Tiere mit großer Schnelligkeit erhaschte, so bewiesen auch andere
Beobachtungen die hohe Entwicklung seines Gesichtssinnes; es folgte
mit Bewegungen des ganzen Körpers und vor allem mit den Tastern aufs
genaueste irgendeinem Gegenstand, den man in seine Nähe brachte.
Wenn ein größeres und härteres Insekt zerkleinert wurde, so konnte man
die Bewegungen seiner Kiefer verfolgen, welche wie ein Schnabel an der
Zerkleinerung der Beute arbeiteten und sorgfältig die Muskeln aus den
Skeletröhren herauspräparierten.
Bemerkenswert ist die große Erregbarkeit von +Galeodes+. Geringste
Reize bewirkten die Annahme der Bereitschaftsstellung; näherte sich
ihm ein Gegenstand, so fuhr er wie wild geworden auf ihn los und
suchte ihn zu fassen. Dabei wurde der Eindruck der großen Erregung des
Tieres noch dadurch vermehrt, daß in solchen Momenten die vorderen
Thoraxabdomensegmente lebhaft gehoben und gesenkt wurden. Man hatte
den Eindruck eines erregten Atmens; es werden wohl auch sicher
Atembewegungen gewesen sein. Tatsächlich liegen ja die Atemöffnungen an
den ersten Segmenten des Leibes.
[Illustration: Abb. 160. Walzenspinne +Galeodes graecus+ in
Bereitschaftsstellung. Nat. Größe.]
Besonders bemerkenwert war die große Tastempfindlichkeit des Tieres,
die wohl bei seiner nächtlichen Lebensweise eine wichtige Rolle spielt.
Bei Berührung auch nur eines einzelnen Haares nahm das Tier sofort die
Abwehrstellung ein. Auch fuhr es mit den Tastern gegen die berührte
Stelle. Besonders die langen Beine des Tieres erwiesen sich als äußerst
reizbar gegen Berührung. Die langen Haare, welche den ganzen Körper und
alle Gliedmaßen bedecken, sind alle Sinneshaare. Sie tragen viel bei
zu dem charakteristischen Aussehen des Tieres, das bereit scheint, von
allen Seiten Reize aufzunehmen.
Berührung eines einzelnen Haares an den Tastern, an irgendeinem der
Beine, am Hinterleib, selbst mit einem ganz zarten Gegenstand, z. B.
mit einem Menschenhaar, führt prompte Reaktion herbei. Es erfolgt stets
eine rasche Drehbewegung gegen die berührte Stelle. Berührung des
Hinterendes veranlaßte eine blitzschnelle Umdrehung des ganzen Körpers.
Dabei war die Verwendung der einzelnen Beine in unabhängiger Bewegung
sehr bemerkenswert.
Ganz besonders empfindlich gegen Berührungsreize sind die
schaufelförmigen Fortsätze am hintersten Beinpaar, die sogenannten
_Malleoli_. Auf ihre Berührung reagiert das Tier blitzschnell und
sehr heftig. Welche spezielle Funktion diese besonderen Sinnesorgane
bei +Galeodes+ haben mögen, ist noch nicht bekannt. Sicher sind sie
geeignet, dem Tiere eine genaue Prüfung von ihnen berührter Gegenstände
zu ermöglichen. So mögen sie im Geschlechtsleben eine Rolle spielen.
Leider fehlte mir, angesichts der vielen Aufgaben, die in jener Zeit
sich vor mir auftürmten, die Zeit, das Tier eingehend auf seine
Reizreaktionen in sorgsam angestellten Experimenten zu prüfen. Es hätte
dies sicher sehr interessante Ergebnisse geliefert.
Jedenfalls hatte ich den Eindruck, daß das Tier vielmehr unter dem
Einfluß von Reizreaktionen steht und automatisch reagiert, als
derjenige Forscher annimmt, der bisher die Tiere wohl am eingehendsten
studiert hat. _Heymons_ lehnt ihre starke Abhängigkeit von +Tropismen+
ab. Mir dagegen scheinen solche in ihrem Leben eine große Rolle zu
spielen. Gerade seine Beobachtung, daß sie in der transkaspischen
Steppe so leicht den Eisenbahngeleisen sich anschließen und an
ihnen blieben, scheint mir eine Folge ihrer sehr auffälligen
Thigmotaxisreaktionen zu sein, die ich beobachten konnte.
