Unsere Fahrt war in allen Einzelheiten aufs sorgfältigste vorbereitet

und alles klappte prachtvoll. Am Abend des 8. Juli 1917 kam es zum

ersten Besuche des Doiransees. Zwei Tage vorher waren meine Netze,

Planktonapparate, Thermometer und sonstigen Instrumente aus Deutschland

angekommen. Gute Hilfe leisteten mir wissenschaftliche Kollegen,

welche als Offiziere bei den deutschen Truppen der 1. Bulgarischen

Armee standen. Einer von ihnen, einer meiner alten Schüler, Hauptmann

_Frischholz_, befehligte einen Pionierpark im Wardartal. Von ihm

hatte ich schon manche Hilfe erfahren. Er begleitete mich auf der

Doiranfahrt und übernahm die militärische Führung. Angeschlossen hatte

sich noch der Münchener Geologe Dr. _Leuchs_, der als Kriegsgeologe im

Gebiet tätig war.

Abends nahm uns am Bahnhof in _Dedeli_ ein Auto des A.O.K. auf und

brachte uns rasch über den _Furkapaß_ durch das Tal von _Cerniste_

in die Nähe des Sees. Ein rotgoldener Abendhimmel überstrahlte das

westlich vom See gelegene Gebiet des _Dub_ und der angrenzenden Berge,

als wir uns in ihrem Schatten dem See näherten. Vorsichtig mußten

wir die im Schußbereich der feindlichen Artillerie liegende Straße

benützen. Vorsicht hieß rasch fahren und etwas riskieren. Es dunkelte

schon, als ein Reiter uns empfing und uns durch die Granattrichter die

Straße entlang soweit geleitete, als Fahren möglich und erlaubt war.

Der Spiegel des Sees blinkte auf, als wir aus dem Wagen stiegen, um

zu Fuß in einer Wanderung von wenig Kilometern das Boot zu erreichen.

Viel konnte man hier vom See nicht erkennen. Denn das ganze Nordufer

und ein großer Teil des Westufers sind flach; ein breiter Schilfgürtel

faßt hier den See ein. Der Abendwind rauschte in den Binsen, leise

plätscherten die Wellen, während wir bei steigender Dunkelheit nach dem

Boot suchten. Es lag versteckt im Schilf nahe bei der Stadt Doiran.

Schon war es vollkommen dunkel, als wir den auf uns wartenden

Pionierponton fanden; in der Finsternis leiteten uns das leise Rasseln

der Ketten und die Stöße der Ruder am metallenen Rumpf des Bootes.

Deutsche Pioniere nahmen uns auf und ruderten langsam seewärts. Es war

nicht einfach, in der dunklen Nacht durch den mehrere hundert Meter

breiten Schilfwald den Weg zu finden. Aber unsere Soldaten -- sie waren

meist von Beruf Fischer und Seeleute -- kannten sich im Gebiet gut aus

und brachten uns bald aufs freie Wasser hinaus.

Dunkelheit umfing uns, als wir aus dem krachenden Schilf auf die

Fläche des Sees hinausglitten. Leise mußten die Ruder eingetaucht

werden; denn weit tönte der Schall über das Wasser. Wir machten unsere

Apparate bereit, brachten die Seile und Schnüre in Ordnung. Hauptmann

_Frischholz_ warnte vor Benutzung der Taschenlaternen, um den Feind

nicht auf uns aufmerksam zu machen. Am dunklen Himmel strahlten die

Sterne stark und schön in der warmen Julinacht; manche warfen einen

blinkenden Streifen über die Wellen. Drüben am feindlichen Ufer

blitzten Lichter auf, roter Rauch von Lagerfeuern stieg in die Höhe.

Leise fuhr unser Boot über dem schwarzen, leise gurgelnden Wasser. Es

war eine eigenartige Empfindung, so einsam, fern von allen Menschen,

als Einzige auf dem dunklen See zu treiben.

