Aber mehr als diese wissenschaftlichen Beobachtungen bedeutete mir die
wundervolle Landschaft, welche vom Gipfel aus nach allen Seiten sich
um mich ausbreitete. Ich wußte nicht, in welche Himmelsrichtung ich
zuerst blicken sollte. Ich wandte mich von einer Seite zur anderen,
meine Augen tranken voll Wonne all die Schönheit in sich und die
ganzen Stunden lang erfüllte mich ein Gefühl des Glückes in dieser
menschenfernen Einsamkeit. Hier war ich einmal wirklich fern dem Krieg
und den sich hassenden Menschen. Hier tönte der Lärm der Kämpfe nicht
herauf und nur die Uniformen, mit denen wir bekleidet waren, erinnerten
daran, in welcher Zeit all die Vertreter friedfertiger Berufe sich hier
versammelt hatten.
Es war ein schöner Sommertag; am dunkelblauen Himmel schwebten mächtige
weiße Wolkenballen hoch über den Bergen und warfen ihre wandernden
Schatten auf deren Hänge. Vor allem großartig war der Blick nach
Süden; über den Rasenhang vor uns senkte sich der Berg steil zu einem
grasbewachsenen Vorberg hinab, den ein dunkler Wolkenschatten scharf
vom Hintergrund abhob. Von seinem kahlen Rand mußte es schroff sich
zum Tal und zur Paßstraße nach Prizrend hinabsenken; denn blau und
zart hoben sich jenseits schon die nächsten Berge von ihm ab. Lange
Hochtäler zogen südwärts bergan, von Bergketten eingefaßt, deren
beide Flanken man von unserer Höhe viele Kilometer weit nach Süden
überblicken konnte, bis sie dort in hohe Gipfel übergingen, deren
Nordhänge Schneefelder bedeckten. Silbern blinkte aus jedem Tal der
Bach herauf, dessen Zickzackband auf beiden Seiten vom Bergkamm
gleichsam nachgeahmt wurde. Eine ungezählte Menge von Tälern und
Schluchten modellierten die Seiten der Bergketten, zwischen denen hier
und da ein grüner Rasen, eine dunkle Waldgruppe auftauchten.
Steile Felshänge und mächtige Schutthalden verrieten auch hier die
Arbeit von Wasser, Eis und Wind, welche diese grandiosen Formen
gestaltet hatten. Fast stahlblaue Flecken wurden von den Wolkenschatten
über weite Gebiete gebreitet. So wie mit der Wolke ihr Schatten weiter
wanderte, traten im Licht der Sonne alle Einzelheiten der Landschaft
scharf hervor, jede kleine Kuppe, jede Schrunde, jeder Felsen und
Sturzbach kam dem Auge gleichsam entgegen geeilt. Im Hindergrund der
Täler, wo sie allmählich in den Wänden der hohen Berge verstrichen, lag
in der Tiefe leichter Dunst.
Darüber aber hoben sich in kristallener Klarheit die gewaltigen
Kegel mächtiger Hochgipfel; prachtvolle, edle Formen zeigten diese
albanischen Berge mit ihren kühnen Umrißlinien.
In allen Abstufungen reiner blauer Töne modellierten sich ihre steilen
Abstürze und breiten Flanken. Feine violette Schatten mischten sich am
Nachmittag dazu, prachtvoll die zahlreichen Schneefelder aufblinken
lassend, die uns anzeigten, daß dort die Gipfel annähernd so hoch wie
unser Standort oder noch höher waren.
Zart verschwamm Kette hinter Kette in von der Sonne durchgoldetem
Blau. Ganz im Süden, fern von uns schimmerten die gewaltigen Zinnen
eines Bergstocks von beträchtlicher Höhe. Wie ein Feenpalast erhob
dies Massiv seine eis- und schneebedeckten Massen über den kleineren
Gebirgen vor ihm. Glitzernd wurden die Strahlen der Sonne von seinem
Nordhang uns zugeworfen. Wir erkannten in ihm den _Korab_, ein Gebirge
mit Gipfeln von etwa 3000 m Höhe, welches nordwestlich vom Ochridasee
gelegen ist.
[Illustration: BLICK VOM KOBELIZAGIPFEL, südwärts.]
