Aber schon Anfang Februar konnte ich beobachten, daß an einem sonnigen

Hügel bei _Üsküb_ an einigen Stellen die Körnerameisen den Eingang

ihres Nestes wieder geöffnet hatten. In diesem in Mazedonien meist

noch sehr winterlichen Monat trugen sie bereits Schutt aus ihrem Nest

heraus, häuften ihn um den Ausgang an, glätteten diesen und begannen

ihre Ausflüge in die nächste Umgebung. Da setzte ein gewaltiger

Wetterrückschlag ein, die Ameisen wurden in ihre Bauten zurückgetrieben

und ruhten noch einmal fast 2 Monate unter 20 cm tiefem Schnee. Anfang

April kam endlich ihr Leben von neuem in Gang. Das galt im Jahre

1918 für das nördliche Mazedonien. Im Süden, also bei _Dedeli_ und

_Gewgeli_, waren sie schon einige Wochen früher munter.

[Illustration: Abb. 81. Geflügelte Königin mit verschiedenen

Arbeiterformen im Fieldenest (+Messor barbarus meridionalis+ E. André).]

Gerade grünte das Gras wieder auf der Spitalwiese, die Krokusblüten

waren schon beim Welken, da kamen die ersten Arbeiter der Körnerameisen

aus dem Boden. Durch feine Spalten wühlten sie sich empor und begannen

sofort ihren Körper zu putzen. Vorsichtig und langsam liefen sie in der

Nähe des Nestausgangs umher, schlüpften aber bald wieder in die Tiefe.

Nach kurzer Zeit war aber schon viel Bewegung um den Nestausgang.

Dieser hatte schon etwa 1 cm Durchmesser und man konnte von ihm aus in

den Gang hineinsehen, welcher fast senkrecht aus der Tiefe emporführte.

An seinen Wänden stiegen nun Mengen von Ameisen empor und jede von

ihnen trug Erdkrümchen und kleine Steinchen zwischen ihren Kiefern.

Kaum waren sie oben, als sie mit einem eigentümlichen Nicken ihre Last

abwarfen, sofort Kehrt machten, um wieder in die Tiefe zu steigen und

bald mit neuer Last zurückzukehren. Dadurch entstand sehr bald um den

Ausgang des Nestes ein _Ringwall_ aus diesem Bauschutt, den die Tiere

aus ihrem Nest ausräumten. Offenbar hatten sie angefangen die Gänge und

Kammern zu reparieren und vielleicht auch schon Neubauten auszuführen.

Es war ein ganz eigenartiger Anblick, wie auf der ganzen Wiese und

im Lande ringsumher auf allen Hügeln diese Ringwälle zu Hunderten

und Tausenden auftraten. Es waren trockene Tage und die Erde an der

Oberfläche schon hart und staubig. Unten mußte sie aber noch feucht

sein, und so hoben sich denn alle diese Ringwälle mit lebhafter Farbe

von der Bodenoberfläche ab; bald waren sie rot, bald leuchtend gelb,

bald schwarz oder braun, je nach dem Charakter des Untergrunds. Ich

habe schon oben erwähnt, daß nicht nur die +Messor+-Arten, sondern auch

verschiedene andere mazedonische Ameisen solche _Kraternester_ bauen.

Je nach dem Feuchtigkeitsgrad und der Gesteinszusammensetzung waren die

Ringwälle flacher und niedriger oder steiler und höher. Bei _Dedeli_

sah ich im Mai 1918 Wälle, die mit steilen Wänden eine Höhe von 3-4 cm

erreichten und dabei einen ganz kleinen Kreis umschlossen.

