Um das Dorf herum, unterhalb der Häuser am Bach, aber auch über dem

Dorf einige hundert Meter den Berg hinauf ziehen sich frischgrüne

Wiesen und wohlbestellte Getreidefelder. Erstere sind frisch gemäht,

Heu lagert noch zum Teil auf ihnen. Auch das Getreide ist meist

eingetan. Nur Hafer steht noch hier und da auf dem Feld. Fast zu jedem

Haus gehört ein Hof, eine Tenne, auf der das Pferd oder der Ochs

dreschend im Kreise läuft. Überall ist Leben und Bewegung im Dorf.

Wieder steigt mir die Erinnerung an japanische Dörfer auf, wenn ich

das feine Silbergrau der Häuser so zart zu dem üppigen Grün der

Bäume stimmen sehe, wenn ich die gleichmäßige Besiedelung, die guten

Verhältnisse der Bauten und die reiche Pflanzenwelt überblicke.

Zwischen den Obstbäumen erheben sich einzelne Pappeln, am Bach Weiden

und Espen.

Schöne, schlanke Menschen begegnen uns auf den Feldern und am Rande des

Dorfes. Die Bevölkerung ist offenbar mohammedanisch, denn die Frauen

sind zumeist verschleiert, drehen sich scheu vor dem fremden Mann um

und laufen davon, wenn er naht.

Der Weg führt nun weiter vorbei an dem Dorf, am Hang entlang. Später,

weiter abwärts, wird der Boden trockner und felsiger. Die Straße fängt

hier und da wieder an zu stauben. Aber noch begleitet uns überall sehr

schöner stattlicher Baumwuchs. Edelkastanien treten wieder auf und

ein südlicherer Charakter löst damit den Voralpentypus ab. Zahlreiche

Obstbäume, zum Teil noch tragend, machen sich bemerkbar, es sind

Apfel-, Birn-, Zwetschen- und Nußbäume. Hier beginnen auch wieder

Schmetterlinge des Tieflandes zu fliegen, auf den mächtigen Felsblöcken

eines Bergsturzes eilen Eidechsen +Lacerta viridis+ und +taurica+ umher.

Eine Zeitlang führt der Weg neben einem brausenden Bach entlang; ein

dichter Hain von Bäumen zeigt uns die Nähe einer Ortschaft an. Es ist

_Selče_, ein Dorf, welches steil am Berg gebaut ist und durch dessen

steinige Gassen unsere ermüdeten Pferde stolpernd steigen.

Ich werde gebeten, den Bürgermeister zu besuchen und werde von diesem,

einem dicken Mann mit einem schlanken Gehilfen, feierlich empfangen und

freundlich mit Kaffee bewirtet. Der noch recht gute türkische Kaffee

erfrischte ausgezeichnet nach dem ermüdenden Ritt und Marsch. Hier war

es, wo der Bürgermeister auf dem schön gegerbten Winterfell einer Gemse

saß und mir die Gamskrickeln schenkte.

Das Volk, das sich unterdessen vor seiner Türe drängte, war nicht aus

Neugier hier zusammengekommen um uns zu sehen, sondern es hatte dem

bulgarischen Beamten Steuern zu bezahlen. Das vollzog sich prompt und

rasch und man bekam das Gefühl, daß eine harte Hand auf dem Lande lag.

Von _Selče_ war es kaum mehr als eine Stunde hinunter nach

_Kalkandelen_. Bald lag die Stadt vor uns mit ihrem Meer von dunklen

Dächern, fast so sehr von Bäumen durchgrünt, wie die Gebirgsdörfer.

Drunten brauste die Sarska, die mich bald, nachdem abgesattelt und

Quartier bezogen war, durch ein kühles Bad erfrischte.

Nach tiefem Schlaf im alten Quartier, Dankerstattung bei den

bulgarischen Behörden und Gastfreunden nahmen wir Abschied vom

freundlichen Tetowo und seinen schönen Mädchen und Frauen. Gegen Abend

des nächsten Tages lud uns die Kleinbahn wieder in Üsküb ab.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

DIE BEVÖLKERUNG MAZEDONIENS

Wenn man auf der Balkanhalbinsel reist, bekommt man den Eindruck

von einer geradezu ungeheuerlichen Durcheinanderwürfelung ganz

verschiedenartiger Volkssplitter. Stämme und Rassen, die sich erheblich

voneinander unterscheiden, sind in kleinen Gruppen in einer Weise

durcheinander geschoben, wie man es wohl selten auf der Erde auf so

engem Raum wieder findet.