Wir hatten nicht Zeit uns lange Stimmungen hinzugeben. Wir mußten

rasch unsere Arbeiten erledigen, um nicht das Leben deutscher Soldaten

zwecklos zu gefährden. Unsere Thermometer wurden in verschiedene Tiefen

gesenkt, die Temperaturen gemessen. Währenddessen wurde gelotet und

unsere Planktonnetze schwebten im klaren Wasser. Unter dem Kommando

_Frischholz'_ bewegte sich das Boot gewandt und zweckentsprechend. In

kurzer Zeit konnte ich alle gewünschten Untersuchungen durchführen.

In den Glasgefäßen hatte sich wohl eine vielgestaltige Welt von

Planktontieren angesammelt, die wir nur ahnten, noch nicht feststellen

konnten. Denn der Hauptmann gestattete nur sekundenlange Lichtblitze

aus den Taschenlampen zum Ablesen der Uhren, zur Überwachung der

Apparate, der Netze, der Seile und Drähte.

Unter langsamen Ruderschlägen hatte das Boot mehrere Kreise in der

Mitte des Sees gefahren. Währenddessen hatten wir die vorgenommenen

Untersuchungen erledigt und der Hauptmann mahnte in seiner großen

Gewissenhaftigkeit zur Rückkehr zum Ufer.

Mittlerweile waren die Berge am jenseitigen östlichen Ufer allmählich

deutlicher geworden. Ein zarter goldner Schein begann am Himmel hinter

ihnen emporzusteigen und ließ ihre Umrisse scharf hervortreten. Der

Mond nahte hinter ihnen und mußte bald seine Strahlen über die Fläche

des Sees werfen.

Wir wandten uns zum Ufer und die Pioniere zogen die Riemen kräftig

an. Mit dumpfem Gerumpel drehte sich das Boot. Hatte dies Geräusch zu

stark über den See geschallt oder war doch vorher unser Lichtblinken

beobachtet worden, plötzlich blitzten die beiden englischen

Scheinwerfer am jenseitigen Ufer auf und warfen breite Lichtbahnen über

den See. Einige Schüsse krachten, Maschinengewehrfeuer weckte das Echo

der Berge.

Dann war es wieder dunkel. Die Pioniere legten sich fest in die Ruder,

unser schweres Boot rollte gurgelnd über den Wellen und bald strich

es prasselnd durch einzelne Schilfgruppen, die vor dem eigentlichen

Schilfwald aufragten. Wir suchten in der Dunkelheit lange nach den

Gassen, die den Schiffern vertraut waren. Es war nicht leicht, in

der Nacht in der gleichmäßigen Schilfwand die richtige Einfahrt

aufzufinden. Schließlich fuhren wir in eine Gasse ein und hielten

aufs Ufer zu. Bald schloß sich aber der Weg, wir gerieten in dichtes

Schilf, das rauschend und knisternd vor unserem Boot sich bog und

brach und sich schließlich so verfilzte, daß unser Boot umklammert

und festgehalten wurde. Wir steckten fest im Schilf und es kostete

starke Arbeit bis wir uns wieder freigemacht hatten. Nun fuhren wir

weiter durch das dicke Schilf, in dem es keinen Durchblick und keinen

Überblick gab. Hoch ragten die Schilfhalme, etwa 3 m lang, über unsere

Köpfe, selbst wenn wir uns auf Kisten und Eimer stellten und hoch

emporreckten. Wir kamen durch mehrere offene Stellen im Schilf, die wie

stille Weiher aussahen. Sie waren aber selbst wieder vom Schilfwald

umgeben, in den wir immer wieder eindrangen, um noch mehrmals hängen zu

bleiben. Plötzlich saßen wir auf einer Sandbank fest.

Um uns immer das eintönige Rascheln des Schilfes, das Säuseln des

Nachtwindes in seinen Halmen. Es wurde etwas unheimlich in der dunklen

Nacht in dieser Wirrnis der Pflanzen. Hatten wir auch nicht die

Richtung verloren, gerieten wir nicht in das Gebiet der Engländer?

Mit kräftigem Entschluß befahl schließlich der Hauptmann wieder aus dem

Schilfwald herauszurudern. Wir kamen durch, bohrten uns bis an seinen

Rand zum offenen Wasser und ruderten nun am Schilf entlang bis zu einer

neuen Straße, die durch einen verfallenen Pfahlbau gekennzeichnet,

unsere Schiffer zu einem bekannten Landungsplatz führte. Wir waren

etwas weiter nach Norden, also weg von den Engländern ans Land gekommen.

