Auf den stillen Tümpeln blinkten die Taumelkäfer, ihre raschen Kreise
ziehend. Zwischen ihnen bewegten sich langbeinige Wasserläufer und
flinke Rückenschwimmer. Unter dem Wasser war das Leben nicht weniger
reich. Da schwammen allerhand Wasserkäfer, große und kleine, Verwandte
unseres Gelbrands, auch Kolbenwasserkäfer, und jagten auf allerhand
Beute. Auch die war reichlich vorhanden, nicht nur in Kaulquappen,
sondern auch in den Larven von Insekten, deren fertige Zustände über
dem Bach in der Luft flogen. Larven von Libellen und Eintagsfliegen,
solche der Köcherfliegen gab es in Menge. Von letzteren hatte eine Form
Gehäuse aus kleinen Steinen gebaut, welche am Grund mit der Öffnung
bachaufwärts angeklebt waren. An den Steinen festgewachsen oder in
großen grünen Algenpolstern fanden sich die eigentümlichen Larven der
_Kriebelmücken_ (+Simuliiden+) und solche von +Chironomiden+.
Für mich erwies sich als besonders interessant, daß in dem fließenden
Wasser der Schluchtbäche sich Larven einer der _Malariamücken_ fanden;
bisher hatte man angenommen, daß diese niemals in fließendem Wasser
vorkommen. Ich fand aber hier in Mengen die Larven von +Anopheles
superpictus+ Gr.; auch sonst gab es in den Schluchtbächen reichlich
Stechmückenlarven von +Culex+ und +Anopheles+-Arten, diese allerdings
nur in den Tümpeln mit stehendem Wasser. Über diese und ihre Bedeutung
für den Menschen ist näheres in einem späteren Kapitel über Klima und
Seuchen zu finden (Kap. 28).
Ein Bewohner der Schluchten im südlichen Mazedonien erregte mein
besonderes Interesse, und so will ich über dies Tier einiges
berichten. Es war eine _Süßwasserkrabbe_, die den Namen +Potamon
fluviatilis+ var. +edule+ Latr. führt; in der älteren Literatur war
sie +Telphusa fluviatilis+ benannt. Dieser Taschenkrebs kam in vielen
Exemplaren von sehr verschiedener Größe, vor allem in den tieferen
Tümpeln der Schluchtbäche vor. Selten fand ich ihn im selben Bach mit
_Flußkrebsen_; doch kommt so etwas gelegentlich vor.
Im Anfang des Jahres traf ich nur große und mittelgroße Individuen an;
diese mußten 2-4 Jahre alt sein. Ihr schildförmiger Rücken maß an der
breitesten Stelle 5 cm. Die Grundfarbe des Körpers war ein fahles Gelb,
welches durch rotbraune Flecken in den meisten Regionen des Körpers
überdeckt war.
Auffallend war das Überwiegen der Männchen; auf ein Weibchen mit
breitem Hinterleib kamen jedesmal mehrere Männchen, die leicht an ihrem
schmalen, dreieckigen Hinterleib zu erkennen waren. Ende Mai waren
bei den Weibchen die Eier in den Eierstöcken noch nicht zur vollen
Größe herangewachsen. Anfang Juni sah man Männchen und Weibchen sich
aneinander klammern. Da fand offenbar die Begattung statt. Am 20. Juli
fand ich ein Weibchen mit einigen Eiern am Hinterleib, andere mit etwa
100 Eiern. In diesen Tagen waren auch solche mit den verschiedensten
Entwicklungsstadien der Jungen zu finden.
[Illustration: Abb. 102. Süßwasserkrabbe (+Potamon fluriatilis+ var.
+edule+ Latr.) von oben gesehen. Nat. Gr.]
Bei den Weibchen mit reichlich Eiern steht der breite Hinterleib
vom Körper ab und der Zwischenraum ist durch stark verbreiterte
Hinterleibsfüße ausgefüllt. So ist eine umfangreiche Bruthöhle
gebildet. Die etwa 2 mm im Durchmesser erreichenden Eier hängen in ihr
an Haaren der Abdominalfüße. In der Bruthöhle unter dem Körper machen
die jungen Süßwasserkrabben ihre ganze Entwicklung bis zum fertigen
kleinen Tier durch.