In Mazedonien scheint die Fortpflanzungszeit, ähnlich wie in der
transkaspischen Steppe, im Juni und Juli zu liegen. Kleine jugendliche
Exemplare fanden sich vom August an in den Herbstmonaten.
Zu den Spinnentieren gehören auch die _Skorpione_; nach den
Erfahrungen, die ich sonst im südlichen Europa gemacht hatte, hätte ich
erwartet, sie in Mazedonien in großer Zahl anzutreffen. Es wurden mir
auch aus den ersten Jahren des Balkanfeldzuges sogar von Ärzten recht
seltsame Geschichten von Abenteuern unserer Soldaten mit Skorpionen
erzählt. So wurde von Lähmungen und langdauernden Anästhetien nach
Skorpionstichen berichtet. Da ich nach eigenen Erfahrungen Schmerz
und Folgen eines Skorpionstiches bei den südeuropäischen Formen nicht
schlimmer einschätzte als die eines Wespenstiches, so war ich auf
Sammlung neuer Erfahrungen sehr gespannt.
Es stellte sich bald heraus, daß _Skorpione_ in Mazedonien durchaus
keine häufigen Tiere sind. Ich habe allerdings eine Sammlung von
Arten dieser Gruppe zusammengebracht; aber diese war das Resultat
angestrengter Sammelarbeit und des Umwälzens von vielen Tausenden von
Steinen. So ist es auch verständlich, daß ich nie einem Eingeborenen
oder Soldaten begegnet bin, der von einem Skorpion gestochen gewesen
wäre. Folgende Arten habe ich in Mazedonien gefunden:
+1. Euscorpius carpathicus+ L. bei Üsküb sowohl im Tiefland als am
Pepelak und an der Kobeliza in 2100 m Höhe.
+2. Buthus occitanus Amoreux+, der mehr im Süden beobachtet wurde. Ich
fand ihn bei Mravinca und Kaluckova sowie in der Babunaschlucht bei
Veles.
Überblicke ich meine Tagebuchnotizen über Spinnen, so ist es sehr
auffallend, daß vielfach für die ersten Frühlingsexkursionen große
Zahlen von Spinnenfunden verzeichnet sind. Natürlich hängt dies zum
Teil damit zusammen, daß ich mich an solchen Tagen in besonders
spinnenreichen Gegenden befand. Aber nicht weniger sind jene reicheren
Funde dadurch bedingt, daß an Tagen, an denen die sonstige Tierwelt
durch Kälte und ungünstiges Wetter vertrieben oder zur Untätigkeit
gezwungen war, die Kraft und Aufmerksamkeit von mir und meinen
Mitarbeitern mehr der Aufgabe gewidmet werden konnte, den Spinnen in
ihren Verstecken nachzugehen.
So fand ich in und bei Üsküb im Februar, März und April 1918 viele
Spinnenarten und konnte an ihnen manche Beobachtungen machen.
Anfang März traf ich den _Weberknecht_ (+Phalangium cornutum+ L.),
der auch sonst in Mazedonien sehr häufig war. Eine ganze Anzahl
von _Wolfsspinnen_ waren schon in den ersten Märztagen, während
des verfrühten Vorfrühlings (vgl. S. 166) sehr mobil. So liefen am
Wardarufer zahlreiche Exemplare von +Lycosa paludicola+ Clerck frei auf
dem Sand umher, und zwar waren es Männchen, Weibchen und zahlreiche
kleine Tierchen darunter. Am gleichen Tage fand sich dort +Trochosa
cinerea+ F., auch frei umherlaufend auf dem sonnenbeschienenen Sand.
Eine andere Art der gleichen Gattung wurde fast an der gleichen Stelle
erst Mitte April gleichzeitig mit der ersteren beobachtet, es war dies
+Trochosa infernalis+ Motsch. Diese Arten bauen Röhren im Boden, welche
bei +Tr. cinerea+ etwa 25 cm lang werden.
