[Illustration: Abb. 120. Gipfel der Kobeliza 2500 m.]

Aber mehr als diese wissenschaftlichen Beobachtungen bedeutete mir die

wundervolle Landschaft, welche vom Gipfel aus nach allen Seiten sich

um mich ausbreitete. Ich wußte nicht, in welche Himmelsrichtung ich

zuerst blicken sollte. Ich wandte mich von einer Seite zur anderen,

meine Augen tranken voll Wonne all die Schönheit in sich und die

ganzen Stunden lang erfüllte mich ein Gefühl des Glückes in dieser

menschenfernen Einsamkeit. Hier war ich einmal wirklich fern dem Krieg

und den sich hassenden Menschen. Hier tönte der Lärm der Kämpfe nicht

herauf und nur die Uniformen, mit denen wir bekleidet waren, erinnerten

daran, in welcher Zeit all die Vertreter friedfertiger Berufe sich hier

versammelt hatten.

Es war ein schöner Sommertag; am dunkelblauen Himmel schwebten mächtige

weiße Wolkenballen hoch über den Bergen und warfen ihre wandernden

Schatten auf deren Hänge. Vor allem großartig war der Blick nach

Süden; über den Rasenhang vor uns senkte sich der Berg steil zu einem

grasbewachsenen Vorberg hinab, den ein dunkler Wolkenschatten scharf

vom Hintergrund abhob. Von seinem kahlen Rand mußte es schroff sich

zum Tal und zur Paßstraße nach Prizrend hinabsenken; denn blau und

zart hoben sich jenseits schon die nächsten Berge von ihm ab. Lange

Hochtäler zogen südwärts bergan, von Bergketten eingefaßt, deren

beide Flanken man von unserer Höhe viele Kilometer weit nach Süden

überblicken konnte, bis sie dort in hohe Gipfel übergingen, deren

Nordhänge Schneefelder bedeckten. Silbern blinkte aus jedem Tal der

Bach herauf, dessen Zickzackband auf beiden Seiten vom Bergkamm

gleichsam nachgeahmt wurde. Eine ungezählte Menge von Tälern und

Schluchten modellierten die Seiten der Bergketten, zwischen denen hier

und da ein grüner Rasen, eine dunkle Waldgruppe auftauchten.

Steile Felshänge und mächtige Schutthalden verrieten auch hier die

Arbeit von Wasser, Eis und Wind, welche diese grandiosen Formen

gestaltet hatten. Fast stahlblaue Flecken wurden von den Wolkenschatten

über weite Gebiete gebreitet. So wie mit der Wolke ihr Schatten weiter

wanderte, traten im Licht der Sonne alle Einzelheiten der Landschaft

scharf hervor, jede kleine Kuppe, jede Schrunde, jeder Felsen und

Sturzbach kam dem Auge gleichsam entgegen geeilt. Im Hindergrund der

Täler, wo sie allmählich in den Wänden der hohen Berge verstrichen, lag

in der Tiefe leichter Dunst.

Darüber aber hoben sich in kristallener Klarheit die gewaltigen

Kegel mächtiger Hochgipfel; prachtvolle, edle Formen zeigten diese

albanischen Berge mit ihren kühnen Umrißlinien.

In allen Abstufungen reiner blauer Töne modellierten sich ihre steilen

Abstürze und breiten Flanken. Feine violette Schatten mischten sich am

Nachmittag dazu, prachtvoll die zahlreichen Schneefelder aufblinken

lassend, die uns anzeigten, daß dort die Gipfel annähernd so hoch wie

unser Standort oder noch höher waren.

Zart verschwamm Kette hinter Kette in von der Sonne durchgoldetem

Blau. Ganz im Süden, fern von uns schimmerten die gewaltigen Zinnen

eines Bergstocks von beträchtlicher Höhe. Wie ein Feenpalast erhob

dies Massiv seine eis- und schneebedeckten Massen über den kleineren

Gebirgen vor ihm. Glitzernd wurden die Strahlen der Sonne von seinem

Nordhang uns zugeworfen. Wir erkannten in ihm den _Korab_, ein Gebirge

mit Gipfeln von etwa 3000 m Höhe, welches nordwestlich vom Ochridasee

gelegen ist.

[Illustration: BLICK VOM KOBELIZAGIPFEL, südwärts.]

