An den Abfallhaufen der Korpsschlächtereien konnte man oft auch

_Mönchsgeier_ (+Aegyptius monachus+ L.) und den _Aasgeier_ (+Neophron

pernopterus pernopterus+ L.) beobachten. Es war ein phantastischer

Anblick, wenn die riesigen Vögel sich um die Reste der geschlachteten

und gefallenen Tiere balgten. Ein wüstes Geschrei erhob sich um die

Abdeckereien herum, wenn die Tiere sich hoch aufrichteten, den nackten

Hals zurückbogen und die breiten Federn ihrer Flügel weit auseinander

spreitzten. Auch diese beiden Arten kamen in den Sumpfwald zum

Schlafen.

Es ist das eine stattliche Schar großer Vogelarten, welche ich damit

verzeichne. Für mich als Zoologen gehört es zu den starken Eindrücken,

die ich von Mazedonien mitnahm, so viel von der Vogelwelt beobachten

zu können. Überall erblickte man Adler und Geier; bei jedem Ausflug in

die Berge sah man entweder die Paare der Adler in mächtigen Kreisen

hoch oben nahe den Wolken streichen, oder man konnte ganze Scharen

von Geiern tief herabschweben und sich auf ein Aas stürzen sehen.

Auch die Mengen von Vögeln, die oft von einer Art sich an einem Ort

versammelten, waren überwältigend. Wie belebt ist die Luft noch in

den Ländern Europas, in denen noch nicht die Eisenbahnschienen das

ganze Land, Telegraphen- und Telephondrähte die Luft durchkreuzen und

hunderte von Fabrikschornsteinen sie verpesten und den Beherrschern der

Lüfte die freie Bahn sperren.

Einen nicht geringen Beitrag zu diesen Erlebnissen lieferte die Gegend

des _Katlanovosees_. Im Sumpfwald waren _Falken, Weihen, Sperber_

und _Bussarde_ noch häufiger als ihre großen Vettern. Eine große

Rolle spielen dort auch die _Eulen_. Oft streifte ich bis tief in

die Dämmerung durch die Büsche. Dann flogen nicht selten allerhand

Eulenarten leichten Fluges über meinen Kopf dahin.

Eine eigenartige Beobachtung konnte ich an _Waldohreulen_ (+Asio otus

otus+ L.) machen. Als ich eines Tages durch ein dichtes Gebüsch drang,

flog ein Schwarm von etwa 12 Exemplaren dieser Art vor mir auf. Ich

schoß ihrer zwei herunter, die anderen verschlüpften sich so tief in

die Büsche, daß ich keine mehr von ihnen an diesem Abend auftreiben

konnte. Als ich am nächsten Tag dieselbe Stelle aufsuchte, trieb ich

offenbar denselben Schwarm wieder auf. Ich wiederholte meinen Besuch in

den nächsten 14 Tagen, es war Mitte April, mehrmals und fand die Tiere

jedesmal in demselben Buschstück. Es war dies offenbar ihr Schlafplatz,

wo sie vor der Paarungszeit in Gesellschaft schliefen. Schließlich habe

ich sie doch vertrieben, da ich mehrmals eine wegschoß.

Auch die _Zwergohreule_ (+Otus scops scops+ L.), sowie die

_Sumpfohreule_ (+Asio flammeus flammeus+ Pontopp.) waren bei Üsküb

nicht selten. Von Käuzen fanden sich der _Steinkauz_ (+Carine noctua

indigena+ Brehm) und der _Waldkauz_ (+Strix aluco aluco+ L.) nicht

selten in der Umgegend von Üsküb; in der Stadt selbst sah ich einmal

einen gefangenen _Rauhfußkauz_ (+Cryptoglaux funerea funerea+ L.). Mehr

mit Käuzen hatte ich im Jahr vorher in _Kaluckova_ zu tun gehabt, wo

wir sie zur Untersuchung ihrer Blutparasiten lebend hielten.

Der _Uhu_ (+Bubo bubo bubo+ L.) ist in Mazedonien ein sehr häufiger

Vogel. Nicht selten wurden von unseren Soldaten seine Nester

ausgenommen und die Jungen in Käfigen aufgezogen.

