Die gleiche Vermischung von Typen, welche auf alle möglichen Rassen

hinweisen, zeigen wie die Bulgaren fast alle Balkanvölker. Das

ist die Folge der bewegten Vergangenheit des Balkans, in welchem

Völkerwanderungen, Volksverschiebungen, Herrschaftsausdehnungen sich

seit zwei Jahrtausenden unablässig folgten. Soviel eingewandert und

ausgewandert, verschoben und ausgerottet wurde wohl in keinem Teil

Europas in historischer Zeit.

[Illustration: Abb. 139. Sonntag am Brunnen im Dorf Pubjance Juli 1918.]

In die von Thrakern, Mazedoniern und Griechen bewohnten Teile des

Balkan brachen nacheinander Germanen, vor allem West- und Ostgothen,

dann Hunnen, Avaren, schließlich ural-altaische Völker und Slaven ein.

Das begann schon, als das Gebiet durch die römische Herrschaft noch

kaum oberflächlich latinisiert war. Immerhin waren auch durch die

Kolonisation der Römer, vor allem durch Ansiedelung von Legionären

manche fremde Elemente und mit ihnen lateinische Sprache eingeführt

worden. Diese hatte nach der Abtrennung von Ostrom und der Begründung

des byzantinischen Reiches immer mehr mit der sich ausbreitenden

griechischen Sprache, die von der griechischen Kirche getragen wurde,

zu kämpfen.

Es war schon ein rechtes Völkergemisch, welches die _Bulgaren_

antrafen, als sie im siebenten Jahrhundert über die Donau auf dem

Balkan einwanderten. Den Namen der Bulgaren brachte ein uralaltaisches

Volk mit, welches in nicht allzugroßer Volkszahl über die Donau

einbrach, wohl aus Südrußland kommend und südlich der Donau die dort

ansässigen slavischen Stämme unterwerfend. Hier fanden sie schon

in deren Gebiet keine einheitliche Bevölkerung vor. Aber es saß im

Lande eine Bevölkerung mit nicht ganz geringer Kultur und slavischer

Sprache. Die kriegerischen, organisatorisch immerhin mehr als jene

begabten Bulgaren gaben in dem fruchtbaren Lande ihr Nomadenleben auf,

wurden ansässig, vermischten sich mit der eingeborenen Bevölkerung und

nahmen mit den Sitten auch ihre Sprache an, die durch die Jahrhunderte

zur jetzigen bulgarischen Sprache wurde und dieser Entstehung

ihre altslavischen Elemente verdankt. Sie wurde die Staats- und

Kirchensprache eines entstehenden Staates, dessen Bevölkerung sich

in der Hauptsache aus vorher romanisierten Thrakern, Slaven und den

tatarischen Bulgaren zusammensetzte. Dazu kommen noch all die Elemente,

welche aus Ureinwohnern und römischen Legionären herzuleiten waren.

Noch sieht man heute unter den Bulgaren nicht selten eine kleine,

eckige, schlitzäugige Tatarengestalt und ganz selten glaubt man in

einem auffallend edlen Profil einen Tropfen Römer- oder Asiatenblut

ahnen zu dürfen. Die Hauptmenge der modernen Bulgaren zeigt slavischen

Typus, wobei vielleicht der reinste in Westmazedonien, in der Gegend

zwischen Prilep und dem Ochridasee, in den blonden Langköpfen uns

entgegentritt.

In dem Reich der Bulgaren erstand bald ein gefährlicher Feind für

Byzanz. Es zeigte sich in dem neuentstehenden Volke ein gewisser

Sinn für Organisation und die kriegerische Tüchtigkeit war wohl

von den Steppenvölkern auf die Mischrasse übergegangen. Nun kamen

die Jahrhunderte bald erfolgreicher, bald mit mehr oder weniger

vollkommenem Zusammenbruch endenden Kriege der Bulgaren mit Byzanz.

Noch in diesen Zeiten floß neues Blut dem Volk der Bulgaren zu. Bei

den vielen Grenzverschiebungen strömte byzantinische Bevölkerung

verschiedener Herkunft immer wieder in das Gebiet der Bulgaren ein.

