einzelne Individuum nur wenige Stunden. Einige Tage nach dem 8. Juli
wurden die Zikaden selten. Nur während der heißesten Sommertage ließen
sie ihren Chorgesang ertönen. Früher und später im Jahre hört man nur
einzelne Tiere, meist jedes von seinem Baum sein Trillern entsenden.
Das Weibchen legt seine Eier an den Wurzeln von Pflanzen, so von
Eschen und anderen Bäumen ab. Die entstehende Larve saugt sich mit
ihrem Rüssel an der Wurzel fest und nährt sich von deren Saft. So lebt
sie mehrere Jahre unter der Erde, um dann im letzten Larvenstadium
emporzusteigen und das fertige Insekt aus sich hervorgehen zu lassen.
Dabei reißt die derbe Larvenhaut in einem Längsspalt in der Rückenmitte
auf; das fertige Insekt schlüpft in ganz weichem, verletzlichen Zustand
aus diesem Schlitz heraus und bleibt auf der Larvenhaut oder in deren
Nähe sitzen, bis seine Oberfläche verhärtet ist. Dann breitet es seine
Flügel aus, schwirrt in den Sonnenschein an den nächsten Baum und
beginnt sein Lied zu singen. Nach dem langen Larvendasein unter der
Erde lebt es eine kurze Zeit in Licht und Sonne, um nach Begattung und
Eiablage eines raschen Todes zu sterben.
Ich beobachtete die grauschimmernden Zikaden den ganzen Nachmittag, bis
der Abend herabsank. Als kühle Luft vom See herüberwehte, verstummten
sie, das Konzert war zu Ende.
Erst jetzt achtete ich darauf, daß das Geschützfeuer auch ein Ende
gefunden hatte. Tiefe Stille herrschte in der Natur, als der Abend kam.
Wir wanderten in der Dämmerung die kurze Strecke zu der Wegkreuzung,
wo der Wagen auf uns wartete, der in schneller Fahrt mich zu meinem
Standquartier zurückbrachte.
Es war kein endgültiger Abschied vom Doiransee. Im Mai des Jahres 1918
wurde eine zweite nächtliche Forschungsfahrt auf dem See unternommen,
die mit ähnlichem Erfolg endete.
Schöner als von seinen Ufern aus erscheint der Doiransee von den ihn
umgebenden Gebirgen aus gesehen. Von den Bergen des Furkapasses, vom
Dub und gar von der _Belasiza Planina_ aus gewährt er manch äußerst
reizvollen Anblick.
Welch schönes malerisches Bild bot er von den Gipfeln des Gebirges aus
dar, wenn man etwa aus den Buchenwäldern der Visoka Čuka, umrahmt von
Baumzweigen, tief unter sich den blauen See schimmern sah, umgeben von
den zahlreichen Ketten der ihn umgrenzenden Gebirge, und den Blick
schweifen ließ in Fernen, wo das Ägäische Meer aufleuchtete, wo die
Berge der Chalkidike und der ferne Olymp blau schimmerten und die
Gedanken in weite Fernen verführten.
Über unsere Forschungen am _Doiransee_, bei denen mich im Jahre 1918
Dr. _Nachtsheim_ unterstützte, kann vorläufig folgendes berichtet
werden. Der See ist, nächst dem Kaltanowosee, der kleinste der von mir
untersuchten mazedonischen Seen. Er liegt auch viel tiefer als die
anderen, nämlich 148 m über dem Meer. Er umfaßt ein Areal von nur 42,6
qkm. Seine größte Tiefe ist 9,9 m, also nur fast 10 m. Man versteht
daher die weitgehende Verschlammung seiner Ufer und den breiten
Schilfrand, der ihn umgibt.
Wie bei dem allerdings beträchtlich tieferen Prespasee ist auch sein
_Plankton_ reich an _pflanzlichen_ Bestandteilen. Bei dem Fang im Juli
1917 fanden sich zahllose _Blaualgen_ in den Oberflächenschichten,
auch reichlich _Ceratien_, Chrysomonadinen und andere pflanzliche
Organismen. Ähnlich pflanzenreich waren auch die Fänge im Mai 1918.