Wir kletterten am Ufer hinauf; vorsichtig luden wir Instrumente

und Netze sowie die Gläser mit der kostbaren Ausbeute aus. Wir

standen im tiefen Dunkel, in für uns alle unbekanntem Land, als das

Rauschen im Schilf wieder anhob und uns verriet, daß unsere getreue

Schiffmannschaft ohne Abschied, ohne unseren Dank abzuwarten, in der

Nacht verschwunden war.

Wir fanden aber bald die uns bekannte, am See entlang laufende

Landstraße, die uns orientierte. Nun hätten wir in mehrstündigem

Marsch zu Quartieren gelangen können, um dort den Rest der Nacht zu

verbringen. Ich hatte aber die Absicht, den nächsten Tag noch am Ufer

des Doriansees zu verbringen und weitere Untersuchungen zu machen.

So stiegen wir seitlich vom See einen Hügel hinan, um in einiger

Entfernung von der Straße uns zwischen Büschen ein Nachtlager zu

suchen. Wir hatten außer unseren Apparaten keinerlei Gepäck bei uns. In

der lauen Julinacht konnten wir ohne Scheu am Boden im Gras schlafen.

Wir wanderten aber einige hundert Meter über die Straße bergauf, weil

wir wußten, daß jene nachts regelmäßig mit schwerem Geschütz beschossen

wurde, da sie die einzige Etappenverbindung für unsere Truppen in der

Doiranstellung darstellte.

Unterhalb _Kara Oglular_ fanden wir eine mit Büschen der Stacheleiche

bedeckte Mulde, die wir uns als Nachtquartier erwählten. Kaum waren wir

angelangt, so wurden beim Schein der Taschenlampen die Planktonfänge

geprüft, die nötigen Konservierungen vorgenommen und der mitgebrachte

Proviant verzehrt.

In den Gläsern fand sich ein Gewimmel von durchsichtigen glitzernden

Planktontieren. Beim unsicheren Licht der Taschenlampen konnte man

gerade noch erkennen, daß +Copepoden+ und +Daphniden+ im Wasser

schwirrten, ja ich glaubte schon, einen größeren Planktonkrebs zu

sehen, der sich dann später tatsächlich als eine interessante Form, als

eine Verwandte der +Leptodora+ des Bodensees erweisen ließ.

Müde legten wir uns dann am Boden nieder, um einige Stunden zu

schlafen. Leuchtkäfer leuchteten zwischen den Gräsern und schwirrten

durch die Luft, als wir in Gruben uns schmiegten, um uns vor dem

aufkommenden Seewind zu decken. Wir kamen aber nicht zum Schlafen, denn

wir wurden alsbald von Mückenschwärmen umsummt, die sich in Massen auf

unsere Gesichter und Hände niederließen. Das mußte uns beunruhigen,

denn wir alle wußten, daß die Ufer des Doiransees zu den schlimmsten

Malariagegenden des Kriegsschauplatzes gehörten. Natürlich glaubten

wir, von den gefährlichen Malariamücken, den +Anopheles+, umschwärmt zu

sein.

Am Morgen konnte ich feststellen, daß unsere Sorge umsonst war. Denn

ich fand, als es hell wurde, daß die dichten Mückenschwärme von einer

harmlosen nicht stechenden _Federmücke_ aus der Gattung +Chironomus+

gebildet wurden. Ihre Larven erfüllten in Massen das Uferwasser des

Doiransees und selbst im nachts gefischten Plankton aus der Mitte des

Sees waren sie zahlreich vertreten.

Wir nahmen nun alle pflichtgemäß unsere bis dahin unter den starken

Eindrücken vergessene Chinindosis und bewegten uns etwas weiter

bergauf. Und das hatten wir nicht zu bereuen; mittlerweile war der

Mond aufgegangen und beleuchtete den See und die umgebenden Berge mit

seinem silbernen Licht. Er kam spät herauf, da er im Abnehmen begriffen

war. Dem hatten wir unsere ungestörte Kreuzfahrt im Dunkeln zu

verdanken. Jetzt aber genoß ich mit meinen Begleitern das wundervolle

Landschaftsbild, welches das Licht des Mondes vor unseren Augen

enthüllte.