Zum Teil wurden sie von Byzanz zwangsweise unter den Bulgaren und an

deren Grenzen angesiedelt. Dieser Zuwachs war zum Teil asiatischer

Herkunft.

Und dann kam die große Tragik bulgarischer Geschichte, die sich bis

in die Gegenwart fortsetzt. Nie gelingt es diesem Volke, seine großen

politischen und völkischen Ziele zu erreichen. Wie oft standen die

Bulgaren vor Byzanz, nie gelang es ihnen, diese Stadt einzunehmen

und damit den erstrebten Einheitsstaat auf dem Balkan zu begründen.

Immer wieder brachen sie im letzten Moment zusammen, verloren den

Mut und zogen sich freiwillig oder gezwungen zurück. Muß man nicht

unwillkürlich an ihren letzten Versuch im ersten Balkankrieg denken,

als sie 1911 an der Tschataldschalinie verbluteten, der Cholera erlagen

und alle Erfolge ihrer Siege wieder einbüßen mußten!

Im Mittelalter war es wie heute die Eifersucht zwischen slavischen

Brudervölkern, welche die Begründung eines einheitlichen Slavenreiches

auf dem Balkan immer wieder verhinderte und die Übermacht erst der

Byzantiner, später der Türken sicherte. Sieben Jahrhunderte lang

kämpften die Bulgaren vergeblich um die Vormacht auf dem Balkan, ehe

sie in die fürchterlichste Knechtschaft versanken, welche die Türken

ihnen bereiteten. Schon im achten Jahrhundert begann die Feindschaft

der Bulgaren mit den Serben, die ja heute unversöhnlicher ist als

jemals. Die vielen Kriege der beiden slavischen Völker miteinander

mit immer sich folgenden Grenzverschiebungen, brachten immer wieder

Bulgaren und Serben bald als Beherrschte, bald als Herrscher in

Beziehungen zueinander. Das gab wieder Veranlassung zu mehr oder minder

lokalen Abwanderungen und steigerte den Durcheinander der Siedelungen

auf dem Balkan.

Bis in diese Zeiten gehen die Verschiebungen der Grenzen der

Sprachgebiete zwischen serbisch und bulgarisch auf dem Balkan, speziell

in Mazedonien. Sie machen es so schwer zu sagen, ob im Norden an der

Donaugrenze es ein serbisch gefärbter bulgarischer Dialekt ist, der

in einem Dorf, etwa bei Pirot, gesprochen wird oder ein bulgarisch

gefärbter serbischer. Ähnlich ist in Nordmazedonien die Grenze unklar

und verwischt.

Neues Blut wurde schließlich durch die Türkenherrschaft in das

bulgarische Volk gebracht. Die Vermischung mit Türken selbst braucht

man nicht zu überschätzen, obwohl sie in manchen Gegenden nicht allzu

gering gewesen sein wird. Als nach der Schlacht auf dem Amselfeld auch

das serbische Reich vernichtet, der ganze Balkan osmanisch war, bekamen

die Türken ein verwüstetes und entvölkertes Land in die Hand. Vor allem

unendlich viele Bulgaren hatten das Leben verloren, ihre Dörfer und

Städte waren zerstört. Und die Aufstände gegen die Türkenherrschaft

kosteten immer mehr Leben, brachten immer weitere Zerstörungen. Viele

Bulgaren wanderten aus, andere -- besonders Aufrührer -- wurden

gewaltsam nach Kleinasien oder sonstwohin umgesiedelt.

Eisern lag die Hand der Türken auf dem Land. Große Mengen von Türken

wurden in den verödeten Ländern angesiedelt, besonders in Thrakien.

Viele Bulgaren traten zum Mohammedanismus über, um bessere Zustände

zu erreichen. Wenn sie auch ihre Sprache behielten, mit türkischen

Sitten und türkischer Kleidung steigerte sich natürlich bei diesen

„_Pomaken_‟, wie sie jetzt noch in Mazedonien, Thrakien und Bulgarien

heißen, die Möglichkeit der Vermischung mit Türken und all den von

diesen auf dem Balkan angesiedelten Asiaten.

