charakteristische Erosionsbilder. Das geschichtete Gestein war durch
eine Menge von Miniaturschluchten gleichmäßig durchfurcht. Man konnte
die Arbeit der atmosphärischen Kräfte in allen ihren Phasen verfolgen.
Und dabei waren Gebilde entstanden, welche auffallend den berühmten
Erdpyramiden bei Bozen glichen und ähnlichen Vorgängen wie dort
ihre Entstehung verdanken. Die hier eingefügte Abbildung zeigt das
eigenartige Bild, das diese Formation darbot (Abb. 109).
[Illustration: Abb. 109. Erosion mit Pyramidenbildung am Furkapaß.
Doiranfront.]
Es ist geeignet, die Gesetzmäßigkeiten zu erläutern, welche im vorigen
Kapitel dargestellt wurden. In besonders eindringlicher Weise macht es
ein für Mazedonien typisches Landschaftsbild verständlich.
Die Schlucht, an der das Quartier des Leutnants _Förster_ lag, war
tief und eng. Einige Bäume standen an ihren Hängen, reichliches
Buschwerk wuchs dazwischen. An den Wurzeln einer Esche fanden wir nach
langem, vergeblichen Graben endlich das erwartete _Termitennest_. Es
war die eine der südeuropäischen Termitenarten, welche hier wohnte
(+Calotermes flavicollis+ Fabr.). Wir gruben lang und tief, ohne
Geschlechtstiere zu finden. Es war eine relativ große Kolonie und sie
mußte Geschlechtstiere enthalten. Sie lebte in den morschen Wurzeln
des Baumes, in diesen ihre Gänge bauend. Die Wurzeln erstreckten sich
tief in die Wand der Schlucht und wir mußten schließlich das Graben
aufgeben, als die ganze Wand der Schlucht nachzustürzen drohte.
Immerhin hatte ich eine größere Anzahl Tiere in meinen Fanggläsern;
es waren darunter auch junge Larven, und so konnte ich hoffen, alle
Stadien zu züchten. Zur Zeit, da ich dies niederschreibe, im März 1920,
also fast 2 Jahre, nachdem ich die Tiere am Furkapaß mitnahm, ist dies
gelungen. Die Kolonie lebt noch in meinem Institut in Breslau fern
ihrer Heimat, und ich hoffe manches interessante Resultat durch ihre
Beobachtung zu erzielen. Hier ist nicht der Ort, davon eingehender zu
berichten.
[Illustration: Abb. 110. Soldat und Arbeiterstadien von +Calotermes
flavicornis+ Fabr.]
Auch von den _Spinnen_ gilt das, was ich für andere Tiergruppen
über das Vorkommen besonderer Arten schrieb. Eine ganze Anzahl der
Spinnenformen, welche im 19. Kapitel beschrieben sind, fand ich in der
Gegend des Hains Mamre. So vor allem die abenteuerliche Walzenspinne
+Galeodes graecus+ C. L. Koch.
In die Zeit meines Aufenthalts im Hain Mamre fielen auch eine Fahrt
nach _Strumiza_ und zwei Ausflüge in das Gebirge nördlich des
Doiransees, die _Belasiza Planina_. Strumiza liegt jenseits der Plaguša
Planina im Tal des Flüßchens Strumiza, welches der _Struma_ zufließt.
Die Fahrt führt über mehrere Pässe und bot mir Gelegenheit, nicht fern
von der Stadt Strumiza einen _Kiefernwald_ kennen zu lernen. Einige
Hügel und ein tief eingeschnittenes, Mitte Mai trocken liegendes
Tal waren der Standort dieses lichten Walds. Die Kiefern (+Pinus
nigra+ Arn.) waren nur 10-15 m hoch, knorrige, dunkle Stämme mit sehr
dunkelgrünen Nadeln (Abb. 111). In diesem Wald fand ich eine ganze
Anzahl Ameisenarten, vor allen der Gattung +Camponotus+ und allerhand
interessante Spinnen. Es war ein trüber Tag, so daß sonst wenig
Insekten unterwegs waren.
