Ganz eigenartig war der Anblick des byzantinischen oder alttürkischen

Äquadukts, der nahe beim Ortsspital oben auf dem Hügel hinzog in der

Winterlandschaft, hinter der der beschneite Wodno sich erhob. Seine

charakteristische Modellierung wurde durch die Schneebedeckung scharf

hervorgehoben (Abb. 133).

[Illustration: Abb. 132. Zitadellenmoschee in Üsküb im Schnee (März

1918).]

Die Formen der großen Bauten traten glanzvoll hervor und vor allem der

Blick über die Stadt mit ihren unzähligen Dächern bot im Schneegewand

einen phantastischen Eindruck.

Um so schlimmer war es bei der Schneeschmelze; da waren die Straßen von

einem unergründlichen Schmutz bedeckt und wer nicht in die Stadt mußte,

durfte sich dessen freuen. Es wurde Ende März, bis der Frühling mit

Macht hervorbrach. Die Hänge der Hügel bedeckten sich mit weißen und

gelben Crocus, süßduftende Veilchen sproßten in den Hecken und bald

begannen die Obstbäume zu blühen.

Im April und Anfang Mai war es in Üsküb schön, überall wo man hinkam.

Wäre die Stadt leichter zugänglich und gäbe es dort eine bessere

Unterkunft, so könnte sie zu den berühmten Stätten Europas gehören.

Über die Mauern der Gärten beugten sich die blühenden Zweige der Bäume,

das Verfallene und Ruinenhafte erschien nur romantisch unter der Fülle

der Pflanzenwelt, die für eine kurze Zeit der Pracht mit gewaltiger

Macht hervorbrach.

[Illustration: Abb. 133. Byzantinische Wasserleitung bei Üsküb im

Winter 1918.]

Wo man zwischen den Bäumen und Büschen hindurchsah, öffneten sich

überraschende Blicke, ob man nun nach Osten oder Westen ins Tal des

Wardar, oder nach Norden und Süden auf die Gebirge blickte. Im Norden

erhob sich die Kette des _Karadakh_ noch mit Schnee bedeckt, trotzdem

schon dunkel, durch seine schon freigeschmolzenen waldigen Hänge. Kara

ist das türkische Wort für schwarz; der Name bedeutet also schwarze

Berge. Im Westen grenzte der _Schardakh_ mit der schönen Pyramide des

_Ljubotren_ das weite Wardartal ab. Südlich stiegen die mit blühendem

Schlehdorn und Obstbäumen bestandenen Hänge des _Wodno_ hinan. Nach

Osten dehnte sich eine breite Talfläche, die nun grün zu werden begann

und deren besondere Schönheit Gruppen mächtiger Pappeln bildeten.

[Illustration: Abb. 134. Kanal mit Pappelallee in Üsküb.]

Im Gesamtbild von _Üsküb_ spielen überhaupt die Pappeln eine

beherrschende Rolle. Überblickte man die Stadt von der Zitadelle aus,

so sah man vor sich hauptsächlich die Südstadt liegen, die mit ihren

gleichmäßigen Häusern in der Flußebene ausgebreitet reizlos gewesen

wäre, hätte nicht eine mächtige Pappelallee sie malerisch gegliedert,

so daß sie sich schön von dem eigenartigen Umriß des _Wodno_ abhob, des

Berges, der südlich der Stadt auf 1100 m Höhe ansteigt. Diese Allee

begleitete nicht eine Straße, sondern einen breiten Bewässerungskanal,

der längs eines großen Teiles der Stadt hinzog. Wer ins Kriegslazarett

in der türkischen Kaserne hinaus wollte, der vermied gern die staubige

Landstraße und turnte lieber auf den Dämmen des Kanals entlang, die

frischere Luft und eine Augenweide darboten. Die silberweißen Stämme

mit ihren dunkelen Ringflecken spiegelten sich auf dem stillen,

dunkelgrünen Wasser des Kanals, zu welchem sich von den Ufern üppige

Kräuter und Büsche hinabneigten. Bunte Enten plätscherten schnatternd

im Kanal. Zwischen den säulenähnlichen Stämmen der Pappeln blickte

man nach Süden auf die vom Kanal bewässerten, reichen Gemüsegärten,

in denen Salate, Kohl und Kräuter, Tomaten, Melonen und schwarzblaue

Auberginen zwischen Obstbäumen herrlich gediehen. Nordwärts schweifte

der Blick über die im grellen Sonnenschein glühenden farbigen

Häusermassen der Türkenstadt mit ihren Moscheen und Minarets, welche

den Berghang drüben bedeckten.

