Das Land um Üsküb ist sehr fruchtbar und bei richtiger Bewirtschaftung

läßt sich aus ihm viel herausholen. Der Wardar liefert das Wasser,

welches in Mazedonien das Lebenselement aller Landwirtschaft ist. So

kann man in der Umgebung von Üsküb weite Strecken angebauten Landes

durchwandern. Im Frühling ist das breite Wardartal eine einzige grüne

Fläche. Allerdings die einzelnen Stücke sind selten von bedeutender

Größe. Oft ist aber ein Gebiet ziemlich einheitlich mit _Gerste_,

_Weizen_ oder _Roggen_ bepflanzt, _Hafer_ spielte bei Üsküb eine

geringere Rolle.

Später im Jahre begann die Arbeit auf den _Mais_- und _Mohn_feldern,

welche sehr sorgsame Pflege verlangen und nur dann Ertrag bringen,

wenn viel Fleiß auf sie verwandt wird. Und das geschieht in der Regel;

die Bauern, Männer und Frauen, machten mir in der Üsküber Gegend einen

außerordentlich fleißigen Eindruck. Bei Tagesanbruch ziehen sie,

mit Proviant versehen, auf ihre Felder hinaus, um erst abends nach

Sonnenuntergang heimzukehren. Oft, wenn ich nach dem Abendessen mit den

bulgarischen Ärzten noch einen längeren Spaziergang unternahm, von dem

wir erst zwischen 10 und 11 Uhr heimkehrten, trafen wir noch arbeitende

Bauern und Bäuerinnen draußen auf den Feldern. Die Mittagsruhe, welche

die Leute draußen hielten, schien mir nicht sehr lange zu dauern.

Abends hatten sie fast immer noch eine gute Strecke bis nach Hause

zurückzulegen.

Oft sah ich den Bauer allein auf dem Acker mit seinem primitiven

Pflug schaffen. Meist war dieser mit zwei Zugtieren bespannt. Selten

waren dies Pferde, in der Regel Ochsen oder noch häufiger Büffel. Die

prachtvollen, mächtigen schwarzen Gestalten dieser Tiere hoben sich

oft malerisch vom Abendhimmel ab, wenn die schneebedeckten Hänge des

Ljubotren in die glühende Luft hineinragten. Das waren unvergeßliche

Bilder von großer Schönheit.

Der Pflug wurde wie bei uns an zwei gebogenen Handhaben geführt, welche

der Bauer mit beiden Händen faßte. In der rechten Hand hielt er eine

lange, dünne Stange mit scharfer Spitze. Mit dieser, dem landesüblichen

Ersatz der Peitsche, wurden die Büffel am Nacken und an den Flanken

gestochen und gestoßen, wenn sie nicht recht vorwärts wollten. Die

Pflugschar war nur ein kurzer, schmaler Eisenhaken, der kaum 25-30 cm

in den Boden eindrang. Trotzdem hatten die Büffel eine tüchtige Arbeit

in dem harten, steinigen Boden zu leisten und mußten fest angetrieben

werden.

Sie gingen zu beiden Seiten der einfachen Deichsel, welche schief

zwischen ihren Köpfen vorragte. Diese stellte die einzige Verbindung

mit dem Pflug dar, Stricke und Zügel gab es nicht. An Stelle eines

Jochs lag ein vierkantiger langer, schwerer Balken quer über dem Nacken

beider Büffel und stand seitlich noch ein Stück heraus. Mit diesem

Balken war die Deichsel durch Metall-, meist Kupferspangen, fest

verbunden. Räder hatte der mazedonische Pflug nicht.

Die Verbindung der Büffel mit diesem Joch wurde dadurch gesichert, daß

unter dem Hals jeden Tieres ein dünnerer, kürzerer Balken dem Querjoch

parallel lag; das schwere Joch war mit ihnen durch sechs senkrechte

Stöcke fest verbunden. Zwei davon steckten zu beiden Seiten der

Deichsel, je zwei bildeten um den Hals der Büffel einen Rahmen, aus dem

er nicht herauskonnte und welcher ihre Kraft auf den Pflug übertrug.