Ganz anders geartet war der Blick nach Norden, da zog die Kette des
Schardakh in düsterer Nacktheit gegen den Ljubotren hin. Schroffe,
kahle Felsenberge bildeten eine lange Kette, deren hintere Berge den
Gipfel des Ljubotren offenbar verdeckten, denn wir konnten diesen
nicht mit Sicherheit erkennen. Steil fiel der Abhang von uns hinab in
die Mattenregion, welche sich um den Gipfel der Kobeliza ostwärts bis
zur Gegend unseres Lagers hinzog. Direkt uns gegenüber stiegen steile
Felsenwände senkrecht mehrere hundert Meter hinan zu einem scharfen
Kamm. Etwas östlich führten in sanfter Neigung von der Mattenregion
Rasenflächen zu einem breiten Buckel, der sich an den Felskamm
anlehnte, vor uns aber ihm gegenüber mit steiler Felswand eine Schlucht
begrenzt.
Auf dem Rasen des Buckels weideten tausende von Schafen, von oben herab
sah jedes wie ein heller oder dunkler Punkt aus. Die Hunde, welche um
die Herden herumtobten, trieben sie immer wieder zu dichten Haufen
zusammen, welche wie Wölkchen aussahen, die immerfort ihre Gestalt
änderten. Ganz seltsam wurde das Bild, als plötzlich zwischen uns und
den Herden ein Adler seine Kreise zog. Da drängten sich alle Schafe zu
einem mächtigen Haufen zusammen und liefen erst wieder auseinander,
als der große Vogel mit majestätischem Schwung über die Felswände
emporstieg.
Westwärts begann unterhalb des kegelförmigen Rasengipfels der
Kobeliza ein steiler Grat, der vor allem nach Süden schroff abfiel.
Auch nach Westen trennte uns ein Steilabfall von der anschließenden
Kette albanischer Berge. Eigenartig hob sich der weiße Kalkstein der
Gipfelregion von dem in dieser Höhe noch recht frisch grünen Rasen ab,
in welchem die blauen Sternchen der _Alpenaster_ an vielen Stellen
aufleuchteten.
Dunkle Wolkenschatten lagen auf den jenseitigen Bergen, welche unsere
albanischen Begleiter die _Hasanitza_ nannten. Wir stritten uns
lebhaft, ob ein dort zu Tal prasselnder Steinschlag von einem Rudel
Gemsen losgelöst sei, oder ob so hoch oben Vieh weiden könne. Die Leute
erzählten uns viel von den _Gemsen_, die tatsächlich in diesem Gebiet
nicht selten sein müssen. Unsere Versuche, an solche heranzukommen
oder während unseres Aufenthalts sie von den albanischen Jägern erlegt
zu bekommen, scheiterten an der Kürze des Aufenthalts, der uns hier
oben vergönnt war. Daß wirklich Gemsen hier vorkommen, das wurde mir
sicher, als mir beim Abstieg der Bürgermeister des Dorfes _Selče_ ein
prächtiges braunes Gemsenfell, eine schöne dicke Winterdecke, zeigte
und mir ein paar Krickeln schenkte. Besonders schön und eigenartig
war die Aussicht nach Westen; in dieser Richtung waren die Gebirge
niedriger, so daß der Blick sich in unendliche Fernen erstrecken
konnte. Zahlreiche Gebirgsketten zogen hintereinander von Süden nach
Norden, manche von ihnen in klaren, eigenartigen Formen greifbar nahe
vor uns liegend. Wir konnten die Senke erkennen, in der das _Amselfeld_
sich ausbreitet und die Berggruppe, welche im Nordwesten auftauchte,
mußte schon zu _Montenegro_ gehören.
[Illustration: Abb. 121. Blick vom Gipfel der Kobeliza 2500 m nach
Westen. Nach einem Aquarell des Verf.]
Entsprechend der nord-südlichen Ausdehnung des von uns bestiegenen
Kettengebirges war auch der Blick nach Osten weit und frei. Von
rechts und links traten Berghänge, deren Konturen sich gegenseitig
überkreuzten, in das Sarskatal, welches man bis zur Ebene vor
Kalkandelen verfolgen konnte. Fern vor dem Gebirge der _Karaschiza_
blitzte der Spiegel des _Wardar_ auf. Das waldarme Gebirge ließ
seine charakteristische Modellierung, die reiche Verarbeitung seiner
Hänge durch die Arbeit der Erosionskräfte mit aller Deutlichkeit
erkennen, obwohl es in zarten Farben duftig vor mir lag. Jenseits der
_Karaschiza_ sah man wieder eine Bergkette hinter der anderen sich in
nord-südlicher Richtung hinziehen.