Daß im Sumpfwald allerhand Kleinzeug von Vögeln vorkam, ist nicht

verwunderlich. Der _Wendehals_ (+Jynx torquilla torquilla+ L.) trieb

dort sein munteres Wesen. An den Stämmen lief der _Baumläufer_

(+Certhia brachydactyla brachydactyla+ Brehm) lebhaft auf und ab. Auch

der _Kleiber_ holte sich an den Tümpeln Lehm zum Bau seines Nestes

(+Sitta europaea caesia+ Wolf). Ein reiches Leben von _Meisen_ huschte

durch die Baumkronen, allerhand Arten, so die _Kohlmeise_ (+Parus

major major+ L.), die _Blaumeise_ (+P. coeruleus coeruleus+ L.) und

_Sumpfmeise_ (+Parus palustris stagnalis+ Br.). Sehr lebhaft waren die

_Schwanzmeisen_, von denen hier zwei Formen, wie fast überall, häufig

waren (+Aegithalus caudatus+ L. und +Aegithalus caudatus mazedonicus+).

Alle waren sie beim Nestbau. Besondere Freude machten mir die

_Beutelmeisen_, welche hier wie am See selbst zahlreich vorkamen und

deren sorgfältig gebaute Nester an den Büschen und am Schilf hingen.

Manchen schönen Abend verbrachte ich hier im Wald, die Vögel

beobachtend. Durch die noch kaum belaubten Bäume strahlte der gelbe

Himmel hindurch, blau leuchteten die Berge und wurden immer blauer,

während es im Gebüsch und in den Baumkronen immer stiller wurde und

all die munteren Vögel ihre Schlafplätze aufsuchten und nur die Eulen

stillen Fluges durch die Lüfte strichen.

Zum See selbst war vom Sumpfwald aus noch ein gut Stück Landstraße

zurückzulegen. Dürre Felsenhügel mit niederen Büschen begleiteten den

Nordrand der Straße. Von ihnen flog gelegentlich eine Felsentaube

herüber (+Columba livia+ L.). Den _Katlanovosee_ erkannte man als

solchen erst, als man ihm ganz nahe war. Jenseits, im Süden, ragten die

Randberge des Wardartales auf, welche bis dicht an den See herantraten.

Von der Landstraße aus ging es flach über eine sandige Ebene zum See,

dessen Wasserfläche man vor Pflanzenwachstum kaum irgendwo erblickte.

Ein Meer von Schilf und Röhricht breitete sich vor meinen Augen aus, im

Frühjahr dürr und gelb, später im Jahr prächtig grün.

Wenn am frühen Morgen ein frischer Wind durch das Röhricht strich,

ging ein Rauschen über die ganze Fläche, das in der Ferne sich

verlor, um irgendwo wieder anzuheben. Eine eigenartige Musik ging von

diesem See aus. Allerhand Geräusche tönten aus dem Schilfmoor heraus.

Fast dröhnend wie Paukenwirbel drang geheimnisvoll anschwellendes

Rauschen aus den Herzen der Schilfwälder hervor. Waren es Scharen von

Wildgänsen, Enten oder Wasserhühnern, welche das Röhricht durchbrachen,

das Wasser aufwühlten, indem sie in wilder Flucht vor dem nahenden

Menschen sich davonmachten?

[Illustration: Dr. _Nachtsheim_ phot. Abb. 165. Alter Einbaum im

Katlanovosee. Dahinter Wasserschierling und Röhricht.]

Es war kein leichtes Gelände, um Tiere zu beobachten und zu erjagen,

dieser See, dessen seichtes Wasser fast ganz überwachsen war und nur

stille einsame Lichtungen weit draußen offen gelassen hatte. Am Ufer

waren einige kleinere Becken zu entdecken, in denen alte Einbäume,

morsche Fischerkähne im Wasser versunken lagen. Der Krieg mußte die

Fischer vom See vertrieben haben; denn auch die kleinen Schilfhütten am

Ufer und auf Sandbänken im Innern des Schilfwaldes waren verfallen und

vernachlässigt.

Bei unserem ersten Erkundungsausflug lagerten wir an einer sandigen

Bucht, in welcher ein solcher Kahn lag. Rasch hatte mein Assistent

sich ausgezogen und suchte das Boot zu heben und mit seiner Mütze

auszuschöpfen. Dazwischen fing er mit dem Handnetz Wasserkäfer und

allerhand Schwimmwanzen, die in Menge im seichten Wasser herumschwammen.

