Wenn im Sommer Regengüsse fallen, dann sieht man die Körnerameisen
eine sehr merkwürdige Tätigkeit ausführen. Jetzt schleppen sie von
ihren Körnervorräten aus dem Nest heraus und legen die Körner in den
Regen. Ich habe dies in Mazedonien vielfach beobachten können. In den
warmen Stunden nach dem Regen keimen die Samen sehr bald und werden
wieder in das Nest hineingetragen. Das kleine Stückchen, welches
herausgekeimt ist, stellt offenbar eine weiche, gut, besonders für
die Larven verwertbare Nahrung dar. Sind Keime zu weit entwickelt, so
werden sie entweder von vornherein draußen gelassen, oder wenn sie ins
Nest getragen worden sind, drinnen als ungeeignet aussortiert und auf
den Abfallhaufen geschafft, wo sie bald vertrocknen. So benützen die
mazedonischen Körnerameisen ihre Vorräte zu der Zeit, wo sie sie am
nötigsten brauchen. Es sind nicht etwa Wintervorräte bei ihnen, sondern
im wesentlichen Reserven für die dürrste und insektenärmste Zeit des
Jahres. Anders verhält es sich bei den Körnerameisen in Südfrankreich,
die offenbar für den dort milden Winter sammeln und für die Formen der
Wüste Nordafrikas, deren knappste Zeit offenbar der heiße, trockene
Wüstensommer ist.
Der italienische Forscher _Emery_ hat gezeigt, daß die Körnerameisen
sogar Makkaroni gern fressen und als Futter für ihre Larven verwenden.
So sind sie denn tatsächlich in einem gewissen Teil des Jahres
Vegetarianer und finden in den Samen eine für ihre Ernährung wichtige
Kohlehydratquelle. Auch ich konnte in Mazedonien bestätigen, daß die
+Messor+-Arten niemals Blattläuse aufsuchten oder in ihre Nester
schleppten. Diese Zuckerquelle, welche sonst bei Ameisen so beliebt
ist, benützten in nächster Nachbarschaft der +Messor+-Nester andere
Ameisenarten auch in Mazedonien in ausgiebiger Weise. Jene aber rührten
die Blattläuse nicht an.
Sowohl in Mazedonien als auch in der Heimat hielt ich _Körnerameisen_
in künstlichen sog. Fieldenestern und konnte an ihnen eine ganze
Reihe interessanter Beobachtungen machen, welche zum Teil die
Feststellungen im Freien bestätigten, zum Teil neues lehrten. Wie
merkwürdig und eigenartig sind doch die Instinkte dieser Tiere
ausgebildet. Wie energisch äußert sich bei ihnen der Sammeltrieb
und führt sie zur Anlage von Scheunen und Getreidekammern. Aber wie
merkwürdig schwankend zeigt sich dieser Instinkt im Freien bei der
Unterscheidung des Nützlichen und Nutzlosen. Wie sicher ist er dagegen
bei der Aussortierung der gesammelten Vorräte, wenn diese im Nest sich
befinden. Was mögen da für Gesetzmäßigkeiten vorliegen, wie mag die
ganze eigenartige Biologie dieser Formen zu erklären sein? Sie bieten
sicher noch interessante Probleme, die manchen Forscher locken dürften.
Das gleiche gilt auch für die gelben Ameisen der Art +Pheidole
pallidula+ Nyl., die ich vor allem im südlichen Wardartal und im Gebiet
des Doiransees fand. Das ist jene oben erwähnte einzige europäische
Ameisenart mit echten Soldaten. Auch diese habe ich viel im Freien
beobachtet und in künstlichen Nestern gehalten.
Dabei zeigte sich, daß bei ihnen die Soldaten viel einseitiger in ihren
körperlichen Leistungen und in ihren Fähigkeiten sind als die Dickköpfe
der +Messor+-Arten.
[Illustration: Abb. 94. Soldat von +Pheidole pallidula+ von Arbeiter
gefüttert.]
Die +Pheidole+-Soldaten sind viel unbeholfener bei der eigenen
Ernährung als ihre Arbeiter, von denen sie sich oft füttern lassen.
