Das Tempo des Tanzes pflegt anfangs mäßig, sogar langsam zu sein. Das

hängt natürlich vom besonderen Tanz ab. Während des Tanzes wird durch

den Vortänzer das Tempo allmählich beschleunigt, bis es allmählich zu

rasender Bewegung der Füße und Drehung des ganzen Kreises führt. Es

bietet ein eigenartiges Bild, wenn der Kreis der Männer und derjenige

der Frauen sich in gleichem Tempo ineinander bewegen, wobei der

Rhythmus jeden einzelnen Körper bewegt und über die ganze Kette sich

fortpflanzt.

Manchmal wird die Schnelligkeit zur Raserei, wobei die Menschen sich

erschöpfen; der Vortänzer gibt ein schnelleres und immer schnelleres

Tempo an, dem die Musik genau folgt. Sind die Tänzer ermüdet, d. h.

gibt der Vortänzer dies zu, so wird eine Pause gemacht. Die Kette löst

sich auf, die einzelnen stehen schwitzend und stark atmend umher und

ruhen sich aus. Sie setzen sich auch nieder und nehmen Erfrischungen zu

sich.

Damals in Neresi setzte sich der Tanz stundenlang fort; die Leute waren

unermüdlich und zeigten, Frauen wie Männer, dabei eine erstaunliche

körperliche Leistungsfähigkeit. Man hatte durchaus den Eindruck, daß

sie allmählich in einen gewissen Rausch gerieten. Dabei überschritt die

Leidenschaft in keinem Fall, dem ich beiwohnte, einen mäßigen Grad;

der Tanz blieb stets dezent und in der Ausführung gemessen.

Solche Tänze werden nicht nur in den Klöstern bei religiösen Feiern

ausgeführt, sie spielen im Leben der Bauern überhaupt eine große Rolle,

man kann sie in den Dörfern an Sonn- und Feiertagen unter dem großen

Schattenbaum des Dorfes oder auf dem Gemeindeplatz beobachten; bei

Hochzeiten und anderen Familienfesten dürfen sie nicht fehlen.

Hier im Kloster ging es geordneter her als bei den Tänzen, welche in

den Dörfern etwa zur Feier einer Hochzeit stattfanden. Dort nahmen

neben den Festgebern auch allerhand andere Leute an den Tänzen teil,

vor allem die Kinder der Nachbarschaft, die viel weniger gut gekleidet,

oft direkt verlumpt waren. Dann unterschied sich der Anfang der Kette

mit dem geregelten Tanz, den stattlichen, schön geschmückten Frauen

sehr von dem Hinterende, wo Mädchen von 8-12 Jahren, ungeschickt

und ungraziös mittanzten, die Hände oft loslassend und so die Kette

sprengend, daß der Vortänzer immer wieder eingreifen mußte.

[Illustration: Abb. 180. Junger Männerkreis beim Tanz in Neresi.]

Noch schlimmer war das im Männerkreis, dem sich oft ganz kleine Knaben

angliederten, von denen einige die Hanswürste machten, schrien,

lachten, den Tanz störten und jubelnd Purzelbäume schlugen.

In den _Klöstern_ waren immer die _Kirchen_ besonders interessant,

soweit sie alt waren und früheren Jahrhunderten entstammten. Dann

war die Bauweise von besonderem Interesse und weckte Gedanken an die

Geschichte des Landes. Und zwar waren es meist bulgarische Traditionen,

welche aus den alten Bauten zu einem sprachen. Die Kapitel über

_Prilep_ und _Ochrida_ werden Gelegenheit geben, auf sie zurückzukommen.

Während des Feldzugs waren auch deutsche und bulgarische Archäologen

und Kunsthistoriker an der Erforschung und Katalogisierung der

historisch, kulturell oder künstlerisch wertvollen Bauwerke und

Kunstdenkmäler tätig. Ihnen will ich nicht ins Handwerk pfuschen, wenn

ich der Bauten und ihrer Ausschmückung gedenke, welche auf meinen

Pfaden mir begegneten. Vielmehr will ich der Anregungen gedenken, die

von ihnen ausgingen und mich veranlaßten, mit offenen Augen auch diese

Zeugnisse der Entwicklung der Balkanvölker anzuschauen.