Bei trockenem und windigem Wetter wurden sie oft schon nach kurzer Zeit

weggeblasen, bei Regen weggeschwemmt, wobei nicht selten der Eingang

des Nestes verstopft wurde und den Ameisen neue Arbeit erwuchs. Selten

buken die Erdteilchen fester zusammen, so daß geradezu Mäuerchen

entstanden, welche dann etwas dauerhafter waren. Das war besonders bei

lehmigem Untergrund der Fall. Trotzdem glaube ich nicht, daß mit diesen

Ringwällen ständige Bauten beabsichtigt sind, die einen besonderen

Zweck verfolgen. Das wurde von einem Beobachter (_Diehl_) vermutet,

als er sah, daß bei Nestern von +Messor arenarius+ halbkreisförmige

Wälle die Regel waren, welche mit ihrer geschlossenen Seite nach der

häufigsten Windrichtung gerichtet waren. Solche einseitigen Wälle habe

ich auch an manchen Stellen beobachtet; es war dies aber nur dann der

Fall, wenn der Gang zur Öffnung des Nestes aus dem Boden schief an

die Oberfläche stieg. Dann entstanden besonders am Abhang von Hügeln

einseitige Teilwälle, welche wie die Schutthalden eines Bergwerkes

aussahen.

Erinnern wir uns an die Art, wie die am Ringwall bauenden Ameisen ihre

Sandkörner oder Erdklümpchen jedesmal gerade an der Stelle abwerfen,

vor der sie aufrecht aus dem Nestloch hervortreten, so verstehen wir,

daß sie, am Boden des schiefen Aufgangs laufend, die Körner stets nach

einer Seite abwerfen mußten. In den senkrechten Gängen dagegen hatten

sie beim Klettern alle Seiten des Ganges zur Verfügung, alle waren für

sie gleich steil und gleich mühsam zu ersteigen; und so warfen sie eben

ihre Last nach allen Richtungen ab. So werden wohl in dem einen Fall

die vollen Kreise, im anderen Fall die Halbkreise entstehen. Später

habe ich in dem Buche von _Passarge_ über die Kalahariwüste gelesen,

daß dieser Forscher in diesem ähnlichen Klima eine entsprechende

Bautätigkeit bei den dort lebenden Ameisen beobachtete und zu derselben

Annahme über die Entstehung der verschiedenen Wälle kam. Noch dazu

erhielt ich eine unerwartete Bestätigung durch meinen Assistenten Dr.

_Koehler_, als er aus ägyptischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte.

Er und seine Kameraden hatten dort oft genug Gelegenheit, durch den

Stacheldraht ihres Gefangenenlagers die Ameisen zu beobachten, wie

sie vorn am Nestloch ihr Klümpchen zusammengeklebten Sandes von sich

warfen, wenn sie im Nestgang schief aufsteigend etwa in der Mitte des

Lochs herauskamen. Oft bogen sie schief zur Seite und warfen ihre Last

seitlich ab, so daß auf diese Weise der halbmondförmige Wall entstand.

Wenn die Ringwälle im Frühjahr in _Mazedonien_ in so großen Mengen

auftreten und so rasch wachsen, dann herrscht in den Nestern regste

Bautätigkeit. Es werden Kammern gebaut, Verbindungsgänge angelegt und

alles für die große Fortpflanzungszeit im Sommer vorbereitet.

[Illustration: Abb. 82. Geschlechtstiere von +Messor barbarus structor+

Latr. oben ♀, unten ♂. (Verg. 3 mal.)]

Anfang April 1918 erlebte ich den _Hochzeitstag_ der +Messor+-Völker

in Nordmazedonien. Da gab es viel Leben um die Ringwälle herum; in

allen Nestern herrschte große Erregung. An einem Tage (am 10. April)

frühmorgens sah ich aus zahlreichen Kratern in der Nähe meines

Quartiers in _Üsküb_ geflügelte Ameisen hervorkommen, und zwar waren

es gleichzeitig die mächtigen dickleibigen Weibchen und die viel

kleineren, schlankeren Männchen. Im hellen Sonnenschein des frühen

Morgens begann der _Hochzeitsflug_, welcher die Tiere nicht sehr weit

führte. Bei diesen Arten gibt es keine weite Hochzeitsreise auf einen

Berggipfel oder zu sonst einem hochragenden Gegenstand, wie sie bei

vielen unserer Ameisen die Regel ist. Hier findet die Begattung ganz

in der Nähe des Nestes statt. Die Geschlechtstiere finden und begatten

sich in der Luft. So sinken sie denn bald nicht weit von ihrem Nest

wieder zum Boden nieder. Da sah man in den nächsten Stunden viele der

Männchen sterbend am Boden liegen; denn nach dem Begattungsakt ist ihr

kurzes Leben in Freiheit, Licht und Sonne beendet.

