Nun kam der Vater zuerst mit dem Essen daran, griff mit den Fingern in

den Topf und holte sich ein gutes Stück heraus, führte es zum Mund,

wusch dann seine Hände ab, ehe er von neuem hineingriff. Dann bot er

den gefischten Brocken demjenigen seiner Söhne dar, den er offenbar

bevorzugte. Er steckte ihn ihm direkt in den Mund. Das war das Zeichen,

daß diese auch mit ihrer Mahlzeit anfangen konnten. Sie verfuhren

genau so wie der Alte. Mit ihren Fingern waren sie ebenso reinlich wie

er. Und so wußte ich die Ehre zu schätzen, als der alte Mann einen

möglichst schönen Happen Fleisch für mich herausfing und ihn mir in

den Mund steckte. Als die Alten fertig waren, wurde zur größeren Feier

noch ein guter, süßer, schwarzer Kaffe gebraut und in kleinen Täßchen

auch uns allen angeboten.

Wir hatten uns alle schon längst zum Schlafen ausgestreckt, als die

alten Männer sich auch dazu anschickten. Die Söhne bereiteten dem Vater

das Lager aus Kissen und Teppichen, dann der jüngste der Fünfziger

seinen beiden Brüdern das ihrige. Schließlich ordnete er umständlich

das seine, löschte die letzte Lampe und kroch unter seine Decken. --

Ich hatte als Letzter von uns blinzelnd das alles mit angesehen. Nun

flackerte das Feuer im Herd noch einmal auf und dann begann auf allen

Seiten ein mächtiges Schnarchen. Man schlief gut und fest und mit dem

Gefühl voller Sicherheit unter dem Dach des neuen Gastfreundes.

Früh am nächsten Morgen wurde zur Wildschweinjagd aufgebrochen. Es war

eine stattliche Schar, welche gemeinsam loszog. Albaner zogen zahlreich

als Jäger und Treiber mit, alles hohe, schlanke Gestalten, mit Gewehren

über der Schulter. Der große Troß, der Lärm, mit dem man in die Höhe

gegen den Wald stieg, flößte mir wenig Vertrauen auf das Gelingen der

Jagd ein.

Es ging zunächst über grasige Hänge, durch dichten Busch steil den Berg

hinan. An zwei Dörfern kamen wir noch vorbei, welche alle dasselbe

Bild boten wie unser Dorf Dubrava. Alle Häuser standen abseits des

Weges, eingeschlossen durch dichte Hecken. In den Gärten standen schöne

Obstbäume.

Weiter oben hatten wir an einer tiefen Schlucht entlang zu wandern,

bis wir nach etwa 1½ Stunden an den Rand eines Eichenwaldes kamen, der

zuerst aus Buschwerk bestand, allmählich, je tiefer wir in ein Tal

hineinkamen, immer mehr zum Hochwald wurde. Das ganze Tal wurde immer

dichter vom Eichenwald erfüllt.

Wir Jäger wurden an das obere Ende des Tales verwiesen; die Albaner

sollten an beiden Seiten am Hang durch den Hochwald treiben, und man

versicherte uns, die Sauen würden schußgerecht bei uns herauskommen.

Der fürchterliche Lärm, mit dem die Menschenmenge in den Wald

eingezogen war und den sie drinnen ungemindert fortsetzte, die große

Schießerei, die alsbald ohne jeden Grund losging, und das sinnlose

Ansetzen der Schützen überzeugten mich, daß bei dieser Jagd nichts

herauskommen konnte.

So beschloß ich denn, mich in der Umgebung meines Standplatzes genau

umzusehen. Ich war in einer durch Holztrieb entstandenen Lichtung

des Eichenwaldes postiert. Auf dem laubbedeckten Boden lagen einzelne

gefällte Stämme, rings umher standen noch prachtvolle alte Baumriesen.

Am Himmel zogen große Wolken und ließen dann und wann einen blauen

Flecken klar werden. Damit wurden auch die roten Buchenwälder der

höheren Region und über ihnen die Schneeflächen der Matten zeitweise

sichtbar. In der Hauptsache blieb es aber ein trüber Tag.

