Nicht nur Arbeit gab es in den Dörfern zu beobachten, sondern

gelegentlich auch freudige Feste. Als ich eines Sonntags in die Nähe

des Dorfes kam, ertönte aus einem Hof dröhnende Musik. Ich erfuhr,

daß dort Hochzeit sei und getanzt würde. Auf der gleichen Tenne, wo

neulich die Pferde und Ochsen das Getreide ausgetreten hatten, war eine

muntere Gesellschaft versammelt. Alle hatten sie ihre schönen, bunten

Feiertagsgewänder an, eine fröhliche Stimmung herrschte. In einer Ecke

saß die Musik am Boden, eine riesige Flöte quiekte, ein Dudelsack

dudelte und als wichtigster Bestandteil der Kapelle erhob eine mächtige

Pauke ihr Donnergetöse. Männer und Frauen schwenkten sich im Kreise

und Kinder ahmten nebendran ihre Rhythmen nach. Es waren ähnliche

Tänze, wie ich sie an anderer Stelle dieses Buches geschildert habe.

Ein feierlicher Augenblick war es, als das junge Paar erschien und

durch die Reihen der Tänzer hindurchwandelte, auch sie beide in der

eigenartigen Tracht der Gegend.

Am Tag vorher hatte die Vorfeier der Hochzeit stattgefunden. Da wurden

die Besucher von festlich gekleideten Familienmitgliedern empfangen.

Sie kamen mit Eseln und Maultieren an, deren Sättel mit Geschenken

beladen waren. An diesem Tag ließ sich die Braut noch nicht sehen; das

Haus des Bräutigams war noch ohne Braut. Er empfing Gäste und forderte

zum Tanz auf, der auch an diesem Tage bis tief in die Nacht andauerte.

Als Freund und Befreier wurde man von den Leuten meist freundlich

begrüßt und mit Kaffee, Rakischnaps und Süßigkeiten bewirtet, kam man

zu einer solchen Festlichkeit dazu.

[Illustration: Abb. 151. Der Friedhof von Bardowce.]

Als ich abends über den Hügel nach Üsküb zurückkehrte, trat mir,

nachdem ich einen Überblick über den Kreislauf des Lebens eines

mazedonischen Bauern gewonnen hatte, noch eindrucksvoll das Symbol

seines Abschlusses entgegen. Oben am Hügel über dem Dorf lag der

_Friedhof des Dorfes_, in welchem die früheren Bewohner des Dorfes

ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Es war ein stimmungsvoller Anblick.

Auf dem rasenbewachsenen Rücken des Abhanges zog sich eine stattliche

Gruppe von steinernen Kreuzen hin, zwischen denen die eigenartigen

Kastengräber der Balkanslaven lagen. Alle Kreuze waren sorgfältige

Steinmetzarbeit, sie erhoben sich niedrig über dem Boden, die einen

nach links, die anderen nach rechts gebeugt. Man hatte den Eindruck,

daß die Bauern mit Liebe und Sorgfalt die Ruhestätten ihrer Toten

pflegten.

Ein feiner Abendduft lag über der Landschaft; im Westen ging die Sonne

unter. Ihre Strahlen vergoldeten die hellen Kreuze und beleuchteten

die mächtigen geballten Wolken, welche am Himmel standen. Ein Bild von

wundersamer Farbenpracht breitete sich vor mir aus; stiller Frieden lag

über der Abendlandschaft. An einem frischen Grab standen zwei Frauen

und ein alter Mann, deren Umrisse sich eigenartig von der farbigen

Ferne abhoben. Ich wanderte langsam heimwärts, von Gedanken erfüllt. Ob

wohl diesem Volk, diesen mazedonischen Bulgaren, je eine freundliche

Zukunft erblüht?

[Illustration: Galeodes in Greifstellung.]

NEUNZEHNTES KAPITEL

BEOBACHTUNGEN AN MAZEDONISCHEN SPINNEN

Daß in einem so insektenreichen Land wie Mazedonien die _Spinnen_

auffallende Bestandteile der Tierwelt sein mußten, durfte ich wohl

von vornherein annehmen. Ich wurde nicht enttäuscht. Überall im Lande

begegnete ich _Spinnenarten_, welche teils durch ihre Gestalt und

Färbung, teils -- und das in besonderem Maße -- durch ihre _Bauten_

auffielen.

