vor den Eingängen herum, ängstlich vor den Besitzern ausweichend
und machten den Eindruck von richtigem Diebsgesindel. Derartige
Brutschmarotzer waren in Mazedonien den großen Mengen der solitären
Bienen entsprechend auch sehr viel und oft zu beobachten. Ich habe in
früheren Kapiteln schon die Schwebfliegen der Gattungen +Anthrax+ und
+Bombylius+ erwähnt, welche am Boden an den Eingängen der Bienennester
hinflogen. Auch die _Goldwespen_, die ähnliche Instinkte haben,
habe ich oft an den Lehmwänden vor Erfüllung ihrer bösen Absichten
weggefangen.
An vielen Orten habe ich _Schmarotzerhummeln_ aus der Gattung
+Psithyrus+ beobachtet und auch die +Nomada+-Arten, jene Bienen, die
besonders bei den +Osmia+-Arten parasitieren. So gelang auf der _Mala
Rupa_ ein interessanter Fund. Da fing ich +Panurgus banksianus+ am
selben Tag und am selben Ort, wie die schon als ihr Nestschmarotzer
verdächtigte +Nomada similis+ Mor., so daß dadurch eine neue
Bestätigung dieses Abhängigkeitsverhältnisses erbracht wurde.
_Gebirgsbienen_ gehörten überhaupt zu den interessantesten
Bestandteilen unserer Ausbeute an Bienen. Die Balkanfauna an Bienen
zeigte wie die anderen Tiergruppen außer eigenen Formen eine
Zusammensetzung aus _nördlichen_ und _südlichen_ (mediterrane)
Elementen, zu denen sich nicht wenig östliche _Steppenformen_ gesellen.
Dazu kommen die wohl als Eiszeitrelikte zu deutenden Hochgebirgstiere.
Von Interesse ist von den letzteren die neu von uns entdeckte +Osmia
bulgarica+ Friese, welche ich am Pepelak und Liseč in der Golesniza
Planina bei etwa 1800-2000 m Höhe fing. Sie lehnt sich an +Osmia
inermis+ Zett. an, welche außer in den Alpen in Finnland, Lappland und
Schottland lebt. Solche Alpentiere, aber ohne eiszeitliche Beziehungen,
stellen z. B. +Megachile analis+ Nyl. von der Mala Rupa und +Andrena
ephippium+ var. +macedonica+ Friese dar und wohl manche anderen Bienen
meiner Sammlung.
[Illustration: Abb. 190. Kartenskizze des mittleren Wardartals und der
Pässe nach Prilep.]
SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DIE ERFORSCHUNG DER GOLESNIZA PLANINA
Fährt man von Üsküb mit der Orientbahn südwärts gegen Veles, so fällt
einem im Westen ein Gebirge von reichen Formen auf. Im Frühling und
Frühsommer glänzen von seinen Gipfeln breite Schneefelder herüber. Je
öfter ich vorüberfuhr, um so lebhafter wurde mein Wunsch, dies Gebirge
kennen zu lernen. Bisher war nur einmal ein deutscher Geograph, _K.
Östreich_, ein guter Kenner Mazedoniens, an seinem Rand gewesen und
hatte eine Skizze von ihm entworfen, welche manches Interessante
versprach.
Als ich im Sommer 1918 mein Standquartier in Üsküb hatte, konnte ich
dem Plan näher treten. Es mußten gewiß Schwierigkeiten vorhanden sein,
die es verhindert hatten, daß die so wanderlustigen Offiziere und Ärzte
der verbündeten Truppen in Üsküb das reizvolle Gebirge in den Jahren
der Besetzung nicht aufgesucht hatten. Es war bisher ein unbekanntes
Gebiet geblieben.
Im April 1918 traf ich die ersten Vorbereitungen zu einer Expedition
in das südlich von Üsküb gelegene Gebirge. Zunächst suchte ich nach
dem Studium der Karten aus der Ferne einen Überblick über die Lage des
Gebirges und günstige Anmarschwege zu gewinnen. Einen guten Einblick
in seine Lage und seinen Aufbau gewann ich vom Gipfel des 1100 m
hohen, südlich im Weichbild von Üsküb ansteigenden _Wodno_, den wir
ja schon im 23. Kapitel kennen lernten. Im April sah ich von dessen
Gipfel das wundervolle Bild der schneebedeckten Berge, welches die
nebenstehende Abbildung wiedergibt (Abb. 191). Mächtige steile Gipfel
schimmerten rosig im Glanz der Abendsonne und winkten vielversprechend
zu mir herüber, als ich den festen Entschluß faßte, sie zu besteigen.