Voll von den großen Eindrücken traten wir erst am späten Nachmittag
den Abstieg zu unserem Lager an. Dabei zerstreuten wir uns wieder alle
im Gelände, ohne uns in dieser einsamen Landschaft viel Sorgen wegen
unserer Sicherheit zu machen. Unsere Bedeckungsmannschaften waren viel
ängstlicher und fürchteten sich sehr vor den Arnauten. Ich begegnete
wiederholt solchen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Obwohl man
sich nicht mit ihnen verständigen konnte, waren sie nicht unfreundlich
und nahmen mit strahlendem Lächeln die gespendeten Zigaretten an.
Während der nächsten Tage verfolgte jeder der wissenschaftlichen
Teilnehmer der Expedition seine Sonderzwecke. So wurden die umliegenden
Höhen bestiegen, die Bäche und Tümpel, Quellen und Schluchten
untersucht und vor allem die Waldgrenze erforscht.
Es war besonders eine schön bewaldete Kuppe, welche als Vorberg weit
in das Tal der _Sarska_ hineinragte, welche mancherlei interessante
Ausbeute lieferte. Sie war von einem lichten Wald aus stattlichen
Buchen und Weißtannen bedeckt. Vor diesem Hain war der felsige Hang von
Wachholdersträuchern bedeckt, zwischen denen ein kurzer Rasen wuchs.
Die Höhe mit ihren edlen Tannen, zwischen denen die prachtvollsten
Durchblicke auf das Hochgebirge sich eröffneten, hat sich ganz in
mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde nie die Stunden vergessen, die
ich am Rande des schattenden Waldes an ihren Abhängen verbrachte. Im
Gedenken an schöne Schwarzwalderinnerungen ist sie in meinem Tagebuch
als _Weißtannenhöhe_ verzeichnet. Der Aufstieg zu ihr von unserem
Lager führte an einem Teich vorbei, den wir den _Unkenteich_ nannten,
da zahlreiche dieser Tiere ihn belebten und die Luft mit ihren
Glockentönen erfüllten. Im Teich gab es außerdem viele Wasserkäfer
(+Gaurodytes bipustulatus+ L. und +Colymbus luseus+ L.) und eine
Unmenge der kleinen Muscheln aus der Gattung +Pisidium+. Von dem
Wasser aus wurde der Anstieg steiler, der Hang bedeckte sich mit
liegendem Wachholder (+Juniperus nana+ Wlld.). Zwischen dem zarten Gras
blühte ein zierliches Haidekraut. Weiter oben mehrte sich allmählich
Buchengebüsch, an welchem eine Anzahl von Spinnen ihre Netze gebaut
hatten. Wenn die Tiere und ihre Bauten an Formen der Heimat erinnerten,
so war es doch von Interesse festzustellen, welche Arten hier in der
Höhe leben und ob sie auch hier ebenso bauen, wie an den Orten, an
denen sie schon lange bekannt sind.
An den Buchen fand sich eine Spinne, die zwischen Ästchen und Blättern
ein stattliches Segelnetz gebaut hatte, das mit einer zylinderischen
Wohnröhre endete, in der die Spinne saß. Die Fäden des Netzes waren
nicht kleberig aber auffallend mit Staub bedeckt, obwohl das Netz
bewohnt war. An den Buchenbüschen fand sich eine zweite Form, welche
ein Wirrnetz baute und ihren Zufluchtsort in einem Nestchen hatte,
das aus Knospenschuppen der Buche bestand, welche durch Gespinst
zusammengeheftet waren. Zwischen den Stämmen und Zweigen, vor allem der
Tannen, waren große Radnetze wieder von anderen Spinnen ausgespannt. Es
waren dies +Epeira diademata+ Clerck und +E. marmorea+ Clerck; erstere
ist unsere Kreuzspinne, die ich im Flachland nie gefunden hatte und
welche, wie so manche anderen mitteleuropäischen Tiere, hier im Lande
das Hochgebirge aufgesucht hatte.