Es waren vor allem die Abendstunden, welche zu einem Spaziergang in der

_Türkenstadt_ verlockten. Die Moscheen und Kirchen lagen meist hoch

am Berg, so daß man von ihnen aus wundervolle Aussichten über Teile

der Stadt, über das Wardartal und das weite Land genoß. Im Frühling

schwebten meist große Wolkenballen am Himmel, wenn die Sonne hinter dem

Schardakh hinabsank und nicht nur jene vergoldete, sondern auch tief in

die Gassen der Stadt ihre verklärenden Strahlen auf die roten, gelben

oder grell weißen Wände der Häuser, Moscheen und Türme warf. Dann war

es außerordentlich reizvoll, die engen Gassen zu durchwandern und die

eigenartigen Bauwerke zu besuchen, welche zum Teil recht sehenswert

waren.

Unter ihnen sind besonders malerisch die ruinenähnlich aussehenden,

runden, kuppelbedeckten Teile eines alten _türkischen Bades_. Wie eine

Gruppe von kleinen, breiten Türmen nimmt sich das ganze Bauwerk aus,

dessen Mörtelbewurf zum Teil abgefallen ist. So treten die Reihen von

roten Backsteinen und graugelben Hausteinen bunt hervor, aus denen

schichtenweise die Wände erbaut sind. Die halbkugeligen Kuppeln, recht

baufällig, sind mit Gras und Büschen bewachsen, so daß man zunächst

nicht recht weiß, ob es sich um Werke des Menschen oder um Erzeugnisse

der Natur handelt. Aber ein farbiges Bild bieten sie dar, im Schein der

Abendsonne (Abb. 135).

Ähnlich sahen die Kuppeln einiger zerfallender Moscheen aus, die man in

den verschiedenen Stadtteilen antrifft. Noch eigentümlicher mutet eine

alte _Karawanserei_ an, welche auf die Zeit des Serbenzaren _Stephan

Duschan_, das 14. Jahrhundert, zurückgeführt wird. _Kurschumli-Han_, d.

h. Blei-Han, wird das Gebäude genannt, wegen der kleinen Bleikuppeln,

welche Gemächer des oberen Stockwerks überwölben. Ein _Han_ ist eine

Karawanserei, ein Absteigequartier des Reisenden, vor allem des

Kaufmanns, der mit seinen Tragtieren, Dienern, Führern und Gepäck hier

in alten Zeiten Unterkunft fand. Solche Hans sind charakteristisch für

den ganzen Orient.

[Illustration: Abb. 135. Altes türkisches Bad in Üsküb.]

Der _Kurschumli-Han_ (Abb. 136) in Üsküb ist wirklich eine

Sehenswürdigkeit. Es ist ein stattliches, fast burgähnliches Gebäude

von guten Verhältnissen. Durch eine weite Torhalle tritt man in

einen säulenumgebenen Hof von eigenartigem Reiz. Mitten auf dem

gepflasterten Boden des Lichthofes befindet sich, von Marmorplatten

umfaßt, ein vertieftes Brunnenbecken, in dessen Mitte auf kurzer Säule

sich eine skulptierte Schale erhebt. Den Hof umgeben zwei Stockwerke

säulengetragener Bogen. In der Hinterwand dieser Loggien führen

Rundbogentüren in die Räume, in denen die Reisenden mit ihrem Gepäck

Unterkunft fanden, während im Hofraum ihre Reit- und Tragtiere lagerten

und gefüttert und am Brunnen getränkt wurden. Zur Zeit meines Besuches

war allerdings der Brunnen trocken.