Ganz anders geartet war der Blick nach Norden, da zog die Kette des

Schardakh in düsterer Nacktheit gegen den Ljubotren hin. Schroffe,

kahle Felsenberge bildeten eine lange Kette, deren hintere Berge den

Gipfel des Ljubotren offenbar verdeckten, denn wir konnten diesen

nicht mit Sicherheit erkennen. Steil fiel der Abhang von uns hinab in

die Mattenregion, welche sich um den Gipfel der Kobeliza ostwärts bis

zur Gegend unseres Lagers hinzog. Direkt uns gegenüber stiegen steile

Felsenwände senkrecht mehrere hundert Meter hinan zu einem scharfen

Kamm. Etwas östlich führten in sanfter Neigung von der Mattenregion

Rasenflächen zu einem breiten Buckel, der sich an den Felskamm

anlehnte, vor uns aber ihm gegenüber mit steiler Felswand eine Schlucht

begrenzt.

Auf dem Rasen des Buckels weideten tausende von Schafen, von oben herab

sah jedes wie ein heller oder dunkler Punkt aus. Die Hunde, welche um

die Herden herumtobten, trieben sie immer wieder zu dichten Haufen

zusammen, welche wie Wölkchen aussahen, die immerfort ihre Gestalt

änderten. Ganz seltsam wurde das Bild, als plötzlich zwischen uns und

den Herden ein Adler seine Kreise zog. Da drängten sich alle Schafe zu

einem mächtigen Haufen zusammen und liefen erst wieder auseinander,

als der große Vogel mit majestätischem Schwung über die Felswände

emporstieg.

Westwärts begann unterhalb des kegelförmigen Rasengipfels der

Kobeliza ein steiler Grat, der vor allem nach Süden schroff abfiel.

Auch nach Westen trennte uns ein Steilabfall von der anschließenden

Kette albanischer Berge. Eigenartig hob sich der weiße Kalkstein der

Gipfelregion von dem in dieser Höhe noch recht frisch grünen Rasen ab,

in welchem die blauen Sternchen der _Alpenaster_ an vielen Stellen

aufleuchteten.

Dunkle Wolkenschatten lagen auf den jenseitigen Bergen, welche unsere

albanischen Begleiter die _Hasanitza_ nannten. Wir stritten uns

lebhaft, ob ein dort zu Tal prasselnder Steinschlag von einem Rudel

Gemsen losgelöst sei, oder ob so hoch oben Vieh weiden könne. Die Leute

erzählten uns viel von den _Gemsen_, die tatsächlich in diesem Gebiet

nicht selten sein müssen. Unsere Versuche, an solche heranzukommen

oder während unseres Aufenthalts sie von den albanischen Jägern erlegt

zu bekommen, scheiterten an der Kürze des Aufenthalts, der uns hier

oben vergönnt war. Daß wirklich Gemsen hier vorkommen, das wurde mir

sicher, als mir beim Abstieg der Bürgermeister des Dorfes _Selče_ ein

prächtiges braunes Gemsenfell, eine schöne dicke Winterdecke, zeigte

und mir ein paar Krickeln schenkte. Besonders schön und eigenartig

war die Aussicht nach Westen; in dieser Richtung waren die Gebirge

niedriger, so daß der Blick sich in unendliche Fernen erstrecken

konnte. Zahlreiche Gebirgsketten zogen hintereinander von Süden nach

Norden, manche von ihnen in klaren, eigenartigen Formen greifbar nahe

vor uns liegend. Wir konnten die Senke erkennen, in der das _Amselfeld_

sich ausbreitet und die Berggruppe, welche im Nordwesten auftauchte,

mußte schon zu _Montenegro_ gehören.

[Illustration: Abb. 121. Blick vom Gipfel der Kobeliza 2500 m nach

Westen. Nach einem Aquarell des Verf.]

Entsprechend der nord-südlichen Ausdehnung des von uns bestiegenen

Kettengebirges war auch der Blick nach Osten weit und frei. Von

rechts und links traten Berghänge, deren Konturen sich gegenseitig

überkreuzten, in das Sarskatal, welches man bis zur Ebene vor

Kalkandelen verfolgen konnte. Fern vor dem Gebirge der _Karaschiza_

blitzte der Spiegel des _Wardar_ auf. Das waldarme Gebirge ließ

seine charakteristische Modellierung, die reiche Verarbeitung seiner

Hänge durch die Arbeit der Erosionskräfte mit aller Deutlichkeit

erkennen, obwohl es in zarten Farben duftig vor mir lag. Jenseits der

_Karaschiza_ sah man wieder eine Bergkette hinter der anderen sich in

nord-südlicher Richtung hinziehen.