Es dauerte gut zwei Stunden, bis die übrige Jagdgesellschaft und die

Treiber herankamen. Trotzdem erlosch das Getöse in den Tälern nicht.

Waren je Wildschweine im Gebiet, sie hatten sich sicher längst in

stillere, verborgenere Gegenden zurückgezogen. Soviel ich suchte, ich

fand keine Spuren, keine Losung, keine Andeutung, daß je Wildschweine

hier gehaust hatten. Kein Tier irgendeiner Art brach durch den Wald.

Außer dem Lärm, den die Menschen machten, herrschte tiefste Stille. Es

hätten weihevolle Stunden sein können, in dieser stillen, winterlichen

Einsamkeit des Bergwaldes.

Ein wenig genoß ich davon, als ich bis zum Schneerand anstieg und mich

dort ruhig eine Zeitlang hinsetzte. Kein Tier regte sich im Gebiet,

kaum ein Vogel flog vorbei, nur ein Specht trommelte in der Ferne. Ich

wälzte Steine, löste Rinden von alten Bäumen. So fand ich Hackstellen

des Spechtes; unter einem losgelösten Rindenstück fand ich etwa 50

schwarzrot gefleckte Blattwanzen im Winterquartier. Ähnlich fand ich

solche Wanzen auch an anderen Stellen in Mazedonien. Es sind dies

+Aradiden+, Rindenwanzen, deren geselliges Leben und gemeinnütziges

Überwintern auch sonstwo beobachtet ist. Unter Steinen fand ich eine

Anzahl Spinnen. Es waren junge Exemplare einer Wolfsspinne (+Lycosa+

sp.).

Sonst war es hier oben in einer Höhe zwischen 1200-1500 m noch ohne

jedes Tierleben. Ich genoß die schöne frische Luft und meine Einsamkeit

und war froh, als die Jagdgesellschaft enttäuscht sich wieder

versammelte und den Rückmarsch zu unserem Gastfreund nach Dubrava

antrat.

Da unten erwartete mich Besseres; denn schon beim Aufstieg hatte ich

bemerkt, daß weiter unten das Vogelleben des Frühlings schon seinen

munteren Anfang genommen hatte. Am Rande des Waldes, wo dieser in die

Kulturlandschaft überging, da tönten schon die Lockrufe und der Gesang

von vielen Vögeln. Überall huschte es in den Kronen, kletterte es auf

den Stämmen. Auf den hohen Eichen sah man _Baumläufer_ sich verfolgen

(+Certhia familiaris familiaris+ L.), zahlreich waren die Kleiber

(+Sitta europaea caesia+ Wolf), auch schon Männchen und Weibchen

gepaart. Sehr zahlreich waren die _Trauermeisen_ (+Parus lugubris

lugubris+ Temm.), die auf den hohen Bäumen am Waldrand lärmten. Dort

waren auch kleine Flüge der _Nonnenmeise_ (+Parus communis fruticeti+

Wallengr.). Und überall trieben sich in großen Mengen _Schwanzmeisen_

(+Aegithalos caudatus macedonicus+ Dress.) umher.

Ging man aus dem Wald heraus, so kam man auf eine Wiese, auf der sich

Obstbäume, vor allem Apfelbäume mit dicken Knospen erhoben. Die Wiese

war vom Schmelzwasser des Schnees sehr naß und noch dürr und braun.

Trotzdem war in den Bäumen ein Lärmen und Singen im Gange, daß man

den ganzen Frühling im Herzen spürte. _Amseln_ und _Drosseln_ freuten

sich da ihres Lebens und waren zum Teil schon beim Nesterbauen.

Sehr drängte sich mit ihrer schallenden Stimme die _Balkanamsel_

vor (+Turdus merula aterrima+ Mad.), in zahlreichen Paaren war die

_Misteldrossel_ vertreten (+Turdus viscivorus viscivorus+ L.). Und fast

ebenso zahlreich waren die Pärchen der _Ringdrossel_ (+Turdus torquatus

alpestris+ Bg.). Auf dem Heimweg am nächsten Morgen war die Vogelwelt

nicht weniger lebhaft. Zwischen den _Meisen_ unten im Tal, in den

Büschen erregte meine besondere Freude ein ganzer Flug von _Gimpeln_.