Plötzlich stürzte er erschreckt ans Ufer; Blut lief an vielen Stellen

von seinen Schenkeln herab, an seinem Körper hingen fast ein Dutzend

Blutegel. Noch hatten sich die Bestien nicht ganz fest angesaugt,

so daß es gelang, ihn schnell davon zu befreien. Es war der echte

medizinische _Blutegel_ (+Hirudo medicinalis+ L.), welcher den See

für uns außerordentlich schwer zugänglich machte. War ein Vogel

geschossen, so fiel er im Schilf nieder und es kostete Zeit, ihn

aufzufinden. In dieser Zeit saugten sich überall im See Blutegel an

den Jäger und so mußte überlegt werden, wie man einen Kahn flott

machen konnte, um ungefährdet ins Innere der Schilfwälder zu gelangen.

Es gelang schließlich, und auch ein primitives Ruder wurde aus einem

Brett geschnitzt. Aber oft mußte man doch aus dem Kahn heraus, um das

Netz einzuholen oder den gefallenen Vogel zu suchen. So hat jeder von

uns seine Portion Blut opfern müssen, um die Erforschung des Sees

durchzusetzen. Es ging auch so und manche interessante Beobachtung

wurde erzielt.

Mit großem Geschrei flogen zahlreiche _Rohrweihen_ (+Circus aeruginosus

aeruginosus+ L.) über dem Röhricht, mit Gebrause sich aus ihm

erhebend und in die Tiefe sich stürzend. Zwei Ammern trieben sich

mit grellem Geschrei im Schilf herum, die _Rohrammer_ (+Emberiza

schoeniclus canneti+ Br.) und eine größere _Gimpelammer_ (+Emberiza

schoeniclus reiseri+ Hart.). Im dürren Gras am Ufer liefen am Boden

_Schafstelzen_ (+Budytus flava feldeggi+ Michah.) und _Kalanderlerchen_

(+Melanocorypha calandra calandra+ L.) umher.

Es war ein reiches Leben um das Schilfmeer und in ihm; es gab viel zu

beobachten und zu erbeuten. Im Mai tauchten viele Drosselrohrsänger

(+Acrocephalus arundinaceus arundinaceus+ L.) auf, deren Gesang die

Luft erfüllte; auch der _Sumpfrohrsänger_ (+A. palustris+ Bechst.) ließ

sich erbeuten, ebenso der _Schilfrohrsänger_ (+A. schoenaboenus+ L.).

Alle diese machten ein großes Wesen im Schilfwald; ihre Nester waren

vielfach am Schilf zu beobachten und im Sommer gab es viel junge Brut.

Die Tiere waren fast ungestört und wurden nur hier und da von einem

Sperber oder einem anderen Raubvogel erbeutet.

In großen Mengen kommen im Sumpf um den See die _Lachfrösche_ (+Rana

ridibunda+) vor und waren eine beliebte Kost für die zahlreichen

_Störche_ und anderen Stelz- und Wasservögel, von denen viele zur

Beobachtung gelangten und von uns und den jagenden Offizieren erbeutet

wurden. Ein prachtvolles Tier war der _Löffelreiher_ (+Platalea

leucorodia leucorodia+ L.) mit seinem leuchtend weißen Gefieder

und seinem fleischfarbenen breiten Schnabel und Kehlsack. Offenbar

waren Nester mitten im Röhricht, zu denen die Tiere immer wieder

niederflogen. Es war aber unmöglich, mit den morschen Kähnen so tief in

das Schilfgewirre einzudringen. Ebenso brüteten im See _Fischreiher_

(+Ardea cinerea cinerea+ L.) und _Purpurreiher_ (+Ardea purpurea+

+purpurea+ L.), deren Nester man auch an unerreichbaren Stellen mit dem

Glas feststellen konnte.

Seltener waren im Jahre 1918 die _Rohrdommeln_ (+Botaurus stellaris

stellaris+ L.) geworden, welche im Jahr vorher noch sehr häufig gewesen

sind. Immerhin gelang es, diese im Frühjahrsröhricht mit seiner

gelbraunen Farbe kaum sichtbaren Vögel im Juni, als das Schilf grasgrün

war, mehrfach zu erbeuten.