Sie nehmen auch kaum an den Bauarbeiten im Staat und an dem Eintragen
der Nahrung teil. Ein Volk, welches nur aus Soldaten besteht, deren
Arbeiter verloren gegangen sind, stirbt bald aus; denn erstere
beteiligen sich nicht an der Pflege der Königin und an der Aufzucht der
Larven. Allerdings bei der Verteidigung des Staats und seiner Insassen
zeigen sie sich besonders energisch.
Zu welchen interessanten Vergleichen mit dem Menschenleben fordern
diese eigenartigen sozialen Tiere heraus.
ZWÖLFTES KAPITEL
DIE SCHLUCHTEN DES BALKAN
Wie anders muß Mazedonien in den Zeiten vor der _griechischen_ Kultur
ausgesehen haben, als es heute sich darstellt. Es ist früher, soweit
wir unterrichtet sind, ein waldbedecktes Land gewesen mit ganz anderem
Klima. Auch die Oberflächengestaltung muß sehr abweichend gewesen sein,
als _thrakische_ Stämme das Land bewohnten. Die Berge hatten noch
kaum ihre zerrissenen Formen, die Nacktheit der Landschaft trat nicht
so schroff hervor, das Land muß viel weniger farbig gewesen sein und
vor allem die Menge von Schluchten muß gefehlt haben, welche jetzt so
charakteristisch für die Landschaft Mazedoniens sind.
Wie auch sonst in den Mittelmeerländern ist an der
Oberflächengestaltung des Landes, wie sie uns heute entgegentritt, vor
allem die Raubwirtschaft schuld, welche seine Bewohner mit dem Wald
getrieben haben. Waldwirtschaft und Waldschonung sind Errungenschaften
der neuesten Zeit. Zwar in Deutschland zeigen sich Ansätze dazu schon
seit dem Mittelalter; Ehrfurcht vor und Pflege von Bäumen war den
Germanen frühe Gewöhnung. Aber erst seit etwa zwei Jahrhunderten hat
sich Schritt für Schritt eine geordnete Forstwirtschaft auch bei
uns entwickelt. Daß gerade in Mazedonien mit dem Wald so barbarisch
gehaust wurde, so daß er jetzt in diesem Land nur noch da existiert,
wo die Menschen nicht an ihn heran können, ist zum Teil auch durch die
Geschichte dieses Teils von Europa bedingt.
Bei den ungeordneten Zuständen, welche seit Jahrhunderten auf dem
Balkan herrschten, dachte niemand daran, für die Zukunft vorzusorgen.
Die unterworfenen Völker hatten keine Veranlassung, Naturschätze für
die künftigen Generationen ihrer Beherrscher zu erhalten. Und die
Türken gar mit ihrem Fatalismus waren schwer zu weitausschauenden
Plänen zu haben. So kam in diesem Land, wo die durch den Ruin der
Wälder erzeugten Schäden jedem vor Augen standen, niemand darauf,
über die Zusammenhänge nachzudenken und an Maßregeln zur Abhilfe
heranzutreten.
Sicher fanden die Byzantiner schon ein sehr entwaldetes Gebiet vor,
und die Waldbestände, welche sie den Türken hinterließen, mögen in den
Niederungen auch nicht mehr beträchtlich gewesen sein. Nun begann sich
wohl der Raubbau auch auf die Gebirge auszudehnen und das Bild sich
auch im Innern der Balkanhalbinsel auszubreiten, welches wohl schon die
antiken Völker fast im ganzen Mittelmeergebiet hinterlassen hatten.
Nur wo das Klima mitwirkte, kam der Wald nicht wieder auf; im zentralen
Balkan, wurde er nie ganz vernichtet. Die geologischen Verhältnisse
mögen auch vielfach dazu beigetragen haben, seine Neuentstehung zu
erschweren. Und vor allem waren es die _weidenden Haustiere_, welche
durch Abfressen von jungen Baumindividuen, durch Benagen der frischen
Sprosse die Baumarten entweder ausrotteten oder, wenn sie einigermaßen
widerstandsfähig waren, zum _Zwergwuchs_ zwangen. Noch jetzt kann man
die verderbliche Wirkung der ungestört weidenden _Ziegen_ -- diese sind
es vor allem, welche als Waldfeinde in Frage kommen -- überall in den
Mittelmeerländern beobachten.