Einen starken Eindruck von diesem Völkergemisch bekommt man, wenn

man durch die Straßen _Üskübs_, dieser zentralen und größten Stadt

Mazedoniens wandert, oder wenn man gar den Dienstagmarkt besucht, auf

welchem die Bevölkerung der weiteren Umgebung Üskübs sich mit den

Bewohnern aller Quartiere der Stadt vermischt.

Da sieht man ein buntes Gewimmel von Männern und Frauen in bunten

Trachten, die sich malerisch von all den nicht minder bunten Waren

abheben, welche dort feilgeboten werden. Vor allem sind es slawische

Bauern und Bauersfrauen, die mit Landesprodukten aus den Dörfern

der Umgegend in die Stadt hereingeströmt sind. Der erfahrene Kenner

weiß nach den Gewändern, vor allem denen der Frauen, uns zu sagen,

aus welchen Dörfern die Leute kommen. Diejenigen mit den vorwiegend

schwarzweißen Kleidern stammen aus dem nördlich gelegenen Karadakh, die

mit viel Rot in Röcken und Kitteln kommen von den südlich gelegenen

Gehöften und Ortschaften zu beiden Seiten des Treskatales und vom

Wodno. Und so gibt es unendlich viel Varianten in diesen von Farben

leuchtenden Trachten.

Alle, welche die bunten Bauernkleider tragen, sprechen eine _slavische_

Sprache, die dem Bulgarischen am meisten ähnelt; soweit sie schreiben

können, schreiben sie bulgarische Schrift und somit ist man geneigt,

den bulgarischen Freunden zu glauben, welche sie als echte _Bulgaren_

ansprechen, die nur einen Dialekt ihrer Sprache verwenden. Ist

man in den Dörfern etwas weiter nördlich von Üsküb, so wird die

Verständigung mit den wenigen Brocken der bulgarischen Sprache, über

welche Deutsche meist nur verfügen, immer schwieriger. Und es wird

immer wahrscheinlicher, auf Serben zu stoßen. In Üsküb wohnen auch

zahlreiche Serben, was ja in einem Serbien so nahen Verkehrszentrum

nicht verwunderlich ist.

Einerlei, welchem der beiden feindlichen Brudervölker sie sich

zurechnen, man sieht unter ihnen wenig schöne, reizvolle Erscheinungen.

Weder Frauen noch Männer haben schöne Gestalten oder Gesichter,

wenn auch jugendliche Vertreter beider Geschlechter eines gewissen

Reizes nicht entbehren. Noch dazu verdirbt die Tracht die Gestalt

ganz außerordentlich. Die Taille wird niemals hervorgehoben, Jäckchen

wie Rock, und besonders die bunten Schürzen, welche wie Bretter

steif herabhängen, alles trägt dazu bei, die Erscheinung der Frau zu

vergröbern und in die Breite zu ziehen.

Schlankheit und Beweglichkeit der Frau scheint nicht dem

Schönheitsideal dieser slavischen Bauern zu entsprechen. Schönere

Gestalten, schlank und gut gewachsen, findet man nicht selten unter den

jungen Männern, die auch flott und rasch dahin zu marschieren vermögen,

während die Frauen mit ihren kurzen Beinen einen plumpen, watschelnden

Gang haben. Damit ist nicht gesagt, daß sie beim Gehen nicht rasch

vorwärts kämen. Es ist ganz erstaunlich, zu welchen Marschleistungen

die Frauen mazedonischer Bauern vielfach fähig sind.

[Illustration: Abb. 123. Mazedonische Frauen auf dem Markt in Üsküb.]

Ein eigenartiges Bild bieten die Gruppen von mazedonischen Bauern,

welche gemeinsam zum Markt in die Stadt kommen. Für die Kulturstufe,

auf der sie stehen, ist es charakteristisch, daß auf dem mitgeführten

Maultier oder Lastpferdchen, auch wenn es mit Lasten schwer bepackt

ist, stets nur den Mann sitzt, während Frau und Kinder nebenher laufen.