Besonders auffällig waren in der Üsküber Gegend die mächtigen
_Taranteln_; große, dunkle, behaarte Spinnen, welche Röhren im Boden
bewohnen. Eine der Arten (+Tarentula praegrandis+ C. L. Koch), kam in
der ganzen Umgebung von Üsküb sehr häufig vor (Abb. 161). Ich habe sie
auch bei _Dedeli_ und im Gebirge, auf dem _Wodno_ und später im Sommer
auf dem Tomorosgebirge in 1500 m Höhe beobachtet. Überall baute sie
schiefe Röhren in den Boden, welche 20-35 cm lang waren. Diese Röhren
hatten einen Durchmesser von etwa 1-1½ cm und waren mit einem festen
Spinnstoff ausgekleidet, so daß man sie ganz bis zu ihrem rundlich
geschlossenen Ende aus der Erde herauspräparieren konnte.
[Illustration: Abb. 161. +Tarentula praegrandis+ (C. L. Koch) mit ihrem
Bodenloch.]
In sie tauchten die Spinnen, wenn man sie verfolgte, blitzschnell
hinein und verkrochen sich bis ans unterste Ende. Man sah sie oft nahe
dem Ausgang ihrer Röhre auf der Lauer sitzen; doch waren sie nicht
selten auf Streifzügen unterwegs.
Die _Deckel-_ oder _Minierspinnen_ aus den Gattungen +Cteniza+ und
+Nemesia+, welche im westlichen Mittelmeergebiet häufig sind, und
welche ich früher bei Bozen und in Italien beobachtet hatte, fand ich
in Mazedonien nicht, obwohl ich sehr auf sie fahndete.
Eine zweite Art der Gattung +Tarentula+ (+T. apuliae+ Walck.), die
ich schon im Jahre 1917 bei Kaluckova gesehen hatte, ein mächtiges
Tier mit dunkelbraunem Hinterleib und gelbbraun geringelten Beinen
fing ich auch Mitte April bei Üsküb. Am 10. April erbeutete ich ein
stattliches Weibchen, welches einen großen, kugeligen Eikokon mit sich
trug. Die Begattungszeit war also bei diesem Tier so früh im Jahr schon
abgeschlossen. Eine dritte Art +Tarentula cuneata+ Clerck fand ich bei
Üsküb schon Anfang März.
Noch mehrere Arten der gleichen Gattung habe ich in Mazedonien
beobachtet, so +T. trabralis+ Clerck in einem Kiefernwald bei Strumiza,
+T. pulverulenta+ var. +aculeata+ Clerck auch schon im März im
Karadakh. Im Süden Mazedoniens war +Tarentula radiata+ Latr. häufiger;
ich fand sie dort überall im Wardartal und auf den Bergen. Bei _Hudova_
bedeckten ihre Röhren weite Flächen in der Ebene, besonders in den
Maulbeerpflanzungen.
Bei Kaluckova hatte ich als Röhrenbewohner +Mygale icterica+ C. L. Koch
(+Trechona+) beobachtet.
In den drei Frühlingsmonaten traf ich in und um Üsküb ferner noch
+Runcinia lateralis+ C. L. Koch im März in ganz jungen Exemplaren.
Unter Steinen fand ich +Pisaura mirabilis+ Clerck und +Drassus
pubescens+ Thor. +Xysticus luctator+ L. Koch lief frei herum, während
+Epeira ubrichii+ Hahn und +E. redii+ Scop. beim Bauen ihrer Radnetze
waren und +Liocranum tenuissinum+ L. Koch am Wardar an Pappeln
herumlief.
Zur gleichen Zeit fanden sich in Zimmern, Kellern und Gängen +Teutana
triangulosa+ Walck., +Pholcus opilionioides+ Schrank, der auch hier
eine besondere Vorliebe für Aborte zeigte, +Cicurina cicur+ Menge und
das einzige Mal in Mazedonien +Tegenaria pagana+ C. L. Koch. Dazu kamen
+Gnaphosa rufula+ L. Koch und +lugubris+ C. L. Koch.
Auf dem Wodno, also am sonnigen Berghang, lieferte die gleiche Periode
nicht weniger als 12 Spinnenarten.