Diese enthielten dazu zahlreiche Daphniden (+Daphnia cucullata+)
und Copepoden, kleine Cyklopiden (+Cyclops strenuus+). In diesen
Frühlingsfängen kamen junge _Flohkrebse_ (+Gammariden+) in beschränkter
Zahl vor. In 8 und 10 m Tiefe, also dicht über dem Boden, fanden
sich auffallend viele +Nauplius+-Stadien von Copepoden. Das Netz muß
hier fast auf dem Boden geschleift sein; in ihm hatten sich einige
_Muschelkrebse_ (+Ostracoden+) und eine Anzahl _Wassermilben_ gefangen.
[Illustration: Abb. 75. Blick von der Visoka Čuka auf den Doiransee.]
In den Julifängen fällt besonders eine stattliche +Cladocere+, eine
Art der Gattung +Leptodora+, auf. Dieses schöne durchsichtige Tier,
aus unseren süddeutschen Seen bekannt und von _Weismann_ vor vielen
Jahren im Bodensee genau studiert, kommt in vielen Varietäten und
Arten in süd- und osteuropäischen Seen vor. In den Julifängen war
die Art des Doiransees sehr reichlich in Männchen und Weibchen,
jugendlichen und erwachsenen Exemplaren vertreten, viel reichlicher
als in den Maifängen des Jahres 1918. Der Höhepunkt der Entwicklung
scheint also im Hochsommer zu liegen. Im Juli war auch der Reichtum an
_Rädertierchen_ (+Asplanchniden+) bemerkenswert, sowie das Vorkommen
einer +Bosmina-Art+, einer Daphnide, die beide im Mai fehlten. Selbst
weit draußen im See schwammen zwischen den zarten Planktontieren die
plumperen Larven der Federmücken.
Im Doiransee kommt auch der _Flußkrebs_ (+Astacus fluviatilis+ L.) vor,
und zwar erreicht er dort eine beträchtliche Größe. Die Doirankrebse
waren in der Armee sehr berühmt und beliebt.
Leider war es mir unmöglich, Fische aus dem Doiransee zu erhalten. Nur
kleine Fischlarven waren in den Planktonfängen enthalten.
Außer den früher erwähnten _Insekten_ möchte ich aus der _Schilfregion_
des Doiransees den Reichtum an schönen, auffallend gefärbten
+Stratiomyiden+, den _Waffenfliegen_, erwähnen, welche in verschiedenen
Arten vertreten waren, so +Lasiopa tenuirostris+ Lw., +Rhynchomyia
impavida+ Rossi, +Rh. speciosa+ Lw., +Stratiomyia erythrocera+ Egger
und +Str. chamaeleon+ L. -- Unangenehm machte sich an dem heißen
Julitag die _Bremse_ +Tabanus umbrinus+ Mg. bemerkbar.
Von Käfern fand ich als auffallende Form an den Baumstämmen einen
kleinen braunen, goldglänzenden _Borkenkäfer_ (+Capnosa tenebriosa+
Fal.). Im Juli kamen wir für die _Rohrkäfer_ (+Donacien+) zu spät und
bei dem Besuch im Mai konnten wir nur nachts uns am See aufhalten.
[Illustration: Abb. 76. +Leptodora+ sp. Großer durchsichtiger
Planktonkrebs aus Doiran- und Prespasee. Vergr. 10.]
Von Spinnen fing ich +Oxyopes ramosus+ Panz., +Thanatus arenarius+
Thor., +Epeira redii+ Leop., +E. patagiata+ Clerck, +Agalena
labyrinthica+ Clerck und +Pythonissa exornata+ C. L. Koch.
Wie schon die Gegend von Mravinca und Dedeli, so trug die Umgebung
des Doiransees in ihrer Tierwelt einen _südlichen_ Charakter. Es
wäre zu wünschen gewesen, daß wir mehr Gelegenheit zu Arbeit und
längerem Aufenthalt in diesem Gebiet gehabt hätten. Immerhin wurden
unsere Forschungen ergänzt durch die Sammlungen, welche Prof.