Schwer und hart lag dies Gestell auf dem Nacken der Tiere, welche meist

an den Stellen, an denen das Holz auf ihrer Haut rieb, wund oder mit

Schwielen bedeckt waren.

Derselbe wenig schonende, einigermaßen tierquälerische Rahmen diente

auch zur Bespannung der üblichen zweiräderigen Bauernwagen. Dieser

Karren ruhte auf einer Achse, an der zwei hohe schwere Räder saßen. Es

war kein sanftes Fahren in solchen Wagen auf holperigem Feldweg oder

querfeldein. Sie wurden zum Transport von allen möglichen Feldprodukten

verwandt und um viel Heu, Stroh, Getreide zu fassen, waren sie auf

beiden Seiten mit einem hohen Geländer aus spitzen Stangen und Brettern

eingefaßt. Das gab diesen Karren ein höchst charakteristisches

Aussehen. Selten wurden diese mit Büffeln bespannt; man sah vor ihnen

fast immer kurzhörnige kleine Ochsen von gedrungenem Bau (Abb. 143).

So lange die Felder brach lagen, sah man oft Herden von Rindern und vor

allem von Schafen unter Aufsicht in der Regel jugendlicher Hirten auf

ihnen weiden.

Die Ernte war sehr vom Klima des Jahres abhängig. Dürre war für sie

die größte Gefahr. Nur wer bewässern konnte, war von ihr weniger

bedroht. Getreide wurde meist noch mit der Sichel geschnitten, kaum

je auf dem Feld aufgeschichtet, sondern in kleinen Bündeln nach Hause

gefahren. Dort wurde es in quadratischen Gebäuden, primitiven Scheunen

aufbewahrt, welche Wände aus Flechtwerk, manchmal auch Lehmwände

besaßen. Auch in großen Haufen im Freien aufgeschichtet, sah man es

manchmal.

Heu konnte in dem heißen Niederland keines gewonnen werden. Aber

wo Gebirge in der Nähe waren, holte man es sich von den Matten

herunter. Die verschiedenen Ackerprodukte verlangten ganz verschiedene

Behandlung, stets aber viel Arbeit. Das galt besonders vom _Mohn_, der

auch bei Üsküb viel gepflanzt wurde.

Es wurde viel und hart auf den Feldern gearbeitet. Die Arbeiter

waren meist bulgarische Slaven, was man an ihrer Tracht erkannte und

aus den Antworten entnehmen konnte, welche sie auf Ansprache meiner

bulgarischen Begleiter gaben. Hier und da sah man auch _Türken_ auf den

Feldern und besonders als Hirten _Albaner_.

[Illustration: Abb. 143. Ochsenwagen vor dem Dorf Orman.]

Nicht selten besuchte ich die Dörfer, um Einblick in das Leben der

_mazedonischen Bulgaren_ zu gewinnen. Kam man im Frühling während des

Tages ins Dorf, so traf man nur alte Frauen und kleine Kinder in den

Höfen und Gärten an. Alle anderen waren draußen in den Feldern bei

der Arbeit. Ein Dorf sah im Frühling von außen sehr freundlich aus.

Meist steckte es tief im Grünen. Hoch ragte eine Gruppe von Pappeln

über das Ganze und alle Häuser waren von Obstbäumen eingehüllt. Wenn

diese blühten, trug das Dorf sein schönstes Kleid. Kirschen-, Pflaumen-

und Apfelbäume spielten die Hauptrolle, dazwischen standen Birnbäume;

Aprikosen und Pfirsiche fehlten nicht. Sie hüllten das Dorf in ein

Blütenmeer, das es duftig umspann. Am Ende der Blütezeit konnte der

Wind Wolken von Blütenblättern über die Dächer wirbeln, die wie Schnee

den Boden der Höfe und die Gassen des Dörfchens bedeckten. Hecken

umschlossen die einzelnen Häusergruppen. Zwischen ihnen gackerten die

Hühner. Am Bach oder Teich des Dorfes trieben sich Gänse und Enten

herum, wälzten sich wohl auch Schweine im Schlamm. Es waren die kurzen,

hochrückigen, meist schwarzen, mit dichtem Borstenpelz bedeckten

Balkanschweine. Die Schafe, Rinder und Pferde waren mit den Menschen

draußen. An den Hecken sah man hier und da eine der niemals fehlenden

Ziegen knabbern. Feigen- und Granatapfelbäume, die im Süden so häufig

gewesen waren, fehlten hier bei Üsküb meistens. Aber auch hier waren

die Gärten, welche außen um das Dorf lagen, mit _Kohl, Tomaten,

Paprika, Melonen_ bepflanzt. _Zwiebeln_ und Lauch spielten eine große

Rolle. Hier und da sah man auch hier die schwarzblauen _Auberginen_.