Viele Bulgaren zogen sich in die unwegsamen Gebirge ihres Landes

zurück; in diesen ärmlichen Gebieten wuchs zwar ein rauhes, kräftiges

Volk heran, aber es mußte notwendig verbauern; es verlor ein gut Teil

seiner eigenen Kultur, welche mühsam im Zusammenhang mit der Kirche,

von einzelnen Klöstern gepflegt, sich in Spuren erhielt.

Schwer lastete das Joch der Türken nun fast 500 Jahre, von 1400 bis

fast 1900, auf den Bulgaren. Man muß verstehen, was das für ein

Volk bedeutet, das große Reiche gegründet, welches mit Byzanz um

die Vorherrschaft gerungen, eine eigene nicht unerhebliche Kultur

entwickelt hatte. Will man die heutigen Bulgaren richtig beurteilen, so

muß man wissen, was dies Volk in diesen Jahrhunderten gelitten hat, wie

ihm das Rückgrat systematisch gebrochen wurde.

Was bedeutet es andererseits, wenn ein Volk von dem durch Gewalt

erzwungenen Tiefstand in wenig Jahrzehnten auf die Stufe sich

aufschwang, auf der wir es während des Kriegs antrafen, als wir es zum

ersten Male richtig kennen lernten. Durch das, was ich in Mazedonien

sah und erfuhr, habe ich einiges von den seelischen Leiden verstehen

gelernt, die während Jahrhunderten auf diesem unglücklichen Volk

lasteten und ihm an Mark und Nerven zehrten.

Während es unter den gebildeten Bulgaren viele feine, sehr kultivierte

Menschen gibt, ist der Eindruck, den die Mehrzahl der Bulgaren in

Mazedonien auf Deutsche und Österreicher machte, der eines herben,

groben Volks. Und zwar machten nicht nur die Mannschaften, sondern

auch vielfach die Offiziere diesen Eindruck. Auch in den Kreisen

der Ärzte, mit denen ich viel verkehrte, fand man große Gegensätze.

Während die einen sehr gute Manieren zeigten und sich in keiner Weise

von kultivierten Mitteleuropäern unterschieden, hatten manche Männer

bei guter wissenschaftlicher Ausbildung außerordentlich schlechte,

nachlässige Gewohnheiten. Man war vielleicht geneigt, etwas zu sehr auf

diese Äußerlichkeiten zu achten, weil man auch bei unseren Offizieren

und Ärzten gegen die hier seltenen Fälle schlechten Benehmens im

fremden Lande sehr empfindlich war. Aber bei den Bulgaren war die

gröbere Art doch sehr auffällig und die Erfahrungen vieler Deutschen in

dieser Beziehung sicher nicht zufällig.

Nun spielte dabei sicher der lange Krieg eine nicht geringe Rolle; auch

bei uns rekrutierte sich das Heer und speziell das Offizierkorps im

Krieg mit einer weniger sorgfältigen Auslese, als es im Frieden möglich

gewesen war. Viele junge Männer entbehrten der Erziehung, die ihnen

früher zuteil geworden wäre. Bei den Bulgaren war es von Einfluß, daß

nach den schweren Verlusten der beiden Balkankriege ein großer Teil des

Offiziersersatzes notgedrungen aus dem Unteroffiziersstand genommen

werden mußte. Daß dabei nur die militärische Brauchbarkeit und nicht

die Bildung die Auswahl bedingte, war leicht zu verstehen.

Vor allem ist aber die grobe Art der Bulgaren dadurch zu erklären,

daß sie in der Hauptsache ein _Bauernvolk_ sind. Auch bei uns sind

Männer aus Gebieten mit Bauernbevölkerung in ihren Gewohnheiten sehr

wohl von den Städtern zu unterscheiden und bei aller Liebe, welche

die Oberbayern in ganz Deutschland genießen, spricht man doch von den

groben Bayern.