_Burgeff_, Botaniker an der Münchener Universität, der als Soldat
längere Zeit an der Doiranfront stand, dort anlegte. Unter ihnen sind
die _Reptilien_ besonders interessant, so die _Wasserschildkröte_
(+Clemmys caspica rivulata+ Val.); der kleine _Gecko_, dessen Wohnen in
meinem Schlafzimmer ich im zweiten Kapitel beschrieb (+Gymnodactylus
kotchyi+ Stud.) ist auch eine ausgesprochen südliche Form. Östliche
und südliche Beziehungen zeigt eine mit den Riesenschlangen verwandte
kleine Schlange (+Eryx jaculus+ L.), die _Sandschlange_. Ein ähnlich
interessanter Fund war +Typhlops vermicularis+ Merr., die im Boden
lebende _Blindschlange_. Auch der seltsame _Scheltopusik_ (+Ophisaurus
apus+ Pall.), wie die Blindschleiche einer Schlange gleichend und doch
so ganz anders plump gebaut als diese, erscheint als fremdartiges
Element in diesem Land, das in seinem Charakter eine so starke
Durchmischung südlicher und nördlicher, östlicher und westlicher
Bestandteile zeigt.
Die Doiranseegegend bildet offenbar in vielen Beziehungen einen
Übergang zu dem südlichsten Teil der Balkanhalbinsel. Hier geht die
Landschaft allmählich über ins flache Land bei Saloniki. Hier zeigt
sich schon der beginnende Einfluß des Meeres und damit eine Annäherung
an die Verhältnisse Griechenlands und an die adriatische Küste des
Balkans.
ELFTES KAPITEL
DIE MAZEDONISCHEN AMEISEN UND IHRE BAUTEN
Auch die Ameisen sind in Mazedonien Tiere, welche man nicht übersehen
kann. Sie kommen in allen Teilen des Landes in großen Mengen vor. So
konnte ich während der 2 Jahre meiner Forschung in diesem Lande 36
Arten und Unterarten auffinden, wie aus den Bestimmungen von Herrn _H.
Viehmayer_ in Dresden, der meiner Sammlungen sich freundlich angenommen
hat, hervorgeht. Diese von mir aufgefundene Zahl von Arten ist nicht
allzugroß, es gibt ihrer in Mazedonien sicher noch mehr. Aber da ich
meine Forschungen nicht speziell auf Ameisen beschränkte, so ist es
immerhin eine beträchtliche Zahl.
Mit ihrer Bautätigkeit bearbeiteten die Ameisen den Boden in einer ganz
erstaunlichen Weise, und wir werden später sehen, daß sie gerade in
Mazedonien damit eine besondere Rolle spielen, ganz zum Unterschied von
anderen Ländern, wo andere Tierarten die Hauptarbeit an der Umarbeitung
des Bodens leisten.
Wie bei der übrigen Tierwelt und bei der Pflanzenwelt zeigt sich in
der Ameisenfauna Mazedoniens eine Mischung von Arten, welche teils
südlichen und östlichen Charakter haben, teils nordischen Arten
entsprechen. Vor allem im Süden des Landes und im Tiefland treten die
südlichen Arten von Ameisen hervor. Sie fallen dem Deutschen vor allen
Dingen auf, weil sie in Aussehen und Lebensverhältnissen von unseren
Ameisen abweichen. Ganz besonders machte sich in den heißen Teilen
Mazedoniens eine Ameisengattung bemerkbar, die Gattung +Messor+, welche
in ganzen Armeen beobachtet werden konnte, und deren Nester sehr häufig
waren. In der gleichen Gegend kamen kleine gelbe Ameisen vor, bei denen
neben den winzigen Arbeitern sogenannte Soldaten mit mächtig dicken
Köpfen herumliefen. Es ist dies die Gattung +Pheidole+, die einzige
europäische Ameise mit echten Soldaten. Außerdem gab es Vertreter der
Gattungen +Cataglyphis+ und +Cremastogaster+, welche durch ihre große
Lebhaftigkeit auffielen. Alles das sind _südliche_ Ameisenformen, die
in Steppen und Wüsten vorkommen und zum Teil bis Nordafrika verbreitet
sind.