Im April war auch am _Katlanovosee_, besonders im Schilf, der Reichtum
an Spinnen groß. So fand sich +Hyctia canestrinii+ Can. und Rad.
direkt in Schilfhalmen wohnend. Auch sonst fand ich die Art stets
in Wassernähe, so am Wodno und bei Gewgeli am Wardar. _Becker_ gibt
dasselbe für die in Algier entdeckte, von ihm in Belgien am Meer in
den Dünen beobachtete verwandte Art +H. nivoyi+ Luc. an.
Direkt als _Wasserspinne_ kann +Dolomedes limbatus+ Hahn bezeichnet
werden, eine Art, welche zwischen dem Schilf lebt. Ihre Lebensweise
scheint ganz ähnlich zu sein, wie sie _Becker_ für +D. fimbriatus+
Clerck geschildert hat. Sie scheint deren südliche Vertreterin zu sein,
stürzt sich wie diese ins Wasser, um da ihre Beute zu fangen.
Auch von der dritten Spinnenart, die ich im Röhricht des Katlanovosees
fand, ist von ihren nördlichen Fundorten bekannt, daß sie die Nähe des
Wassers liebt. So beschreibt _Becker_, daß +Epeira cornuta+ Clerck
ihr Radnetz an, im oder über dem Wasser wachsenden Pflanzen baut. Am
Katlanovosee waren die Spannfäden zwischen den Binsenrohren ausgespannt.
Ein eigenartiges, auffallendes Tier, welches auch in Deutschland nicht
selten vorkommt, war dort +Theridium lineatum+ Clerck; der Rücken
dieses Tieres ist silbergrau mit dunkelbraunen Längsstreifen.
Auch sonst ließe sich von mazedonischen Spinnen mancherlei
berichten. Bei der Schilderung der einzelnen Gegenden und besonderer
Landschaftsformen wird Gelegenheit sein, auf sie zurückzukommen.
[Illustration: Abb. 162. Walzenspinnen in verschiedenen Stellungen.]
Meine reiche mazedonische Spinnensammlung wurde von Dr. _Roewer_
(Bremen) bearbeitet. Sie enthält viele für den Balkan neue Formen, wenn
auch keine neuen Spezies.
ZWANZIGSTES KAPITEL
DAS CHROMBERGWERK VON RADUSCHE
Es war ein interessanter Weg, der mich mit meinen Präparatoren an
einem schönen Aprilmorgen (18. April 1918) das Wardartal aufwärts nach
_Radusche_ führte. Der Kleinbahnzug war uns vor der Nase weggefahren
und ein Marsch von etwa 20 km lag vor uns. Aber es wehte ein frischer
Wind, die Landschaft prangte im schönsten Frühlingsgrün, große weiße
Wolken zogen am tiefblauen Himmel dahin.
Links von uns erstreckte sich ein hoher Gebirgszug, mit dem _Wodno_
beginnend, nach Westen ziehend und so den Südrand des Wardartals
bildend. Eine Schlucht von riesigen Dimensionen unterbrach die Kette;
es war der Durchbruch der _Treska_, des mächtigen Nebenflusses des
Wardar, der stärker als dieser, dem Flußlauf wohl den Namen gegeben
hätte, wenn nicht der kleinere Wardar die Hauptrichtung des Flußsystems
bestimmte. Blau ragte das schön umrissene, klar modellierte Gebirge
hinter einem von Pappeln und Obstbäumen umhüllten Dorf auf. Es war
ein Landschaftsbild von großer Schönheit und der für Mazedonien
charakteristischen Farbigkeit, das Dorf mit seinen weißen Häusern und
roten Dächern, seinem grünen Park und dem zarten Schleier der blühenden
Bäume, in den großen Rahmen der Gebirgslandschaft gestellt.
Der Kleinbahnlinie folgend bogen wir in das Flußtal ein, dessen
Windungen in die Berge führten. Eine lachende Frühlingslandschaft
begleitete uns zunächst. Grüne Wiesen mit blühenden Obstbäumen, weiß
überhauchten Weißdornbüschen und duftenden Blumen waren das richtige
Tummelfeld vieler Vögel. Am Flußufer lauerten _Eisvögel_ von den
Büschen auf die kleinen Fische und stürzten sich, wie funkelnde
Edelsteine aufblitzend, zum Wasser hinab (+Alcedo atthis atthis+ L.).