Ich hielt eine ganze Anzahl der Krabben in Eimern im Laboratorium, um
sie zu beobachten. Wie im Freien saßen sie auch hier gern im dunkelsten
Winkel ihres Behälters. In den Tümpeln hielten sie sich besonders unter
überhängenden Steinen auf, wobei sie stets sich mit dem Hinterrand
ihres Panzers anlehnten. Es scheint dies auf einer thigmotaktischen
Reizbarkeit zu beruhen; in den Gefäßen, in denen ich sie hielt, saßen
sie immer am Boden und drückten sich an die Wand; waren viele in einem
Eimer, so saßen sie im Kreis herum, mit dem Vorderrande und den Scheren
nach innen gerichtet, was ein sehr possierlicher Anblick war.
Eigenartig sehen diese Tiere aus, wenn sie mit ihren 10 Beinen sich
bewegen. Das vorderste Beinpaar trägt die Scheren, welche breit
und kräftig sind und sehr schmerzhaft kneifen können. Sie sind die
Verteidigungswaffen der Taschenkrebse. Sie stützen sich nur selten bei
Bewegungen auf sie. Meist strecken sie sie vor sich. Naht irgendwie
eine Gefahr, so nehmen die Tiere eine Bereitschaftsstellung ein, bei
der sie die vier hinteren Beinpaare spreizen, den Körper nach vorn
aufrichten und die Scheren nach vorn und in die Höhe recken und öffnen.
Kommt man ihnen näher, so kneifen sie heftig zu. Mit den Scheren fassen
sie auch ihre Nahrung und führen sie zum Munde. Allen möglichen Tieren
in ihrem Wohngebiet sind sie gefährlich. Oft sah ich sie Insektenlarven
fressen. Auch tote Tiere nehmen sie gern an und an die Leichen ihrer
Kameraden machten sie sich ohne weiteres. In der Freiheit sah man sie
blitzschnell im Seitwärtsgang auf dem Boden des Wassers herumhuschen.
Gelegentlich liefen sie auch auf den Felsen auf dem Trocknen.
Beim Seitwärtslaufen heben sie die vorausgehende Schere hoch und setzen
die Beine der beiden Seiten gleichzeitig vor, wobei ganz regelmäßig
das zweite Bein mit der Bewegung anfängt, dann das dritte, vierte und
fünfte in der Reihenfolge sich anschließen. Im Wasser sind sie bei
ihrer Flinkheit gar nicht leicht zu fangen, gern schlüpfen sie in
Spalten und Löcher, in denen sie sich fest an die Wände anschmiegen.
Wenn die Jungen aus den Eihüllen ausgekrochen sind, hängen sie noch
lange am Hinterleib der Mutter. Sie wachsen zu Ebenbildern ihrer Eltern
heran, sind aber zunächst noch wenig pigmentiert und sehen dann ganz
hell, blaßgelb aus. Allmählich werden sie dunkler und lösen sich dann
von den Hinterleibsfüßen der Mutter los und laufen auf deren ganzen
Körper umher. Anfangs haben sie aber die Neigung, immer wieder in den
Schutz der Bruthöhle zurückzukehren. Da klammern sie sich mit den
Hinterbeinen am Körper der Mutter und aneinander fest.
Nimmt man sie im hellgelben Zustand aus der Bruthöhle heraus und setzt
sie zur Beobachtung in eine Glasschale, so nehmen sie gleich schon
Nahrung an; auch gehen sie prompt zur Bereitschaftsstellung über,
kneifen mit den Scheren und benehmen sich wie Erwachsene.
Diese kleinen Tiere wurden allmählich dunkler, die Pigmentierung fand
also auch im Versuchsgefäß statt. Fressen tun sie, was von Tierkörpern
man ihnen anbietet; auch ihre eigenen toten Brüder.
Draußen in den Schluchten wimmelte es zu dieser Zeit von der kleinen
Krabbenbrut. Im Hochsommer verschwanden Alte und Junge, auch im Winter
konnte ich sie nicht auffinden. In diesen ungüstigen Zeiten sind sie
wohl in einem Ruhezustand in Spalten der Felsen oder unter Steinen.