Von unserem Standpunkt hatten wir den ganzen ovalen See vor uns

ausgebreitet; nur zur Rechten verdeckten die Berge die Stadt _Doiran_

und einen Teil des Südendes des Strandes. Auf dem leichtbewegten

Spiegel des Sees blinkelten die Silberreflexe des Mondes, eine breite

Bahn von den Feinden zu uns herüberziehend. Die schöngeformten Berge

jenseits waren von einem feinen blauen Licht durchleuchtet; leichte

Nebel hoben sich über dem sumpfigen Nordrande des Sees.

Am Abhang liegend, freuten wir uns des schönen Bildes; aber Ruhe

zum Schlafen bekamen wir nicht. Mit dem steigenden Mond hatte sich

auch eine starke Beschießung mit schweren Kalibern von feindlichen

Geschützen erhoben, welche der Seestraße galt. Wir waren ganz froh,

daß wir unsere Schlafgruben, von den Mücken verjagt, im Stich gelassen

hatten, denn im Mondschein erkannten wir sie als Granattrichter von

früheren Beschießungen, sahen auch nahe die spärlichen Reste eines

zusammengeschossenen Dorfes.

Bald nahmen die deutschen schweren Batterien das Duell auf und hoch

über uns brummten und schwirrten die schweren Granaten herüber und

hinüber, während wir in Ruhe den schimmernden See bewunderten.

So kamen wir kaum zum Schlaf und setzten uns im dämmernden Morgen gegen

4 Uhr in Bewegung, um den Nordrand des Sees zu umwandern. Dabei waren

wir immer noch von dichten Schwärmen der Federmücken umgeben, die auf

unsere Uniformen niederfielen, in die Ärmel und den Hals rutschten und

uns unangenehm belästigten. Viele Millionen der Tiere schwirrten in der

Luft, und mehr noch schwammen als Larven und Puppen im Wasser des Sees.

Es war ein dunstiger Morgen, während wir durch ein flaches Buschland

wanderten, hinter welchem niedere stark zerrissene, dürre Hügel

emporstiegen; als wir weiter nach Osten am Nordrand des Sees

hinwanderten, stiegen im Norden blaue Berge vor uns auf, die wenig

charakteristischen Gipfel der Belasiza Planina. Wir liefen soweit nach

Osten, bis wir in einem tiefeingeschnittenen Tal, das ostwärts zog,

die Gräben bei dem Ort _Brest_ erkannten. Hier reichte die feindliche

Front weit nach Norden, während sie am Westufer des Sees nur dessen

südlichen Rand erreichte. Da sahen wir wirklich weißleuchtend die Stadt

_Doiran_ am Strand sich erheben und im blauen Wasser des Sees sich

spiegeln. Man konnte meinen, große Paläste und zierliche Villen dort

stehen zu sehen. Leider aber wußten wir, daß die Stadt ganz zerschossen

und von der Bevölkerung verlassen war. Eine reizvolle und malerische

Stadt muß es einst gewesen sein; das beweisen die Photographien aus

der Stadt, die ich von befreundeter Seite erhielt. Nördlich der Stadt

fallen Felsenufer steil zum See ab, während sonst die Ufer am ganzen

See ziemlich flach sind.

[Illustration: Abb. 71. Doiransee aus der Artilleriestellung in der

Belasiza Planina.]

In den ersten Morgenstunden, solange Dunst und Nebel die Fernsicht

behinderten, durchstreifte ich mit dem Insektensammler _Rangnow_ die

Fläche, die sich zwischen dem See und den Hügeln ausdehnt. Es ist ein

dürres Gelände, zum Teil Schwemmland und ist von einem kleinen Bach

durchströmt, der in den Doiransee mündet. Die Umgebung war enttäuschend

kahl und reizlos. Fast nur Stacheleichen und der gefürchtete Judendorn

bildeten Buschgruppen, die zerstreut auf dem gelben zerissenen Boden

wuchsen. Dazwischen ragten mächtige Disteln mit purpurroten Blüten

empor. Niederes Brombeergestrüpp hinderte überall das Weiterkommen.