Von den Obstbäumen sah man einen kleinen Vogel lustig tirelierend
senkrecht in die blauen Lüfte steigen, um dann langsam zum Boden
niederzuschweben. Es war der _Baumpieper_ (+Anthus trivialis trivialis+
L.), der genau so seinen Balzflug ausführte, wie ich ihn wenige Jahre
vorher genau zur selben Jahreszeit im oberen Donautal beobachtet
hatte. Über die Steine des Flußufers hüpften zwitschernd weiß-schwarze
_Bachstelzen_ und die gelbgefleckten _Schafstelzen_. _Stare_ (+Sturnus
vulgaris balcanicus+ Stres.) und die _Balkanamsel_ wetteiferten
mit ihrem Gesang, die Erinnerung an den Frühling der Heimat
wachzurufen. Besonders schön war hier das Lied der _Mönchsgrasmücke_
(+Sylvia atricapilla atricapilla+ L.). Zwei andere Grasmücken, die
_Zaungrasmücke_ (+Sylvia carruca carruca+ L.) und die _Dorngrasmücke_
(+Sylvia communis communis+ Lath.) huschten durch die Hecken. Auch
_Kohlmeisen_ und _Blaumeisen_ waren beim Absuchen der Rinde der
Obstbäume fleißig tätig.
So ging die Zeit unterm Beobachten schnell dahin, während wir
flußaufwärts in öderes, winterlicheres Gelände kamen. Der Fluß machte
mehrere große Windungen, trat an eine kahle Bergwand heran, welche in
ein enges Tal umbog. Neben dem Fluß ließ die Schlucht gerade noch Raum
für die schmale Straße und das Geleise der Schmalspurbahn, die hier
steil emporzuklettern hatte.
Durch das Tal mit seinen rötlichen Felsenwänden erblickte man über dem
steinerfüllten, brausenden Fluß ein Stück der Schardakhkette. Es war
gerade der Teil um den _Ljubotren_, der hier als prachtvolle Pyramide
sich in der Mitte des Bildes stattlich abhob. Er wie die ihn umgebenden
Berge waren noch tief herab mit Schnee bedeckt. So war es wieder ein
malerisches Bild von großer Schönheit, das ich längere Zeit beim
Ansteigen bewundern durfte.
Nach etwa einer Stunde erweiterte sich das Tal; wir kamen an die
Endstation der Kleinbahn, die von Baracken und Schuppen umgeben war.
Zahlreiche kleine Güterwagen standen auf Nebengeleisen, zum großen Teil
schon mit Erzen beladen, um mit dem Nachmittagszug nach Üsküb befördert
zu werden.
Vor uns erhoben sich die gewaltigen Halden des Bergwerks, welche hier
die Nordhänge des Tals einnahmen. Oben am Berg standen verschiedene
Häuser, das Wohnhaus des Direktors, ein Beamtenkasino, in welchem wir
freundlich bewirtet wurden, und Verwaltungsgebäude.
Nach einem Besuch bei dem Direktor besichtigen wir das Werk, welches
als _Tagbau_ betrieben und infolgedessen sehr leicht zu überblicken
war. Einige der Hügel und Rücken des Berges bestanden aus Serpentin,
welches von _Chromeisenerz_ stark durchsetzt war. Dieses wurde durch
oberflächliche Sprengungen in Trümmer zerlegt, welche auf kleinen
Karren auf Schienen zu bestimmten Stellen gebracht und angehäuft und
von da zu Tal gebracht wurden.
So machte die Landschaft einen öden Eindruck; Pflanzen wuchsen keine
auf diesen Hängen, nur an den Rändern und in den Schluchten zeigte sich
die übliche trockene Buschvegetation. Grünlich-grau war das Gestein,
an einzelnen Stellen traten tiefschwarze Massen hervor; das war das
chromreichste Erz. Dort wurde gesprengt und gearbeitet. Hier sah
man dunkle Menschenmassen zusammengedrängt: hunderte von Arbeitern,
welche die Gesteinsmassen in die „Hunde‟ schaufelten. Diese liefen auf
schmalen Geleisen, die wagerecht den Hängen entlang verliefen. So war
das ganze Gelände in Terrassen geteilt, welche parallel übereinander
einige hundert Meter an der Talwand sich hinzogen.
[Illustration: Abb. 163. Radusche. Lage am Fluß, Bahnstation und
Häuser.]