Die verfallenen Häuser Mazedoniens mit ihren Lehmziegelwänden und

dem hölzernen Fachwerk boten einer Unmenge von Spinnen Herberge und

Jagdgefilde. An meinem eigenen Haus und an meinem Laboratorium war die

Bautätigkeit einer eigenartigen Spinne an den Außenwänden vielfach zu

beobachten.

Wo ein Loch in der Wand war, wo eine Spalte in einer Bretterverschalung

oder zwischen Balken und Mauer sich hinzog, da leuchteten eigenartige

Sternfiguren auf, aus einer hellgrauen Substanz gebildet. In der Mitte

einer weißlichen Fläche gähnte ein dunkles Loch, das offenbar tief in

die Mauer hineinführte. Um die weißliche Fläche sah man einen Kranz von

Strahlen mehr oder weniger weit sich über die Wand spannen. War die

Wand dunkel, so leuchtete der Stern hell auf, war sie hell, so hob er

sich schwach in feingrauer Farbe von ihr ab. Oft waren die Sternchen

dick mit Staub bedeckt, vor allem an alten verlassenen Häusern (Abb.

153).

[Illustration: Abb. 153. Nesteingänge von +Filistata insidiatrix+

Forsk.]

Sah man genauer hin, so bemerkte man bald, daß es sich um _Bauten von

Spinnen_ handelte. Durch das schwarze Loch ging es in die Wohnröhre

hinein, welche mehrere Zentimeter lang war. Im Hintergrund saß die

kleine, dunkelgefärbte Spinne und lauerte auf Beute. Die helle Scheibe

um das Loch besteht aus einem dichten Gewirr von dickeren und feineren

Fäden, die nach allen Seiten durcheinander gefilzt sind. Sie bilden

ein festes, federndes Gewebe und stellen den Eingang in die Wohnröhre

dar. Strammgespannt ist dies Gewebe, welches meist der Mauer nicht

dicht anliegt, sondern über die Spalte, den Rand des Mauerloches oder

zwischen Steinen sich ausdehnt, durch _Spannfäden_, wie sie auch sonst

an Spinnennetzen nötig sind. Bei unserer „_Lochröhrenspinne_‟ sind sie

nur wenige Zentimeter lang und mit ihrem äußeren etwas verdickten Ende

an der Unterlage angeklebt. Vielfach sind die Fäden verzweigt, indem an

ihnen seitlich oder querverlaufende Hilfsspannfäden angebracht sind.

_Klebfäden_ konnte ich am Netz nicht feststellen. Bei den eigenartigen

Gewohnheiten der Spinne braucht sie wohl auch keine. Selten sah ich sie

zum Netz herauskommen. Gelegentlich konnte ich sie abends einmal auf

die helle Fläche heraustreten sehen und sie dann auch beobachten.

Das Tier war sehr schwer zu fangen; blitzschnell tauchte es in

die Tiefe seiner Lochröhre hinein und war für alle Instrumente

unerreichbar, die ich anwenden konnte. Sehr leicht gelang es aber, es

unter Ausnutzung seiner Freßgier zu überlisten. In der Regel fing sie

an der Mündung ihrer Röhre auf der Wand vorbeilaufende Insekten, vor

allem die um die benachbarten Ställe umherschwärmenden Fliegen.

[Illustration: Abb. 154. Nestbauten einer Anzahl Individuen der

Lochröhrenspinne (+Filistata insidiatrix+ Forsk.).]

Hielt ich nun mit der Pinzette eine lebende Fliege vor ihr Loch, so kam

sie langsam und vorsichtig heran, stürzte sich schließlich mit einem

plötzlichen Sprung auf die Beute. Da sie diese nicht mehr losließ,

konnte ich sie an ihr herausziehen und rasch in das Fangglas befördern.

So gelang es mir, Exemplare in die Heimat mitzunehmen, wo sie als die

Art +Filistata insidiatrix+ Forskal bestimmt wurde, eine Form, die auch

sonst in Europa verbreitet ist (Abb. 155 A).