Von niederen Tieren fand ich in den Schluchttümpeln Strudelwürmer
(+Planarien+) von interessantem Bau und Blutegel. Im Boden der kleinen
Wiesen und Rasen die seltenen Regenwürmer. Über die _Planarien_
berichtet mir Dr. _Steinmann_, der ihre Bearbeitung übernommen
hat, daß bei der Ausbeute sich eine ganze Anzahl der merkwürdigen
_polypharyngealen_ Strudelwürmer befindet, der Formen mit mehreren
Mundöffnungen und Schlünden. Man rechnet sie meist zu der Art +Planaria
montenegrina+ Mrazek. Deren Vorkommen in Mazedonien wäre damit
festgestellt. Doch glaubt Dr. _Steinmann_, daß es sich bei diesen
südlichen Formen um Varitäten der +Planaria alpina+ handelt. Diese und
wahrscheinlich neue Arten aus meiner Ausbeute sollen in der definitiven
Bearbeitung zur Darstellung kommen.
Bemerkenswert ist die Beobachtung, daß ich diese polypharyngealen
Planarien in Mineralquellen fand, so in dem Bach, welcher im Bereich
des Lazaretts Rabrovo entsprang, dicht hinter der Quelle. Das Wasser
dieses Baches enthielt Kohlensäure, Eisen und wohl etwas Schwefel und
zeigte während des ganzen Jahres eine konstante Temperatur von 20° C.
So stellen die Balkanschluchten biologisch eine eigenartige
Lebensgemeinschaft von Pflanzen- und Tierarten dar, deren Verkettung
miteinander und Abhängigkeit voneinander eine eingehendere Untersuchung
verdiente.
Steigt man aus dem Schatten der Schlucht an den Abhang des Berges
hinauf, in dessen Flanke sie sich eingewühlt hat, so überblickt man
rings in der Landschaft die Wirkungen der Kräfte, welche die Entstehung
der Schluchten bedingten. Überall kahle, zerrissene Hügel und Berge,
waldlos und steinig. Typisch und charakteristisch sind die welligen
Hänge von fast einander parallel verlaufenden Schluchten modelliert,
Lehrbuchbilder der Erosionswirkung. Unwillkürlich steigt einem der
Gedanke auf: Wie ganz anders würde der Balkan aussehen, existierten
die Schluchten nicht und mit ihnen die Bedingungen, welche ihr Werden
verschuldeten.
[Illustration: Abb. 103. Süßwasserkrabbe (+Potamon fluviatilis+ var.
+edule+ Latr.). Weibchen mit Jungen unter dem Hinterleib und auf dem
Rücken.]
DREIZEHNTES KAPITEL
IM HAIN MAMRE
STRUMIZA. BELASIZA PLANINA. GEWGELI.
Nicht weit von Dedeli, dem Endpunkt der von unseren Truppen gebauten
Seitenstrecke der Wardarbahn, lag in einem schönen Hain aus Ulmen und
Eichen das Oberkommando der I. Bulgarischen Armee. Im Heere nannte man
dies Wäldchen den _Hain Mamre_; wie dieser Name entstanden ist, war
nicht herauszubringen. Zum Oberkommando gehörte der deutsche Führer
der Spezialwaffen, Generalleutnant _Posseldt_. Dieser hatte mich bei
Gelegenheit eines Ausflugs, den ich mit den Kollegen beim Hochschulkurs
in Üsküb zu ihm gemacht hatte, eingeladen, meine Arbeitsstätte für
einige Zeit bei ihm aufzuschlagen.
So war ich Ende April 1918 im Hain Mamre eingezogen, wo ein reizendes
Quartier für mich bereit stand; meine Hilfskräfte waren bei einer
benachbarten Abteilung untergebracht. Es war eine ergebnisreiche,
schöne Zeit, die ich in den nächsten 5 Wochen dort verbrachte.
Der Hain Mamre stellte im baumarmen Südmazedonien eine richtige Oase
dar. In dem kühlen Schatten der uralten Bäume war auch im Sommer gut
arbeiten. Auch die Umgebung hatte ihre Reize; wenige Kilometer vom
Hain talaufwärts entsprang der Kosludere als kräftiger Bach einer
Felsenwand. Sein Wasser verhalf dem ganzen Tal zu einer reichen
Vegetation und ermöglichte einen gute Ernten bringenden Anbau. Ein Bild
von diesem reichen schönen Tal gab ich schon im fünften Kapitel.