Heute findet man in Mazedonien nur mehr im Gebirge ausgedehntere
Laub- und Nadelwälder. Auf meinen Gebirgsreisen habe ich solche
kennen gelernt und in den entsprechenden Kapiteln geschildert. Die
Balkankriege und gar noch der Weltkrieg haben eine weitere empfindliche
Lücke in den Baumbestand des Balkan geschlagen. Bei Freund und Feind
war für Bauten zu militärischen Zwecken und zum Heizen im Winter ein
ganz enormer Verbrauch unvermeidlich, dessen Folgen einem überall
in traurigen Bildern entgegentraten. Noch 1917 hatte ich manche
Baumgruppen und riesenhafte Exemplare von Ulmen, Eichen, Kastanien,
Pappeln bewundert, die im nächsten Jahre schon verschwunden waren. Die
Truppen mußten ja doch kochen und heizen; Import von Holz konnte nicht
im nötigen Maßstab durchgeführt werden und die Kohlen waren noch viel
schwerer heranzubringen.
Schon im Jahre 1917 fiel mir auf, daß Wälder in Höhen unter
1200-1500 m selbst im Gebirge nur da erhalten waren, wo der Mensch
keine Zufahrtsstraßen hatte, um größere Massen von Holz an die
Verbrauchsstätten zu bringen. War auch nur ein Saumpfad vorhanden
und anlegbar, der für Maultiere gangbar war, so hatte sicher in
jedem kleinen Waldbestand mindestens der Köhler sein Zerstörungswerk
begonnen. Der rauchende Meiler zeigte an, wo und wie der Wald gemordet
wurde.
Auch hatte ich oft Gelegenheit, zu beobachten, daß keines der
Balkanvölker Talent und Neigung hat, den Wald zu pflegen und an die
Zukunft zu denken. Ich habe an anderen Stellen geschildert, wie die
gefällten Bäume ganz unvollkommen ausgenützt und rücksichtslos zerstört
wurden. Alle die einander hassenden Völker und Rassen kamen nie auf den
Gedanken, daß noch einer nach ihnen kommen könne, der etwas von dem
Wald haben wollte, und daß sie ihm das gönnen würden.
[Illustration: Abb. 95. Nordende der Plaguša Planina. Davor der
Grünberg.]
Sobald große Strecken entwaldet waren, konnten die Kräfte der _Erosion_
ihre Arbeit beginnen und anfangen, die Berge zu zerstören. Ein Weg zu
diesem Ende ist die Bildung von Schluchten. Wo der Waldboden nicht
zwischen den Wurzeln der Bäume festgehalten wird, da saugt er das
Wasser nicht fest und tief in sich hinein; wo nicht der Schatten der
Bäume den Boden vor den ausdörrenden Strahlen der Sonne bewahrt, können
keine dauerhaften Quellen sich ansammeln.
Überall in Mazedonien sehen wir heutzutage an jedem Berg, an jedem
Hügel die zerstörenden Kräfte der Atmosphäre tätig. Nach jedem starken
Regenguß entstehen neue Rinnsale an den Abhängen. Das Wasser, vom
harten, schon steinig gewordenen Boden nicht aufgesaugt, sammelt
sich an dessen Oberfläche schnell in Massen an, welche tosend zu
Tale stürzend, den Boden aufwühlen und die spärliche Erdkrume mit
sich reißen. So sieht man nach jedem Gewitterregen des Sommers,
nach den schweren Güssen des Herbstes in Mazedonien hunderte und
tausende von jugendlichen Schluchten sich bilden, deren weitere
Entwicklungsgeschichte man überall an früher entstandenen verfolgen
kann.
Je weiter das Wasser zu Tal fließt, um so mehr wird es, um so
gewaltiger wird seine Kraft. Viele kleine Rinnsale vereinigen sich zu
einem Wildbach, dieser schließlich zu einem Flüßchen, dessen Wasser
schon große Steine, ja Felsenmassen loslösen und auf seinem Weg zu
Tal reißen kann. Mächtige Halden bilden sich auf diese Weise an den
Abhängen der Berge.