Die Stadt _Strumiza_ liegt eigenartig in einem felsigen Gelände; sie
ist von den Ruinen einer Feste überragt. Auch im Stadtgebiet gibt es
viele zerstörte Häuser. Steil und kahl steigt der Berg hinter der
Stadt auf; geringes Buschwerk steht zerstreut an seinem steinigen
Hang. Nur in der Schlucht ist etwas mehr Grün zu entdecken. Von diesem
fahlen Hintergrund heben sich die leuchtende Kuppel einer Moschee
und zwei grell weiße christliche Kirchen seltsam ab. Sehr eigenartig
wirkt der blaue, rote und gelbe Anstrich mancher Häuser. Die Straßen
der Stadt sind nicht reizlos mit der großen Mannigfaltigkeit der
Bauart der Häuser, deren vorgebaute obere Stockwerke schöne Veranden,
säulengetragene Loggien enthalten und oft durch große Bogenfenster
fein gegliedert sind. In der Stadt selbst sind Bäume und Büsche nicht
selten und über die Hauptgeschäftsstraße wölbt sich ein mächtiger alter
Weinstock wie ein Torbogen.
[Illustration: Abb. 111. Blick aus dem Kiefernwald auf die Burg von
Strumiza (+Pinus nigra+ Arn.).]
Vor Strumiza war ich über die Grenze zwischen Bulgarien und Serbien
gekommen, wie sie vor dem Krieg bestand, und damit in einen Teil
Altbulgariens gelangt. Die Bevölkerung von Strumiza ist hauptsächlich
bulgarisch, wenn auch nicht wenig Türken und bulgarische Muhamedaner,
Pomaken, dort wohnen.
Es war mir interessant, noch ein Stück in das Strumizatal
hineinzufahren. Wie die Plaguša Planina von Osten einen weniger
stattlichen Eindruck als von Westen macht, so macht auch das
Belasizagebirge von dem Strumizatal aus einen bescheideneren Eindruck.
Das gut bewässerte Tal ist reich bebaut. Getreidefelder breiteten
sich rings um uns aus, als wir in flotter Fahrt das Tal ein gut Stück
südostwärts verfolgten. Alle Dörfer waren von einem Wald von Obstbäumen
umgeben. Die Üppigkeit des Grüns ließ einen fast vergessen, daß man
im Flachland Mazedoniens sich befand. Ich streifte durch die Felder,
zwischen denen wasserreiche Gräben verliefen, die von Weiden umgeben
und von Kolbenschilf bewachsen waren. Von einem solchen Gewässer flog
vor mir eine prachtvolle Stockente, eine +Anas platyrhynchos+ L., ein
alter Erpel, auf und es gelang, mir das Exemplar herunterzuholen.
[Illustration: Abb. 112. Strumiza.]
Als wir in das Dörfchen kamen, in welchem mein Begleiter dienstlich
zu tun hatte, erlebte ich eine merkwürdige Überraschung. Der kleine
Ort Martino war fast ganz von _protestantischen_ Bulgaren bewohnt,
welche vor vielen Jahren von einem amerikanischen Missionar bekehrt
worden waren und treu seither an ihrer neuen Religion hielten. Ihr
Priester sprach noch etwas englisch und hatte seine Holy Bible und
methodistische Gebetbücher. Trotz ihrer halbtürkischen Tracht machten
die Bewohner einen anderen Eindruck als die Bewohner der Nachbardörfer.
Es war ein eigenartiges Schauspiel, als die sauberen, wohlgepflegten
Kinder der Gemeinde uns evangelische Kirchenlieder vorsangen.
Sie hatten gute Stimmen und waren gut eingeübt. Ich wohnte einer
Schulstunde in dem kleinen niedrigen Schulzimmer bei und schied als
guter Freund von der netten Gesellschaft.
[Illustration: Abb. 113. Die christlichen Schulkinder in dem Dorf
Martino.]
Die beiden Ausflüge in die _Belasiza Planina_ erfolgten bei
Dienstreisen von Offizieren. So waren es flüchtige Besuche dieses
Gebirges; sie gaben mir immerhin eine Vorstellung von dem Gebiet.