Die Weibchen dagegen verlieren am Boden, manchmal sogar noch während

des Niederschwebens ihre Flügel; man sieht sie am Boden oft schon

flügellos anlangen oder dort mit einem oder gar noch beiden Flügeln

herumlaufen, um sie dann bald zu verlieren.

Nun ist die Königin befruchtet und bereit, einen neuen Staat zu

gründen. Nach meinen Beobachtungen ist es möglich, daß befruchtete

Königinnen bei den Körnerameisen wieder zu ihrem eigenen Volk

zurückkehren oder bei einem fremden Volk aufgenommen werden. Ich

sah wenigstens am Hochzeitstage selbst flügellose Königinnen in

Nesteingänge eindringen, ohne daß die Insassen sie abwehrten oder

irgendwie feindlich behandelten.

[Illustration: Abb. 83. Kleines Nest mit Erstlingskammer von +Messor

barbarus meridionalis+.]

Meine Beobachtungen, die ich an Königinnen in künstlichen Nestern

machte, lassen es wahrscheinlich erscheinen, daß bei den Körnerameisen

etwas Derartiges möglich ist. Ich erzielte bei keiner isolierten

Königin eine selbständige Staatengründung, wohl aber nahm diese

einen hoffnungsvollen Anfang, wenn ich eine Königin mit mehreren

Arbeitern eines fremden Volkes zusammen einsperrte. Vereinigte ich

mehrere Königinnen ohne Arbeiterhilfe, so nahm die Fortpflanzung

keinen regelrechten Fortgang und es kam nicht zu einer rechtzeitigen

Entwicklung hilfreicher Arbeiter, um die Entstehung des Staates zu

sichern. Dieser Mißerfolg dürfte aber nach späteren Erfahrungen an

deutschen Ameisenarten darauf zurückzuführen sein, daß ich zu große

Nester anwandte. Die Vorräte an Reservesubstanzen im Körper der

+Messor+-Königinnen lassen doch annehmen, daß auch diese fähig sind,

allein einen neuen Staat zu gründen.

Ist das große Hochzeitsfest vorbei, so findet man in den Bauten der

Körnerameisen nur mehr befruchtete Weibchen und alle verschiedenen

Formen von Arbeitern. Männchen und geflügelte Weibchen sind dann nicht

mehr da und fehlen bis zum Ende des Sommers, wo sie wenigstens als

Puppen wieder auftreten.

[Illustration: Abb. 84. Nest von kleinem Volk von +Messor barbarus

meridionalis+.]

Vom April an beginnt die Zeit intensiver Vermehrung im Bau der

Körnerameisen. Eifrig wird für die Versorgung der hungrigen Larven

vorgesorgt, die im Neste entstehen sollen. Schon in den ersten Tagen

nach der Öffnung des Nestes haben die Arbeiter begonnen von ihren

Ausflügen allerhand mitzubringen; und zwar waren das stets entweder

getötete Insekten und andere Tiere, oder es waren Pflanzenteile. Die

Körnerameisen sind äußerst räuberische Tiere; sie lieben Fleischkost

sehr und wenn sie ein Tier überwältigen können, so benützen sie es als

bevorzugte Nahrung. Im Frühling in Mazedonien fehlt es ihnen nicht an

Beute; bis in den Sommer hinein gibt es genug Insekten von einer Größe

und von Körperkräften, welche sie überwinden können. So finden sie denn

für sich selbst den Tisch reichlich gedeckt.

[Illustration: Abb. 85. Plan eines großen Baues von +Messor barbarus

meridionalis+.]