Das Eigenartigste war aber die Farbe des Bauwerks, die Säulen und

Bogenwände trugen ein strahlendes Blau, während die Hinterwände mit

einem Rot gestrichen waren, welches an Wände in Pompeji erinnerte. In

dem starken Licht des mazedonischen Tages bot der Hof ein prachtvolles

Bild dar. Was mag da oft ein buntes Leben sich abgespielt haben, als

der Han noch seinem eigentlichen Zweck diente. Jetzt während des

Krieges wurde er als bulgarisches Proviantmagazin benutzt. Wenn die

gewaltigen Tore des Gebäudes mit den schweren Eisenbalken geschlossen

waren, dann mochten sich die Reisenden und die Kaufleute mit ihren

Waren hier sicher fühlen vor dem Gesindel der einstigen Großstadt.

[Illustration: Abb. 136. Kurschumli-Han. Innenhof.]

Ebenfalls auf die Serbenzeit und sogar auf den Zaren _Stephan Duschan_

selbst wird die eigenartige Kirche Sv. Spas zurückgeführt, die klein am

Berghang verborgen zwischen Häusern liegt, ohne Turm und auffallende

Fassade. Ihre Fundamente mögen auf alte Zeiten zurückgehen, aber die

Malereien und Schnitzereien im Innern sind sicher viel späteren Datums;

letztere sind zum Teil mit 1840 datiert.

Es war ein schöner Augenblick, wenn man aus dem Gewimmel der Gasse auf

den stillen, kleinen Kirchenhof trat, dessen Boden von Grabplatten

bedeckt war. Zwischen deren Spalten sproßten Pflanzen hervor und

so war im Frühsommer der ganze Raum von Blütenflor bedeckt, von

Blumenduft erfüllt. Durch eine niedere Türe führte es einige Stufen

hinab in das Kircheninnere, welches von dem auf die Sinne wirkenden,

zunächst verwirrenden Glanz der slavischen Kirche erfüllt war. Dunkle

Holzschnitzerei füllte den niedrigen Raum bis zur Decke aus, in den

Einzelheiten ein merkwürdiges Stilgemisch zeigend, aber doch sehr

wirkungsvoll als Einrahmung der Altarbilder mit dem reichen Gold der

Heiligengewänder und Heiligenscheine, als Wände der Beichtstühle, als

Stützen der Gestühle und Schranken. Wie stets in der griechischen

Kirche, ist das Allerheiligste vom Laienpublikum durch Schranken

(Ikonostas) abgeschieden. Die Heiligenbilder sind nicht bedeutende

Malereien, in ihrem charakteristischen Stil verfehlen sie ihre Wirkung

nicht.

[Illustration: Abb. 137. Ikonostas der Markuskirche in Üsküb.]

Hier wie in manchen slavischen Kirchen des Balkans habe ich öfters den

recht eindrucksvollen griechischen Gottesdienst mitgemacht. Besonders

schön pflegen die Gesänge der Kirchenchöre zu sein, bei denen mir oft

prachtvolle Männerstimmen, besonders Bässe, auffielen. Die slavischen

Kirchengesänge zeichnen sich durch großen Melodienreichtum aus. Ich

habe gelegentlich in Serbien, Bulgarien, Mazedonien und Rumänien

Gottesdiensten beigewohnt, einfachen Feldgottesdiensten wie pompösen

Repräsentationen. Ich hatte meist den Eindruck einer leeren, nicht sehr

tief wirkenden Handlung. Dazu trug meist das Geringe der Persönlichkeit

der Priester bei.

[Illustration: Abb. 138. Bulgarischer Pope aus der Kirchentüre des

Klosters bei Pubjance tretend.]

Auch in Üsküb begegnet man oft auf der Straße den schwarzen Gestalten

der Popen. Mit ihren großen Bärten, ihren mächtigen Kopfbedeckungen

und wallenden Kaftanen sahen sie manchmal pompös aus. Kam man ihnen

näher, so verschwand sehr bald der Nimbus. Viele von ihnen waren

schäbig gekleidet, wenig an Körper und Kleidern gepflegt. Andere waren

geschniegelt und gut angezogen, je nach Stellung und sonstiger Art.