Vom Gipfel des Wodno übersah man das weite Tal, durch welches man an
das Gebirge herankam; ein Bachtal führte tief ins Gebirge hinein, das
mußte man verfolgen, um in die Schluchten und an die steilen Abstürze
heranzukommen, die jetzt von tiefblauen Schatten scharf hervorgehoben
wurden.
Einige Vorexpeditionen bereiteten die Unternehmung vor, die planmäßig
ausgedacht, die Unterstützung unserer obersten Heeresleitung fand. Ich
wurde in meinem Vorhaben in großzügigster Weise gefördert. Zunächst
war das Einverständnis der bulgarischen Behörden, die zuerst alle
möglichen Bedenken wegen angeblich im Gebiet hausender serbischer
Banden vorbrachten. Schließlich siegte aber doch der Wunsch, durch uns
genaueres über das auch den Bulgaren wenig bekannte Gebiet zu erfahren.
Wir bekamen Führer, Tragtiere, Bedeckungsmannschaften zugesagt; ein
Dolmetscher, der serbisch, albanisch, türkisch, kutzowallachisch,
bulgarisch, deutsch, französisch und allerhand andere Sprachen
beherrschte, wurde uns zugewiesen. Die deutsche Heeresleitung stellte
mir Reit- und Tragpferde, dazu die nötigen Mannschaften und gab mir die
Möglichkeit, den sehr wichtigen Reiseproviant aus dem Magazin in Üsküb
zu erwerben.
[Illustration: Abb. 191. Golesniza Planina im April, gesehen vom Wodno
(Gipfelregion).]
So war es denn eine stattliche Karawane, die sich zum Abmarsch auf
einem kleinen Platz in Üsküb ansammelte, wo sie feierlich von General
_von Scholtz_ und den Herren seines Stabes verabschiedet wurde. Etwa 30
Pferde und Lasttiere wirbelten den Staub der Straße auf, als wir stolz
abrückten.
An der Expedition nahmen von deutschen Gelehrten außer mir zwei der
Mitglieder der mazedonischen landeskundlichen Kommission teil: der
Botaniker Prof. _Bornmüller_ aus Weimar und der Geologe Dr. _Gripp_ aus
Hamburg. Mich begleitete ein ganzer Stab von Zoologen und technischen
Hilfskräften, Prof. _Müller_, Dr. _Nachtsheim_, die Präparatoren
_Aigner_ und _Rangnow_ und mein getreuer _Johann Maier_. Auch die
anderen Forscher hatten ihre Gehilfen bei sich.
Der Marsch ging nun um den östlichen Sattel des Wodno herum auf dessen
Südseite. Ein mehrstündiger Ritt führte uns gegen Abend zum Kloster
_Markovo_, das ich bei den Vorexpeditionen als geeigneten Ausgangspunkt
für die Gebirgsexpedition gewählt hatte. Über das Kloster und seine
Umgebung finden sich Angaben im 23. Kapitel (S. 347). (Vgl. dort auch
Abb. 170 u. 171.)
Bei dämmerndem Morgen brachen wir am 17. Juni 1918 auf, durchritten
das obere Markovatal und erreichten um Mittag das kleine türkische
Dörfchen _Crnvrj_, das mir von einer Vorexpedition her schon bekannt
war. Unterwegs hatten wir schon gewisse Schwierigkeiten mit unserer
Lasttierkarawane, deren Lasten zum Teil schlecht gepackt waren und in
dem steilen Gelände abrutschten. Wir sammelten dabei Erfahrungen mit
unseren Leuten, die sich für später als sehr wichtig erwiesen.
In Crnvrj rasteten wir im Garten des mir schon bekannten Hodscha vor
dem schweren steilen Anstieg und bereiteten unser erstes Mittagsmahl.