Wundervolle, glänzende Tiere waren die purpurbraunen _Sichler_, die

Ibisse mit ihren schwarzen gebogenen Schnäbeln (+Plegadis falcinellus

falcinellus+ L.), welche recht zahlreich im dichten Dickicht vorkommen

und unzweifelhaft dort auch brüteten, wie aus den vielen jungen Vögeln

zu erschließen war.

Graziös stolzierten _Kraniche_ (+Megalornis grus grus+ L.) durch

die Gräser, ihren grauen Federbusch behaglich wiegend. Einen

gewaltigen Lärm machten auffliegend die _Wildgänse_ und _Wildenten_.

Außerordentlich häufig war im Winter 1917 die _Wildgans_ (+Anser anser+

L.), die _Saatgans_ (+Anser fabalis fabalis+ Lath.) und im Frühling bei

Üsküb die _Brandgans_ (+Tadorna tadorna+ L.).

Die vielen _Entenarten_, welche regelmäßig oder auf dem Zug vorkommen,

will ich nicht einzeln aufführen. Ich will nur die _Löffelente_

(+Spatula clypeata+ L.), die _Moorente_ (+Nyroca nyroca+ Güld.), die

_Spießente_ (+Dafila acuta+ L.), die _Tafelente_ (+Nyroca ferina

ferina+ L.) und die _Eisente_ erwähnen, welche allerdings nicht von

mir, einmal bei Üsküb erlegt wurde.

Verschiedene _Teichhühner_ konnten nicht mit Sicherheit identifiziert

werden, dagegen die _Wasserralle_ (+Rallus aquaticus aquaticus+ L.)

wurde am Rand des Katlanovosees mehrfach geschossen.

Das war eine reiche interessante Vogelwelt, die sich an den zahlreichen

Tagen, welche wir dem See und seiner Umgebung widmeten, uns darbot.

Dr. _Nachtsheim_ machte außerdem zahlreiche _Plankton_fänge, welche

_Copepoden, Daphniden_ und _Ostrakoden_ enthielten; sicher waren

darunter interessante Formen. Leider konnten sie nicht genau bestimmt

werden, da sie zu den wenigen Bestandteilen unserer Ausbeute gehören,

welche auf dem Rückzuge dem Feinde in die Hände fielen.

Dagegen blieben die reichen Spinnensammlungen erhalten, welche im

Schilfgebiet des Katlanovosees zusammengebracht wurden. Zwischen Schilf

und Röhricht fanden sich allerhand interessante Arten. Es war vor

allem im Anfang April 1918, daß ich dort sehr auf die Spinnen achtete.

Auffällig war, daß angesichts der Armut an Insekten sich auffallend

viele Spinnen im Röhricht herumtrieben. So flog am 2. April schon ein

+Theridium lineatum+ Clerck wie _Altweibersommer_ an langen Seidenfäden

durch die Luft. Es war ein auffallendes Tier mit drei dunkelbraunen

Streifen auf dem Rücken und je fünf solchen auf silberweißem Grund am

Kopf. Größere Exemplare der Art fanden sich am Boden.

Zwischen Rohrstengeln hatte eine Spinne denjenigen unserer Kreuzspinnen

ähnliche _Radnetze_ von nicht sehr großem Durchmesser ausgespannt. Es

war eine +Epeira cornuta+ Clerck., von der schon am 9. April Männchen

und Weibchen auf den Netzen beieinander waren. In Schilfhalmen selbst

wohnte +Hyctia canestrinii+ Can. und Pav. An solchen kletterte

+Dolomedes limbatus+ Hahn auf und ab, während +Pisaura mirabilis+

Clerck und +Drassus pubescens+ Thor. sich am Rand des Sees unter

Steinen fanden.

Später im Jahre kletterten vielerlei _Käfer_ aus der Gattung +Donacia+

auf den Schilfrohren herum; _Libellen_ in vielen Arten, tiefblau, grau,

rot, grün gefärbt, _Eintagsfliegen, Köcherfliegen_, flogen zwischen

den Halmen hindurch und über ihnen, während ihre Larven im Wasser sich

entwickelten. Kleine Fische, deren Vertreter auch verloren gingen und

die somit nur als +Leuciscus+-Arten bezeichnet werden können, schwammen

in ganzen Schulen an sonnigen, schilffreien Stellen des Sees.