Merkwürdig war die geringe Achtung, welche ihnen im allgemeinen die

Soldaten und Offiziere entgegenbrachten. Meine bulgarischen Freunde

sagten mir, die meisten unter ihnen seien wenig gebildet, hätten

schlechte Manieren, geringes Wissen. Doch gebe es unter ihnen auch

tüchtige und feine Menschen.

Ich habe gelegentlich auch höher stehende Popen getroffen, so bei den

Armeestäben, aber kaum einen, der eine fremde Sprache beherrschte.

Somit habe ich keine eigenen Erfahrungen über diese slavischen

Geistlichen. Doch hatte ich Gelegenheit, bei manchem eine prachtvolle

Singstimme zu bewundern. Einer eigenartigen Feier wohnte ich in der

Kathedrale in _Bukarest_ bei; in Rumänien besteht ja die gleiche

orthodoxe griechische Kirche, und so war der Ritus derselbe wie

in den bulgarischen Kirchen. In Bukarest zelebrierte der dortige

Metropolit selbst die Messe in einer Schar glänzend geschmückter

Priester. Es wurden Verse in altslavischer Sprache gesungen, denen

Chöre antworteten. Diese machten mir damals einen sehr schönen

Eindruck, da sowohl die Stimmen der Priester, als auch die in den

Chören vortrefflich waren und die sehr schönen Gesänge sehr rein und

ausdrucksvoll gesungen wurden. In Üsküb trat allerdings das Christentum

jedenfalls in den Gebäuden nicht hervor und im allgemeinen war es auch

reizvoller und interessanter, sich mit dem, was aus der Türkenzeit von

mohammedanischem Wesen übrig geblieben war, zu beschäftigen.

Von Moscheen besuchte ich eine ganze Anzahl, deren Gittertore,

Vorhallen, Gewölbe und Teppiche vielfach sehr schön waren. Auch die um

einige von ihnen gelegenen Gräber mohammedanischer Vornehmen waren zum

Teil sehr eigenartig und gute Leistungen von Kunstschmieden. Stattlich

ist besonders die Murad-Moschee, in welcher schöne Teppiche zu sehen

waren. Neben ihr steht der rote Uhrturm, ein Wahrzeichen Üskübs. Im

Stadtteil um die Zitadelle, nicht weit des Kurschumli-Han, befinden

sich die ältesten Moscheen. Besonders hervorragende Architekturen gibt

es in Üsküb nicht, immerhin ist es ein anständiges Niveau, welches die

dortigen Moscheen repräsentieren, und was die Türken von Bauwerken

hinterlassen haben, flößt einem doch Respekt vor der Kultur ein, welche

sie in diesem Lande vertraten.

Einen merkwürdigen Ausdruck mohammedanischer Religiosität lernte ich

in den Ekstasen sogenannter _tanzender_ und _heulender Derwische_

kennen. Jeder, der eine Stadt des Orients besucht, hat Gelegenheit,

dergleichen kennen zu lernen. Vor allem aus Ägypten oder Algier gibt

es viele Darstellungen dieser seltsamen Exzesse. Das, was ich davon in

Üsküb sah, verdient wegen seiner Besonderheit Erwähnung. Hier handelte

es sich nicht um eine öffentliche Schaustellung in einem großen Raum,

sondern wir durften fast heimlich die religiöse Handlung bei einer

Sekte, die sich aus armen, einfachen Leuten zusammensetzte, in einem

kleinen Haus eines entlegenen Stadtteiles ansehen.

Das Ganze war mit einem gewissen Mantel des Geheimnisses umgeben;

ein Führer begleitete uns gegen Mitternacht durch dunkle Gassen in

ein fernes Quartier am Rand der Türkenstadt. Nur mit der Laterne

fanden wir unseren Weg durch enges Gewinkel. Zuletzt bogen wir in

einen mauerumfaßten Hof und traten in ein niederes kleines Haus ein,

welches nur dürftig mit einigen qualmenden Lampen erhellt war. Ein

etwas größerer Raum war für die sogenannten Derwische frei gemacht.