Was den Aufenthalt im Hain Mamre für mich so erfolgreich und genußreich
machte, war vor allem die Persönlichkeit des Generals _Posseldt_.
Unter den ehrwürdigen Bäumen des Hains dehnte sich ein Dorf von
Baracken aus; nein, eher einer Villenvorstadt könnte man das Bild
vergleichen, das die kleinen, in geschmackvollen Verhältnissen gebauten
Häuschen darboten, welche die Wohnungen und Kasinos für Offiziere,
Schreibstuben, Zeichensäle, Kartenräume, photographische Abteilungen,
Werkstätten, Küchen usw. des Armeeoberkommandos beherbergten. Alles
stand im gehörigen Abstand voneinander, so daß dazwischen Raum blieb
für allmählich im Laufe der Zeit entstandene wohlgepflegte Rasenflächen
und Blumenbeete. Manche der Häuser glichen kleinen Villen in einer
Sommerfrische.
[Illustration: Vermessung 7 phot. Abb. 104. Hain Mamre im Sommer.]
Im Hain sah es zu allen Zeiten nett und behaglich aus; im Sommer war
der Aufenthalt in ihm direkt eine Erholung. Aber auch im Winter, wenn
die Bäume im Schneegewand oder von Rauhreif bedeckt prangten, waren
die gut geheizten Baracken ein angenehmer Aufenthalt. Es gereicht
dem Armeeoberkommando zur Ehre, daß die schönen alten Bäume in
unbeschädigtem Zustand beim Rückzug zurückgelassen wurden und so auch
in Zukunft eine einzigartige Erscheinung in Südmazedonien bleiben
können.
Im Schatten der Bäume lagen die Häuschen zerstreut; im allgemeinen
hausten die Deutschen in der nördlichen, die Bulgaren in der südlichen
Hälfte. Die Wirtschaftsräume lagen am Rande. Zwischen den Offizieren
und Mannschaften beider Völker herrschte meist ein gutes Verhältnis.
Die I. Bulgarische Armee wurde stets wegen ihrer guten Haltung und
Tapferkeit besonders gerühmt und hatte manche Erfolge zu verzeichnen.
An der Doiran- und Wardarfront, welche diesem Oberkommando
unterstanden, war ja oft etwas los.
General _Posseldt_ war eine energische, frische Persönlichkeit,
typischer preußischer Offizier mit vielen der guten Eigenschaften eines
solchen. Die Frische und geistige Lebhaftigkeit seines Wesens wünschte
er bei seinen Offizieren und suchte sie bei ihnen zu erhalten oder
hervorzulocken. Es war ein Kreis von jungen Leuten um ihn gesammelt,
die offenbar nach Charakter, geistigen Qualitäten und Bildung
ausgesucht waren. Jeder war in irgend einem militärischen Sonderdienst
Spezialist.
[Illustration: Vermessung 7 phot. Abb. 105. Hain Mamre im Winter.]
Unter den jungen Männern herrschte ein flotter, kameradschaftlicher
Ton; sie vertrugen sich meist gut miteinander. Die natürliche
Eifersucht zwischen Gleichstrebenden nahm während meines Aufenthaltes
nie unsympathische Formen an. Der General suchte den Ton der
Tischgespräche stets auf einem hohen Niveau zu erhalten und veranlaßte
jeden des Kreises, abends den anderen zu erzählen oder vorzulesen, was
ihm bei seiner Privatlektüre Allgemeininteressierendes aufgefallen
war. Auch ich war gebeten, die Beobachtungen des Tages, interessante
Entdeckungen dem Kreis zugänglich zu machen. Da zudem ein tüchtiger
Arbeitsgeist in dem Stabe herrschte, so wird man verstehen, daß ich
eine sehr freundliche Erinnerung an die Wochen in dieser Gesellschaft
und an manche Abendgespräche mitnahm.