Mit ihrem silbergrauen Rücken, ihrem roten Brüstchen, ihrem dunkelen

Schnabel machten sie einen sehr feinen Eindruck. Wer hätte gedacht, daß

wenige Tage darauf tiefer Schnee das Land wieder bedeckte, und all den

Vögeln da oben die Lenzesfreude bös versalzen war.

Höchst feierlich war unser Abschied von den albanischen Gastfreunden.

Sie begleiteten uns zu ihrem Haus hinaus, schüttelten uns die

Hände und unser Oberarzt, sowie ich, offenbar für den Alten die

Angesehensten der Gesellschaft, wurden von ihm mit dem albanischen Kuß,

dem Aneinanderlegen der Wangen, verabschiedet. Flott liefen unsere

Pferdchen den Berg hinunter. Nachmittags bestiegen wir in Kazanik den

Zug, der uns abends wieder nach Üsküb ins Standquartier brachte. Ich

war zufrieden, diesen Blick ins intime Leben der Albaner getan zu haben.

Während dieser Tage waren wir mit keiner Frau zusammengekommen. Zwei

verschleierte Wesen waren in Kazanik vor uns geflohen. Im Haus unserer

Gastfreunde hatten wir, obwohl sie im anderen Teil des Hauses wohnten,

von Frauen nichts gesehen noch gehört.

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DER WODNO, DIE TRESKASCHLUCHT UND DAS KLOSTER MARKOVA

Schon an einem der ersten Tage, die ich in Üsküb weilte, Mitte Mai

1917, hatte ich einen Spaziergang auf den 1000 m hohen Berg, der

sich südlich der Stadt erhebt, auf den _Wodno_ unternommen. Damals

schon konnte ich in den wenigen Stunden eine Anzahl interessanter

Beobachtungen machen.

Am Fuß des Berges liegt der _slavische Friedhof_. Alle diese

mazedonischen Gräberstätten machen auf uns Deutsche einen ungeordneten

und vernachlässigten Eindruck. Die Gräber liegen kreuz und quer

durcheinander; sie bestehen aus kastenförmig zusammengesetzten

Steinplatten, sind meist ohne Inschriften, unregelmäßig gebaut, oft

etwas zerfallen. Dazwischen wachsen regellos Gras und Kräuter und

allerhand Büsche. Hier in Üsküb beschatteten stattliche Bäume die

Gräber. Die Umgebung war nicht reinlich gehalten und gar im Sommer,

wenn die Pflanzen verdorrt und Gräber und Bäume verstaubt waren, machte

die Stätte einen unfreundlichen und unfriedlichen Eindruck.

Das Seltsamste sind aber die Besucher des Friedhofs. Sie machen ihren

Toten regelrechte Besuche. In Feiertagsgewändern, hier am Rand der

Stadt, teils städtisch, teils ländlich gekleidet, kommen sie mit Körben

und Paketen voll Eßwaren zum Friedhof heraus. Auf den Grabstätten

lagern sie, packen ihre Sachen aus und es beginnt eine allgemeine

Speisung. Für den Toten wird sein Anteil auf sein Grab gelegt. Dabei

geht alles ganz behaglich zu, als mache man bei einem Lebendigen

seinen Besuch. Man hat den Eindruck, als weckten die Leute alte

Erinnerungen an den Toten bei solcher Gelegenheit so sehr auf, daß sie

sich vorstellen, er weile in ihrer Gegenwart. Selten, wenn der Tote

erst seit kurzem im Grabe liegt, ertönen Klagen. Gebete werden stets

gesprochen. Bei Beerdigungen ist der Pope dabei, es wird allerlei Pomp

entfaltet und Gesänge von weicher, melancholischer Art, auch laute

Klagen erschallen dann.

Hinter dem Friedhof geht es steil auf Saumpfaden und engen Steigen den

Berg hinan. Wie oft bin ich auf diesem Berg herumgestreift und was gab

es da alles zu beobachten und zu bewundern.