Im Sommer hingen an den Häusern die grellroten _Paprikaschoten_, später

auch _Maiskolben_ an der Sonne zum Trocknen. Auch _Tabaksblätter_ sah

man an den Hauswänden in der Sonne dörren. _Tabak_ spielte im Anbau

eine während des Kriegs stets zunehmende Rolle. Mit der Teuerung

stieg sein Wert und schließlich pflanzte jeder Bauer, jeder Soldat

sich seinen Tabak selbst. Auch große Felder wurden mit ihm angelegt

und damit erwuchs dem Bauern neue Arbeit, aber auch eine neue

Einnahmequelle.

Ein Haus, dessen Lehmwand von den goldbraunen Tabaksblättern behängt

war, an dessen Fenstern die leuchtend roten Paprikaschoten hingen,

mit den dunklen Schlagschatten darüber, welche das schwere Strohdach

auf die Mauern warf, bot in der Glut der mazedonischen Sonne ein

malerisches Bild von exotischem Zauber.

Kam man abends zum Dorf, so hörte man in allen Gehöften Geräusche der

Menschen und heimgekehrten Tiere. Die Stiere brüllten, die Pferde

stampften, Kinder und Mädchen sangen, die Wagen knarrten mit ihren

ungeschmierten Rädern. Auf den ziegelgedeckten Haupthäusern jedes

Gehöftes rauchten die Schornsteine, hier und da blinkte ein Feuerschein

aus einem Haus über den Weg. Hunde kläfften und fuhren dem Fremdling an

die Beine. Als die Dämmerung niedersank, konnte man ein absonderliches

Schauspiel beobachten. Das Geflügel suchte sich seine Nachtquartiere

auf. Die _Gänse_ und _Enten_ drückten sich in die Gebüsche und Winkel

zwischen den Häusern hinein, begaben sich auch unter die eigenartigen

Pfahlbauten, die in den Höfen standen. Am eigenartigsten war aber das

Benehmen der _Hühner_. Auf den Höfen gab es kein Hühnerhaus, sie fanden

ihr Nachtquartier ganz wo anders. Mit seinem letzten Kikeriki für

diesen Tag schwang der _Hahn_ sich hoch hinauf auf einen stattlichen

Baum. Bald folgten ihm seine Hennen nach und wenn es dunkel wurde, kam

eine nach der anderen hinauf zu dem sicheren Nachtaufenthalt. Zu ihnen

gesellten sich die Truthähne und -hühner.

Die ganzen Bäume waren dann von den großen Vögeln bedeckt, welche ihren

Kopf unter die Flügel steckten und im Dunkel der Nacht wie seltsame

Früchte erschienen.

Eines Tages, als ich mit meinen bulgarischen Freunden das Dorf _Orman_

(Abb. 143, S. 287) besuchte, ließ ich mir von ihnen die Bestandteile

eines Gehöftes erklären; um einen Hofraum herum stehen immer eine

Anzahl Baulichkeiten, deren Zusammengehörigkeit durch einen sie

umfassenden Zaun oder eine Hecke gekennzeichnet ist.