Nicht selten waren Wände von Häusern im südlichen Wardartal von

hunderten der Sternchen bedeckt, welche die Behausungen dieser Spinnen

verrieten. Waren ihrer viele nebeneinander, so gingen die Umrahmungen

der einzelnen Löcher in die ihrer Nachbarn über. Man vergleiche

die umstehende Abbildung (Abb. 154). So entstanden manchmal ganz

eigenartige Ornamente an den Hauswänden, wobei das ganze Gewebe durch

zahlreiche kreuz und quer verlaufende Fäden befestigt war und die

regelmäßige Sternform oft vollkommen verschwand.

Zwischen den Nestern der +Filistata+ sah man in großer Zahl Spinnen

von einer anderen Art herumsausen, es war +Dendryphantes nidicolens+

Walck., eine Springspinne aus der Familie der +Attiden+ (Abb. 155 B).

Diese lief immer auf der Wand zwischen den Nestern herum, lauerte

auch einmal nahe einem der Löcher. Nie sah ich sie aber in eins der

Löcher eindringen. Höchst amüsant war es aber, sie zu beobachten, wie

sie oft mit raschem Sprung der Lochröhrenspinne ihre frisch gefangene

Beute, welche diese unter ihrer Türe festhielt, aus den Klauen riß und

abseits eiligst aussaugte. Da die Springspinne stets in den Städten

der Lochröhrenspinne in größerer Anzahl vorkam, so vermute ich, daß

sie die ständige Gewohnheit hat, die +Filistata+ auszuplündern und als

Straßenräuber in deren Siedlungen sich aufzuhalten.

In den Häusern selbst, in den Ställen, Gängen, Kellern, auf den Aborten

gab es viele _Spinnenarten_ mit ihren _Netzbauten_, vielfach die auch

bei uns an ähnlichen Orten häufigen Arten. Auch in meinem Schlafzimmer

hielten sich neben allerhand anderem Getier mancherlei Spinnen auf. Vor

allem die Netzspinnen beseitigte ich nicht, sondern duldete sie, da es

an ihnen manches zu beobachten gab und sie mir noch dazu Schnaken und

Fliegen wegfingen.

Ein Exemplar der auch in Deutschland gelegentlich beobachteten Art

+Pholcus opilionoides+ Lchk., die ich die _Wackelspinne_ nennen möchte,

lebte den ganzen Sommer 1917 in meinem Zimmer, bis ich sie am Ende

meines Aufenthaltes mit ihren sämtlichen unterdessen abgeworfenen

Häuten in ein Spiritusglas steckte. Sie hatte im Frühjahr als ganz

kleines Tierchen ihr erstes Nest in den Winkel zwischen Decke und

Rückwand meines Zimmers gebaut, hatte im Laufe des Sommers viermal

sich gehäutet und hatte jedesmal die abgeworfene Haut im Netz hängen

gelassen, so daß man meinen konnte, in dem einen Netz hausten nun

fünf verschieden große Spinnen der gleichen Art. Diese Spinne sieht

aus wie ein _Weberknecht_ mit ihren feinen, langen Beinen, auf denen

ihr kleiner Körper, wie bei einem Weberknecht schwebt. Sie gleicht

auch sonst jenen eigenartigen Spinnentieren, den +Phalanginen+, die

man bei uns in Deutschland außer mit dem Namen _Weberknecht_ auch als

_Schuster_ oder _Schneider_ bezeichnet. Die _Wackelspinne_ teilt mit

diesen Tieren nicht nur die Eigentümlichkeit, leicht die Beine zu

verlieren, sondern auch das eigentümliche Wackeln und Schaukeln auf

ihren fadendünnen Beinen. Stößt man in der Nähe des Netzes zufällig an

die Wand, so fangen die Tiere an, wie toll hin- und herzuschwingen,

wobei sie abweckselnd mit sämtlichen vier linken und darauf mit

den vier rechten Beinen Kniebeugen machen. Dieses emsige Wackeln

macht einen ganz eigenartigen Eindruck und hat ja seit jeher die

Aufmerksamkeit der Menschen erweckt.

[Illustration: Abb. 155 A. Abb. 155 B.