Die Nebenräume füllten sich allmählich mit einer Menge einfacher

Männer aus dem umgebenden Viertel. Alles flüsterte nur und bewegte

sich mit großer Geschäftigkeit schlürfend durch die Räume. Wir als

Offiziere wurden mit einer gewissen Auszeichnung behandelt, die im

wesentlichen darin bestand, daß man uns Polster darbot, auf denen wir

uns niederhocken konnten.

[Illustration: ÜSKÜB IM SCHNEE.]

Dann kamen einige einfache Männer in den mittleren Raum, entkleideten

sich den Oberkörper und verhielten sich zunächst still und schweigsam.

Es waren alles Männer aus dem Volk, Arbeiter, Handwerker, Gärtner,

Diener, Knechte, Lastträger, die zu dieser eigenartigen Sekte gehören.

Es ist bemerkenswert, daß auch die mohammedanische Religion Sekten

gebildet hat, deren Lehren nicht nur die Theologen ergreifen, sondern

einen starken Einfluß auf das Volk haben.

Ein etwas älterer Mann, den sie ihren _Scheik_ nannten, ordnete die

Männer in Reihen mit befehlendem Blick und energischen Handbewegungen,

den einen hierhin-, den anderen dorthinweisend. Tiefe Stille trat

ein, als er jedem seinen Platz anwies und jeden fast eine Minute lang

scharf fixierte. Der Scheik leitete die ganze Handlung, die stundenlang

dauerte und hatte offenbar die Leute alle vollkommen in der Hand.

Zunächst hockten sich die Männer hin und begannen langsam und

rhythmisch „Allah‟, „Allah‟, „Allah‟ zu rufen. Laut und sonor klangen

die Stimmen, immer lauter werdend. Dann begannen alle gleichmäßig

den Oberkörper hin und her zu bewegen, wobei sie die Arme über der

Brust gekreuzt hielten. Der Rhythmus des Rufs und der Bewegung wurde

beständig von dem Scheik geleitet, der dabei die einzelnen oft sehr

grob anherrschte.

Waren die Leute ermüdet, so pausierten sie für einige Minuten und

fingen dann wieder mit ihren Ausrufen und Bewegungen an. Der Rhythmus

der Bewegung wurde immer schneller und die Rufe immer lauter gegen Ende

eines solchen Satzes. Die Leute strengten sich immer mehr an, es war

ein ganz seltsamer Anblick, wie ihre Bewegungen immer mechanischer,

ihre Blicke immer stierer wurden.

Nach Mitternacht waren Sang und Tanz zu einer hysterischen Ekstase

gesteigert. Die Männer waren zum Teil aufgestanden und machten die

Bewegungen nun mit dem ganzen Körper. Alle brüllten und schrien Allah,

Allah, während einige einen seltsamen rhythmischen Gesang ausführten.

Erlahmte einer, wurde seine Stimme heiser, seine Bewegungen langsamer,

so brüllte ihn der Scheik an. Half das nichts, so stellte er ihn an

einen anderen Platz, ihn langsam führend und dabei seine Blicke in

seine Augen bohrend.

So wurde es von Sang zu Sang, von Tanz zu Tanz immer toller und wilder,

die Bewegungen immer schneller, die Schreie immer greller, wobei der

Scheik immer vormachte, immer aneiferte. Die Körper der Männer wurden

naß vor Schweiß, in Strömen tropfte er auf den staubigen Boden. Die

Bewegungen wurden immer verrenkter, die Stimmen heulten und ächzten.

Schließlich warfen sich einzelne auf den Boden; der Scheik richtete

sie sofort wieder auf und wußte sie sofort in den Gesamtrhythmus der

Bewegungen und der Töne einzureihen.

Schließlich standen manche ganz starr und regungslos da, sie waren

offenbar in einem hypnotischen Zustand. Da ließ sich nun der Scheik

lange spitze Nadeln reichen und stach sie den einzelnen durch die

Backen, durch die Ohren, durch Oberarm und Wade, ohne daß die Leute

nur zuckten und einen Laut von sich gaben. Immer wieder fing das

Geheul und Gewackel an, und immer mehr der Leute ließen sich zu den

Nadelexperimenten herbei.

