Am Bahnhof wurden wir von einem vom Stab der Gebirgsdivision

gesandten Dolmetscher abgeholt. Wagen standen bereit, unser Gepäck zu

transportieren. Wir stiegen in einen stattlichen, sauberen Landauer

ein, dessen Kutscher uns in rasendem Galopp zur Stadt fuhr, von der der

Bahnhof etwas abgelegen war. Für Mazedonien klappte alles auffällig gut.

Rasselnd, unter Peitschenknall, in fast zu flottem Tempo über hartes

Steinpflaster klappernd, führte uns der Wagen durch die Straßen

der Stadt, über einen freien Platz, schließlich durch eine steile

enge Gasse bergauf zum Offizierskasino. Hier sollten wir Gäste des

Offizierkorps bei den Mahlzeiten sein, während wir für die Nächte auf

Bürgerquatiere in der Stadt verteilt wurden.

_Kalkandelen_ macht einen recht sauberen und sympathischen Eindruck.

Vor allem als Gegensatz zu dem verstaubten und verkommenen _Üsküb_

wirkte er sehr freundlich auf mich. Hier hatte der Krieg keine

so furchtbaren Spuren hinterlassen als an den großen Heerstraßen

Mazedoniens. Keinerlei Zerstörungen waren an den Häusern der Stadt

zu sehen, keine verlassenen Gehöfte, nichts von dem Verfall und der

Vernachlässigung, wie ich sie in den bisher besuchten Gegenden, im

Wardartal und an der Front überall angetroffen hatte. Hier hatte der

Krieg nicht getobt, wenn er natürlich auch für diese entlegene Stadt

seine Folgen gehabt hatte. Hier hielten die Leute noch etwas auf

sich selbst, auf ihren Besitz, ihre Häuser und Höfe. Sie gingen gut

gekleidet und sahen einem offen und freundlich ins Gesicht, nicht

mit dem gedrückten und scheuen Blick der Frontbewohner. Man hörte

Frauenstimmen singen, sah jubelnde und spielende Kinder. Das waren für

mich neue Eindrücke.

Ich freute mich, hübschere Mädchen auf den Straßen oder abends mit den

großen Kupferkannen zum Brunnen zu gehen, mit munterem Geplapper an den

Straßenecken stehen zu sehen.

[Illustration: Abb. 116. Kalkandelen (Tetowo) gesehen vom Hang jenseits

der Sarska.]

Im Quartier wurde man freundlich aufgenommen. Die Häuser waren

hier durchweg die typischen türkischen Stadthäuser, wenn auch die

vornehmeren Familien, bei denen wir als Ehrengäste einquartiert wurden,

alle bulgarisch waren. Meist stand das Haus im Hintergrund eines großen

viereckigen Hofes. An dessen beiden Seiten oder meist nur an einer von

ihnen zogen sich niedrige Wirtschaftsgebäude und Dienstbotenwohnungen

hin. Das Wohnhaus war meist zweistöckig, im unteren Stockwerk befanden

sich die Räume, in denen Gäste empfangen wurden, und in welchen die

erwachsenen Familienmitglieder sich tagsüber aufhielten. Im oberen

Stockwerk waren die Schlaf- und Wohnzimmer. Das Zimmer, welches mir

überlassen war, offenbar das Staatszimmer des Hauses, besaß an zwei

Seiten je drei Fenster, war daher hell und luftig.

Um alle Wände herum liefen Diwans; diese waren mit handgefertigten

Spitzen und Häkelarbeiten, die mit rotem Stoff unterlegt waren,

überzogen. An einer Wand stand eine Kommode, an einer anderen ein

Glasschränkchen. In diesem waren die Kostbarkeiten der Familie

aufgestellt. Eine Standuhr auf der Kommode ging nicht. Daneben standen

Gefäße aus Glas und Kupfer, selten ein emailliertes Kästchen oder dgl.

Dazu nur primitive Photographien, hier und da einmal ein Stich mit

Kriegserinnerungen, historischen Szenen, Landschaften oder ein blinder

Spiegel. Alles etwas verstaubt und vernachlässigt. Die Schlösser der

Türen schlossen nicht, die Fenster ebensowenig, Scheiben fehlten.

