Viele hundert Bauten senkten sich in die Lehmwand hinein, von deren

Aussehen die umstehende Photographie eine Vorstellung gibt (Abb. 172,

S. 351). Nicht alle diese Bauten waren von der gleichen Bienenart

gebaut. Manche Öffnungen hatten einen kleinen Durchmesser, in diese

sah man kleine Bienchen hineinkriechen, andere waren größer und waren

das Werk größerer Tiere. Vor allem waren aber auffallend die Bauten

der offenbar häufigsten Art, welche einen zierlichen Vorbau trugen,

der das Loch umfaßte und in Gestalt einer nach unten gekrümmten Röhre

über die Oberfläche der Lehmwand vorragte. Die war nicht ringsum

geschlossen, sondern bestand aus einem zierlichen Gitterwerk, welches

in Gestalt von Stäbchen und Strängen ein luftiges Gebilde darstellte.

Offenbar hatte die Biene beim Bau kleine Lehmklümpchen herangetragen

und eins an das andere angeklebt. Da der Anbau genau die gleiche Farbe

hatte, wie die Lehmwand selbst, so war es nicht unwahrscheinlich,

daß die Baumeisterin beim Aushöhlen der inneren Röhre des Baues das

ausgegrabene Material der Lehmwand gleich beim Anbau verwandte. Dabei

war sie ganz eigenartig vorgegangen; sie hatte nicht etwa gleichmäßig

am Umkreis des Ausgangsloches angebaut, sondern oben und unten kleine

Lehmwürstchen gebildet, die da und dort untereinander verklebten und so

das Gitterwerk erzeugten. Die ganze große Kolonie war noch im vollen

Ausbau. Manches Weibchen, welches einen oder mehrere Bauten schon

gefüllt hatte, fing gerade mit einem neuen an. So konnte man alle

Stadien des Baues an der Wand nebeneinander sehen. Hier bohrte eine

Biene gerade an einem neuen Loch, dort schloß eine einen fertigen Bau;

hier war eine an der Ausgangsröhre tätig, dort war eine andere eifrig

beim Aus- und Einfliegen und beim Eintragen von Blütenstaub und Honig

als Nahrung für ihre Brut.

Denn in der Lehmwand hatte die Bienenmutter im inneren röhrenförmigen

Bau eine Reihe von Zellen geglättet, jede durch eine Zwischenwand

von der vorigen getrennt, in die sie Blütenstaub eingetan, etwas

Honig hinzugefügt und dann vor dem Zuschließen ein Ei auf diesen

Nahrungsvorrat gelegt hatte. War sie mit einem Bau fertig, so begann

sie mit einem neuen und so fort, bis ihre Kräfte erschöpft waren und

sie sich zum Sterben hinlegte. Ihre Brut ließ sie wohlversorgt mit

genügender Nahrung zurück. Die konnte ohne die Mutter auskommen; und

wenn sie im nächsten Frühling ausschlüpfte, Männchen und Weibchen,

die sich begatteten, dann starben die Männchen wieder nach kurzem,

fröhlichem Leben im Sonnenschein und ließen die Weibchen allein bei

der großen Sommerarbeit, die sie ungelernt, ohne Leitung und ohne die

Gesellschaft von Eltern, durchzuführen hatten. Und das konnten sie auch

sehr gut; denn sie hatten alle Fähigkeiten dazu als Erbgut von ihren

Vorfahren mitbekommen, wie schon ihre Eltern.

Wir sahen auf dem Bild neben den Nestern mit den Ausgangsröhren auch

allerhand Nester von verschiedenen Bienenarten ohne solche.

Es war reizvoll zu beobachten, wie an all den Hunderten von

Bienennestern ein ständiges Aus- und Einfliegen stattfand. Die

Erbauerin der Anflugsröhren war eine große, dunkle Biene (+Anthophora

parietina+ F.), von der diese Bauweise schon lange bekannt ist.