Abb. 155 A. Lochröhrenspinne (+Filistata insidiatrix+ Forsk.) und ihr

Nesträuber. Abb. 155 B. +Dendryphantes nidicolens+ Kaluckova.]

Bei den Beobachtungsstreifzügen in der Umgebung von _Kaluckova_ war es

unvermeidlich, gewisse Spinnenarten anzutreffen, deren Netze überall

ausgespannt waren. In den _Stacheleichenbüschen_ fand ich regelmäßig

eine kleine Spinne aus der Gattung +Linyphia+ (+L. frutetorum+

C. L. Koch), die ein unregelmäßiges Wirrnetz baute. Das Netz war

klein, bestand aus zarten Fäden und war an Spannfäden in Lücken der

Stacheleichenbüsche zwischen deren Blättern und Zweigen aufgehängt. Die

Spinne saß meist lauernd mitten im Netz.

Noch auffallender waren die Bauten der _Segelnetzspinne_, welche in

den Gassen von _Kaluckova_, auf den Schuttplätzen, in den Hecken, an

den Häusermauern überall in großer Menge vorkamen. Die Netze hatten

bis zu ½ m Umfang und waren segelförmig an den Zäunen zwischen Disteln

und anderen krautigen Pflanzen, an Gräsern und Büschen aufgehängt. An

festen Spannfäden hingen die verschieden gestalteten Zipfel, die in den

sackförmigen Grund des Netzes führten. Diese Zipfel waren bald länger,

bald kürzer. Im Hintergrund ging der Sack in eine lange Röhre über.

Diese begann mit einer kreisförmigen, wohlabgegrenzten, aus dichtem

Gewebe gebauten Öffnung von 3-5 cm Weite. Die anschließende Röhre war

20-30 cm lang. Sie war oft frei zwischen den Pflanzen aufgehängt, so

daß man ihren Bewohner von außen wahrnehmen konnte. Nicht selten aber

ragte die Wohnröhre der Spinne in Erdlöcher, Mauerspalten, zwischen

Balken und Pflanzen hinein. Die Röhre war ein dichtes Geflecht aus

sehr dicken Fäden. Der Sack war auch ziemlich grob und fest, oft sehr

schmutzig von Staub und zahllosen Insektenresten. Auch er bestand

aus einem wirren Gewebe dicker Fäden. Von seinen Rändern zogen sich

starke Spannfäden nach verschiedenen Richtungen. Der ganze Beutel war

vollkommen asymmetrisch angelegt, die Wohnröhre ragte nicht in der

Mitte heraus, sondern lag mehr an der Seite und war oft abgebogen.

Vorn in der Wohnröhre saß die Spinne auf der Lauer mit dem Kopf

nach vorn gerichtet. Es war ein stattliches Tier, zur Art +Drassus

lapidicola+ Walck. gehörig. Fiel ein Insekt ein, so rannte sie rasch

in das Beutelnetz vor und bewältigte das Opfer. Wurde sie dabei

erschreckt, so kehrte sie ebenso rasch in die Wohnröhre zurück und saß

ganz ruhig, mit dem Kopf gegen das Ende der Röhre, das Hinterteil nach

außen gerichtet und ließ sich da mit der Pinzette leicht, ohne einen

Fluchtversuch zu machen, herausholen.

Von einer Art der gleichen Gattung +Drassus pubescens+ Thor. habe

ich bei _Dedeli_ unter einem Stein im Mai die Wohnröhre und in ihr

den Eierkokon des Tieres, von der Mutter bewacht, gefunden (Abb.

156). Die auffallendste echte Spinne im südlichen Wardartal, die

auch sonst im heißen Mazedonien weit verbreitet ist, war eine Form,

welche ich als die _Silberspinne_ bezeichnen möchte. Es ist ein großes

Tier, mit ausgestreckten Beinen fast 15 cm umfassend. Der Körper

ist mit eigenartigen Fortsätzen versehen und von einem auffallend

harten Chitinpanzer umhüllt, nicht so weich, wie es sonst die Körper

der meisten Spinnen sind. Der Hinterleib hat einen eigenartigen

polygonalen Umriß mit dreieckigen Vorragungen und tiefen Einsenkungen

dazwischen. Der Körper zeigt bei dem lebenden Tier einen eigentümlichen

Silberglanz, der das Tier sehr auffallend macht. Die Beine sind gelb

und dunkelbraun geringelt. An der Unterseite des Leibes ragen starke

Spinnröhren hervor. Die Spinne hat den Namen +Argiope lobata+ Pall.