Voll von den großen Eindrücken traten wir erst am späten Nachmittag

den Abstieg zu unserem Lager an. Dabei zerstreuten wir uns wieder alle

im Gelände, ohne uns in dieser einsamen Landschaft viel Sorgen wegen

unserer Sicherheit zu machen. Unsere Bedeckungsmannschaften waren viel

ängstlicher und fürchteten sich sehr vor den Arnauten. Ich begegnete

wiederholt solchen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Obwohl man

sich nicht mit ihnen verständigen konnte, waren sie nicht unfreundlich

und nahmen mit strahlendem Lächeln die gespendeten Zigaretten an.

Während der nächsten Tage verfolgte jeder der wissenschaftlichen

Teilnehmer der Expedition seine Sonderzwecke. So wurden die umliegenden

Höhen bestiegen, die Bäche und Tümpel, Quellen und Schluchten

untersucht und vor allem die Waldgrenze erforscht.

Es war besonders eine schön bewaldete Kuppe, welche als Vorberg weit

in das Tal der _Sarska_ hineinragte, welche mancherlei interessante

Ausbeute lieferte. Sie war von einem lichten Wald aus stattlichen

Buchen und Weißtannen bedeckt. Vor diesem Hain war der felsige Hang von

Wachholdersträuchern bedeckt, zwischen denen ein kurzer Rasen wuchs.

Die Höhe mit ihren edlen Tannen, zwischen denen die prachtvollsten

Durchblicke auf das Hochgebirge sich eröffneten, hat sich ganz in

mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde nie die Stunden vergessen, die

ich am Rande des schattenden Waldes an ihren Abhängen verbrachte. Im

Gedenken an schöne Schwarzwalderinnerungen ist sie in meinem Tagebuch

als _Weißtannenhöhe_ verzeichnet. Der Aufstieg zu ihr von unserem

Lager führte an einem Teich vorbei, den wir den _Unkenteich_ nannten,

da zahlreiche dieser Tiere ihn belebten und die Luft mit ihren

Glockentönen erfüllten. Im Teich gab es außerdem viele Wasserkäfer

(+Gaurodytes bipustulatus+ L. und +Colymbus luseus+ L.) und eine

Unmenge der kleinen Muscheln aus der Gattung +Pisidium+. Von dem

Wasser aus wurde der Anstieg steiler, der Hang bedeckte sich mit

liegendem Wachholder (+Juniperus nana+ Wlld.). Zwischen dem zarten Gras

blühte ein zierliches Haidekraut. Weiter oben mehrte sich allmählich

Buchengebüsch, an welchem eine Anzahl von Spinnen ihre Netze gebaut

hatten. Wenn die Tiere und ihre Bauten an Formen der Heimat erinnerten,

so war es doch von Interesse festzustellen, welche Arten hier in der

Höhe leben und ob sie auch hier ebenso bauen, wie an den Orten, an

denen sie schon lange bekannt sind.

An den Buchen fand sich eine Spinne, die zwischen Ästchen und Blättern

ein stattliches Segelnetz gebaut hatte, das mit einer zylinderischen

Wohnröhre endete, in der die Spinne saß. Die Fäden des Netzes waren

nicht kleberig aber auffallend mit Staub bedeckt, obwohl das Netz

bewohnt war. An den Buchenbüschen fand sich eine zweite Form, welche

ein Wirrnetz baute und ihren Zufluchtsort in einem Nestchen hatte,

das aus Knospenschuppen der Buche bestand, welche durch Gespinst

zusammengeheftet waren. Zwischen den Stämmen und Zweigen, vor allem der

Tannen, waren große Radnetze wieder von anderen Spinnen ausgespannt. Es

waren dies +Epeira diademata+ Clerck und +E. marmorea+ Clerck; erstere

ist unsere Kreuzspinne, die ich im Flachland nie gefunden hatte und

welche, wie so manche anderen mitteleuropäischen Tiere, hier im Lande

das Hochgebirge aufgesucht hatte.