Achtete man nun auf den Anflug der verschiedenen Bienen, so konnte

man große Unterschiede in der Art bemerken, wie die einzelnen Tiere

ihr eigenes Nest fanden. Bei den Formen mit den einfachen Löchern,

so z. B. +Andrena hattorfiana+ Spm. (vgl. Abb. 189, S. 377), sah man

vielfach die Bienen, wenn sie anflogen, zunächst vor der Lehmwand

hin- und herfliegen, als suchten sie ihr eigenes Nest. Nach einiger

Zeit flogen sie direkt auf ein Nest zu und krochen in dieses hinein.

Nicht immer aber hatten sie das richtige getroffen. Manchmal kamen

sie sofort wieder heraus und suchten von neuem. Ja es kam vor, daß

sie schleunigst wieder zurückkamen, vertrieben von der rechtmäßigen

Eigentümerin.

Ganz anders verhielt sich aber +Anthophora parietina+, die Erbauerin

der Anflugsröhren; denn als solche erwiesen sich bei diesen

Beobachtungen jene Vorbauten. Ohne Zögern flog jede ankommende Biene

auf ihr eigenes Nest los und bewies die Richtigkeit der Wahl dadurch,

daß sie drinnen blieb, solange die Arbeit dauerte, die sie dort zu

erfüllen hatte. Stracks schlüpfte sie mit dem Kopf voraus in den Bau

und kam ebenso mit dem Kopf zuerst wieder heraus; die anderen Bienen,

welche in fremde Bauten geraten waren, kamen meist rücklings aus diesem

zurück.

[Illustration: Abb. 172. Ausschnitt aus der großen Bienenkolonie von

+Anthophora parietina+ F. von Markovo 1918.]

Es war ersichtlich, daß in den Einzelheiten des Baues, in der Anordnung

der Lehmspangen, in der Größe der Durchbrechungen, in der Biegung der

Röhre, in den Einzelheiten des Ausgangs die einzelnen Anflugsröhren

untereinander verschieden waren. So kam ich zu dem Schluß, daß der

Vorteil dieser Bauten in einer solchen großen Kolonie darin bestand,

daß jede Biene ihren eigenen Bau an seiner Form rasch erkennen konnte.

Ich prüfte diese meine Theorie, indem ich kleine Veränderungen an den

Ausgängen vornahm, Stückchen vom Rand oder das ganze gekrümmte Ende

abbrach. Es war auffallend, wie die heimkehrende Biene, die zunächst

geradewegs auf ihre Röhre losgeflogen war, nun zögerte, ähnlich wie

ihre weniger künstlich bauenden Nachbarn der anderen Arten hin und

herflog und sich oft erst nach langer Zeit entschloß, den Versuch des

Einfliegens zu machen.

Wie interessant wäre es gewesen, längere Zeit vor diesen Bauten zu

verweilen, zu beobachten und zu experimentieren. Leider war dies

zunächst unmöglich und die Absicht, noch einmal die Stelle aufzusuchen,

wurde durch allerlei Ereignisse verhindert.

Damals konnte ich noch beobachten, daß um die Nester zahlreiche andere

Hymenopteren herumflogen, welche als Nestparasiten in die Löcher

eindrangen, um ihre Eier bei der fremden Brut unterzubringen. Es waren

mancherlei Formen, unter ihnen am auffälligsten die wie Edelsteine

schimmernden _Goldwespen_ (+Chrysiden+), deren Schönheit sie nicht

hindert, solche für die Bienenbrut verderbliche Absichten zu verfolgen.

Dazu kamen andere Arten von Nestparasiten, welche im 25. Kapitel

erwähnt sind.

Überall in Mazedonien, wo ich solche Siedelungen solitärer Bienen

an Lehm- und Lößwänden antraf, in _Kaluckova_ an den Lehmmauern der

Häuser und Gärten, bei _Valandova, Dedeli_ und _Üsküb_ fing ich solche

_Goldwespen_ mit ihren prachtvollen, wie in glänzende Metallpanzer

gehüllten Körpern, Tiere von verschiedenster Größe bis herab zu winzig

kleinen Wespchen, welche wie Goldstaub schimmerten.