Aber das ganze Zimmer war sehr sauber gehalten. Das Bett, welches in

einer Ecke für mich aufgestellt war, mitteleuropäisch ausgestattet,

mit weißer, blitzblank reiner Wäsche und warmer Steppdecke. Die Kissen

mit schön gestickten Überzügen waren offenbar die beste Bettwäsche der

Familie.

[Illustration: Vermessungsabt. 21 phot. Abb. 117. Hof eines

mazedonischen Bürgerhauses.]

Morgens früh brachte ein kleines Mädchen, wohl die Tochter eines

der Dienstleute, mir in kleiner Porzellantasse auf silbernem Tablett

heißen türkischen Kaffee. Das Waschgeschirr bestand aus einer ziemlich

flachen Messingschale, zu der eine ebenso schön getriebene Messingkanne

gehörte. Die übliche Waschprozedur war recht einfach. Man läßt sich

über der Waschschale das Wasser über die Hände gießen, wäscht diese

und reibt sich mit ihnen das Gesicht ab und die ganze Reinigung

ist erledigt. Also im ganzen orientalisch-türkische Sitte, von den

Bulgaren, wie die Hauseinrichtung ohne viel Änderung übernommen. Der

Hof war auch hier nach türkischer Sitte zum Teil bepflanzt. Rebenlauben

überdachten manche Teile, Oleander, Lorbeer und Granatapfelbäume

standen in Kübeln umher, auch schattenspendende Bäume und Blumenbeete

waren angepflanzt. Meist plätscherte ein Brunnen inmitten des Hofes;

vor allem nachts war dies das einzige Geräusch, welches in das

wohlgeborgene Haus drang. Bei Tag ertönte oft fröhlicher Kindergesang

von einer munteren Schar, die unter dem Rebdach saß und spielte und den

Fremdling freundlich begrüßte.

Abends saßen wir mit den Offizieren im Kasino und besprachen unsere

Pläne. Es waren meist Herren von der Intendantur. Die Truppen der

Division lagen in der Umgegend, der Stab in einem berühmten Kloster

eine Stunde entfernt von Kalkandelen.

Am ersten Morgen fand der übliche feierliche Empfang in der Präfektur

statt. In einem großen Saal mit Teppichen und Fahnen an den Wänden

wurden wir durch eine längere Ansprache des Präfekten geehrt, auf die

ich antworten mußte. Der Präfekt, in Friedenszeiten Gymnasiallehrer

für Chemie in Sofia, zeigte volles Verständnis für unsere Pläne

und versprach uns die Hilfe der Zivilbehörde als Ergänzung der

militärischen Unterstützung, die uns in Aussicht gestellt war.

Nachmittags 3½ Uhr sollte der Abmarsch erfolgen, um die kühlen

Abendstunden zum Anstieg bis auf eine gewisse Höhe auszunützen. In der

engen Straße beim Kasino bildete sich alsbald eine höchst malerische

Kolonne. Wir waren 7 Deutsche, zu denen 11 bulgarische Soldaten kamen,

welche als Pferdeknechte und Bedeckungsmannschaften uns begleiten

sollten. Die meisten der Soldaten, ebenso ihr Unteroffizier, der

Tschausch, waren Mohammedaner. Die meisten sprachen nur türkisch.

Dolmetscher hatten wir keinen, so war die Verständigung unterwegs

vielfach nicht einfach, da nur unser ungarischer Bursche einigermaßen

bulgarisch sprach. Wir kamen aber mit den gutmütigen Leuten recht gut

aus.

Sechs gut gesattelte Reitpferde standen für uns Deutsche bereit, die

Soldaten waren ebenfalls alle beritten. Dazu kamen 10 Saumpferde,

welche unsere Zelte, Decken, Kisten, den Proviant und die ganze

Ausrüstung zu tragen hatten.