Im Buchendickicht fand ich damals zum erstenmal in Mazedonien

_Ameisenhaufen_; es waren höchstens 20 cm hohe Hügel, welche im

Durchmesser kaum 15-30 cm erreichten. Obwohl es nicht weit zu den

Tannen war, bestanden die Haufen hauptsächlich aus den Nadeln der in

der Nähe wachsenden Wachholdersträucher. Dazwischen fand sich Erde,

Stengel und Ästchen von mancherlei Pflanzen, so von Heidekraut. Wie

alle Haufen, die ich später in Mazedonien fand, waren diese von einer

+Formica+-Art bewohnt und zwar von +Formica (Rhaphiformica) sanguinea+

Latr., einer Art, welche auch bei uns selten Haufen baut. Genauere

Angaben finden sich im Ameisenkapitel (S. 159). Hier oben fanden sich

im Holz der Tannen die Gänge einer +Camponotus+-Art (+C. herculeanus

ligniperda+ Latr.), also nicht anders als in unseren Wäldern die

typische Baumameise.

Um auf den Gipfel der _Weißtannenhöhe_ zu gelangen, mußte ich durch den

Tannenwald, der sich hauptsächlich am Westhang gegen das kleine Tälchen

hinzog, welches ich am Nachmittag des gleichen Tages besuchte

und das an den Felshängen gegen das Sarskatal weit hinabreichte.

Es war ein wilder dichter Wald, nur an einzelnen Stellen rein aus

Tannen bestehend, sonst vielfach mit Buchen vermischt. Ein tiefer

kühler Schatten herrschte unter den hohen Bäumen, durch deren Kronen

ein starker Wind rauschte. Die silbergrauen Buchenstämme hoben sich

zart und duftig von dem dunklen Grün des dichten Tannenbestandes ab;

wenn der Wind die Tannen beugte, so blinkte silberig die Unterseite

ihrer Nadeln auf. Am Hang standen zerzauste und windgebrochene

_Wettertannen_ und gar mancher der Riesen lag zerschmettert am Boden

neben seinem zerborstenen Stumpf, der kläglich aus dem grasigen Boden

in die Höhe ragte. Es war eine echte _Weißtanne_, die hier noch einen

ausgedehnten Wald bildete (+Abies alba Mill.+), welche nicht von der

Schwarzwaldtanne zu unterscheiden ist.

[Illustration: KOBELIZA, von der Weißtannenhöhe.]

In dem Hang des Waldes, welcher nach Süden abfiel, umrahmten die Tannen

ernste, grandiose Gebirgslandschaften. Hier öffnete sich der Blick an

vielen Stellen auf die steilen albanischen Berge um die _Hasaniza_.

Tief im Schatten lagen über dem Tal drüben die schroffen Felsen

hochansteigender Berge, welche unterhalb auch dichten Wald trugen.

Darüber hoben sich klarer als am vorigen Tage die Hochgipfel mit ihren

leuchtenden Schneefeldern.

Nordwestlich hoch aufragend bot die _Kobeliza_ von der Weißtannenhöhe

ihren reizvollsten Anblick dar. Als mächtige Pyramide mit sanft

ansteigendem Nordhang erhob sich der Berg majestätisch aus dem tiefen,

dämmernden Talschlund; der Südhang dagegen mit unruhiger Zackenlinie

der schroffen Kalkfelsen, an deren Rand ich am Tage vorher gestanden

hatte, bildete einen wuchtigen Gegensatz zu den weiten Grashalden,

welche die uns zugekehrte Ostseite des Berges bedeckten. Diese war vor

allem im Süden und in der Mitte durch Erosionsschluchten und helle

Felsen malerisch gegliedert.

Die Fülle blauer und violetter Töne an der breiten Wand der Felsen

ließen den Berg wie eine Traumerscheinung weit hinter dem Tal

zurücktreten, während das starke Grün der mich umgebenden Bäume mich in

der schönen Wirklichkeit festhielt, in der ich verweilen durfte.

Hinter dem Wald überzog eine jetzt noch blumenreiche Wiese den

östlichen Teil des Gipfels der Weißtannenhöhe. Verblühte Gräser

und ein stark duftendes gelbes Labkraut waren von einem Bestand des

liegenden Wachholders (+Juniperus nana+ Willd.) eingefaßt, der sich

bis hier heraufzog. An geschützten Stellen standen einige jetzt noch

blühende Disteln und Königskerzen.

Hier fand sich auch eine reiche _Tierwelt_. Unter den Steinen

fing ich Skorpione und kleine Tausendfüßler. Um die Blumen flogen

Schmetterlinge, zahlreiche Bläulinge, dunkle +Erebien+, eine Anzahl

+Hesperiden+ fielen auf. Reich war die Ausbeute an Fliegen und Bienen.