Am _Wodno_ fand ich auch zahlreiche _Ameisenarten_, darunter

einige, die ich sonst in Mazedonien nicht beobachtet hatte. Daß die

Körnerameisen aus der Gattung +Messor+ hier bis hoch hinauf zahlreich

vorkommen, überall ihre Bauten und Straßen sichtbar waren, ist nicht

verwunderlich. Ebensowenig, daß in den Obst- und sonstigen Bäumen

+Camponotus+-Arten häufig bauten. Interessanter war mir das Auffinden

eines eigenen Baues der kleinen _Diebesameise_ +Solenopsis fugax+

West., welche also hier ihrem deutschen Namen keine Ehre machte. Auch

eine noch winzigere dunkelbraune kleine Ameise (+Plagiolepis pygmaea+

Latr.), eine südliche Form, die ich schon aus dem Kaiserstuhl bei

Freiburg i. Br. kannte, fand ich nur auf diesem Berg.

Nicht minder interessant was das _Vogelleben_. Hier erlegte ich

schon Mitte April einen Kuckuck (+Cuculus canorus canorus+ L.), der

also hier, wie an der Riviera früher angekommen war, als bei uns in

Deutschland. Auch der _Grünling_ war schon da (+Chloris chloris mühlei+

Parrot.). Der _Weidenlaubsänger_ (+Phylloscopus collybita collybita+

Viell.), und der _Vitislaubsänger_ (+Ph. trochilus trochilus+ L.)

waren etwas später häufig in den grünen Büschen. Dort ließen sich auch

verschiedene _Grasmücken_ hören und an den unteren Hängen war auch hier

die _Nachtigall_ ein häufiger Vogel. Am Eingang der _Treskaschlucht_

trieb sich in den hohen Bäumen am Fluß die _Sumpfmeise_ herum (+Parus

palustris stagnalis+ Br.). Dort und weiter oben am Berg wimmelte es

manchmal von _Zaunkönigen_ (+Troglodytes troglodytes+ L.).

Ebenfalls in der Treskaschlucht begegnete mir die _Ringdrossel_

(+Turdus torquatus alpestris+ Br.) und an den Hängen gab es zahlreiche

_Balkanamseln_ (+Turdus merula aterrima+ Mad.).

Damit ist der Reichtum bei weitem nicht erschöpft; denn in den Hainen

oben bei Neresi flogen der _Nußhäher_ (+Garrulus glandarius+ L.) und

_Spechtarten_ (+Picus viridis Dofleini+ Stres.). Die _Würger_ waren

häufig, in den kahlen oberen Zonen gab es _Heidelerchen_ (+Lullula

arborea flavescens+ Elenka), auch _Feldlerchen_ (+Alauda arvensis

cantarella+ Bp.) und selbst _Haubenlerchen_ kamen ganz oben vor.

Daß Raubvögel, Adler, Geier, Bussarde, Falken und all die Krähenvögel

auch auf dem Berg nicht fehlten, braucht kaum erwähnt zu werden.

So ist es verständlich, daß mir als Naturforscher und Zoologen der

Wodno in guter Erinnerung geblieben ist. Aber wie auch sonst die

Gegend von Üsküb, so bot er auch in seinen Dörfern manche Gelegenheit

zu Studien über Kultur und Lebensweise der Mazedonier. Davon soll das

nächste Kapitel einiges berichten.

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

NERESI

(ÜBER DIE KIRCHEN, KLÖSTER UND FESTE DER MAZEDONIER)

Die Erinnerung an einen heißen, bunten Tag steht klar vor meinem

Gedächtnis und mit ihm verknüpft sind manche andere Erfahrungen,

die ich bei den slavischen Mazedoniern über ihr Volkstum und ihren

Zusammenhang mit der Geschichte des Landes machen durfte. Den Tag, der

in mir zuerst ein starkes Interesse für die Menschen, welche Mazedonien

bewohnen, weckte, den durfte ich im Klosterhof von _Neresi_, angesichts

seiner altehrwürdigen malerischen Kirche verleben, wenige Wochen nach

meiner Ankunft in Mazedonien.

Hoch oben am _Wodno_, in etwa 800 m Höhe, liegt, einer Schlucht

angeschmiegt, das Dorf _Neresi_. Seine Häuser sind von Obstbäumen

umgeben, Weinlauben überdachen die Höfe. Die Schlucht ist mit Pappeln,

Ulmen, Erlen und allerhand Gesträuch bestanden. Oberhalb des Dorfs

steigen steile Hänge zur Gipfelregion des Wodno hinan. Auf ihnen

breiten sich grasbedeckte Weiden aus, unterbrochen von stattlichen

Baumgruppen. Letztere bestehen meist aus mächtigen _Edelkastanien_.