In Bulgarien betrug 1910 die ländliche Bevölkerung mehr als 80% des

Gesamtvolks, während in Städten nicht ganz 20% lebten. Das erklärt

sich zum Teil aus der geschichtlichen Entwicklung, welche vor allem in

der Türkenzeit das Wachstum der Städte hinderte und die bulgarische

Bevölkerung aufs Land und in die Berge trieb. Bis kurz vor dem Krieg

war in Bulgarien eine starke Volksbewegung im Gang. Nach dem Sturz der

Türkenherrschaft strömte die Bevölkerung des Gebirges in die verödeten

Städte und Dörfer der Täler und Ebenen.

Eine eigene, städtische, höhere Kultur, in der türkischen Zeit kaum

möglich, konnte sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickeln;

Tradition gibt es noch kaum und Nachahmung des Ausländischen herrscht

noch durchaus vor. Dazu kam vor allem der starke russische Einfluß.

Die Befreiung vom Türkenjoch durch die Russen führte viele Bulgaren in

das russische Heer, auf russische Schulen, an russische Universitäten.

Gerade in Rußland erzogene Offiziere betonten vielfach eine Abneigung

gegen westliche Manieren und trugen rauhe Sitten ostentativ zur Schau.

[Illustration: Abb. 140. Tanz im Dorf Kopanči, südlich vom Wodno. Juni

1918.]

Mit der gröberen Art des Bauernvolks sind aber bei der Masse der

Bulgaren auch viele der Vorzüge der ländlichen Bevölkerung verbunden.

Ganz außerordentlich war die körperliche Leistungsfähigkeit und

Anspruchslosigkeit der bulgarischen Soldaten. An der mazedonischen

Front führten sie vielfach ein wahres Hungerdasein; und mit welchen

Unterkünften sie sich zufrieden gaben, war unseren deutschen Soldaten

unverständlich. Der Mangel an Sauberkeit und die Vernachlässigung der

Kleidung war offenbar eine Folge des langen Kriegs. Auch bei unseren

Soldaten trat in Mazedonien mit der Zeit eine starke Nachlässigkeit

auf. Allerdings so verlumpt, zerrissen und verschmutzt wie manche

bulgarischen Regimenter war nie eine deutsche Truppe.

Die Bauernbevölkerung bulgarischen Stammes in Mazedonien und was ich

von ihr im Zartum Bulgarien sah, war im allgemeinen sehr sauber und in

der Kleidung sehr sorgfältig und adrett. An Ehrlichkeit und anständiger

Gesinnung geben die bulgarischen Bauern den unserigen nichts nach.

Wie bei uns ist ja in dieser Beziehung während des Kriegs auch dort

vieles zugrunde gegangen. Was aber die Moral in den Beziehungen der

Geschlechter anlangt, so glichen die Sitten der bulgarischen Bauern

denen unserer besten, saubersten Landbevölkerung.

So gewann ich denn den Eindruck eines ausgezeichneten, physisch und

moralisch gesunden Kerns der bulgarischen Bevölkerung.

Geradezu rührend ist die Lernbegier der Bulgaren. Wo sie konnten,

suchten Soldaten und Offiziere von uns Deutschen zu lernen. Nicht

nur die Sprache, sondern in jedem Gebiet; Handwerker wie Ärzte,

Beamte und Offiziere wie Studenten sahen zu unserer höheren Kultur

auf, und suchten vom Zusammenleben mit den Deutschen zu profitieren,

so viel sie nur konnten. Ein Fall, den ich beobachten konnte, ist

geradezu typisch; ich könnte ihm viele ähnliche anschließen. In einer

Gebirgsstellung lagen deutsche Spezialtruppen oben am Berg, während

die unteren Stellungen von Bulgaren besetzt waren. Ein Unteroffizier

hatte fast täglich die bulgarischen Stellungen zu passieren, um unten

Befehle zu holen. Eine Gruppe junger bulgarischer Offiziere hielt ihn

jedesmal mindestens eine Stunde auf, bewirtete ihn freundlich, um eine

Konversationsstunde mit ihm abzuhalten und ihre Fehler im Deutschen

sich von ihm korrigieren zu lassen.