Im Winter gefriert das in die Spalten eingedrungene Wasser und es
beginnt die Arbeit des Frostes und des Tauwetters. Die Regengüsse
des neuen Jahres finden neue Beute. Die herabgeschwemmten Felsblöcke
zerschlagen die Felsen, über welche sie rollen, und schleifen sie und
sich gegeneinander ab. So sind es immer kleinere Steine, die unten im
Tal anlangen, um so kleiner, je länger der Weg ist, den sie vom Berg
zurücklegen müssen, je größer die Gewalt des Wassers ist, das sie
mitriß.
[Illustration: Abb. 96. Schluchtende einer Felsenschlucht bei Negorci
mit geröllreichem Bach.]
Die Schlucht wird von Jahr zu Jahr tiefer; ihre Wände können
schließlich steil 100 m und höher hinansteigen und die ganze tiefe
Schlucht ist das Werk von vielhundertjähriger Arbeit des Wassers
und der Steine. Überall in Mazedonien sieht man Schluchten in allen
Entwicklungsstadien: ganz junge, die noch sehr harmlos aussehen,
mittlere Stadien, welche schon tiefe Falten ins Antlitz des Berges
gerissen haben, ältere, welche das Gebirge durchbrochen haben und
Ströme zu Tal wälzen. Und den traurigsten Eindruck machen die ganz
alten, welche ihre Felsblöcke schon zu Kieseln, zu Sand, ja zu feinem
Schlamm zermahlen haben, den sie in das Tal über die fruchtbaren Felder
schwemmen, so daß vom Ausgang der Schlucht eine lange Zunge von Geröll
in die Ebene sich hinausstreckt, welche an das Delta eines Flusses
erinnert. Sie ist ja gleichen Ursprungs mit einem solchen; ihr Wasser
hat aber die Zerstörung und den Aufbau auf einer Strecke ausgeführt,
welche es in Minuten, höchstens einer halben Stunde durchbrauste,
während der Nil in stiller Arbeit hunderte Kilometer zurücklegte,
überall auf seinem Weg Segen austeilend.
[Illustration: Abb. 97. Schlucht mit Wasserfall bei Davidoro.]
Solche Schluchten habe ich während meines Aufenthalts in Mazedonien
hunderte durchwandert. Bald dienten sie zum Anstieg ins Gebirge, bald
mußte man, an der Flanke des Berges entlang wandernd, in ein Dutzend
Schluchten an einer Seite hinab, an der anderen Seite hinaufsteigen, um
seinen Weg zu finden, wollte man nicht den ganzen Berg umgehen.
_Kaluckova_ liegt, wie ich früher schon schilderte, am Ausgang einer
solchen Schlucht, die mir Anlaß gab, manche Beobachtung über das Wesen
der Schluchten, ihre Pflanzen- und Tierwelt zu machen. Ging man in die
Schlucht hinein, so wanderte man zunächst auf dem weichen Sandboden
eines Tälchens, in welches drei Schluchten einmündeten. Deren Boden
war von grobem Gerölle bedeckt. Weiter oben kam man in eine immer
enger werdende Schlucht, deren Boden aus anstehendem Felsen bestand.
Auf ihm lagen größere und kleinere Felsblöcke herum. Durch diese wurde
das Wasser des Baches oft zu kleineren und größeren Tümpeln gestaut.
Dazwischen fanden sich Talmulden von verschiedenem Umfang, wo der Bach
langsam floß und sich Gerölle, Sand oder Schlamm angesammelt hatte.
Hier war oft eine reiche Pflanzenwelt entwickelt. Gräser, Riedgräser
und Binsen, manchmal auch Kolbenschilf, bildeten da einen üppigen
Rasen, zwischen dem Minzen, Doldenpflanzen, Glockenblumen blühten.
Allerhand Pflanzen, welche draußen auf dem Hügel schon längst verdorrt
waren, führten hier noch ein fröhliches Leben bis in den Juli und
August hinein. Da blühten noch Orchideen, Wicken, Salbei, Königskerzen
und viele andere.
[Illustration: Abb. 98. Einblick in das System der dem Wardar
zufließenden Bäche in der Hudovaebene von der Höhe der Plaguša Planina.]