Auch die Belasiza steigt steil nördlich des Doiransees auf. Ihre von
der Erosion stark verarbeiteten schluchtenreichen Hänge sind in den
unteren Regionen nur von Buschvegetation bedeckt, diese geht etwa
bei 600-700 m Höhe in lichtes Buchengebüsch über, das hier und da zu
Waldungen wird, die in 900-1000 m Höhe zu überwiegen pflegen. Das war
etwa die Höhe des _Bejlik_, des ersten Berges, den ich erstieg. Aber
schon dieser Gipfel mit 1063 m trug über dem Wald eine Mattenregion,
aus der vereinzelte Felsen herausragten. In dem lichten Wald fand
sich typische Gebirgsfauna. Von Schmetterlingen flogen +Mnemosyne+
und +Erebia+-Arten. Auch die Ameisen waren Gebirgsformen der Gattung
+Formica+. Sie bauten Haufen, welche allerdings ziemlich klein waren.
Die Art war +Formica rufa+ L., die auch bei uns oft keine Hügel baut.
In einem Teich fanden sich in etwa 700 m Höhe Molche, welche jetzt noch
im Wasser saßen und scheinbar noch nicht abgelaicht hatten (+Molge
vulgaris graeca+ Wolt.).
Ähnlich stellte sich der etwa 1500 m hohe Gipfel der _Visoka Čuka_ dar;
dieser Berg trug eine Beobachtungsstation unserer Marine, von der aus
vor allem der Doiransee und ein großer Teil der Doiranfront überblickt
werden konnte. Die Besteigung dieses Berges bot landschaftlich viel
größere Reize, als diejenige des _Bejlik_. An vielen Stellen eröffneten
sich Blicke auf den blauen Doiransee, welche sehr eigenartig waren.
Hier stiegen die Buchenbäume bis fast 1200 m hoch am Berg hinauf; auch
hier schloß sich an sie eine Mattenregion, welche in der Umgebung der
Beobachtungsstation von mächtigen Felsblöcken mit zum Teil bizarren
Formen übersät war. Leider konnten wir nicht bis zum höchsten Gipfel
vordringen, der nach Mitteilungen von Offizieren eine formenreiche
alpine Flora beherbergt.
Von der Beobachtungsstation aus war noch eine ganze Reihe höherer
Gipfel zu übersehen, auf denen Mitte Mai noch Schnee lag. Eigenartig
zogen sich über die Hänge des Gebirges gegen den Doiransee die
Stellungen unserer und der bulgarischen Truppen; Schützengräben
und Artilleriestellungen bedeckten alle Höhen und wohlgepflegte
Zufahrtsstraßen sicherten den Nachschub. Sehr malerisch war der Blick
von dem erreichten Vorgipfel der _Visoka Čuka_ nach dem Doiransee
hinunter. An dem dunstigen Tag lag der See lichtblau in der Tiefe;
seine Uferberge umgaben ihn mit einem hellvioletten Rahmen, einzelne
Bergflanken leuchteten rötlich auf. Vor uns aber bildeten die Buchen
mit ihrem frischen Frühlingsgrün und den silbergrauen Stämmen einen
eigenartigen Gegensatz. Sie waren nahe Wirklichkeit, während der ferne
See wie eine Vision aus fernen Zonen den Sinnen entrückt schien (Abb.
75, S. 155).
Eigenartige Erinnerungen sind mir von einer Fahrt an die Wardarfront
bei _Gewgeli_ im Gedächtnis geblieben. Über den Furkapaß ging es am
_Dub_ vorbei gegen die Ebene des Wardar. Weit und flach lag diese
vor mir, als ich vom Gebirge herunter in die kampfreiche Gegend von
_Bogdanci_ kam. Südwärts sah man nur mehr niedere Hügel und sonst nur
Ebene, die sich gegen das Meer hin dehnte, und durch welche der Fluß
seinen Weg zur Aegeis suchte.