Sieht man auf dem Markt eine hohe, stattliche Gestalt von schlankem

Wuchs, so ist es sicher ein _Albaner_. Diese befinden sich in

Mazedonien offenbar immer noch im Vordringen nach Osten, welches seit

längerer Zeit im Gang und jetzt etwa im Wardartal zu einem gewissen

Stillstand gekommen ist. Der Albaner sieht mit seinem dunklen, meist

schwarzen Wollgewand, mit den engen Hosen und den Wickelgamaschen

meist flott und energisch aus. Die Gesichter sind meist schmal, die

Nasen gut gebaut, leicht gekrümmt, auf dem kurz geschorenen Haar sitzt

ein halbkugelförmiges weißes Filzkäppchen, welches den Kurzkopf etwas

länger erscheinen läßt als er in Wirklichkeit ist. In der Tracht der

Männer ist es hier offenbar auf Schlankheit abgesehen. In den Bergen,

wenn sie mit langen Schritten bergan steigen, erinnern mich die Albaner

stets an unsere schlanken Bergbewohner in Oberbayern.

[Illustration: Abb. 124. Marktszene in Üsküb. Paprikaverkauf.]

Albanische Frauen sieht man auf dem Markte in Üsküb ebensowenig wie

Türkinnen. Die letzteren zeigen sich ja als Mohammedanerinnen so wenig

wie möglich öffentlich. Aber auch bei den christlichen Stämmen der

Albaner tritt die Frau viel mehr in den Hintergrund als bei slavischen

Völkern.

[Illustration: Abb. 125. Albanische Jugend.]

Von den Bewohnern Mazedoniens haben dem Lande die _Türken_ am stärksten

ihr Gepräge aufgedrückt. Das merkt man vor allem an den Städten, die

alle von Kuppeln von Moscheen und von Minarets überragt sind. _Üsküb_

(bulgarisch _Skopje_) bietet das malerische Bild einer richtigen

Türkenstadt. Das gilt vor allem von der Hälfte der Stadt, die auf dem

linken Wardarufer liegt. Aber auch die Vorstädte auf dem rechten Ufer

des Flusses mit ihren hohen Gartenmauern, innerhalb deren Haus und Hof

von der Außenwelt abgesperrt liegen, zeigen echt türkischen Charakter,

wenn auch jetzt die Häuser, einst von Türken für Türken gebaut, meist

von Bulgaren, Albanern, Juden und Mitteleuropäern bewohnt sind, nur

selten mehr von Türken.

Das ganze Stadtviertel auf dem rechten Wardarufer hat einen mehr

oder minder südeuropäischen, aber sehr charakterlosen Typus. Es ist

schmutzig und verkommen, hat vernachlässigte Straßen, halbzerfallene

Häuser, alles ist erfüllt von Staub und Gestank im Sommer, von Schlamm

und Unrat im Winter. In den Straßen, die vom Bahnhof gegen die

Wardarbrücke führen, liegen einige sogenannte Hotels, schmutzige Buden.

Einige von ihnen, vom deutschen Militär in die Hand genommen, boten

erträgliches Quartier mit sauberen Betten unter Aufsicht deutscher

Feldwebel. Dort fand man ruhige Nächte, wenn man das Haus von Dämpfen

schwefeliger Säure erfüllt fand, zum Zeichen, daß gerade eine große

Wanzenbekämpfung durchgeführt worden war. Von diesen Plagegeistern wird

an einer anderen Stelle die Rede sein.

Nur die von den deutschen Truppen errichteten oder ausgebauten Häuser

machten einen erträglichen Eindruck. Das Soldatenheim am Bahnhof,

die Offizierkasinos, einige als Sitz der Stäbe und als Wohnungen

der höheren Offiziere hergerichtete Bauten, sahen sehr erfreulich

und einladend aus. Manche von ihnen waren mit einfachsten Mitteln

künstlerisch schön und wohnlich umgewandelt. So boten sie den

Deutschen, welche Jahre lang hier hausen mußten, einen Aufenthaltsort,

der sie in die Heimat zurückversetzte, während draußen an die

geschlossenen Fenster und Türen der Orient anbrandete.