Die braunen Stämme, die gerundeten, tiefschattenden Kronen der

prachtvollen Bäume rahmen in reizvollster Weise das liebliche Dorf mit

seiner malerischen Kirche ein, über welche hinaus ein weiter Blick ins

Wardartal und auf den jenseits gelegenen blau schimmernden Karadakh

sich öffnet.

Nur einmal außer hier bei Neresi habe ich in Mazedonien Edelkastanien

angetroffen, worauf ich früher schon einmal hinwies. Es war dies bei

_Kalkandelen_, hoch im Tal der Sarska, etwa in der gleichen Meereshöhe

von etwa 800 m, in der auch der Hain bei Neresi liegt. Es war

windstill, als ich in den kühlen Schatten des Hains von Neresi eintrat;

hier war gut ausruhen vom heißen Anstieg. Das Schweigen im Walde wurde

nur von einem tiefen, dröhnenden Ton unterbrochen, der aus der Krone

einer uralten Kastanie zu mir herabdrang. Wie Orgelklang brauste es

da oben und als ich genauer hinsah, bemerkte ich Hunderte von Bienen,

welche ein Astloch umschwärmten. Ein großes Bienenvolk hauste in einer

Höhle in dem mächtigen Baum; irgendein Ereignis mochte es erschreckt

haben und das erregte Summen der Tausende von Insassen des Nestes fand

an den dünnen Wänden des alten Stammes eine gute Resonanz.

Bei der primitiven Bienenzucht, die in Mazedonien betrieben wird, kommt

es nicht selten zum Verwildern von Schwärmen der Honigbienen, welche in

Höhlen oder Baumlöchern sich ansiedeln und da das freie Dasein führen,

welches das ursprüngliche Bienenleben darstellte.

[Illustration: Abb. 173. Blick auf Kloster und Dorf Neresi aus dem

Edelkastanienhain.]

Bei meinen Wodnowanderungen kam ich fast stets nach Neresi oder doch

in die Nachbarschaft des Dorfs. So entstand im Frühling, als die

Apfelbäume blühten, das Bild, welches die Titeltafel dieses Buches

darstellt. Der Tag, dessen Eindrücke ich heute schildern will, war

ein heißer Augusttag im Jahre 1917. Während der Vorbereitungen zur

Schardakhexpedition unternahm ich die Wanderung in Begleitung des

deutschen Verbindungsoffiziers, Hauptmann _Lessing_, da ich gehört

hatte, daß oben in Neresi an diesem Tag ein Heiligenfest gefeiert werde.

Es war mittags um 2 Uhr, als wir aufbrachen und der schattenlose

Anstieg von etwa 2 Stunden Dauer war an dem heißen Sommertag sehr

ermüdend. Die Hänge des Wodno unten und in den mittleren Höhen waren

dürr und vegetationslos, die Büsche am Rand des Pfades verstaubt

und doch war der Landschaft nicht jeder Reiz genommen. Noch sah man

zahlreiche Ameisen an der Arbeit, Schmetterlinge schwebten in der

heißen Luft, Eidechsen saßen still auf den Felsen.

[Illustration: Abb. 174. Mazedonische Bauernfamilie auf der Rückkehr

vom Klosterfest in Neresi.]

Das Interessanteste waren aber die Menschen, welche die Straße

herabkamen. Sie kehrten schon vom Fest zurück, alle in ihren schönen

bunten Feiertagskleidern, Männer, Frauen, junge Mädchen und Kinder in

größeren und kleineren Gruppen. Wir fürchteten schon, wir könnten zum

Fest zu spät kommen. Das verriet aber unsere Unerfahrenheit mit den

Gewohnheiten der mazedonischen Bauern; wir unterschätzten ihre Ausdauer

bei den Tanzfesten.