Bald brachen wir aber auf, denn wir hatten keine Zeit zu verlieren,
wenn wir am Abend einen geeigneten Lagerplatz in anständiger Meereshöhe
erreichen wollten.
Es ging zunächst das Bachtal hinauf, in der Hauptrichtung südwärts,
bald aber begann das Klettern am östlichen Talrand empor zu dem uns
winkenden hochstämmigen Tannenwald. Der Weg, ein offenbar von Hirten
benützter Pfad, war so steil, daß wir oft von unseren Pferden absteigen
mußten, um sie zu führen. Es wollte viel heißen, daß sogar unsere
Bulgaren stellenweise den Sattel verließen.
Während wir beim Anmarsch meist durch Buschwerk und niederen Buchenwald
gekommen waren, brachte uns der Anstieg bald in stattliche Bestände von
Tannen (+Abies alba+ Will.). Es waren schöne Edeltannen, welche an der
gegenüberliegenden Talseite einen geschlossenen, dichten Wald bildeten.
An unserer Seite wechselten dichte Bestände mit lichten Hainen und
größeren Waldwiesen. Man hatte vollkommen den Eindruck eines deutschen
Waldes, eines Gebirgswaldes mit seinen stattlichen Edeltannen und ihren
weißlich schimmernden Stämmen. Zwischen den Tannen wuchsen, besonders
an den Waldwiesenrändern, allerhand Laubbäume. Es war eigenartig, hier
im fremden Land Buchen, Birken, Zitterpappeln und Eichen neben den
Tannen emporragen zu sehen, alle noch im frischen Grün des Frühsommers.
Ein wundervoller Anblick bot sich aber dar, als wir in etwa 1200 m Höhe
an große Waldwiesen kamen, welche von hohen lilienartigen Gewächsen
bestanden waren. Vor einer solchen Wiese stand ich lange Zeit,
ergriffen von der Schönheit; mein Pferd legte mir seinen Kopf über die
Schulter und stand leise schnaubend ebenso still wie ich.
Jenseits der Wiese erhob sich ein Wald von stolzen Tannen, in tiefem
Schatten wie eine hohe dunkle Wand den offenen Raum abgrenzend.
Zwischen den Tannenwipfeln sichtbar und hoch über ihnen hinaufragend
lagen die Berghänge der anderen Talseite; graue Felsen mit Waldflecken
und Matten dazwischen waren von goldenem Sonnenschein übergossen. Nur
das ferne Rauschen des Talbaches verriet die Tiefe der Schlucht, die
hinter den Tannen lag und deren Wände wir heraufgeklettert waren. Vor
der dunklen Wand des Waldes breitete sich leuchtend vom Sonnenglanz
die hellgrüne Wiese aus, bedeckt von hunderten von _Lilien_, den
+Asphodelos+ mit ihren schlanken Blütenständen. Sie weckten klassische
Erinnerungen an alte Griechen, die auf der +Asphodelos+-Wiese die
Schatten ihrer Freunde erwarteten. Man mußte sich daran erinnern, daß
man nicht weit vom Land der Griechen war, dem der Deutsche so viel von
seiner Seele geschenkt hat. Es war +Asphodelus albus+ Willd. (Abb. 192,
S. 384).
Ein leiser Wind wehte über die goldglänzende Wiese; die Lilien
schwankten zart und weiß über dem wogenden Gras. Kühlung umwehte mich
und gab Mut für den steilen weiteren Anstieg. Der Bach, der in der
Tiefe rauschte, war der gleiche, dessen Tal wir vom Kloster Markova an
verfolgt hatten. Seine Quellen entflossen einem weiten Bergzirkus, der
vor uns manchmal offen lag, während wir an seiner Ostwand emporklommen.
Dieser Quellbezirk enthält keine Seen, wie _Östreich_ und der serbische
Forscher _Cvijié_ annahmen, welche die _Markova Reka_, den Talbach,
als Ausfluß der Seen betrachteten. Wir konnten uns überzeugen, daß
im Quellgebiet der Markova Reka keine Seen lagen, was uns auch die
Aussagen der Bevölkerung vorausgesagt hatten.
[Illustration: Abb. 192. Lilien im Tannenwald (+Asphodelos albus+ Will.