Ganz andere Ameisen leben im Gebirge. Kam man in die Wälder in Höhen
von 1500-2000 m, so stieß man auf Ameisenarten, welche unseren
einheimischen außerordentlich ähnlich waren und sich auch als die
nämlichen herausstellten. Es waren dies Arten der Gattung +Formica+;
diese fand ich niemals in Höhen von weniger als 1500 m. Dort gab es
auch die +Formicina+-Arten, die man früher als +Lasius+ bezeichnete,
und die Holzameisen aus der Gattung +Camponotus+. Die beiden letzteren
Gattungen fand man auch im Flachland, allerdings dort nicht so häufig
als in den Bergen, während die +Formica+-Arten in Mazedonien mir unten
niemals begegneten.
Es ist zu verstehen, daß ich die meisten Ameisenarten in der Umgebung
derjenigen Orte fand, welche längere Zeit mein Standquartier waren.
So fand ich in der Gegend von _Kaluckova_ 14, bei _Üsküb_ 12 und bei
_Dedeli_ ebenfalls 12 Ameisenarten.
In _Mazedonien_ ist wie überhaupt in Südeuropa diejenige Form die
typische _Hausameise_, welche man bei uns die Rasenameise nennt
(+Tetramorium caespitum+ L.). Diese kleine braune Ameise drang viel in
die Quartiere ein, sie war im ganzen Land bis 1600 m Höhe verbreitet
und konnte sehr lästig werden. So war sie es besonders für den
Naturforscher, dem sie gelegentlich seine genadelten Insekten und die
schon verpackten Schätze überfiel und auffraß, so daß nur wenige Beine
und Flügel übrig blieben. Mit Naphthalin konnte man sie schnell und
sicher vertreiben. Es tötet sie rasch und sein Geruch hält sie von den
Sammlungen ab.
In den Maulbeerpflanzungen um _Kaluckova_ gab es viele Holzameisen aus
der Gattung +Camponotus+. Vor allen Dingen in alten Bäumen hatten sie
vielfach ihre Gänge genagt. In solchen lebten auch Ameisenarten, welche
in den hohlen Stämmen feingegitterte Nester aus einer Kartonmasse
gebaut hatten. Sie ließen sich als die Arten +Liometopum microcephalum+
Panz. und +Cremastogaster scutellaris schmidti+ Mayr. bestimmen.
Noch mehr Ameisen gab es aber auf den bebuschten Hügeln in der ganzen
Gegend um _Kaluckova_. Da herrschten die +Messor+-Arten vor. Deren
Löcher waren überall zu sehen und ihre Straßen durchzogen die ganze
Gegend. Von ihrer Lebensweise werden wir später ausführlich hören.
Großes Interesse erregt durch ihre Bewegungen eine große schwarz und
rot gefärbte Ameise. Wie die +Messor+-Arten kam sie aus Bodenlöchern
und jagte in der ganzen Gegend nach Insekten. Kam man dieser Ameise
nahe, so hob sie den rotgefärbten Kopf und den Brustteil nebst den
Vorderbeinen hoch in die Höhe, sperrte die Kiefer weit auseinander und
war bereit, sofort zuzubeißen. Mit einer seltsamen Hast rannte sie in
dieser Stellung hin und her und packte an, was ihr in den Weg kam. Es
war +Cataglyphis bicolor+ F. var. +orientalis+ For. Sie gleicht in
ihren bizarren Bewegungen und in ihrer eifrigen Jagd auf allerhand
Insekten den zahlreichen Formen ihrer Gattung, welche in den Wüsten
Nordafrikas leben.
Reiche Ausbeute an fliegenden Geschlechtstieren von Ameisen lieferte
das hellbeleuchtete Kasino des Lazaretts _Kaluckova_ an den schönen
warmen Sommerabenden. Da flogen manche Formen an, deren Nester ich
nicht in der Umgebung gefunden hatte. Der Aufenthalt in _Üsküb_ und
bei _Dedeli_, sowie die Reisen in die Gebirge Mazedoniens brachten mir
eine ganze Menge von Ameisenarten, von denen ich aber hier nicht weiter
sprechen will.