Ging man aber über die Wardarbrücke hinüber, so erhob sich vor einem

malerisch und bunt die _Türkenstadt_. Hier war der _Bazar_, hier

brauste das Leben durch die steilen engen Gassen, hier drängte sich

das Volk und klapperte über das holperige Pflaster und man hatte Mühe

auszuweichen, wenn irgend ein Wagen in rasendem Galopp, mit Geschrei

und Peitschenknallen des Fahrers, die Menge zerteilte.

Hoch über den Gassen hob sich die türkische _Zitadelle_ mit ihren

Mauern und Zinnen, Basteien und Türmen empor. Von der Brücke aus bot

sie, steil vom Fluß ansteigend, umwachsen von Pappeln, ein schönes

Bild. In gelblichen und rötlichen Tönen hob sich das Mauerwerk über

grauen Felsen ab; im Frühling leuchteten grüne Rasenflecken und

blühende Obstbäume zwischen dem alten Gemäuer hervor. Das da oben also

war die Zwingburg, von der aus das ganze Land mit seiner slavischen

Bevölkerung hunderte von Jahren unter dem türkischen Joch gehalten

worden war.

Kletterte und glitt man über die glatten, knolligen Pflastersteine die

Berggassen hinauf, so öffnete sich jeden Moment ein eigenartiges Bild

vor einem. In den offenen Vorderräumen der kleinen einstöckigen Häuser

spielte Handel und Wandel in voller Öffentlichkeit sich ab, das übliche

Bild, welches jede Stadt des Orients von Marokko durch den nahen und

fernen Osten bis nach China und Japan hin bietet.

[Illustration: Abb. 126. Eßwarengeschäft in Üsküb.]

Auch hier fand sich gassen- und viertelweise je ein Handwerk

beieinander. Die Schreiner und Schlosser, die Kupferschmiede, die

Schuster, die Schneider saßen Haus neben Haus, hier die Konkurrenz

dicht beieinander. Es war schön von der grell-besonnten Straße in das

Dämmerlicht des Raumes zu schauen, wo im Hintergrund der Schmied mit

nacktem Oberkörper den Hammer schwang, daß die Funken bis auf die Gasse

hinausstoben Stoffe und Teppiche hingen auf die Straße hinaus und

wehten im Wind wie Flaggen über die Menschen hinweg, die vorübergingen.

Wo feineres Gewerbe hauste, waren die Öffnungen verglast, hinter den

Scheiben sah man manchen feinen Greisenkopf über zierlicher Gold- und

Silberarbeit geneigt. Dort wurden Bronze- und Messinggefäße gehämmert,

hier duftende Kästchen und Platten aus Sandelholz gefertigt und mit

zarten Ornamenten aus Silber eingelegt.

Dazwischen tauchten nüchterne Läden mit europäischem Tand, mit

Kolonialwaren, mit Emailgeschirr oder Porzellan, Glas und Blech

auf. Der Friseur und der Apotheker fehlten nicht, beide Gruppen von

Männern versammelnd, die schwatzten und Zigaretten rauchten. Auch

das Kaffeehaus fehlte nicht mit seinen wackeligen Tischen, lahmen

Stühlen, dem bespuckten Boden und dem meist noch in der Zeit der Not

erträglichen Kaffee. Es sei übrigens zugestanden, daß am Wardar ein

stattliches, anständiges Kaffeehaus mit einem Terrassengarten am

Fluß sich befand, in welchem die Deutschen meist ihre Festlichkeiten

abhielten.

Die _Türken_, besonders die alten Männer, gingen oft noch in wallenden

Gewändern mit Turban oder Fez. Die slavischen Stadtbewohner jedoch

waren alle mitteleuropäisch gekleidet, oft recht gut, meist aber

mit der schäbigen Eleganz der Kleinstadt. Sehr auffallend waren in

der Türkenstadt zwei weitere Typen der Bevölkerung, die Juden und

die Zigeuner. Unter den _Juden_, von denen viele Handwerker, oft

Feinarbeiter, so Juweliere und Uhrmacher waren, gab es prächtige,

würdige alte Köpfe.