Hier begegnete mir wieder die dunkle Heuschrecke mit dem grellroten

Hinterleib und den roten Beinen, welche ich schon auf der Mala Rupa

bei ihrem _Balzflug_ beobachtet hatte. Auch hier stieg sie schnarrend

in den grellen Sonnenschein auf, um schwebend zu lärmen und langsam zu

Boden zu sinken (+Stenobothrus miniatus+ Charp.).

An 2 Tagen hielt ich mich vom frühen Morgen bis mittags auf der

Weißtannenhöhe auf, um jedesmal am Nachmittag das _Buchental_ zu

durchstreifen, welches an den steilen Felsen der Weißtannenhöhe

entlang südwärts sich ersteckte. Zum Teil waren seine Hänge von Buchen

bewachsen, welche einen halbtrockenen Bach beschatteten. An diesem Bach

standen allerhand blühende Pflanzen, im Wald reiften wohlschmeckende

Himbeeren und Erdbeeren. Hier gab es wieder viele Insekten, darunter

Schwärme kleiner Mücken, viele Spinnen, wieder unter den Steinen

Skorpione.

Wo das Tal am Berghang sich öffnete, floß der Bach in ein Sumpfgelände,

in welchem zahlreiche hohe Disteln, Doldenpflanzen, Schilf und Binsen,

meist verblüht und zum Teil verdorrt standen. Hier entsprang am Hang

auch eine kleine Quelle, in deren Wasser unter Steinen sich _Blutegel_

und kleine _Flohkrebse_ fanden, wie sie fast in jeder Quelle und an

jedem Brunnen vorkamen.

Über den Sumpf stiegen steile Felsterrassen an der Wand der

Weißtannenhöhe aufwärts. Mehrmals wechselte ein senkrechtes Felsenband

mit einer sanfter geneigten Halde ab, welche mit Gras und Kräutern und

dazwischen den dunklen Wachholdersträuchern (+Juniperus excelsa+ M. B.)

bedeckt waren.

Hier und über dem Sumpf flogen die _Apollofalter_, die wir schon

beim Aufstieg bemerkt hatten. Auch hier hatten wir wie in der Mala

Rupa kein leichtes Gelände, um die stolzen Schmetterlinge zu fangen.

Im Sumpf versank man bis zum Knie im Schlamm, und das Wettrennen am

Steilhang, abwechselnd auf dem glatten Rasen zwischen dem Wachholder

und an den Felsenbändern, kostete trotz der frischen Bergluft manchen

Schweißtropfen.

Weder mein braver Rangnow noch ich ließen es uns verdrießen und unsere

Mühe wurde durch eine reiche Ausbeute belohnt. Während wir auf der Mala

Rupa für den Apollofalter Mitte Juli etwas zu früh daran gewesen waren,

und somit nur wenige frische Exemplare antrafen, waren wir hier Mitte

August offenbar schon in das Ende der Flugzeit des schönen alpinen

Schmetterlings geraten. Wir fingen noch eine Anzahl Exemplare, aber die

meisten waren schon recht abgeflattert. Ja einige Exemplare fand ich im

Sumpf auf den Disteln sterbend oder schon tot.

Auch sonst flogen hier in der warmen Sonne des Nachmittags

zahlreiche Schmetterlinge umher, +Lycaeniden+, +Erebien+ und

+Coenonymphen+ in verschiedenen Arten. Bemerkenswert war hier eine den

_Perlmutterfaltern_ zugehörige Form von +Argynnis pales+, die sich

deutlich von der auf der _Mala Rupa_ aufgefundenen +Argynnis pales

balcanica+ Rbl. unterscheidet und wahrscheinlich eine unserer alpinen

+A. pales pales+ sehr nahestehende neue Form ist. Damit war wieder der

ausgesprochene alpine Typus der Tierwelt hier im _Schardakh_, gegenüber

der etwas niedriger und südlicher gelegenen _Mala Rupa_ bestätigt. Von

den Bläulingen erwähne ich +Lycaena damon+ Schiff.

Schöne _Schwebfliegen_ hielten sich auch in der Sumpfregion auf; ich

erwähne +Chrysotoxum bicinctum+ L. und die alpine +Ch. cantum+ Harries.

Reichlich waren in der Nähe des Sumpfes auch Spinnen vertreten, so

+Oxyopes ramosus+ Panz., +Pirata piscatoria+ Clerck., +Heriaeus

hirsutus+ Walck. und +Thanatus arenarius+ Thor.