Ameisen bekam ich also während meines Aufenthaltes in Mazedonien in
Menge zu sehen. Aber etwas vermißte ich in den ersten Monaten meines
Aufenthaltes in diesem interessanten Lande, was wir bei uns gewöhnt
sind, mit Ameisen und Ameisenleben stets verbunden zu denken. Ich bekam
keinen einzigen _Ameisenhaufen_ zu sehen. Als mir das aufgefallen war,
begann ich aufmerksam darauf zu achten, und ich merkte bald, daß hier
alle Ameisen, die nicht etwa wie die Holzameisen in Bäumen bauen,
sich unter die Erde zurückgezogen hatten. Viele von ihnen hausten
unter Steinen. Unter diesen begannen ihre Gänge, die in den Boden
hineinführten, auch hatten sie vielfach in dem Hohlraum, der sich etwa
unter dem Stein befand, Wände errichtet, so daß Kammern und Gänge
entstanden waren. So fand ich die Arten von +Tetramorium+, +Pheidole+,
+Cataglyphis+, +Plagiolepis+, +Solenopsis+, +Tapinoma+, +Myrmica+ und
+Cremastogaster+ entweder immer oder gelegentlich unter Steinen; sogar
eine Art von +Formica+ und zwei solche von +Camponotus+ fand ich im
Boden unter Steinen hausend.
Was sonst von Ameisen in der Gegend lebte, lebte auch im Boden, wenn
auch nicht unter Steinen. Die Löcher dieser anderen Arten traten
aber frei an die Oberfläche und waren im Frühjahr von eigenartigen
_Ringwällen_ umgeben. Diese Ringwälle bestanden aus dem _Bauschutt_,
der bei dem Ausgraben der Gänge aus der Erde herausgeschafft worden
war. Solche Nester bezeichnet man als _Kraternester_, weil der Ringwall
sich wie der Krater eines Vulkans zu dem Ausgangsloch des Ameisennestes
herabsenkt. Die Kraternester waren charakteristisch für eine ganze
Anzahl Ameisenarten in den Hügeln bei _Kaluckova_. Es waren dies vor
allem die dort vorkommenden drei Arten der Gattung +Messor+. Ich
will gleich ihre Namen nennen und ihr Aussehen kurz beschreiben. Die
häufigste Form war +Messor barbarus meridionalis+ E. André, eine sehr
dunkelgefärbte Art; ihr Kopf und fast der ganze übrige Teil des Körpers
sind schwarz. Nur der Brustteil, die Knötchen und die Gelenke der Beine
zeigen hellbraune Färbung. Die zweite Form +Messor oertzeni+ For. var.
+amphigea+ For. ist auch nicht selten, sie fällt durch einen rotbraunen
Kopf und Vorderkörper auf, auch ihre Beine haben dieselbe Färbung,
während der Hinterleib schwarz ist. Etwas weniger häufig war eine
dritte Form +Messor barbarus structor+ Lar. var. +mutica+ Nyl.; sie war
ähnlich gefärbt wie die erste, fast noch dunkler am ganzen Körper mit
helleren Beinenden.
[Illustration: Abb. 77. +Messor barbarus meridionalis.+
Geschlechtstiere und alle Arbeiterformen um die Nestkrater sich
bewegend.]
Außer bei diesen drei Arten fand ich ähnliche _Kraternester_ bei
+Tetramorium caespitum+ L., +Cataglyphis bicolor+ F. var. +orientalis+
For. und einer gelben +Formicina+-Art. Es war eine sehr auffällige
Beobachtung, daß hier alle Ameisen, die nicht in Bäumen hausten, in der
Erde wohnten, und daß keine einzige einen _Ameisenhaufen_ baute.
[Illustration: Abb. 78. Ringwälle (Kraternester) von +Messor barbarus
meridionalis+ E. André, bei Üsküb.]