Zur I. Armee gehörte die Front von der _Belasiza Planina_ und dem
_Doiransee_ bis in die hohen Gebirge westlich des Wardar. So war der
Hain Mamre ein geeigneter Ausgangspunkt für meine Forschungen in
diesen Gebieten. Mehrere der jungen Offiziere hatten starkes Interesse
für meine Arbeiten, sammelten Tiere für mich, begleiteten mich auf
Exkursionen oder forderten mich auf, ihre Fahrzeuge oder Pferde bei
Dienstreisen an die Front mit zu benützen. Und so habe ich mit ihnen
manchen Ritt und manche Fahrt gemacht, die mich in Gebiete brachten,
welche mir sonst unzugänglich gewesen wären.
Zunächst bot der Hain selbst und seine nähere Umgebung Gelegenheit zu
vielen Beobachtungen. Mit der reicheren Pflanzenwelt war hier auch eine
große Mannigfaltigkeit in der Tierwelt entwickelt. Wieder bestätigte
sich die Erfahrung des vorigen Jahres, daß hier im Süd-Wardargebiet die
nördlichen Elemente der Fauna zurücktraten und dafür die südöstlichen
Formen mehr und mehr überwogen. Das machte sich in allen Gruppen
bemerkbar, bei _Reptilien_ und _Vögeln_ wie bei Insekten besonders
auffällig. Ich will einige Beispiele davon geben, indem ich meine
Erfahrungen in dem ganzen Gebiet zwischen _Doiransee_ und _Wardar_
südlich bis _Gewgeli_ zusammenfasse; dabei zeigt sich eine nördliche
Grenze etwa zwischen Mravinca und Valandova, über welche hinaus
merkwürdigerweise manche Formen nicht beobachtet wurden.
Sehr reich war die _Vogelwelt_ an auffallenden und interessanten
Formen; nachdem einmal die Offiziere darauf aufmerksam gemacht waren,
bemühten sie sich, unsere ornithologischen Sammlungen zu bereichern.
Wie im vorigen Jahre waren die _Blauraken_ (+Coracias garrulus
garrulus+ L.) häufig und wetteiferten mit ihrem blauen Glanz mit
den _Bienenfressern_ (+Merops apiaster+ L.), welche erst Ende Mai
vom Zug heimkehrten, sofort aber durch ihre Prachtfärbung und ihren
eigenartigen Flug auffielen. Ein großer Schwarm hatte sich nahe dem
Hain niedergelassen und erfreute uns täglich beim Morgenritt mit seinem
raschen Flug, der ihn in wenig Minuten über das ganze Tal hinwegtrug.
Wie überall in Mazedonien war auch hier der bunte _Wiedehopf_
(+Upupa epops epops+ L.) ein häufiger Vogel. Bei seiner geringen
Scheu war er nicht zu übersehen. Ein später Ankömmling war auch die
_Kappenammer_ (+Emberiza melanocephala+ Scop.), die plötzlich in großer
Zahl auftrat und bald am Nestbauen war. Es war ein reizendes Bild,
wenn die leuchtend gefärbten Männchen mit ihren schwarzen Mützchen
hoch auf den Gipfeln von Büschen und Obstbäumen saßen (Abb. 106).
_Girlitz_ (+Serinus canaria serinus+ L.), _Grünling_ (+Chloris chloris
mühlei+ Parrot), und besonders der _Ortolan_ (+Emberiza hortulana+
L.) waren ziemlich häufig in der unmittelbaren Umgebung des Hains.
Kopfzerbrechen machte uns ein _Brachpieper_ (+Anthus mosellanus
vierthaleri+ Brehm), den wir bei Dedeli fanden. Um den Hain herum war
die _Haubenlerche_, wie überall in Mazedonien, sehr häufig (+Galerida
cristata meridionalis+ Br.). Ein interessanter Fund war eine Form der
_Kurzzehenlerche_ (+Calandrella brachydactyla moreatica+ Mühlb.) auf
dem trokkenen Gelände der Hügel.
[Illustration: Abb. 106. Kappenammer ♂ (+Emberiza melanocephala+
Scop.). Verkl. ½.]
[Illustration: Abb. 107. +Lanius nubicus+ Licht. Der Maskenwürger.
Verkl. ½.]