Der _Wodno_ ist ähnlich wie die _Plaguša Planina_ das Musterbeispiel

eines mazedonischen Gebirges von etwa 1000 m Höhe. Charakteristische

Unterschiede bringen hier die etwas nördlichere Lage und der größere

Quellenreichtum mit sich. Außerdem ist der Gesteinsuntergrund ein

abweichender. Im unteren Teil liegen Alluvionen des Wardar, darüber

Marmor, Kalk und Schiefer. An seinen Abhängen sind drei deutliche

Terrassen erkennbar.

Wald ist hier infolge der Nähe der großen Stadt noch weniger erhalten

als in der Plaguša. Wo Wasser ist, an den Schluchten und in der Nähe

der Ortschaften, sind größere Baumbestände vorhanden. So sind die

Dörfer von stattlichen Obst- und Nußbäumen, Pappeln, Erlen und Weiden

umgeben. In der Nähe des Dorfes Neresi befindet sich ein stattlicher

Hain von _Edelkastanien_ (Abb. 173, S. 355), der einzige, den ich

in Mazedonien sah, außer einem bei Kalkandelen im Sarskatal. In dem

westlichen Teil des Bergzuges, gegen die Treskaschlucht zu, mehren sich

Bestände von Eichen und Buchen, die aber stets ziemlich licht sind,

höchstens Wäldchen, keine Wälder bilden.

[Illustration: Prof. _Müller_ phot. Abb. 168. Alter mazed.-bulgarischer

Friedhof in Pletvar.]

Zu allen Zeiten des Jahres gab es auf dem Wodno etwas Interessantes

zu beobachten. Im ersten Frühling waren auch hier, wie unten in

Üsküb, _Spinnen_ besonders häufig; im Kapitel über die Spinnenfauna

Mazedoniens habe ich auch die Arten erwähnt, die auf dem Wodno

vorkommen. Von Arten, welche ich unten im Tal nicht antraf, erwähne ich

den _Weberknecht_ (+Metaphalangium propinquum+ Luc.), von dem ich hier

oben schon im April ein junges Männchen fand. Von echten Spinnen stieß

ich ebenfalls Anfang April auf die Springspinne (+Hyctia canestrinii+

Canest. u. Pav.), von _Wolfsspinnen_ auf die stattliche +Lyçosa

amentata+ (Clerk), welche sonst im Süden Mazedoniens häufiger war.

_Röhrenspinnen_ waren auch oben nicht selten, so die große +Tarentula

praegrandis+ C. L. Koch. Unter den Steinen fanden sich außer allerhand

Spinnen viele _Juliden_ und _Skolopender_, auch _Skorpione_ der Art

+Euscorpius carpathicus+ L. Unter anderen Steinen gab es zu dieser Zeit

zahlreiche langhörnige Käfer aus der Gattung +Dorcadion+, die jetzt im

Frühjahr in vielen Arten auftrat, während ich im vorigen Sommer nur

zerfallene Reste von ihnen gefunden hatte.

Die ersten _Frühlingsschmetterlinge_ sahen nicht viel anders aus als

bei uns; auch hier flogen zuerst _Zitronenfalter, Weißlinge_, kleine

_Füchse_ und vor allem der unvermeidliche _Distelfalter_, dieser

häufigste Tagschmetterling Mazedoniens.

Beim Aufstieg kam man durch blühende Hecken, in den Dörfern blühten

die Obstbäume. Weiße und gelbe _Krokus_ sproßten zwischen den Büschen,

Veilchen dufteten und etwas später tauchten zahlreiche _Anemonen_

auf. Einen wundervollen Kontrast zu den fernen schneebedeckten Bergen

bildeten die sanft grünenden Weiden und Pappeln, die blütenbedeckten

Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenbäume, später die Apfel- und

Birnbäume.

Winterlicher wurde der Eindruck, stieg man im April in die

Gipfelregionen des Wodno, dort waren die Flächen noch braun und kahl;

nur in windgeschützten Mulden hatten die Büsche ausgetrieben. An einer

solchen Stelle konnten wir interessante Beobachtungen machen. Nahe

dem Gipfel fanden sich alle Sträucher bedeckt von tausenden kleiner

Käfer. Es war unser _Marienkäfer_, der _Siebenpunkt_ (+Coccinella

septempunctata+ B.), der gerade aus seinem Winterquartier mobil wurde.