Trotzdem sieht man sie schon in den ersten Frühlingstagen ihrem

eigentümlichen _Sammelinstinkt_ folgen. Sie schleppen allerhand Dinge

in ihren Bau hinein. Es war höchst erstaunlich zu beobachten, wie sie

an frisch aufgeblühten Graspflänzchen am Halm hinaufkletterten und

oben Blüten und unreife Samen abpflückten und geschäftig zum Neste

schleppten. Auch Teile der Grasblätter und Grashalme, die sie vorher

zerschnitten hatten, trugen sie zum Nest. Ja hier und da sah man

einen Arbeiter sich mit einem halbverfaulten vorjährigen Samen oder

irgendeinem anderen unbrauchbaren Gegenstand sich abquälen.

[Illustration: Abb. 86. Schema eines Nestes von +Messor barbarus

meridionalis+ mit mehreren senkrechten Ausgangsröhren und großen

Vorratskammern.]

[Illustration: Abb. 87. Freie Stelle am Nestausgang. Darunter

Abfallhaufen. Nest von +Messor barbarus meridionalis+ E. André.

Kaluckova 26. Aug. 1917.]

Allmählich, wie das Frühjahr fortschritt, verblühten immer mehr

einjährige Pflanzen und trugen Samen. Nun ging die große Erntezeit

für die Ameisen los. In der ganzen Umgebung des Nestes wurden

wohlgebahnte Straßen angelegt, in ihnen waren die Pflanzen ausgerodet

und um alle Hindernisse gingen sie im Bogen herum. Bei dem Straßenbau

waren Arbeiter aller Größen beteiligt. Immerhin waren es vor allem

die Mittelgroßen, welche bei dieser Arbeit vorherrschten. Auf den

Straßen entfaltete sich nun bald ein lebhaftes Treiben. In großen

Zügen wanderten die Ameisen vom frühen Morgen an in die Umgebung

hinaus und bald schon begegneten ihnen schwer beladene Nestgenossen,

welche Beute eintrugen. An alle Pflanzen der Umgebung machten sie sich

heran, pflückten die Samen, die Schoten, die Ähren und Blütenstände

ab und warfen sie auf die Erde herunter. Und unten warteten schon

andere +Messor+-Arbeiter aller Größen, zerschnitten die Pflanzenteile,

beluden sich mit ihnen und wanderten zum Nest zurück. Oft sah man einen

kleinen Arbeiter sich mit einer ganzen Grasähre abschleppen, andere

trugen Schoten, Kapseln, Doldenteile und die verschiedensten Sorten

von Früchten. Je heißer der Tag wurde, desto schneller und eifriger

ging die Arbeit vor sich und im Frühsommer sah man sie in den heißen

Mittagsstunden die Straßen entlang geradezu hasten. Hier und da

schleppten Gruppen von Ameisen einen langen Grashalm; dabei wie bei dem

ganzen Erntegeschäft waren Tiere aller Größenordnungen beteiligt. Schon

frühere Beobachter haben festgestellt, daß die Körnerameisen die Samen

aller in der Umgebung wachsenden Pflanzen eintragen, und daß man nicht

selten 30-40 Arten von Pflanzensamen im Neste nachweisen kann.

[Illustration: Abb. 88. Ringförmiger Abfallhaufen um den Nestausgang

eines Nestes von +Messor barbarus meridionalis+ E. André. Kaluckova 26.

Aug. 1917.]

