Tätigkeit ich es im Wardartal schon

viel früher im Jahre beobachtet hatte. Dort hatte ich den Ziesel große

Gras- und Heubüschel, größer als er selbst, im Mund im raschesten

Lauf einschleppen sehen. Hier auf dem Balkan scheint also der Ziesel

seine Vorräte nicht nur in den Backentaschen einzutragen, wie er

das in Rußland tun soll. Die bisherigen Untersuchungen ließen keine

Abweichungen von der typischen Form (+Citillus citillus+ L.) erkennen.

Ein _Iltis_, der rasch in einem der Bauten verschwand, konnte leider

nicht erbeutet werden.

Im Tal war eine Senke stark versumpft, zahlreiche größere und kleinere

Tümpel von geringer Tiefe waren da durch das Schmelzwasser des

Schnees entstanden; von ihnen waren einige im Austrocknen begriffen,

einige wenige schon ganz ausgetrocknet. In diesen Tümpeln und in

ihrer Umgebung fand sich eine reiche Tierwelt. Ich beobachtete

dort Laubfrösche, Unken, den großen Bachfrosch (+Rana ridibunda+

L.), im Wasser tummelten sich verschiedene Arten von Wasserkäfern

(+Gaurodytes+-Arten), Wasserwanzen und Käferfliegenlarven. Vor allem

aber wimmelten einzelne der Tümpel von ungeheueren Massen einer

+Euphyllopoden+-Art (+Chirocephalus diaphanus stagnalis+); zu vielen

Tausenden schwammen die rotgelben Krebschen in langsamer Bewegung

in dem kalten Wasser umher. Sie waren in allen Entwicklungsstadien

vertreten, auch erwachsene Männchen und Weibchen, welch letztere auch

schon reichlich Eier entwickelt zeigten. Die Dauereier dieser Tiere

sinken in den Schlamm, der den Boden der Tümpel bedeckt. Ist das Wasser

der Tümpel verdunstet, so trocknen die Krebseier mit dem Schlamm aus

und können Trockenheit und schwersten Frost überstehen. Füllt neues

Schmelzwasser die Tümpel von neuem, so schlüpfen junge Krebschen aus

den Eiern aus und erfüllen die entstehenden Gewässer mit neuem Leben.

Aus den frisch ausgetrockneten Tümpeln nahm ich Schlammproben mit,

um später in der Heimat im Laboratorium die +Chirocephalus+ zu neuem

Leben zu erwecken. Es war dieselbe +Branchiopoden+-Art, welche in den

Pepelakseen erst den Larvenzustand erreicht hatte.

Mazedonien · 第 30 / 45 段