So ließ sich hier feststellen, daß dieser Käfer in Mazedonien im

Winter auf Berggipfeln Massenquartiere bezieht. Das tut er wohl auch

in Deutschland; wenigstens ist im Riesengebirge entsprechendes schon

gesehen worden. Aber in Mitteleuropa hat man bisher kaum auf dies

Verhalten geachtet.

Mir fielen damals gleich die interessanten Beobachtungen ein, welche

in Kalifornien an einer +Coccinellide+ gemacht und wirtschaftlich in

sehr kluger Weise ausgenutzt wurden. Die Art +Hippodamia convergens+

überwintert dort in Mengen im Gebirge, während sie im Sommer in der

Ebene als Blattlausvertilgerin in den ausgedehnten Melonenpflanzungen

eine sehr nützliche Arbeit tut. Die amerikanischen Entomologen haben

diese biologischen Eigentümlichkeiten ihrer einheimischen Art rationell

ausgenützt. Im Winter werden von eingelernten Sammlern die Käfer in den

vorher erkundeten Winterquartieren eingeheimst, in kalten Räumen bis

zum Frühsommer aufgehoben und dann in bestimmt zugemessenen Portionen

auf den Melonenfeldern ausgesetzt.

Das hat sich als sehr erfolgreich und gewinnbringend bewährt, ist

zu einer Dauerorganisation gemacht worden und wird mit Nutzen in

Kalifornien weiter betrieben. Wenn ich an die Melonenfelder unten im

Wardartal dachte und an die Möglichkeiten eines zukünftigen größeren

Betriebes durch die Bulgaren, so nahm ich mir sofort vor, ihnen unsere

Entdeckung mitzuteilen. Leider entwickelte sich alles anders als man

damals hoffte.

Vom Gipfel des Berges zieht sich der Kamm zu immer höheren und

unwirtlicheren Felsenmassen hin, die schließlich in ungeheurem Absturz

zum Tal der _Treska_ abfallen. Dieses stellt eine der majestätischsten

Schluchten in dem an solchen Schaustücken so reichen Mazedonien dar.

Als im Februar die Sonne einen trügerischen Frühling über das Tal von

Üsküb gezaubert hatte, habe ich einen Ausflug mit einigen deutschen

Ärzten in die _Treskaschlucht_ und an ihren Westhang unternommen.

Mächtig strömt die _Treska_ aus der schattigen Klamm hervor, deren

Wände 600-800 m hoch fast senkrecht zu beiden Seiten aufsteigen. Welche

Arbeit hat das Wasser da wohl in Jahrtausenden geleistet, um das harte

Gestein bis zu dieser Tiefe durchzubohren. Auf beiden Seiten führen

steile Saumpfade hoch in die Felsen hinauf, wo zwei einsame Bergklöster

sicher jahrhundertelang eine Zuflucht der mazedonischen Christen waren.

Heute liegen beide in Ruinen.

Das eine von ihnen, _Sveti Nedelja_, war unser Ziel. Auf steilen Pfaden

klommen wir die Hänge entlang. Einige junge Albaner, Hirten, welche wir

unterwegs antrafen, trugen uns unseren Proviant hinauf und zeigten uns

den Weg, der allmählich bis zu einer Höhe von 800-900 m uns führte.

Hier waren die Hänge unten von einer eigenartigen Buschvegetation

bedeckt, die aus _Buchsbaum_ (+Buxus sempervirens+ L.) bestand. Auf

dem vergilbten Rasen erhoben sich Gruppen dieser dunklen Büsche; in

den oberen Teilen zeigten ihre Blätter noch ihr glänzendes Dunkelgrün,

während sie unten durch den Winter dunkelrotbraun gefärbt waren, so

daß sie fast aussahen, als wären sie aus Bronze gegossen. Zwischen dem

Buchs standen _Wacholdersträucher_, die zum Teil baumartig gewachsen

waren und in ihren Umrissen fast an Kiefern erinnerten (+Juniperus

communis+ L.).

Später im Jahr, im Juni, blühte in der Treskaschlucht außer anderen

eigenartigen Pflanzen die schöne, eigenartige +Ramondia serbica+

Pančič. mit ihren großen rosaweißen Blüten in einem Kranz dunkler

Blätter zwischen dem grauen Gestein, ein schönes Bild darbietend.