Im Buchendickicht fand ich damals zum erstenmal in Mazedonien
_Ameisenhaufen_; es waren höchstens 20 cm hohe Hügel, welche im
Durchmesser kaum 15-30 cm erreichten. Obwohl es nicht weit zu den
Tannen war, bestanden die Haufen hauptsächlich aus den Nadeln der in
der Nähe wachsenden Wachholdersträucher. Dazwischen fand sich Erde,
Stengel und Ästchen von mancherlei Pflanzen, so von Heidekraut. Wie
alle Haufen, die ich später in Mazedonien fand, waren diese von einer
+Formica+-Art bewohnt und zwar von +Formica (Rhaphiformica) sanguinea+
Latr., einer Art, welche auch bei uns selten Haufen baut. Genauere
Angaben finden sich im Ameisenkapitel (S. 159). Hier oben fanden sich
im Holz der Tannen die Gänge einer +Camponotus+-Art (+C. herculeanus
ligniperda+ Latr.), also nicht anders als in unseren Wäldern die
typische Baumameise.
Um auf den Gipfel der _Weißtannenhöhe_ zu gelangen, mußte ich durch den
Tannenwald, der sich hauptsächlich am Westhang gegen das kleine Tälchen
hinzog, welches ich am Nachmittag des gleichen Tages besuchte
und das an den Felshängen gegen das Sarskatal weit hinabreichte.
Es war ein wilder dichter Wald, nur an einzelnen Stellen rein aus
Tannen bestehend, sonst vielfach mit Buchen vermischt. Ein tiefer
kühler Schatten herrschte unter den hohen Bäumen, durch deren Kronen
ein starker Wind rauschte. Die silbergrauen Buchenstämme hoben sich
zart und duftig von dem dunklen Grün des dichten Tannenbestandes ab;
wenn der Wind die Tannen beugte, so blinkte silberig die Unterseite
ihrer Nadeln auf. Am Hang standen zerzauste und windgebrochene
_Wettertannen_ und gar mancher der Riesen lag zerschmettert am Boden
neben seinem zerborstenen Stumpf, der kläglich aus dem grasigen Boden
in die Höhe ragte. Es war eine echte _Weißtanne_, die hier noch einen
ausgedehnten Wald bildete (+Abies alba Mill.+), welche nicht von der
Schwarzwaldtanne zu unterscheiden ist.
[Illustration: KOBELIZA, von der Weißtannenhöhe.]
In dem Hang des Waldes, welcher nach Süden abfiel, umrahmten die Tannen
ernste, grandiose Gebirgslandschaften. Hier öffnete sich der Blick an
vielen Stellen auf die steilen albanischen Berge um die _Hasaniza_.
Tief im Schatten lagen über dem Tal drüben die schroffen Felsen
hochansteigender Berge, welche unterhalb auch dichten Wald trugen.
Darüber hoben sich klarer als am vorigen Tage die Hochgipfel mit ihren
leuchtenden Schneefeldern.
Nordwestlich hoch aufragend bot die _Kobeliza_ von der Weißtannenhöhe
ihren reizvollsten Anblick dar. Als mächtige Pyramide mit sanft
ansteigendem Nordhang erhob sich der Berg majestätisch aus dem tiefen,
dämmernden Talschlund; der Südhang dagegen mit unruhiger Zackenlinie
der schroffen Kalkfelsen, an deren Rand ich am Tage vorher gestanden
hatte, bildete einen wuchtigen Gegensatz zu den weiten Grashalden,
welche die uns zugekehrte Ostseite des Berges bedeckten. Diese war vor
allem im Süden und in der Mitte durch Erosionsschluchten und helle
Felsen malerisch gegliedert.
Die Fülle blauer und violetter Töne an der breiten Wand der Felsen
ließen den Berg wie eine Traumerscheinung weit hinter dem Tal
zurücktreten, während das starke Grün der mich umgebenden Bäume mich in
der schönen Wirklichkeit festhielt, in der ich verweilen durfte.
Hinter dem Wald überzog eine jetzt noch blumenreiche Wiese den
östlichen Teil des Gipfels der Weißtannenhöhe. Verblühte Gräser
und ein stark duftendes gelbes Labkraut waren von einem Bestand des
liegenden Wachholders (+Juniperus nana+ Willd.) eingefaßt, der sich
bis hier heraufzog. An geschützten Stellen standen einige jetzt noch
blühende Disteln und Königskerzen.
Hier fand sich auch eine reiche _Tierwelt_. Unter den Steinen
fing ich Skorpione und kleine Tausendfüßler. Um die Blumen flogen
Schmetterlinge, zahlreiche Bläulinge, dunkle +Erebien+, eine Anzahl
+Hesperiden+ fielen auf. Reich war die Ausbeute an Fliegen und Bienen.