Die _Zigeuner_ dagegen waren ein schmutziges Gesindel. Oben auf dem

Berg hinter der Zitadelle auf dem Weg zu meinem Üsküber Standquartier

im Ortsspital I der Bulgaren kam ich täglich durch das Zigeunerviertel.

Es bestand aus verlotterten, zum Teil halb- und dreiviertel zerfallenen

Häusern und Hütten. Diese bildeten ein wirres Durcheinander, mehr wie

ein Lager von Nomaden, als wie eine Stadt oder ein Dorf aussehend. Im

Eingang zu den Hütten oder vor ihnen auf dem Boden saßen und lagen

die Männer, Weiber und Kinder am Boden herum; im Sommer gähnend und

schlafend, im Winter und auch sonst am Abend sah man sie ein offenes

Feuer mühsam unterhalten, irgendwo in einer Ecke, einerlei ob im Haus,

vor diesem oder auf der Straße.

Die Kinder waren kaum bekleidet oder ganz nackt und liefen bettelnd

auf die Straße herüber, wenn ein Wagen vorbeifuhr oder ein besser

gekleideter Fußgänger vorbeiging, besonders wenn es gar ein Offizier

war. Die alten Weiber, scheußliche Vetteln, die so aussahen, wie wir

uns als Kinder Hexen vorgestellt haben, waren nicht selten auch kaum

bekleidet, trugen oft den Oberkörper unverhüllt.

[Illustration: Abb. 127. Bazar in Üsküb.]

[Illustration: Abb. 128. Im Zigeunerdorf.]

Und wie gar die Haare bei Männern und Frauen aussahen, wirr und

ungepflegt! Alle waren verlaust und wenn sie in der Sonne saßen,

so waren sie meist beim Lausen des eigenen Kopfes und Körpers oder

besorgten sich das Geschäft gegenseitig. Vor allem sah man die Mütter

die Köpfe ihrer Kinder behandeln, aber auch Männer besorgten sich

gegenseitig diesen Freundschaftsdienst; und wenn eine Frau die Haare

ihres Mannes abjagte und seinen Kopf kratzte, so schien das ganz

geschäftsmäßig vor sich zu gehen und nicht ein Liebesdienst zu sein.

[Illustration: Abb. 129. Zigeunerin mit Kindern am Brunnen.]

Daß unter diesen Umständen die Zigeunerstadt ein verrufenes Viertel

war, ist nicht erstaunlich. Immer war es verseucht, Typhusepidemien

waren an der Tagesordnung, und immer wieder flackerte dort das

Fleckfieber auf. Hautkrankheiten waren verbreitet und man konnte durch

sie auf das scheußlichste entstellte Menschen sehen, um welche man

einen weiten Bogen herum machte. Geschlechtskrankheiten sind unter den

Zigeunern sehr verbreitet und so unwahrscheinlich es klingt, nicht

wenige unserer Soldaten, ja Offiziere haben sich in diesem Viertel böse

Infektionen geholt.

Kam man öfter durch das Viertel, so konnte man die Anziehungskraft

der Zigeunerinnen besser begreifen. Eine jugendliche Zigeunerin hat

meist eine entzückende Haltung und einen schönen, schwebenden Gang.

Sie stachen ganz außerordentlich durch ihre natürliche Grazie von den

plumpen schwerfälligen Mazedonierinnen ab. Während ich sonst in Üsküb

unter den einheimischen Mazedonierinnen keine Frau und kein junges

Mädchen gesehen habe, welches ich für schön oder nur reizvoll hätte

erklären können, unter den Zigeunerinnen konnte man manchmal große

Schönheiten sehen, die jeden Künstler begeistert hätten mit ihren

schönen Formen, den edlen Gesichtern, den graziösen Bewegungen ihrer

kaum verhüllten Formen.

Eine Zigeunerin, welche zur Zeit der Besetzung eine gewisse Rolle als

Dirne spielte, wurde viel photographiert und ist in manchem Album aus

Mazedonien als Typus der Zigeunerin abgebildet.