Die erzhaltigen Steintrümmer wurden mit Klopfmaschinen zerkleinert,
die Stücke sortiert, die gehaltreichsten Erze, die fast schwarz waren,
von den grauen geringeren und diese von dem Grundgestein gesondert.
Dieses blieb auf den Halden zurück, während das Erz in Körben auf
einer primitiven Schwebebahn hinab zur Bahnstation gebracht und in die
Güterwagen verladen wurde.
So bildeten sich an den Abhängen mächtige Schutthalden, von denen
manche weiß wie Schnee von den bunten, meist grünlichen Felsen des
Grundgesteins seltsam abstachen.
Dieses einfache Bergwerk war schon in Friedenszeiten abgebaut worden,
aber infolge der geringen Rentabilität und der Transportschwierigkeit
hatte es nie richtig floriert und lag meist still. Die Arbeiterzahl,
die man dort in serbischer und früher in türkischer Zeit beschäftigte,
hatte wohl niemals die Zahl 100 erreicht.
[Illustration: Abb. 164. Chromerz-Tagebau bei Radusche.]
Zur Zeit meines Besuchs war dort großer Betrieb. Man beschäftigte
gerade 3700 Arbeiter, meist Mazedonier und Albaner. Über ihre
Leistungsfähigkeit, Arbeitsamkeit, Arbeitsdisziplin wurde sehr geklagt.
Aber gearbeitet werden mußte doch mit allen Kräften. Denn _Chrom_
war für die deutsche Heeresleitung ein wichtiger Artikel. Nachdem
der _Wolfram_import von Übersee, vor allem von _Birma_, vollkommen
abgeschnitten war, hatte man in Deutschland alle alten Werke, die
Ersatzmetalle, wie _Molybdän_ liefern konnten, wieder in Betrieb
gesetzt, so kleine Bergwerke in den hohen Bergen der Alpen.
Aber deren Erträge waren ungenügend, angesichts der großen Mengen, die
man zur Härtung des Stahls für Panzerplatten für Forts, Befestigungen,
für die Marine brauchte. Es war ein schwerer Notstand, zu dessen
Behebung alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Die einzigen Bergwerke,
die _Chrom_ lieferten und in unseren Händen waren, lagen in Mazedonien
und im _türkischen Kleinasien_. Nur _Radusche_ war von diesen
einigermaßen günstig zu einer leistungsfähigen Bahnlinie gelegen. Die
anderen Werke in Mazedonien, nahe bei _Dedeli_, waren sehr klein und
wenig ertragreich.
So liefert denn in jener Zeit _Radusche_ all das _Chrom_, welches
wir zur Stahlhärtung bekamen. Es herrschte daher ein fieberhafter
Betrieb dort und auf der Kleinbahn. Alles Geförderte wurde sofort
abtransportiert, fuhr nach Deutschland und wurde dort gleich nach der
Ankunft verarbeitet.
Man bekam hier einen Einblick in eine der vielen Nervenleitungen des
Kriegsorganismus und lernte verstehen, wie außer politischen und
militärischen Notwendigkeiten auch harter wirtschaftlicher Zwang die
Besetzung eines Landes und das Halten einer Front unerläßlich machte.
Da noch viele andere wichtige Elemente des wirtschaftlichen Lebens aus
dem Balkan flossen, ich erinnere nur an das serbische Kupfer aus _Bor_,
an das _Opium_ für die Arzneifabrikation, an _Reis, Getreide, Öl_
und all die Lebensmittel sowie das _Petroleum_ aus Rumänien, so wird
man verstehen, welche Folgen der Zusammenbruch dieser Front auf alle
Dispositionen unserer Heeresleitung haben mußte.
EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DER KATLANOVOSEE
Etwa 20 km östlich von Üsküb liegt im Winkel zwischen dem Wardar und
der südlich in diesen mündenden Pcinja ein eigenartiger Sumpfsee,
der _Katlanovosee_. Er und seine Umgebung bot dem Zoologen viel
Interessantes. So war er das Ziel zahlreicher Ausflüge, welche der
Vogelwelt, den Insekten und Spinnen wie den Wassertieren galten.
Bei diesen war häufig mein Begleiter mein früherer Assistent Dr.