Hier begegnete mir wieder die dunkle Heuschrecke mit dem grellroten
Hinterleib und den roten Beinen, welche ich schon auf der Mala Rupa
bei ihrem _Balzflug_ beobachtet hatte. Auch hier stieg sie schnarrend
in den grellen Sonnenschein auf, um schwebend zu lärmen und langsam zu
Boden zu sinken (+Stenobothrus miniatus+ Charp.).
An 2 Tagen hielt ich mich vom frühen Morgen bis mittags auf der
Weißtannenhöhe auf, um jedesmal am Nachmittag das _Buchental_ zu
durchstreifen, welches an den steilen Felsen der Weißtannenhöhe
entlang südwärts sich ersteckte. Zum Teil waren seine Hänge von Buchen
bewachsen, welche einen halbtrockenen Bach beschatteten. An diesem Bach
standen allerhand blühende Pflanzen, im Wald reiften wohlschmeckende
Himbeeren und Erdbeeren. Hier gab es wieder viele Insekten, darunter
Schwärme kleiner Mücken, viele Spinnen, wieder unter den Steinen
Skorpione.
Wo das Tal am Berghang sich öffnete, floß der Bach in ein Sumpfgelände,
in welchem zahlreiche hohe Disteln, Doldenpflanzen, Schilf und Binsen,
meist verblüht und zum Teil verdorrt standen. Hier entsprang am Hang
auch eine kleine Quelle, in deren Wasser unter Steinen sich _Blutegel_
und kleine _Flohkrebse_ fanden, wie sie fast in jeder Quelle und an
jedem Brunnen vorkamen.
Über den Sumpf stiegen steile Felsterrassen an der Wand der
Weißtannenhöhe aufwärts. Mehrmals wechselte ein senkrechtes Felsenband
mit einer sanfter geneigten Halde ab, welche mit Gras und Kräutern und
dazwischen den dunklen Wachholdersträuchern (+Juniperus excelsa+ M. B.)
bedeckt waren.
Hier und über dem Sumpf flogen die _Apollofalter_, die wir schon
beim Aufstieg bemerkt hatten. Auch hier hatten wir wie in der Mala
Rupa kein leichtes Gelände, um die stolzen Schmetterlinge zu fangen.
Im Sumpf versank man bis zum Knie im Schlamm, und das Wettrennen am
Steilhang, abwechselnd auf dem glatten Rasen zwischen dem Wachholder
und an den Felsenbändern, kostete trotz der frischen Bergluft manchen
Schweißtropfen.
Weder mein braver Rangnow noch ich ließen es uns verdrießen und unsere
Mühe wurde durch eine reiche Ausbeute belohnt. Während wir auf der Mala
Rupa für den Apollofalter Mitte Juli etwas zu früh daran gewesen waren,
und somit nur wenige frische Exemplare antrafen, waren wir hier Mitte
August offenbar schon in das Ende der Flugzeit des schönen alpinen
Schmetterlings geraten. Wir fingen noch eine Anzahl Exemplare, aber die
meisten waren schon recht abgeflattert. Ja einige Exemplare fand ich im
Sumpf auf den Disteln sterbend oder schon tot.
Auch sonst flogen hier in der warmen Sonne des Nachmittags
zahlreiche Schmetterlinge umher, +Lycaeniden+, +Erebien+ und
+Coenonymphen+ in verschiedenen Arten. Bemerkenswert war hier eine den
_Perlmutterfaltern_ zugehörige Form von +Argynnis pales+, die sich
deutlich von der auf der _Mala Rupa_ aufgefundenen +Argynnis pales
balcanica+ Rbl. unterscheidet und wahrscheinlich eine unserer alpinen
+A. pales pales+ sehr nahestehende neue Form ist. Damit war wieder der
ausgesprochene alpine Typus der Tierwelt hier im _Schardakh_, gegenüber
der etwas niedriger und südlicher gelegenen _Mala Rupa_ bestätigt. Von
den Bläulingen erwähne ich +Lycaena damon+ Schiff.
Schöne _Schwebfliegen_ hielten sich auch in der Sumpfregion auf; ich
erwähne +Chrysotoxum bicinctum+ L. und die alpine +Ch. cantum+ Harries.
Reichlich waren in der Nähe des Sumpfes auch Spinnen vertreten, so
+Oxyopes ramosus+ Panz., +Pirata piscatoria+ Clerck., +Heriaeus
hirsutus+ Walck. und +Thanatus arenarius+ Thor.