+Abies alba+ Will.). Anstieg zum Pepelakkar.]
Nach etwa einer Stunde Rittes durch den Tannenwald gelangte unsere
Karawane auf eine ausgedehnte Berghalde, in welcher der Wald immer mehr
von hochgrasigen Wiesen unterbrochen wurde. Nun tauchte vor uns, noch
hoch über dem Wald, das Schneefeld des Pepelak auf, das uns schon den
ganzen Tag die Marschrichtung angab. Denn unterhalb dieses auffallenden
Schneebandes dachte ich unser erstes Lager zu schlagen.
Als wir den Bergsattel erreicht hatten, kamen wir durch eine offenere
Landschaft, in der Matten mit Gebüschen und kleineren Baumgruppen
abwechselten. Mächtige Felsblöcke, vielfach von phantastischen Formen,
lagen auf den Halden umher, oft von einem kleinen Hain überschattet.
Das Gestein bestand aus Gneis. Wir waren auf dem Sattel zwischen dem
Tal der Markova Reka und dem eines südlichen Bachlaufes. So steil und
hoch der von uns erstiegene Talrand gewesen war, so sanft war der
Übergang von diesem Paß zu dem weit weniger tiefen Tal des südlich
fließenden Baches. Wir hatten mit dem Paß eine Höhe von 1600 m erreicht.
Vor uns sahen wir noch einen letzten Waldstreifen, einen stattlichen
Buchenwald, darüber tauchte eine Mattenregion auf, die über Hügel und
Buckel bergan zog, in das Felsengebiet hinein, das sich daran anschloß.
Unter dem Wald floß ein munterer Bach talwärts, der viel Geröll mit
sich führte. Der Wald mußte noch durchstiegen werden, ehe ich meinen
von dem scharfen Marsch in der glühenden Hitze ermatteten Leuten eine
Ruhepause gönnen durfte. Die meisten waren sehr erschöpft und lagerten
sich alsbald am oberen Rand des Waldes, um auszuruhen. Die Pferde
wurden abgesattelt, nur die Lasttiere mußten mit ihrem Gepäck weiden;
denn lange sollte die Rast nicht dauern.
Unterdessen war ein interessanter Fund gemacht worden. Bisher hatten
wir ja in der Hauptsache schon bekanntes Gelände durchwandert und
in der für mich neuen Zone des Tannenwaldes war die Sorge um unsere
Tragtiere mit ihren kostbaren Lasten, die Arbeit des Steigens und die
große Hitze naturwissenschaftlichen Beobachtungen hinderlich gewesen.
Zwei unserer Nachzügler hatten eine Giftschlange erbeutet, die sehr
unserer Kreuzotter ähnlich war und tatsächlich stellte sie sich als
eine solche heraus. Damals wurde sie zunächst für +Vipera macrops+ Mih.
gehalten, jene Form, welche wir auf der Kobeliza gefunden hatten. Bei
genauer Untersuchung in der Heimat wurde nachgewiesen, daß es sich doch
um eine echte, wenn auch etwas abweichende Kreuzotter (+Vipera berus+
L.) handelt, die auch sonst in den Gebirgen des Balkan gefunden wurde.
Während meine Leute am Waldrand rasteten, ritt ich am Bach entlang
bergauf, um einen Lagerplatz zu suchen. Er sollte möglichst hoch
liegen, um die Bergbesteigungen abzukürzen, sollte aber nahe am Bach
sein, Weide darbieten und womöglich Brennholz liefern. Obwohl ich
und mein Pferd schon recht müde waren, suchte ich das Ziel bald zu
erreichen, da wir doch vor Sonnenuntergang unsere Zelte aufschlagen
sollten. Es war ein merkwürdig welliges Gebiet, das sich zu beiden
Seiten des Baches hinzog; ich mußte beständig auf Hügel hinauf und in
Falten hinunter reiten, um allmählich in die Höhe zu gelangen. Überall
waren üppige Wiesenmatten, vielfach sumpfiger Boden; nirgends fand
sich ein trockener Lagerplatz nahe dem Bach. Holzige Gewächse fehlten
vollkommen. So kam ich schließlich in die Felsenlandschaft hinein;
das Tal verengerte sich und fand seinen Abschluß in einem grandiosen
Felsenzirkus, dessen obere Randeinfassung jenes Schneeband darstellte,
dem ich zustrebte. Vor ihm vermutete ich die zwei kleinen Seen, welche
auf den Karten ohne Namen angegeben waren. Ich hatte vor, zunächst
diese zu erforschen und wollte daher mit dem ersten Lager möglichst
nahe an sie heran.