Größere Bäume, meist Ulmen, erhoben sich nur am Bachufer und vereinzelt

in dem Sumpf, der an den See grenzte. Es waren dies auffallend

stattliche alte Baumriesen.

Eigenartig wirkte der breite saftgrüne Sumpfstreifen vor dem leuchtend

blauen See; die beiden grellen Farbflecken waren harmonisch verbunden

durch den grauen Schilf, der zwischen ihnen sich weit in den Sumpf

erstreckte; am äußeren Rand vermischten sich graugrün und blau, indem

der Schilfbestand wie eine feine Tüpfelung sich im blauen Wasser

auflöste. Man konnte durch den Schilf nicht ans Wasser gelangen und

unsere schönen Pläne, im See ein erfrischendes Bad zu nehmen, konnten

nicht zur Ausführung kommen.

Die Sonne stieg höher, die Ferne wurde klarer. Hauptmann _Frischholz_

wünschte, daß wir uns nicht mehr am Seeufer zeigten, da erfahrungsgemäß

selbst kleine Menschengruppen Beschießung auf sich zogen. Ich war gerne

bereit auf die Hügel zu steigen, da das Seeufer wenig zoologische

Ausbeute versprach. Am Bach hatte ich große Flüge von Libellen

beobachtet, die auch über dem Schilf flogen und eifrig die Federmücken

fingen. Heuschrecken in verschiedenen Larvenstadien hüpften im

Sumpfgras.

Als wir den Hügeln zuwanderten, bemerkte ich hunderte von Schnecken,

Vertreter einer Helix-Art, welche in gedeckeltem Zustand an den dürren

Gräsern hingen, schon im Sommerschlaf versenkt. Wir marschierten in

glühender Hitze vom See weg, setzten uns am Hügelrand in den Schatten

eines einsamen Baumes und ließen uns von unserem Geologen erzählen, was

er sich von der Entstehung dieses Seebeckens dachte.

Der See lag blinkend in der glühenden Mittagssonne vor uns. Tiefblaue

Streifen wechselten mit breiten, wie Quecksilber schimmernden Bändern.

Besonders im Süden zeigten die Berge einen rötlichen Schimmer.

Herr Dr. _Leuchs_ war der Meinung, der Doiransee sei früher viel größer

gewesen; er vermutete einen früheren Abfluß nach Osten über das flache

Tal bei _Brest_ und eine Verbindung mit der Struma. Diese Verbindung

sei später gesperrt worden, indem Gerölle von der Belasiza Planina das

Tal auffüllten. Der See habe einen neuen Abfluß nach Süden gewonnen,

der jetzt bei dem Bahnhof Doiran austritt und eine Verbindung mit dem

Ardzansee herstellt. Er meinte, der See sei früher ein viel größeres

Becken gewesen, habe sich weit in das Tal von Cerniste gegen Nordwesten

erstreckt und sei wohl, den südlichen Seen vergleichbar, eine Lagune,

wenn nicht ein Meeresabschnitt gewesen.

Unsere zoologischen Beobachtungen an der Seefauna ergaben keine Belege

für eine solche Annahme einstigen Zusammenhangs mit dem Meere.

Wir mußten nachmittags die Gegend des Sees verlassen, um den Treffpunkt

zu erreichen, an welchem das Auto uns abends wieder abholen sollte. Es

war ein glühend heißer Tag geworden und der Marsch, bei welchem wir die

Instrumente und Netze tragen mußten, war sehr anstrengend. Es war einer

der Tage, an denen die Schattentemperatur auf 40° C stieg.

[Illustration: Flieger-Abt. 34 phot. Abb. 72. Blick aus der Stadt

Doiran auf den See.]

Während wir am Nordrande des Sees entlang marschierten, begann eine

starke Beschießung der Stadt Doiran und unserer südlich von hier

sich hinziehenden Stellungen. Dort lagen bulgarische Truppen der I.