In Bulgarien waren ja sehr gute Volksschulen überall in starker

Vermehrung, überall wurde die Gründung von Mittelschulen angestrebt

und während des Kriegs wurde eifrig am Ausbau der Universität in Sofia

gearbeitet, welche bis dahin erst drei Fakultäten besaß, und der eine

medizinische Fakultät noch fehlte. Ich sah mir gern und oft bulgarische

Schulen an und hatte einen ganz guten Eindruck von Zucht, Disziplin und

Lerneifer der Schüler und Schülerinnen. Auch im besetzten Mazedonien

waren sofort bulgarische Schulen eröffnet worden. Es war dies ja

seit Jahrzehnten schon das wichtigste nationale Propagandamittel der

konkurrierenden Völker auf dem Balkan geworden.

Bei allen vorzüglichen Eigenschaften, welche ich bei dem bulgarischen

Volk zu beobachten glaubte, zwei wichtige Fähigkeiten vermißte ich, wo

ich sie bei der Arbeit beobachten konnte. Das war einmal das Talent zur

Organisation und vor allem die Fähigkeit zum Durchhalten. Sicher ist

die Klarheit aller Einsichten durch die besonderen Verhältnisse während

der Kriegszeit getrübt gewesen. Aber gerade in dieser Zeit, in welcher

Anspannung höchster Leistungsfähigkeit nationale Forderung war, hätten

diese Fähigkeiten sich im rechten Lichte zeigen sollen.

Es war mir sehr auffallend, wie schwer selbst die Begabtesten der

bulgarischen Ärzte, in deren Tätigkeit ich einen tieferen Einblick

gewann, ihre Autorität in einem größeren Betrieb still und unauffällig

durchsetzen konnten. Wie oft konnte ich sehen, daß ein Vorgesetzter

sich selbst mit viel unnötiger Arbeit belastete und absolut nicht

fertig brachte, seine bulgarischen Untergebenen zu planmäßiger

Arbeit zu bringen, während alles aufs beste klappte, wenn ein

deutscher Gehilfe ihnen zur Seite stand, oder etwa ein französischer

Kriegsgefangener zur Verfügung stand, der an geordnete Arbeit gewöhnt

war.

Daß Gebäude, Straßen, Eisenbahnen so ganz vernachlässigt wurden, daß

alles verkam, ist ja wohl mit eine Erscheinung gewesen, welche durch

die Jahrzehnte der Unruhe auf dem Balkan verursacht war. Es mag auch

sein, daß die Jahrhunderte der Türkenherrschaft den Bulgaren abgewöhnt

hatten, eigenen Besitz, der doch stets unsicher war, sorgfältig zu

pflegen. Das gilt vor allem für Mazedonien. Da habe ich kaum ein

bulgarisches Haus gesehen, wo nicht etwas baufällig war, Scheiben

fehlten, der Mörtel an vielen Stellen abgefallen war, die Stühle und

Tische zerbrochene Beine hatten. Die Vorhänge waren oft zerrissen, die

Fenster hielten nicht dicht, Schubladen wackelten hin und her oder

waren nicht zu bewegen, Schränke, Haus- und Zimmertüren schlossen nicht

und die meisten Schlüssel fehlten. Sicher war das alles im Zartum

Bulgarien, welches doch seit 1878 geordnetere Zustände gehabt hatte,

viel besser. Aber auch dort sah man überall Spuren von Vernachlässigung

und wenn auch nicht so viel wie in Mazedonien, allerorts Ruinen.

Die Eisenbahnen sahen ja auch bei uns am Ende des Krieges nicht zum

besten aus. Aber in Bulgarien und wo Bulgaren auf der Eisenbahn fuhren,

da waren die Abteile bös zugerichtet. Fenster gab es überhaupt nicht

mehr. Der bulgarische Soldat ist in seinen Bewegungen sehr plump; beim

Ein- und Aussteigen wurden mit Gewehren und Tornistern, mit Lasten und

Kisten regelmäßig Scheiben zertrümmert. Und alles, was nicht niet- und

nagelfest war, verschwand allmählich in den Abteilen. Griffe und Haken,

Zugbänder und Netze, Vorhänge und Lampen waren verschwunden und alle

Wagen in der übelsten Weise verschmutzt. Vor allem die Aborte waren in

einem schweinigen Zustand.