Jede Wendung des Steigs brachte neue wilde Gebirgslandschaften.

Stellenweise konnte man weit in die gewaltige Klamm hineinschauen, die

nach Süden eng und hoch sich hinzog. Ihre Wände stiegen in Absätzen

fast senkrecht in die Höhe; auf den Vorsprüngen standen Bäume und

Büsche und von ganz oben sahen wir tief hinunter auf die Ruinen von

Kirche und Kloster von _Sveti Nikola_. Wie auf einer aus den Felsen

hervorragenden Plattform lagen die Gemäuer auf einer kleinen Fläche

höchst malerisch in der Felsenwildnis am rechten Ufer der Treska,

während wir am linken emporkletterten.

Da lag nicht weniger romantisch das Kloster _Nedelja_ an den Felsen

angeklammert vor uns. Die Vorliebe der slavischen Mönche für bizarre

Felsenlandschaften hatte hier sich ausleben können. Heute war es noch

schwerer, von einem Mauerrest zum anderen zu gelangen als einstmals,

als noch hölzerne Treppen und Galerien sie verbanden. Die Trümmer

hingen ziemlich isoliert, zum Teil über tiefem Abgrund, umwuchert von

Brombeersträuchern, Rosenhecken und Buchsbaum. Reste von Türmen und

Arkadengalerien waren noch zu erkennen. Auch hier in der Höhe waren die

Mauern zum Teil aus Felsgestein mit wagrechten Zwischenlagen aus roten

Ziegeln gebaut.

Die Mönche hatten auch hier die Lage für schöne Aussichten gut gewählt.

Auf kleinen Balustraden, über dem Abgrund hängend, hatte man großartige

Blicke die Schlucht aufwärts, in ihre Tiefe, aus der der Fluß nur leise

zu uns herauf brauste und vor allem zur Schlucht hinaus in das Tal von

Üsküb. Man sah drunten den Zusammenfluß des _Wardar_ mit _Treska_ und

_Lepinatz_, die Felder und Baumgruppen der Talfläche, jenseits die

Hänge des _Karadakh_, ein schönes, farbiges Bild. Während wir oben

verweilten, kreisten fünf mächtige Mönchsgeier über uns und tauchten

oft tief in die Schlucht hinein, so daß wir von oben auf ihre Rücken

und ihre schimmernden Flügelfedern blicken konnten.

Im Mai wurde es immer reizvoller auf dem Wodno. Eine Menge

interessanter blühender Pflanzen entzückten den Botaniker, so

+Astragalus fugioniferus+ Fisch. und +Genista nyssana+ Petr. Im

Dörfchen _Oberwodno_ bildeten Erlen, Weiden und andere Büsche einen

dichten Hain um einen kleinen Bach, in welchem die Frauen des Ortes

ihre Wäsche wuschen. An den Obstbäumen hingen schon reifende Früchte.

[Illustration: Abb. 169. Treskaschlucht von Sv. Nedelja gesehen.]

Auf den Wegen wälzten die heiligen _Skarabäen_ ihre Mistkugeln und

eine Fülle von Bienen beflogen die Blüten. Vor allem auffallend waren

solitäre Bienen mit langen Fühlern, Vertreter der Gattung +Eucera+, und

Arten von +Andrena+ und +Halictus+ sah man in ihren Löchern im Boden

ein- und ausfliegen.

Um einen Begriff von der Mannigfaltigkeit, die mir manchmal an einem

Ort entgegentrat, zu geben, führe ich die Bienenarten einzeln an, die

nach den Bestimmungen von Dr. _Friese_ damals am Wodno von mir gefangen

wurden: von +Eucera+ die Arten +E. seminuda+ Bz. und +E. caspica+ var.

+peregi+ Moos., von +Halictus+ die charakteristischen Vertreter +H.

quadrinotatus+ K., +malachurus+ K. und +rufocinctus+ K. Noch reicher

war die Gattung +Andrena+ vertreten, und zwar mit sieben Arten (+A.

thoracica+ F., +A. pectoralis+ Perez, +A. bimaculata+ var. +apiformis+

Kriechb., +A. gwynana+ K., +A. ephippium+ var. +macedonica+ Friese n.

var., +A. flavipes+ K., +A. taraxica+ Gir.). Gerade dort war es auch

möglich, das Vorkommen von zwei Generationen im Jahre bei einigen

Arten, so +Andrena thoracica+ F. und +pectoralis+ Perez, von denen je

eine Generation im April und eine im Juli flog.