Armee, welche sich sehr gut schlugen und deren tapfere Verteidigung

der Doiranfront immer sehr anerkannt wurde. Schweres Geschütz der

Engländer begann ein regelmäßiges Feuer auf die Stadt Doiran und die

Stellungen. Mächtige Rauchsäulen stiegen in regelmäßigen Abständen auf

und verrieten die Einschlagstellen. Bei der geringen Entfernung -- der

Nord-Süd-Durchmesser des Sees mißt 8 km -- konnte man die Beschießung

gut über den See hinweg verfolgen.

Wir sahen die weiße Stadt über dem dunkelblauen Wasser aufragen, den

gelbgrauen Berg hinansteigend, seinen Falten angeschmiegt. Wir konnten

in die Straßen hineinblicken, erkannten am Strand große Lagerhäuser,

grüne Baumgruppen dahinter und aus dem Gewirre der Mauern tauchten zwei

Minarets und der Turm einer christlichen Kirche auf. Was wir aber aus

der Ferne nicht sehen konnten, waren die fürchterlichen Zerstörungen

des Krieges, welche die Stadt, die uns so wohlerhalten schien, zu einem

Trümmerhaufen machten.

[Illustration: Abb. 73. Hügel bei Cerniste mit typischen

Erosionsschluchten.]

Granate auf Granate fiel ein; es war ein großer Tag am Doiransee.

Rauch- und Staubsäulen fuhren hoch in die Lüfte und hielten sich bei

der mittäglichen Windstille lange in der Höhe, so daß man den Zug der

Schützengräben und Verhaue aus ihnen entnehmen konnte.

Während dieses Schlachtgetöses marschierten wir schwitzend und seufzend

mit unseren Lasten durch die Gluthitze des Julitages am Nordrand des

Sees entlang. Unsern Marsch richteten wir, wenn es irgendwie möglich

war, auf einen der wenigen Bäume, die in der kahlen Landschaft noch

aufragten. In dem kargen Schatten dieser Bäume rasteten wir mehrmals.

Wir kamen durch die geringen Reste eines ehemaligen Ortes _Hasanli_,

der einer Bewegung der Front einmal zum Opfer gefallen war. Wie ein

Fabrikschornstein ragte der Rest eines Minarets aus dem Trümmerhaufen

empor. Einige Kilometer weiter fanden wir den letzten Schattenbaum auf

dieser Strecke und lagerten unter ihm und wollten dort ruhen bis gegen

Abend, da wir nicht mehr allzuweit vom Treffpunkt für das Auto entfernt

waren. Wir hatten uns vom See entfernt, Hügel hatten sich zwischen uns

und ihn gelegt. Dreieckig abgeschnitten sahen wir seine blaue Fläche

aus dem dürren, gelbbraunen Lande aufleuchten.

Zur Ruhe sollten wir aber im Schatten des Baumes nicht kommen.

Fliegergeschwader erschienen in der Luft und kämpften miteinander.

Abwehrbatterien feuerten von verschiedenen Bergsätteln. Der blaue

Himmel war mit zahllosen Schrapnellwölkchen gefleckt. Es war ein großer

Kampftag in Mazedonien.

Die schweren Geschütze begannen ein Duell. Die Engländer schossen

mit ihren Langrohren über den ganzen See hinüber. Heulend flogen die

schweren Granaten hoch oben durch die Bläue des Himmels über Wasser

und Berge und schlugen uns gegenüber an den Hängen des Kala Tepe

(608 m) und des Dub (695 m) ein. Diese kahlen Berge trugen deutsche und

bulgarische Stellungen. Wir konnten von unserem Rastplatz von hinten in

sie hineinsehen.

Von dort antwortete eine unserer schweren Batterien, welche im

Steilfeuer mächtige Granaten über den See zu den Engländern warfen.

Auf diese Batterien hatten es offenbar die Engländer abgesehen. Immer

wieder strichen ihre Flieger über sie hin. Immer wieder suchten die

Einschläge der Granaten sie ab. Für uns war es ein behagliches Gefühl

zu beobachten, wie die Engländer immer um einige hundert Meter zu kurz

schossen.