Daß in diesem Viertel ein Spaziergang zur Nachtzeit nicht ohne

Gefahr war, konnte man aus den vielen Verbrechen erschließen, die

dort vorkamen. Immer wieder hörte man von Mord und Raub, aber auch

von fürchterlichen Eifersuchts- und Eheszenen, die im Zigeunerdorf

vorgefallen waren.

Wenig auffallend waren die wenigen _Spaniolen_, die man gelegentlich

in Üsküb traf; sie hatten dort wie in allen Städten des Balkan als

Handelsleute und Makler ihre Rolle gespielt. Diese Abkömmlinge

spanischer Juden, die vor Jahrhunderten sich in der Türkei angesiedelt

hatten, bilden bekanntlich einen wesentlichen Teil der Bevölkerung

von _Saloniki_. Jetzt in der Kriegszeit waren sie hier im mittleren

Mazedonien verschwunden und nur einige wenige dieser sprachgewandten,

gebildeten Leute waren als Dolmetscher bei Deutschen und Bulgaren

verwandt. Ein solcher begleitete mich auf einer Gebirgsexpedition im

Juni 1918 und bewährte sich dabei sehr.

Ebenso traf man im besetzten Gebiet selten _Griechen_, die ja sonst

auf dem ganzen Balkan ein wichtiges Element darstellten. Sie konnten

sich natürlich als Feinde nicht dieseits der Front aufhalten. Auf

manchen Reisen habe ich allerdings griechische Siedelungen, besonders

im Frontgebiet im Süden, angetroffen. Von ihnen wird im gegebenen

Zusammenhang die Rede sein.

Ebenso sah man in Üsküb von einem in Mazedonien zerstreuten Volk

selten einen Vertreter, und wenn man ihn sah, dann wie den Spaniolen

oder Griechen, nicht ohne weiteres als solchen erkennbar in

irgendeiner bürgerlichen Tätigkeit. Es sind das die _Aromunen_ oder

_Kutzowallachen_, ein Volk, von dem ich bei der Schilderung des

Besuches seiner eigenartigen Gebirgsstädte _Krusevo_ und _Gopes_

manches zu berichten haben werde.

Wenn man sich nun vorstellt, daß zu diesen normalen Bewohnern

Mazedoniens und Üskübs während des Krieges als Soldaten der

Heeresgruppe und als Kriegsgefangene Deutsche aus allen Gauen,

Österreicher, Ungarn, Tschechen, Kroaten, Bosnier, Dalmatiner, Russen,

Polen, Rumänen, schwarze und weiße Franzosen, Engländer und Italiener

kamen, so kann man sich eine Vorstellung von dem Völkergewimmel machen,

welches auf einmal dies sonst von der Welt so abgeschlossene Land

überfallen hatte.

[Illustration: Abb. 130. Türkischer Schafhirt bei Üsküb.]

Ich habe mich nun in keiner Weise in völkerkundliche oder

anthropologische Studien während meines Aufenthalts in Mazedonien

versenkt. Dazu fehlte mir die Zeit, welche durch meine Forschungen als

Zoologe vollkommen in Anspruch genommen wurde. Aber ich hielt meine

Augen offen für alles, was die Völker Mazedoniens mir Interessantes

gelegentlich meiner Reisen zeigten. Das mag als Material für Kenner

dieser Gebiete dienen.

Vor allem möchte ich aber Beobachtungen an und Erlebnisse mit meinen

Freunden, den Bulgaren, aufzeichnen, die geeignet sein können, ein

richtiges Urteil über dies Volk bei uns zu befestigen, das mit uns nun

einmal durch Schicksal zusammengebracht worden ist.

Elemente der hier angeführten Völker kann man in ganz Mazedonien

antreffen. Dabei wiegt in manchen Bezirken die eine oder die andere

Nationalität vor. Im äußersten Westen überwogen die Albaner, im

Südwesten und Zentrum die Bulgaren, an der Südgrenze die Griechen, im

Norden die Serben. In vielen Gegenden hatte die Zahl der vor wenig

Jahren noch überall verbreiteten Türken abgenommen, da viele von ihnen

ausgewandert waren. Überall war es schwer, bei kurzem Aufenthalt ein

klares Bild zu erhalten, welcher Volksteil vorherrsche.