Dieselben _Würger_, welche im vorigen Jahr in der Ebene von Hudova
so häufig gewesen waren, waren auch hier in Mengen vertreten. Auf
jedem Strauch, der etwas über seine Umgebung hervorragte, sah man
ihre herausfordernde Silhouette auf der höchsten Spitze. Überall
hörte man ihren grellen Schrei und an den Dornbüschen, ja selbst
an den Stacheldrähten militärischer Anlagen sah man vielfach ihre
Insektensammlungen aufgespießt. Zu ihnen gesellte sich als noch
auffallendere Erscheinung +Lanius nubicus+ Licht., der _Maskenwürger_,
ein Vogel von dunkler Farbe mit eigentümlichem Schnabel, ein weiteres
südliches Element der Ornis (Abb. 107). Da wo die Mohnfelder blühten
und die Baumwolle gedieh, traten Ende Mai große Flüge des rosenroten
_Rosenstars_ (+Pastor roseus+ L.) auf. Hier wanderte der osteuropäische
Vogel ebenso unstät umher, wie er gelegentlich auch in Deutschland
auftaucht. Brüten sahen wir ihn nicht.
Im Park selbst war eine große Meise, die _Trauermeise_ (+Parus
lugubris lugubris+ Temm.), ein Bewohner der hohen Bäume. Hier zeigte
sich auch der _Fliegenschnäpper_ (+Muscicapa striata striata+ Pall.),
der _Berglaubvogel_ (+Phylloscopus bonelli orientalis+ Brehm), die
_Baumnachtigall_ (+Agrobates galactodes syriaca+ Hempr. u. Ehrenbg.)
und +Aëdon megarhynchus megarhynchus+ Brehm. Das war eine eigenartige
Gesellschaft, die wir nicht ohne weiteres hier erwartet hätten.
Weniger erstaunlich war es, daß gelegentlich ein großer _Buntspecht_
(+Dryobates major balcanicus+ Gengl. u. Stres.) an den Bäumen des Hains
sich zu schaffen machte.
Anders stellte sich die Vogelwelt in dem sumpfigen Gebiet des
_Kosludere_ und im Gebiet der Wardarebene bei _Mravinca_ dar. Da gab
es viel Wasser und damit viele _Bachstelzen_ und die gelbfederigen
_Schafstelzen_ (+Budytes flavus flavus+ L. und +B. flavus feldeggi+
Michah.). Ein _Flußregenpfeifer_ (+Charadrius dubius curonicus+ Gm.)
und ein _Teichhuhn_ (+Gallinula chloropus+ L.) wurden dort erbeutet.
Dort gab es auf den Feldern _Wachteln_ (+Coturnix coturnix+ L.). Auch
ein Fischadler (+Pandion haliaëtus+ L.) fiel uns dort in die Hände.
[Illustration: ♂ ♀ Abb. 108. +Thais cerisi ferdinandi+ Stichel. Nat.
Gr.]
Nicht weniger von südlichen und östlichen Bestandteilen durchsetzt
war die sonstige Tierwelt. Anfang und Mitte Mai trat ein schöner
auffallender Schmetterling in großen Mengen auf. Es war +Thais cerisi
ferdinandi+ Stich., ein bunter Falter, mit dem +Apollo+ verwandt, der
in der ganzen Wardargegend, vor allem in den Felsschluchten, plötzlich
erschien, um nach 8-10 Tagen ebenso plötzlich wieder zu verschwinden
(Abb. 108). Besonders bei _Demirkapu_ flog dieser Schmetterling in der
sonnendurchstrahlten Schlucht in Wolken von hunderten von Exemplaren.
Auch die verwandte Form +Thais polyxenor+ Schiff. fanden wir in der
Gegend.
Auf _Ameisen_ achtete ich hier besonders aufmerksam und fand eine
Anzahl interessanter Arten. Alle drei Formen der _Körnerameisen_ aus
der Gattung +Messor+ kamen hier vor und viele der Beobachtungen, die im
elften Kapitel niedergelegt sind, wurden im Hain Mamre gemacht.