Sie bezeichneten mir das hohe, weißgetünchte Haus im Hintergrund als

das Haus der Herrschaft; im Dorf Orman sei es bei seiner einfacheren

Ausstattung wohl von dem Verwalter des Herrn bewohnt. Unter ihm stehe

das Dorf mit all seinen Gehöften. Das ganz wohnlich aussehende größte

Haus im Hintergrunde des Hofs sei das Haus des Vaters oder Großvaters

der Familie, die den Hof bewohne. Im Hof standen allerhand Gebäude

herum, an deren regelloser Anordnung man erkannte, daß sie nach und

nach dem Bedürfnis entsprechend entstanden waren. Manche dienten als

Scheunen, andere als Geräteschuppen, Ställe gab es keine. Manche waren

aus Balken gebaut, die Wände bestanden aus Flechtwerk, ein mächtiges

Strohdach deckte sie. Andere waren aus Lehmziegeln gebaut, selten waren

sie einmal weißgetüncht. Während das Vaterhaus ein längliches Gebäude

mit einer großen Eingangstüre war, welches mehrere Fenster aufwies und

ein rotes Ziegeldach trug, hatten die meisten anderen Gebäude einen

quadratischen Grundriß und waren mit Stroh gedeckt. Die Vorratshäuser

für Stroh und Getreide hatten meist nur einen Eingang, aber keine

Fenster, höchstens an einer Seite ein kleines viereckiges Luftloch.

Besonders merkwürdig erschienen mir kleine quadratische _Pfahlbauten_,

deren in jedem Hof eines oder mehrere standen. Sie waren meist etwas

abseits von den anderen Bauten errichtet. Sie hatten einen Eingang, zu

dem eine kleine Leiter hinaufführte. An der Hinterwand hatten sie in

der Regel ein einziges kleines Fenster. Meist waren sie aus Flechtwerk

gebaut, das mit Lehm beworfen und außen geweißt war. Der Fußboden war

auf einem Rahmen aus Balken in ähnlicher Weise hergestellt, und sah

einer Tenne ähnlich.

Das Häuschen stand auf vier oder mehr Pfählen, die zum Teil durch

schiefe Streben gestützt waren. Das Dach, in Gestalt einer vierseitigen

Pyramide war fast ebenso hoch wie die Wände des Hauses und bestand aus

mehreren Lagen von Stroh. Die Spitze war, um den Regen abzuhalten, mit

einem Deckel überzogen, der aus Geflecht, Reisig oder Holz bestand. Der

Querschnitt der Häuschen war quadratisch mit etwa 2½ qm Bodenfläche.

Sie waren 4-5 m hoch.

Schaute man in die Hütte hinein, so war sie bei Tag fast immer leer,

machte aber den Eindruck eines primitiven Wohnraums. In einer Ecke

lag ein Haufen von Decken, offenbar das Schlaflager der Bewohner.

An einer Wand stand eine Truhe. Auf dem Boden standen einige Körbe

und Schüsseln. Eine Feuerstelle fehlte, der Pfahlbau hatte auch

keinen Schornstein, während das Vaterhaus meist deren mehrere besaß.

Die Häuschen waren verschieden gut gebaut und in verschieden gutem

Erhaltungszustand, reinlicher oder schmutziger, wohlgeordnet oder in

wildem Durcheinander, offenbar je nach der Art ihrer Bewohner.

Als ich meine bulgarischen Freunde fragte, was diese Häuschen wohl zu

bedeuten hätten, ob das wohl Arbeiterwohnungen seien, zögerten sie

einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte der eine von ihnen: „Ja,

wenn Sie wollen, Arbeiter- oder Knechtswohnungen, aber anders als Sie

meinen. Soll ich es Ihnen klar und deutlich sagen, so muß ich diese

Pfahlbauten als _Fortpflanzungshäuser_ bezeichnen.‟

Er sagte dies mit einem eigentümlichen Blick und in einer bitteren Art,

die ich sonst nicht bei ihm gewohnt war. Und als ich zuredete, erfuhr

ich von meinen Freunden Dinge, die mir zeigten, wie die Bulgaren

jahrhundertelang unter dem Joch der Türken gelitten haben müssen und

in welch raffinierter Weise die letzteren verstanden, die Kräfte der

Unterjochten für ihre Zwecke auszunutzen.

Nachdem sie mir die ganzen Verhältnisse geschildert hatten, fuhren wir

nach einigen Tagen nach dem _Tschifflik Bardovce_ hinaus, wo sie mir

an einem typischen, großzügigen Beispiel die Methoden der Türken und

ein interessantes Stück mazedonischer Ethnographie vor Augen führten.