Zwei Stunden war ich vom Rastplatz am Waldrand geritten, als ich
endlich an einen Platz kam, der zum Lagerplatz geeignet erschien. Er
lag unter den ersten Felsenwänden, war von großen Blöcken bestreut,
dazwischen mit Rasen bewachsen. Weide war also da, Wasser auch, nur
Holz fehlte, da er weit über der Baumgrenze lag. Die notwendige
Winddeckung war durch einen mächtigen Felsen mit steilem Abfall
gegeben. Wir bestimmten später die Meereshöhe des Lagerplatzes auf
1950 m.
Es dauerte lange, bis meine Truppe nachkam; am letzten Rastplatz hatte
sich ein Unfall ereignet. Die erschöpften Mannschaften hatten nicht
genügend auf die Pferde geachtet und so hatte mein Wachtmeister einen
Huftritt an den Kopf erwischt, als er schlafend am Boden lag. Zum Glück
hatten wir gerade an diesem Tag einen Arzt bei uns, der uns bis ins
erste Lager begleiten wollte. Der hatte den Verletzten verbunden und
nahm ihn am nächsten Tag wieder mit nach Üsküb zurück.
Wir aber schlugen vor Abend noch unsere Zelte auf; wir schmiegten sie
möglichst tief in die Mulden vor den Felsen hinein, um vor dem vom Berg
herunterfegenden Wind geschützt zu sein. Direkt über uns dehnten sich
Grashalden in einen Halbkreis von Felsen hinein, deren oberer Rand von
einem langen, schmalen Schneefeld eingefaßt wurde. Eine prachtvolle
Mondnacht folgte dem anstrengenden Tag. Wir waren alle zu sehr ermüdet,
als daß wir sie genießen konnten. Zudem trieb ein kalter Wind uns in
die Zelte und unter die warmen Decken.
Am nächsten Morgen machte ich mich zeitig auf, um womöglich die so
viel angezweifelten Seen aufzufinden. Steil die Talmulde hinauf ging
es durch sumpfiges Gelände zwischen Felsen in der Richtung auf das
Schneeband. Ein noch kälterer Wind als gestern abend wehte von oben
herunter uns entgegen und versprach wenig Gutes für die nächsten Tage.
[Illustration: Abb. 193. Lager am Pepelakkar.]
Kaum dreiviertel Stunden hatte ich anzusteigen, da stand ich vor den
Seen. Es waren zwei kleine Wasseransammlungen, kaum 1-2 m tief, mit
klarem Wasser; der Boden war von Steinen bedeckt. Grün schimmerten
sie aus dem weißgrauen Gestein heraus, wenn man aus der Höhe auf sie
hinabblickte. Ein Damm aus Felsentrümmern und Geröll trennte sie von
dem Abhang der Talmulde.
Das klare, kalte Wasser enthielt eine spärliche Tierwelt: Larven der
+Chirocephalus+-Art, welche wir einige Tage später weiter unten im
Begovatal im erwachsenen Zustand fanden, Wasserkäfer, oligochäte Würmer
und sonst sehr wenig Getier. Es waren diese kleinen Wasseransammlungen
eine rechte Enttäuschung. Wir hatten nach den Karten etwas Größeres
und Interessanteres erwartet. Die Wasserkäfer waren +Dytisciden+,
unserm Gelbrand verwandt, aber kleinere Arten. Zwei Arten fanden sich
in dem kalten Wasser, +Gaurodytes solieri+ Aubé, eine alpine Art, und
+Gaurodytes nitidus+ F. Auch eine Wasserwanze (+Corixa Sahlbergi+ (?))
wurde dort gefangen.