Während Kirchen späteren Ursprungs vielfach als Basiliken gebaut sind,

sind alte Kirchen, wie die von _Neresi_, meist als Kuppelkirchen mit

einer großen _zentralen Kuppel_ und _vier Randkuppeln_ angelegt.

Diese Grundform wird meist als byzantinische Bauweise bezeichnet,

wenn sie auch offenbar älter ist als die byzantinische Kunst und, wie

_Strzygowski_ gezeigt hat, auf armenische Ursprünge zurückzuführen ist.

Dem altarmenischen Konchenquadrat entspricht der Grundriß der Kirche

von Neresi, wenn auch hier durch Anbauten an der Portalseite und am

Chor eine Längsachse geschaffen ist. Sehr reizvoll sind in Neresi die

Einfassungen der Fenster, ganz typisch der Gegensatz des achteckigen

Zentralkuppelturmes zu den quadratischen Ecktürmen.

Das Innere mit dem freien Raum für die Gemeinde, anschließend an das

Hauptportal, zeigt die übliche Trennung des Allerheiligsten durch den

_Ikonostas_, die Bilderwand mit reicher Schnitzerei und Vergoldung

und Heiligenbildern von nicht sehr hervorragender alter Malerei.

Einige Steine und Säulenteile im Innern deuten auf hohes Alter der

Kirche hin. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert. Alte freskenähnliche

Temperamalereien sind in den Ecktürmen und in der Apsis erhalten;

weniger wertvolle Malereien aus neuerer Zeit finden sich im Hauptraum.

In der Hauptsache gehen die gottesdienstlichen Handlungen hinter der

bildgeschmückten Schranke vor sich. Deren drei Türen spielen im Ritus

eine große Rolle. Der meist schöne Gesang der Priester im Wechsel mit

den in der Kirche antwortenden Chören geben dem Gottesdienst eine

feierliche Weihe. Sehr groß ist der Prunk im slavischen Ritus. Ein

Aufgebot von zahlreichen Priestern mit oft sehr prunkvollen bunt- und

goldgestickten Gewändern macht auf das Volk einen starken Eindruck.

Tradition spielt in der griechischen Kirche eine sehr große Rolle. Das

ist ja in Religionen die Regel; aber gerade in der Balkankirche ist

sie wohl ganz besonders streng. So ähneln sich die Balkankirchen in

Bauweise, Einrichtung, Schmuck außerordentlich untereinander. Damit

ist natürlich infolge der Nachahmung guter alter Vorbilder auch ein

gewisses Niveau gewahrt. So kann es einen oft erstaunen, in einer

Dorfkirche eine ganz merkwürdig gute Ausschmückung anzutreffen.

[Illustration: Abb. 181. Inneres der Kirche in Doiran mit Kanzel

(rechts) und bedachtem Allerheiligsten.]

[Illustration: Abb. 182. Adam und Eva im Paradies. Sündenfall.]

[Illustration: Abb. 183. Heilige und Teufel.]

Als Beispiel möchte ich die kleine Dorfkirche von _Gradeč_ im Wardartal

etwas oberhalb Hudowa anführen. Sie liegt als einfacher Bau mit

viereckigem Glockenturm und niederem Ziegeldach in einem Hain von

grünen Bäumen. Die Kirche ist von einem gedeckten Umgang mit einfachen

Holzsäulen umgeben. Wie denn sonst die Innenwände von bulgarischen

Kirchen gänzlich von Temperamalereien auf Kalkflächen bedeckt zu sein

pflegen, die wie Fresken aussehen, so ist hier die durch das Dach des

Umgangs geschützte Außenwand der Kirche vollkommen mit teilweise gut

erhaltenen Malereien überzogen. Sie stellen Szenen aus der heiligen

Geschichte, Adam und Eva im Paradies, den Sündenfall, das jüngste

Gericht, die heilige Dreifaltigkeit und Scharen von Heiligen dar.

[Illustration: Abb. 184. Jüngstes Gericht und Heilige.]