Ich habe keine Dokumente gesehen und in keinen Büchern eine Bestätigung

dieser Angaben gefunden. Ich schildere, was ich sah, und füge dazu die

höchst einfache und überzeugende Erklärung, welche meine Freunde mir

gaben. Ich habe keine Ursache anzunehmen, daß sie ungenau unterrichtet

waren, oder daß politischer Haß sie beeinflußte. Zudem hatte ich allen

Grund sie für gut orientiert zu halten, da die Bewohner dieser Dörfer

zu ihnen, den Ärzten, als vertrauende Patienten vielfach gekommen

waren. Und der gute Arzt pflegt ja ein Beichtvater des Volks zu sein.

Als wir uns dem Herrschaftshaus des Gutes _Bardovce_ näherten, fuhr

unser Wagen in schlankem Trab durch eine Allee auf einer breiten Straße

vor ein weißes Tor mit rotem Ziegeldach vor, welches sich mitten in

einer hohen Mauer aus Ziegelsteinen erhob. Wie eine Festung war der

Herrensitz von dieser 3-4 m hohen Mauer rings umschlossen. Sie selbst

hatte eine Ziegelbekrönung und zeigte keinerlei Schmuck. Über die

Mauer schauten hohe Bäume und die steilen, turmähnlichen Schornsteine

stattlicher Gebäude heraus.

Wie wohl in alten Zeiten hielten wir vor dem verschlossenen Tor und

pochten mit dem metallenen Klopfer an, daß es durch den Hof schallte.

Es war aber nicht mehr die Dienerschaft des türkischen Paschas, des

einstigen Besitzers, die uns öffnete, es waren bulgarische Soldaten,

welche das in den Gebäuden aufbewahrte Armeemagazin bewachten.

Gleich neben dem Tor befand sich das Pförtnerhaus; zur anderen Seite

dehnten sich lange niedrige Stallgebäude aus, denen jetzt das Dach

fehlte. Das Schloß war geplündert worden und hatte auch sonst manchen

Schaden gelitten. Aber wir bekamen doch einen Eindruck von der

einstigen Pracht und dem Luxus, den sich der Pascha hier in seinem

Landsitz hatte leisten können.

Im vorderen Teil des hier kahlen Hofs ragte ein stattliches, aus

verschiedenfarbigen Steinen gebautes zweistöckiges Haus empor. Es hatte

eine dreiteilige Fassade; der Mittelteil war zwischen den Seitenflügeln

etwas zurückgefaßt und hatte einen rundlichen Umriß. In diesem Teil

befand sich das weitläufige Treppenhaus, groß angelegt, durch seine

Mitte führte das Hauptportal ins Haus. Zu beiden Seiten schlossen

sich an Treppenhaus und Gänge Räume an, die saalartig umfangreich und

mit ornamentalen Malereien geschmückt waren, Nischen mit plastischem

Schmuck und Wandbrunnen enthielten. Daneben befanden sich Kammern und

Schlafzimmer nebst Baderäumen. Ein großer Saal wurde als Speisezimmer

bezeichnet. Das Haus war so als das „_Selamlik_‟, das _Männerhaus_, das

Wohn- und Repräsentationshaus des Herrn charakterisiert. Wenn die Reste

der Ausstattung auch nicht sehr feinen, erlesenen Geschmack verrieten,

das Haus mußte, als die Fenster und Türen noch ganz waren, als die

Wände mit Teppichen behängt, die Böden mit solchen belegt waren, Divans

die Zimmer umfaßten, Tische und andere Möbel sie erfüllten, einen

pompösen Eindruck gemacht haben.

[Illustration: Abb. 144. Hofraum des Tschifflik.]

Das _Selamlik_ war früher durch eine schwebende Brücke im oberen

Stockwerk mit dem nebenanliegenden etwas kleineren, aber auch recht

stattlichen Nebengebäude verbunden. Es war das „_Haremlik_‟, das

Frauenhaus, welches den Harem des Paschas beherbergte. Es war nach

allen Seiten durch Mauern von der Außenwelt getrennt, auch sein

Hofraum von dem des Selamlik. Rings um das _Haremlik_ waren hohe Bäume

angepflanzt, welche den Platz vor dem Haus anmutig beschatteten und

jeden Blick von der Außenwelt auf die oberen Stockwerke des Hauses

verhinderten. Der Bauplan des Hauses entsprach im wesentlichen dem des

Selamlik mit seiner Dreiteiligkeit. Auch hier war der Mittelteil ein

luftiges Treppenhaus mit weiten Gängen und großen Fensteröffnungen. Die

Raumeinteilung war ähnlich wie in dem anderen Haus; auch hier war viel

zerstört, immerhin manche reizvolle Holzschnitzerei an Türrahmen und

Fenstergittern erhalten. Die holzgeschnitzten Fenstergitter sind ja oft

der Hauptreiz der Architektur von türkischen Haremsbauten.