Im Dorfe _Bogdanci_ hielten wir uns nur kurz auf; wir waren jetzt im
Kampfgebiet und überall verrieten tiefe Trichter, daß wir im Bereich
der feindlichen Geschütze waren. Das Dorf selbst bestand fast nur
aus Ruinen, zwischen denen die Soldaten sich Unterstände eingebaut
hatten. Mit ihnen hausten eine Unmenge von _Falken_ in den Trümmern,
welche durch alles Schießen sich nicht hatten vertreiben lassen und
in Mauerlöchern horsteten. Es waren mehrere verschiedene Arten, die
in vielen Exemplaren schreiend um die Ruinen flogen, immer wieder in
die Ebene hinausflogen, dort auf Beute hinabstießen und mit ihr zum
Nest heimkehrten. Es waren vor allem _Rötelfalken_ (+Falco naumanni
naumanni+ Fleisch.), doch auch _Turmfalken_ darunter (+F. tinunculus
tinunculus+ L.).
Die Fahrt zum Wardar wurde nun genau überlegt, denn hier war die ganze
Ebene weithin vom Feind eingesehen und selbst einzelne Reiter und Wagen
wurden oft mit Granaten beschossen. Der Wagen sauste in gutem Tempo
quer durch die Fläche zu einem eigentümlich geformten Hügel, der noch
diesseits des Wardar, dicht vor dem Fluß aufragte und in der Armee der
_Tafelberg_ hieß. Dicht hinter ihm begannen die feindlichen Stellungen,
die hier von Engländern besetzt waren.
Es wehte eine frische, kühle Luft über die Ebene, wir fuhren meist im
Gras und selten nur wirbelte unser Auto eine Staubwolke auf. _Lerchen,
Haubenlerchen, Ammern_, hier und da ein _Falke_ flogen vor uns auf.
Wundervoll klar war die Fernsicht auf die Bergketten im Osten und vor
allem auf die schöngeformten Gebirge im Westen. In der Ferne erkannte
man Majadak mit den feindlichen Höhenstellungen. Nach ungefährdeter
Fahrt kamen wir in die Deckung des Tafelberges, wo unser Wagen sicher
warten konnte, bis er zu einem verabredeten Treffpunkt an der anderen
Wardarseite sich in Bewegung setzte. Er mußte eine unbeschossene
Wardarbrücke weiter oben am Fluß zur Überfahrt benutzen.
In die Steilwand des Tafelberges waren Unterstände mit Türen und
Fenstern in den Felsen eingebaut. Der mich begleitende Hauptmann hatte
alle Posten des Nachrichtendienstes zu kontrollieren. Während er dies
besorgte, streifte ich in der Umgebung umher. Sie war wasserreich,
ein starker Bach strebte dem nahen Wardar zu. Seine Ufer waren
von Weidenbüschen eingefaßt, und im Wasser stand ein Dickicht von
Schwertlinien (+Iris pseudacorus+ L.) von gelber und blauer Farbe.
Kleine Vögel huschten durch das hohe Gras jenseits des Wassers.
Zahlreiche Libellen sausten über dem Spiegel des Bachs hin und her auf
der Jagd nach Eintagsfliegen und Mücken, die geruhsam in der heißen
Luft schwebten.
Es war Mittag geworden und vom wolkenlosen Himmel strahlte die brave
mazedonische Sonne herab, als wir uns zu einem Fußmarsch auf der
Landstraße in Bewegung setzten. Dicht vor dem Tafelberg ging eine stark
zerschossene eiserne Eisenbahnbrücke über den Wardar. Ihr mittlerer
Teil lag im Flußbett und das Wasser des hier wohl 150 m breiten
Flusses brauste über ihn hin; er war durch einen Holzbau der Pioniere
ersetzt, der oft erneuert werden mußte. Im Abstand von mehreren Minuten
mußten wir einzeln die Brücke überschreiten, da man sonst vom Feind
beschossen wurde und auch drüben auf der nackten Landstraße mußten wir
in gehöriger Entfernung voneinander marschieren, bis wir zwischen die
zerschossenen Häuser der Stadt _Gewgeli_ kamen.
Der Besuch in _Gewgeli_ gehört zu meinen eigenartigsten Erinnerungen
während meiner Kriegs- und Forscherjahre in Mazedonien. So wollte ich
nicht unterlassen, ihn in diesem Buch zu schildern. Die Straßen einer
großen Stadt waren es, in welche wir drei Männer eintraten; stattliche
weiße Häuser faßten sie ein; zierliche Villen standen dazwischen.