Überall am Rande des Hains fanden sich die _Kraternester_ und die
Straßen dieser auffälligen Ameisen. Auf den Hügeln der Umgebung,
besonders am Zwieselberg, gab es viele Nester der goldgelben Ameise
+Pheidole pallidula+ Nyl., der einzigen europäischen Form, welche echte
Soldaten als besondere Kaste besitzt. Dort gab es unter Steinen auch
Nester von +Tapinoma erraticum+ Först. und +Cremastogaster sordidula+
Nyl. var. +flachi+ For. Einmal fand ich eine Kolonie der letzteren Art
unter einem Stein neben einer solchen von +Tetramorium caespitum+ L.
Sie lebten ganz friedlich nebeneinander, und als ich sie zusammen in
ein künstliches Nest brachte, begannen sie ein gemeinsames Leben, als
hätten sie immer zusammengehört.
+Tetramorium caespitum+ L. kam als Hausameise im Hain selbst viel vor
und drang auch in die Baracken ein. In unseren und den anderen Hainen
der Gegend gab es viele _Baumameisen_ aus der Gattung +Camponotus+.
Die alten Stämme waren zum Teil morsch und von den Bauten der Ameisen
durchsetzt. Oft aber hausten sie auch in ganz gesunden Stämmen und
hatten ihre Nester in irgendeinem Ast der Krone. So beobachtete ich
einmal eine stark begangene Straße der schwarzrot gefärbten, großen
+Camponotus (Orthonotomyrmex) lateralis+ Oliv., welche zu einer hohen
alten Ulme führte. Die Straße setzte sich auf den Stamm der Ulme fort
und führte bis in die Krone, wo das Nest sich befinden mußte; denn die
Ameisen stiegen beladen hinauf und kamen leer herunter. Beim Anstieg
trugen sie Erdklümpchen, die offenbar oben zum Bau dienten. Viele von
ihnen hatten auch Blattläuse zwischen den Kiefern, die oben wohl weiter
gezüchtet werden sollten.
Eine besonders interessante Entdeckung durfte ich in der Umgebung
machen. Schon im Jahre 1917 hatte ich eifrig auf meinen Reisen nach
_Termiten_ gesucht. Diese sogenannten weißen Ameisen der Tropen kommen
in Südeuropa in zwei Arten vor, welche ich schon aus Italien kannte. In
Mazedonien waren sie noch nicht nachgewiesen.
So erregte es denn mein höchstes Interesse, als ein junger Offizier,
der beim Stab eingeladen war, mir eines Abends erzählte, dicht
bei seinem Quartier seien vor einigen Tagen aus einem Erdloch
zahlreiche Insekten mit vier zartgeäderten Flügeln, die wie kleine
Libellen aussahen, herausgekrochen. Als er sie mir zeigte, waren es
Geschlechtstiere einer _Termitenart_.
Ich verabredete einen Besuch bei ihm und fuhr zu ihm auf den Furkapaß
hinauf. Das war die mir schon von den Fahrten zum Doiransee bekannte
Paßstraße, welche in Dedeli begann. Auf dieser Straße war immer ein
ungeheurer Verkehr, bei trocknem Wetter schwebte eine dichte Staubwolke
über ihr. Lastautos, Geschütze, Munitionskolonnen rollten unablässig
über sie zum Doiransee, nach Cerniste und Bogdanci. Wagen folgte
hinter Wagen, meist Ochsen- und Büffelgespanne. Bulgarische Soldaten
marschierten schweißtriefend und staubbedeckt an meinem Wagen vorbei.
Große Herden freilaufender Pferde, Esel, Maultiere, Ochsen und Büffel
wurden auf der Straße getrieben. Es war eine Erlösung, als ich seitlich
zu dem Quartier abbiegen konnte, welches ich besuchen wollte. Es lag
am Berg an einer der kleinen Bachschluchten, welche auch hier in
großen Mengen das Gelände durchzogen. Hier herrschten merkwürdig bunte
Gesteine vor, so daß die Landschaft einen ganz eigenartigen Charakter
besaß. Die obersten Schichten waren spangrüner Serpentin, darunter lag
gelber und grauer Diabas; noch tiefer kam dunkelroter Sandstein, der
besonders in den feuchten Schluchten fast schwarzrot erschien. Zwischen
dem Sandstein zogen sich weiße, schmale Kalkbänder hin.