Als wir in Neresi ankamen, waren die Gassen noch von geputzten Menschen

erfüllt, die sich zum Teil zur Heimkehr bereit machten. Meist sah man

je eine Familie eine Gruppe bilden, Mann und Frau, dabei die Kinder

verschiedenen Alters und Wachstums, dazu manchmal Schwestern und Brüder

von Mann und Frau. Oft wurden Trag- und Reittiere mitgeführt. Da zeigte

sich stets das charakteristische Bild, daß, wenn nur ein Esel oder

Pferdchen dabei war, der Mann, mochte er auch jung und kräftig sein,

auf dem Tier saß, während Frauen und Kinder nebenher trotteten.

Ab und auf durch eine Schlucht gelangten wir in den weiten Klosterhof;

heute stand das Tor weit offen und der eingehegte Raum war noch von

einer großen Schar Menschen erfüllt. In einer Ecke bei der Kirche

ertönte die Tanzmusik. Wir kamen also nicht zu spät.

[Illustration: Abb. 175. Die Laube vor der Kirche von Neresi.]

Das Kloster Neresi ist ein ziemlich kleines Anwesen. Wie gewöhnlich

steht an der einen Seite des Klosterhofs die Kirche und wendet ihm

ihren Haupteingang zu. Eine Anzahl schattenspendende Bäume stehen um

die Kirche herum. Letztere ist eine typische Anlage, ein Mittelturm von

vier Ecktürmen umgeben, das Ganze aus Hausteinen mit eingeschaltenen

schmalen Bändern roter Ziegel gebaut. Die Dächer der kuppelartigen

Türme bestehen aus schweren Hohlziegeln und bilden flache achtseitige

Pyramiden.

Um den Hof stehen aus Holz und Steinen gebaute Häuser mit großen,

luftigen Holzgalerien. Solche geräumigen Häuser sind ein wesentlicher

Bestandteil der mazedonischen, überhaupt der Balkanklöster und haben

eine von deren wichtigsten Aufgaben zu erfüllen. Sie dienen als

Massenquartiere für die Besucher der Klöster, welche dort in großer

Menge zusammen kommen. Sie sind oft weit hergekommen und bleiben nicht

selten tagelang im Kloster, um dort die Heiligenfeste zu feiern. Wie es

in anderen christlichen Ländern nicht anders ist, sind die kirchlichen

Feiern mit Volksfesten verknüpft.

Zu diesen strömt die Bevölkerung der ganzen Umgegend zusammen und oft

haben die Wallfahrer tagelange Reisen zurückgelegt, um rechtzeitig das

meist hochgelegene Kloster zu erreichen. Dort finden sie ein Dach, das

sie deckt, einen meist hölzernen Boden, auf dem sie ihre mitgebrachten

Decken ausbreiten und schlafen können. Kochstellen sind vorhanden, wo

sie die auch mitgebrachte Nahrung zubereiten dürfen. Doch werden alle

Gäste meist freigiebig von den Mönchen bewirtet. Dazu dient das auf

Stiftungen beruhende Vermögen der Klöster; denn die wenigen jeweils in

einem Kloster hausenden Mönche verbrauchen selbst nicht viel.

So sind die Häuser bei den Festen von zahlreichen Quartiergästen

angefüllt, meist hat jede Familie ihr Plätzchen für sich und es

entwickelt sich ein munteres Leben in den Hallen und Galerien, die

sonst oft wochen- und monatelang leer stehen mögen. In gefeierten

Klöstern versammeln sich oft solche Massen von Besuchern, Familien

mit Weibern und Kindern, daß die Behausungen nicht ausreichen für die

Fülle, und oft Hunderte oder gar Tausende im Freien, innerhalb der

Klostermauern oder in der Umgebung lagern müssen.

So sind die mazedonischen Klöster stets gastliche Stätten, wo auch der

Fremdling beherbergt wird und ich habe manche freundliche Erinnerung an

solche mitgenommen. Von den Mönchen wurde man oft sehr gut bewirtet und

manch guten Tropfen Wein habe ich bei ihnen genossen.