(Abb. 158).

[Illustration: Abb. 156. Nest und Kokon von +Drassus pubescens+ Thor.

Dedeli, unter Stein.]

Sie baut zwischen den Büschen der Hügel bei _Kaluckova_ ein sehr großes

Radnetz, das man weithin sehen kann. Es mißt bis zu einem Meter im

Durchmesser (meist 60-80 cm) und hängt meist frei in der Luft hoch über

dem Boden. Zwischen zwei Stacheleichensträuchern ist ein oft mehrere

Meter langer gelblicher, seidiger Faden von beträchtlicher Dicke straff

gespannt. Er ist der _Aufhängefaden_ für das große Radnetz. Zu seiner

Versteifung dienen viele nach allen Richtungen ausgehende straffe

_Spannfäden_. Der Haupttragfaden besteht aus etwa 30 Einzelfäden, die

Spannfäden nur aus 12 solchen, von denen 10 breit bandförmig, zwei

jedoch viel dünner sind. Diese letzteren sind besonders elastisch und

tragen wesentlich zur Spannkraft des ganzen Gebildes bei.

[Illustration: Abb. 157. Radnetz von +Argiope lobata+ Pall., der

Silberspinne.]

In der Mitte unter dem Aufhängefaden befindet sich das große _Radnetz_.

Das Zentrum des großen Rades mit seinem Durchmesser von 60-80 cm nimmt

eine kleinere kreisförmige Scheibe von etwa 10 cm Durchmesser ein.

Diese Scheibe besteht aus nicht klebenden Fäden. In ihrer Mitte sitzt

die Spinne als groteske Erscheinung vollkommen ruhig und unbeweglich.

Wie ein silberner Schild glänzt ihr Hinterleib; ihre Beinpaare hält

sie in einer ganz eigenartigen Stellung, immer je zwei paarweise

aneinandergelegt, die zwei hinteren Paare schief nach hinten, die

zwei vorderen Paare schief nach vorn gestreckt. So entsteht ein

schiefes Kreuz, das man von weitem schon vom Mittelpunkt des Radnetzes

ausstrahlen sieht.

Um das kleine Mittelnetz mit seinem engen Bau mit zahlreichen Radien

und einer ganzen Anzahl konzentrischer Kreise breitet sich das lockerer

gebaute _große Rad_ aus, nach allen Seiten 20-30 cm breit. Auch dessen

Hauptfäden, also die radiären Fäden, sowie die inneren und äußersten

Kreise bestehen aus trockenen festen Fäden. Dazwischen in der Mitte ist

eine Zone von kleberigen Kreisfäden, an denen die Beuteinsekten kleben

bleiben. Der äußere Rand des Netzes hat eine nicht ganz regelmäßige

polygonale Form, die zum Teil bedingt ist durch Spannfäden, welche das

Netzrad nach allen Seiten mit Zweigen und Blättern der Umgebung, mit

Gräsern, Holzstückchen und Steinen in Verbindung setzen.

[Illustration: Abb. 158. Silberpinne +Argiope lobata+ Pall. Weibchen.

Nat. Größe.]

Das auffallendste an dem Netz, das neben seinem glänzenden Insassen

weithin sichtbar ist, besteht in einem _leuchtend weißen Band_, welches

sich von dem mittleren kleinen Hofkreis der Spinne zum äußeren Rand

des großen Rades hinzieht. Es besteht aus glänzend weißen, dicht

verflochtenen trockenen Seidenfäden (Abb. 157).