Jeder von uns suchte sich ein geeignetes Reitpferd aus, wobei

diejenigen, welche keine Reiter waren, etwas ängstliche Gesichter

machten. Die Botaniker, die schon viele Reisen in Kleinasien, Persien

und sonst im Orient hinter sich hatten, hatten schnell gewählt. Auch

ich erfaßte die Zügel eines großen, schlanken Pferdes, welches mit

ganz neuem Zaumzeug sehr gut ausgestattet war. Ich prüfte die Gurten,

paßte die Zügel und Bügel an und als ich die Satteltaschen öffnete,

um photographischen Apparat und Sammelgeräte in ihnen unterzubringen,

entdeckte ich zu meinem Erstaunen am Sattelzeug dieses bulgarischen

Armeepferdes einen deutschen Firmenstempel, und wie überrascht war ich,

als ich da las: Handelskammer Freiburg i. Br. Also die Stadt, in der

meine Universität sich befand, in der meine Lieben damals weilten, die

hatte mein Sattelzeug geliefert. Ich sah dies als ein gutes Omen an,

als ich mich zum Abritt mit unserem Führer an die Spitze der Karawane

begab.

Bald saßen alle im Sattel; klappernd und hufeklirrend bewegte sich der

lange Zug durch die engen Gassen zum Berghang. Wir blieben auf dem

linken Ufer des brausenden Flüßchens, das vom Schardakh herunter kam

und in wilder Felsenschlucht tief unter uns über die Steine brauste.

Es war die _Sarska_, deren Tal wir beim Ritt dieses Nachmittags einige

Stunden verfolgen mußten. Hoch über dem rauschenden Flüßchen kletterte

der Saumpfad den Berghang hinauf. Mit vorsichtigem Schritte suchten

die Pferde ihren Weg über die glatten Steine und brachten uns flink

vorwärts. Bald klomm der Pfad hoch am Hang in die Höhe, um dann wieder

bis zum Wasser des Baches niederzusteigen.

Der Rückblick auf das malerische, in Grün gebettete und von Grün

umgebene _Kalkandelen_ war prachtvoll; aus dem Gewirr der Häuser

erhoben sich Minarets und Kirchtürme. Als wir etwa 7-800 m Meereshöhe

erreicht hatten, wurde die Paßstraße breiter, schöne Wiesen, auf denen

Heu lag, Haferfelder breiteten sich aus. Was aber der Gebirgslandschaft

einen besonderen Reiz verlieh, waren die mächtigen, alten Bäume, die

mit ihren dunklen Stämmen immer neue, wechselnde Umrahmungen der

Gebirgslandschaft bildeten. Vor allem fielen die alten, gewaltigen

_Edelkastanien_ auf, welche mit ihren gerundeten, üppigen Kronen

eigenartig von den schroffen Felsen sich abheben. Sie sind in

Mazedonien nicht häufig und außer hier im Sarskatal habe ich sie nur

auf dem Wodno bei Üsküb angetroffen.

Auch andere stattliche Bäume vervollständigten den üppigen Eindruck

dieser Oase im Felsenland. Eichen und Nußbäume erhoben sich neben

allerhand Obstbäumen, an denen noch reichlich Früchte hingen. Um

saftige Wiesen dehnte sich üppiges Buschwerk von Haselnuß- und

Erlensträuchern aus. Bei einer starken, zum Fluß hinabplätschernden

Quelle breitete sich ein grüner Rasen aus, umgeben von knorrigen

Weiden. Auf der Wiese blühten dunkelrote Skabiosen, am Wasser weiße

Doldenpflanzen und duftende Minze. Um die Blüten schwirrten Hummeln

und Bienen, auf ihnen saßen Käfer, vor allem wie Edelsteine glänzende

Chrysomelen (+Chrysomela menthastri+ Suffr.).

[Illustration: Abb. 118. Sarskatal, im Hintergrund Kobeliza.]

Durch die Kronen der Bäume öffneten sich jetzt Blicke auf die

_Kobeliza_ und die umgebenden Bergmassen mit ihren steilen

Felsenhalden, Waldbeständen und schimmernden Matten.

Sicher und brav stiegen unsere Pferdchen weiter den Pfad hinan, der

jetzt schmal und verwegen hoch über der Schlucht am Felsen entlang

führte. An einer breiteren Stelle des Tales lag über dem Bach uns

gegenüber in etwa 900 m Höhe das Dorf _Brodeč_. Die albanischen

Bergdörfer mit ihren braunen Häuschen und den grauen Dächern, von

Bäumen beschattet, am Berghang angelehnt, boten höchst malerische

Bilder, in der feinen Nachmittagsstimmung in silbergrauem Schimmer

Erinnerungen an japanische Dörfer wachrufend.