Ich achtete aber bald nicht mehr auf diesen Kampf der Menschen; ich

hörte bald das Schießen der Kanonen nicht mehr vor einem anderen Getön,

das die Luft erfüllte und sie in eigentümlicher Weise erschütterte. Das

Brausen und Summen rührte von einer riesigen Menge von Zikaden her,

welche heute ihren Hochzeitstag hatten. Es war eine große, silbergraue

Zikadenart (+Cicada plebeja+ Scop.), von denen viele Tausende an diesem

heißen Julitag um den Doiransee versammelt waren. In allen Büschen,

an allen Pfählen und Stämmen saßen sie und ließen ihren eigenartigen

Gesang erschallen. Schon in den Tropen, in Japan, in Italien hatte

ich den Gesang der Zikaden genossen und bestaunt. In der Tropennacht

mischte sich die Stimme der Zikaden mit mancherlei anderen Tönen,

dort auch zu einer eigenartigen und höchst reizvollen Symphonie ihren

Beitrag liefernd.

[Illustration: Abb. 74 +a+-+d+. +Cicada plebeja+ Scop. Große graue

Zikade. +a+ von oben, +b+ von der Seite, +c+ Larve, +d+ Nymphenhaut,

aus der das fertige Insekt durch den Rückenschlitz ausgeschlüpft ist.

Verkl. ⅗.]

Aber so wie hier im heißen Sonnenlicht des mazedonischen Nachmittags

hatte der Zikadengesang niemals auf mich gewirkt. Hier wetteiferte

er nur mit dem Getöse der Geschütze. Und er siegte über ihn. Wie ein

gewaltiger Orgelton quoll das Unisono von tausenden von Zikadenpaaren

in die heiße zitternde Luft, hob sich in die Höhe und flog in Wellen

mir ins Ohr.

Der Gesang der Einzelzikade ist ein grelles Titititititi; oft klingt

es wie das Trillern einer Zugführerpfeife. Es gibt aber unendliche

Nüancen der Tonhöhe, des Tempos, der Stärke. So entsteht ein polyphones

Gebrause, wie von einem mächtigen modernen Orchester, wirkt auf den

Menschen ein und erregt seine Nerven. Das Zirpen der einzelnen Zikade

mag grell und unschön klingen. Hier im ungeheuer großen Chor vereinigte

es sich zu einem Brausen wie Orgelklang, das schön und eigenartig

musikalisch wirkte. Es mag sein, daß der rasche Wechsel sehr wenig

voneinander verschiedener Töne, die in unendlicher Mannigfaltigkeit auf

das Gehörorgan einbrausen, eine ähnliche Wirkung ausübt, wie im großen

modernen Orchester.

Mag das sein wie es will; mag dies Tongewimmel auf den einen Menschen

so wirken, auf den anderen anders, die Wirkung auf die Zikaden selbst,

die das Konzert erzeugten, war ganz einheitlich. Es war das Liebesfest,

der Hochzeitstag der Zikaden; es waren ihre Saturnalien, darum das

tolle Gebrause. Sie störte an diesem Tag auch der Donner der Kanonen

nicht. So lange die heiße Luft des Julitages sie umhauchte, so lange

sangen sie im großen Chor.

Auf all den Büschen und Bäumen der Gegend saßen Dutzende von Paaren,

vor allem gern auf der heißen Rinde der in der Gegend so seltenen

Ulmen und Eschen. Da sah man sie meist dem Ast dicht angedrückt, die

glatten, glasigen, glänzenden Flügel wie ein Dach über den Rücken

gefaltet. Ihre großen Augen glänzten in vielen Farben, während das

heiße Licht der Sonne sie bestrahlte. Ihr Körper war in einem heftigen

Zittern begriffen, die Teile des Leibes bewegten sich gegeneinander,

als atmeten sie heftig. Männchen und Weibchen fliegen zueinander und

vereinigen sich in Copula, wenn der Chorgesang sie so gereizt hat, der

Spannungszustand des Körpers so gestiegen ist, daß sie bereit sind zur

Begattung.

Bald trennen sich die Gatten wieder. Das Männchen versteckt sich zum

frühen Tod, während das Weibchen noch eine Weile zu leben hat, bis es

seine Eier abgelegt und versorgt hat.

Mazedonien · 第 11 / 45 段