Sehr schön war von den Felsen der Blick hinab, steil die Hänge hinunter
in das tief eingeschnittene Tal und über dieses hinaus gegen die
Wardarebene und auf die Karaschiza.
Wir saßen müde vor unseren Zelten, als die Nacht niedersank und Stern
auf Stern am Himmelsgewölbe aufblinkte. Unsere Mannschaften, Deutsche,
Bulgaren und Albaner saßen und standen um die Lagerfeuer, deren roter
Schein auf die Felsen hinter unserem Lager fiel und riesige Schatten
der Menschen über die Wiese warf. Drüben in der Sennhütte bellten und
heulten die Hunde und aus den Hürden ertönte das dumpfe Blöken und
Meckern der zusammengedrängten Herden. Bei der Rückkehr hatten wir
diese, in große Staubwolken gehüllt, von den Hochweiden niedersteigen
sehen.
Die Lagerfeuer waren allmählich niedergebrannt, manche unserer Leute
schliefen schon. Nur von Zeit zu Zeit flackerte ein Feuer noch einmal
knisternd auf, warf prasselnd eine Garbe von Funken in die Höhe.
Trotzdem kein Mond am Himmel stand, genügte das Licht der Sterne, um
uns die Umrisse der Berge, den Taleinschnitt gegen Kalkandelen, drunten
die Talebene und jenseits die lange gleichmäßige Kette der Karaschiza
erkennen zu lassen.
Während wir die Sternbilder am Himmelszelt aufsuchten, die uns hier
in 1600 m Meereshöhe klarer und sternreicher erschienen als unten
im Tal, glaubten wir plötzlich nahe dem Horizont in der Richtung
über _Kalkandelen_ neue Sterne aufblitzen zu sehen. Nein, das waren
Leuchtkugeln und Raketen, welche dort unten in die Luft stiegen und von
unserer Höhe aus einen phantastischen Eindruck machten. Farbige Sterne
stiegen auf und verschwanden, Scheinwerfer warfen ihre Strahlenkegel
auf die Berge der Umgebung oder ließen sie im endlosen Raum umherirren
und verblassen. Und dies seltsame Schauspiel vollzog sich ohne Lärm und
Krachen, das wir unwillkürlich erwarteten; die tiefe Bergeinsamkeit
umgab uns und das Getöse, das die Menschen da unten verursachten, um
sich an irgendwas zu freuen, drang nicht in unsere köstliche Stille.
Wir hofften auf einen Sieg, unsere Bulgaren träumten von Frieden, bis
jemand sich daran erinnerte, daß der 15. August das Regierungsjubiläum
des Königs von Bulgarien sei, und daß dies wohl da unten gefeiert werde.
Früh am nächsten Morgen wurden die Zelte abgebrochen; die Tragtiere
wurden gesattelt und bepackt. Der Aufbruch war beschlossen, der
Proviant für soviel Menschen und Pferde war erschöpft, schweren Herzens
trennten wir uns von den Bergeshöhen und begannen den Ritt in die Tiefe.
Der Saumpfad, den wir aufsuchten, führte bald sehr steil abwärts,
zunächst über Matten, dann an schönen Buchengruppen vorbei, schließlich
tief in eine Schlucht hinunter. Nun kam es wieder zu allerhand
Reitabenteuern. Unsere Pferde hatten sich oben von dem saftigen Gras
der Matten dick vollgefressen; beim anstrengenden Abstieg schrumpften
ihre Bäuche sichtlich zusammen. Die Sattelgurte saßen nicht mehr stramm
und da niemand unserer Begleiter acht gab, wir aber alle genug mit
Umschauen und Beobachten zu tun hatten, so kam es dazu, daß einer nach
dem anderen von uns mit seinem Sattelzeug beim Abwärtsreiten über den
Hals seines Pferdes rutschte und einen Purzelbaum bergab machte. Es
waltete aber dennoch ein guter Stern über unserer Kavalkade und keinem
von uns widerfuhr mehr Schaden als einige blaue Flecke.
[Illustration: Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der
Kobeliza. August 1917.]
Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man
als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager
gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nach _Kalkandelen_
bezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer der
_Sarska_ erreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges
entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen Dorf
_Vejče_ (Abb. 122).
Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der
Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter
den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der
Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den
Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.
Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen
Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß,
nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach
heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht.
Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder
Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen
Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite,
dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände.
Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem
flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.
Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die
weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr
sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von
Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume
beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist
strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.