Der Ritt verlief nicht ohne Abenteuer. Als der Pfad steil zum Bach

abstieg, rutschte Herr _Müller_ plötzlich samt dem ganzen Sattelzeug

über Hals und Kopf seines steil abwärts schreitenden Pferdes hinunter

und schlug nahe am Abgrund einen Purzelbaum auf dem Saumpfad. Als wir

erschreckt heranritten, schnupperte sein Pferd ganz behaglich an ihm

und er stand lachend, zum Glück unbeschädigt, auf, um bald auf das

wieder gesattelte Pferd zu klettern. Ähnliche Abenteuer passierten

jedem der Teilnehmer der Expedition, da unsere Bulgaren mit den Pferden

nicht so sorgfältig umgingen wie deutsche Soldaten und unsere Leute

nicht viel von Pferden verstanden. So mußte jeder von uns regelmäßig

sein Pferd sorgfältig nachsatteln. Doch verlief die Reise in den

Schardakh ohne wesentlichen Unfall.

Abwärts in die Schlucht führte der Pfad über den jetzt schon viel

kleineren Bach, jenseits schon am Hang der Kobeliza hinauf und dann

steil abwärts zu dem hochgelegenen Dorf _Vešal_. Durch eine Schlucht

gelangten wir in das 1150 m hoch gelegene Dorf, welches im Verlauf des

Balkankrieges verlassen worden war und dessen meiste Häuser nun halb

oder ganz zerstört waren. Ein noch ziemlich erhaltenes großes Haus

sollte uns als Herberge dienen; es war zu solchem Zweck vorbereitet

und mit einem Hängeschloß versperrt, zu welchem wir den Schlüssel

mitbrachten. Ein großer Raum war am Boden mit Teppichen belegt. In

diesem schlugen wir unser Quartier auf. Wir waren mit Decken wohl

versehen; die konnten wir gut gebrauchen, denn in dieser Höhe war auch

Mitte August die Nacht recht frisch.

In einem anderen Raum wurde abgekocht und müde nach den anstrengenden

Vorbereitungstagen sanken wir auf die Teppiche nieder, um einen

erquickenden Schlaf zu halten.

Es war etwas ungewohnt auf dem Boden, auf den nicht ganz sauberen

Teppichen zu schlafen, von denen wir nicht wußten, wer sie vorher

benutzt hatte. Zudem hatte man uns vorher gewarnt, die albanischen

Dörfer seien sehr verlaust und von Fleckfieber verseucht. Aber wir

blieben von Ungeziefer verschont. Später habe ich mich an diese Art von

Quartier gewöhnt und nicht selten in solchen Räumen geschlafen.

Abends hörten wir noch von uns besuchenden Einwohnern, daß in den

benachbarten Bergen Gemsen lebten und sie versprachen uns solche zu

jagen.

Der nächste Morgen, Sonntag, den 12. August, fand uns schon früh auf

den Pferden, schief am Berghang aufwärts reitend. Wir waren jetzt in

einer prachtvollen Gebirgslandschaft. Die steilen, felsigen albanischen

Berge erhoben sich ringsum zu beträchtlichen Höhen. Hier und da

glänzten Schneefelder zu uns herüber. Steile Felsen warfen blaue

Schatten auf weite Matten und stattliche Wälder erhoben sich an den

Hängen.

Wir durchritten ein Bachtal, dessen einer Hang von steilen Felsen

gebildet war, während die Höhen der anderen Seite über der Steilwand

einen Buchenwald trugen, über denen Coniferen, offenbar Weißtannen,

sich erhoben. Ein halb ausgetrockneter Bach kam das Tal herab, welches

weiter oben üppige Vegetation zeigte, dazwischen Buchengebüsch,

in welchem prachtvolle Exemplare einer _Fingerhutart_ mit gelben,

rostbraun gefleckten Blüten standen (+Digitalis ferruginea+ Gris).

Etwas weiter oben, bei 1675 m Höhe, beobachteten wir die ersten

_Appollofalter_. Außerdem umflogen die Blüten viele Hummeln und kleine

Bienenarten.