In den Mulden zwischen den Hügeln wuchsen Kräuter heran, welche
durch beträchtliche Größenverhältnisse auffielen. Es waren dies
mächtige Exemplare von _Königskerzen, Disteln_ (Abb. 99) und dem
_Natternkopf_. Besonders letzterer übertraf an Größe die bei uns
einheimische Art ganz gewaltig. Die blauen Blütenstände, von Bienen und
Hummeln umsummt, waren hier noch größer und in ihrem Blütenreichtum
wirkungsvoller als die Exemplare an den Hügelhängen von Kaluckova und
in den Maulbeerhainen bei Hudova. Die hier vorkommende Art war +Echium
italicum+ L. (Abb. 100).
[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 99. +Cirsium candelabrum+ Gris.
Hohe Distel bei Kaluckova.]
Sie waren von vielen Schmetterlingen, Bienen, Fliegen besucht. Von der
Tierwelt werden wir noch mehr zu berichten haben. Von Pflanzen fanden
sich vielfach die gleichen stachlichen und dornigen Büsche, wie oben
auf dem Hügel. Hier wuchsen vor allem Brombeersträucher, die einem
nicht selten das Vorwärtskommen sehr erschwerten. Noch mehr war man
aber beim Aufstieg behindert, wenn von einer Felsenstufe ein Wasserfall
herabbrauste (Abb. 97). Oft mußte man eine weite Umgehungskletterei
durchführen, wollte man seine Absicht durchsetzen, die ganze Schlucht
kennen zu lernen. Oberhalb und unterhalb solcher Wasserfälle war das
Wasser nicht selten zu stattlichen Gumpen angesammelt, deren grünes
Wasser zum Bade verlockte. Oft habe ich mit meinen Gefährten die
Gelegenheit ausgenützt und nach anstrengender Kletterei in einer
solchen Naturbadewanne Erfrischung gesucht.
War man gegen den oberen Schluß der Schlucht vorgedrungen, so
wurde sie oft immer flacher; man war an manchen Zweigschluchten
vorbeigekommen, welche dem Schluchtbach Wasser zugeführt hatten. So war
er selbst immer dünner und schwächer geworden, bis er schließlich in
einer Mulde in einem Grasbüschel zwischen Sand verschwand. Damit hatte
man seine Quelle vor den Augen.
[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 100. Großer, blaublühender
Natternkopf (+Echium italicum+ L.).]
Im Laufe des Jahres ging mancherlei in den Schluchten vor sich. Im
Winter hingen manchmal die Felsen voll Eiszapfen und ihr Grund wurde
gelegentlich voll Schnee geweht. Aber vor allem in der Gegend von
_Kaluckova_ hielt das nicht lange an. Viel unangenehmer waren die
anhaltenden schweren Regengüsse des Spätherbstes und Winters; dann
sammelte sich in den Schluchten oft in wenigen Stunden eine solche
Wassermasse an, daß sie plötzlich durch das Schluchtende in das Dorf
einbrach und das Tal in einen See voll schlammigen Wassers verwandelte.
Dann war Not in Kaluckova (Abb. 101). Da kamen die Stege zur Geltung,
auf denen man laufen mußte, wollte man von einer Talseite auf die
andere. Oft wurden die locker gebauten Brücken auch weggerissen und
es erforderte Heldenmut, wollte der Arzt von den Häusern am Hügel zu
seinen Kranken, die in Baracken an der anderen Talseite lagen.
Meist verlief sich das Wasser in wenig Stunden und von dem stolzen
gewalttätigen Fluß war nur ein dünner Wasserfaden übrig. Schlamm
und Geröll hatte er aber in Massen hinterlassen, welche alle Wege
verschüttet und in Gärten und eventuell auch an den Häusern Schaden
getan hatten.
Der Bach in der Kaluckovaschlucht erreichte nur in solchen großen
Momenten das Tal, aber auch dann wohl niemals den Wardar. Vorher war
sein Wasser längst in den Geröllmassen versickert. Das ist ganz typisch
für solche mazedonischen Schluchtbäche. Im Frühjahr beginnt der Bach
schon seinen Rückzug bergauf, der nur nach einem starken Regen eine
Unterbrechung erfährt. Immer weiter muß man hinaufsteigen, will man
an fließendes Wasser gelangen. Nach der Trockenzeit des August und
September sind manche Schluchten in ihrem ganzen Verlauf trocken.