Die breiten Straßen waren von Alleen von Platanen und ausländischen
Bäumen, so der japanischen +Pawlownia imperialis+, eingefaßt. Gärten
lagen zwischen den Häusern, Kirchen und Kapellen ragten auf. Aber wir
drei Männer waren die einzigen lebenden Wesen auf den hellen, breiten
Straßen. Kein Wagen, kein Tier, kein Mensch bewegte sich zwischen den
leeren Häusern. Die Fensterhöhlen gähnten ohne Scheiben, Türen hingen
schief in den Angeln, der blaue Himmel lachte fröhlich zwischen die
dachlosen Mauern herein. Granattrichter unterbrachen hier und da die
glatte Straßenfläche. Ein zottiger Hund schlüpfte mit mißtrauischem
Blick in ein Kellerloch.
Tiefe Stille lag über der großen Stadt, in der früher ein starker
Verkehr, Handel und Wandel geherrscht haben müssen. Große Warenlager,
Fabrikgebäude zeugen davon, daß hier früher ein Mittelpunkt des
Seiden-, Opium-, Wein- und Getreidehandels von Südmazedonien war.
Eingeborene Familien waren nicht mehr da, die ganze Bevölkerung
hatte die mitten in der Front liegende Stadt verlassen. Selten
begegnete uns ein scheuer, zerlumpter Zivilist, der vielleicht nach
den Trümmern seines Hauses gesehen hatte und nun fürchten mußte, als
Spion verdächtigt zu werden. Ich konnte keine Erfahrungen über die
griechische Sprache der Gewgelier machen.
Die Schaufenster der Läden waren zertrümmert; war ein Haus noch
erhalten, so waren Fenster und Türen mit Brettern vernagelt. Wir gingen
auf Schleichwegen durch Höfe und gedeckte Gänge, durch deckenlose
Zimmer, deren Böden von Gras bewachsen waren, zu den tief eingegrabenen
Unterständen der Abteilungen, welche im Bereich der Stadt lagen.
Quartiere waren hier zu gefährlich.
Als der Dienst meines Begleiters erledigt war, verließen wir die Ruinen
der Stadt, um die Horchposten an der Front zu besuchen. Ich begleitete
die beiden Offiziere, weil ich damit den südlichsten erreichbaren Ort
von Mazedonien kennen lernen konnte. Gleich beim Heraustreten aus der
Stadt mußte man sich trennen und sorgsam Deckung suchen, um den Weg
durch das Bett der Ljumnitza zu nehmen, welches jetzt fast trocken lag,
so daß man durchwaten konnte. Hier mußte man schon Abstände von 5-10
Minuten voneinander nehmen, um heil durchzukommen.
Nach einigen Kilometern Marsch ging die Ebene in niedrige Hügel
über. Hier kamen wir über die griechische Grenze; jenseits lag in
Maulbeergärten das Dörfchen _Dzeovo_. Vor diesem erhob sich eine Kette
von lehmigen Hügeln, in denen unsere vordersten Gräben eingebaut waren.
Über diese hinaus reichten die Erdbauten mit den Horchposten, welche
mit feinen Apparaten die Telephon- und sonstigen Gespräche der Feinde
abhörten. Während ich mich dort in den Unterkünften der Mannschaften
nach Malaria- und Pappataccimücken umschaute, nahm ich auch einmal ein
Hörrohr in die Hand und hörte fern von mir drüben die Stimme eines
Franzosen sich herzhaft über einen „bon vin rouge‟ äußern.
Nach kurzem Aufenthalt und frugalem Mittagessen wurde der Rückmarsch
angetreten, der wieder über die _Ljumnitza_, aber diesmal über
eine Brücke vor ihrer Mündung in den Wardar führte. Mit der
gleichen Vorsicht wie am Vormittag wurden die gefährlichen Strecken
zurückgelegt, die Stadt _Gewgeli_ durchwandert, und dann begann ein
schlimmer Marsch auf schattenloser, staubiger Landstraße nordwärts. Es
war sehr heiß geworden, der Weg war lang und sehr ermüdend. Welche
schönen Erinnerungen weckte der Übergang über den _Koinskobach_, der,
von der _Mala Rupa_ kommend, hier dem nahen Wardar zufloß. Frische
Gebirgsluft blies über seinem Wasser die Phantasie mir zu.