Vor diesem wellenförmigen Band sitzt die lauernde Spinne, stets mit dem

Kopf gegen dieses gerichtet. Ich hatte den Eindruck, als wirke dies

Band anlockend wie eine Blume auf allerlei fliegende Insekten. Ich

sah besonders häufig _Schmetterlinge_ auf das Netz der Silberspinne

zufliegen, an den Klebfäden hängenbleiben und sich dann durch unruhige

Zappelbewegungen immer mehr im Netz verfangen. Meist blieb dem Opfer

aber dazu nicht viel Zeit, denn mit erstaunlich rascher Bewegung

schwang die große Spinne, die bisher so träge auf ihrem Lauerplatz

gesessen hatte, sich über die Fäden des Netzes zu ihm hin. Mit raschem

Biß war der Schmetterling getötet und nun wurde er von dem wilden Tier

mit den Beinen in eine rasche Wirbelbewegung versetzt. Im Nu ist das

Opfer, und wenn es ein großes, starkes Tier ist, vollkommen in eine

dichte Hülle glänzend weißer Fäden eingewickelt, so daß man von ihm

nichts mehr sieht.

[Illustration: Abb. 159. Eierkokons von +Argiope brunnichii+ Leop.,

einer Verwandten der Silberspinne.]

Eine Abbildung (Abb. 157) zeigt uns eine photographische Aufnahme des

eigenartigen Netzes, in welchem man auch in der Mitte die +Argiope+ in

ihrer eigenartigen Stellung sieht. Es war nicht einfach, die feinen

Fäden des Netzes auf die photographische Platte zu bannen, zumal die

meisten Netze dieser Spinne zwischen den Büschen frei gegen den Himmel

hingen. Es gelang mir nur dadurch, daß ich nach langem Suchen ein

geeignetes Netz in günstiger Umgebung auffand, welches sehr praktisch

zur Abendsonne hing. Dort wartete ich abends solange ab, bis die

untergehende Sonne so tief stand, daß ihre Strahlen das Netz trafen.

Als dessen Fäden nun selbstleuchtend vor dem dunkelen Hintergrund

einer Stacheleiche standen, machte ich eine mehrere Minuten dauernde

Zeitaufnahme, die immerhin ein brauchbares Resultat lieferte. +Argiope

lobata+ Pallas ist im südlichen Mazedonien eine häufige Form. Ähnlich

wie sie, baut +Argiope brunnichii+ Leop., welche auch am Körper

lebhaft schwarzgelb gefärbt ist. Letztere Form fand ich häufig auf der

Hochebene von Stip. Damals war offenbar deren Hauptfortpflanzungszeit,

welche überwinternde Kokons lieferte. Denn es war Ende August, als ich

jene großen zipfelförmig ausgezogenen Kokons in großer Anzahl zwischen

Steinen und an Pflanzen fand. Sie sind nebenan abgebildet (Abb. 159).

Eine seltsame Spinnenform, welche im _südlichen Wardartal_ nicht

selten ist, und welche ich in Mazedonien nur dort antraf, beschäftigte

die Phantasie unserer Soldaten sehr viel. Es war ein großes

rasches Tier mit unheimlich langen Beinen, das vor allem abends,

über die Lagerplätze huschend, die Leute gespensterhaft anmutete.

Bei _Kaluckova_ traf ich sie besonders draußen im Wardartal beim

Fliegerlager, am häufigsten in der Gegend von Mravinca, die ja

überhaupt in ihrer Tierwelt manche Besonderheiten bot. Da fand ich

das Tier manchmal am Tage unter Steinen. Im Fliegerlager bei Hudova

sah ich aber nicht selten nachts im grellen Licht einer Bogenlampe

das unheimliche Wesen wie einen Schatten pfeilschnell über den hell

beleuchteten Boden huschen. Dann flog die ganze lustige Gesellschaft

auf und sauste hinter der großen Spinne her, um dem Professor die Beute

zu sichern.

So erhielt ich manches Exemplar des gefürchteten Tieres, welches

Offiziere wie Soldaten als große Spinne die „Vogelspinne‟, nannten.

Die Art hat aber mit diesen südamerikanischen Riesenspinnen nichts zu

tun, gehört vielmehr in die Gruppe der Gliederspinnen (+Solifugen+) und

erwies sich in der Heimat nach Bestimmung der konservierten Exemplare

als die Art +Galeodes graecus+ C. L. Koch.

Die +Solifugen+ sind Tiere, welche in Wüsten und Steppen aller

Erdteile eine große Rolle spielen. In den südrussischen Ebenen, in den

ungeheueren Wüsten und Steppen Zentralasiens, in Syrien, Ägypten, Nord-

und Südafrika kommen sie in einer großen Zahl von Arten und meist in

großen Mengen vor. So weist denn auch das Vorkommen auf dem Balkan auf

wichtige Beziehungen seiner Tierwelt zu den Steppen des Ostens hin.