Es scheint, daß die Bilder auf alten Grundlagen immer wieder neu

übermalt sind. Die Grundlage scheint aber höchst anständig gewesen

zu sein und so finden wir in dieser kleinen Kapelle in dem Dorf von

höchstens 20-30 Häusern eine schön und reich geschmückte Kirche. Was

mag der Balkan an solchen Dingen beherbergt haben, die jetzt durch

die unablässigen Kämpfe der Nationen, der Religionen und Konfessionen

zerstört sind!

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

BIENEN MAZEDONIENS

Als ich nach Mazedonien zog, wußte ich schon, daß von den wilden Bienen

der Balkanhalbinsel noch sehr wenig bekannt war. Und noch dazu wußte

ich, daß unser bester Bienenkenner, Dr. _H. Friese_ in Schwerin, meine

Ausbeute bearbeiten würde. So wurde denn um alle Standquartiere und auf

allen Wanderungen sorgsam auf Bienen geachtet und soviel beobachtet

und gesammelt, als Zeit und Kräfte mir und meinen Helfern erlaubte.

So kam eine Sammlung von etwa 1800 Bienen zusammen, von denen bisher

205 Arten und Varietäten bestimmt sind; dabei fanden sich eine ganze

Anzahl neuer Arten und Formen und für viele Arten stellte sich ein

neues Verbreitungsgebiet heraus. Auch für die Ökologie der Arten wurden

manche neue Beobachtungen gemacht.

Bisher waren _Hymenopteren_ in Istrien, Dalmatien, Bosnien, der

Herzegowina, von den griechischen Inseln und aus Griechenland selbst

bekannt geworden, aber noch kaum etwas aus den zentralen Teilen des

Balkan und vor allem wenig aus den Hochgebirgen. Daß meine Sammlung

trotz aller Arbeit und Aufmerksamkeit noch viele Lücken in unserer

Kenntnis der mazedonischen Bienen übrig läßt, hat wohl seinen

Hauptgrund darin, daß ich mich oft zur besten Zeit nicht in den für

Bienenbeobachtung günstigsten Gebieten aufhalten konnte. Wie schade,

daß nicht ein guter Bienenspezialist mich auf den Reisen begleiten

konnte; es wären dann ganz andere Resultate erzielt worden.

Bei meiner Darstellung will ich mich zunächst an meine eigenen

Beobachtungen halten. Als alter Bienenfreund habe ich die _Honigbienen_

nicht vernachlässigt und versucht, festzustellen, welche Rassen dieses

Haustieres in Mazedonien vorkommen und in welcher Weise sie dort

gezüchtet werden. Beachtenswert ist, daß vier verschiedene Formen

der Honigbiene von mir beobachtet wurden, nämlich außer den überall

vertretenen, der gewöhnlichen _dunkeln Biene_ (+Apis mellifica+ L.)

und der hellen, gelblichen _Italiener Biene_ (+Apis mellifica+ var.

+ligustica+ Spin.) fanden sich zwei weitere Bienenformen. Relativ

häufig begegnete mir die _krainer_ Biene (+Apis mellifica+ var.

+carnica+ Poelm), seltener die griechische oder Hymettusbiene (+Apis

mellifica+ var. +cecropia+ Kiesew.).

Davon kamen die dunkle deutsche Biene bei Üsküb und Kaluckova, die

italiener Biene an der Mala Rupa und bei Prilep vor. Die krainer Biene

fing ich am häufigsten und in den weitest auseinander liegenden Orten.

Ich stellte sie fest von Koinsko, Kaluckova, Üsküb bis Bucin und zum

Prespasee. An diesem letzteren Fundort kamen drei der Bienenformen vor,

die deutsche, die griechische und die krainische; die griechische war

vor allem längs des Wardar weit verbreitet.

Das zeigt, daß die Bienenzucht mit einer gewissen Intensität in

Mazedonien betrieben wird. Um so überraschter war ich über den

ursprünglichen Stand, auf dem die Zuchtmethoden geblieben sind. Ich

habe nur eine dunkle Erinnerung, ein oder zweimal moderne Bienenstöcke

mit Wechselrähmchen, wie sie in Deutschland wohl jetzt seit 50 Jahren

fast jeder Bienenzüchter besitzt, gesehen zu haben. Da das aber in

größeren Ortschaften an der großen Verkehrsstraße war, so kann ich

nicht sagen, ob die Bauten Eingeborenen oder etwa deutschen oder

anderen Soldaten gehörten.