[Illustration: Abb. 145. Selamlik.]

Auch im Haremshof befanden sich dem Hauptgebäude gegenüber

Wirtschaftsbauten, in denen wohl Küche und Dienerinnen untergebracht

waren. Ringsum gut von der Welt abgeschlossen war so der Harem, nur

zugänglich dem Pascha selbst, der von seinen Räumen aus auf luftiger

Brücke direkt in die Räume seiner Frauen gelangte.

Trotz aller Zerstörung machte das Gebäude doch immer noch einen

stattlichen Eindruck und man konnte sich wohl vorstellen, wie in ihm

einst der Pascha hauste, der Schrecken für alle seiner Untergebenen,

der Aussauger des Vilajets Üsküb, der hier seine Reichtümer ansammelte

und ein frohes Leben genoß auf Kosten der Einwohner des Landes,

deren elende Wohnstätten wir nun im Anschluß an die Besichtigung des

Herrenhauses noch einmal genauer uns ansehen wollten.

Das Dorf _Bardowce_ lag dicht bei dem Schloß, beide am Fuß eines Hügels

gelegen, von dem aus man beide übersehen konnte. Trutzig lag das

Herrenhaus zwischen seinen hohen Mauern, während die Hütten des Dorfes

noch mehr als die des Dorfes _Orman_ in einem Hain stattlicher Bäume

verborgen lagen, so daß man von oben nur einzelne Dächer hervorlugen

sah.

[Illustration: Abb. 146. Haremlik.]

Ein wohltuender Schatten umfing uns, als wir durch die Gäßchen

bummelten, welche die einzelnen Hofstätten miteinander verbanden.

Wir sahen uns einen Hof nach dem anderen an; sie glichen sich sehr

untereinander, nur daß die Größe des Elternhauses und die Zahl der

Scheunen und Nebengebäude verschieden waren. Im Hof stand wohl ein

unbespannter Wagen, Hühner und Enten liefen umher, aber sonst war es

still. Die Bewohner waren heute wieder, am Arbeitstag, draußen bei der

Arbeit.

Nur einzelne Kinder huschten durch die Zäune, während wir uns ungestört

umsahen und meine Freunde mir erzählten und erklärten, was sie von den

Zuständen wußten. Das Elternhaus enthielt eine Küche und mehrere Räume

mit Betten und anderen Möbeln. Aus ihm schauten mehrere Kinder heraus.

Meine Freunde berichteten mir, daß die Leute in den Dörfern zur Zeit

der Türken Leibeigene gewesen seien, ohne Freizügigkeit. So gehörten

die Bewohner eines Dorfes in der Regel zu ganz wenig Familien.

[Illustration: Abb. 147. Elternhaus.]

Der Vater einer Familie hatte ein bestimmtes Stück Land zur Bebauung

angewiesen bekommen. Er hatte dieses mit seinen Söhnen und deren Frauen

ganz frei zur Verfügung. Es scheint, daß ihm nicht viel in die Art der

Bebauung und in die Arbeit hineingeredet wurde. Aber vom Ertrag hatte

er die Hälfte an den Herrn abzuliefern, die andere Hälfte stand zu

seiner Verfügung. Das sei wenigstens das Verfahren in der letzten Zeit

der Türkenherrschaft gewesen. Ob in früherer Zeit andere Sätze üblich

waren, konnte ich nicht erfahren. Vielfach hätten sich die Leute dabei

nicht schlecht gestanden, natürlich je nach der Arbeitsleistung und dem

Ausfall der Ernte. Im Jahre 1918 schien sie nicht schlecht gewesen zu

sein, die Vorratshäuser waren wohl gefüllt. Und damals waren ja die

Leute unter bulgarischer Herrschaft freie Bauern. Was mag jetzt aus

ihnen geworden sein?