Sehr schön war von den Felsen der Blick hinab, steil die Hänge hinunter

in das tief eingeschnittene Tal und über dieses hinaus gegen die

Wardarebene und auf die Karaschiza.

Wir saßen müde vor unseren Zelten, als die Nacht niedersank und Stern

auf Stern am Himmelsgewölbe aufblinkte. Unsere Mannschaften, Deutsche,

Bulgaren und Albaner saßen und standen um die Lagerfeuer, deren roter

Schein auf die Felsen hinter unserem Lager fiel und riesige Schatten

der Menschen über die Wiese warf. Drüben in der Sennhütte bellten und

heulten die Hunde und aus den Hürden ertönte das dumpfe Blöken und

Meckern der zusammengedrängten Herden. Bei der Rückkehr hatten wir

diese, in große Staubwolken gehüllt, von den Hochweiden niedersteigen

sehen.

Die Lagerfeuer waren allmählich niedergebrannt, manche unserer Leute

schliefen schon. Nur von Zeit zu Zeit flackerte ein Feuer noch einmal

knisternd auf, warf prasselnd eine Garbe von Funken in die Höhe.

Trotzdem kein Mond am Himmel stand, genügte das Licht der Sterne, um

uns die Umrisse der Berge, den Taleinschnitt gegen Kalkandelen, drunten

die Talebene und jenseits die lange gleichmäßige Kette der Karaschiza

erkennen zu lassen.

Während wir die Sternbilder am Himmelszelt aufsuchten, die uns hier

in 1600 m Meereshöhe klarer und sternreicher erschienen als unten

im Tal, glaubten wir plötzlich nahe dem Horizont in der Richtung

über _Kalkandelen_ neue Sterne aufblitzen zu sehen. Nein, das waren

Leuchtkugeln und Raketen, welche dort unten in die Luft stiegen und von

unserer Höhe aus einen phantastischen Eindruck machten. Farbige Sterne

stiegen auf und verschwanden, Scheinwerfer warfen ihre Strahlenkegel

auf die Berge der Umgebung oder ließen sie im endlosen Raum umherirren

und verblassen. Und dies seltsame Schauspiel vollzog sich ohne Lärm und

Krachen, das wir unwillkürlich erwarteten; die tiefe Bergeinsamkeit

umgab uns und das Getöse, das die Menschen da unten verursachten, um

sich an irgendwas zu freuen, drang nicht in unsere köstliche Stille.

Wir hofften auf einen Sieg, unsere Bulgaren träumten von Frieden, bis

jemand sich daran erinnerte, daß der 15. August das Regierungsjubiläum

des Königs von Bulgarien sei, und daß dies wohl da unten gefeiert werde.

Früh am nächsten Morgen wurden die Zelte abgebrochen; die Tragtiere

wurden gesattelt und bepackt. Der Aufbruch war beschlossen, der

Proviant für soviel Menschen und Pferde war erschöpft, schweren Herzens

trennten wir uns von den Bergeshöhen und begannen den Ritt in die Tiefe.

Der Saumpfad, den wir aufsuchten, führte bald sehr steil abwärts,

zunächst über Matten, dann an schönen Buchengruppen vorbei, schließlich

tief in eine Schlucht hinunter. Nun kam es wieder zu allerhand

Reitabenteuern. Unsere Pferde hatten sich oben von dem saftigen Gras

der Matten dick vollgefressen; beim anstrengenden Abstieg schrumpften

ihre Bäuche sichtlich zusammen. Die Sattelgurte saßen nicht mehr stramm

und da niemand unserer Begleiter acht gab, wir aber alle genug mit

Umschauen und Beobachten zu tun hatten, so kam es dazu, daß einer nach

dem anderen von uns mit seinem Sattelzeug beim Abwärtsreiten über den

Hals seines Pferdes rutschte und einen Purzelbaum bergab machte. Es

waltete aber dennoch ein guter Stern über unserer Kavalkade und keinem

von uns widerfuhr mehr Schaden als einige blaue Flecke.

[Illustration: Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der

Kobeliza. August 1917.]

Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man

als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager

gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nach _Kalkandelen_

bezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer der

_Sarska_ erreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges

entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen Dorf

_Vejče_ (Abb. 122).

Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der

Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter

den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der

Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den

Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.

Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen

Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß,

nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach

heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht.

Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder

Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen

Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite,

dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände.

Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem

flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.

Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die

weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr

sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von

Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume

beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist

strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.

Mazedonien · 第 18 / 45 段