Jedenfalls kann die neuere Bienenzuchtmethode in Mazedonien keinen

breiteren Boden gewonnen haben; denn wo ich mir Bienenstöcke genauer

ansah, handelte es sich stets um die alten primitiven Bauten. Bei

uns werden solche seit Einführung der Wechselrahmen nur mehr in

den Heidegegenden verwendet, da der Heidehonig sich meist nicht

zentrifugieren läßt. So gibt es bei uns in Hannover, Friesland und

in Holland den alten strohgeflochtenen Stülpkorb. In Mazedonien

wird aber der Wabenbau der Bienen beim Ernten des Honigs immer

noch zerstört und den Bienen wird nicht die große Arbeitsersparnis

gegönnt, welche die nach dem Zentrifugieren immer wieder verwendbaren

Waben der Wechselrahmen ermöglichen. Hier findet man meist als

Bienenhäuser verschieden gestaltete Lehmgefäße verwendet. Man sieht

diese auf Brettern unter dem Dachrand an der Außenwand des Hauses

aufgestellt, gelegentlich auch auf Brettgestellen im Hof. Eine ganz

große Bienenzucht bekam ich auf meinen Wanderungen in Mazedonien nicht

zu sehen. Ob alle Völker Mazedoniens Bienen züchten, konnte ich nicht

feststellen. Vielleicht ist es nur ein Zufall, daß ich Bienenstöcke

vorwiegend bei Griechen und Aromunen, auch bei Bulgaren fand.

Eigenartige, glockenförmige Bienenstöcke, aus Weiden geflochten, außen

mit Lehm und Mist überschmiert, stellt das Bild aus einem Bauernhofe in

_Koinsko_ dar (Abb. 185). Ähnliche Stöcke sah ich in Krusevo bei einer

Aromunenfamilie.

Bei der primitiven Bienenpflege in Mazedonien kann es nicht verwundern,

daß man nicht selten auf wilde Bienenvölker stößt, welche in hohlen

Stämmen alter Bäume sich niedergelassen haben. Ein solches in einer

Edelkastanie angesiedeltes sehr starkes Volk habe ich im vorigen

Kapitel erwähnt (s. S. 354).

[Illustration: Abb. 185. Bauernhaus in Koinsko mit Bienenstöcken.]

Eine eigenartige Methode, Bienenschwärme einzufangen, beobachteten

wir an einem lehmigen Hang nicht weit vom Dorfe _Taor_, südlich vom

_Katlanovosee_. An dem Steilhang eines Hügels waren in der glatten,

senkrechten, und daher vegetationslosen Lehmwand einige tiefe Gruben

mit kreisrunder Öffnung eingebohrt, die mit Kuhmist ausgeschmiert

waren. Die fast ½ m im Durchmesser erreichenden Löcher waren zum Teil

außen mit Brettern zugenagelt; eines der Bretter enthielt ein kleines

Flugloch. Die Einwohner der Umgebung bezeichneten sie als Lockmittel

für durchgegangene Schwärme, die häufig hierher fliegen sollen und

von dort heimgebracht würden. Es scheint dies vielfach der Brauch zu

sein. Speziell in der Gegend des Katlanovosees sahen wir öfter solche

„Bienenschwarmfallen‟ (Abb. 186).

Die Balkanvölker scheinen alle den Honig sehr zu lieben; alle haben

Gerichte und Konfekte, die aus ihm bereitet sind. Ich erinnere nur an

die verschiedenen Formen des türkischen Honigs, der auch bei uns früher

auf Jahrmärkten feilgeboten wurde. Bei Begrüßungen wurde von Bulgaren

nicht selten auf Tellerchen Honig gereicht, den man mit kleinen Löffeln

aß.

Wie häufig Bienenstöcke und wilde Bienenvölker in Mazedonien sein

müssen, sah man an den Massen von sammelnden Honigbienen, die man auf

jeder blühenden Wiese, an jedem blumenbedeckten Baum oder Strauch

antraf. Nur im Hochgebirge fehlten die Bienen vollkommen.

[Illustration: Abb. 186. Bienenschwarmfallen bei Taor.]