Das seltsamste in den Höfen waren die _Fortpflanzungshäuser_. Nach der

Zahl dieser Pfahlbauten konnte man abschätzen, wieviel verheiratete

Söhne der Vater in diesem Hof hatte. Manche Höfe hatten nur eines,

andere zwei oder drei, selten mehr. Als Zweck dieser Häuser wurde mir

bezeichnet, die jungen Eheleute sollten in ihnen ihre Ruhe haben, um

Kinder zu erzeugen. In jedem Haus lebte je nur ein junges Paar. Sie

hatten nicht zu kochen und keine Haushaltssorgen. So lange die junge

Frau ihr Kind stillte, behielt sie es bei sich. War es abgewöhnt, so

kam es zur übrigen Kinderschar in das Haus des Großvaters, wo auch

die Verpflegung der ganzen Familie besorgt wurde. Das Paar hatte nur

für baldige weitere Nachkommenschaft zu sorgen und auf den Feldern

mitzuarbeiten. Je mehr solche Häuser also da waren, um so mehr Aussicht

auf reichlich Arbeitskräfte. Wahrlich eine raffinierte Methode, unter

Ausnützung des unterjochten Volkes die Interessen des Paschas zu

fördern. Es gelang mir allerdings nicht, klare Auskunft darüber zu

erhalten, ob die Türken die Urheber dieses Verfahrens waren, oder ob

alte slavische Sitten dahinter steckten.

[Illustration: Abb. 148. Fortpflanzungshäuser.]

Das Resultat schien wenigstens die Methode zu loben; als am Nachmittag

die ganze Kinderschar eines Hofes sich vor uns versammelte, zählten wir

14 Kinder von 6-12 Jahren als die Nachkommenschaft der hier wohnenden

Paare. Auf meiner Photographie der Kindergruppe erblickt man auf einem

Dach im Hintergrund ein Storchennest, wie ein Symbol der Methode (Abb.

149).

[Illustration: Abb. 149. Die Resultate der Methode.]

Die Höfe, die Bewohner und ihre Kinder habe ich noch manches Mal

besucht und einiges von ihren Sitten beobachtet. Im Herbst wurde auf

dem harten Boden des Hofes das Getreide gedroschen, indem Ochsen und

Pferde im Kreis herum getrieben wurden, welche mit ihren Hufen die

Körner aus den Ähren trampelten. Dieser altertümliche Ersatz der

Dreschflegeln war noch ganz allgemein in Mazedonien verbreitet. Nach

der Ernte hörte man überall Peitschenklang, Rufen und Singen der Männer

und das Trappen der pflügenden Tiere, die, heftig angetrieben, erst

in sich verkleinernden Kreisen, dann nach Umkehr in immer größeren

Kreisen an der Leine liefen, welche mitten in dem Getreidehaufen

an einer Stange befestigt war (Abb. 130). Meist wirbelte in dieser

trockenen Zeit eine mächtige Staubwolke um die Dreschszene auf. Auch

bei der bulgarischen Armee wurde so gedroschen und ganz selten sah ich

Dreschflegeln oder gar eine Dreschmaschine. Auch hier war dem Ochsen

und dem Pferd, welches drosch, in der Regel das Maul nicht verbunden.

Zum Schluß wurde das Stroh weggeschafft, und es blieb ein Haufen von

Körnern, Spreu und viel Staub und Steinchen auf dem Boden liegen. Die

Körner wurden dann in ebenfalls primitiver Weise von Spreu und Staub

getrennt, indem die Masse an windigen Tagen auf eigenartigen Schaufeln

in die Luft geworfen wurde. Dabei trennte sich das Schwere vom

Leichten. Staub und Spreu flogen davon, während die Körner niederfielen

und in Säcke gesammelt wurden, nachdem die Prozedur mehrmals wiederholt

worden war. Daß einem beim Zerbeißen des mazedonischen Brotes oft die

Zähne knirschten, wird man verstehen.

[Illustration: Abb. 150. Das Dreschen mit Pferden.]

Mazedonien · 第 22 / 45 段