[Illustration: Abb. 141. Mazedonische Stadthäuser.]

Das ist der Bulgare nicht etwa so gewöhnt. In den bulgarischen Häusern

besteht der Abort in der Regel aus einem dunklen gepflasterten Raum mit

einem runden Loch im Boden. Diese primitiven Orte, wie sie ja in ganz

Südeuropa üblich sind, werden im bulgarischen Bürgerhaus meist sehr

sauber gehalten. Aber der bulgarische Bauer ist sehr gleichgültig gegen

seine Umgebung; er liegt am Boden zwischen allem möglichen Unrat und so

stört ihn ein verschmutztes, voll Papier, Asche und Nahrungsabfällen

liegendes Eisenbahnabteil in seinem Behagen nicht sehr.

Den größten Kontrast, den man sich vorstellen kann, stellt eine

bulgarische Volksmenge auf einem Bahnhof mit einer japanischen dar.

In Japan war ich auch zur Kriegszeit 1904 und 1905. Da gab es auch

manch eiliges Verladen von Soldaten und Verkehrsnot fürs Publikum. Wie

ist aber der Japaner durch jahrhundertlange Erziehung diszipliniert;

fast instinktiv ordnet er sich hinter der Sperre in Reih und Glied,

geht langsam und gleichmäßig hindurch und sammelt sich in kleinen

Gruppen vor den Wagen, in welche ohne Hast, Gedränge und schweigend

eingestiegen wird.

Dagegen die brüllende Masse von Bulgaren, die sich boxend und

tretend durch die Sperre auf den einfahrenden Zug stürzen, an ihm

emporklettern, mit den Gewehren in der Luft fuchteln, einander

umstoßen, in Massen in ein Abteil eindringen, wobei Scherben,

Eßgeschirre, Flaschen herumfliegen! Leider ist es heutzutage in dem

früher so geordneten Deutschland auch nicht viel anders.

Selten sah ich in einem solchen Getümmel einen bulgarischen Offizier

den Versuch machen, Ordnung zu schaffen. Oft hat man bei den Bulgaren

den Eindruck, als seien sie stark von dem türkischen Fatalismus

beeinflußt.

Und ähnlich wirkte oft auf mich ihre Entschlußunfähigkeit, etwas mit

letztem, starken Willensaufwand zum guten Ende durchzuführen. Lag

es daran, daß sie niemals Byzanz eroberten? Sind sie so sehr vom

Schicksal gedrückt worden, daß sie immer im letzten Moment verzweifeln,

daß das Glück ihnen auch einmal zuteil werden könnte? Im Leben des

einzelnen sah ich oft die Unfähigkeit, widerwärtige Verhältnisse in

seiner Umgebung durch Willensaufschwung zu überwinden, daran schuld

werden, daß großes Talent, edle Fähigkeiten sich nicht durchrangen.

Auch sonst scheinen mir die Südslaven manche nationale Fehler mit uns

Deutschen zu teilen. Ihre Zersplitterung in einzelne Stämme mit zäh

festgehaltenen Stammeseigentümlichkeiten haben sie auch in den 1500

Jahren ihrer Geschichte verhindert, sich jemals zu einer großen Einheit

zu vereinigen. Sind nicht sie und wir Völkergruppen, die wohl geeignet

wären einander ein abschreckendes Beispiel zu geben und voneinander zu

lernen? Sind wir nicht Schicksalsverwandte, die Sympathie für einander

haben sollten und den Versuch unternehmen müßten, sich gegenseitig zu

verstehen und zu helfen?

War man in einem großen Kreis bulgarischer Offiziere und Ärzte, so

konnte es einem wie in einem entsprechenden Kreis von Deutschen

ergehen. Man hatte das Gefühl, als könne man aus der Vielgestaltigkeit

der Gesichter und Typen Schicksal und Geschichte der Natur ablesen.