Herr _Müller_ fing hier Exemplare des _Taufrosches_ (+Rana temporaria+

L.), ein interessanter Fund, da sein Vorkommen hier im Gebiet noch

nicht bekannt war. Die Botaniker machten gute Ausbeute, vor allem als

wir steilansteigend bei etwa 2000 m Höhe an einer steilen Felsenwand

entlang einen Sattel überschritten, von wo wir wieder auf 1600 m

herabstiegen, wo ein geeigneter Lagerplatz mit reichlich Wasser sich

fand. Wir lagerten an einem Steinhang vor einer großen Rasenfläche, auf

der eine kleine, strohgedeckte Hütte lag, die von Schafhürden umgeben

war. Hier sollten wir auf Anordnung der Behörden von Kalkandelen mit

Sennereiprodukten versorgt werden. Das war also ein sehr geeigneter

Standort für unsere Unternehmungen an der Kobeliza.

Zunächst fielen uns wütend ein paar mächtige Hunde an, jene prächtigen

mazedonischen Hunde, welche ich stets bei den Hirten im Gebirge

antraf. Sie beruhigten sich, als wir in der Entfernung von ½ km unsere

sechs Zelte aufschlugen. Ein lebhaftes Lagerleben entfaltete sich,

während die Pferde abgesattelt und auf die Weide getrieben wurden, die

Zelte allmählich erstanden und Lagerfeuer aufflammten, an denen unser

Essen zubereitet wurde.

Als die Dämmerung herabsank, die Sonne noch in unserem Rücken die

spitzen Gipfel der Kobeliza umstrahlte, kamen die Herden zur Sennhütte,

die man hier _Mandra_ nennt, von den höher gelegenen Weiden zurück. Es

waren hauptsächlich Schafe, von denen viele Hundert herangetrieben und

in den Hürden für die Nacht zusammengedrängt wurden. Die Hirten kamen

uns zu besuchen und brachten uns vorzüglichen Yogurth, Milch und Käse.

So konnten wir getrost den kommenden Tagen entgegensehen.

[Illustration: Abb. 119. Mandra (Sennhütte) auf dem _Kobeliza_anger

1700 m.]

Die Nacht sank herab und ein klarer Sternhimmel spannte sich über

uns aus. Wie durchsichtig war die Luft in dieser Höhe; wie zog man

genießend die frische Bergluft in die Lungen ein und ruhte sich von

Staub und Gluthitze aus, aus denen man für einige Tage erlöst war.

Wir hatten einen sehr geeigneten Platz ausgesucht, um das umliegende

Gebiet zu erforschen. Unmittelbar hinter unserem Lager stieg der Gipfel

der Kobeliza kegelförmig an, zunächst felsig, nach oben aber in Matten

übergehend. Sie ist ein typischer _Grasberg_, vor allem zogen sich von

unserer, der Ostseite, die Matten bis zum Gipfel, während nach Süden

schroffe Kalkfelsen steil abfielen.

Schon früh am nächsten Morgen brach ich auf, um zunächst den Gipfel

der Kobeliza zu ersteigen. Ich kletterte zuerst durch steile weiße

Kalkfelsen, welche sich malerisch hinter unserem Lager erhoben. Über

den Hängen flogen _Steinrötel_ (+Monticola saxatilis+ L.) dahin.

Die Matten zwischen den Felsen trugen eine reiche Pflanzenwelt.