Nicht immer war es möglich von Üsküb her mit dem Wagen den direkten

Weg zum See zu machen. Dann war die Hin- und Rückreise etwas

beschwerlicher. Man fuhr mit einem Bummelzug nach der Station

_Selenikovo_, von wo über die Hügel ein nicht reizloser Weg durch ein

insektenreiches Tälchen führte. Der Rückweg wurde dann durch die

Wardarschlucht, die sich zwischen _Taor_ und _Selenikovo_ erstreckt,

zurückgelegt. Bei Selenikovo war nämlich weithin die einzige Brücke

über den Wardar auf das rechte Ufer, auf welchem die Bahnstrecke lief.

Dort bestieg man nachts einen Güterzug, welcher etwa um Mitternacht auf

einer Zwischenstation von einem Personenzug eingeholt wurde, der einen

nach Üsküb zurückbrachte.

Am südlichen Ende des _Katlanovosees_ erhoben sich lehmige Hügel, im

Frühjahr üppig mit blühenden Pflanzen bewachsen, die von der üblichen

reichen Insektenwelt umflogen waren. An einem Hang, nicht weit vom

See, entdeckten wir in einer senkrechten Lehmwand eigenartige Löcher,

welche offenbar von Menschenhand gebohrt waren. Wir erfuhren, daß sie

von den Bewohnern der Nachbarschaft angelegt waren, um durchgegangene

Bienenschwärme einzufangen, die sich gern an dieser Lehmwand

niederließen (vgl. dazu S. 372 und Abb. 186).

[Illustration: Abb. 166. Kapelle und Friedhof von Taor.]

Wollte man durch die Wardarschlucht nach _Selenikovo_, so mußte man

das lange nach Südosten gestreckte Ende des Sees umgehen, um an seinem

Westufer den Durchbruch des Wardar bei _Taor_ zu erreichen, wo See und

Fluß nur wenig hundert Meter voneinander getrennt waren. _Taor_, am

Hügel gelegen, zwischen Obstbäumen gelagert, mit einer kleinen weißen

Kapelle auf grünem Rasen, war das Ziel der Sehnsucht vieler Juristen

der Armee, da es der Geburtsort des oströmischen Kaisers Justinian,

des Urhebers der Pandekten, ist. Wenige sind dort gewesen, da der Ort

sehr unbequem zu erreichen war. So sei diesen die von mir aufgenommene

Photographie der Kapelle von _Taor_ gewidmet (Abb. 166).

Dicht bei Taor beginnt nach der Üsküber Talweite die lange Velesenge

des Wardars, welche sich bis _Krivolac_ erstreckt. Ihre hohen

Felsenufer sind aus kristallinischen Schiefern, paläozoischen

Schiefern, mesozoischen Kalken, paläozoischen Flyschschiefern und

jungtertiären Ablagerungen in buntem Wechsel aufgebaut.

[Illustration: Abb. 167. Wardar bei Selenikovo.]

So entstehen reizvolle Felsenlandschaften von wechselnder Höhe und

mannigfaltiger Gestaltung und Färbung. Schön und reich ist auch die

Flora der Flanken dieser Enge. Kurz hinter _Taor_ ziehen sich steile

Abstürze von Kalkbergen bis _Selenikovo_ hin (Abb. 167). Die weißen

Hänge spiegelten sich im farbig vom Abendhimmel überstrahlten Wasser

des Wardar, welches hier von üppigem Buschwerk und stattlichen Bäumen

eingefaßt ist. Pappeln, Ulmen, Eschen, Erlen, viele Weidenbäume und

-büsche warfen bunte Schatten auf den Spiegel des Flusses, über den

die Büsche tief sich neigten. So ist mir die letzte Heimkehr vom

_Katlanovosee_ in schöner Erinnerung.