Viele der älteren Offiziere sahen, ihrer Ausbildung und Tradition

entsprechend, genau aus wie Russen, dieser glich einem Türken, jener

war ein ausgesprochener Südslave; bei einem sah der Semit, auch

wohl einmal der Armenier oder ein Tropfen Zigeunerblut hindurch, am

sympathischsten waren mir diejenigen, welche bulgarischen Bauern

glichen. Wie oft mußte ich beim Anblick einer solchen Gesellschaft

denken, wie gleicht dies Volk uns in Schicksalen und unerfüllten

Idealen. Es wäre doch der Mühe wert, sich in das Wesen und die Art

dieser Nation zu versenken, von ihren Schicksalen zu lernen und ihr

Streben nachzuahmen.

Statt dessen sah man vor allem bei unseren jüngeren Offizieren

manch spöttisches Lächeln und hörte viele unfreundliche Bemerkungen

über schlechte Manieren und über das Knoblauchessen. Das war weder

Überhebung noch schlechte Meinung, sondern es war eine leichtfertige

Verkennung der Rolle, welche jeder Deutsche dort zu spielen hatte. Es

fehlte die zart sich äußernde Überlegenheit des wahren Kulturträgers,

welcher so viel ausrichten kann und gerade dort ausgerichtet hätte.

Unsere hochgebildeten bulgarischen Freunde hatten eine ganz andere

Geschicklichkeit im Umgang, z. B. mit den Albanern. Ich werde im

nächsten Kapitel davon erzählen.

Uns fehlte in diesen Dingen die Erfahrung und diejenigen, welche die

Erfahrung und den Takt hatten, unsere Jugend und manchen Alten über den

Umgang mit fremden Völkern zu unterrichten, waren nicht am rechten Ort

dazu verwendet. Wieviel ist in dieser Beziehung bei uns versäumt und

verfehlt worden. Unsere Truppen, die so lange mit den Bulgaren zusammen

zu arbeiten genötigt waren, hätten über das Wesen, die Besonderheiten,

die Fehler und Vorzüge unserer Bundesgenossen unterrichtet werden

müssen. Sie hätten von der Tragik im Schicksal der Bulgaren etwas

erfahren müssen; dann wäre jenes überlegene milde Urteil und das feine

Verhalten erzielt worden, welches durch das Verständnis bedingt wird.

Daß dies Ziel in Zukunft hoffentlich mit besserem Erfolg erstrebt

werden kann, dazu kann jeder beitragen, welcher einen etwas tieferen

Blick in das Wesen eines Volkes getan hat, wozu manchmal Zufall und

ein gewisses Ahnungsvermögen hilfreich sind. Wie manches im Wesen der

Bulgaren sich durch ihre Geschichte erklären läßt, davon mögen die

folgenden Schilderungen eine Vorstellung geben; sie stellen für mich

ein Erlebnis dar, welches mir einen sehr tiefen Eindruck hinterließ.

ACHTZEHNTES KAPITEL

DER TSCHIFFLIK VON BARDOWCE

Überall in der Türkei trifft man herrschaftliche Landbesitzungen,

welche weite Strecken fruchtbaren Landes mit einer ganzen Anzahl von

Dörfern umfassen. Meist befindet sich im Mittelpunkt des Gebietes, von

Mauern eingeschlossen, das Herrenhaus, welches oft die Größe und das

stattliche Aussehen eines Schlosses haben kann. In der Regel liegt nahe

dabei eines der zum Gebiet gehörenden „Eingeborenendörfer‟.

[Illustration: Abb. 142. Der Tschifflik von Bardowce. Daneben im Hain

das Dorf Bardowce.]

Solcher Güter gibt es zahlreiche in Mazedonien und auf meinen

Spazierfahrten und Ausflügen, die ich in der Umgebung von Üsküb

machte, kam ich nicht selten mit meinen bulgarischen Freunden in

solche Besitzungen und durch die zugehörigen Dörfer. Die Herrenhäuser

waren vielfach zerstört, oft auch zu bulgarischen Heeres- und

Verwaltungszwecken in Gebrauch und dann von Militär bewacht. Die Dörfer

selbst waren meist in besserem Zustande und im vollen Betrieb fleißiger

Landwirtschaft.

Mazedonien · 第 21 / 45 段