Nicht ganz so zahlreich wie die Honigbienen, aber immerhin in

stattlichen Mengen waren die _Hummeln_ vertreten. 40 Arten und

Varietäten von Hummeln und Schmarotzerhummeln brachte ich mit. Ich

denke gern an die Geschäftigkeit der bunten, wolligen Tiere zurück,

wie sie brummend die Blumen umflogen oder in Löcher im Boden, zwischen

Baumwurzeln, in Spalten der Gartenmauern einschlüpften. Die durch

meine Funde festgestellte reiche Hummelfauna Mazedoniens macht nach

_Frieses_ Angabe einen alpinen Eindruck, erinnert an diejenige unserer

Alpen. Dabei ist wieder, wie bei fast allen Tiergruppen, hervorzuheben,

der Einschlag von typischen _Steppen_hummeln. Eine solche ist z. B.

+Bombus eversmanni+ var. +steveni+ Rad., die ausschließlich in dem

südlichen Flachland zwischen Hudova und dem Doiransee gefunden wurde,

jener Gegend, die auch sonst an Steppentieren reich ist. Eine weitere

typische Steppenhummel ist +Bombus haematurus+ Kriechb., die im

_Nikolatal_, also auch noch im südlichen Flachland, allerdings auch

einmal im Gebirge bei _Gopes_ gefunden wurde. Eine dritte Steppenform

ist +B. niveatus+ var. +vorticosus+ Gerst., die von _Kaluckova_ und der

_Plaguša Planina_ bis nach _Prilep_ und _Kalkandelen_ verbreitet ist,

selbst im Schardakh an der _Kobeliza_ in über 1200 m Höhe vorkam.

Während viele der Hummelarten von der Ebene bis zu Höhen von etwa

1500 m in den Hügeln und Bergen verbreitet waren, habe ich schon früher

im 14. Kapitel das Vorkommen typisch nordisch-alpiner Formen in Höhen

von 2000-2400 m an der Kobeliza im Schardakh erwähnt. Dort fing ich in

der Übergangszone von 1400-1800 m +Bombus lapponicus+ var. +pratincola+

Nyl., auf den Alpenmatten über 2000 m die var. +alpestris+ Friese, var.

+helveticus+ Friese und var. +balcanicus+ Friese. Die var. +helveticus+

kam auch in der Gipfelregion des Peristeri vor.

Soweit ich _Hummelnester_ beobachten konnte, befanden sie sich stets im

Boden, zwischen Baumwurzeln oder unter Steinen.

Am 28. Juli 1917 konnte ich in Plauš einen eigenartigen Vorgang bei

einer Hummelart beobachten; es war ein _Hochzeitsflug_, vergleichbar

demjenigen der Bienenkönigin. An der Wand eines Hauses flog ein Schwarm

von 15-20 Hummeln stürmisch unter lautem Summen umher. Voraus flog

stets das große starke Weibchen, umgeben, umschwirrt von der Schar

ihrer Drohnen. Sie flog immer an der Wand des Hauses entlang, schlüpfte

in Löcher hinein, kam wieder hervor, immer verfolgt von den Männchen.

Diese folgten ihr zum Teil in das Loch hinein, während die anderen,

die ihre Spur verloren hatten, planlos vor der Wand herumbrummten, bis

sie wieder auftauchte; dann schlossen sie sich von neuem ihrem Gefolge

an. Schließlich gelangte ein Männchen zur Begattung. Es war nicht ganz

klar, ob nicht mehrere Männchen die Begattung noch versuchten. Ich fing

einige der Männchen; schließlich kam die Königin aus einem Loch nicht

mehr hervor. Die Männchen zerstreuten sich und es trat Ruhe ein. Die

Art war +Bombus eversmanni+ var. +apicalis+ Mor.

Leider konnte ich die Hummelkönigin nicht aus ihrem Loch herausbringen

um festzustellen, ob das zur Begattung gelangte Männchen wie die

Bienendrohne nach dem Akt sofort abstirbt.

Wo Hummeln flogen, da fanden sich auch fast immer _solitäre Bienen_.