Nicht minder interessant waren Streifzüge in den Hängen des Wardartales

zwischen _Selenikovo_ und _Veles_. Kurz hinter Selenikovo begannen

Schieferberge, welche im Mai mit blühenden Sträuchern _wilden Flieders_

mit weißlichen und lila Blüten bedeckt waren. Es war die +Syringa

vulgaris+ L., deren Blüten kleiner sind und weniger stark duften, als

diejenigen des persischen und chinesischen Flieders, aber auch wie

jene bei uns als Ziersträucher angebaut werden. Auf den Felsen gab es

viele Schlangen und Eidechsen; Hasen und Felsenhühner sprangen vor dem

Kletterer auf.

Eine wundervolle Pflanze kam in den kristallinischen Schiefern kurz vor

Veles an den Steilwänden der Schlucht vor. Es war die der Christrose

ähnelnde, rosenrot gefärbte, von einer Rosette dunkelglänzender

Laubblätter umschlossene +Ramondia nataliae+, benannt nach jener

Königin Natalie von Serben, deren Namen einstmals so viel in den

Zeitungen Europas herumspukte, ein wohl nicht ganz berechtigter Name

für +Ramondia serbica+ Pančič.

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

BESUCH BEI DEN ALBANERN

Meine bulgarischen Freunde hatten den kühnen Plan, an den Abhängen des

Ljubotren eine Wildschweinjagd zu veranstalten. Ein alter Albaner,

ehemaliger Patient und seither treuer Anhänger des Dr. _Molloff_, hatte

eingeladen, bei ihm Quartier zu nehmen.

Es war um die Wende von Februar und März, als wir uns frühmorgens in

die Eisenbahn setzten, welche von Üsküb nach Nordwesten über _Prizren_

nach _Mitrowitza_ führt. Wir fuhren aber nur die 36 km durch das

_Lepenatztal_ bis _Kazanik_, einem kleinen Ort, welcher bei 425 m Höhe

am Fuß des Ljubotren gelegen ist. Es war eine interessante Fahrt durch

das tiefeingeschnittene Tal des Flüßchens, welches im flotten Lauf,

über Steine plätschernd, dem Wardar zufließt.

_Kazanik_ liegt sehr reizvoll vor dem noch tief mit Schnee bedeckten

Ljubotren, der allerdings bei unserer Ankunft in Wolken steckte. Hier

und da öffneten sich die Wolken, und wir konnten einen Blick auf weite

Schneefelder tun, welche sich jenseits der Waldzone ausdehnten. Kazanik

mit seiner weißen Moscheekuppel und seinem schlanken Minaret liegt

zwischen Bäumen eingebettet zu beiden Seiten des Lepenatzflusses, der

kurz unterhalb des Ortes in eine Schlucht eintritt. Der Zug hatte uns

vorher durch einige Tunnels geführt.

Den Ort durchfloß die Lepenatz als starker Bach mit steilen Ufern. Über

den Steinen in seinem Bett flogen zahlreiche _Wasserstare_, Männchen

und Weibchen. Es war ein anziehendes Schauspiel, wie sie von Stein zu

Stein flogen, bald mit gespreizten Flügeln auf den Felsen standen, bald

sich in das Wasser stürzend. Wie sich im Laufe unserer Forschungen

herausstellte, ist der _mazedonische Wasserstar_ eine besondere Form

(+Cinclus cinclus orientalis+ Stresem.), so ähnlich er auch dem

heimischen Vogel sah, den ich aus dem Schwarzwald und den Voralpen so

gut kannte.

Während unsere Tragtiere herangebracht wurden, durchstreifte ich das

Flußufer und das malerische Tal. Wir brachen am Nachmittag auf,

zweigten bald von der Bahn ins Lepenatztal nach Norden ab. Es war ein

weites Tal, welches wir etwa 1 Stunde aufwärts verfolgten, um dann

steil die Berge hinaufzuklimmen, an die Hänge des Ljubotren.

Der Abend sank schon herab, als wir in der Höhe von etwa 700 m durch

Obstgärten, an Zäunen, Hecken und Mauern vorbei an ein Holztor

gelangten, welches auf Klopfen sich vor uns öffnete. Wir traten

in einen nicht sehr großen Hof, dessen eine Längsseite von einem

niedrigen Haus eingenommen war, sein einziges Stockwerk war von einem

Strohdach bedeckt. Die anderen Seiten des Hofes waren von Schuppen und

Vorratshäusern eingefaßt. Über dem Eingang hing das Dach weit vor und

war von Balken gestützt.