SECHZEHNTES KAPITEL

ÜSKÜB ALS STANDQUARTIER

Üsküb, mit dem bulgarischen Namen _Skopje_, bot als Standquartier viele

Vorteile. Zunächst lag es zentral und hatte Bahnen und Verbindungswege

nach allen Seiten. Dazu war es der Sitz des Oberkommandos der

Heeresgruppe, welche eine deutsche, zwei bulgarische Armeen und eine

Anzahl österreichische und türkische Truppen umfaßte. Hier hatte nach

der Eroberung des Landes _v. Mackensen_ sein Hauptquartier gehabt, nach

ihm _v. Gallwitz_ und jetzt befehligte _v. Scholtz_ die Heeresgruppe.

So konnte ich hier mehr Hilfe und Unterstützung erwarten, als in dem

kleinen, abgelegenen _Kaluckova_ mit den bescheidenen Hilfsmitteln

eines Lazaretts.

[Illustration: Abb. 131. Blick über die Türkenstadt von Üsküb.]

Vor allem aber lockte mich eine Einladung eines bulgarischen Freundes,

welcher jenseits der Zitadelle in der sogenannten _englischen

Mission_ als Chefbakteriologe der I. Bulgarischen Armee saß. Es

war dies Prof. _Popoff_, ein ehemaliger Schüler des zoologischen

Instituts in München, damals auch mein Schüler, ein anhänglicher,

treuer Freund deutscher Kultur und Wissenschaft. Er stellte mir

einen Teil seines bakteriologischen Laboratoriums zur Verfügung und

die Möglichkeit mit meinen Tischen, Schränken und Apparaten bei ihm

Unterkunft zu finden. Der Chefarzt des großen Spitals, dem _Popoffs_

Laboratorium angegliedert war, Dr. _Molloff_, ein guter Internist,

der später Vertreter dieses Faches an der Universität Sofia wurde,

bot mir Quartier und Gastfreundschaft im Ärztekasino des Ortsspitales

an. Das war eine schöne Gelegenheit, mit hochgebildeten Bulgaren

zusammenzuleben, von ihnen manches über ihr Volk, ihre Ziele, ihre

Kultur zu erfahren und manche meiner wissenschaftlichen Unternehmungen

erleichtert zu bekommen.

Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Als ich nach 9 Monaten mich

von den Bulgaren trennte, hatte ich nicht nur in _Popoff_, dem Dr.

_Molloff_ und dem Dermatologen _Stefanoff_ gute Freunde, sondern auch

manchen tiefen Einblick in bulgarisches Wesen und Volkstum gewonnen.

Die Umgebung von Üsküb, das Wardartal und die angrenzenden Gebirge

boten mir manche Gelegenheit zu wissenschaftlichen Beobachtungen, die

ich in dem Laboratorium Prof. _Popoffs_ regelrecht verarbeiten konnte.

Anfang Februar 1918 zog ich auf dem Zitadellenberg über Üsküb ein und

schlug meine Wohnstätte in dem stattlichen Steinbau des Hospitals,

meine Arbeitsstätte in dem geräumigen Laboratorium Prof. _Popoffs_

auf. Die schönen Tage ersten Vorfrühlings gaben mir schon Gelegenheit

zu manchen Beobachtungen im Freien, als ein Wetterrückschlag wieder

tiefen Winter über die Landschaft legte. So lernte ich noch bitteren

mazedonischen Winter kennen mit tiefem Schnee im Tal und Kältegraden

von 5-10° unter Null. Zum Glück war mein Zimmer gut heizbar, so daß man

nach den Schneespaziergängen sich wärmen konnte.

Die Wanderungen durch die Türkenstadt brachten manchen seltsamen

Eindruck. Schwere Schneemassen lagen auf Dächern und Mauern und kaum

konnte man sich durch die engen Gassen einen Weg bahnen. Es war ein

unerwarteter Anblick, die Minarets und Kuppeln der Moscheen unter

dicken Schneehauben zu sehen. Allen Schmutz und alle Zerstörung deckte

die weiße Decke zu; so sauber hatte man Üsküb noch niemals erblickt,

als unmittelbar nach dem Schneefall.

Mazedonien · 第 19 / 45 段