Hinter den Seen stieg der Berg schroff zum Schneeband hinan; eine
mächtige Schutthalde füllte den Raum zwischen scharfen Felsenrippen
aus. Das Schneeband war kaum 50 m breit; an den Schnee schloß sich
noch eine steile Halde an, die bis zum Bergkamm reichte, der über die
drei Gipfel des _Pepelak_ hinstrich. Das Gestein des Berges, wie der
Ufer der Seen war _Gneis_. Das herabfließende Schmelzwasser füllte die
Seen. Von ihnen floß es in einigen Rinnsalen ab, welche in kleinen
Wasserfällen talab strebten. Die Seen lagen auf einer Meereshöhe von
2100 m.
Die Pepelakseen sind typische Karseen. Hinter ihnen steigen die Berge
steil an; vor ihnen liegt eine Moräne von 6-7 m Höhe. Unser Geologe
Dr. _Gripp_ stellte fest, daß in der Moräne seitlich des Abflusses
Kuppen aus Granatglimmerschiefer aufragen, welche zu Rundhöckern
abgeschliffen sind und deutliche Gletscherschrammen aufweisen. Er fand
etwa 25 m höher die Reste eines zweiten Kars mit einer etwa 150 m
langen Moräne von durchschnittlich 7 m Höhe. Diese kleinen zwei Kare
liegen in der Rückwand eines viel größeren Kars, das den ganzen Bogen
zwischen den Gipfeln Pepelak-Nord und Pepelak-Süd umfaßt. Als Reste
des einstigen Karsees finden sich in 2020 m Höhe zwei durch einige
Felskuppen getrennte Moorbecken. Am Gestein am Rande dieses Karbodens
sind ebenfalls Rundhöcker nachzuweisen.
So waren denn die Annahmen _Östreichs_, der schon vor 20 Jahren Spuren
einer einstmaligen stärkeren Vereisung erwähnt hatte, bestätigt. In den
nächsten Tagen sollten wir viel großartigere Eiszeitspuren auffinden.
Beide Seen sind miteinander durch einige Rinnsale verbunden, der
nördliche liegt ein klein wenig höher als der südliche, so daß das
Wasser von ersterem zu letzterem abfließt. Aus dem südlichen See fließt
der Bach ab, an dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und an
welchem ich am Abend des vorigen Tages entlang geritten war. Er hatte
also nichts mit dem Markovabach zu tun. Er heißt bei den Bewohnern des
Gebirges _Jezero Reka_, also Seebach und mündet bei _Aldince_ in die
Kadina Reka, welche selbst ein Nebenflüßchen des Wardar ist.
[Illustration: Abb. 194. Pepelakseen, vom Schneeband aus gesehen.]
Als ich von den Seen zum Lager wieder abstieg, kam ich zwischen den
Wasserfällen in ein Gebiet, welches von einer wundervollen Fülle von
_Alpenpflanzen_ überwachsen war. Zwischen den Steinen drängten sich
üppige Büsche der Alpenrose, deren rote Blüten sich von den Steinen
und dem dunklen Laub reizvoll abhoben (+Rhododendron myrtifolium+
Schott und Kotchy). Die schönen Sterne der +Anemone narcissiflora+
und +nemoralis+ L. wetteiferten mit dem +Ranunculus nivalis+ und den
grellen +Geum+-Arten (+montanum+ L., +molle+ V. B. und +coccineum+
F.). Veilchen (+Viola Griesebachiana+ Vis) standen neben +Pedicularis
limnogena+, dazu kamen Primeln (+Primula intricata+), ein roter
Steinbrech neben weißen und prachtvollen großen Enzianen (+Gentiana
cruciata+ L.). Kleine Büsche von +Salix polaris+, einer Zwergweide,
wuchsen dicht am Wasser. An den moosigen Stellen sah man die feinen
Glöckchen einer _Soldanelle_ (+S. pindicola+ Hauskn). Wo der Boden
etwas moorig wurde, sproßte ein charakteristisches Sumpfmoos, eine
+Sphagnum+-Art, welche Gattung damit zum erstenmal auf dem Balkan
nachgewiesen wurde. Etwas weiter bergab, vor allem an den Waldrändern,
stand in voller Farbenpracht in großen Mengen eine schöne, leuchtend
gelbe Akelei (+Aquilegia aurea+ Janka). Neben den Alpenrosen wuchs der
Türkenbund in großen, blühenden Büschen (+Lilium martagon+ L.).