So marschierten wir mutig einige Stunden lang weiter. Auch hier war es
nicht gefahrlos; viele Trichter verrieten uns, daß vor kurzem reichlich
Granaten eingeschlagen hatten. Wir hatten Glück, denn wir hörten,
daß am Tage vorher 600 Granaten der Feinde hier beim Artillerieberg
eingefallen waren. Man hatte mir schon vorher anvertraut gehabt, mein
Nachrichtenhauptmann habe stets in solchen Dingen besonderen Dusel.
Es wurde schon abendlich, als wir in der Ferne unser Auto auf der
Landstraße stehen sahen, dessen nicht sehr tapferer Fahrer sich
nicht weiter in die gefährliche Zone gewagt hatte. Aber er hatte
keinen schlechten Platz zum Warten gewählt. Neben der Landstraße
stand ein kleines Haus, in welchem ein altes türkisches Bad von der
Heeresverwaltung reinlich ausgebaut war. In einem Bassin sprudelte das
Wasser einer heißen, schwach schwefelhaltigen Mineralquelle.
Das war nach dem anstrengenden Marsch die erwünschteste Erquickung. Das
heiße Wasser frischte uns auf, der kühle Abendwind trocknete uns auf
der Wiese. Als wir wieder angekleidet in unserem Wagen über Negorci,
Predeci, Smokwiza dem Hain _Mamre_ in der Nacht zusausten, fühlten wir
uns vollkommen erholt und genossen in Gedanken die Eindrücke des Tages.
Bald nach diesem Ausflug kehrte ich vom Hain Mamre nach _Üsküb_ zurück,
wo neue Aufgaben meiner warteten. Ich schied mit dankbarer Gesinnung
von dem trefflichen Kreis, mit dem festen Vorsatz, im Hochsommer
zurückzukehren und noch eine Expedition ins Gebiet der _Mala Rupa_ von
dort aus zu unternehmen. Persönliche Erlebnisse und die Vorgänge auf
den Kriegsschauplätzen, speziell gerade an dieser Front, verhinderten
die Erfüllung dieses meines Wunsches.
VIERZEHNTES KAPITEL
DIE EXPEDITION IN DEN SCHARDAKH
Eine brütende Hitze lag Anfang August 1917 über der Stadt _Üsküb_, als
ich dort verweilte, um von da aus eine Forscherfahrt in die albanischen
Randgebirge ins Werk zu setzen. Im Frühling sieht man aus der Gegend
von Üsküb, wenn der Schnee von den umgebenden Bergen weggetaut ist,
zwei Bergketten, die noch tief in den Sommer hinein schneebedeckt sind.
Die eine liegt südlich der Stadt, man kann sie nur von den Höhen aus
erkennen. Bei jedem Spaziergang außerhalb der Stadt eröffnen sich aber
Blicke gegen die _westliche_ Bergkette, die oft im Abendschein violett
aufglüht und mit ihren schönen Bergformen jedem Landschaftsbild einen
schönen Hintergrund gibt.
Das ist das albanische Randgebirge des _Schardakh_, welches man
von Üsküb stets in zwei Hälften geteilt sieht. Im Nordwesten zieht
sich eine lange Kette bis zu den Vordergrundsbergen, in denen das
Chrombergwerk von Radusche liegt. Diese Nordwestkette hat ihre höchste
Erhebung im _Ljubotren_, dem Liebesdorn der Bulgaren. Er erscheint
vom Wardartal aus als stattliche Pyramide mit schönen Umrissen. Um
ihn herum gliedern sich erheblich niedrigere Berge, so daß er einen
sehr stattlichen Eindruck macht mit seinen etwa 2400 m Höhe. Er ist
oft bestiegen worden, auch von Naturforschern, und auch die Offiziere
und Ärzte Üskübs hatten ihn öfter besucht. So erschien er mir für eine
Forschungsfahrt weniger verlockend, als die südwestliche Gruppe des
Gebirges, die nicht so ausgesprochen kettenförmig zu sein schien. Dort
sah man im Glanz des Abends oft eine Gruppe von mehreren hohen Gipfeln
herüberschimmern, die vor allem im frühen Frühjahr ein prachtvolles
Bild darboten. Unter ihnen wurde uns der höchste als _Kobeliza_, der
Kürbis, bezeichnet. Wenn das auch nicht eine wilde Romantik verhieß, so
erschien uns doch diese Südgruppe des Schardakh manches zu versprechen.