Unser Gastfreund, ein alter Albaner von über 70 Jahren, namens

Mustafa Visch, trat uns freundlich entgegen und begrüßte uns unter

umständlichen Formen. Wir traten in das dunkle Haus ein, dessen an

der linken Seite befindlichen Fenster tief in der Wand saßen. Eine

niederige Decke war von Balken gestützt, die in zwei Reihen standen,

so daß in der Mitte ein Durchgang auf einen offenen Kamin führte, in

welchem ein mächtiges Holzfeuer prasselte.

Dessen Schein genügte, um uns das Zurechtfinden im Raum zu gestatten.

Wir sahen, daß die beiden Abteilungen des Zimmers mit schönen dicken

Teppichen belegt waren. Die Abteilung links war für uns vorbereitet,

die rechts gelegene, etwas kleinere, hatte der alte Mann für sich und

seine Söhne reserviert.

Das erste war, daß wir vor dem Betreten der Teppiche unsere sehr

schmutzigen Stiefel ablegten und ermüdet uns auf den Boden setzten.

Unser alter Gastfreund, gekleidet in enge, schwarze wollene Hosen, ein

wollenes Hemd, über welches eine emaillierte Kette mit einer Taschenuhr

hing, schaute aus einer pelzverbrämten, langen braunen Jacke hervor;

unter dem roten Bauchgürtel ragten noch Zipfel eines weißen Wamses

heraus. Den Kopf deckte das übliche halbkugeliche, weiße Filzkäppchen.

Ähnlich warm und gut waren die übrigen Männer gekleidet.

Mit mir waren sechs Bulgaren mitgekommen, dazu hatte ich meinen

Burschen und den Präparator _Aigner_, die bulgarischen Herren ihre

Bedienung und noch Bedeckungsmannschaften bei sich. Dennoch kamen wir

ganz gut unter, denn die Bedienung verschwand bald draußen, machte eine

Küche ausfindig und begann für uns zu kochen.

Es war ganz behaglich in dem von dem starken Feuer durchstrahlten

Raum auf unseren dicken Teppichen. Anfangs hatte man etwas Angst vor

Ungeziefer. Aber bei der allmählichen Gewöhnung an Schmutz fand man

das Quartier recht sauber, breitete die Decken aus und bald kam unser

Essen. Wir boten natürlich unseren Gastfreunden von unserem Proviant

an, was sie erwiderten, als sie nach uns ihre Speisen bereiteten und es

sich gemütlich machten.

Mit dem greisen Vater lebten drei unverheiratete Söhne zusammen, welche

alle auch schon über 50 Jahre alt waren. Zwei davon machten einen

sehr gesetzten, klugen Eindruck, während der Dritte etwas abnorm zu

sein schien. Es war außerordentlich interessant zu beobachten, wie

respektvoll sie mit ihrem alten Vater umgingen. Trotz ihres Alters,

hatten sie noch keine Rechte im Haus. Der Vater hatte stets den

Vortritt, sie warteten, bis er sie aufforderte, sich zu setzen.

An dem Kaminfeuer wurde dann ihr Essen zubereitet, welches aus

Hammelfleisch mit Reis und Gemüse bestand. Während wir auf unseren

Decken lagen, beobachteten wir ihr eigenartiges Gehaben. Zwei Öllampen,

welche an der verräucherten Holzdecke aufgehängt worden waren,

verbreiteten ein gelbes Licht über den Boden des Gemachs, warfen dunkle

Schatten hinter den Balken, während vom Kamin von Zeit zu Zeit ein

Krachen ertönte, Funken aufsprühten und ein heller Schein den ganzen

Raum erfüllte.

Die vier Greise hockten sich um einen kleinen, niedrigen, dreibeinigen

Tisch, auf den die große, dampfende Schüssel zwischen sie gestellt

wurde, es war der rußgeschwärzte, halbrunde Topf, welcher vorher an

einem langen Hacken über dem Kaminfeuer geschwebt hatte. Vor jedem von

ihnen stand ein Messinggefäß mit Wasser und lag ein sauberes Wischtuch.

Mazedonien · 第 25 / 45 段