Welch seltsame Form der Gottesverehrung mußte ich da mit ansehen! Wie

merkwürdig war die Hingabe der Männer an die Sache, wie folgten sie dem

Blick und Wort ihres Scheiks. Seltsam, die ganze Situation stand wieder

vor mir auf, als ich im Winter nach der Revolution in Breslau in einem

großen Saal die Vorführungen eines Hypnotiseurs und Gedankenlesers sah,

der dort das Publikum der Großstadt ebenso in seiner Gewalt hatte, wie

hier der Scheik seine armen Üsküber Vorstädter. Hier wie dort waren es

meist blasse, verhungerte Gestalten, besondere Menschentypen, welche

sich der Macht des Hypnotiseurs beugten. Allerdings in Mazedonien

waren es nur Männer, die teilnehmen durften, in Deutschland waren es

ebensoviele Frauen als Männer, die man so ganz den eigenen Willen

verlieren sah.

Der Unterschied war groß genug zwischen den beiden Situationen. Wie

seltsam berührten mich doch jene religiösen Ekstasen der einfachen

Leute in dem halb dunkelen Raum, der schließlich von einer heißen,

stinkenden Luft erfüllt war, gemischt aus dem Rauch der Lampen, dem

Schweißgeruch und dem versagenden Atem der tollen Menge.

Draußen winkte die Kühle der Nacht; an die vergitterten Fenster des

Hauses drängten sich kleine Kinder und alte Weiber, die etwas von

dem seltsamen Schauspiel erhaschen wollten. Halbnackte Zigeunerinnen

blickten mit lüsternen Blicken herein.

Es ging schon gegen Morgen, als mein Begleiter und ich den Raum

verließen, leise erschauernd im kühlen Wind. Wir atmeten auf, als

die Stille der nächtlichen Gassen uns umfing und waren in Gedanken

versunken, während wir über den Hügel in unser Quartier zurückkehrten.

Nach all dem Getümmel und Lärm ruhten unsere Sinne aus und die Augen

erholten sich, als sie im Schein des untergehenden Halbmondes noch

über die Dächer der Stadt, die Kuppeln der Moscheen, die Minarets

blickten, zwischen denen der Spiegel des Wardar aufblinkte, der leise

in der Tiefe rauschte. Welch phantastischen Eindruck hatten wir

mitgenommen von den Wurzeln, welche der Mohammedanismus im Boden dieses

unglücklichen Landes gefaßt hat.

SIEBZEHNTES KAPITEL

DIE BULGAREN IN MAZEDONIEN

Die Bulgaren sind nun einmal durch Schicksal mit uns verbunden.

Das gleiche Unglück wie uns hat sie betroffen. Sie fühlen sich als

Schicksalsgenossen und nicht wenige unter ihnen sehen immer noch mit

Bewunderung auf uns und hängen an uns. So haben wir die Pflicht, sie

nicht zu vergessen, uns mit ihnen zu beschäftigen, sie nicht im Stich

zu lassen. Es ist eines der wenigen Völker, das noch etwas von uns hält

und zu uns hält. So sollten wir uns bemühen, sie nach Möglichkeit zu

verstehen und ihrem Wesen näher zu kommen.

Vor dem Krieg glaubten wir fast alle fremden Völker zu verstehen und

sie zu durchschauen. Wie oberflächlich war in Wirklichkeit die Kenntnis

fremder Völker und das Verständnis für ihre Besonderheiten in weiten

Kreisen unseres Volkes. Um so mehr bleibt uns jetzt nach dem Kriege in

dieser Beziehung zu tun übrig. Wer Gelegenheit hatte, in Kreise und

Individuen aus einem Volk, wie die Bulgaren, etwas tiefere Einblicke

zu tun, der ist verpflichtet, seine Erfahrungen der Allgemeinheit

zugänglich zu machen, um uns für die Zukunft vor so verderblichen

Vorurteilen zu bewahren, wie sie während des Weltkrieges zu unserem

Schaden viele Deutsche beherrschten.