In der unteren Zone gab es noch einzelne Buchenbüsche, dazwischen

_Wachholder_, eine Art hoch, buschig wachsend, eine zweite Form

die gleiche, welche ich auf der Mala Rupa beobachtet hatte, am

Boden hinkriechend, ein zartes Polster bildend (+Juniperus nana+

Willd.). Zwischen 1600 und 1700 m Höhe wuchsen Himbeeren und

Erdbeeren, allerdings jetzt ohne Blüten und Früchte, dazwischen ein

Gänseblümchen, reichlich _Fingerhut_ (+Digitalis ferruginea+ Gris.),

zwei Stiefmütterchenarten. Sehr charakteristisch für diese Region

waren die zahlreichen _Eberdisteln_, deren weiße, starre Kronen,

überall dicht an den Boden gedrückt, aufleuchteten (+Carlina acaulis+

L.). +Silene+-Arten blühten zwischen den Steinen und vor allem freute

mich, heimatliche Erinnerungen an die bayerischen Berge weckend,

ein weißes Studentenröschen (+Parnassia palustris+ L.), welches an

feuchteren Stellen stand. In Mulden an geschützten Plätzen erhoben

sich stattlichere Pflanzen, +Veratrum album+, verschiedene hohe

_Königskerzen_ (+Verbascum longifolium+ Ten.) und eine Anzahl mächtiger

Distelarten bildeten da große Bestände. Zwischen den Steinen standen

viele Exemplare einer Wolfsmilchart. Die _Disteln_ waren +Cirsium

candelabrum+ Gris. und +C. appendiculatum+ Gris.

Der Aufstieg ging steil über offenes Gelände weiter; vor mir erstreckte

sich ein unendlich erscheinender grasiger Abhang, südwärts ragten

steile weiße Felsen auf. Als ich etwa die gestern überschrittene

Paßhöhe mit 1900 m erreicht hatte, begann die Pflanzenwelt allmählich

alpinen Charakter anzunehmen. Hohe Stöcke von +Geum montanum+ L. mit

den tiefgelben Blüten, eine Art von +Euphrasia+, eine stattliche

Primel (+Primula columnae+ Ten.), Glockenblumen (+Campanula pusilla+),

Steinbrecharten, eine schöne _Storchschnabelart_ mit großen roten

Blüten (+Geranium subcaulescens+ L'Hér.) wuchsen hier nebeneinander

und boten, da viele von ihnen noch in Blüte standen, einen bunten

reizvollen Anblick dar.

An einem Einschnitt floß das Wasser einer kleinen Quelle rauschend die

Wiese hinab. Es war in einer Höhe von 2000 m. Am Rande des Bächleins

und unter den Steinen gab es hier _Regenwürmer_, große _Laufkäfer_

(+Pachystus cavernosus+ E., +Carabus violaceus rilvensis+ Kolbe), und

die üblichen Flohkrebse (Gattung +Gammarus+), welche man hierzulande in

fast jedem Brunnen findet. In der Nähe des Wassers fanden sich Ameisen

unter Steinen, so die überall so häufige Rasenameise (+Tetramorium

caespitum+ L. und +Formicina mixta+ Nil. var. +mixto-umbrata+ For.).

Nun stieg ich steil weiter über einen eigenartig gleichmäßigen Rasen

eines dunkelgrünen Grases. Einzelne Blüten der unten gefundenen

Pflanzen lockten Schmetterlinge von dunkler Farbe mit blauen Flecken

(+Erebia sp.+) und Bläulinge an.

Ebenso wie die Pflanzenformen, so wurden in der Höhenregion zwischen

2200 und 2500 m die Insekten ausgesprochen alpin. Es zeigte sich

ein charakteristischer Unterschied gegenüber den Erfahrungen auf

der einige hundert Meter niedrigeren und um einige Grade südlicher

gelegeneren _Mala Rupa_. Vor allem waren hier oben die ausgesprochenen

Hochgebirgsschmetterlinge vertreten, die zum Teil den Formen unserer

Hochalpen nahestanden. Dort waren wir auch einer Gebirgsfauna begegnet,

der aber die ganz typischen Hochgebirgstiere fehlten. So möchte ich als

besonders wichtigen Fund +Erebia tyndarus macedonica+ Buresch erwähnen,

der auf der _Mala Rupa_ durch +E. t. balcanica+ Rbl. vertreten war. Die

hier fliegende Form steht unserer Hochalpenform von +E. tyndarus+ viel

näher.

Von anderen Arten dieser schönen dunkelbraunen oder tiefschwarzen

Falter mit den leuchtend blauen Augenflecken, die reichlich in der

Höhenzone der Kobeliza vertreten waren, seien genannt +Erebia lygaea+

L., +E. epiphron orientalis+ Elw., +E. rhodopensis+ Bur. und +E.

pronoë+ Esp., eine ganz stattliche Zahl von Arten.