Hat man am frühen Morgen zu beobachten angefangen, so sieht man nach

einiger Zeit das Bild sich ändern. Nun sind auch die aus dem Nest

kommenden Ameisen schwer beladen, aber sie haben keinen so weiten

Weg als die mit der Ernte einziehenden. Sie legen ihre Last in der

Entfernung von 50 cm bis höchstens einem Meter vom Nesteingang ab. Und

ebenso schnell wie beim Bauen der Ringwälle kehren sie um, nachdem sie,

was sie trugen, schnell abgeworfen haben und rennen zum Nest zurück,

um neue Last zu holen. Was sie hinausschleppen, das ist _Abfall_; die

leeren Schalen, Schoten, Kapseln der vorher eingetragenen Samen, es

sind die Grannen und Spelzen von den Grasähren, dazu kommt allerhand

Unnützes, was sie mitgenommen hatten. Denn es kommt häufig vor, daß die

Körnerameisen im Eifer alle möglichen Dinge in ihr Nest tragen, die

sie dort nicht brauchen können. So hat man in anderen Ländern gesehen,

daß sie Beine und Flügel von Käfern, Schneckenschalen, Kuhmist in

die Nester schleppen; und ich habe ja oben schon beschrieben, daß

sie im Frühjahr auch unreife Samen, selbst Blütenteile, Blattstücke

u. dgl. eintragen. Es sind das wohl psychologisch sehr interessante

Schwankungen und Irrungen des Sammelinstinkts.

Die Sortierung des Unnützen von dem Wichtigen findet erst im Nest

statt; was unbrauchbar und irrtümlich eingetragen war, wird in den

Kammern aussortiert und aus dem Nest wieder beseitigt.

Nun wußte ich also, was die vermeintlichen _Ameisenhaufen_ waren, die

mich ursprünglich so überrascht hatten. Es waren die _Abfallhaufen_

der Körnerameisen; diese erreichten oft eine Höhe von 30, 50 selbst

80 cm Höhe, sie waren ein Zeichen der Arbeitsleistung, die von den

Insassen eines Nestes vollbracht worden war. Die Pflanzenteile

trocknen auf den Abfallhaufen sehr bald aus, und werden dann wie

feingeschnittes Heu leicht vom Wind fortgeblasen. Die Haufen sind kein

wesentlicher Bestandteil der Bautätigkeit der Ameisen, sie entstehen

und vergehen, ohne daß die Ameisen sich weiter um sie kümmern. Diese

laufen ja nur auf der Oberfläche herum und kaum jemals dringt eine

von ihnen freiwillig in das Innere des Haufens ein. Meistens liegen

die Abfallmassen in der Nähe des Nestes; liegt dieses am Abhang, dann

befinden sie sich abwärts von ihm. Während der eifrigsten Arbeitszeit

entsteht auch manchmal ein _Ringwall_ aus den Abfallmassen, ähnlich

wie bei den Erdbauten, auch da kommt es vor, daß ein solcher Wall

halbmondförmig ausfällt, wenn das Nest am Abhang liegt und die Tiere

unmittelbar neben dem Loch den Abfall abwerfen. Dann müssen sie

allerdings später wieder aufräumen, um ihre Straßen frei zu bekommen.

Um festzustellen, was die Ameisen im Nest mit dem Resultat ihrer

Sammeltätigkeit anfingen, mußte ein Nest aufgegraben werden. Das

geschah unter meiner Aufsicht viele Male zu den verschiedenen

Jahreszeiten, um die verschiedenen Geschehnisse im Nest verfolgen zu

können. Es war keine einfache Arbeit, besonders im Sommer, in die

ausgetrocknete harte mazedonische Erde einzudringen. Mit Hacke und

Schaufel hatte man zu arbeiten, obwohl die Nester nicht sehr tief im

Boden lagen, 1-1½ m erstreckten sich die Gänge und Kammern in die

Tiefe. Von der Ausgangsöffnung ging ein ungefähr 2 cm weiter Gang etwa

30 cm fast senkrecht hinunter. Seine Wände waren schön geglättet; er

hatte einen meist kreisförmigen Querschnitt, von ihm gingen kleinere

Seitengänge ab. Diese führten in gewölbte Kammern, die vielfach einen

auffallend ebenen, glatten Boden hatten. Je nach der Jahreszeit

und je nach dem Volksreichtum des Nestes waren mehr oder weniger

Kammern aufzudecken. Bei jungen Völkern war es oft nur eine einzige

oder 4-5, bei starken Völkern fand ich 30-40 Kammern. Die Härte und

Undurchdringlichkeit der Erde für Wasser ermöglicht es den Tieren ohne

Gefahr der Überflutung ihre Nester so oberflächlich anzulegen. Nach

tagelangem Regen fand ich das Wasser oft kaum 3 cm tief in den Boden

eingedrungen.