Mit wie wenig Takt und Verständnis traten unsere Landsleute in den

meisten Fällen unseren Bundesgenossen gegenüber. Wie oft war ich

peinlich berührt von der unberechtigten Überhebung, mit der unsere

Soldaten auf die armen, dummen Bulgaren herabsahen, von der Art,

mit der unsere Offiziere von ihren bulgarischen Kameraden sprachen.

Gewiß gab es manche Ausnahmen. Es gab Verständnis, es gab rechte

Kameradschaft, und wo die Verhältnisse Männer beider Völker für

Monate oder gar Jahre zusammenketteten, kam es auch zu guter, treuer

Freundschaft.

Eine große Schwierigkeit bot für die Verständigung die Sprache. Der

Eifer zum Erlernen des Deutschen war bei den Bulgaren bedeutend größer

als der Deutschen Streben zum Bulgarischen. Erschwerend war die fremde

Schrift und der Zweifel, ob man mit dieser Sprache später werde viel

anfangen können; dazu kam der Mangel an fesselnder Literatur. Auch

Grammatiken und Wörterbücher fehlten anfangs und wurden erst allmählich

in genügender Menge beschafft. Es war unter den Deutschen die Kenntnis

des Bulgarischen vor dem Kriege eine sehr große Seltenheit. Diese Kluft

wäre aber zu überbrücken gewesen, wobei der rührende Eifer vieler

Bulgaren zum Deutschlernen sehr hätte helfen können. All das hätte im

Interesse besserer Beziehungen zwischen beiden Völkern ganz anders

ausgenutzt werden können als es geschah.

Sah man sich in einer Gesellschaft bulgarischer Offiziere oder Ärzte

um, ging man aufmerksamen Auges an einer marschierenden Truppe vorbei

oder bummelte man durch die Straßen einer bulgarischen Stadt, Sofia,

Tirnowo oder Rustschuk, so fiel einem stets die Vielheit der Typen

auf. Die Menschen sahen ganz außerordentlich verschieden aus. Man

erkennt sie nicht ohne weiteres als Bulgaren, wie man etwa Italiener

oder Engländer als solche erkennt. In einer größeren Menge herrschte

stets ein dunkler Typus vor mit dunkelbraunem Haar, braunen Augen,

dunkler Haut. Das war in Bulgarien selbst fast stets der Fall; so sah

ich in Tirnowo kaum einen hellhaarigen Menschen. Auch in der Armee wog

der brünette Typus vollkommen vor. Es waren fast stets mittelgroße

Gestalten mit Kurzköpfen, die oft einem Mitteltypus sich näherten, und

länglichen Gesichtern. Sehr viel schöne Erscheinungen sind mir unter

den bulgarischen Männern nicht begegnet. Noch weniger allerdings unter

den bulgarischen Frauen. Allerdings muß ich gestehen, daß ich in der

Kriegszeit gegenüber den vielen Männern nur eine verschwindende Zahl

von Frauen zu Gesicht bekam. In Mazedonien waren ja fast nur Männer aus

Altbulgarien; von den mazedonischen Bulgarinnen ist an anderer Stelle

die Rede.

Zwischen den brünetten Bulgaren fanden sich aber immer wieder

Mischtypen, also blaue Augen kombiniert mit dunkelm Haar, blonde Haare

mit braunen Augen. Es gab alle möglichen Kombinationen. Selten waren

Langköpfe mit blonden Haaren und blauen Augen in Bulgarien selbst,

etwas häufiger in der Armee. Auffallend häufig waren sie im westlichen

Mazedonien, so z. B. in Prilep und am Ochridasee. In den Straßen von

Prilep tummelten sich spielende Kinder, die man hätte mit deutschen

Kindern verwechseln können, mit ihren noch dazu sonnengebleichten,

flachsfarbenen Haaren und leuchtend blauen Augen. Auf die Dauer war

eine solche Verwechslung allerdings nicht möglich; denn so verlumpte,

verschmutzte, verwahrloste Kinder gab es in Deutschland nirgends.

Mazedonien · 第 20 / 45 段