Am selben Tag wurde noch ein Erkundungsmarsch auf den Kamm des
Pepelak unternommen, über dessen drei Gipfel und auf die Hochfläche
fortgesetzt, die sich südlich des Kammes hinzog, um einen Plan für die
Fortsetzung der Expedition gleich ins Auge fassen zu können. Schon
beim Anmarsch waren die drei dunklen Spitzen über dem weiß leuchtenden
Schneefeld als charakteristisches Merkmal des Pepelak erschienen. Beim
Anstieg sah man nun, daß ein südlicher Gipfel näher am mittleren lag,
während der nördliche in größerer Entfernung einsam aufragte. Ich
kletterte die Felsen hinauf und umging das Schneeband im Süden. So kam
ich zuerst auf den südlichen Pepelakgipfel. An seinem steinigen Abhang
fand sich wieder eine artenreiche alpine Flora. Wenn der Wind ruhte,
so summten um die farbenprächtigen Blumen allerhand Insekten, darunter
zahlreiche Hummeln. Zwischen ihnen schwirrten Exemplare eines dem
Taubenschwanz ähnlichen Schmetterlings (+Hemaris scabiosae+). Kleine
dunkle Motten flogen vor unseren Tritten auf, um sich schnell wieder zu
setzen. Unter den Steinen waren zahlreiche Käfer zu finden.
[Illustration: BLICK ÜBER PEPELAK SÜD ZUR BEGOVA UND SOLUNSKA.]
Als wir am Gipfel in warmer Sonne saßen, umschwärmten uns zahlreiche
Tagschmetterlinge, vorwiegend die gewöhnlichen +Vanessa+-Arten, die
bei dem starken Wind sehr schwer zu fangen waren. Es war die übliche
Gipfelversammlung, die wir schon öfter erwähnt haben.
Während wir die Fernblicke genossen und uns in der Gegend orientierten,
wurden die Instrumente abgelesen und die notwendigen Aufnahmen gemacht.
Wir bestimmten die Höhe des südlichen Pepelakgipfels auf 2290 m.
Vor uns lag ein wundervolles Gebirgsbild. Zu unseren Füßen fielen die
Felsen steil ab zu den Matten, kleine Schneefelder waren überall noch
zu sehen. Direkt nach Süden zog ein flaches Hochtal, das abgegrenzt
wurde durch eine Kette hoher Marmorberge mit weißblinkenden Flanken.
Kahle, wilde Felsengebiete taten sich da vor uns auf; nur hier und da
sah man kleine Rasenflächen, sonst war die Pflanzenwelt sehr spärlich.
Ganz im Süden erhob sich in zarter Bläue ein Berg von schönen Umrissen,
eine mächtige Pyramide, die ein gut Stück höher sein mußte als unser
Standpunkt. Es war die _Solunska_, die eines unserer nächsten Ziele
werden sollte.
Wir wanderten in den Nachmittagsstunden noch über den Kamm, am Hang
des mittleren Gipfels entlang zum Nordgipfel, der etwas höher ist als
der Südgipfel; er mißt 2300 m. Das weißgraue Gestein um uns herum war
Glimmerschiefer, meist Granatglimmerschiefer.
Auch hier um uns nur Steine und kleinere und größere Grasflächen!
Westlich des Pepelakkammes zieht sich ein welliges Hochgebiet hin,
welches von den nachher zu beschreibenden Kalkbergen abgegrenzt wird.
Ich bestieg einen der westlich vom Pepelak-Nordgipfel gelegenen
Kalkberge, der noch etwas höher war als jener, nämlich 2315 m.
Ungefähr an dessen Flanke zog sich die Grenze der Urgesteinszone gegen
das Kalkgebiet hin; an der Nordseite der Kalkhöhe zog sich eine tiefe
Schlucht hinab, deren Anfang von einer mächtigen Schutthalde gebildet
wurde. Die linke Seite war eine steile Wand, an deren unterem Ende
mehrere große Schneefelder lagen. An deren Rändern flogen eigenartige
dunkle Schmetterlinge, eine _Noctuide_, die uns ein Eiszeitrelikt zu
sein schien.