Andere interessante Schmetterlinge waren +Epinephele lycaon+ Rott.,

+Coenonympha tiphon forma rhodopensis+ Elw., ein stattlicher _Bläuling_

(+Lycaena corydon+ Poda), der in Mitteleuropa in der Tiefe, hier

als alpiner Schmetterling lebt. Eine Höhenform ist schließlich die

_Hesperide_ +Angiades comma+.

Bemerkenswert für die Höhenregion der Kobeliza ist das Vorkommen

von Hummeln von nordischem bzw. hochalpinem Typus. In der unteren

Grenze dieses Gebiets bei 1400-1600 m flog +Bombus lapponicus+ var.

+pratincola+ Nyl., weiter oben die var. +alpestris+ Friese, var.

+helveticus+ Friese und var. +balcanicus+ Friese, letztere ganz hoch

oben auf den Matten über 2000 m.

Die einzigen Spinnentiere, die ich in dieser Region fand, waren

_Weberknechte_; es fanden sich zwischen 1500 und 2000 m unter Steinen

ziemlich häufig +Phalangium cornutum+ T., seltener +Egaenus convexus+

C. L. Koch, dieser letztere hier das einzige Mal in Mazedonien.

Prof. _Müller_, der, vom nördlichen Abhang kommend, hier zu mir

stieß, gelang in diesem Gras ein interessanter Fang. Er fand hier

eine eigenartige Kreuzotternart, die Großaugenviper (+Vipera macrops+

Méhély), welche bisher nur aus Bosnien und der Herzegowina bekannt

war. Die Art gleicht unserer Kreuzotter in der dunkeln Färbung und dem

Zickzackband des Rückens, frißt aber nicht Mäuse wie diese, sondern

vorwiegend Heuschrecken.

Von hier aus begann der Aufstieg sehr ermüdend zu werden; abwechselnd

ging es über Rasen und Felder von Steintrümmern. Immer wieder täuschte

ein aufragender Buckel uns den Gipfel vor. Endlich verriet uns ein

Steinmanderl, das wer weiß wer hier oben errichtet hatte, den Gipfel.

Hier überraschte mich ein so überwältigend großartiger Rundblick,

daß ich beschloß, lange Zeit auf dem ganz kleinen Raume des Gipfels

zu verweilen, hier oben in der Sonne zu liegen und das umliegende

Gebirge genau zu studieren. Tatsächlich blieb ich mehrere Stunden

lang in dieser wundervollen Höhe, da allmählich von verschiedenen

Seiten ansteigend alle Teilnehmer der Expedition sich auf dem Gipfel

versammelten.

Die Ausbeute war für uns alle hier oben nicht allzu groß. Solche

Grasberge pflegen weder faunistisch noch floristisch große Ausbeute zu

liefern. Zumal war es jetzt Mitte August, somit für den Botaniker etwas

spät im Jahre für diese Höhenzone. Ich bestimmte die Gipfelhöhe auf

etwas über 2500 m. Offenbar war es der höchste Gipfel des Gebirgsstocks.

Die meisten Alpenplanzen waren schon verblüht. Immerhin machten

unsere Botaniker auch hier einige interessante Funde, meist an schon

samentragenden Pflanzen. Jetzt blühten noch einige Steinbrecharten,

Nelken, Silenen und überall lugten zwischen Moos und niederem Gras die

blauen Sternchen der _Alpenaster_ (+Aster alpinus+ L.) hervor. Etwas

weiter unten blühte eine _Glockenblume_ (+Hedraeanthus kitaibelii+

DC.), hier oben stand das zierliche _Sandglöckchen_ (+Jasione supina+

Sieper.) und mit Freuden entdeckte unser Botaniker _Bornmüller_ die

ersehnte _Balkandrottel_blume (+Soldanella pindicola+ Hauska.).

Wie immer versammelten sich hier in der Gipfelregion allerlei fliegende

Insekten, vor allem Fliegen aus der Familie der +Oestriden+, von

Schmetterlingen einige dunkle Erebien. Herr _Müller_ erbeutete hier die

auch bei uns vorkommende Gebirgseidechse (+Lacerta vivipara+ Jaen.),

auch ein wissenschaftlich bedeutungsvoller Fund.

Mazedonien · 第 17 / 45 段