Dieselbe Feststellung gelang bei +Anthophora crinipes+ Sm., von der

auch beide Generationen auf dem Wodno gefunden wurden; und die gleiche

Beobachtung wurde auch bei +A. acervorum+ L. gemacht.

Damit war die Menge der Wodnobienen noch nicht erschöpft. Im Frühjahr

flogen noch +Ceratina cyanea+ K., +Osmia cornuta+ L. und im Hoch- und

Spätsommer kam noch eine ganze Anzahl dazu, so +Osmia notata+ F., +O.

dimidiata+ Mor. Vier Arten von +Megachile+ (+M. lagopoda+ L., +M.

leucomalla+ Gerst., +M. apicalis+ Spin., +M. argentata+ L.), ferner

noch +Anthidium cingulatum+ Latr.

Auf die Gefahr hin, manchen Leser etwas zu langweilen, habe ich diese

lange Liste hier eingefügt, um zu zeigen, wie vielseitige Aufgaben dem

Naturforscher dort im Lande überall sich boten.

Im Mai und Juni besuchte ich auch die Südseite des _Wodno_ und kam

öfter bei den Vorbereitungsexpeditionen für die große Forschungsfahrt

in die _Golesniza_ Planina ins Kloster _Markovo_. Man erreichte es am

besten auf einem Weg, der über den östlichen Sattel des Wodno in das

Tal der _Markova Reka_ führte. Am Abhang lag das Dorf _Kisela-Voda_,

bei welchem Dr. _Gripp_ interessante Pflanzenversteinerungen entdeckte.

Entweder durch das Tal des Markovabachs oder über die Hänge des Wodno

gelangte man in ein engeres Stück des Tals, in welchem an einem

lößartigen Hang inmitten von Pappeln und Weiden, von grünen Wiesen

umgeben, das malerische gastliche Kloster lag.

Es ist dem _heiligen Dimitri_ geweiht, so auch die malerische Kirche in

ihm, welche aus der Serbenzeit Mittelmazedoniens stammt. Daher ist sie

in Bau und Stil erheblich verschieden von der älteren Kirche in Neresi

(S. 365). Auch diese Kirche ist reich ausgemalt; die Malereien sind

zwar zum Teil überschmiert, aber besser erhalten als in Neresi. In der

Apsis finden sich Darstellungen von Heiligen und Engeln.

Am Bach lag ein großer Lehmschuppen, dessen Wand für den Zoologen

außerordentlich interessant war. Ich besuchte ihn zweimal, um dort

zu beobachten und zu sammeln. Oft hatte ich in Mazedonien Wände voll

der Nester von einsam lebenden Bienen gesehen. Beim Anstieg zur

Klosterruine _Sv. Nedelja_ in der _Treskaschlucht_ waren die sandigen

Wände neben dem Weg zum Teil ganz porös gewesen von den Nestern von

+Anthophora+ und ähnlichen Bienen. Damals schon, in den ersten Tagen

des Februar, waren die ersten dieser Bienen ausgeflogen, und zwar

waren es damals nur Männchen gewesen, welche wohl vergeblich auf das

Ausfliegen der Weibchen gewartet hatten. Denn in jenen Tagen hatte der

harte Winterrückschlag eingesetzt.

[Illustration: Dr. _Gripp_ phot. Abb. 170. Kloster Markovo (Sveti

Dimitri).]

Im Juni an der Lehmmauer bei _Markovo_ sah es anders aus; da flogen

nur Weibchen. Die hier wohl rechtzeitig ausgeflogenen Männchen waren

längst gestorben und hatten die Weibchen bei der Arbeit des Bauens und

Pflegens der Brut allein gelassen. Diesmal waren die Bienenweibchen in

eifrigster Tätigkeit.

[Illustration: Abb. 171. Klosterhof von Markovo. Tabak zum Trocknen und

Gähren aufgehängt.]

Mazedonien · 第 26 / 45 段