Den ersten _Ameisenhaufen_ entdeckte ich, als ich Expeditionen in
die Hochgebirge Mazedoniens unternahm. Da fand ich im August 1917 im
_Schardakh_, also im albanischen Grenzgebirge, in der Gipfelregion der
_Kobeliza_, von etwa 1800 m Meereshöhe ab, regelrechte Ameisenhaufen,
wie wir sie in unseren Wäldern zu sehen gewohnt sind. Das waren die
großen, aus Tannennadeln, Holzstückchen, Erde und allerhand anderem
Material aufgebauten Haufen, welche man als die _gemischten Nester_
der Ameisen zu bezeichnen pflegt. Von da an achtete ich bei allen
meinen Gebirgsfahrten auf die Ameisenhaufen und fand solche in allen
Gebirgen, und zwar jeweils in der Waldregion und niemals in Höhen von
unter 1500 m. Eine richtige Entwicklung von Ameisenhaufen war stets
erst bei etwa 1800 m Meereshöhe zu beobachten. Als ich diese Haufen
untersuchte, fand ich in ihnen die typischen deutschen Waldameisen aus
der Gattung +Formica+, dieselben Arten, welche ich in den Bayrischen
Alpen und im Schwarzwald viel gesehen hatte. Es waren Nester von
+Formica (Rhaphi-formica) sanguinea+ Latr., +Formica rufa+ L., +Formica
(Serviformica) fusca+ L., +F. exsecta+ Nyl. und Varietäten von ihnen.
Diese Beobachtungen machten mir manches klar. Mit den Wäldern hatten
diese Waldameisen sich in die Berge zurückgezogen. Ich habe nie einen
Vertreter einer +Formica+-Art im Flachlande Mazedoniens gefunden. Eine
einfache Überlegung zeigt, daß hügelbauende Formen in dem trocknen,
heißen Tiefland Mazedoniens gar nicht existieren könnten; in der Hitze
des Sommers würde das ganze Material des Haufens in Kürze ausgetrocknet
und würde von den lokalen Winden nach allen Seiten zerstreut.
Nun fielen mir die feinen Beobachtungen wieder ein, welche _Forel_
an den Ameisenhaufen der schweizer Ameisen gemacht hat, und die
interessanten Erwägungen, die er an seine Beobachtungen anknüpfte.
Unsere mitteleuropäischen Ameisen brauchen ihre Haufen, darum kann man
auf jeder Wiese, an jedem Ackerrand die um Gras und Kräuter aufgebauten
Erdkuppeln und in jedem Wald die aus gemischtem Material errichteten
kleinen und großen Haufen finden. Sie alle stellen für die Ameisen
_Wärmesammler_ dar. In den Erdkuppeln sind es die Sonnenstrahlen,
welche den verschiedenen Kammern eine verschiedene Wärme zuführen. In
den Haufen der Waldameise wird eine ganz andere Wärmequelle ausgenützt;
es ist die _Gärungswärme_, welche in dem feuchten Pflanzenmaterial
dieser Haufen ähnlich wie in zu feucht eingetragenem Heu sich
entwickelt. Man weiß ja, daß durch Bakteriengärung im Heu gelegentlich
eine solche Hitze hervorgerufen wird, daß Selbstentzündung dadurch
bewirkt wird. Ähnliche Gärungserscheinungen erzeugen im Ameisenhaufen
Temperaturen, welche oft bis zu 10° C über der Lufttemperatur in der
Umgebung erreichen. Ich habe mich selbst durch Messungen von dieser
Temperaturerhöhung überzeugt. Diese im Haufen entstehenden, in dessen
verschiedenen Zonen verschiedenen Temperaturen, zugleich mit der
verschiedenen Feuchtigkeit seiner Schichten nützen die Ameisen bei
der Pflege ihrer Entwicklungsstadien aus. Sie heben die Eier in den
feuchtesten Regionen, die Larven in den mittleren, die Puppen in den
heißesten und trockensten Räumen ihres Haufens auf. Und je nach der
Entwicklungsstufe werden die Stadien in die geeigneten Räume gebracht.
Es leuchtete mir ein, daß solche Wärmesammler in dem heißen Klima
Mazedoniens unnötig waren und bei der Trockenheit des Sommers gar
nicht bestehen konnten; und so war es wohl zu verstehen, daß sie
in Mazedonien nur in den regenreicheren Gebirgszonen mit milderem
Sommerklima vorkamen.
[Illustration: Abb. 79. Nestausgänge, Abfallhaufen und Straßenbau bei
+Messor barbarus meridionalis+ E. André. Kaluckova August 1917.]