_Nachtsheim_. Es war mir gelungen, ihn vom Postüberwachungsdienst
zu befreien und ihn nach Mazedonien kommandiert zu bekommen, wo er
nützlichere Tätigkeit fand.
Nördlich vom Katlanovosee zieht sich ein schmales Sumpfgebiet bis in
die Gegend von Üsküb, in welchem zahlreiche Bäche versickern. Somit
ist jetzt der See im wesentlichen ein Sammelbecken dieser Bäche. Es
ist nicht ausgeschlossen, daß er früher einmal vom Wardar durchflossen
wurde oder diesen an anderer Stelle mit der Pcinja verband, ehe diese
sich ihre Schlucht zum Wardar gewühlt hatte.
Der lange Weg von Üsküb zum See war reizvoll durch die Blicke auf die
Berge der Umgegend; entzückend schöne Formen hatten vor allem _Osri_
und _Kitka_, welche als letzte Ausläufer der _Golesniza Planina_ in die
Wardarebene etwa 1500 m hoch emporragten und diese damit fast bis zur
Wardarklamm zwischen Taor und Selenikovo fortsetzten. Nördlich zogen
sich die Höhen des _Karadak_ hin. Kleine Dörfer lagen in Gruppen von
Pappeln und Obstbäumen malerisch vor den Bergen. Auf den Bäumen sah man
viele Storchennester.
Wie diese, so hatte der Sumpfwald, der sich zwischen Üsküb und dem See
hinzog, eine reiche Vogelwelt angelockt, deren Studium ich manchen
Tag im April 1918 widmete. Prachtvolle alte Eichen, Weiden, Erlen und
Haselgebüsch bildeten diesen lichten Wald, in welchem auch Pappeln
nicht fehlten. Zwischen den Gruppen großer Bäume dehnten sich Flächen
dichten Gestrüpps aus, die besten Schlupfwinkel für die mannigfaltige
Vogelwelt.
Einige alte Bäume waren die Ruheplätze großer Raubvögel. Sie standen
meist einsam, so daß es außerordentlich schwer war, sich an sie
heranzupürschen, um die Riesenvögel genau zu betrachten oder gar
erlegen zu können. Immerhin gelang es, manche der dort sitzenden Arten
mit großer Sicherheit festzustellen, zum Teil als Beute von Offizieren
und eines Veterinärs, die mehr Zeit auf die Jagd verwenden konnten, als
ich, den viele andere Probleme festhielten.
Wie überall in Mazedonien war hier der _Kaiseradler_ am häufigsten
(+Aquila heliacea heliacea+ Lad.); die meisten Adler, welche in
Mazedonien jung aus den Nestern genommen und bei den Abteilungen
aufgezogen wurden, gehörten zu dieser Art. Ich habe ihrer viele in
allen Teilen des Landes gesehen. Mit Sicherheit glaube ich ferner
beim Katlanovosee den schön braunen _Schreiadler_ (+Aquila pomarina
pomarina+ Pr.) und den gefleckten _Schelladler_ (+Aquila maculata+
Gm.) beobachtet zu haben. Im ganzen habe ich im Gebiet fünf Adlerarten
gesehen, zu den genannten noch den _Zwergadler_ in der Golesniza
Planina (+Hieraëtus pennatus+ Gm.) und bei Hudova den _Schlangenadler_
(+Ciraëtus gallicus+ Gm.) als ziemlich häufige Form.
Dazu kommt noch der _Fischadler_ (+Pandion haliaëtus haliaëtus+ Lad.),
der auch in der Nähe des Sees nicht selten war; im Winter konnte ich
mehrmals auch _Seeadler_ (+Haliaëtus albicilla+ L.) beobachten.
Einer der alten Bäume im Sumpfwald war der Schlafplatz eines riesigen
_Gänsegeiers_ (+Gyps fulvus fulvus+ Habl.). Wie oft suchte ich in der
Dämmerung an ihn heranzukommen. Doch nie gelang es, ihn zu überraschen.
Er hatte sich seinen Schlafbaum so vorsichtig ausgesucht, daß man beim
Heranschleichen von keiner Seite Deckung fand. Schließlich gelang es
einem mich oft begleitenden Tierarzt ihn zu erlegen.