Sie war auch bisher selten von Nordeuropäern besucht worden. So
entschied ich mich bald für diese südliche Gipfelgruppe, die mir höher
aufzuragen schien als der _Ljubotren_, als Ziel unserer ersten größeren
Expedition in Mazedonien.
In jener Zeit bestand das beste Einverständnis mit der
bulgarischen Regierung und Heeresleitung. So konnte ich denn
auf eine verständnisvolle Unterstützung meines Planes rechnen.
Unser Verbindungsoffizier Hauptmann _Lessing_ brachte mich zu
dem Oberstleutnant _Jostoff_, einem Namensvetter des bekannten
Generals, der bei den Bulgaren dieselbe Funktion vertrat. Dieser
liebenswürdige Offizier vermittelte die Beziehungen zu den bulgarischen
Zivilbehörden und vor allem zum Stab der neubegründeten bulgarischen
_Gebirgsdivision_, von der wir mit Reit- und Tragpferden und
Bedeckungsmannschaften versorgt werden sollten.
[Illustration: Abb. 114. Westliche Schneeberge über dem oberen
Wardartal im Frühling. Links Kobelizagruppe, rechts Ljubotren.]
So konnten wir denn am Freitag, den 10. August nachmittags, uns mit
der Kleinbahn vom Bahnhof _Jostoff_ in Bewegung setzen. Unser Ziel
war die Grenzstadt _Kalkandelen_. So hieß sie in türkischer Zeit.
Ihr bulgarischer Namen war _Tetowo_. Es war eine der richtigen
Durchgangsstädte gegen Albanien. Von Kalkandelen aus führt ein Paß nach
_Prizren_.
Auf dieser Reise begleiteten mich zum erstenmal Botaniker. Prof.
_Bornmüller_ und Prof. _Fleischer_ schlossen sich mir an. Meine anderen
Begleiter waren Prof. _Müller_, Dr. _Wülker_, der Insektensammler
_Rangnow_ und unser gemeinsamer Bursche, ein ungarischer Schwabe namens
Michael _Schucha_.
[Illustration: Abb. 115. Kartenskizze der Umgebung von Üsküb mit
Einschluß des Schardakh und der Golesniza Planina.]
Die Bahn führte wardaraufwärts, und zwar lernten wir bei der Fahrt die
ganze Strecke kennen, welche der Fluß von West nach Osten fließt. Der
_Wardar_ hat ja einen eigenartigen Lauf. Er entspringt südlich von
_Kalkandelen_, fließt etwa nordöstlich bis zu dieser Stadt, um dann in
großem Bogen bis Üsküb sich nach Osten zu wenden. Von dieser Stadt aus
strömt er mit der Hauptrichtung nach Südosten dem Meere zu, um westlich
von _Saloniki_ zwischen der Chalkidike und Thessalien in eine große
Bucht des Ägäischen Meeres zu münden.
Bei _Kalkandelen_ durchfließt er ein weites Tal, das südlich von der
_Karaschiza_, nördlich von der Südgruppe des _Schardakh_ begrenzt wird.
An letzterem angelehnt liegt malerisch die Stadt _Kalkandelen_.
Im letzten Teil der Bahnfahrt zeigte sich zur Rechten eine hohe
Bergkette, deren Abschluß, die _Kobeliza_, das Ziel unserer Expedition,
mächtig vor uns aufragte. Das Tal ringsum war gut angebaut und
bewässert. Die Stadt lag, weitläufig angelegt, in Pflanzungen
eingebettet. An die Berge geschmiegt, machte sie einen sehr einladenden
Eindruck. Das Gebirge selbst bot uns seine waldlose Seite dar, kahle
schroffe Felsen schienen vorzuherrschen.