+Galeodes graecus+, die griechische Walzenspinne, ist ein höchst

auffälliges, bizarr aussehendes Tier. Der wulstige Leib mit dem

mächtigen Kopf wird von vier Paaren langer dünner Beine getragen, zu

denen als fünftes Paar von Gliedmaßen die oft weit vorgestreckten

Kiefertaster kommen. Die haben ein stumpfes keulenförmiges Ende und

werden von dem Tier beim Laufen auch als fünftes Beinpaar benutzt. Von

allen Spinnentieren sind diese sogenannten „_Walzenspinnen_‟ durch den

vom Hinterleib scharf abgesetzten Kopf unterschieden. An dem mächtigen

dunkelbraunen Kopf trägt das Tier eine große, senkrecht gestellte

Schere, die aus den sogenannten Kieferfühlern gebildet wird.

Dieses gewaltige Beißwerkzeug macht, vor allem wenn das Tier die Schere

weit öffnet, einen erschreckenden Eindruck. Aber dieser Schrecken ist

kaum berechtigt. Die Wunde kann wohl bluten, sie kann hinterher eitern

und so gefährlich werden. Aber alle Erzählungen von Krankheit oder

Tod, die der Biß des +Galeodes+ verursacht hätte, denen ich nachging,

erwiesen sich als Legenden. Es war auch sehr unwahrscheinlich, da in

der Beißschere der Walzenspinne gar keine Giftdrüse ist.

Mehrmals gelang es Exemplare von +Galeodes graecus+ lebend zu erbeuten.

Ein großes Weibchen wurde in einem Käfig aus Drahtgaze mehrere Wochen

lang lebend gehalten und gab dem ganzen Personal des Lazaretts

Kaluckova viel Anlaß zur Belustigung und mir zu manchen interessanten

Beobachtungen.

Wie das bei anderen Walzenspinnen beobachtet worden ist, so ist auch

+Galeodes graecus+ ein vorwiegend nächtliches Tier. Im Freien habe ich

sie nur nachts angetroffen; vor allem kam sie gern in den Lichtkreis

der großen Bogenlampen, die einige der militärischen Lager im Wardartal

sich leisten konnten. Das gefangene Tier war aber auch bei Tag sehr

lebhaft.

Kam man an seinen Käfig, so nahm es sofort eine Bereitschaftsstellung

ein; es wich bis an den Hinterrand des Käfigs zurück, hob den

Hinterleib etwas in die Höhe und streckte die Maxillarpalpen nach vorn.

Dabei vernahm man ein eigentümliches knisterndes Geräusch.

Alle Bewegungen des +Galeodes+ sind außerordentlich rasch und intensiv.

Brachte man irgend ein lebendes Tier in seinen Käfig, so dauerte es

kaum einige Sekunden, bis dies verschwunden und verschluckt war.

Gefangen wurden die Fliegen, mit denen das Tier meistens gefüttert

wurde, oft schon im Flug mit den Maxillarpalpen, an deren Enden sie

offenbar kleben blieben. Unser +Galeodes+ war unersättlich. Er konnte

in einem Tag hunderte von Stubenfliegen vertilgen.

Die Wochen, in denen wir ihn lebend hielten, waren die heißesten

und fliegenreichsten des Jahres. Überall in allen Arbeits- und

Wohnräumen waren Fliegenfallen aufgestellt, deren ganzes Erträgnis der

Walzenspinne zugute kam. Jedermann war aber bemüht, dem Gefangenen

allerhand Extras zuzuwenden, so daß dem Tier mit der Zeit wohl die

gesamte erreichbare Insektenwelt der Umgebung angeboten wurde. Nichts

wurde verschmäht. Heuschrecken, Käfer, Libellen, Schmetterlinge wurden

mit dem gleichen Appetit verzehrt, wie gelegentlich ein Stück Fleisch.

Kein Unterschied wurde gemacht zwischen toten und lebenden Tieren.

Mazedonien · 第 23 / 45 段