In der grellen Sonne bewegte sich im Klosterhof von Neresi eine bunte

Menge von Männern, Frauen und Kindern. Alle hatten ihre Köpfe in

irgendeiner Weise vor den Strahlen der Sonne geschützt. Auch wenn

sie die dort üblichen flachen runden, oft schön gestickten Mützen

trugen, hatten selbst die Männer meist weiße, auch farbige und bunt

gewebte Tücher um den Kopf geschlungen. Nur wenige hatten Strohhüte

oder Militärmützen aufgesetzt. Alle Frauen hatten große weiße Tücher

um Kopf und Nacken gelegt, welche durch ein über Scheitel und Ohr

gelegtes, um den Hals geschlungenes buntes, meist gesticktes breites

Band festgehalten wurde. Unter dies hatten sie Blumen gesteckt.

[Illustration: Abb. 176. Gruppe nach dem Tanz in Neresi.]

Alle hatten sie weiße Hemden mit weit offenen Ärmeln und schön

gesticktem, über die Handgelenke fallenden Saum an. Bei manchen waren

die Ärmel eng geschlossen durch ein breites Band mit feiner Stickerei.

Der Hals war frei, doch durch das Kopftuch mit bedeckt. An der Brust

schaute das blütenweiße Hemd aus einem tiefen, viereckigen Ausschnitt

der kurzen, ärmellosen Weste heraus. Über die Brust schlangen sich

Halsketten aus Silber, bunten Steinen, emaillierten Plättchen

hergestellt mit allerlei Anhängseln. Allen Mädchen und jungen Frauen

hingen unter dem Kopftuch zwei oder mehr lange, eng geflochtene Zöpfe

den Rücken herab und reichten meist über das Knie hinaus. Oft waren

bunte Seidenschnüre oder Bänder hineingeflochten, um vor allem das

Hinterende zu verstärken (Abb. 177). Das Handgelenk trug silberne oder

sonstwie kostbare Armringe.

Die Hüften umspannte ein breiter Gürtel aus farbigem, festem

Wollgewebe. Von ihm hing ein langer, enger weißer Rock bis kurz über

die Knöchel herab. Ihn überdeckte bis zu den Knien ein kurzer Rock mit

einem breiten unteren Saum, der oft ebenso schön gewirkt war wie der

Gürtel. Darüber hing vorn die breite, steife Schürze bis zu den Füßen

in gleicher Länge wie der weiße Rock.

Die Schürze ist der besondere Stolz der Mazedonierin; sie ist in

reizvollen, meist polyedrischen Mustern aus schwerer Wolle gewebt. Weiß

und rot waren hier in Neresi an Kleid wie Schürze die vorherrschenden

Farben. Die Füße waren meist mit schwarzen Strümpfen bedeckt und

steckten in aus Leder eigenartig gebogenen Schuhen, an denen

Schuhkörper und Sohle aus einem Stück gefertigt waren, den sogenannten

Opanken.

[Illustration: Abb. 177. Zopfschmuck einer mazedonischen Bauersfrau.

Südmazedonien bei Negorci.]

Ähnlich waren die Anzüge der Männer gefertigt. Auch hier weiße Ärmel,

kurze ärmellose, wollene Westen, die meist schwarz waren. Die Männer

trugen wie die Frauen Gürtel, von denen an der rechten Seite zwei

breite Streifen herabhingen, die man auch bei den Weibern nicht selten

beobachten konnte. Unter dem Gürtel schaute ein kurzer weißer Rock

heraus, den aber nicht alle Männer, sondern vorwiegend die jüngeren

trugen. Unter ihm folgten enge weiße Hosen, die entweder bis auf die

Schuhe herabhingen oder von diesen durch schön gewirkte Gamaschen

getrennt waren.

Von dieser bunten, bewegten Menge wurden wir nicht unfreundlich

begrüßt und aufgefordert, in einer Laube Platz zu nehmen, die von Reben

umrankt, an der Seite der Kirche hinzog und eine einfache Holzbank mit

einem Tisch davor enthielt (Abb. 175, S. 357). Da Hauptmann _Lessing_

den Dolmetscher machen konnte, entspann sich bald eine lebhafte

Unterhaltung.