[Illustration: Abb. 89. Vorratskammern und Gänge im Nest von +Messor

barbarus meridionalis+ E. André. Kaluckova August 1917.]

In Nestern, welche ich im Hochsommer aufgrub, fand ich die obersten

Kammern alle vollgestopft mit frisch eingebrachtem Rohmaterial.

Es waren dies Ähren, Schoten, Samenkapseln, Doldenstücke vieler

Pflanzenarten. Hier hatte ich also das Stockwerk der _Scheunen_

erreicht, in denen zunächst alles abgelagert wurde, was draußen

eingesammelt worden war. Während noch eifrig hereingeschleppt wurde,

war eine ganze Schar von Ameisen beim Putzen des Getreides tätig. Hier

wurde also sozusagen _gedroschen_. Es war ein entzückender Anblick, den

Tieren zuzusehen, wie sie die Körner aus den Ähren herausnahmen, wie

sie die Schalen abschälten, die Kapseln öffneten und die sauberen Samen

aus den Schoten herausholten. Diese Arbeit wurde mit ihren Kiefern

ausgeführt. Mit diesen zerknackten sie die Schalen, bogen und brachen

Teile ab, griffen die Samen und legten sie zur Seite.

[Illustration: Abb. 90. Nestkammern von +Messor barbarus meridionalis+

E. André. Kaluckova August 1917.]

In den Scheunen waren wieder Arbeiter aller Größen tätig. Allerdings

überwogen etwas die kleinen und kleinsten Typen; letztere waren es

vor allem, welche die sauber geputzten Körner aus den Scheunen in die

tiefer gelegenen _Getreidespeicher_ schleppten. Unterdessen war ein

Menge anderer Arbeiter schon dabei, die Abfallstücke durch die Gänge

aufwärts, aus dem Nest heraus und auf den Abfallhaufen zu schaffen.

Dabei war es nun sehr merkwürdig, daß hier im Innern des Nestes

zwischen Nützlichem und Unnützen sehr gut unterschieden wurde. Unreife

Samen, Blumenblätter, Schneckenschalen, Stücke von Insektenkörpern

wurden ausgesondert und auf den Abfallhaufen getragen. Hier fand also

eine viel feinere Unterscheidung statt, als draußen unter dem Einfluß

des Sammelinstinkts.

Hatten die Ameisen in der Nähe ein geeignetes Erntefeld mit

einheitlichem Wachstum gefunden, so fanden sich oft in den Kammern

sauber aussortiert die Samen nur einer Pflanze. So entdeckte ich z.

B. einmal Wickensamen, ein andermal Grassamen in fast allen Kammern

eines Nestes als einziges Ernteresultat. Und vor allem konnten andere

Beobachter eine solche Einheitlichkeit der Vorräte feststellen, wenn

das Ameisennest in der Nähe eines Getreidefeldes sich befand. Dann

waren oft große Massen von Weizen-, Gerste- oder Roggenkörnern schön

reinlich in den Kammern aufgeschichtet.

[Illustration: Abb. 91. Zukleben des Glasdeckels eines Fieldenestes mit

Drüsensekretstreifen.]

Diese eigentümlichen Gewohnheiten der Körnerameisen kannten schon

die Völker, welche im Altertum um das Mittelmeer herum wohnten.

Nicht nur spricht _Salomo_ in seinen Psalmen von den Ameisen, welche

in die Scheunen sammeln, sondern es gibt sogar jüdische Gesetze,

welche bestimmten, wer der rechtmäßige Eigentümer der von den Ameisen

gesammelten Getreidevorräte ist.

[Illustration: Abb. 92. Verschiedene Arbeiterformen von +Messor

barbarus+ E. André im Fieldenest.]