So war es denn eine große Überraschung für mich, als ich im Sommer
1917 in dem mir so gut bekannten Gelände der Umgebung von _Kaluckova_
Haufen von Pflanzenteilen bemerkte, welche insofern an Ameisenhaufen
erinnerten, als viele Ameisen sich daran zu schaffen machten. Ich
erkannte sofort in diesen die in der Gegend häufigsten Ameisen, die
+Messor+-Arten. Eine Untersuchung der Haufen zeigte mir, daß es sich
nicht um bewohnte Bauten der Ameisen handelte. Sie bestanden aus
allerhand locker angehäuften Pflanzenteilen und ich konnte sehen, daß
die Ameisen noch an der Vergrößerung der Haufen arbeiteten. Es war
eine stark belebte Straße, welche zu dem Haufen führte, und sie kam
direkt vom Ausgang eines Nestes her. Wie oft hatte ich in den letzten
Wochen gerade diese Ameisen beobachtet, welche in Zügen von vielen
Tausenden auf ihren wohlgebahnten Straßen emsig hin und her liefen.
Diese Züge bestanden aus ganz verschieden großen Tieren, offenbar
verschiedenen Formen der gleichen Art. Die einen davon waren auffallend
groß und hatten als auffallendstes Merkmal dicke Köpfe mit mächtigen
Kiefern. Die kleinsten waren kaum ein Drittel so groß wie sie, hatten
viel kleinere Mundgliedmaßen. Und zwischen ihnen liefen Individuen,
die in Größe und Gestalt alle Übergangsformen zwischen diesen Extremen
darstellten. Wie schon längst bekannt ist, sind die +Messor+-Arten
Ameisen mit unvollständigem Dimorphismus. Die _Dickköpfe_ sehen aus wie
die Soldaten, welche bei den Ameisenarten mit vollkommenem Dimorphismus
als besondere Formen vorkommen. Hier auf den Straßen sah man sie sich
aber genau wie gewöhnliche Arbeiter benehmen. Sie trugen und schleppten
Pflanzenteile aus dem Nestloch auf den Haufen und dabei wurden sie von
ihren Kameraden aller Größen mit demselben Eifer unterstützt. Wie in
Größe und Gestalt keine scharfen Gegensätze sich zeigten, so waren auch
Funktionen und Leistungen bei allen Individuen annähernd die gleichen.
[Illustration: Abb. 80. Besonders großer Abfallhaufen bei +Messor
barbarus meridionalis+ E. André. Kaluckova 26. Aug. 1917.]
Mit Freuden sah ich, daß ich _Körnerameisen_ vor mir hatte, eine
Art jener Körnersammler, die schon seit dem Altertum die Phantasie
der Völker beschäftigt haben. Ich beschloß sofort diesen Tieren
besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Lebensweise möglichst
genau zu untersuchen auf die Gefahr hin, daß ich nur längst bekannte
Beobachtungen bestätigen könnte. Im Verlauf meiner Forschungen konnte
ich auch manche Dinge feststellen, die noch unbekannt waren.
Während der Jahre 1917 und 18 habe ich ihr Leben während aller
Jahreszeiten verfolgt. Im Winter allerdings waren sie verschwunden und
hielten ihren _Winterschlaf_ unter der Erde. Ich konnte feststellen,
daß der Boden in den Tiefen, in denen sie lebten, gefroren war; die
ganzen Ameisenvölker befanden sich in den kalten Wintermonaten Dezember
und Januar in einem Zustand der _Winterstarre_. Diese hielt durchaus
nicht den ganzen Winter hindurch gleichmäßig an, sondern sowie wärmeres
Wetter eintrat, sobald die Sonne heiß auf die von ihnen bewohnten
Hänge schien, wagten die Ameisen sich heraus. Aber es war Zufall,
wenn man sie dann bemerkte; denn während des Winters sah man keine
Spur von ihren Bauten, Wind und Regen hatten die Eingänge der Nester
zugeschwemmt. Auf der Spitalwiese in _Üsküb_, unter deren Boden sich
eine Menge von Nester befanden, war im Winter keine Spur von diesen zu
bemerken. Die ganze Oberfläche bestand je nach der Witterung aus Staub
oder Schlamm. Mehrere Wochen lang war die Wiese sogar mit einer hohen
Schneeschicht bedeckt.