Die vielgestaltigen, so interessanten einsam lebenden Bienen waren,

wenn auch an Artenzahl nicht so überwältigend, wie man vom Balkan

vielleicht erwartet hätte, doch in ganz großen Individuenzahlen

vertreten. Überall im Lande traf ich sie an, von den Seen und den

Flußtälern bis in die höchsten Bergesregionen. Auf fast jeder Seite

meines Tagebuches findet sich die Notiz „Bienen‟. In der Nähe von

Kaluckova, im Wardartal, auf der Plaguša Planina, bei Üsküb, am Wodno,

ist mir die Erinnerung an manchen Pfad und Wegrand mit den Bildern

fliegender Bienen verknüpft, welche da ihre Nestlöcher aufsuchten. Und

diese Löcher mit den feingearbeiteten kreisrunden Eingangsöffnungen

habe ich ja an manchen Stellen dieses Buches erwähnt. Schon in den

ersten Tagen meines Aufenthaltes in Mazedonien freute ich mich an

den +Eucera+-Arten, mit ihren langen, leise zitternden Fühlern, wenn

sie die Blüteneingänge abtasteten oder eine fleißige +Anthophora+

verdrängten, die vor ihnen in die Blume eindringen wollte. Beim

Absuchen der Ameisennester sah ich auf den Hügeln bei Kaluckova, an den

lehmigen und tonigen Wänden der Schluchten und Hohlwege hunderte ihrer

Bauten und sah die unermüdlichen Tiere an ihnen arbeiten und in sie

eintragen.

Da kamen die +Osmien+ und andere _Bauchsammler_ und hatten ihre

Unterseite dick eingepudert mit dem weißen, gelben oder roten

Blütenstaub, den die reichen Fluren ihnen darboten. Viel häufiger als

solche waren aber überall in Mazedonien die _Beinsammler_, welche bei

der Heimkehr ihre Hinterbeine weit vom Leib abspreizen mußten, so dick

waren sie von den Pollenhöschen, die sie sich unterwegs beim Besuch der

Blumen angezogen hatten.

Gut vertreten waren in allen Gegenden von Mazedonien, die ich

aufsuchte, die +Anthophorinen+, von denen ich 31 Arten in etwa 200

Exemplaren mitbrachte. Bei der Gattung +Anthophora+ konnte durch meine

Sammlungen zum ersten Male das Vorkommen von zwei Generationen im Jahr

festgestellt werden. Die erste fand sich bei +Anthophora acervorum+ L.

im Februar, März und April bei Kaluckova und auf dem Wodno bei Üsküb,

die zweite an denselben und anderen Orten, so Gopes im Juli und August.

Ebenso wurde von +Anthophora crinipes+ Sm. die erste Generation im

April bei Üsküb und Kaluckova, die zweite an denselben Orten im Juli

nachgewiesen.

Selbst in den Dörfern und ihren Straßen konnte man viele solitäre

_Apiden_ beobachten. Da bauten sie vielfach in den Lehmwänden der

Häuser und Gärten. Eine Art sah ich da z. B. als Baustelle immer

den Mörtel der Steinhäuser benutzen. Andere liebten die Stengel der

Brombeerbüsche der Schluchten, manche bauten in den dürren Stengeln von

Disteln und Königskerzen.

Auch die Obstbäume der Gärten und die Maulbeerpflanzungen boten vielen

Bienen, besonders den Holzbewohnern, Wohnung. Ende April traten im

Wardartal viele der schönen stahlblauen und violetten Holzbienen aus

der Gattung +Xylocopa+ auf; ganze Schwärme von ihnen belebten die

blütenreiche Ebene. Unter ihnen war besonders auffallend +Xylocopa

olivieri+ Lej. durch ihren wundervollen rotbraunen Pelz. Ebenso schön

waren +Xylocopa valga+ Gerst. (Abb. 187) und andere Formen der Gattung.

Etwas später im Juni und Juli traten die Arten der Gattung +Ceratina+

auf.

[Illustration: Abb. 187. +Xylocopa valga+ Gerst. Vergr. 1½.]

Auf Steinen und Felsen fanden sich in der Plaguša Planina nicht selten

die aus Lehm aufgebauten Nester der Mörtelbiene (+Chalicodoma muraria+

var. +nigerrima+ Perez), welche aussahen wie eine an den Felsen

geworfene Handvoll Lehm, der dort getrocknet war.