Als einer der Kirchenvorstände von meinem Begleiter hörte, ich sei

Naturforscher, meinte er, das treffe ja sehr gut, denn heute sei das

Fest des heiligen _Panteleimon_ und der sei der Heilige der Ärzte und

Naturforscher. Er führte uns in die Kirche, wo es von Weihrauch duftete

und vor dem _Ikonostas_, der Schranke zwischen dem Kirchenraum und dem

Allerheiligsten, brannten zahlreiche Kerzen. Unter den Heiligen, welche

in alten Bildern in dem reichen Schnitzwerk der Schranke eingerahmt

waren, zeigte er mir _Sveti Panteleimon_ mit den Geräten und Abzeichen

des Arztes. Als ich mich darauf entschloß, dem Heiligen eine stattliche

Kerze anzuzünden, war die Freundschaft geschlossen. Man veranlaßte uns,

wieder unseren Platz auf der Bank in der Laube einzunehmen, bewirtete

uns mit Kaffee und mit Raki, dem trefflichen Zwetschenschnaps der

Bulgaren.

[Illustration: Abb. 178. Zigeuner als Flötenbläser.]

Unterdessen hatten die Tänze wieder begonnen und die Tanzmusik dröhnte

durch den Hof. Es waren Zigeuner, welche musizierten; drei Instrumente

gab es, einen Dudelsack, eine lange schwarze Holzflöte und eine

dröhnende Pauke. Es war eine grelle, schrille Musik mit eigenartigem

Rhythmus, welcher den Tänzen entsprach. Alle Tänze der Balkanvölker

sind Reigentänze; Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen und Mazedonier

tanzen in ähnlicher Weise. Doch gibt es eine Menge von Varianten dieser

Tänze, nicht nur nach den verschiedenen Nationen, sondern auch vielfach

nach den verschiedenen Landschaften. Überall haben sie einen ähnlichen

Namen: Choros, Horo u. dgl.

Die Rhythmen erscheinen unserem Ohr etwas absonderlich, aber sie

schmeicheln sich ein, vor allem, wenn man mit den Augen den Bewegungen

der Tänzer folgt. Bei vielen Tänzen bedingt der Tanzrhythmus ein

Fortschreiten der Tänzer in einer Richtung; denn bei solchen werden

mehr Schritte in einer Richtung als in der anderen ausgeführt.

[Illustration: Abb. 179. Frauenkreis beim Tanz in Neresi.]

So werden bei einem Tanz drei Schritte nach rechts gemacht, worauf zwei

Schritte nach links folgen; bei einem anderen Tanz folgen sich 5 und 3

Schritte. Die Verschiedenheiten der Rhythmen sind sehr zahlreich.

Jeder Tänzer reicht seinem Nachbarn die Hand; so werden Ketten

gebildet, welche sich aber nicht zu Kreisen schließen, wenn auch meist

die Tänzer einer Kette sich im Kreis anordnen. Meist wird je eine

Kette von Männern und eine von Mädchen und Frauen gebildet. Das war

bei den Tänzen, welchen ich damals in _Neresi_ zusah, stets der Fall.

Bald bildeten die Frauen den inneren und die Männer den äußeren Kreis,

bald kam es zur umgekehrten Reihenfolge. An anderen Orten sah ich auch

gelegentlich Ketten aus Männern und Frauen gleichzeitig gebildet.

Ein Vortänzer leitet den ganzen Tanz. Oft findet sich in der

Männerkette ein männlicher Vortänzer, in der Frauenkette eine

Vortänzerin. Meist ist der Vortänzer der vorderste in der Kette, er

führt beim Tanz und gibt das Tempo an. Er kann dabei auch an der

zweiten oder dritten Stelle eingereiht sein, läßt auch einmal los und

greift an irgendeiner Stelle ein, wo es mit Tempo und Rhythmus hapert.

In der Kette pflegen die besten Tänzer vorn dem Vortänzer sich

anzuschließen und die geringsten und ungeschicktesten den Abschluß zu

bilden. Das ist oft auch eine Reihenfolge des Alters; denn am Schluß

findet sich meist die Jugend. Auch Kinder pflegen bei nicht ganz

feierlichen Gelegenheiten am Reigen teilzunehmen und wenn es genug

sind, eine besondere Kette zu bilden.

Mazedonien · 第 27 / 45 段