[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 101. Kaluckovabach nach starkem
Regen.]
Dieser Prozeß verläuft ganz regelmäßig so, daß jeweils im Unterlauf in
den Gruben und Vertiefungen größere oder kleinere Tümpel zurückbleiben,
die allmählich eintrocknen, so daß man auch ihnen immer höher hinauf
nachsteigen muß.
Das tut der Naturforscher gern und oft; denn in den Schluchten ist
der Zufluchtsort für eine mannigfaltige Tierwelt, welche schon zu
gewöhnlicher Zeit dort Schlupfwinkel und Höhlen leichter und mehr
findet, als draußen auf dem kahlen Hügel. Dazu ist es hier auch
im heißen Sommer immer feucht und kühl und wie die Pflanzen, so
flüchten sich auch viele Tiere aus dem grellen Sonnenbrand in den
kühlen Schatten der Schluchten. Wie ich das schon vom Buchenwald auf
der Plaguša Planina beschrieb, so stellen auch die Schluchten einen
Zufluchtsort für viele Tiere dar.
Man treibt beim Klettern in den Schluchten nicht nur Ratten und Mäuse,
sondern auch Marder, Füchse, Dachse und den großen mazedonischen Hasen
auf. Ratternd fliegen Steinhühner (+Alectoruis graeca graeca+ Meicen.)
vor unseren Schritten davon. Ammern, Nachtigallen, allerhand kleine
Vögel beleben die Büsche der Schluchten. Schlangen und Eidechsen
sind an den Schluchtwänden häufig. Nicht selten halten sich hier die
Landschildkröten +Testudo graeca+ L. und +T. ibera+ Pall. auf.
Viele Tiere kommen an die Tümpel zum Trinken. Das kann man vor allem
in den frühen Morgenstunden und gegen Abend beobachten. Für manche
Insekten, so für Schmetterlinge, mag auch die Windstille in der Tiefe
der Schluchten verlockend sein.
Vor allen Dingen interessant ist aber die Tierwelt des Baches, welche
hauptsächlich seine Becken und Tümpel bewohnt. An ihr ist manche
interessante Beobachtung zu machen, und es hatte einen großen Reiz, sie
im Verlauf eines Jahres zu verfolgen. Darum gehörten die Schluchten bei
Kaluckova zu den Gegenden, welche ich in Abständen regelmäßig während
aller Jahreszeiten besuchte, um die Schicksale ihrer Tierwelt zu
verfolgen.
Im Winter zur wirklich kalten Zeit war sie nicht allzu reich.
Die Wassertiere wurden gar zu leicht mit den Wasserstürzen nach
Regengüssen hinabgerissen und kamen um, irgendwo auf Sand und Geröll
vom abfließenden Wasser zurückgelassen. So kamen denn _Fische_ in den
Schluchtbächen selten vor und dann nur in den großen Gumpen, die nicht
ganz ausgeschwemmt werden konnten. Selten fand ich da einmal kleine
Barben (+Barbus plebejus+ Val.); in der Kaluckovaschlucht habe ich
allerdings niemals Fische gesehen.
Um so zahlreicher waren die _Amphibien_ vertreten, von denen mehrere
Formen in den Schluchten lebten und in den Tümpeln laichten.
Der kleine graue Frosch (L) +Rana graeca+ Blgr. mit seinem
braungefleckten, hellen Bauch war schon früh beim Laichen. Auch
der _große Frosch_ Mazedoniens (+Rana ridibunda+ Pall.) legte im
Schluchtbach seine Eier ab, aber erst im Mai, während der erstere dann
schon in stattlichen Larven vertreten war. Noch später war die sehr
häufige _Unke_ (+Bombinator pachypus+ Blgr.) mit der Fortpflanzung
dran; sie laichte erst im Juli. Noch Mitte Juli fand ich Unken bei
Kaluckova beim Eierlegen.
Ganz außerordentlich reich war in den Schluchten die _Insektenwelt_.