Zu gleicher Zeit mit den +Xylocopa+-Arten traten in der Nähe von

Kaluckova große Mengen von _Wespen_ auf, von welchen ähnlich wie jene,

die großen schwarz-gelben +Scolia+-Arten sich sehr bemerkbar machten

und wegen ihres Stiches sehr gefürchtet wurden. +Polistes+- und

+Vespa+-Arten waren häufig und ihre Papiernester sah man viel an den

Hausdächern und in Bäumen. Wir segneten sie als Fliegenfänger. In einem

anderen Kapitel habe ich die Fliegenplage in Mazedonien geschildert und

erwähnt, daß diese vielfach Essen im Freien unmöglich machte. Das wurde

oft noch dazu kompliziert, daß um unseren Eßtisch sich hunderte von

Wespen versammelten und uns oft noch von der Gabel vor dem Mund die

Fliegen wegfingen, um sie zur Ernährung ihrer Larven ins heimische Nest

zu tragen.

Im 23. Kapitel habe ich bei Schilderung meiner Streifzüge am und auf

dem Wodno bei Üsküb die wundervolle Bienenwand im Markovatal beim

Kloster Markova beschrieben (S. 348). Dort befindet sich auch ein Bild

dieser großen Kolonie von +Anthophora parietina+ F. (Abb. 172, S. 351).

Ich füge hier noch ein weiteres Bild bei, welches einen Überblick über

diese große Stadt von Bienennestern bietet.

[Illustration: Abb. 188. Überblick über einen Teil der Lehmwand mit der

Nesterkolonie von +Anthophora parietina+ F. beim Kloster Markova.]

Meinen dortigen Angaben möchte ich hier noch einiges zusetzen. Als ich

mich mit meinen Begleitern länger an der Bienenwand aufhielt und mir

dort zu schaffen machte, mit dem Netz Bienen fing, konnte ich eine

Beobachtung machen, welche zeigt, daß auch bei diesen vollkommen einsam

lebenden Bienen gelegentlich Ansätze von sozialem Handeln vorkommen.

Plötzlich umschwärmte uns mit lautem Summen ein großer Schwarm der

Bienen; sie flogen hastig auf uns los und prallten gegen uns, so daß

wir aus Angst vor ihren Stichen instinktiv zurückfuhren. Ähnliche

Beispiele gemeinsamer Verteidigungsaktionen sind von _Friese_ und

_Alfken_ bei +Andrena ovina+ Klug und gerade bei +Anthophora parietina+

F. beobachtet worden. Meine Beobachtung schließt sich also vollkommen

den Angaben dieser Forscher an und bestätigt, daß während diese

solitären Bienen sich sonst gegenseitig gar nicht beachten und sie sich

gegenseitig niemals helfen, ein sie gemeinsam bedrohender übermächtiger

Angriff eine Vereinigung vieler Individuen zur Abwehr veranlaßt. Wenn

es sich damit auch nicht um echtes soziales Zusammenwirken handelt, so

müssen doch Instinkte durch Warnungslaute oder sonstwie geweckt werden,

welche bei den sozialen Insekten bestimmt sind, eine große Rolle zu

spielen.

Außer den solitären Bienen flogen emsig vor der Lehmwand bei Markova

andere Hymenopteren umher. Das waren die _Schmarotzerbienen_, welche in

die Nester der +Anthophora+ einzudringen suchten, um da ihre eigenen

Eier an dem aufgespeicherten Futter und bei dem Ei der rechtmäßigen

Eigentümerin des Nestes abzulegen. Es waren dies schwarz-weiß gefärbte

Bienen der Arten +Crocisa scutellaris+ Lep. und +Coelioxys rufescens+

Gef. Das sind die typischen Nestparasiten der +Anthophora parietina+ F.

[Illustration: Abb. 189. Mitbewohner der Nestkolonie von +Anthophora

parietina+.

+a Andrena hattorfiana+ Spm. +b Crocisa scutellaris+ Lep. +c Coelioxys

rufescens+ Gef. Markova. Vergr. 2 : 1.]

Mazedonien · 第 28 / 45 段