In vielen Fällen konnte ich mich überzeugen, daß die Körner in den

Vorratskammern ganz trocken lagen, und daß sie trotz monatelangen

Liegens nicht zum Keimen gekommen waren. Es war auffallend, daß die

Kammern, in denen die Körner lagen, mit einer eigentümlichen hellgrauen

Masse gleichsam auszementiert waren. Später konnte ich in künstlichen

Nestern feststellen (Abb. 91), daß diese eine schwer benetzbare

wachsähnlich aussehende Substanz ist, welche wahrscheinlich aus den

Analdrüsen der Ameisen stammt. Sie schmierten diese auf die Glasdeckel

der künstlichen Nester, in welchen ich sie hielt, offenbar dabei einem

besonderen Instinkt folgend. Diese Abdichtung der Kammerwände spielt

wohl eine nicht unwesentliche Rolle bei der Verhütung der Keimung der

Samen. Im Lauf des Sommers nahmen die Vorräte in den +Messor+-Nestern

immer mehr zu. Von Woche zu Woche füllten sich die Kammern mit sauber

geputzten Körnern und allmählich wurden die Scheunen leerer und rückten

immer mehr zu Speichern auf. Aber noch lange in den Herbst hinein wurde

noch gesammelt; immerhin hatte der Eifer der Sammler in dieser Zeit

etwas nachgelassen. Am stärksten war die Sammeltätigkeit im Frühsommer,

als die meisten Samen reiften. Interessant war die Beobachtung, daß

während der größten Hitze, im Juli und August, die Körnerameisen die

gleiche Mittagspause machten wie alle Tiere und Menschen im Lande.

In den heißesten Stunden des Tages waren ihre Straßen leer. Dafür

arbeiteten sie wie die mazedonischen Bauern vom frühesten Morgen bis

tief in den Abend hinein, ja in hellen Mondnächten oft bis gegen den

frühen Morgen.

Wir haben oben festgestellt, daß der Hochzeitsflug der Körnerameisen

im April stattfindet. Es muß wohl auch die Zeit sein, in welcher die

alten Königinnen eifrig beim Eierlegen sind. Denn im Juli finden sich

in den +Messor+-Nestern in großen Mengen Larven aller Stadien und auch

schon Puppen. Später im Sommer findet man auch die großen Puppen der

Geschlechtsformen.

[Illustration: Abb. 93. Drei Königinnen mit Arbeitern im Fieldenest.

+Messor barbarus meridionalis+ E. André. Mittlerer Arbeiter füttert

Königin. Üsküb Zitadellenberg. Phot. 12. April 1918.]

In der zweiten Hälfte des Sommers wurden die Nester immer volkreicher.

Dann wimmelt es in Mazedonien geradezu von den Körnerameisen. Offenbar

muß in dieser Zeit für die Larven und das vermehrte Volk im Neste Platz

geschaffen werden, denn nicht selten sieht man dann frische Ringwälle

um die Nestausgänge sich bilden. Zu dieser Zeit sind im Innern neue

Kammern gebaut worden. Die Larven und Eier finden sich in der Regel in

den untersten Kammern, hier und da bemerkte ich in solchen auch geringe

Spuren von Bodenfeuchtigkeit.

Die Zeit, in welcher viele Larven gefüttert werden müssen, ist offenbar

diejenige, in welcher die Samenvorräte zur Verwendung kommen. Wir

haben ja oben gesehen, daß die +Messor+-Arbeiter selbst gern und viel

Insekten fressen. Die +Messor+-Arten sind nahe verwandt mit Ameisen,

welche sich fast ausschließlich von Insekten ernähren. Aber offenbar

reicht mit dem fortschreitenden Sommer und der zunehmenden Zahl der

Erwachsenen und Jugendstadien im Nest die Menge der Insekten in der

Umgebung nicht aus; und so ist jetzt die Zeit, wo, vor allem für die

Larvenernährung, auf die Samenvorräte zurückgegriffen wird. Manche

Samen können die Ameisen wohl ohne weiteres benagen und nach den

Untersuchungen von _Emery_ ist festgesellt, daß sie im Samen den

eiweißreichsten Teil, nämlich den Embryo, bevorzugen. Offenbar reichen

sie solche Bestandteile der Samen in zerbissenem Zustand mit Speichel

vermischt auch ihren Larven als Nahrung.

Mazedonien · 第 13 / 45 段