Sie bestand zum Teil aus Formen, welche hier die Blüten aufsuchten,
während draußen auf den Hügeln alles schon verdorrt war. So schwebten
zahlreiche Schmetterlinge über den Stellen der Schlucht, wo die oben
gekennzeichnete üppige Vegetation sich entwickelt hatte. Hier war es
vor allem, daß man, wie in der Nähe der Dörfer, die gewöhnlichsten
deutschen Schmetterlinge antraf, den großen und kleinen _Fuchs_,
das _Tagpfauenauge_, das _weiße C_, dazu die _Weißlinge_; unter den
4-5 mitteleuropäischen Arten allerdings manchmal etwas Besonderes,
so +Pieris manni+ Mayr.; daß der _Distelfalter_, der häufigste
Tagschmetterling Mazedoniens, nicht fehlte, braucht kaum betont
zu werden. Von vielen Formen sah man im Verlauf des Sommers zwei
_Generationen_, die als Frühlings- und Sommergeneration nach Farbe und
Größe zu unterscheiden waren, so z. B. von +Colias croceus+ Faure, der
dort fliegenden Form der _goldenen Acht_.
Von den drei Arten von _Scheckenfaltern_ (+Melitaea phoebe+. +M.
trivia+ und +M. didyma+) war das Vorkommen des letzteren besonders
interessant, da er hier in der südlichen Form flog, während im
Gebirge bei Gopes die nördliche Form lebte. Außerdem ist die Tatsache
bemerkenswert, daß von +Melitaea trivia+ und +didyma+ die zweite
Generation auffallend klein ist. Unter den _Augenfaltern_ der Gattung
+Satyrus+ fiel +S. statilinus+ Hafn. auf, noch mehr +S. fatua+ Frg.,
die erst vor kurzem in Europa aufgefunden wurde (Abb. 24, S. 46).
Von den zahlreichen _Bläulingen_ hebe ich +Cyaniris argiolus+ L.
hervor. Im Hochsommer drangen um die Blumen die Taubenschwänzchen
(+Macroglossa croatica+) und die auch bei uns so häufige +Macroglossa
stellatarum+. Beide flogen im Herbst massenhaft in die Häuser. Ich habe
hier etwas mehr von Schmetterlingen berichtet, da sie auf interessante
Gesetzmäßigkeiten der Tiergeographie aufmerksam machen.
Auch an _Käfern_ waren die Schluchten sehr reich. Schöne _Böcke_ saßen
auf den Doldenpflanzen, so der metallischglänzende _Moschusbock_
(+Aromia moschata+ L.), die kleine, rotschwarz gefleckte +Leptura
cordigera+ Finly, die zierlichen _Widderböcke_ (+Clytus ornatus+ Hbst.,
+Cl. rhamni+ Germ., +Cl. floralis+ Pall.). Von den großen Bockkäfern
waren besonders auffallend +Aulacopus sericollis+ Motsch und +Prionus
persicus+ Recht. Ein eigenartig gelblich behaarter Käfer mit weißen
Flecken, der massenhaft vorkam, nennt sich +Epicometes hirtella+ L.
Auch hier wie überall am Wasser gab es die schönen, wie Edelsteine
glänzenden Blattkäfer (+Chrysomeliden+). Dazu +Melosoma populi+ (L.)
+Clythra elata+ Fabr. und +Cl. traphaxides+ Pall. Von Rüsselkäfern
möchte ich nur die rotfleckigen +Rhynchita hungarica+ Hel. und den
schimmerden +Rhynchites auratus+ Les. erwähnen. An den Kräutern fand
sich im Mai vielfach ein speichelähnlicher Schaum, wie er bei uns
als „Kuckucksspeichel‟ bekannt ist; auch hier fand sich in ihm die
Larve einer Zikade aus der Gruppe der Schaumzikaden, ähnlich unserer
+Aphrophora spumaria+ L.
Damit gebe ich nur eine kleine Auslese aus der Insektenwelt der
Balkanschluchten. Schwebfliegen, solitäre Bienen, bunte Wanzen,
Heuschrecken wären noch anzuführen. Eine große Rolle spielten
die Libellen, deren es zahlreiche Arten gab. Ganze Schwärme von
Eintagsfliegen tauchten gelegentlich auf.